Metropolis - Greg Woolf - E-Book
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Metropolis E-Book

Greg Woolf

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Beschreibung

Warum zieht es den Menschen in die Stadt, weshalb sind Städte überhaupt entstanden und warum gehören sie zum Menschsein dazu? Greg Woolf geht diesen Fragen nach und erzählt vom Aufstieg und Fall antiker Städte. Seine Geschichte der Stadt ist zugleich eine große Darstellung des Mittelmeerraumes, die zudem ein Verständnis dafür schafft, wie sich unsere Städte in Zukunft entwickeln werden. Unsere Vorfahren haben häufig verstreut in Dörfern gelebt – bis zum Ende dieses Jahrhunderts jedoch werden wir fast alle in Städten leben. Dieses Buch erzählt vom Aufstieg und Fall antiker Städte vom Ende der Bronzezeit bis zum Beginn des Mittelalters. Es ist eine Geschichte von Krieg und Politik, Pest und Hungersnot, Triumph und Tragödie und präsentiert sich in ihrer einzigartigen Ambivalenz: mal großartig und erfolgreich, mal schäbig und fruchtlos. Doch wie kam es dazu, dass Städte überhaupt entstanden und wie konnten sie sich in offensichtlich wenig verheißungsvollen Umgebungen halten, wachsen und gedeihen?  Wie mochte es gewesen sein, solche urbanen Welten zu bewohnen, die so anders sind als die unseren – Städte, die jede Nacht in der Dunkelheit versinken, Städte, über denen sich die Tempel der Götter auftürmten, Bauernstädte, Sklavenstädte, Soldatenstädte? Die wechselvolle Geschichte der antiken Städte umgreift zugleich die Geschichte von Generationen von Menschen, die sie erbaut und bewohnt haben, und die uns Monumente hinterlassen haben, deren Ruinen nüchterne Mahnmale für das 21. Jahrhundert sind. Greg Woolf schreibt unter anderem über: - Athen - Alexandria - Pergamon - Jerusalem - Jericho - Karthago - Knossos - Konstantinopel - London - Korinth - Marseille - Mykene - Persepolis - Ninive - Rom - Troja - Syrakus - Köln - Trier - Ur - Uruk - Göbekli Tepe - Çatalhöyük

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EPUB

Seitenzahl: 979

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Greg Woolf

Metropolis

Aufstieg und Niedergang antiker Städte

Aus dem Englischen von Susanne Held

Klett-Cotta

Impressum

Dieses E-Book basiert auf der aktuellen Auflage der Printausgabe.

Klett-Cotta

www.klett-cotta.de

Die Originalausgabe erschien unter dem Titel »The Life and Death of Ancient Cities: A Natural History« im Verlag Oxford University Press, Oxford

© Greg Woolf 2020

Für die deutsche Ausgabe

© 2022 by J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger GmbH, gegr. 1659, Stuttgart

Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten

Cover: Rothfos & Gabler, Hamburg

unter Verwendung einer Abbildung von Wikimedia Commons

Gesetzt von Dörlemann Satz, Lemförde

Gedruckt und gebunden von Friedrich Pustet GmbH & Co. KG, Regensburg

ISBN 978-3-608-98370-8

E-Book ISBN 978-3-608-11842-1

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

INHALT

Vorwort

Teil I

Ein urbanes Lebewesen

1.

 In Richtung Stadt

Auf die lange Sicht

Die Mittelmeer-Geschichte

Eine urbane Schimäre

2.

 Urbane Affen

Die große Trennung

Affen unterwegs

Zufällig urban

Urbane Essgewohnheiten

Urbane Körper

Urbane Gehirne

3.

 Homo sapiens wird sesshaft

Der Übergang zum Holozän

Von Jägern und Sammlern zu Ackerbauern

Nicht weiterwandern

Eine Welt aus Dörfern

4.

 Uruk

König Gilgamesch

Der König und die Stadt

Das Uruk-Phänomen

Warum Uruk?

5.

 Erste Städte

Wo Städte heranwuchsen

Die frühesten urbanen Experimente

Erfindungen, Zusammenbrüche, Neuansätze

Wie sahen frühe Städte aus?

6.

 Bronzestädte

Verbundene Städte

Ein bronzezeitliches Weltsystem

Frühe Experimente

Die Ausbreitung von Multispezies-Gesellschaften

Das Weltsystem der Bronzezeit expandiert

Europa und das Mittelmeer in der spät-prähistorischen Zeit

Teil II

Ein urbanes Mittelmeer

7.

 Die ersten Städte des Mittelmeerraums

Ein Meer in Fragmenten

Bauern ziehen westwärts

Die Kupferinsel

Kreta und die Kykladen

Das mykenische Griechenland

Zusammenbruch

Urbanismen der Bronzezeit in der Mittelmeerwelt

8.

 Seefahrer und Stammesführer

Intermezzo

Experimente

Die Freundlichkeit von Fremden

Der Westen erwacht

9.

 Pioniere im Westen

Ein anderer Weg zum Urbanismus

Städte der Toten

Etruskische Städte

Ein urbanes Netzwerk

Ursprungsmythen

Die Frühgeschichte der Westgriechen

Die Kontaktzone

10.

 Ein griechischer Teich

Die durstigen Griechen

Stadt-Träume

Der Horizont öffnet sich

Die Griechen und die Anderen

Ein urbanes Mittelmeer, ein griechisches Mittelmeer

11.

 Die Vernetzung des Mittelmeers

Eine vernetzte Welt

Netzwerk-Mythen

Informationsaustausch

Städte aus Stein

12.

 Städte, Staaten und Könige

Politisierung

Gründlich durchdenken

Könige

Imperium

Stadtstaaten und Könige

Teil III

Imperiale Urbanismen

13.

 Stadt und Reich

Eine Fragmentierte Welt

Tributfordernde Imperien im westlichen Eurasien

Tyrannenstädte

Hegemonien

14.

 Europa erwacht

Jenseits des Mittelmeerraums

Hungrige Städte

Makedonien

Das Wiederaufleben des Imperiums

15.

 Städte aus Marmor

Streifzüge durch Ruinen

Bürgerlicher Patriotismus

Die Baudenkmäler von Athen

Das Mittelmeer wird in Marmor gefasst

Wesentliche Bestandteile von Städten

Die ganze Stadt ist eine Bühne

16.

 Die Gründung neuer Städte

Klassische Gründungen

Königliche Gründer

Kolonisierung im Rahmen der Römischen Republik

17.

 Städte als Herrschaftsinstrument

Garnisonsstädte

Der Triumph der Polis

Regieren ohne Städte

Die Stadt und ihre Vorteile

18.

 Die Ökologie des römischen Urbanismus

Römischer Urbanismus in Höchstform

Eine ungeplante urbane Zivilisation

Urbane Netzwerke der römischen Welt

Wie viele Städte gab es?

Das Ausmaß von Städten

Die Konturen des römischen Urbanismus

Ökologie und Urbanismus

Teil IV

Ent-Urbanisierung

19.

 Die Megalopoleis

Zypressen zwischen Faulbaumbüschen

Das Wachstum von Städten

Der Bau von Megalopoleis

Der Unterhalt einer Megalopolis

Urbane Risiken

Die Gesellschaften großer Städte

20.

 Nachklassik

Das Netzwerk verändert sich

Erklärungen des Wandels

Resilienz und Vermächtnis

Nachwort

Anmerkungen

1. In Richtung Stadt

2. Urbane Affen

3. Homo sapiens wird sesshaft

4. Uruk

5. Erste Städte

6. Bronzestädte

7. Die ersten Städte des Mittelmeerraums

8. Seefahrer und Stammesführer

9. Pioniere im Westen

10. Ein griechischer Teich

11. Die Vernetzung des Mittelmeers

12. Städte, Staaten und Könige

13. Stadt und Reich

14. Europa erwacht

15. Städte aus Marmor

16. Die Gründung neuer Städte

17. Städte als Herrschaftsinstrument

18. Die Ökologie des römischen Urbanismus

19. Die Megalopoleis

20. Nachklassik

Nachwort

Weiterführende Literatur

Bibliographie

Weiterführende Literatur

Zeitleiste

Eine Welt ohne Städte

Früher Urbanismus

Letztes und erstes Jahrtausend im Mittelmeerraum und im antiken Nahen Osten

Dank

Register

Abbildungsverzeichnis

Abbildungen

Karten

Vorwort

Die Antike wird häufig für ihre Städte gepriesen. Dieses Buch ist kein weiterer Lobgesang. Stattdessen erzählt es davon, wie spät Städte in der antiken Mittelmeerwelt auftauchten, wie klein die meisten waren und wie gefährdet das städtische Leben während der gesamten antiken Periode blieb. Antike Städte erblühten zu ihrer Großartigkeit in unserer Phantasie. Dafür gibt es mehrere Gründe. Wir sind immer noch im Bann der neoklassizistischen Denkmäler moderner Metropolen; bei vielen von ihnen handelt es sich um Hauptstädte neuerer Weltreiche, etwa Paris und London, Washington und Berlin, St. Petersburg, Madrid und Rio. Die Antike inspirierte deren Architekturen, allerdings bewegte sie sich architektonisch in einem viel kleineren Maßstab. Unsere Gewohnheit, die antike Welt durch die Augen ihrer am besten ausgebildeten Einwohner zu sehen, die sich über Jahrhunderte hinweg immer wieder einem städtischen Ideal verschrieben hatten, war dabei nicht hilfreich. Die Autoren der griechischen und lateinischen Literatur selbst wussten nicht, wie ihre städtische Welt entstanden war, und sie projizierten in ihre Vergangenheit eine Welt großer Städte zurück, die nie wirklich existiert hatte. Troja VII war nach den Maßstäben der ausgehenden Bronzezeit eine gewaltige Festung, dabei erstreckte es sich über kaum zwanzig Hektar und hatte wahrscheinlich eine Einwohnerschaft zwischen 5000 und 10 000 Menschen. Das Rom, in dem Vergil seine Aeneis verfasste, erstreckte sich über eine Fläche von fast 1800 Hektar und hatte fast eine Million Einwohner. Kein Wunder, dass die Berichte aus dem frühen ersten Jahrtausend so anachronistisch waren.

Rom war außergewöhnlich. Forschungen in den letzten dreißig Jahren haben den geringen Umfang der meisten antiken Städte offengelegt. Diese Forschungsrichtung hat viele Disziplinen vereint. Archäologen haben sich um die Datierung und Kartographierung früher Siedlungen bemüht, häufig mussten sie diese aus all dem Material befreien, das sich von ihren Nachfolgern angesammelt hatte; sie stellten sie in den Zusammenhang breiterer Siedlungslandschaften und an die Knotenpunkte komplizierter Tausch- und Migrationsnetzwerke. Philologen haben antike Texte zunehmend genauer gelesen, wobei sie die modernen Unterstellungen über deren Bedeutung beiseiteließen und sich stärker mit ihrer rhetorischen und politischen Agenda befassten. Historiker haben antike griechische und römische Städte mit Städten anderer Gesellschaften aus einer Zeit verglichen, bevor industrielle Revolutionen und demographische Verschiebungen alles veränderten. In jüngster Zeit haben sich Historiker mit den Lebenswissenschaften befasst, die uns in den letzten Jahren so viel über das menschliche Tier vermittelt haben, über die Primatengrundlagen unseres Zusammenlebens, über Ökologie und Klima. Unsere neuen Einsichten in die Antike stützen sich auf die Zusammenarbeit zwischen den Human- und Sozialwissenschaften und der Biologie. Mein Buch ist ein Versuch zu zeigen, was diese Zusammenarbeit bislang im Hinblick auf antike Städte ergab.

Dieses Buch beginnt vor einem weiten Horizont und verengt seinen Blickwinkel allmählich. Der erste Teil behandelt die Vorgeschichte urbanen Wachstums weltweit und folgt den Entwicklungen in einer bestimmten Region – dem antiken Nahen Osten – bis zum Ende der Bronzezeit. Das mediterrane Städtewesen war ein Ableger dieser Entwicklungen, obendrein ein später. Der zweite Teil verfolgt die Herausbildung und das Anwachsen städtischer Netzwerke um das Mittelmeer herum in der ersten Hälfte des letzten Jahrtausends v. Chr. Einige Dörfer wurden durch kleine Städte ersetzt, und die Landschaften und Gesellschaften, die sie organisierten, wurden miteinander verbunden. Der dritte Teil folgt den brutaleren Verknüpfungsgeschichten, dem Aufkommen von Imperien und mit diesen den ersten im eigentlichen Sinn großen Städten der Region. Ein kurzer vierter Teil umreißt eine Art Kehrtwendung: Die Horizonte rückten wieder eher zusammen, große Städte schrumpften. Doch verschwanden Städte nie vollständig, ebenso wenig wie die Ideen und Technologien, die im Zusammenhang mit ihrem Bau entstanden waren. Diese Ideen, Technologien und häufig die physischen Überreste großer Städte wurden in Byzanz weiterverwendet, im Kalifat, und in kleinen mittelalterlichen Hauptstädten im Westen wie Aachen, was Stoff für eine ganze Reihe nachklassischer Urbanismen lieferte, von denen einige auf andere Kontinente exportiert wurden.

Die Geschichte des antiken mediterranen Urbanismus ist eine von vielen Episoden, die das urbane Abenteuer unserer Spezies ausmachen. In den letzten sechstausend Jahren haben Menschen rund um den Planeten Städte gebaut. Städte wurden mehrere Male relativ unabhängig voneinander erfunden, wobei die Ergebnisse sich auf überraschende Weise ähnelten. Deshalb ist das weiter ausgreifende Bild, das der erste Teil dieses Buchs liefert, so wichtig. Die ersten Kapitel erkunden, was wir als eine Spezies gemeinsam haben, und es erörtert, dass wir ungewöhnlich gut geeignet sind für ein Leben in der Stadt, was jedoch nicht nur für uns gilt. Einige Tierarten haben sich dahin entwickelt, von städtischem Leben zu profitieren. Unsere Spezies ist dafür präadaptiert, das heißt, es gibt gewisse Merkmale in uns, Merkmale, die aus ganz anderen Gründen auftraten, die aber dazu beitragen können, aus uns Stadttiere zu machen. Nur wenn wir das verstehen, können wir die Höhen und Tiefen des Urbanismus in der antiken mediterranen Welt verstehen.

Diese Geschichte hätte auf mehrere Weisen erzählt werden können, und ich habe mehrere Alternativen erwogen, bevor ich mich ans Werk machte. Eine herkömmliche Technik besteht darin, ein Narrativ um eine Reihe von Fallstudien herum zu konstruieren, um Städte wie Knossos, Mykene, Athen, Syrakus und so weiter. Eine Geschichte der Antike in einhundert Städten hätte ihren Reiz, sie würde die Unterschiede in Architektur und Planung herausarbeiten, sie könnte ein Gerüst liefern, um das herum man Berichte von Gründungen und Belagerungen, Feuer und Seuchen, imperialen Umbauten und so weiter anordnen könnte. Allerdings würde sie unvermeidlich die Aufmerksamkeit auf die größten, die glänzendsten und die am besten dokumentierten Beispiele – also auf die ungewöhnlichsten und untypischsten Städte lenken. Eine Abfolge von Fallstudien würde außerdem womöglich das Vergehen der Zeit verdunkeln. Viele antike Städte waren tatsächlich sehr antik. Athen war über fast viertausend Jahre hinweg kontinuierlich bewohnt. Rom, Neapel, Marseille und Alexandria sind nach wie vor große Städte, dabei sind sie weit über zweitausend Jahre alt. Die Geschichte des mediterranen Urbanismus ist keine Abfolge von Städten, sondern eine Abfolge von urbanen Welten, in denen einige dieser Städte entscheidende Rollen spielten. Eine weitere Möglichkeit wäre gewesen, von einer Reihe von Typen auszugehen: die griechische Stadt, die etruskische Stadt, die frührömische Kolonie und so weiter. Es gab einige erfolgreiche Bücher dieser Art, unter anderem den italischen Klassiker Storia dell’Urbanistica, doch mein Interesse ist eher soziologischer als architektonischer Natur. Am reizlosesten war die Vorstellung, ein bereits bekanntes historisches Narrativ – mit dem Schwergewicht auf der Ausstrahlung von Städten – ein weiteres Mal zu erzählen. Politische Geschichte spielt in dieser Darstellung keine zentrale Rolle. Für einen Großteil der behandelten Zeit gilt, dass es keine Staaten gab, keine Regierungen, keine Politiker und keine Bürger. Ab und an werden Individuen auftreten, überwiegend ist dies jedoch eine Darstellung von menschlichen Gemeinschaften, vom Menschen-Tier und seinen Begleit-Arten.

Dieses Buch folgt einer explizit evolutionären(1) Agenda. Ich werde im weiteren Verlauf näher darauf eingehen, worin ich die Vorteile dieser Herangehensweise sehe, und ich überlasse es letztlich den Lesern zu entscheiden, in welchem Ausmaß sie sich als nützlich erwiesen hat. Zu Beginn sollte ich jedoch ausführen, was ich damit meine. Urbanismus wurde in letzter Zeit zu einem zentralen Teil der Erfahrung der Spezies Mensch, und Städte wurden zu einer der bevorzugten Nischen unserer Spezies. Als »letzte Zeit« bezeichne ich die letzten zehntausend Jahre – also den größeren Teil des Holozäns(1), das mit dem letzten Rückgang der Gletscher einsetzte. Die Evolutionstheorie(2) bietet eine Möglichkeit, Wandel als Ergebnis von selektivem Druck auf eine Spezies oder einen Teil einer Spezies zu verstehen. Mitglieder einer Spezies und Gruppen innerhalb einer Spezies unterscheiden sich auf alle möglichen Weisen, darunter ihrer Lebensweise. Für Lebensweisen, die eine Vermehrung von Bevölkerungszahlen zur Folge hatten, war unter diesen Bedingungen von selektivem Druck die Wahrscheinlichkeit höher, sich zu verbreiten. Wir sagen abgekürzt, diese vorteilhaften Merkmale seien ausgewählt worden, aber man müsste eigentlich genauer sagen, dass eine Abwahl von weniger wettbewerbsfähigen Merkmalen stattfand. Das zentrale Argument des ersten Teils dieses Buches lautet, dass unsere Spezies mehrere Merkmale hat, die es uns zufällig erleichtern, in Städten zu leben, und dass es sich herausgestellt hat, dass das Leben in der Stadt jenen, die es praktizieren, einen Vorteil bietet im Vergleich mit jenen, die es nicht tun. Die stadtbewohnenden Menschen haben im Lauf der letzten Jahrtausende viele der anderen verdrängt, dominiert und ersetzt.

Das heißt nicht, dass wir in Städten leben müssten. Evolutionisten(3) akzeptieren weder Plan, Bestimmung noch Schicksal. Aktuell sieht es so aus, als existiere unsere Spezies seit rund 300 000 Jahren – Städte bauen und bewohnen wir seit einem Zeitraum von vielleicht drei Prozent dieser Periode. Selbst im Holozän lebten die meisten Menschen nicht in Städten. Allerdings hat sich in den letzten Jahrtausenden herausgestellt, dass das Leben in Städten die Lösung eines breiten Spektrums an Problemen bietet. Das Zusammenleben an einem Ort brachte Sicherheit, Größenvorteile und neue Möglichkeiten für Spezialisierung und Akkumulation. Außerdem hören wir nicht auf, uns physiologisch an unsere Umgebung anzupassen(4). Die meisten Variationen in Hautfarbe, Haartypus, Gewicht und Körperform zwischen menschlichen Populationen heutzutage, jedenfalls außerhalb von Afrika, sind in den letzten 100 000 bis 50 000 Jahren aufgetaucht, während wir unseren Lebensraum über den Planeten ausgedehnt haben. Es gibt Hinweise auf Anpassung an extreme Umgebungen unter so abgelegenen Völkern wie den Inuit in der Arktis und den Bewohnern des Hochlands von Tibet. Einige Anpassungen wie etwa die Fähigkeit, im Erwachsenenalter Milch zu trinken, haben sich in den wenigen tausend Jahren seit der Domestizierung verbreitet. Das heißt: Menschen so zu beschreiben, als seien sie gegen Selektionsdruck immun, ist ein Fehler.

Selektionsdruckfaktoren(5) wirken sich auf jedes Bevölkerungsmerkmal aus, das ihre Reproduktionsfähigkeit beeinflusst. Diese Variation kann sich auf die Biologie beziehen – die Form der Hämoglobin-Zellen beispielsweise – oder auf das Verhalten. Der Verzehr von Fleisch, große Familien und Städtebau sind lauter Verhaltensmerkmale, und auf alle wirkt sich Selektionsdruck aus. Es trifft zu, dass bestimmte Verhaltensmuster das Ergebnis bewusster Planungen sind. Einige Städte zeigen ein hohes Ausmaß an Planung. Andere scheinen organisch gewachsen zu sein, Produkte vieler zusammenwirkender Veränderungsmuster. Den Selektionsdruckfaktoren ist es gleichgültig, ob die Variation durch Gene oder Generäle in Gang gesetzt wurde. Dinge, die funktionieren, überleben und verbreiten sich; Dinge, die das nicht tun, gehen unter. Evolution erklärt auch weiterhin den unterschiedlichen Erfolg diverser menschlicher Merkmale, seien sie nun biologischen (wie die Haarfarbe) oder kulturellen Ursprungs (wie die Entscheidung, an einem Ort zusammenzuleben). Und Selektion(6) ist blind. Keine evolutionären Kräfte lenken Menschen in Städte oder bestimmen den Weg, dem sie folgen.

Wenn man eine Geschichte erzählt, ist man immer versucht, den Blick zurückzuwenden und das erste Auftreten dieser oder jener Innovation herauszupicken, die sich später als bedeutend herausstellte. Ich habe mich bemüht, ein guter Evolutionist zu sein, das heißt jene Pfade, die irgendwo- oder auch nirgendwohin führten, ebenso wahrzunehmen wie diejenigen, die zur Gründung von Städten führten. Ich habe auch versucht, in Betracht zu ziehen, dass die Entdeckungsreisenden, Kaufleute, Stammesführer, Seefahrer, Feldherren und Könige genausowenig wie wir heute wussten, wohin die Geschichte unterwegs war. Der antike mediterrane Urbanismus ergab sich aus ihren Aktivitäten, doch war er nie geplant. Die Griechen stellten sich manchmal vor, dass wir rückwärts in die Zukunft reisen: Wir schauen zu, wie die Vergangenheit zurückweicht, sind aber blind für das, was kommt. Das ist ein gutes Bild für den Historiker, und ich habe versucht, es zu verinnerlichen.

Teil I

Ein urbanes Lebewesen

1.

In Richtung Stadt

Auf die lange Sicht

Wir schiffen uns ein zu einem urbanen Abenteuer.

Zahlen können das gewaltige Ausmaß des Wandels zwar nicht wiedergeben, doch eindrucksvoll sind sie allemal. Während ich diese Worte schreibe, leben sieben komma sieben Milliarden unserer Spezies auf diesem Planeten.[1] Die eine Hälfte lebt bereits in Städten. Ende des Jahrhunderts wird diese Zahl wohl auf 75 Prozent(1) angestiegen sein. Städte wachsen so schnell, dass es schwerfällt, mit dem Zählen hinterherzukommen. Eine kürzlich vorgenommene Schätzung listet fast tausend Ballungsräume auf, von denen jeder mindestens eine halbe Million Einwohner hat. Die letzte Erhebung der Vereinten Nationen in den World Urbanization Prospects(1) kommt auf 33 Megacitys – Städte mit jeweils über zehn Millionen Einwohnern.[2]

Was zählt als Stadt(1)? Die Antwort (und die in diesen Berichten verwendeten Definitionen) ändern sich je nach Ort. In Nicaragua ist eine Siedlung mit Straßenbeleuchtung und Elektrizität eine Stadt, auch wenn in ihr nur 1000 Einwohner leben. Japan zieht die Grenze bei 50 000 Einwohnern. Einige Definitionen fordern, dass eine Stadt eine zusammenhängend bebaute Fläche haben muss, dass ein bestimmter Anteil der Bevölkerung seinen Lebensunterhalt nicht durch Landwirtschaft verdient oder dass die Siedlung eine gewisse Rechtsform oder Verwaltungsfunktion haben muss. Und wo hört die eine Stadt auf und fängt die nächste an? An der Atlantik- und der Pazifikküste der USA, in der niederländischen Randstad und in der Greater Tokyo Area gehen Städte in andere Städte über. Einige Geographen ziehen es vor, von Metropolregionen oder Ballungsräumen zu sprechen; ihre Bevölkerungszahlen belaufen sich bis hin zu mehreren zehn Millionen.

Derart riesige Städte(2) gab es in der Antike nirgendwo. Tatsächlich waren bis ins 18. Jahrhundert selbst Städte mit einer Million Einwohnern selten. Es ist nicht einfach, eine Stadt in Begriffen zu definieren, die jeden zufriedenstellen, selbst wenn man sich auf die vorindustrielle Zeit beschränkt. Diese Frage wird in einigen Kapiteln wieder auftauchen, wenn es um die Vorstellung einer »urbanen Revolution« geht; allerdings dürfte es nützlich sein, bereits hier eine vorläufige Definition zu geben, damit der Begriff »Stadt« trennscharf benutzt werden kann.

Eine Stadt(3) ist eine Unterform einer geschlossenen Wohnsiedlung. Für den größten Teil der Menschheitsgeschichte waren wir nicht an einem dauerhaften Ort angesiedelt – aus dem einfachen Grund, dass nur sehr wenige Ökosysteme reich genug an natürlichen Ressourcen sind, um eine Bevölkerung von Fischern, Sammlern und Jägern das ganze Jahr über zu ernähren. Die meisten voragrarischen Bevölkerungsgruppen waren mobil. Sie hatten selbstverständlich zeitweilige, jahreszeitlich wechselnde Ansiedlungen und manchmal auch Ansiedlungen, wo ein Teil der Bevölkerung über lange Phasen lebte, während andere auf Jagd gingen. Komantschendörfer des 18. und 19. Jahrhunderts sind ein gutes Beispiel. Die Völker, die im späten Pleistozän Mammuts jagten, errichteten aus deren Knochen mächtige Konstruktionen, die, wenn schon keine Siedlungen, so doch in gewisser Weise zentrale Orte waren. Daraus ergibt sich eine weitere Erschwernis: Wir schreiben häufig so, als wären menschliche Landschaften überwiegend um Wohnsiedlungen herum organisiert, es gab jedoch auch Orte, die aus anderen Gründen wie Jagd, Begräbnis oder Kult wichtig waren. All diese Orte gehören zur Abstammungslinie von Städten, ohne selbst Städte zu sein.

Eine Stadt(4) ist mehr als ein Dorf. Die meisten Ackerbauern lebten in der Nähe ihrer Ernte. Da Landwirtschaft häufig ein Wachstum der Bevölkerung ermöglichte, wurden diese Ansiedlungen häufig ziemlich groß. Ein großes Dorf von einer kleinen Stadt zu unterscheiden, ist ganz und gar nicht einfach. Die Größe funktioniert als Kriterium nicht. Viele neolithische Dörfer waren viel größer als einige spätere Städte. Es ist schwierig, sich ein Dorf mit 100 000 oder einer Million Einwohnern vorzustellen, und wenn wir von einem »globalen Dorf« reden, dann wissen wir, dass das ein Paradox ist: die übertriebene Behauptung, Entfernung sei durch die modernen Kommunikationsmittel so irrelevant geworden, dass wir jetzt alle füreinander nächste Nachbarn sind. Doch selbst wenn wir uns auf eine größenbezogene Obergrenze für ein Dorf einigen könnten, ist es weniger einfach, eine Untergrenze für eine Stadt auszumachen. Im Lauf dieses Buchs wird es sich herausstellen, dass die meisten Städte der römischen Welt Bevölkerungen hatten, die kleiner waren als diejenige des Dorfs Çatalhöyük(1) im Anatolien des 7. Jahrtausends v. Chr. Noch größere neolithische Dörfern sind aus dem prähistorischen Europa bekannt, etwa Talianki in der Ukraine, das sich im 4. Jahrtausend v. Chr. über Hunderte Hektar erstreckte und möglicherweise von 15 000 Menschen bewohnt war. Größe ist nicht alles. Wir brauchen für Urbanismus andere Kriterien.

Städte(5) sind im Vergleich mit Dörfern kompliziertere soziale Welten.[3] Wenn einer unserer frühen Bauern durch eine der ersten Städte der Welt spazieren würde, dann würde er sofort feststellen, dass es dort mehr Arten von Gebäuden und mehr Arten von Plätzen gab als zu Hause. Die Architektur war vielfältiger: Einige Häuser waren größer oder aufwendiger gebaut als andere, was bedeutete, dass einige Familien reicher oder mächtiger waren als andere. Einige Gebäude stachen durch ihre Größe hervor(1), andere durch ihre Bauweise, ihre Ausschmückung oder durch die Materialien, aus denen sie gebaut waren. Die Einzelheiten waren von Kultur zu Kultur unterschiedlich, doch alle frühen Städte vermittelten den Eindruck einer sozialen Welt, in der Unterschiede zwischen den Stadtbewohnern eine Rolle spielten. Dasselbe galt für ihre Bestattungen und für die Hügel oder Grabmäler, die die Ruhestätten der Bessergestellten kennzeichneten.

In den meisten der in diesem Buch dargestellten Städte(6) gab es auch öffentliche Gebäude und religiöse Bezirke. Einige hatten Stadthallen, Gerichtsgebäude oder Paläste, die häufig größer waren als andere Gebäude; oder sie waren auf natürlichen oder aufgeschütteten Hügeln errichtet, so dass die Bevölkerung sie als Orientierungspunkte wahrnahm. Ein sehr häufig vorkommendes gemeinsames Merkmal war offenbar die Schaffung ausgedehnter offener Flächen, Durchgänge und Blicklinien, welche die Stadt dem Blick ihrer Einwohner darboten. Ausgefeilte Versammlungsorte – landschaftlich gestaltete Täler, Amphitheater, große Plätze – ermöglichten die Teilnahme riesiger Menschenmengen, sei es an Opfern, Schauspielen oder Diskussionen. Teotihuacan(1) hatte seine mächtige Prozessionsstraße, griechische Städte hatten ihre Theater, während die Pyramiden der Azteken und der Maya dieselbe Funktion hatten wie die Zikkurats von Mesopotamien: Sie boten große Plattformen, von denen aus die Massen zuschauen konnten, wie ihre Priester und Herrscher sich den Göttern näherten. Frühe Städte vereinten die räumliche und monumentale Komplexität(2) megalithischer Ritualorte mit der dichten, sesshaften Siedlungsform neolithischer Dörfer. Städte waren zugleich monumental und residenziell, Orte alltäglichen sesshaften Lebens und Orte außerordentlicher politischer Schauspiele. Dieselbe Art von Kalendern(1), die früher periodisch zur Verehrung der Götter ländliche Bevölkerungen versammelt hatte, die sich dann anschließend wieder zerstreut hatten, organisierte jetzt die urbane Zeit mit der Erklärung von Feiertagen, Karneval, Mardi Gras. Städte wurden zu Bühnen für die Darstellung einer komplexen sozialen Ordnung. Ihre spektakuläre Monumentalität(3) wies diese neue Ordnung als Zivilisation aus. Fast alle städtischen Gesellschaften hatten ein Konzept von Zivilisation(1), das unserem ähnelte, das ihr Überlegenheitsgefühl über andere Völker widerspiegelte.

Neben diesen Monumenten hatten die meisten antiken Städte(7) eine Reihe anderer, weniger auffälliger Gebäude, die es in Dörfern nur selten gibt. Dazu gehörten Werkstätten, Walkereien, Lagerhallen, Schmieden, Töpfereien und Brauereien, Marktplätze und Läden: Zusammengenommen stehen sie für eine weniger auffällige Verwandlung der Gesellschaft. Die städtische Welt war nicht nur in Herrschende und Beherrschte aufgeteilt, sie gliederte sich auch nach Tätigkeiten; sie umfasste viele verschiedene Handwerker und Dienstleister, die alle durch die Frucht der bäuerlichen Tätigkeit anderer ernährt wurden. Sobald feststehende Marktstrukturen vorliegen, können wir davon ausgehen, dass ein Teil der Bevölkerung jeden Tag Lebensmittel einkauft. Um das zu tun, mussten sie Geld verdienen. Städte der Bronzezeit hatten kein Geld, vielleicht auch nicht viel Kleinverkauf, doch gab es Handel und Austausch. Der entscheidende Unterschied zwischen einer Stadt und einem Dorf besteht darin, dass eine Stadt auf einer anderen Art von Solidarität aufbaut. Städte haben eine Form von organischer Solidarität, die auf der Zusammenarbeit von Menschen mit sich ergänzenden Fähigkeiten beruht. Dörfer haben eine mechanische Solidarität, die auf der Zusammenarbeit von Ackerbauern mit ähnlichen Werten und ähnlichen Fähigkeiten beruht. Das ist natürlich ein wenig schematisch formuliert, doch drückt es einen fundamentalen Aspekt aus: Das Leben in der Stadt beruht auf sozialer Differenzierung, auf Ungleichheit, auf Arbeitsteilung, und zwar in einem Ausmaß, das mit dem Dorfleben – selbst dem Leben in großen Dörfern – nicht vergleichbar ist.

Daraus folgt, dass Städte(8) nicht einfach nur Orte sind: Sie sind die sichtbarsten physischen Manifestationen tieferer und weiter ausgreifender gesellschaftlicher Wandlungsprozesse. Als Archäologen damit anfingen, Listen von Dingen zusammenzustellen, die typisch urbaner Natur waren, bezogen sich viele auf dieses neue Spezialisierungsniveau innerhalb der Gesellschaft und auf die neuen Ungleichheiten, die damit einhergingen. Es gab nicht nur Priester, Feldherren und Könige, sondern auch Arbeiter, die von den Herrschern versorgt wurden. Einen Siegelstein zu gravieren, wie man ihn aus dem frühen Mesopotamien oder dem Industal kennt, setzte enorme Fähigkeiten voraus und dann einen enormen Aufwand. Die Lehrzeit, dann die Zeit, um an den Siegeln zu arbeiten, Nahrung und Unterkunft, während man dieser Arbeit nachging, und die seltenen, exotischen Materialien, die verwendet wurden – all das hing von einer Art Sponsor ab, sei das ein König, ein Patron oder jemand, der ein wenig von beidem war. Wir könnten dasselbe über die Handwerker sagen, welche die Kunst zur Vollkommenheit trieben, die gewaltigen Bronzekessel der frühesten chinesischen Städte herzustellen. Andere Gegenstände auf der Liste hatten mit Schrift und Denkmälern zu tun, bildender Kunst und Literatur, Naturwissenschaft und Mathematik. Auch diese setzten voraus, dass einige Individuen von der Notwendigkeit, auf den Feldern zu arbeiten, befreit wurden. All dem lag Ungleichheit zugrunde.[4]

Wenn diese frühen Städte(9) auf den ersten Blick aussehen wie kleine Inseln der Komplexität in einem Meer der Gleichheit, dann täuscht dieser Eindruck. Man verließ die mesopotamische Stadt Uruk(1) des vierten Jahrtausends und war bald zurück auf den flachen Feldern, wo alle Bauern waren und die meisten in kleinen Weilern ohne Zikkurats und ohne mächtige Mauern lebten. Aber wenn eine Gesellschaft Städte hat, dann verändert sich alles andere auch. Die Dörfer sind nicht länger selbstgenügsame kleine Welten, sondern Teile einer umfassenderen sozialen Ordnung. Die Bauern bauen nicht mehr nur für sich selbst und ihre Nachbarn Getreide an, sondern sie geben einen Teil davon weg. Einige müssen auch hin und wieder Soldaten sein und weit weg von zu Hause kämpfen. Und ihre Hausgötter sind nicht mehr der Mittelpunkt des Kosmos.

Städte(10) unterscheiden sich noch auf eine weitere Weise von Dörfern. Sie sind mit größeren Welten und entfernten Orten stärker verbunden. Die von den Dorfbewohnern produzierten Überschüsse versorgten nicht nur deren städtische Herrscher, sondern wurden von diesen wiederum als Grundlage für ausgedehnte Austauschnetze genutzt. Spätere Kapitel werden die Austauschnetze vorstellen, die in der Bronzezeit Mesopotamien mit Afghanistan, Nordwest-Indien und Anatolien verbanden, und das mexikanische Teotihuacan mit den Dschungeln der Halbinsel Yucatan und der Steppe des amerikanischen Südwestens. Das am dichtesten in städtischen Zentren gewobene komplexe soziale Netz erstreckt sich auch über die ländliche Gegend, verbindet eine Stadt mit einer anderen und bezieht jeden mit ein. Städte waren nicht nur Knotenpunkte in diesem Netzwerk: Sie waren auch Grundbestandteile der Hardware, mit der Information(1) ebenso wie Menschen und ihre Besitztümer bewegt wurden. Städte waren Drehkreuze, die alle möglichen Arten von Zentralität in sich vereinten – Zentren der Verwaltung, der Religion und der Wirtschaft(11).

Die Mittelmeer-Geschichte

Der größte Teil dieses Buchs befasst sich mit einem Ausschnitt des urbanen Planeten, mit einer Welt, die an den Küsten und auf den Inseln des Mittelmeers verankert war. Der Aufstieg und Fall antiker Stadtsysteme spielte sich im letzten Jahrtausend v. Chr. und im ersten Jahrtausend n. Chr. ab. Um jedoch den Entstehungszusammenhang dieser Städte zu verstehen, ist es nötig, einen Umweg über die Vorgeschichte zu machen. Doch zuvor biete ich eine kurze Zusammenfassung dessen, was folgt.

Das Mittelmeer der Eisenzeit wurde während der ersten Jahrhunderte des letzten Jahrtausends v. Chr. von Phöniziern, Griechen, Etruskern und einigen wenigen ihrer Nachbarn erkundet, besiedelt und verbunden. Auf ihren Reisen fanden sie nur wenige Städte vor, und tatsächlich gab es in der Mittelmeerwelt um 1000 v. Chr. fast keine Städte. Im Zeitraum der nächsten paar Jahrhunderte änderte sich das. Die Welt wurde durch immer dichtere Migrations- und Austauschnetzwerke verknüpft. Diese dichten Beziehungsnetzwerke erstreckten sich später über die Inselwelt der Ägäis von der heutigen Türkei bis zum heutigen Griechenland. Lange Seerouten verbanden Tyros (in der Levante) über Sizilien und Nordafrika, Sardinien, Malta und die Balearen mit der Straße von Gibraltar. Diese Routen verzweigten und verbanden sich. Wo sie sich kreuzten – an den Knoten- oder Eckpunkten dieser Netzwerke –, entstanden einige der ersten städtischen Siedlungen des Mittelmeers. Zunächst hatten sie wenig Ähnlichkeit mit den monumentalen Städten des bronzezeitlichen Nahen Ostens, doch sie erwiesen sich als nützlich zur Verankerung des sich herausbildenden Netzwerks, und mehr Verkehr floss über sie. Mitte des letzten Jahrtausends gab es wenige Orte in der Welt des Mittelmeers, die mehr als eine Tagesreise zu Schiff von einer Stadt entfernt waren. Um 300 v. Chr. hatten einige der größten Städte bereits kleine Imperien gewonnen und wieder verloren. Königreiche und Imperien expandierten über diese urbanen Netzwerke, sie benutzten ihre Verbindungen und beraubten sie ihrer Autonomie. Um die Wende des 8. Jahrhunderts hatte das römische Reich seine sämtlichen Vorgänger verschluckt und säte eifrig Städte in die wilden Wälder Europas, an die Ränder der Wüsten von Syrien und Libyen, auf die Hochebenen Kleinasiens und in die steilen Täler der Alpen. Viele der Orte, die man wählte, waren zum Scheitern verurteilt, doch es blieben genügend Orte übrig, um das System auszuweiten. Dann – nach wenigen Jahrhunderten, während derer der Verkehr zwischen den Städten über den Atlantik und die Nordsee bis zum Persischen Golf und den Ostseeraum hin- und herwogte – kam die Kehrtwende. Die meisten Städte schrumpften. Einige wenige wurden völlig aufgegeben, oder sie hörten auf, Städte zu sein. Vielerorts wurden urbane Monumente demontiert, um Mauern oder Häuser zu bauen. Auf den freien Flächen schrumpfender Metropolen wurden Gärten angelegt. Kontinentale Handelsnetzwerke, die zuvor Stein, Getreide, Wein und Öl über Tausende von Kilometern transportiert hatten, zogen sich auf die Küstenlinie des Mittelmeers zurück. Die größten Schiffe wurden abgewrackt. Der Transport von Massengütern wandelte sich zurück zu einem Handel mit Luxusgegenständen. Häfen versandeten und wurden nicht mehr freigelegt. All das begann, noch bevor die westlichen Provinzen Roms germanischen Stämmen überlassen werden mussten, und lange bevor arabische Truppen in den ersten Jahren des 8. Jahrhunderts n. Chr. das Perserreich zerstörten und Syrien und Ägypten, Kleinasien und Nordafrika, Spanien und Sizilien eroberten.

Die spektakuläre Geschichte vom Wachstum und Vergehen des antiken mediterranen Urbanismus wird häufig vom Lärm des Aufstiegs und Falls des römischen Reichs überdröhnt. Dies ist jedoch eine andere Geschichte, und auch ihr zeitlicher Ablauf ist ein anderer. Städte begannen zu wachsen und miteinander in Kontakt zu kommen, als Rom gerade einmal eine Ansammlung von Dörfern war. Und auf dem Höhepunkt der Macht Roms, im 2. und 3. Jahrhundert n. Chr., erstreckte sich das antike Städtesystem weit über die politischen Grenzen des römischen Reichs hinaus. Händler, Missionare und Diplomaten reisten durch die Karawanenstädte Nordsyriens und des Irak, um Verbindung mit antiken griechischen Städten aufzunehmen, die damals im Herzen des Perserreichs lagen, in Babylonien (heute Süd-Irak) und sogar in Afghanistan. Andere segelten auf der Suche nach den Warenbeständen Ostafrikas, Südindiens und Sri Lankas das Rote Meer hinunter, oder sie reisten nilabwärts, über Ägypten hinaus nach Nubien. Lange vor dem Beginn von Roms imperialem Abenteuer kam Bernstein aus dem Baltikum, Elfenbein aus der südlichen Sahara. Historiker und Geographen der Antike wie Herodot, Strabon, Plinius und Ptolemaios wussten, dass es Städte gab, die noch weiter entfernt waren – in Zentralasien und bei den fernen Seidenmenschen Chinas.

Selbst in der dunkelsten Periode wirtschaftlichen und politischen Zusammenbruchs wurde die Kette urbaner Gesellschaften, die sich über die Alte Welt erstreckte, nie unterbrochen.[5] Diese Kette existierte bereits in der Bronzezeit. Die ältesten Städte auf dem Planeten wurden im 4. Jahrtausend v. Chr. gegründet, zuerst in Mesopotamien und Ägypten, bald dann auch an anderen Orten Eurasiens. Der mediterrane Urbanismus war ein später Ableger einer sehr viel älteren Tradition, dessen Vitalität immer im Osten größer war. Die Städte an den westlichen und nördlichen Rändern der römischen Welt tauchten als letzte auf, und sie waren die ersten, die untergingen. Ganz überwiegend waren in der Periode, die dieses Buch umfasst, die größten Städte des Nahen Ostens sehr viel größer als jene im Mittelmeerraum. Nach dem Ende Roms sollte Bagdad die verbliebenen Städte des frühmittelalterlichen Westens weit in den Schatten stellen.

Eine urbane Schimäre

Wenn man jedoch ein beliebiges Buch über die Herrlichkeit Griechenlands oder die stupende Brillanz Roms öffnet, wird einem unweigerlich mitgeteilt, dass die antike Welt »eine Welt der Städte« war. Spaziert man heute durch große Hauptstädte, vor allem in Europa oder an der Ostküste der Vereinigten Staaten, dann stößt man ununterbrochen auf visuelle Bezüge auf die klassische urbane Architektur(1). Piazzas erinnern an die römischen Foren, klassizistische Kirchen ahmen antike Tempel nach. Im 19. Jahrhundert erbaute Rathäuser prunken häufig mit enormen, säulengestützten Giebeln und Zugängen über monumentale Treppen. Das British Museum (vgl. Abb. 1), entworfen 1823 und 1852 fertiggestellt, ist ein gutes Beispiel, ebenso das Philadelphia Museum of Art (vgl. Abb. 2), geplant seit 1876 und 1928 fertiggestellt. Tatsächlich hatte die antike Welt keine Museen, Rathäuser oder Banken im heutigen Sinn, doch die Viktorianer errichteten diese Bauten, als seien es Paläste und Häuser der Götter. Das lässt sich auf der ganzen Welt beobachten. Bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts drückten sich einige unserer größten Städte fast ausschließlich in einem klassischen Dialekt aus: Ihre Zentren waren beherrscht von massiven Bauten aus Marmor, Travertin und Granit, und ihre gewaltigen Fassaden zogen sie vor ausladenden horizontalen Sichtachsen hoch. Die National Gallery in London(1) thront mit ihren Statuen und Löwen und riesigen Wasserbecken über dem Trafalgar Square. Erst mit der Erfindung von Wolkenkratzern und der Beherrschung des Umgangs mit Stahl, Beton und Glas war es uns möglich, große Städte anders zu denken denn als größere Versionen ihrer klassischen Vorgänger.

Abb. 1: Das British Museum in London

Abb. 2: Das Philadelphia Museum of Art

Die Gründe für das Vorherrschen des klassischen urbanen Stils(2) sind gut bekannt. Die späteste und intensivste Phase des überstürzten Drangs unserer Spezies zum Urbanismus ist erst zwei- oder dreihundert Jahre alt. Während dieser Zeit dominierten europäische Imperien den Globus, und sie befanden sich im Bann ihrer römischen Vorfahren.[6] Die Briten bauten in Indien und Australien große viktorianische Städte. Die junge amerikanische Republik orientierte sich an römischer Politik und griechischer Architektur. In ganz Europa ergossen sich die Gewinne aus der Staatenbildung und dem Kolonialismus über die Neugestaltung von Berlin und Paris, Brüssel und Madrid, wobei sie frühneuzeitliche und mittelalterliche Stadtlandschaften ausradierten und durch Marmor(1) ersetzten, ganz so wie Augustus sich damit gerühmt hatte, es mit Rom gemacht zu haben.

In Wahrheit ist der antike mediterrane Urbanismus sehr viel unspektakulärer als seine modernen Nachahmungen(3). Die imposantesten römischen Gebäude könnten es mit der Stadtarchitektur von Industriestädten des 19. Jahrhunderts nicht aufnehmen; die frühneuzeitliche Architektur von London oder Amsterdam ist von einem viel grandioseren Maßstab als die Architektur der meisten klassischen Städte. Tatsächlich kann man diesen Trend aber noch weiter zurückverfolgen. Die eindrucksvollsten Ruinen in Athen(1) sind Bauten aus dem römischen Imperium, sie entstanden nicht während der klassischen Demokratie – dabei war das »römische« Athen eher eine respektable Provinzstadt, während das Athen des Perikles über ein Imperium herrschte(2). Ebenso vernichtete das Rom der Caesaren mehr oder weniger komplett die sichtbaren Spuren der republikanischen Stadt, die ihm vorausgegangen war – so wie Haussmann, der Architekt Napoleons III., in den 1850er und 1860er Jahren einen Großteil des mittelalterlichen Paris auslöschte.

An all diesen Größenverschiebungen ist nichts Geheimnisvolles. Technischer Fortschritt und wirtschaftliches Wachstum erklären, warum die größten römischen Bauten diejenigen des klassischen Griechenlands übertrumpften, und sie erklären, warum weder die einen noch die anderen es mit der pompösen bürgerlichen Architektur des Industriezeitalters aufnehmen konnten oder mit den Monumenten, die den Globus umspannende europäische Imperien erbauten. Außerdem gab es damals sehr viel weniger Menschen. Im 2. Jahrhundert n. Chr. lebten schätzungsweise eine Milliarde Menschen auf der ganzen Welt, wahrscheinlich eher weniger. Von uns werden wohl in absehbarer Zeit 75 Prozent(2) in Städten leben; ungefähr derselbe Anteil lebte damals auf dem Land, in Dörfern, Weilern oder auf vereinzelten Bauernhöfen. Deshalb waren die Städte damals nach heutigen Maßstäben tatsächlich sehr klein. Sogar auf dem Höhepunkt(1) des klassischen Urbanismus, als es rund zweitausend Städte auf dem Gebiet des römischen Reichs gab, hatten rund drei Viertel von ihnen nicht mehr als fünftausend Einwohner. Außerdem waren viele Einwohner klassischer Städte selbst Bauern, sie bearbeiteten direkt vor den Stadtgrenzen gelegene Felder und Obstgärten oder sogar Gärten mitten in der Stadt.

Sehr lange Zeit befanden sich Historiker der klassischen Antike im Bann der vollmundigen Rhetorik antiker Autoren. Für Epik, Drama und Rhetorik war die entscheidende Bedeutung der Stadt eine Selbstverständlichkeit; urbanitas (wörtlich: »Städtischkeit«) ist das lateinische Wort für eine bestimmte Art kultureller Distinguiertheit, und die Griechen bezeichneten ihre Staaten als poleis, die Wurzel unseres Ausdrucks »Politik«. Wenn frühchristliche Autoren die Polytheisten als Landmenschen (pagani, daher das englische Wort pagans, Heiden) bezeichneten, dann war das abwertend gemeint. Solange wir die Antike überwiegend aus literarischen Zeugnissen kannten, die von Reichen für Reiche verfasst worden waren, übernahmen wir deren Bewertung von Stadt und Land. Der Ruinenkult, der sich in der Renaissance herausbildete, und die Städte, die Stationen auf der Grand Tour bildeten – all das verstärkte die Vorstellung von der Antike als einer Welt der Denkmäler. Doch waren die meisten antiken Städte überhaupt nicht mit Rom und Athen vergleichbar, und sie waren auch nie so großartig, wie Gelehrte der Aufklärung und Romantiker sie sich und uns vorstellten. Erst in den letzten Jahrzehnten haben Archäologen und Historiker erkannt, wie klein klassische Städte tatsächlich waren.[7]

Außerdem kam es den Interessen vieler entgegen, die Antike aufzuhübschen und sie »klassisch« zu machen. Lange bevor die Grand Tour junge Gentlemen dazu motivierte, klassische Stätten aufzusuchen, wurden sie mit den Vorurteilen einer Klasse indoktriniert, für die urbanes Leben gleichbedeutend mit zivilisiertem(1) Leben war. Ihre Studien, ihre Kenntnis obskurer Sprachen und ihre Erfahrungen aus Reisen in die weite Welt zeichneten sie als Mitglieder einer herrschenden Elite aus. Die geteilte Erfahrung der Antike (oder vielmehr ihrer Spuren) band die herrschenden Klassen aneinander, verlieh ihnen das Gefühl, ästhetisch und kulturell dem Rest überlegen zu sein. Als die Europäer Reiche eroberten, lieferte Rom ihnen ein Vokabular, einen Satz visueller Symbole und eine Handvoll Slogans, Zitate und Erinnerungsfragmente, aus denen sich eine imperiale Zivilisation(2) schmieden ließ. Der Klassizismus diente faschistischen Parteien im 20. Jahrhundert. Die Bühnen, auf denen mit Märschen und Paraden, mit spektakulären Sieges- und Bildungsdenkmälern die Überlegenheit der »Zivilisation des Westens« vorgeführt wurde, mussten imperiale Städte sein.[8]

Das Wort »Zivilisation«(3) wurde erst Ende des 18. Jahrhunderts geprägt. Es fasst die Ideale von Gelehrten des Zeitalters der Aufklärung zusammen, eine Beschreibung der Welt, die sie aufbauen wollten, wobei sie der Meinung waren, es handle sich um einen Wiederaufbau. Das englische Wort civilty war ein älterer Begriff, es beschrieb den Charakter eines Bürgers (im Unterschied zu einem Bauern). Während der Kolonisierung der Neuen Welt bildete das Wort den Gegensatz zum Barbarentum(1) der einheimischen Völker. »Barbarisch« ist ebenfalls eine klassische Vorstellung: zunächst das Wort der Griechen für solche, die nicht ihre Sprache sprachen und ihre Werte nicht teilten; dann ein römischer Begriff für Völker, die man als Wesen ansah, die auf halbem Weg zwischen Tieren und Gebildeten stehengeblieben waren. Verfolgen wir diese Genealogie zurück, dann sehen wir, wie die Vorstellungen von Urbanität, Zivilisation(4), metropolitanischer Kultiviertheit und alles, was sonst noch dazugehört, aus klassizistischen Idealisierungen der Stadt stammen.[9]

Es ist ein historischer Zufall, dass griechische und römische Reichsvorstellungen noch immer im Herzen so vieler moderner Städte aufzufinden sind. Das urbane Abenteuer unserer Spezies hat viele Wurzeln: in den Tälern Mexikos und in den Dschungeln von Yucatan, in der Sahelzone südlich der Sahara und in Groß-Simbabwe ebenso wie in den Tälern des Tigris und Euphrat, am Gelben Fluss und am Jangtse und entlang des Nils. Vielleicht wird bis zum Ende des 21. Jahrhunderts das eine oder andere dieser anderen architektonischen Idiome das klassische Idiom ersetzt haben, passenderweise umgesetzt in die Materialien der Gegenwart.

Dieses Buch bietet eine nüchternere Darstellung des Aufkommens von Städten um das antike Mittelmeer herum. Es stützt sich weniger auf die Literatur, die von jenen produziert wurde, die in diesen Städten herrschten, und dafür mehr auf deren materialen Überreste und auf die Dokumente, die das Alltagsleben derer vermitteln, die in diesen Städten lebten. Dieses Buch argumentiert, dass die mediterrane Welt immer besser an das Leben in Dörfern, nicht in großen Ballungsräumen angepasst war; und dass der Bau von Städten in dieser spezifischen Umgebung großer Anstrengungen bedurfte. Diese Anstrengungen waren mit ihrem Bau nicht zu Ende. Antike Städte am Mittelmeer konnten nur mit enormem Aufwand unterhalten werden, und der gewaltige Rückgang zum Ende der Antike ist nicht so schwer zu erklären wie die Jahrhunderte, in denen nur einige wenige antike Städte von Zehntausenden bewohnt wurden und lediglich eine wirklich ganz kleine Anzahl von hunderttausenden Seelen. Diese Geschichte stützt sich zum Teil auf die Archäologie, zum Teil auf traditionelle historische Quellen, vor allem aber auf die neue Offenheit heutiger Wissenschaftler für die Arbeit von Sozialwissenschaftlern und Biowissenschaftlern. Humangeographie, Demographie und Umweltwissenschaft haben hier den Takt für eine Neubewertung der antiken urbanen Zivilisation vorgegeben. Diese Neubewertung hat gerade erst angefangen, aber die Geschichte ist zu aufregend und die Ergebnisse sind zu überraschend, als dass ich mit der Abfassung dieses Buchs noch länger zuwarten wollte.

Um diese Geschichte herum liegt jedoch eine größere Geschichte. Unsere menschliche Urbangeschichte erstreckt sich lediglich wenige Jahrtausende zurück, ziemlich genau bis zu jener Zeit, als einige von uns damit begannen, die Wildnis zu bebauen, in der unsere entfernteren Vorfahren herumgezogen waren. Städte hatten nicht nur einen einzigen Anfangspunkt. Der Urbanismus wurde wieder und wieder erfunden – in Asien und Europa, in Afrika und sowohl in Nord- als auch in Südamerika. Wie ist das zu erklären? Die ersten Menschen – es waren Jäger, Fischer und Sammler –, die Amerika betraten, waren nicht von Urbanismus-Träumen beseelt. Die Schlussfolgerung ist unausweichlich, dass wir als Spezies eine Art urbanes Potenzial haben – nicht eine Kraft, die uns durch die Geschichte auf ein gemeinsames urbanes Schicksal hintreibt, sondern eine Art Veranlagung zum Leben in der Stadt, eine Fähigkeit, städtische Räume zu bewohnen – eine Tendenz, vorausgesetzt, die Umstände stimmen, nah beieinander zu bauen und zu leben. Wenn wir tatsächlich »urbane Affen« sind, wie es das nächste Kapitel nahelegt, dann müssen diejenigen, die sich auf die antike Welt des Mittelmeerraums spezialisieren, nicht fragen, warum es zur Entstehung von Städten kam, sondern warum es erst so spät geschah. Und aus dieser Richtung möchte ich mich der spärlich urbanisierten und überwiegend ländlichen Welt der klassischen Antike nähern.

2.

Urbane Affen

Die große Trennung

Könnten wir einen Stammbaum für sämtliche Städte der Welt erstellen und auf einen einzigen Augenblick der Erfindung zurückverfolgen, dann könnten wir dort mit unserer Geschichte anfangen. Tatsächlich jedoch hat der Urbanismus(1) viele Ursprünge. Städte wurden wieder und wieder erfunden. Sie entstanden in den Flusstälern Ägyptens und Mesopotamiens und Nordchinas, in den Anden der Inka, auf der Anatolischen Hochebene durch die Hethiter und ihre Nachbarn. Die Maya bauten Städte in der Region, die heute von den Wäldern der Halbinsel Yucatan bewachsen sind, und handelten mit Stadtbewohnern im südöstlichen Mexiko. Es gab Städte im alten Thailand und südlich der Sahara. Es gab lang vor dem Eintreffen von Europäern Städte in Amerikas Waldgebieten, vielleicht sogar im Amazonasbecken, wo in den letzten Jahren LIDAR (Light Detection and Ranging – optische Abstands- und Geschwindigkeitsmessung), eine neue Methode der Laserabtastung, unter dem Dschungel dicht bevölkerte Landschaften entdeckt hat. Von den bewohnten Kontinenten liegen lediglich aus Australien (bis jetzt) keine Belege für frühen Urbanismus vor.[1]

Mehrere unterschiedliche Ursprünge können nur eines bedeuten: Irgendwo in der komplexen Matrix dessen, was es bedeutet, Mensch zu sein, muss es eine Neigung geben, Städte zu bauen – oder zumindest ein Talent oder eine Eignung zum Leben in der Stadt. Nicht jede menschliche Gesellschaft baut Städte, und nicht jeder Mensch schätzt es, in der Stadt zu leben. Aber als Spezies haben wir eine Art urbanes Potenzial, eine Neigung oder Fähigkeit, urban zu werden, wenn es sich anbietet.

Wir können einerseits fragen, welche Teile dessen, was es ausmacht, Mensch zu sein, sich so leicht zum Urban-Sein hin verwandeln; andererseits können wir fragen: Warum ausgerechnet jetzt? Menschen wie uns – anatomisch gesehen moderne Angehörige der Spezies Homo sapiens – gibt es seit mindestens dreihunderttausend Jahren. Andere Frühmenschen, mit denen wir uns den Planeten bis vor lediglich einigen wenigen zehntausend Jahren teilten, waren sogar noch länger da. Doch die gesamte Geschichte der Städte fängt erst vor sechstausend Jahren an. Wenn wir von Natur aus urbane Affen wären – warum haben wir dann so lang gebraucht, bis wir in der Stadt ankamen? Der Urbanismus ist vollständig innerhalb des aktuellsten geologischen Zeitalters enthalten, des Holozäns: also jener Warmperiode, in der wir uns nach wie vor befinden und die anfing, als die Polarkappen wieder einmal schmolzen und die Gletscher sich zurückzogen.[2]

Das Holozän(2) begann vor rund 12 000 Jahren. Als die ersten Städte auftauchten, hatte sich Homo sapiens bereits auf jedem Kontinent, abgesehen nur von der Antarktis, angesiedelt, und wahrscheinlich gab es keine anderen Frühmenschen-Spezies mehr.[3] Genetisch gesehen befanden sich die ersten Stadtbewohner bereits in der Moderne; unsere Gene sind durchweg dominiert von jenen der letzten Population, die Afrika verließ, mit nur ganz geringen Beimischungen anderer menschlicher Spezies, mit denen wir uns unterwegs wieder verbunden hatten. In ihrem Aussehen hatten sie keine große Ähnlichkeit mehr miteinander. Jene, die sich entlang höherer Breitengrade niedergelassen hatten, waren etwas blasser, was es ein wenig einfacher macht, in Regionen mit weniger Sonneneinstrahlung Vitamin D umzuwandeln. Diejenigen, die näher am Äquator lebten – vor allem in Afrika, Südindien und dem größten Teil Australiens – waren dunkler. Die Menschen waren im Allgemeinen größer, wo mehr Nahrung zur Verfügung stand; kleiner, wo Nahrung mangelte. Einige Populationen in extremen Umgebungen – beispielsweise in den großen Höhen des tibetischen Hochlands oder in den höheren geographischen Breiten wie dem nördlichen Polarkreis – hatten sich auf andere Weise angepasst. Tibeter kommen besser mit niedrigen Luftsauerstoffwerten zurecht; die Inuit in ihrer Ernährung mit den in Fisch enthaltenen Fettsäuren. Jedes Mal, wenn Frühmenschen ein neues Gebiet besiedelten, war die Genmischung der – normalerweise sehr kleinen – Gründerpopulation ein wenig anders als die von Populationen anderer Gebiete. Das führte zu den Variationen hinsichtlich Blutgruppe, Haar- und Augenfarbe, die wir auch heute noch in den einzelnen Weltteilen beobachten können. Doch genau wie heute waren alle Menschen im Prinzip gleich. Es ist noch nie überzeugend gelungen, Unterschiede zwischen Kulturen auf genetische Unterschiede zurückzuführen.[4] Unser urbanes Talent im frühen Holozän war ein Merkmal der gesamten Menschheit.

Man denke an die ersten Gruppen, die vor rund 15 000 Jahren von Beringia aus – einem breiten Territorium zwischen Sibirien und Alaska, das überflutet wurde, als das Eis im Übergang vom Pleistozän zum Holozän schmolz – nach Amerika kamen. Genetisch gesehen waren sie ganz »modern«, hinsichtlich ihrer Kultur und Technologie jedoch unterschieden sie sich von uns deutlich. Sie sammelten, fischten und jagten, betrieben aber eigentlich keinen Ackerbau, teilweise weil sie – es sei denn in den ertragreichsten Umgebungen – in Bewegung bleiben mussten, um Nahrung zu finden. Mehr als einige wenige tragbare Werkzeuge können sie nicht mitgebracht haben. Wie alle Frühmenschen kannten sie sich mit den Tierarten aus, die sie jagten, und mit den Pflanzen, die sie aßen; sie waren kundige Bearbeiter der materiellen Welt: Sie konnten nicht nur Objekte zu Werkzeugen umarbeiten, sondern auch Werkzeuge aus mehreren unterschiedlichen Materialien herstellen. Wie alle Menschen hatten sie eine leistungsstarke soziale Intelligenz entwickelt und eine lebhafte Phantasie. Die ersten Amerikaner waren außerdem anpassungsfähig. Ihre Vorfahren hatten sowohl die Eiszeit überlebt, welche die Landbrücke von Asien nach Alaska schuf, als auch die anschließenden Wärmeperioden. Als sie sich nach Süden und Osten ausdehnten, mussten ihre Nachkommen lernen, neue Tierarten zu jagen und zu fischen; erst in der Subarktis, dann in den Great Plains zu überleben; tropische Dschungel und den Altiplano Südamerikas zu besiedeln; und schließlich eine Reihe von Tieren und Pflanzen zu benutzen und zu domestizieren. Sie waren findige Überlebende, genau wie wir heute.

Urbanes Leben jedoch gehörte ganz und gar nicht zu ihrer Erfahrung und war außerhalb ihres Vorstellungshorizonts. Es gab, als ihre Vorfahren Eurasien verlassen hatten, nirgends auf dem Planeten Städte. Die Überflutung Beringias bedeutete, dass sie und ihre Nachkommen bis zur Ankunft von Europäern vor rund fünfhundert Jahren so gut wie keinen Kontakt mit nicht-amerikanischen Populationen hatten. Doch innerhalb weniger tausend Jahre nach ihrem Eintreffen auf dem Kontinent hatten die frühen Amerikaner mehrere urbane Kulturen geschaffen, die sich jeweils in Einzelheiten voneinander unterschieden, dabei jedoch auf unheimliche Weise denen ähnelten, die ungefähr zur selben Zeit von ihren aberwitzig weit entfernten Vettern in Eurasien und Nordafrika geschaffen wurden. Als die Konquistadoren in Peru auf die mächtige Inka-Stadt Cuzco(1) stießen, erkannten sie sofort Tempel und Paläste, Straßen und Plätze, große Denkmäler und einfache Wohngebäude genau wie diejenigen, die sie aus ihrer Heimat kannten.[5]

Zu den frühesten Städten der Neuen Welt gehört wohl die Stadt Caral(2) in der peruanischen Küstenwüste des Supe-Tals, eine Ansammlung von Pyramiden und öffentlichen Plätzen, die sich über rund 60 Hektar erstreckt. Sie wurde im 3. Jahrtausend v. Chr. erbaut, ungefähr zur Blütezeit des Alten Reichs in Ägypten. Die wohl eindrucksvollste präkolumbische Stadt war Teotihuacan(2) im Tal von Mexiko, deren Aufstieg und Fall ungefähr mit dem Aufstieg und Fall des römischen Reichs auf der anderen Seite des Atlantiks zusammenfielen. Teotihuacan war eine in großem Maßstab geplante Stadt. Ihre Boulevards waren gesäumt von tausenden Gebäuden, und Zeremonialstraßen verbanden große Plätze mit riesigen Tempeln. Diese Tempel prunkten mit mächtigen Skulpturen und Reliefs aus Marmor und Granit, die mit Gold und Jade und leuchtenden Gemälden geschmückt waren. Auf dem Höhepunkt ihrer Macht lebten in Teotihuacan wahrscheinlich über 100 000 Menschen. Handelsrouten und Imperialismus verbanden die Stadt mit jedem Teil Zentralamerikas. Nach ihrem Untergang Mitte des 6. Jahrhunderts n. Chr. wurde die Stadt Gegenstand von Mythen, sie wurde imitiert und sogar von Schatzsuchern späterer präkolumbischer Zivilisationen ausgegraben(3). Zu ihnen gehörten die Azteken, deren Hauptstadt Tenochtitlan(1) – die über einen See gebaute Stadt, die unter dem modernen Mexiko City liegt – bereits fast zweihundert Jahre alt war, als sie von den Spaniern im Jahr 1521 erobert wurde (vgl. Abb. 3). Tenochtitlan war eine riesige Reichshauptstadt mit einer Bevölkerung von wahrscheinlich über 100 000 Einwohnern.

Abb. 3: Plan von Tenochtitlan

Im Süden und Osten des Tals von Mexiko(3) lag das breite, von den maya-sprachigen Völkern bewohnte Territorium, zu dem die Dschungel der Halbinsel Yucatan und die Hochländer in ihrem Süden gehörten; es erstreckte sich vom Atlantik bis zum Pazifik. Der Urbanismus der Maya geht bis auf die Mitte des letzten Jahrtausends v. Chr. zurück, vielleicht sogar noch weiter. Während der klassischen Periode der Maya (250–900 n. Chr.) hatten einige der größten Städte wie Tikal und Calakmul Bevölkerungen bis zu mehreren zehntausend Einwohnern. Auch dies ist eine Region, in der aktuelle Feldforschung gerade einmal damit anfängt, die Dichte urbaner Netzwerke aufzudecken. Die Entzifferung der Schriftzeichen der Maya in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts bedeutet, dass es nun möglich ist, eine Geschichte der Stadtstaaten und ihrer Könige zu schreiben, von ihrem Kampf um den Aufbau und die Zerstörung von Bündnissen mit all der Energie und Wildheit ihrer engen Zeitgenossen im klassischen Griechenland oder dem China der präimperialen Zeit.

Der präkolumbische Urbanismus(4) beschränkte sich nicht auf Mittelamerika. Das große Andenreich der Inka wurde über ein Netzwerk aus Städten regiert. Die Hauptstadt Cuzco war mit untergeordneten Zentren, königlichen Anwesen und Burgen durch Tausende Kilometer Straßen verbunden. Gleichzeitig schufen im Norden die Moundbuilders (wie sie sich selbst nannten, wissen wir nicht) Cahokia(1) in der Nähe der heutigen US-amerikanischen Stadt St. Louis in Missouri.

Jede dieser urbanen Traditionen hat ihre Eigentümlichkeiten und ihren spezifischen Stil. Einige Gesellschaften steckten viel Arbeit und Mühe in die Schaffung von Riesenmetropolen wie Tenochtitlan oder Cuzco. Die Maya bauten kleinere Zentren, locker besiedelte Städte inmitten tropischer Wälder, ihre Pyramiden und Ballspiel-Höfe waren zwischen den Bäumen angelegt. Sie unterschieden sich zwar untereinander und auch vom Urbanismus des frühneuzeitlichen Europa und des islamischen Nordafrika, doch als die ersten Europäer in der Neuen Welt eintrafen, erkannten sie sofort, dass sie hier echte Städte vor sich hatten.

Die Europäer, die im 15. und 16. Jahrhundert erstmals amerikanische Städte sahen, können in einer längeren Tradition von Reisen zwischen urbanen Ballungsgebieten gesehen werden. Ibn Battuta, geboren in Marokko zu Beginn des 14. Jahrhunderts, unternahm weite Reisen durch den Iran, durch Zentralasien und Indien, er besuchte die arabische Halbinsel und die Swahili-Küste, auf späteren Reisen gelangte er in die Städte der westafrikanischen Sahelzone südlich der Sahara. Ungefähr ein Jahrhundert vor ihm sah und beschrieb der Venezianer Marco Polo die Städte Chinas und am Indischen Ozean. Im berühmtesten Roman von Italo Calvino, Die unsichtbaren Städte, malt sich der Autor aus, wie Marco Polo dem Mongolenkaiser Kublai Khan seine Reisen beschreibt, indem er immer neue fabelhafte Städte heraufbeschwört, die er gesehen hat (oder auch nicht).

Frühneuzeitliche Reisende wie Marco Polo und Ibn Battuta hackten sich nicht wie die Helden viktorianischer Romane auf der Suche nach verlorenen Kulturen ihren Weg durch dichte Dschungel. Sie reisten entlang bewährter Handelsrouten, welche die urbanen Zentren der Alten Welt verbunden hatten, Routen, die bis aufs Mittelalter zurückgingen und manchmal noch weiter. Kaufleute aus Alexandria hatten zur Zeit Christi mit Südindien Handel getrieben, sie segelten mit dem Monsun von der Mündung des Roten Meers nach Sri Lanka und Tamil Nadu. Was wir heutzutage als Seidenstraße bezeichnen, war in Wirklichkeit ein Komplex von Straßen, die teils nördlich, teils südlich des Himalaya verliefen. Sie verbanden die urbanen Zivilisationen Chinas und seiner Nachbarn mit Zentralasien, Iran, Indien und letztlich der Mittelmeerwelt. Der Indische Ozean war durch Schifffahrtsrouten erst in der römischen Zeit und dann intensiver im islamischen Mittelalter gut angebunden.[6]

Diese Wiederverbindung war nicht ein Produkt des europäischen Zeitalters der Entdeckungen. Wikinger hatten indigene Völker in Neufundland und Grönland angetroffen. Die Völker Nord-Australiens waren von Süd-Asien nie vollständig abgeschnitten: Einige Verbindungen sind durch das Aufkommen des Dingo in wahrscheinlich zwei Wellen bezeugt, beide innerhalb der letzten 10 000 Jahre. Studien über domestizierte Pflanzen Südamerikas legen die Vermutung nahe, dass es schon lange vor der Ankunft von Christoph Columbus einige spärliche Verbindungen über den Pazifik hinweg gab. Das Reisen lag einfach in unserer Natur, und Reisende, die sich über einen Globus bewegen, werden sich naturgemäß früher oder später begegnen.

Die ersten Reisenden, die ihre Erfahrungen aufzeichneten, staunten häufig über das, was sie in fernen Ländern antrafen, doch nie staunten sie darüber, dass sie auf urbane Kulturen trafen. Die Stadt war für sie etwas völlig Normales. Ein weiterer Reisender des 14. Jahrhunderts, Ibn Khaldun, erhob diesen Umstand zu einer allgemeinen Geschichtstheorie. Er postulierte, es habe immer einen zyklisch verlaufenden Kampf zwischen urbanen Zivilisationen und den Stammesbevölkerungen gegeben, die diese Zivilisationen umgaben. Jedes Mal, wenn eine urbane Zivilisation an die Barbaren(2) fiel, schlafften diese Eroberer ab, verloren ihre kriegerische Gesinnung, genossen die Bequemlichkeit und die Luxusgüter der Stadt, bis sie dann ihrerseits durch Invasionen anderer Barbaren überrollt wurden. Dieser Kontrast hatte klassische Vorgänger. Der griechische Geograph Eratosthenes regte eine Aufteilung der Völker in solche an, die nach dem Gesetz und in Städten lebten, und denen, die das nicht taten (die Barbaren(3)); und der Historiker Herodot ließ einen Griechen zu einem persischen König sagen, dass »weiche Länder weiche Völker heranzüchten«. Thukydides formulierte im Zusammenhang mit Gedanken über die frühen Tage Griechenlands, dass früher einmal alle so lebten wie zu seiner Zeit die Barbaren(4). All diese Autoren waren sich in der Annahme einig, dass Urbanisierung ein Zeichen zivilisatorischen Fortschritts sei. Vormoderne Reisende überraschte es nicht, dass entfernte Völker sich auf Bahnen bewegt hatten, die parallel zu denen verliefen, die sie selbst von zu Hause gewohnt waren.

Die globalisierte Kultur der modernen Welt hat ihre Wurzeln in solchen Entdeckungsreisen. Einige wenige unerschrockene Abenteurer gab es immer. Besucher aus Indien erscheinen in Episoden der griechischen Geschichtsschreibung seit der Mitte des letzten Jahrtausends v. Chr.[7] Römische Kaufleute fanden irgendwann im 2. Jahrhundert n. Chr. den Weg zum Hof des Han-Kaisers von China. Wikinger-Expeditionen knüpften ein loses Verbindungsnetzwerk von Neufundland nach Byzanz, einerseits über das russische Fluss-System, andererseits über den Atlantik und das Mittelmeer. Die chinesischen Flotten des Zheng He kreuzten im 15. Jahrhundert über den Indischen Ozean. Es gab fast keine Bevölkerungsgruppen, die von ihren Nachbaren vollständig isoliert gewesen wären.

Im Lauf der letzten fünfhundert Jahre hat die Menschheitsfamilie definitiv wieder zueinander gefunden. Unsere große Wiedervereinigung wurde angetrieben durch die Gier nach Reichtümern – nach Gewürzen, Gold und anderen Schätzen – und durch die Jagd auf Land, auf menschliche Arbeitskraft (was überwiegend Sklaven bedeutete), und letztlich auf Märkte. Möglich gemacht wurde sie durch Fortschritte in der Technologie der Seefahrt, finanziert von Monarchien, die auf diese Dinge Wert legten. Auch formellere imperiale Expeditionen spielten eine Rolle. Das Zusammentreffen mit entfernten Verwandten geschah zufällig. Wenn sich die entfernten Vettern dann jedoch wieder trafen, entdeckten sie, wie ähnlich sie sich waren. Während unserer langen Scheidung haben wir unabhängig voneinander ähnliche Architekturen und Skulpturen, Kriegsführungs- und Schreibstile, Priesterschaften, Monarchien und Nationen geschaffen. Und wieder und wieder bildete das Herz all dessen die Stadt.

Affen unterwegs

Schimpansen bauen keine Städte, ebenso wenig unsere anderen nächsten Verwandten unter den Menschenaffen. Worin unterscheiden wir uns? Warum sind wir die einzigen urbanen Affen?

Eine mögliche Antwort bietet ein Blick auf einen anderen Aspekt, in dem sich Frühmenschen von Menschenaffen unterscheiden. Schimpansen, Bonobos, Gorillas und Orang-Utans leben heutzutage überwiegend in relativ eng definierten ökologischen Nischen. Früher einmal galt das wahrscheinlich auch für unsere eigenen Vorfahren, doch in den letzten mindestens zwei oder drei Millionen Jahren hat sich das geändert. Wir sind Abkömmlinge einer großen Familie mobiler und vielseitiger Affen.

Traditionellerweise haben Prähistoriker in Begriffen verschiedener Spezies gedacht – Homo habilis, Homo ergaster, Homo heidelbergensis usw. –, und sie haben versucht, die Punkte festzumachen, an denen die unterschiedlichen Abstammungslinien(1) auseinanderliefen. Die Erforschung des menschlichen Genoms, die Fähigkeit, DNA schnell und kostengünstig zu sequenzieren, und die Möglichkeit, sehr alte (Paläo-)DNA zu untersuchen, hat ergeben, dass die Wirklichkeit sehr viel unordentlicher aussieht.[8] Seit sich unsere Vorfahren von denen der Schimpansen getrennt haben – wohl schon vor dreizehn Millionen Jahren –, haben sich diverse menschliche Populationen ausgedehnt und zusammengezogen, sich auseinandergelebt, sind ihren entfernten Verwandten wieder über den Weg gelaufen, lebten in ihrer Nähe, kämpften, gelegentlich kreuzten sie sich. Der überwiegende Anteil dieser komplizierten Geschichte spielte sich in Afrika ab oder besser gesagt in einer geographischen Region, deren Zentrum Süd- und Ostafrika ist, die sich aber den Nil und das Jordantal hinaufzieht – Teil ein und desselben großen tektonischen Bruchs – bis hinauf nach Georgien am Ostende des Schwarzen Meers. Ungefähr vor 1,8 Millionen Jahren fingen einige Frühmenschen an, sich aus diesem Korridor hinauszubewegen, bis sie vor ungefähr 800 000 Jahren alle Teile des kontinentalen Europas und Asiens südlich der Eiszone besiedelt hatten.

Diese epische Geschichte der Expansion des Menschen spielte sich vor einem Hintergrund ununterbrochenen Klimawandels(1) ab. In den letzten zweieinhalb Millionen Jahren – seit dem Beginn des Pleistozäns – pendelte das Erdklima zwischen Perioden, in denen die Pole mit Eis bedeckt waren und große Wüsten in den Äquatorialzonen auftauchen (Eiszeiten), und Perioden, in denen die Eiskappen sich zurückbildeten und die Wüsten schrumpften (Zwischeneiszeiten). Wenn Wasser in Eiskappen gebunden ist, fällt weltweit der Meeresspiegel, es eröffnen sich Landbrücken und Ebenen wie Beringia, durch die Inseln und Kontinente miteinander verbunden werden. Wenn die Temperaturen wieder wärmer werden, steigt der Meeresspiegel, Festland wird wieder zu Inseln, während gleichzeitig Pflanzen und Tiere erneut das Land besiedeln, das vom zurückweichenden Eis befreit ist. Für unsere Vorfahren und ihre nahen Verwandten bedeutete das, dass das ihnen und ihren Nahrungsquellen zur Verfügung stehende Territorium immer wieder zu- und abnahm, sich verband und auflöste, seine Form veränderte. Während der Zwischeneiszeiten trieben neue Weidegründe und wärmere Temperaturen Beutetiere weiter in den Norden und mit ihnen die Raubtiere, die sich von ihnen ernährten – inklusive der Menschen. Wenn die Eiskappen sich dann wieder ausdehnten, wurden alle in geschützte Nischen zurückgetrieben, die Prähistoriker als Refugialräume bezeichnen. Frühmenschen reagierten auf den Wechsel zwischen Kälte- und Wärmeperioden, sie bewegten sich vor und zurück, doch nach einer gewissen Zeit fingen sie auch damit an, sich technologisch und körperlich an wechselnde Bedingungen anzupassen.

Karte 1: Die weltweite Ausbreitung des modernen Menschen

Noch vor 40 000 Jahren gab es in Afrika und Eurasien mehrere Arten von Frühmenschen-Spezies nebeneinander. Der überwiegende Teil unseres Genoms stammt von einer Population, die wir Homo sapiens