Verlag: SCM Hänssler im SCM-Verlag Kategorie: Religion und Spiritualität Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2016

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E-Book-Beschreibung Kaffeepausen mit dem Papst - Thomas Schirrmacher

Wie evangelisch ist der Papst? Papst Franziskus ist seit seinem Amtsantritt Hoffnungsträger für viele Katholiken und darüber hinaus. Thomas Schirrmacher, "des Papstes liebster Protestant" (Die WELT), hatte häufige Begegnungen und Gespräche mit ihm und war Teilnehmer bei Synoden und Konsultationen im Vatikan. Dass der Papst sich bei seinen evangelischen Brüdern entschuldigt hat, lässt aufhorchen. Was aber bedeuten die vielen anderen Veränderungen, die der Papst eingeleitet hat, für die Christen anderer Konfessionen? Ist hier noch mehr zu erwarten? Ein sehr persönlicher Bericht mit vielen Anekdoten und Hintergrundinformationen. Inklusive 16-seitigem Bildteil.

Meinungen über das E-Book Kaffeepausen mit dem Papst - Thomas Schirrmacher

E-Book-Leseprobe Kaffeepausen mit dem Papst - Thomas Schirrmacher

Der SCM Verlag ist eine Gesellschaft der Stiftung Christliche Medien,einer gemeinnützigen Stiftung, die sich für die Förderung und Verbreitungchristlicher Bücher, Zeitschriften, Filme und Musik einsetzt.

Der SCM Verlag ist eine Gesellschaft der Stiftung Christliche Medien,einer gemeinnützigen Stiftung, die sich für die Förderung und Verbreitungchristlicher Bücher, Zeitschriften, Filme und Musik einsetzt.

ISBN 978-3-7751-7352-0 (E-Book)ISBN 978-3-7751-5763-6 (lieferbare Buchausgabe)

Datenkonvertierung E-Book:Satz & Medien Wieser, Stolberg

© der deutschen Ausgabe 2016SCM-Verlag GmbH & Co. KG · Max-Eyth-Straße 41 · 71088 HolzgerlingenInternet: www.scm-verlag.de · E-Mail: info@scm-verlag.de

Das Zitat aus 1. Johannes 4,2-3 stammt aus der Lutherbibel, revidierter Text 1984,durchgesehene Ausgabe in neuer Rechtschreibung,© 1999 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart.

Umschlaggestaltung: Kathrin Spiegelberg, Weil im SchönbuchTitelbild: L’Osservatore Romano Photographic ServiceSatz: Satz & Medien Wieser, Stolberg

Kurt Kardinal Kochfür seinen Einsatz für verfolgte Christenund die »Ökumene der Märtyrer«

Inhalt

Über den Autor

TEIL 1 Der Papst, wie ich ihn kenne

1 Der ganz andere Papst

Die Sensation von Lund – ein Papst eröffnet das Reformationsjahr

Ein neues Zeitalter schon auf dem Balkon

Habemus Latino!

Die erste Amtshandlung des Papstes: die Pensionsrechnung bezahlen

Mein größter Fauxpas: als Kardinal verkleidet

Persona non grata bei den Jesuiten

Ein bescheidener Charakter trotz immer neuer Rekorde

Darf ein Evangelischer den Charakter eines Papstes loben?

Niemand kontrolliert den Papst und sein Privatleben

Domus Sanctae Marthae: Eine Pension ersetzt den Riesenpalast

Franziskus allein zu Haus – der Hausvater von Sanctae Marthae

Die US-Botschaft ist beschäftigt …

Immer zu päpstlichen Scherzen aufgelegt

Ein ganz »normaler« Mensch kommt am besten mit ganz »normalen« Menschen zurecht

Er gibt jedem das Empfinden, ganz allein mit ihm zu sein

Respekt vor Georg Ludwig Kardinal Müller

Sofortige Veränderungen in der Liturgie – dem Herzen des Vatikans

Jean-Louis Kardinal Tauran

Meine Pressemeldung vom 21. März 2013

»Rom« tritt unter Franziskus demütiger auf (Meldung am Tag nach der Amtseinführung von Papst Franziskus)

Angela Merkel bei der Amtseinführung

Ehrung des Ökumenischen Patriarchen

Wie als Erzbischof der Armen, so auch als Papst

Kein deutscher, aber ein deutschsprachiger Papst

Der neue koptische Papst und der neue syrisch-orthodoxe Patriarch

2 Die Säuberung der Kurie

Die »Rache des Benedikt«

Die 15 Krankheiten der Kurie

Der Papst krempelt alles professionell um

750 Jahre Kölner Dom – und kein Evangelium

Vom alten zum neuen Kardinalstaatssekretär

Exkommunikation der Mafia: »Dann sterbe ich für die Wahrheit …«

Korrupte Hierarchie

Das Ende einer Epoche

Keine Nonnen zur Bedienung

Schlafsäcke für Obdachlose

3 »Eine Neuausrichtung des Papstamtes«

Das Ende des Kaiserpapsttums

»Eine Neuausrichtung des Papsttums«

Und noch einmal nachgelegt: »Ein doktrinelles Erdbeben«

Auszug aus der Ansprache des Papstes zur 50-Jahr-Feier der Errichtung der Bischofssynode

Audienzhalle des Vatikans, 17.10.2015

»Herr, sei mir Sünder gnädig«

Ist der Papst Protestant?

Katholische Kritiker des Papstes

Raymond Leo Kardinal Burke

»Päpstlicher Rat für die christliche Einheit … in der katholischen Kirche«

4 Papst Franziskus und die Evangelikalen

Der Papst geht auf seinen größten Konkurrenten zu und umarmt ihn

Franziskus und die Bibel

Die Wende der Päpstlichen Bibelkommission

Im Bibelstudium Gott begegnen – Evangelisation und Bibel

Exkurs: Maria, der Wermutstropfen für Evangelische?

Die persönliche Beziehung zu Jesus – Jesus in der Mitte

Der Papst vor dem Kardinalskollegium: Die evangelisierende Kirche

»Evangelii gaudium«: Der Papst zur Evangelisation

Evangelisation: Die ganze Gemeinde für alle Menschen

Evangelisierung und Heiliger Geist

Evangelisierung und soziales Engagement

Der »Primat der Gnade«

Rechtfertigung, Auserwählung, Gnade

Barmherzigkeit!

Wo ist nur der Ablass geblieben?

Die Ökumene des Blutes: Martyrium und Christenverfolgung heute

Martyrium und Solidarität müssen Teil der Dogmatik werden

Walter Kardinal Kasper

Ein neues Ökumene-Verständnis

Der Papst und der Russische Patriarch

Weltweite Evangelische Allianz informiert sich in Moskau über Gespräch zwischen Papst und Russischem Patriarch

Franziskus und die Evangelikalen

Franziskus will mehr Ökumene

Evangelikale Katholiken

Dialoge mit dem Päpstlichen Rat zur Förderung der Einheit der Christen

»Freude der Liebe: Papst verzichtet auf generelles Machtwort«

Die Heilsarmee und die Waldenser als Beispiel

Die neue Spaltung der Christenheit durch sexualethische Themen

Ökumene im Vatikan im Einsatz für Menschenwürde

Im Vatikan trafen sich die Weltreligionen zum Einsatz für die Ehe

Franziskus zum Fundamentalismus

Interreligiöser Dialog

TEIL 2 Chronologie einer wachsenden Beziehung 2011–2016

2011: Das bedeutendste ökumenische Dokument der Neuzeit

Geoff Tunnicliffe

Das bedeutendste ökumenische Dokument der Neuzeit

Heute schreiben wir Geschichte

Das christliche Zeugnis in einer multireligiösen Welt

Und Deutschland?

Dritter Jahrestag eines wegweisenden ökumenischen Dokuments in Berlin

2012: Bischofssynode zur Evangelisation

Bischofssynode im Vatikan 2012

Evangelikale Aussagen in den vatikanischen Synoden-Propositionen

2013: Der Rücktritt von Papst Benedikt XVI.

Anzeichen für seinen Rückzug

»Ganz so überraschend kam der Papst-Rücktritt nicht«

Entmystifizierung des Papstamtes

Vom Pontifikat Johannes Paul II. zu Benedikt XVI.

2014: Ein merkwürdiges Sextett beim Papst – Der Papst und die Pfingstler

Zum Gedenken an Tony Palmer

Evangelische Allianz zu Gast beim Papst

Der Papst entschuldigt sich in Caserta bei der größten Konkurrenz

Die negativen Reaktionen der Italienischen Allianz

Die Reformatoren und wir Pharisäer

Es tritt keine große Zahl an Evangelikalen der katholischen Kirche bei

Ist der Papst der Antichrist? Nicht wenn man dem Prinzip des Sola scriptura folgt!

Kardinal Koch zum Dialog mit den Evangelikalen

Franziskus an Evangelikale: »Neue Etappe der Zusammenarbeit«: Große WEA-Delegation bei Papst Franziskus

Allianz und Papst rücken enger zusammen

2015: Familiensynode im Vatikan

Familiensynode im Vatikan 2015

»Als Evangelikaler auf der Vatikan-Synode«

»Familiensynode: Was Katholiken und Evangelikale verbindet«

Medienberichte und Synodengeschehen haben »wenig miteinander zu tun«

Was der Papst auch für Protestanten sagen darf

»Die Weltweite Evangelische Allianz und der Vatikan«

Wie Papst und Evangelikale die Familie retten wollen

2015: Christenverfolgung ohne Ende

Meine Intervention zum Genozid in Nahost anlässlich des Jubiläums der Synode

Christenverfolgungen erfordern einen »Ruck durch die Weltchristenheit«

Genozid in Nahost. Erklärung auf der Vatikansynode

Mit Papst und Präsident in Albanien

Historisches globales Treffen von Kirchenführern in Sachen Christenverfolgung …

Von Tirana nach Schwäbisch Gmünd

Zum Geleit

Bildteil

Literatur

Bildnachweis

Anmerkungen

Leseempfehlungen

[ Zum Inhaltsverzeichnis ]

Über den Autor

PROF. DR. DR. THOMAS SCHIRRMACHER,

Jg. 1960, ist Theologe und Religionssoziologe. Als Vorsitzender der Theologischen Kommission der Weltweiten Evangelischen Allianz, die 600 Millionen Protestanten vertritt, war er häufig im Vatikan und hatte vom Tag der Einsetzung an Dutzende von Begegnungen mit Papst Franziskus.

Er ist weltweit für Menschenrechte und Religionsfreiheit aktiv. Der in Rumänien und Indien lehrende Professor und Autor vieler Bücher ist verheiratet und lebt in Bonn.

[ Zum Inhaltsverzeichnis ]

TEIL 1Der Papst, wie ich ihn kenne

1Der ganz andere Papst

Die Sensation von Lund – ein Papst eröffnet das Reformationsjahr

Mitte 2014 hatten wir es vertraulich vom Papst als Wunsch erfahren, Anfang 2016 war es öffentlich bekannt geworden: Am Reformationstag 2016 würde der Papst das Erinnerungsjahr an die Reformation im fast 1 000 Jahre alten Dom zu Lund in Schweden eröffnen – zusammen mit dem Präsidenten des Lutherischen Weltbundes (LWB), dem Jerusalemer Bischof Munib A. Younan, und dem Generalsekretär des LWB, Martin Junge aus Brasilien. In Lund wurde der Lutherische Weltbund im Jahr 1947 gegründet. Vonseiten der Weltweiten Evangelischen Allianz werden der Generalsekretär und ich selbst dabei sein. Was Luther wohl denken würde, wenn 500 Jahre nach der Reformation ein Papst seiner gedenkt, der vielleicht so ist, wie Luther sich 1517 den Papst in Rom gewünscht hätte? Und was wäre geschehen, wenn ein solcher Papst vor 500 Jahren mit der Korruption und dem Filz zwischen Religion, Macht und Geld in Rom aufgeräumt hätte?

Sicher gehörte schon der Besuch von Papst Benedikt in Luthers Kirche in Erfurt am 23. September 2011 zur Vorgeschichte, erkannte doch Benedikt dabei in seiner Ansprache vor den Vertretern der protestantischen Kirchen die Grundsatzfrage »Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?« als zentrale Frage des christlichen Glaubens. Aber »Lund« geht doch noch einen wesentlichen Schritt weiter. Es gibt eine gemeinsame katholisch-lutherische Liturgie eines Wortgottesdienstes, die dem Vernehmen nach auch in Deutschland bei ökumenischen Anlässen verwendet werden soll. Und mit »Lund« wird die gemeinsam vom Päpstlichen Rat für die Einheit der Christen und dem Lutherischen Weltbund erarbeitete Definition der Rechtfertigung in der gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre von 1999 enorm geadelt.

Ich habe Bischof Younan, der als oberster Vertreter der Lutheraner weltweit die Verhandlungen geführt hat und im Gottesdienst in Lund das Gegenüber zum Papst sein wird, oft getroffen. Aber nie habe ich mehr Zeit mit ihm verbracht als in den Tagen der Amtseinführung des Papstes. Am Tag vorher wurden wir gemeinsam vom Päpstlichen Rat für die Einheit der Christen am Flughafen in Rom-Fiumicino abgeholt. Gerade als die Limousine mit uns beiden losfahren wollte, wurden alle Straßen gesperrt, denn Bundeskanzlerin Angela Merkel war gerade gelandet und hatte Vorrang. In einem langen Gespräch konnte ich dem geborenen Palästinenser vermitteln, dass der im amerikanischen Evangelikalismus weitverbreitete Zionismus nicht die Überzeugung der Mehrheit der Evangelikalen widerspiegelt, in Europa ebenso wenig wie im Globalen Süden.

Am Tag nach der Amtseinführung regnete es und Bischof Younan, dem der Arzt täglich lange Spaziergänge verordnet hatte, bat mich, ihm den Schirm zu tragen. So liefen wir gemeinsam unter einem großen Schirm durch Roms Straßen und diskutierten, wie sich das neue Verhalten des Papstes auf die Ökumene und auf die Haltung zur Rechtfertigungslehre auswirken würde. Uns beiden war klar, dass mit diesem Papst ein neues Kapitel aufgeschlagen werden würde für das Verhältnis katholisch-evangelisch und katholisch-evangelikal – und damit auch für das Verhältnis evangelisch-evangelikal. Dazu wussten wir zu gut, was der Papst vor seiner Wahl in Argentinien gemacht und was er bereits in den ersten Wochen seit seiner Wahl in die Gänge gesetzt hatte. Auf »Lund« wären wir damals aber sicher nicht gekommen. Erst ein Jahr später sprach der Papst erstmals mit uns darüber, noch einmal ein Jahr später traf er die offizielle Vereinbarung mit dem Lutherischen Weltbund.

Ökumenische Gäste bei einer Papstaudienz zwei Tage nach Amtseinführung, ganz rechts vorne der Präsident des Lutherischen Weltbundes Bischof Munib A. Younan

Manch einer war enttäuscht, dass der Papst nie auf die Einladung des Ratsvorsitzenden der EKD, Nikolaus Schneider, reagierte, zum Reformationsjubiläum 2017 nach Wittenberg oder wenigstens nach Deutschland zu kommen. Doch man muss Folgendes verstehen: 1. Das Gegenüber zum Vatikan ist der Lutherische Weltbund, nicht nationale lutherische Kirchen. 2. Präses Schneider verkörperte vielleicht zu sehr das sogenannte Familienpapier der EKD mit der Forderung, neben der Ehe auch andere Formen des geschlechtlichen Zusammenlebens gleichwertig einzuführen, das in Rom nun wirklich nicht auf Gegenliebe stieß. Und 3. plante der Papst bereits, das Reformationsjahr am Reformationstag 2016 zu eröffnen, nicht 2017 zu beschließen – so die Einladung aus Deutschland. Und noch ist ja nicht völlig ausgeschlossen, dass er doch noch nach Deutschland kommt. Das Land liebt er dafür zur Genüge.

Bei einer Veranstaltung des ÖRK – auf Jesus zeigend rechts neben mir Bischof Younan und der Generalsekretär des ÖRK, Olav Fykse Tveit

Ein neues Zeitalter schon auf dem Balkon

2012 teilte der Erzbischof von Buenos Aires, Jorge Mario Bergoglio, mit, in seinem Ruhestand wolle er die Dissertation zu Ende schreiben, die er ein Vierteljahrhundert vorher in Deutschland hatte abbrechen müssen. Aber aus diesem Ruhestandsplan wurde in den kommenden Jahren nichts. Am 11. Februar 2013 – die Papstwahl (»Konklave«) in Rom stand bevor – sagte der Rektor der Kathedrale von Buenos Aires, Alejandro Russo, zu ihm, er könne sich vorstellen, dass Bergoglio zum Papst gewählt werde. Bergoglio erwiderte, das sei unmöglich – schließlich sei er 76 Jahre alt und habe gerade seinen Rücktritt eingereicht.1

Doch 32 Tage später tritt am 13. März 2013 um 20.10 Uhr mein väterlicher Freund, Jean Louis Kardinal Tauran, den ich noch näher vorstellen werde, auf den Balkon des Petersdoms. Um 20.12 Uhr verkündet er den Hunderttausenden unter ihm und den Millionen Zuschauern der Live-Übertragungen: »Cardinalem Bergoglio qui sibi nomen Franciscum« – zu Deutsch: »Kardinal Bergoglio, der sich den Namen Franziskus gegeben hat«.

Um 20.22 Uhr erscheint der neue Papst auf dem Balkon des Petersdoms. Sein Anblick allein lehrt Insider, dass ein neues Zeitalter im Vatikan begonnen hat, denn er verzichtet auf die meisten barock anmutenden Kennzeichen eines neu gewählten Papstes. Die FAZ schreibt: »Wo bei dem neu gewählten Benedikt XVI. ein Schulterumhang aus rotem Samt (Mozetta) prangte, ist am Abend des 13. März 2013 nur ein weißes Gewand (Soutane) zu sehen. Auch die breite, brokatbesetzte Stola und das goldene Brustkreuz des Jahres 2005 fehlen. Stattdessen trägt Jorge Mario Bergoglio eine weiße Bauchbinde (Zingulum) und das blecherne Brustkreuz, das er schon als Weihbischof in Buenos Aires trug.«2 Das Blechkreuz wird ab jetzt auf Tausenden von Papstfotos weltweit zu sehen sein.

Anschließend begrüßt er die Menschenmassen mit den »unpäpstlichen« ersten Worten: »Buona sera« – »Guten Abend«. Selten hat ein einfacher Gruß solche Symbolwirkung gehabt. Vor 200 000 wartenden Gläubigen vor dem Petersdom und Hunderten Millionen Fernseh- und Webzuschauern tritt der frisch gewählte Papst Franziskus wie ein – wie soll man das beschreiben? – »normaler« Mensch auf: freundlich, bescheiden, demütig und im Wissen, ohne Gottes Hilfe völlig verloren zu sein. Und zur Überraschung aller, die seinen Segen »Urbi et Orbi« (»Für die Stadt und für die Welt«, gemeint ist Rom) erwarten, lädt er zudem sinngemäß ein: Bevor ich euch als Bischof segne, bitte ich euch alle, zu Gott zu beten, dass er mich segnet und vor Fehlern bewahrt. Was hier noch keiner merkt, wird ebenso von Dauer sein: Franziskus bezeichnet sich durchgängig als Bischof von Rom, nicht als Papst oder Oberhaupt der katholischen Kirche. Selbst in den offiziellen Papstannalen verbannt er von Stund an alle Hoheitstitel des Papstes auf die Rückseite des Titelblattes.

Habemus Latino!3

Artikel am Tag der Papstwahl, pro-Medienmagazin, 13.03.2013

»Viva il papa« – »es lebe der Papst« – jubelten tausende Gläubige, während sie ihre Fahnen auf dem hell erleuchteten Petersplatz schwenkten. Nach vier erfolglosen Wahlgängen und damit verbundenem schwarzen Rauch war es dann um etwa 19 Uhr so weit: Weißer Rauch – es gibt einen neuen Papst, der die Wahl auch bereits angenommen hat. Doch bis die frenetische Menge wusste, wem sie da eigentlich zujubelt, musste sie sich noch über eine Stunde gedulden. Gegen 20.15 Uhr verkündete der Kardinalprotodiakon Jean-Louis Tauran feierlich: »[…] Ich verkünde euch große Freude: Wir haben einen Papst! […]«

In einer ersten Reaktion erklärte der Leiter der theologischen Kommission der Weltweiten Evangelischen Allianz, Thomas Schirrmacher: »Mit der Entscheidung für einen Nichteuropäer hat die Katholische Kirche unmissverständlich akzeptiert und deutlich gemacht, dass der Schwerpunkt der Weltchristenheit in den Globalen Süden gewandert ist. Erstaunlich ist, dass ein Bischof der Armen gewählt wurde, der als Jesuit eher ein Geheimtipp des liberalen Flügels gewesen sein soll und mit seinem Papstnamen sein Armutsgelübde zum Programm macht.«

Schirrmacher selbst habe ihn »als bescheidenen Mann kennen gelernt, der öffentliche Verkehrsmittel benutzt und in seiner Heimat weder Chauffeur, noch Palast hatte«. Auf die Mitglieder der Kurie, »die unsaubere Finanzgeschäfte duldeten«, kämen damit schwierige Zeiten zu. Schirrmacher geht davon aus, dass der neue Papst soziale Fragen stärker thematisieren werde. […]

Die erste Amtshandlung des Papstes:die Pensionsrechnung bezahlen

Für die Zeit des Konklaves ist Jorge Mario Bergoglio in der Via della Scrofa nahe dem weltberühmten Pantheon untergebracht. Die Pension »Domus Internationalis Paulus VI« ist für Priester eingerichtet, die Rom besuchen. 24 Stunden nach seiner Wahl holt er ein paar Sachen aus seinem Zimmer, bedankt sich beim ausgesprochen zuvorkommenden und hilfsbereiten Personal – und bezahlt. Davon lässt er sich nicht abhalten. Dass er jetzt Leute hat, die so etwas für ihn erledigen können, interessiert ihn nicht. So sieht man auf dem meines Wissens einzigen Foto des Geschehens, dass der Papst mit den Mitarbeitern der Rezeption spricht, aber eine Entourage aus Kardinälen und Bischöfen mitgekommen ist, als bräuchte man zum Bezahlen ein Heer von Unterstützern.

Nur Insider wissen bereits jetzt: Das Bezahlen seiner Pensionsrechnung war und ist keine Marotte, keine Sturheit, kein Medienzirkus. Das ist der Mann, der als Erzbischof und Kardinal schon genauso war. Er lebte nicht im Palast des Erzbischofs, sondern in einer kleinen Wohnung, wies seinem Chauffeur andere Aufgaben zu, fuhr täglich mit der U-Bahn und kannte die Armenviertel der Riesenstadt Buenos Aires in- und auswendig. Und er denkt gar nicht daran, das jetzt in Rom zu ändern. Was man am Tag nach der Wahl noch als PR-Gag werten konnte, ist bis heute so geblieben. Wer für den Papst arbeitet, muss damit rechnen, dass dieser plötzlich simple Handgriffe selbst erledigen will. Er bleibt ein bescheidener Mann, der für die einfachen Leute genauso da sein möchte wie für die Großen der Welt und der sich mitten in einem der hektischsten Ämter der Welt ein Privatleben sichert.

Papst Franziskus bezahlt seine Rechnung in der Pension.

Mein größter Fauxpas: als Kardinal verkleidet

Im »Domus Internationalis Paulus VI« habe ich oft gewohnt, in den drei Wochen während der Vatikansynode 2012 sogar in dem Zimmer, in dem dann der Papst übernachtete. Die Pension liegt zwischen Vatikan und antiken Foren, die man beide zu Fuß erreichen kann. Schräg gegenüber gibt es den besten Cappuccino Roms, zumindest nach meinem Geschmack. Geht man nach links, gelangt man durch ein Gässlein zum Platz vor dem Pantheon. Hier ist am Straßenrand zu sitzen immer ein Traum. Nach rechts geht es etwas verwinkelter zur Piazza Navona. Faszinierend ist, dass die Häuser und Kirchen genau auf den Umfassungsmauern des Stadions, der Rennbahn der Römer, stehen und der Platz damit bis heute exakt einer solchen Rennbahn entspricht – und das etwa 1 500 Jahre nachdem sie das letzte Mal im spätrömischen Reich benutzt wurde. An keinem Platz habe ich mich häufiger und lieber zu Interviews mit italienischen und katholischen Medien getroffen.

Auch als ich zum ersten Mal mit einer Gruppe ökumenischer Gäste bei einer Papstmesse geladen war, übernachtete ich im »Domus Internationalis Paulus VI« – und erlebte eines der komischsten Vorkommnisse meines Lebens, vielleicht den größten Fauxpas, den ich je begangen habe. Wir liefen von hinten in den Petersdom und im Chaos verlor ich meine Gruppe. Alle trugen unterschiedliche liturgische Gewänder und Kopfbedeckungen, da die meisten aus orthodoxen und altorientalischen Kirchen kamen. Damals noch recht unerfahren, schloss ich mich einer Gruppe an, die ich für meine hielt. Heute weiß ich, dass es Patriarchen und Bischöfe der Ostkirchen in Union mit Rom waren, die im Gegensatz zu den römisch-katholischen Kardinälen ihre eigene kirchliche Tracht mitbringen. Eine Nonne sprach mich in schnellem Italienisch an, das ich nicht verstand, und kleidete mich wie die Männer, die um mich herumstanden, in ein grünes Gewand. Schließlich fand ich mich etwas verblüfft in einer langen Reihe grün gekleideter Männer wieder, die aus dem Petersdom nach draußen ziehen wollten: Es waren die römisch-katholischen Kardinäle und Bischöfe! Zum Glück entdeckte der Zeremonienmeister der Papstmessen das Malheur und fischte mich aus der Reihe heraus, half mir die Kutte abzulegen und führte mich nach draußen auf meinen Platz. Ihm war aufgefallen, dass ich keinen Bischofshut trug. Den bringt nämlich jeder Bischof von zu Hause mit, während die Gewänder vom Vatikan gestellt werden. Am Ende wäre ich noch wegen Amtsanmaßung verhaftet worden! Jedes Mal, wenn ich im »Domus Internationalis Paulus VI« bin und den Zeremonienmeister wiedertreffe, brechen wir beide in Gelächter aus. Er sagte mir, er habe ja in seiner Aufgabe schon die verrücktesten Sachen erlebt, aber ein verdatterter Protestant als Kardinal verkleidet im Petersdom, das habe alles übertroffen.

Falsch gekleidet. Um mich herum sieht man die Tische im Petersdom, an denen andere eingekleidet werden.

Persona non grata bei den Jesuiten

Dass Jorge Mario Bergoglio im »Domus Internationalis Paulus VI« untergebracht war, ist allerdings auch ein Zeichen dafür, wie schwer er es gehabt hatte. Denn eigentlich hätte er als Jesuit im »Casa Generalizia«, dem Hauptquartier der Jesuiten, übernachten müssen. Diese kleine Stadt für sich liegt nicht weit vom Petersdom entfernt an der Straße Borgo Santo Spirito. Man verlässt den Petersdom rechts durch eine kleine Straße und ist kurzfristig auf italienischem Boden. Dann findet sich rechts ein gewaltiges Gittertor, hinter dem exterritoriales Gelände des Vatikans beginnt. Eine Straße führt zwischen den lang gestreckten Häuserzeilen der Jesuiten zum Haupteingang. Sehenswert ist eigentlich nur der Dachgarten mit seinem Blick auf Petersdom und Petersplatz. Nur von der Terrasse der Urbania-Universität hat man eine ebenso schöne Aussicht.

Blick auf den Petersdom vom Dachgarten der Jesuiten aus

Obwohl zum ersten Mal ein Jesuit zum Papst gewählt wurde, freute sich hier niemand mit. Denn Bergoglio war Persona non grata, hatte dem Vernehmen nach seit 1990 Übernachtungsverbot in allen jesuitischen Gebäuden und war seinerseits schlecht auf die Jesuiten zu sprechen. Man hatte ihn aus bisher kaum erforschten Gründen als Leiter der großen jesuitischen Hochschule in der Nähe von Buenos Aires abgesetzt und schließlich 1990 bis 1992 ins jesuitische Exil in Córdoba geschickt, inklusive Verbot, öffentliche Messen zu feiern. Hätte ihn der Erzbischof von Buenos Aires nicht 1992 zum Weihbischof gemacht, wäre er nach dem Wunsch der Jesuiten dort wohl bis zu seinem Lebensende versauert.

Ein bescheidener Charakter trotz immer neuer Rekorde

1995 hielt Papst Johannes Paul II. die größte Einzelveranstaltung der Weltgeschichte ab, eine Messe mit vier Millionen Teilnehmern in Manila. Anfang 2015 brach Franziskus in derselben Stadt den Weltrekord: Sechs Millionen oder mehr Menschen nahmen trotz Regens an der Messe teil. Als der Papst sich kurzerhand einen durchsichtigen, gelben Einmal-Poncho überzog, wie er an alle verteilt wurde, gingen die Bilder um die Welt. Wären es ohne Regen noch mehr Teilnehmer gewesen?

Doch trotz solcher Rekorde kann ich aus eigener Beobachtung in ganz unterschiedlichen Situationen sagen, dass dieser Mann bescheiden, demütig und stärker auf persönliche Gespräche aus ist. Ja, er ist ein Vollblutpolitiker. Ja, er ist der geborene Leiter und für sein Amt befähigt. Ja, er kann enormen Druck seiner Umgebung aushalten. Und doch ist er im Herzen ein gewissermaßen »kleiner« Priester und Seelsorger geblieben, der sich um seine einzelnen Schafe kümmert. Genau so hat er es jedenfalls bei einer Fragestunde in einer lutherischen Kirche in Rom beschrieben. Er leidet persönlich darunter, wenn er von Christenverfolgung, von Korruption im Vatikan oder vom sexuellen Missbrauch an Kindern durch Priester erfahre. Ich habe gesehen, wie ihm der Bericht über eine verfolgte Familie die Tränen in die Augen trieb, und nie erlebt, dass sein Bad in der Menge, das er mindestens zweimal in der Woche nimmt, etwas daran geändert hat. Überall bricht er auch die Rekorde von Papst Johannes Paul II., der sich sehr um große Mengen bemühte und ständig auf Welttournee war. Franziskus dagegen tut scheinbar nichts dafür. Er pfeift oft auf Organisation und festgelegte Pläne und Regeln. Und doch erfordern seine Mittwochsaudienzen ihrer Größe wegen mehr Planungsaufwand denn je zuvor.

Im April 2014 habe ich selbst die sogenannte »Vier-Päpste-Messe« in Rom miterlebt, als Papst Franziskus im Beisein von Papst Benedikt zwei seiner Vorgänger heiligsprach. Nicht gerade ein Termin, der auf Protestanten zugeschnitten ist. Aber für eine Gastvorlesung der Päpstlichen Universität Santa Croce war ich ohnehin in Rom und bekam das Chaos hautnah mit, das die drei Millionen Besucher im Menschenmassen gewohnten Rom auslösten. Ein ungeheurer Organisationsaufwand! Zumal sich ganze Menschenmengen in der Stadt gar nicht erst zum Petersdom aufgemacht hatten. Doch der Papst toppte auch das noch: Nach der Messe fuhr er mit seinem Papamobil über den Petersplatz an die Grenze zu Italien, wo alles abgesperrt war. Seine Vorgänger waren nach einer Messe im Petersdom immer auf dem Staatsgebiet des Vatikans geblieben. Doch Franziskus wollte weiter in die Menschenmassen hinein. Diplomatische Verwicklungen hin oder her, man ließ ihn schließlich gewähren und langsam fuhr er durch die lange Straße Via della Conciliazione nach Rom, um die Menschen zu begrüßen. Ganz am Ende an der Engelsburg, wo auch die Menschenmassen sich verliefen, war eine Umkehr nicht mehr möglich und der Papst ließ sein offenes Papamobil kurzerhand durch den normalen Autoverkehr am Tiber entlangfahren. Den verblüfften Römern, die mit ihm vor roten Ampeln warteten, winkte er fröhlich zu und kehrte in einem langen Bogen zu einem Nebeneingang des Vatikans zurück.

Darf ein Evangelischer den Charakter eines Papstes loben?

Franziskus ist bewundernswert frei von Vorurteilen und Rachegedanken gegenüber denen, die ihm früher Übles wollten oder die sich seit 2013 gegen seine Erneuerungspläne wenden. Wir werden noch sehen, dass er unter allen Verantwortlichen im Vatikan eine enorme Bandbreite an Meinungen zulässt wie nie ein Papst zuvor. Ich gebe es offen zu, ich bewundere den Papst: sowohl seinen persönlichen Umgang mit mir und anderen als auch sein Aufräumen im Vatikan und in der katholischen Kirche weltweit. Darf das ein Evangelischer?

Ich erlaube mir – das sei an meine evangelikalen Kritiker gerichtet –, zwischen dem beeindruckenden Charakter des Papstes und seinen persönlichen theologischen Positionen einerseits und den kirchenamtlichen Positionen der katholischen Kirche der letzten Jahrzehnte andererseits zu unterscheiden. Mit meinen positiven Äußerungen über seine Persönlichkeit, sein Auftreten, unsere freundschaftliche Verbundenheit teile ich selbstverständlich nicht jede seiner Auffassungen und schon gar nicht jede katholische Lehre der letzten 150 Jahre – das tut er selbst nicht! Zudem ist es der Papst, der in den Gesprächen sehr viel fragt. Im Gespräch ist er mehr daran interessiert, die Einschätzung anderer zu hören, als selbst Vorlesungen zu halten. Ursprünglich dachte ich: Mit diesem Buch kann ich nur falsch verstanden werden. Bin ich es als Wissenschaftler und Lehrer sonst gewohnt, ein Thema über viele Seiten hinweg auszubreiten und in Fußnoten alle Bedenken abzuwägen, bleibt hier oft nur ein Satz übrig. Manchem Katholiken wird zu viel Kritik an der katholischen Theologie dabei sein. Aber gerade in Deutschland haben mir Katholiken auch vorgeworfen, ich sehe den Papst zu rosig. Viele meiner evangelikalen Freunde sind schon entrüstet, wenn ich von einer Gebetsgemeinschaft mit dem Papst allein oder in kleiner Gruppe berichte, wie auf einem Foto im Innenteil zu sehen (Bild 15). Eine Gebetsgemeinschaft möge ja evangelikal klingen, aber mit dem Papst dabei, das gehe nun wirklich nicht!

Liberalere evangelische wie katholische Mitchristen scheint mitunter zu verstören, wenn ich offen darüber spreche, dass Papst Franziskus besser mit konservativen Protestanten zurechtkommt als mit eher liberal geprägten Evangelischen. Man verstehe nur bitte: Nachdem Evangelikale lange das Empfinden hatten, irgendwie am »Katzentisch« der Kirchen zu sitzen, obwohl sich eine halbe Milliarde Christen zu ihnen zählen, ist der derzeitige Aufbruch eine Erleichterung, die aufatmen lässt. Zumal – das werde ich noch weiter unten erzählen – insbesondere seit 2006 der Ökumenische Rat der Kirchen (ÖRK) auf die Weltweite Evangelische Allianz (WEA) zugegangen ist und meist, ohne eine Gegenleistung zu erwarten, unsere Mitarbeit erwünschte, sodass heute offen und ehrlich über theologische Positionen diskutiert, aber auch gemeinsam für Frieden und Gerechtigkeit in der Welt gekämpft werden kann. Dass sich jährlich die fünf wichtigsten Leiter des ÖRK und der WEA in Genf zu einer Strategiebesprechung treffen, beendete das Katzentischgefühl ebenso wie das Handeln des Papstes, ist aber längst nicht so pressewirksam.

So nehme ich etwa an der Kommission für Glaube und Kirchenverfassung (»Faith and Order«) des ÖRK teil, gewissermaßen der theologischen Kommission des ÖRK und dem einzigen Zweig des ÖRK, dem auch die katholische Kirche angehört. Dort hätte evangelikale Theologie schon lange mit an den Tisch gehört – angesichts der Tausenden von theologischen Ausbildungsstätten, Top-Theologen und jährlich erscheinenden theologischen Fachbüchern. Aber erst dank der Großzügigkeit des ÖRK ist das heutzutage möglich.

Vielleicht ist hier auch der Ort, um kurz anzusprechen, wie ich in meine heutige Aufgabe als »Moderator für zwischenkirchliche und interreligiöse Beziehungen« der Weltweiten Evangelischen Allianz hineingewachsen bin. Erstmals involviert in die evangelikal-katholischen Beziehungen wurde ich, als ich den »Dialog über Mission zwischen Evangelikalen und der Römisch Katholischen Kirche« (ERDCOM, 1977–1984) ins Deutsche übersetzte. Aber dann war es vor allem meine Beteiligung im Rahmen der Weltweiten Evangelischen Allianz am Kampf gegen Christenverfolgung, der mich sowohl mit katholischen Kirchenführern weltweit zusammenbrachte als auch die katholische Kirche von innen her kennenlernen ließ.

Mein eigentliches Thema ist also die zunehmende weltweite Christenverfolgung und umfassender: die Verletzung der Religionsfreiheit, akademisch ebenso wie praktisch in Politik und Kirche. Es ist dieses Engagement, das mich seit vielen Jahren mit den Oberhäuptern fast aller Kirchen und Konfessionen zusammengeführt hat. Und den verfolgten Christen zuliebe habe ich meine früheren Vorurteile überwunden und Kirchenführer besucht, die ich früher verurteilt habe, lange bevor ich das Ganze auch theologisch gut aufgearbeitet hatte. Dann folgte 2006 bis 2011 die für mich lebensverändernde fünfjährige Zusammenarbeit von Vatikan, Ökumenischem Rat der Kirchen und Weltweiter Evangelischer Allianz, die 2011 mit der Veröffentlichung des Dokumentes »Christliches Zeugnis in einer multireligiösen Welt«4 gipfelte. Doch dessen Geschichte werde ich weiter unten im Zusammenhang mit Papst Benedikt erzählen.

Niemand kontrolliert den Papst und sein Privatleben

Franziskus ist sehr persönlich, sehr privat, sehr eigenwillig, aber man täusche sich nicht: Er ist auch sehr organisiert, vorausschauend und methodisch versiert und setzt keine Pläne um, ohne sie vorher gut bedacht und ihretwegen viel Rat eingeholt zu haben.5 Er hat sich sein Leben lang selbst organisiert und versucht auch, es trotz Papstamt und vieler Helfer um ihn herum weiterhin so zu halten. Die Privatheit, ja, Vertraulichkeit wird dadurch verstärkt, dass der Papst körperlich bedingt sehr leise spricht und man sich ihm nähern muss, wenn man ihn ohne Mikrofon verstehen will. Das gilt selbst für seine offiziellen Reden. Und auf noch einen anderen Punkt machte Giuseppe Nardi in seinem Kommentar auf Katholisches.info aufmerksam: »Während sich Papst Benedikt XVI. mit Genauigkeit an seinen Predigttext hielt, improvisiert Papst Franziskus gerne und spontan. Der Nachteil ist, dass die Journalisten, die bei Direktübertragungen die vorbereiteten Texte vorlesen, vielfach die Zusätze nicht merken oder der Überraschung wegen nicht spontan eigenständig mitübersetzen können. Die Übersetzungen können auf der offiziellen Vatikanseite erst mit einiger Verspätung veröffentlicht werden, um die spontanen Teile der Predigt einbauen zu können.«6

Bei seinen Vorgängern wirkte es so, als würden ihre Tage vollständig von anderen bestimmt und als wäre ein Kontakt mit ihnen an diesen anderen vorbei unmöglich. Doch Franziskus behält oftmals selbst die Kontrolle, sprengt die Planung und verteilt die Verantwortung auf verschiedene Personen, von denen keine das Gesamtbild bestimmt. Er steht um 4.15 Uhr auf. Neben Morgenroutine, Bibellese und Gebet ruft er alte Freunde, aber auch andere Personen an, die oft überrascht sind, dass der Papst sich meldet. Anschließend folgen die Morgenmesse in der kleinen Kapelle des Hotels und das Frühstück. Erst dann steht der Papst der Vatikanmaschinerie zur Verfügung. Oft nimmt er sich zudem den Nachmittag frei, um eigenen Dingen nachzukommen, zumal er wegen der Zeitverschiebung erst dann in Argentinien anrufen kann. Der Papst geht einkaufen, lehnt die Bedienung durch Nonnen ab, fährt keinen Mercedes mehr und lässt sich auch nicht überall von Bodyguards beschützen. Termine macht er auch schon mal selbst per Telefon und übergeht dabei den traditionellen Vatikanweg.

Damit keiner denkt, ich würde hier allzu Vertrauliches ausplaudern. Vieles kann ich und will ich in diesem Buch nicht erzählen, sei es, weil es sich um vertrauliche Gespräche oder Inhalte handelt, sei es, weil bestimmte Vorwürfe – etwa zur Korruption im Vatikan – noch nicht gerichtsfest sind. Vielleicht kann ich manches in ein paar Jahren ergänzen.

Papst Franziskus betritt das Domus Sanctae Marthae, das Gästehaus im Vatikan, in dem er selbst auch wohnt.

Domus Sanctae Marthae: Eine Pension ersetzt den Riesenpalast

Der Charakter der Amtsführung von Franziskus ist für die Öffentlichkeit untrennbar damit verbunden, dass er bereits am Tag nach seiner Wahl entscheidet, nicht in den gewaltigen Papstpalast umzuziehen, sondern in Zimmer 201 wohnen zu bleiben, in dem sich traditionell der neu gewählte Papst direkt nach der Wahl umkleidet. In der Regel verbringt er hier die erste Nacht, manchmal einige weitere, bis seine Räume im Palast hergerichtet sind. Doch diesmal kommentiert die »Welt«: »Die Fenster im obersten Stock des Apostolischen Palastes im Vatikan bleiben am Abend vorerst weiter dunkel. Papst Franziskus will nicht in den Gebäudekomplex umziehen, den Antonio da Sangallo zwischen 1508 und 1519 neben dem Petersdom für die Nachfolger Petri errichtet hat.«7

Der Papstpalast wurde noch vor der Reformation von einigen der verschwenderischsten und unmoralischsten Päpste erbaut. Kann man es einem Papst, der diese Unmoral und Korruption im Vatikan ausmerzen will, verdenken, dass er den Palast mit sehr gemischten Gefühlen betrachtet? Das Gold an der Decke des päpstlichen Palastes stammt aus dem ersten Gold, das Christoph Columbus aus der Neuen Welt an das Königshaus nach Spanien schickte, das es der Kirche spendete. Kann man es da einem Papst aus Lateinamerika verdenken, beim Betreten des Stein gewordenen Denkmals der Ausbeutung seines Kontinents gemischte Gefühle zu hegen?

Jetzt herrschen nicht mehr ehrfürchtige Gänge und Räume, die die Besucher beeindrucken, ja einschüchtern, sondern der Charme eines ärztlichen Wartezimmers im Domus Sanctae Marthae, der Pension, die nach der Schwester von Maria benannt ist. Papst Johannes Paul II. hatte sie zur Unterkunft beim Konklave gemacht, weil er Erbarmen hatte mit den Kardinälen, die immerhin meist im Alter zwischen 60 und 80 Jahren sind und unter den kargen Übernachtungsmöglichkeiten litten. Früher sollten die Enge und die schlechten Bedingungen die Kardinäle wohl zwingen, schnell zu einem Ende zu kommen und nicht Wochen oder gar Monate lang zu verhandeln. Im April 2011 übernachtete ich selbst im Domus Sanctae Marthae und fand die Ausstattung immer noch recht dürftig, insbesondere für Männer jenseits des Pensionsalters, wenn auch sicher ein gewaltiger Fortschritt gegenüber den Feldbetten früherer Konklaven. Ich bekam jedenfalls eine recht gute Vorstellung davon, wie einfach Papst Franziskus lebt. Das gilt übrigens auch für seinen Besitz. Sollte er viel davon haben, und seien es nur Bücher und Erinnerungsstücke, ist in seinem kleinen Domizil jedenfalls kein Platz dafür.

Einmal hätte mich die vatikanische Polizei beinahe im Domus Sanctae Marthae verhaftet. Ich hatte mich dort mit einem Kardinal getroffen und mir anschließend im Kellergeschoss die Hände gewaschen. Als ich die Treppe wieder hinaufging, öffneten sich zufällig die Aufzugstüren und der Papst trat heraus. Er kam auf mich zu und wir unterhielten uns kurz über ein geplantes Treffen. Derweil merkte ich, wie von zwei Seiten Polizisten näher kamen. Kaum war das Gespräch zu Ende, hakten sie mich unter, brachten mich zur Tür und begannen, mich zu befragen. Ich verstand das schnelle und aufgeregte Italienisch nicht. Also rief ich zwei deutschsprachige Schweizer Gardisten hinzu, die mir erklärten, ich stehe nicht auf der Liste der Gesprächspartner des Papstes und habe mich strafbar gemacht. Ich erklärte, dass der Papst selbst mich angesprochen habe. Und so wie ich den Papst kennen würde, komme das doch öfter vor. Nun begannen die Schweizer Gardisten den Polizisten zu erklären, dass ich häufiger hier sei, der Papst oft mit mir spreche und sie notfalls den Heiligen Vater herholen könnten. Schließlich ließen mich die Polizisten frei. Zum Glück war ich im Vatikan, denn in Deutschland hätte mich die Armee (der die Schweizer Garde entspricht) nicht so leicht aus den Händen der Polizei (des vatikanischen Gendarmeriekorps) befreien können. Zudem geht im kleinsten Staat der Erde mit etwas mehr als 800 Einwohnern alles doch etwas persönlicher zu.

Ich kann mir vorstellen, dass das Verhalten des Papstes die Menschen, die ihm zuarbeiten, oft ins Schwitzen bringt. Ich bewundere den Vorsteher des Päpstlichen Hauses und zugleich weiterhin Sekretär von Papst Benedikt XVI., Erzbischof Georg Gänswein, der bei allem die Ruhe behält. Anderseits ist der Papst nicht der erste ungewöhnliche Chef der Geschichte.

Nächtlicher Plausch mit der wachhabenden Schweizer Garde nach einem Besuch im Domus Sanctae Marthae im Dezember 2015

Wenn man auf dem Petersplatz steht und Richtung Petersdom schaut, kann man sich sehr schön den Unterschied beider Wohnsitze veranschaulichen. Der Papstpalast liegt rechts. Er ist von allem abgeschirmt und durch den Petersdom von allem getrennt, was links liegt. Links neben dem Petersdom liegen (von hinten nach vorne betrachtet) das Verwaltungsgebäude, das Domus Sanctae Marthae, die Audienzhalle, darüber die Synodenhalle, davor die Glaubenskongregation. Und wenn man sich dann umdreht und die Linie links weiterverfolgt, findet man dort teils auf exterritorialem, vatikanischem, teils auf italienischem Boden, die Hauptgebäude der Päpstlichen Räte und der Finanzverwaltung, dahinter aber auch das Jesuitenhauptquartier und die Päpstliche Universität Urbaniana. Alle Päpste vor Franziskus waren also vom realen Geschehen ihrer Regierungen abgeschirmt. Weder verirrte sich der Papst mal von der rechten auf die linke Seite, wenn es keinen offiziellen Termin gab – Papst Benedikt wurde in der Regel mit dem Dienstwagen dorthin gefahren –, noch konnte ein Mitarbeiter dem Papst einfach mal vertraulich etwas mitteilen.

Heute ist alles anders. Der Papst wohnt links, mitten im Geschehen. Er taucht öfter ungeplant auf. Er isst in der Mensa, wo alle Mitarbeiter essen können. Wer ihm unter vier Augen etwas mitteilen will, setzt sich einfach zu ihm an den Tisch oder nutzt eine Kaffeepause. Niemand kann mehr sagen, woher der Papst bestimmte Informationen hat (zum Beispiel wo dieser oder jeder Prälat einen italienischen Sportwagen stehen hat). Der Papst hat sogar schon Hinweise aufgegriffen, die am Nebentisch besprochen wurden. Nur so ist es auch möglich, dass der Papst über die Hierarchien hinweg selbst das Heft in der Hand behält. Hatte ein früherer Papst eine Frage zu bestimmten Aspekten des Buddhismus, wurde sie vom Präsidenten des Päpstlichen Rates für den interreligiösen Dialog über Sekretär und Untersekretär an den zuständigen Fachmann gestellt, dessen Bericht dann wieder nach oben und mit dem Präsidenten an den Papst ging. Heute ruft der Papst den Fachmann selbst an und sagt gegebenenfalls: »Kannst du mal schnell rüberkommen?« Der Ärmste muss dann zusehen, wie er das seinen Chefs erklärt bekommt.

Meines Erachtens ist das ein Geheimnis der ökumenischen Beziehungen von Franziskus. Denn erstmals ist es möglich, einfach mal mit einem Papst zu plaudern, wie ich das mit anderen Kirchenführern ganz selbstverständlich tue. Heute kann man mit dem Papst in Kaffeepausen viel erreichen! Früher musste man ein Thema, eine Agenda haben, das meiste wurde vorab formuliert, bei den Treffen durfte man nicht vom Thema abweichen und ein Heer von Mitarbeitern wuselte herum und achtete auf das Protokoll. Heute sagt der Papst: »Lasst uns mal die Tagesordnung beiseitelegen und jeder sagt, was ihn im Moment am meisten bedrückt.« Oder er will Ideen hören, wie man die Bibel unter das Volk bringen oder besser mit muslimischen Theologen ins Gespräch kommen kann. Solche informellen Gespräche bringen die Beziehungen mit Riesenschritten voran. Dabei machen Kardinäle mit dem Papst dieselbe Erfahrung. Die mit ihm enger vertraut sind, sprechen oft und oft auch unangemeldet mit ihm allein. Auch das war früher anders, als selbst Kardinäle ihre Audienzen anmelden mussten und praktisch immer Mitarbeiter des Papstes anwesend waren. Auffällig ist auch: Auf den Fotos von Sitzungen mit dem Papst und dem neuen Rat der acht Kardinäle ist kein weiterer Mitarbeiter zu sehen. Nebenbei: Unter diesen acht Kardinälen ist nur ein einziger Kurienkardinal!

Franziskus allein zu Haus – der Hausvater von Sanctae Marthae

Wir sitzen mit mehreren Personen beim Abendessen in einem Hotel in der Nähe des Vatikans, weil wir am nächsten Morgen mit dem Papst sprechen wollen. Das Telefon klingelt. Ich sage noch spaßeshalber: »Leise, es ist der Papst.« Und er war es wirklich! Er wollte wissen, ob bei uns alles in Ordnung sei, ob wir gut untergebracht seien, ob es bei der Uhrzeit bleibe. Und dann, unvergesslich: »Kann ich sonst noch etwas für euch tun?« Wie jemand, der Freunde in seine Wohnung eingeladen hat und sichergehen will, dass sich alle wohlfühlen. Als gäbe es keine Einlasskontrolle, keine italienische und vatikanische Polizei, keine Schweizer Garde, keine Verwaltung und vor allem so, als hätte er sonst nicht viel zu tun.

Eingangshalle des Domus Sanctae Marthae im Dezember 2015

Diese Atmosphäre setzte sich bei der Begegnung fort. Eigentlich sollten wir uns zu sechst unterhalten, sollten und durften aber die restliche Gruppe aus Beratern und Ehefrauen ins Domus Sanctae Marthae mitbringen. Völlig allein kam der Papst in den Warteraum und begrüßte jeden persönlich, machte einige Scherze und stellte sicher, dass alle gut versorgt waren. Erst dann gingen wir in ein sehr schlichtes Nebenzimmer, bis auf den Übersetzer immer noch ohne weitere Mitarbeiter. Und selbst den Übersetzer schickte er nach einiger Zeit fort, da wir uns ohne ihn verständigen konnten.

Plausch im Flur von Domus Sanctae Marthae mit Bischof Tony Palmer Mitte 2014