Verlag: SCM Hänssler Kategorie: Religion und Spiritualität Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2018

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Sicherung: Wasserzeichen

E-Book-Beschreibung Menschenhandel - Thomas Schirrmacher

Menschenhandel bringt Umsatz – und das nicht zu knapp. In der internationalen Kriminalität kommt ihm nahezu gleich viel Bedeutung zu wie dem Drogenhandel. Und der ist der lukrativste Wirtschaftszweig der Welt. Was vielen nicht klar ist: Deutschland ist Umschlagplatz Nummer 1 für die Ware Mensch in Europa. Mitten in unseren Städten existiert eine dunkle Parallelgesellschaft: Zwangsprostitution, Kindersex, illegale Arbeiter, Organhandel oder Kinderbanden. Thomas Schirrmacher klärt auf und zeigt, wie jeder Einzelne helfen kann.

Meinungen über das E-Book Menschenhandel - Thomas Schirrmacher

E-Book-Leseprobe Menschenhandel - Thomas Schirrmacher

SCM Hänssler ist ein Imprint der SCM Verlagsgruppe, die zur Stiftung Christliche Medien gehört, einer gemeinnützigen Stiftung, die sich für die Förderung und Verbreitung christlicher Bücher, Zeitschriften, Filme und Musik einsetzt.

ISBN 978-3-7751-7428-2 (E-Book)ISBN 978-3-7751-5867-1 (lieferbare Buchausgabe)

Datenkonvertierung E-Book: Satz & Medien Wieser, Stolberg

© 2018 SCM Hänssler in der SCM Verlagsgruppe GmbHMax-Eyth-Straße 41 · 71088 HolzgerlingenInternet: https://www.scm-haenssler.de/ · E-Mail: info@scm-haenssler.de

Umschlaggestaltung: Kathrin Spiegelberg, Weil im SchönbuchFotos im Innenteil: © Thomas SchirrmacherSatz: Satz & Medien Wieser, Stolberg

Inhalt

Über den Autor

Zum Einstieg

Teil I Menschenhandel – ein globales Problem

1 Neueste Erkenntnisse über den Menschenhandel

2 Persönlich erlebt: Ziegelfabriken in Pakistan und Indien

3 Entwicklung der Sklaverei in Zahlen und Fakten

4 Das Wie und Warum des Menschenhandels

5 Warum ist die Strafverfolgung so schwer und oft erfolglos?

Teil II Ausbeutung der Arbeit und sexuelle Ausbeutung

1 Menschenhandel von Erwachsenen und Kindern zur Arbeitsausbeutung

Exkurs: Menschenhandel und Sklaverei in der Bibel

2 Kinderhandel zur sexuellen Ausbeutung

3 Frauenhandel zur sexuellen Ausbeutung

Teil III Praktisch helfen

1 Tipps für alle: Was kann jeder Einzelne gegen den Menschenhandel tun?

2 Die Rolle von Beratungsstellen

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Über den Autor

PROF. DR. THOMAS SCHIRRMACHER ist Präsident des Internationalen Rates der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte und Sprecher für Menschenrechte der weltweiten Ev. Allianz. Er engagiert sich länderübergreifend für Frieden und Gerechtigkeit. Seine Bücher wurden in 19 Sprachen übersetzt.

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Zum Einstieg

Jeder weiß, was Sklaverei ist, aus der Schule, aus Fernsehdokumentationen, aus Kinofilmen. Die Abschaffung der Sklaverei gehört zu den Triumphen der Geschichte. Sie ist ein integraler Bestandteil des Weges zu Menschenrechten, Demokratie und freier Gesellschaft. Und sie ist Geschichte!? Das aber ist ein großer Irrtum. Denn es gibt heute mehr Sklaven als in irgendeinem früheren Jahrhundert. Und die meisten von ihnen sind gehandelt und verschoben worden wie Waren auf einem globalisierten Markt.

Während die klassische Sklaverei in der westlichen Welt durch die erste große Menschenrechtskampagne der Weltgeschichte abgeschafft wurde, fehlen den Sklaven und Sklavinnen von heute die großen Fürsprecher, wie sie sich etwa in der Klimadebatte finden. Für viele Medien ist gerade einmal das unappetitliche Zwangsprostitutionsgewerbe eine Meldung wert, die dann immerhin ein wenig Schock, Abscheu oder Nervenkitzel auslöst.

»Wer einen Menschen raubt und ihn verkauft oder er wird in seiner Gewalt gefunden, der soll auf jeden Fall sterben« (2. Mose 21,16; eigene Übersetzung). Auch wenn wir heute nicht mehr mit der Todesstrafe auf Menschenhandel reagieren, zeigt diese alttestamentliche Bestimmung doch, wie alt das Problem ist und dass wir es mit einem der schwersten Verbrechen der Menschheit zu tun haben.

Ich danke Ihnen meinen Lesern, deswegen, dass Sie sich Zeit nehmen, sich einmal übersichtlich und bündig über eines der schlimmsten Gräuel der Gegenwart zu informieren. Die Opfer danken es auch, denn nur durch einen kraftvollen Aufstand der Zivilgesellschaft kann der Kampf gegen den Menschenhandel wieder ganz nach oben auf die politische Agenda gelangen.

[ Zum Inhaltsverzeichnis ]

Teil IMenschenhandel – ein globales Problem

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1Neueste Erkenntnisse über den Menschenhandel

Ich stehe vor dem Kolosseum in Rom, vor dem schiefen Turm von Pisa, unter dem Eiffelturm in Paris, auf der Karlsbrücke in Prag, aber auch vor dem größten Tempel in Nepal, nachts auf einem Markt in Bangkok und im Flughafen von São Paulo. Und überall bieten mir dunkelhäutige Ausländer die gleichen gefälschten Markentaschen und Markenuhren an. Nur wenige ahnen, dass es sich hier überwiegend um Menschen handelt, die zwangsweise und unter erbärmlichen Bedingungen Markenfälschungen verkaufen und selbst nichts von dem Verkauf haben. Es handelt sich um eine weltweit von hervorragenden Managern bestens organisierte Kombination von Menschenhandel und Markenfälscherringen mit großen Produktionsstätten in China. Und das vor aller Augen.

April 2006 – Afrikaner vor dem schiefen Turm vor Pisa, die gezwungen werden, eine bestimmte Menge pro Tag zu verkaufen. Andernfalls müssen sie den Rest abarbeiten.

Meine Recherchen und Reisen haben mich zu so unterschiedlichen Orten wie Hanoi, Managua, Katar, Skopje, Bangalore, Podgorica, Tokio, Bangkok, Pattaya, Kuala Lumpur, Lahore, Kathmandu, Singapur, Kiew, Entebbe, Moskau, Managua, Kampala, Accra, Kapstadt, Johannesburg, New York, Colombo, Prag, Helsinki, Tijuana, Nairobi, Budapest, Taschkent, Panama City und Amsterdam geführt. Es geht um eine der dunkelsten Seiten der Menschheit.

Eigentlich müsste man Unterthemen wie Kinderpornografie, Schuldknechtschaft, Zwangsehe, Flatrate-Bordelle oder Kindersoldaten jeweils für sich in einem Buch behandeln, um ihrer Bedeutung gerecht zu werden und das Entsetzen darüber auszudrücken. Ich habe ein ungutes Gefühl dabei, manche dieser Themen hier nur auf einer Seite zu erwähnen. Auch müsste man grundlegend darauf eingehen, was gegen die Armut, das Gefälle zwischen Arm und Reich oder auch die Unterdrückung und Gewalt gegen Frauen getan werden müsste, ohne die der Zuwachs des Menschenhandels weltweit nicht zu denken wäre.

Aber es soll ja darum gehen, die Problematik Menschenhandel übersichtlich und bündig darzustellen, und es ist wichtiger, dass die Leser einmal einen grundsätzlichen Überblick bekommen, als dass jedes Detail zur Sprache kommt.

Ich habe in diesem Buch zudem aus Platzgründen völlig darauf verzichtet, die Geschichte von Sklaverei, Menschenhandel und Zwangsprostitution darzustellen, ebenso auch die bewegende und erfolgreiche Geschichte der Antisklavereibewegung im 18. und 19. Jahrhundert. Ich werde dazu in Kürze ein eigenes kleines Buch veröffentlichen.1

Februar 2017 – Freunden wie diesen Sklaven, ich nenne den Ort bewusst nicht, verdanke ich tiefe Einsichten in die Sklaverei. Es ist kaum zu ertragen, dass ich sie besuchen, fotografieren und über ihr Schicksal schreiben kann, aber nichts für ihre Befreiung tun kann.

Das antike Griechenland erlebte seinen Niedergang nach Will Durant vor allem durch die Verbindung von sexueller Ausbeutung und Sklaverei2, und die westliche Zivilisation ist auf dem besten Weg, dies zu wiederholen.

Zweierlei ist mir dabei völlig schleierhaft. Zum einen, dass die Deutschen keine Ausnahme machen, was die moderne Sklaverei angeht. Dabei war doch das nationalsozialistische Regime mit einer der fürchterlichsten Sklavereimaschinerien innerhalb und außerhalb der KZs verbunden. War uns das keine Lehre?

Zum anderen ist mir der Umstand unverständlich, dass fast alle Länder der Erde harte Gesetze und Strafen gegen erstens Vergewaltigung, zweitens Folter und drittens Entführung und Freiheitsberaubung haben. Zwangsprostitution umfasst aber alle drei Verbrechen gleichzeitig, wird jedoch von den meisten Menschen viel nachlässiger behandelt, wird weniger intensiv ermittelt und milde bestraft. Und auch den Freiern müsste klar sein, dass sie sich mit großer statistischer Wahrscheinlichkeit an diesen drei Delikten beteiligen.

Es gibt kein anderes Schwerverbrechen, das so wenig verfolgt, gesetzlich so oft nebensächlich behandelt und so wenig von den Gerichten bestraft wird. So jedenfalls werden wir den Kampf gegen den Menschenhandel nicht gewinnen. Es ist in Deutschland weniger riskant, beim Versklaven von Menschen erwischt zu werden als beim Überfahren einer roten Ampel.

Es gibt kein anderes Schwerverbrechen, das so wenig verfolgt, gesetzlich so oft nebensächlich behandelt und so wenig von den Gerichten bestraft wird.

Unser Staat hat viel Personal, das steuerrechtliche, sozialversicherungsrechtliche und arbeitsrechtliche Bedingungen in vielen Firmen überprüft. Teilweise geht es dabei um Nebensächlichkeiten, bei den Kontrollen fliegen dann aber oft die schwerwiegenden Delikte mit auf. Für die Bekämpfung des Menschenhandels stellt die Politik den Strafverfolgungsbehörden aber nicht genug Personal und Mittel zur Verfügung. Dabei wird hier doch gegen alle sozial- und arbeitsrechtlichen Bestimmungen, ja alle unsere Vorstellungen von freier, ungefährlicher und würdiger Arbeit verstoßen, und Menschen werden in übelster Weise ausgenutzt.

Auch die meisten Gewerkschaften dieser Welt könnten viel mehr gegen Menschenhandel zur Ausbeutung der Arbeitskraft tun, konzentrieren sich aber durch Durchsetzen eines Mindestlohns und andere Ziele auf die, die bereits legale Arbeit haben. Die vermeintlichen Gewerkschaften der Prostituierten tun – das wurde immer wieder gezeigt – überhaupt nichts für die Prostituierten, sondern propagieren lediglich das Recht, sich zu prostituieren, oft bezahlt von der Sexindustrie.

Es schreit zum Himmel, dass es keinen ertragreicheren Wirtschaftszweig auf der Welt als den Menschenhandel und die Zwangsprostitution gibt. Die Startkosten und das Risiko sind gering, die Profite hoch, die Nachfrage stark und wachsend, und die Gewinne werden breit an alle Beteiligten verteilt – anders als beim Drogenhandel, wo die Masse der Gewinne an die Bosse nach oben geht.

Das hat auch weitreichende negative Konsequenzen über unser Thema hinaus. Neben dem Drogenhandel ist der Menschenhandel und insbesondere die Zwangsprostitution erstens der Hauptmotor für Korruption weltweit und zweitens die Haupteinnahmequelle für Bürgerkriegsarmeen, Rebellen, aber auch für religiös daherkommende fundamentalistische Bewegungen wie ISIS oder die Taliban und andere islamistische Gruppen.

ISIS und die Taliban verschleiern ihre eigenen Frauen, aber handeln mit Mädchen und Frauen anderer Völker oder verschenken Frauen als Dank an verdiente Kämpfer.3 Die türkische PKK, die nahöstliche Hisbollah oder die palästinensische Hamas finanzieren ihre terroristischen Aktivitäten durch Drogen- und Menschenhandel. Ein Führer der Hisbollah leitete einen Menschenhändlerring per Handy von einem Wiener Gefängnis aus. Seine Handlanger hatten keine Ahnung, für wen sie das Geld erwirtschafteten.

Während es aber beim internationalen Drogenhandel ebenso wie beim islamistischen Terrorismus irgendwie noch einen gesamtgesellschaftlichen und weltweiten Konsens gibt, dass sie gefährlich weit verbreitet sind und massiv bekämpft werden sollten, schafft es der Menschenhandel kaum in das Bewusstsein der Menschen und wird mit weit geringeren Ressourcen bekämpft. Und wer Zwangsprostitution oder gar die ihr zuarbeitende Gewaltpornografie im Internet anprangert,4 wird sich schnell gegen den Verdacht wehren müssen, er sei ein lebensunlustiger Spießer, der anderen ihren Spaß nicht gönnt.

Als der Fernsehmoderator Michel Friedman 2003 im Zuge von Ermittlungen gegen Frauenhandel in flagranti zusammen mit mehreren Zwangsprostituierten aus der Ukraine verhaftet wurde, war die Aufregung über seinen Kokainkonsum viel größer als darüber, dass ihm eine kriminelle Vereinigung Frauen zwangsweise besorgt hatte. Friedman entschuldigte sich bei der Öffentlichkeit, seiner Freundin und allerlei anderen, doch bei den Zwangsprostituierten entschuldigte er sich trotz Aufforderung öffentlich nie.5

Gemeinsam gegen Menschenhandel – Aktion gegen Sklaverei in der Pornografieindustrie in Berlin. Von links: Thomas Schirrmacher, Martin Leupold, Sindy Sunshine, Harald Stollmeier, Tabea Freitag, Gerhard Schönborn, Frank Heinrich

Im Juni 2006 berichtete die BBC, dass auf Londoner Flughäfen in aller Öffentlichkeit osteuropäische Frauen für etwa 15 000 US-Dollar versteigert wurden. Vorübergehend gab es öffentliche Aufregung, geändert hat sich aber nichts, und die Sache selbst schaffte es nie wieder in die Schlagzeilen. Wer sich ein bisschen auskennt, kann bis heute entsprechend auffällige Gruppen von jungen Mädchen auf Londoner Flughäfen beobachten, die via London verschoben werden.

Dabei ist jedes Land der Erde betroffen. Selbst in Island mit seinen 250 000 Einwohnern gab es einschlägige Fälle. »Quasi alle Staaten der Welt sind in Menschenhandel involviert, und zwar häufig in überlappenden Funktionen als Herkunfts-, Transit- und Zielländer.«6

[ Zum Inhaltsverzeichnis ]

2Persönlich erlebt: Ziegelfabriken in Pakistan und Indien

2017 habe ich in der Nähe von Lahore in Pakistan Ziegeleien aufgesucht, in denen Sklaven unter unwürdigsten Umständen Ziegel herstellen. Ich habe schon viel Übles in der Welt gesehen, aber das gehörte wirklich mit zum Schlimmsten. Besonders schockierte mich, dass kleine Mädchen ihre Mütter nachahmten, indem sie von morgens bis abends über die von den Vätern geformten Steine krochen und diese zum Trocknen umdrehten. Statt zur Schule gehen zu dürfen, wuchsen sie mit dem Bewusstsein auf, dass das das wahre Leben sei. Deswegen gab es auch keine Wachen, die Sklaven liefen sowieso nicht davon.

Die Sklaven gehören fast ausschließlich zu den sog. Dalits, früher Kastenlose oder Unberührbare genannt. Die meisten sind Hindus oder Muslime, viele sind aber auch Christen. Sie sind doppelt diskriminiert, weil sie mitten in der unwürdigen Sklaverei oft noch von muslimischen Sklaven und von den Sklavenhaltern sowieso vergewaltigt, der Blasphemie beschuldigt, gefoltert und umgebracht werden.

Die pakistanische Rechtsanwältin Aneequa Anthony, Vorsitzende der pakistanischen Partnerorganisation der IGFM (Internationale Gesellschaft für Menschenrechte), deren internationaler Präsident ich bin, machte mich mit den Details vertraut.

August 2016 – Ich überreiche zusammen mit Aneequa Anthony Papst Franziskus einen von Sklaven gebrannten Ziegelstein, den Waisenkinder bemalt haben, deren Eltern aus religiösen Gründen von Mitsklaven getötet wurden. Ganz links Michaela Koller von der IGFM, ganz rechts Erzbischof Georg Gänswein.

In Pakistan sind nach dem Global Slavery Index 1,13 % der 188 925 000 Einwohner Sklaven, also 2 134 900. Auch von verschiedenen anderen Quellen wird die Zahl der Sklaven in Pakistan auf 2 Millionen geschätzt.

1990 entschied der Oberste Gerichtshof im Urteil Darshan Mashih vs State, dass Schuldknechtschaft verboten und mit der Verfassung nicht vereinbar sei. Daraus folgte dann 1992 der Bonded Labour System (Abolition) Act. Geändert hat sich seitdem fast nichts.

Hauptproblem ist, dass das verschachtelte System vom Besitzer/Unternehmer über Subunternehmer hin zu den Sklaven am Ende von örtlichen Gerichten und der Polizei geschützt wird. Die Polizei inhaftiert geflohene oder protestierende Sklaven oder lässt sogar private Gefängnisse zu.

Typisch ist, dass selbst verhältnismäßig kleine geliehene Summen von zum Beispiel 75 US-Dollar nie abgezahlt werden können, sondern zu lebenslanger Abhängigkeit führen, ja an die Kinder vererbt werden, die dann Sklaven bleiben, obwohl das Vererben solcher Schulden gesetzlich verboten ist.

Solche Sklaverei gibt es in der Teppichweberei, der Landwirtschaft, aber in den meisten Fällen in der Ziegelherstellung, die sich im Umland aller Großstädte in Pakistan findet. Eine Familie muss dabei pro Tag 1 000 Ziegel von Hand herstellen, jeder fehlende oder zerbrechende Ziegel wird vom Lohn abgezogen. Die Unternehmer kaufen abgelegene Grundstücke, die den nötigen Schlamm haben und wo die geformten Ziegel zu großen Öfen zusammengeschichtet werden können. Die Sklaven leben solange auf diesen Grundstücken in erbärmlichen Verhältnissen und müssen natürlich Miete bezahlen.

Gewinn pro Sklave pro Jahr aus Schuldknechtschaft in Südasien7

in US-Dollar

Ziegelsteinherstellung

4 911

Minen

3 425

Steinbrüche

3 310

Glasereien

2 079

Teppichwebereien

1 779

Minizigaretten (Bidi)

1 432

Im Umfeld der Sklaverei finden weitere Verbrechen statt. Schon kleine Kinder müssen helfen und können keine Schule besuchen, die Kindersterblichkeit ist vor allem wegen des verdreckten Trinkwassers hoch. Ich habe Kinder im Vorschulalter gesehen, die neben ihren Müttern her kriechend den ganzen Tag Ziegel für Ziegel zum Trocknen umgedreht haben und denken, dass daraus das Leben besteht.

Mädchen und Frauen sind meist Freiwild und werden von den Unternehmern/Besitzern, von deren Vertragsmitarbeitern, ja oft auch von anderen Sklaven vergewaltigt, ja selbst noch in miesen Klasse-C-Gefängnissen von Polizisten und Häftlingen.

Heimtückisch ist die Art und Weise, wie Verschuldung der Armen genutzt wird, um die Armen zu täuschen und der Ausbeutung ein Mäntelchen von Recht umzuhängen. Längst ist die Schuldknechtschaft rechtlich verboten, gerade auch in den Ländern der ehemaligen britischen Kolonie Indien (Indien, Pakistan, Bangladesch, Nepal, Sri Lanka), und ist deswegen nur durch die Komplizenschaft lokaler Behörden und Gerichte möglich, zumal sie in in der Regel völlig offen sichtbar betrieben wird.

Die Kreditnehmer sorgen dabei dafür, dass die Armen ihren Kredit nie abarbeiten können. Da sie während der gesamten Tageslichtphase arbeiten und sich nicht von ihrem Arbeitsplatz entfernen dürfen, müssen die Sklaven Arbeitsgeräte, Lebensmittel, Schlafplatz von den Herren kaufen bzw. dafür wird ihr Gehalt einbehalten oder der Kredit erhöht.

Die Beziehung zwischen Sklaven und den Betreibern der Fabriken sind hinter verschachtelten Subunternehmerverträgen versteckt, oft laufen die Sklaven rechtlich sogar als selbstständige Unternehmer, damit sie keine Arbeitnehmerrechte in Anspruch nehmen können.

Die Briten unternahmen nichts gegen die Schuldknechtschaft in den Kolonien, vor allem in Indien, im Gegensatz zu anderen Verbrechen wie Witwenverbrennung oder Eigentumssklaverei, die sie sehr weit zurückdrängten. So verbreitete sich die Schuldknechtschaft in den Nachfolgestaaten Indien, Pakistan, Bangladesh, Sri Lanka und Nepal. Bis heute ist sie für etwa die Hälfte aller Sklaven weltweit verantwortlich.

Kevin Bales hat jahrzehntelang ähnliche Fälle von Schuldknechtschaft weltweit dokumentiert und 2016 veröffentlicht.8 Er zeigt dabei auf, welche beliebten Produkte in der westlichen Welt nur deswegen so billig sein können, weil am Anfang eine Sklavenindustrie steht. Mit Hilfe von deutschen Fernsehreportern deckte er auf, dass die meisten Granitsteine für Küchen und Gräber in Europa und Amerika in Steinbrüchen in Indien von Sklaven gebrochen werden. In Brasilien geht der größte Teil der Zerstörung des Urwaldes auf den Einsatz von Sklaven zurück, die den Urwald roden müssen. In beiden Kongos holen Sklaven im System der Schuldknechtschaft edle Metalle aus Minen, in denen sie bis zu 19 Stunden am Tag zwangsweise arbeiten müssen, hohe Sterberate inklusive. In vielen afrikanischen Ländern wie Ghana werden verlassene Minen illegal in Betrieb genommen und werfen dank der eingesetzten Sklaven Gewinn ab.

Bales schrieb sein Buch vor allem, um zu dokumentieren, wie eng die Sklavenwirtschaft und die weltweite Umweltzerstörung zusammenhängen. Für Pakistan berechneten Forscher etwa 2009, dass die 4 000 Ziegelfabriken (»brick kilns«) in Pakistan 525 440 Tonnen CO2 produzieren, die 20 000 in Indien und Bangladesch demnach das Fünffache. Zudem wird »black carbon« produziert, also Kohlenstoff in reiner Form wie zum Beispiel Ruß, der die Umwelt belastet.

August 2017 – Großziegelei bei Lahore, Pakistan, oberhalb des gewaltigen Brennofens der Kamin mit schwarzem Karbon.

Die 1839 gegründete Organisation Anti-Slavery International veröffentlichte 2017 einen detaillierten Bericht zu den Sklavenfabriken zur Backsteinherstellung, der auf den Untersuchungen der National Sample Survey Organisation (NSSO) Indiens beruht.9 Demnach gibt es in Indien geschätzte 100 000 solcher Fabriken, in denen 5 % der 460 Mio. Arbeiter Indiens arbeiten. Die Arbeitszeit beträgt 15-16 Stunden am Tag. Zum Trinken steht nur ungereinigtes Wasser vor Ort zur Verfügung.

100 % stammen aus unterdrückten Minderheiten, 53 % sind Dalits (früher Kastenlose oder Unberührbare genannt), 47 % gehören zu anderen unterdrückten Gruppen (in Indien »other backward classes«). Diese Kategorien verachteter Menschen, die die Drecksarbeit erledigen müssen, ist zwar in der indischen Verfassung verboten, aber tief im hinduistischen Denken verankert. Sie erlebt leider im Moment einen enormen Aufschwung, der darin zum Ausdruck kommt, dass der Ministerpräsident der fundamentalistischen und extremistischen Partei der Hindutva angehört, dem hinduistischen Gegenstück des Islamismus. Er will ganz Indien zu einem hinduistischen Staat unter hinduistischen Gesetzen machen.

Zurück zur Untersuchung. Bezahlt wird nur der Mann als Familienoberhaupt, aber die ganze Familie muss mithelfen, da sonst der Vater sein Pensum nicht schafft. Er wird pro 1 000 fertig gebrannte Ziegel bezahlt.

Meist wird noch weniger bezahlt als der abgemachte Hungerlohn, und der Lohn wird überhaupt erst nach Ende der Saison von 8-10 Monaten ausgezahlt.

April 2017 – Wohnstraße einer Sklavenziegelei. Eine Familie lebt auf durchschnittlich 7,6 m[sup]2[/sup].

September 2017 – Trinkwasserstelle für etwa 1000 Sklaven einer Ziegelei in Pakistan. Von 208 untersuchten Ziegelfabriken hatten 87,7 % nur verschmutztes Grundwasser als Trinkwasser und 75,8 % keine Toiletten mit Wasser.

Ein Drittel der Sklaven sind minderjährig. Sehr junge Kinder beginnen mit dem Anrühren des Schlamms, ältere schleppen meist die Steine. Die indische Schulpflicht bis zum 14. Lebensjahr erfüllen fast alle nicht. 65-80 % der Kinder zwischen 5 und 14 Jahren arbeiten 7 Stunden im Winter und 9 Stunden im Sommer pro Tag. 77 % der Kinder besuchen nie eine Schule. Mutter und Tochter drehen 14 Stunden am Tag die vom Vater geformten Ziegel, damit sie trocknen können. Die Mutter hat das ebenfalls schon als Kind von ihrer Mutter gelernt. Für die Schule bleibt da keine Zeit.

[ Zum Inhaltsverzeichnis ]

3Entwicklung der Sklaverei in Zahlen und Fakten

Zur Geschichte der Sklaverei

Es gibt heute mit 30 bis 45 Millionen Sklaven in absoluten Zahlen mehr Sklaven als je zuvor, aber prozentual gesehen wird ein geringerer Prozentsatz der Weltbevölkerung versklavt. Der Gewinn von geschätzten 150 Milliarden US-Dollar pro Jahr ist ebenso so hoch wie nie zuvor und doch ist der prozentuale Anteil der Sklavenwirtschaft an der Weltwirtschaft ebenfalls niedriger als je zuvor.

Sklaven waren zu allen Zeiten üblich, im Haus, im Bett, in der Landwirtschaft, als Soldaten. Die Versklavung von Besiegten war in der Geschichte immer selbstverständlich und das ungeschriebene Recht der Sieger und der Herrschenden. Die frühen Reiche der Babylonier, Ägypter, Perser bauten darauf ebenso auf wie die Griechen, Römer und später auch etwa die Araber und Wikinger. Seit frühester Zeit bis etwa 1850 waren alle Imperien der Welt auch auf Sklaverei aufgebaut. Noch Stalin und Hitler arbeiteten mit gewaltigen Arbeitsstraflagern, Gulags und KZs. Nordkorea und China machen das bis heute vor.

Die Sklaverei ist mit der Entstehung des Frühkapitalismus eng verbunden.10 Sklaverei spielt in der Geschichte der Hanse (Eroberung des Nordens und Ostens) ebenso eine zentrale Rolle wie für die Vormachtstellung Venedigs und anderer italienischer Zentren des Kapitalismus wie Amalfi, Genua, Neapel und Palermo sowie Florenz als Bankenzentren. Große Bankhäuser wie die Fugger und Wesler investierten früh gewaltige Summen in den Sklavenhandel via Italien.

Daneben gab es immer schon die Kin-Sklaverei, wobei Kin bei den Ethnologen die Verwandtschaft im weiten Sinne bezeichnet. Kin-Sklaverei war und ist kaum erkennbar, wurde und wird oft durch Adoption oder Heirat überspielt, etwa bei der Zwangsverheiratung von Kriegsgefangenen. China kannte etwa immer schon die mui tsai, die kleinere Schwester, arme Mädchen, die von reichen Familien adoptiert und als Haushaltsklaven und/oder Konkubinen missbraucht wurden.

Alle Sklaverei beruhte in der Geschichte auf Gewalt und Gewalt ging immer mit Sklaverei einher. Das afrokubanische Sprichwort »Die Gewalt hat immer einen Sklaven.«11 beschreibt das treffend.

Die Gewalt hat immer einen Sklaven.

Bis 1890 lebte die Masse der Menschen weltweit in unfreien Verhältnissen.12 Der britische Adelige und Forscher Arthur Young schätzte im Jahr 1772, dass weltweit nur 5 % der Menschen »frei« seien.

Zur Zahl der Opfer weltweit

Wie viele Menschen sind von Menschenhandel betroffen und arbeiten als Sklaven und Sklavinnen jeder Art? »Aussagen über das Ausmaß von Menschenhandel scheinen nach wie vor problematisch. Einigkeit herrscht darüber, dass Kriminalitätsstatistiken, die das Hellfeld von Fällen wiedergeben, wenig aussagekräftig sind.«13 Also muss geschätzt werden, wofür aber viele Rahmendaten im Umfeld zur Verfügung stehen.