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Michel Foucault (1926-1984), der anregende und umstrittene Querkopf, hat vor allem in seinen Studien «Überwachung und Strafen» und «Psychologie und Geisteskrankheit» die dunklen Hintergründe der Moderne ausgeleuchtet. Gilt sie weithin als Projekt der Humanisierung aller Lebensbereiche, so erkennt Foucault dagegen in der Moderne zur Macht gewordenes Wissen. Mit ihm können einzelne wie Gruppen aus der Gesellschaft ausgeschlossen und unterdrückt werden. Foucaults Machtanalysen haben an wissenschaftlicher Brisanz nichts eingebüßt. Das Bildmaterial der Printausgabe ist in diesem E-Book nicht enthalten.
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Seitenzahl: 183
Veröffentlichungsjahr: 2020
Bernhard H. F. Taureck
Michel Foucault (1926–1984), der anregende und umstrittene Querkopf, hat vor allem in seinen Studien «Überwachen und Strafen» und «Psychologie und Geisteskrankheit» die dunklen Hintergründe der Moderne ausgeleuchtet. Gilt sie weithin als Projekt der Humanisierung aller Lebensbereiche, so erkennt Foucault dagegen in der Moderne zur Macht gewordenes Wissen. Mit ihm können einzelne wie Gruppen aus der Gesellschaft ausgeschlossen und unterdrückt werden. Foucaults Machtanalysen haben an wissenschaftlicher Brisanz nichts eingebüßt.
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Bernhard H. F. Taureck ist Philosophieprofessor i. R. (Universität Braunschweig). Er ist, neben zahlreichen Aufsätzen und Artikeln, unter ihnen Texte in englischer, französischer oder spanischer Sprache, Autor und Herausgeber von mehr als 30 Büchern. Zuletzt erschien: «Hamlet. Widerstand gegen den Überwachungsstaat» (Weilerswist 2017); «Drei Wurzeln des Krieges und warum nur eine nicht ins Verderben führt» (Zug 2019); zusammen mit Burkhard Liebsch: «Drohung Krieg. Sechs philosophische Dialoge zur Gewalt der Gegenwart» (Wien/Berlin 2020). Für «rowohlts monographien» schrieb er auch den Band über Jean-Jacques Rousseau (rm 50699, 2009).
rowohlts monographien
begründet von Kurt Kusenberg
herausgegeben von Uwe Naumann
Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Hamburg, September 2020
Copyright © 1997 by Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg
Für das E-Book wurde die Bibliographie aktualisiert, Stand: September 2020
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Redaktionsassistenz Katrin Finkemeier
Covergestaltung any.way, Hamburg
Coverabbildung ullstein - dpa (Michel Foucault, etwa Mitte der 1960er Jahre)
ISBN 978-3-644-00796-3
Schrift Droid Serif Copyright © 2007 by Google Corporation
Schrift Open Sans Copyright © by Steve Matteson, Ascender Corp
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www.rowohlt.de
Wer über Foucaults Leben und Werk schreibt, steht vor einer Wahl: Er muss zwischen der Darstellung biographischer und gedanklicher Vielfalt wählen. Hier fiel die Wahl auf die zweite Möglichkeit. Auch wenn dabei vieles und viele aus Foucaults Biographie erwähnt werden, so musste zugleich eine Vielzahl von Personen und Ereignissen ungenannt bleiben. Der Akzent liegt auf einer philosophischen Dokumentation der Foucault’schen Themen und Argumente im Kontext einer durchgreifenden Veränderung der Philosophie, die häufig mit dem Namen «Poststrukturalismus» bezeichnet wird. Insbesondere zeigt sich dabei Foucaults Verhältnis zu Hegel, Nietzsche, Max Weber, Heidegger und Sartre in anderem Licht, als man es bisher zu sehen gewohnt war.
Die vorliegende Darstellung will weder mit den Foucault-Biographien von Didier Eribon und David Macey noch mit James Millers Studie über Foucaults Sado-Masochismus oder mit der unentbehrlichen, detaillierten Chronologie von Daniel Defert in Konkurrenz treten. Hier soll komplementär zu diesen Arbeiten ein Porträt Foucaults als philosophischer Autor gezeichnet werden.
Michel Foucault ist nach Henri Bergson und Jean-Paul Sartre der dritte französische Denker des 20. Jahrhunderts, dem Fachkreise weit überschreitende internationale Bekanntheit zuteilwurde. Im Unterschied zu Bergson oder Sartre stellt uns Foucault jedoch vor ein Rätsel: Vertritt er eine Philosophie (und nicht eine Ideengeschichte), oder vertritt er eine Philosophie (und nicht mehrere)? Es wird hier vorgeschlagen, Foucaults Schriften und Gelegenheitsäußerungen als Beiträge zu einer Analyse der Moderne zu lesen, die zugleich stets Möglichkeiten zur individuellen Befreiung von der bisherigen Moderne anzeigen.
Dies wird auch in einem Interview deutlich, das Foucault vier Jahre vor seinem Tod der Tageszeitung «Le Monde» gab. Er blieb dabei anonym, denn Foucault wollte an dieser Stelle nicht als international bekannter Name wirken, sondern durch die Tätigkeit des Philosophierens überzeugen. Der Leser sollte nicht zu einem Autorennamen, sondern zu dem Geschriebenen eine Beziehung aufbauen. In diesem Interview schlug er etwas vor, von dem er wusste, dass es unrealistisch ist: Ich schlage ein Spiel vor, das des «Jahres ohne Namen». Ein Jahr lang würde man Bücher ohne Autorennamen veröffentlichen. Die Kritiker hätten mit einer rein anonymen Produktion klarzukommen. Aber vielleicht – wie mir gerade einfällt – hätten sie nichts zu sagen: alle Autoren würden das nächste Jahr abwarten, um ihre Bücher zu publizieren.[1] Dies ist gegen eine Art der Kritik gerichtet, die darauf besteht, über andere zu Gericht zu sitzen. Kaum zu glauben, wie scharf die Leute darauf sind zu richten. Überall und partout wird gerichtet. Wahrscheinlich handelt es sich hier um eines der einfachsten Dinge, wozu die Menschheit imstande ist.[2] Hier klingen die beiden Themen zweier bedeutsamer Bücher Foucaults an – die Einkerkerung der Geisteskranken und die Gefängnispraktiken der Neuzeit. In der Praxis der literarischen Kritik, so legt Foucault zumindest indirekt nahe, sind immer noch Szenarien von Tribunal, Verurteilung und Bestrafung wirksam. Werden für die Gegenwart also die vergangenen Jahrhunderte der Moderne zum Verhängnis? Wird gar gegenwärtig alles leer, öde, uninteressant und unbedeutend, ist die alte Leier von der Dekadenz berechtigt?[3] Foucault wendet sich im Interview jedoch gegen jede Art spätmoderner Skepsis an der Fortsetzbarkeit der Moderne. Was jetzt möglich werde, sei vielmehr ein Fortschritt der Wissbegierde aller: Ich träume von einem neuen Zeitalter der Wißbegierde (curiosité). Man hat die technischen Mittel dazu; das Begehren ist da; die zu wissenden Dinge sind unendlich; es gibt die Leute, die sich mit dieser Arbeit beschäftigen möchten. Woran leidet man? Am «Zuwenig»: ungenügende, quasi-monopolisierte, kurze, enge Kanäle. Es geht nicht darum, eine protektionistische Haltung einzunehmen, um zu verhindern, daß die «schlechte» Information durchkommt und die «gute» erstickt. Man müßte eher die Hin-und-Her-Wege und -Möglichkeiten vermehren. Kein Merkantilismus à la Colbert auf diesem Gebiet. Was nicht heißen soll, wie man es oft befürchtet, Uniformisierung und Nivellierung von unten aus. Sondern im Gegenteil, Differenzierung und Gleichzeitigkeit unterschiedlicher Netze.[4] Dies bedeutet weniger eine Befürwortung der Moderne als Informationsgesellschaft oder eine Vorwegnahme des Internet und seiner Folgen, sondern ein Votum für eine Fortsetzung der Moderne als kommunikativer Pluralität, die insbesondere die Philosophie einschließt. Das Interview endet daher mit einer Bestimmung der Philosophie in der fortzusetzenden Moderne. Man beklagt sich manchmal, daß es in Frankreich keine herrschende (dominante) Philosophie gibt. Um so besser. Keine souveräne Philosophie, das stimmt; aber immerhin eine Philosophie oder besser: Philosophie als Aktivität. Denn Philosophie ist eine Bewegung, mit deren Hilfe man sich nicht ohne Anstrengung und Zögern, nicht ohne Träume und Illusionen von dem freimacht, was für wahr gilt, und nach anderen Spielregeln sucht. Philosophie ist jene Verschiebung und Tranformation der Denkrahmen, die Modifizierung etablierter Werte und all die Arbeit, die gemacht wird, um anders zu denken, um anderes zu machen und anders zu werden als man ist.[5] Philosophie wird hier nicht mehr als Wissenschaft, auch nicht als Grundlagenwissenschaft, sondern als eine Tätigkeit verstanden, das heißt als Philosophieren. Philosophie vollzieht sich nicht mehr als Herrschaft im Reich der Wissenschaften, sondern als individualisierende Tätigkeit. Damit versucht Foucault, seinen eigenen Bemühungen einen zusammenfassenden Namen zu geben. Der Denker der Moderne, so gibt er zu verstehen, wird dadurch ein moderner Denker sein, dass er Etabliertes verändert. Für Foucault schließt dies nicht nur die Produktion von Texten, sondern ebenso das politische Engagement ein.
Die vorliegende Monographie kann im Unterschied zu den bisherigen Foucault-Darstellungen auf die seit 1994 erschienene Edition der Foucault’schen kleineren Texte als Dits et écrits zurückgreifen. Im Februar 1997 wurden zudem erstmalig seine 1975/76 am Collège de France gehaltenen Vorlesungen im französischen Original (italienische und spanische Ausgaben gab es schon vorher) veröffentlicht. Diese Editionen ergeben kein gänzlich neues Bild, sie erlauben jedoch aufschlussreiche Einblicke in Werkstatt und Arbeitsweisen Foucaults. An einer Stelle zeigt sich indessen ein neuer Gesichtspunkt: Die letzte Vorlesung von 1976 skizziert eine Verbindung zwischen Bio-Macht und Rassismus, die in dieser Weise bisher nicht dokumentiert war.
Für die Monographie über Foucault erwiesen sich Gespräche als nützlich, die ich im April 1984 in Paris mit Yvon Bélaval und in Hamburg mit Daniel Defert über Foucault geführt habe. Hilfreich war auch ein Dialog mit Didier Eribon. Ihnen und vielen anderen mit Foucault Beschäftigten sei an dieser Stelle gedankt.
Paul-Michel Foucault wurde am 15. Oktober 1926 in Poitiers als zweites von drei Kindern geboren. Zu seiner Generation gehören unter anderen Jürgen Habermas (geb. 1929), Leszek Kolakowski (geb. 1927) oder Noam Chomsky (geb. 1928). Sein Vater und dessen männliche Vorfahren waren Ärzte. Zwei Brüder seiner Mutter dagegen betätigten sich als publizierende Philosophielehrer bzw. als Herausgeber der Werke von Rabelais und Montaigne. Die Familie Foucault war wohlhabend und in Poitiers sehr angesehen.
Kindheit und Studienzeit zeigen sich Foucault in einem späten Rückblick von 1982 als wenig glücklich: Ich habe meine Kindheit in einem kleinbürgerlichen Milieu – dem des Frankreich der Provinz – verbracht. In seinem Elternhaus herrschte eine Verpflichtung zu sprechen, mit den Besuchern Konversation zu treiben. Foucault, dessen Interviews den größten Teil seiner in vier Bänden gesammelten Gelegenheitsäußerungen ausmachen, fand die Sprechverpflichtung seiner Kindheit sehr seltsam und sehr ärgerlich und spricht sich für eine Kultur des Schweigens oder für ein Ethos des Schweigens aus.[6]
Der Rückblick auf die Kindheit in Poitiers am Vorabend des Zweiten Weltkriegs führt jedoch nicht nur zu Vorzügen des Schweigens, sondern zu einer sehr frühen Erfahrung von Politik und Geschichte, nämlich den Auswirkungen des europäischen Faschismus: Ich erinnere mich sehr gut, daß ich einen meiner ersten großen Schrecken erlebte, als der Kanzler Dollfuß von den Nazis ermordet wurde. Das war, glaube ich, 1934. […] Ich denke, daß ich dabei meine erste große Todesangst gefühlt habe. Ich erinnere mich auch an die Ankunft der spanischen Flüchtlinge in Poitiers. Und daran, daß ich mich in der Klasse mit meinen Schulkameraden über den Äthiopienkrieg gestritten habe. Ich denke, daß die Jungen und Mädchen meiner Generation eine von diesen großen historischen Ereignissen bestimmte Kindheit hatten. Der drohende Krieg war unser Hintergrund, war der Rahmen unseres Daseins. Dann kam der Krieg. Weitaus mehr als das Familiengeschehen waren es diese weltrelevanten Geschehnisse, die die Substanz unserer Erinnerung bilden. Ich sage «unser» Gedächtnis, weil ich fast sicher bin, daß die Mehrzahl der jungen Franzosen und Französinnen dieser Epoche dieselben Erfahrungen machten. Auf unserem Privatleben lastete eine echte Bedrohung. Das ist vielleicht auch der Grund, weshalb ich von der Historie fasziniert bin und von der Beziehung zwischen Privaterfahrung und den Ereignissen, in die wir uns einschreiben. Dort liegt, denke ich, der Kern meiner theoretischen Bestrebungen.[7]
Foucault entschließt sich 1937 nicht, wie sein Vater erwartet, Arzt, sondern Historiker zu werden. Dies aber wird als ein für die Familie inakzeptabler Status betrachtet, jedenfalls solange man nicht an der Sorbonne ist.[8] Auf Bitten der aus einer voltairianisch-aufgeklärten Familie stammenden Mutter gibt der Vater nach. Foucaults 1933 geborener Bruder Denys wird die väterliche Mediziner-Tradition fortsetzen. Foucault selbst bekundet später als Historiker ein lebhaftes Interesse an der Medizin. Im Juni 1984 weist sein Bruder den todkranken Foucault in das Pariser Krankenhaus Saint-Michel ein.
Der Krieg zog auch in Poitiers ein. Deutsche Soldaten patrouillierten in den Straßen, und es kam zu Verhaftungen, Foucaults Philosophielehrer wurde später als Mitglied der Résistance verhaftet und tauchte nie wieder auf. Am 16. Juni 1940 verkündete Marschall Pétain die Kollaboration mit Hitler und pries sie als «ordre nouveau». Jeder Schultag begann mit einem gesungenen «Marschall, wir sind da» («Maréchal, nous voilà»). 1944, kurz vor der Befreiung, bombardierten die Alliierten Poitiers.
1946 tritt Michel Foucault in die französische Eliteschule École normale supérieure in der rue d’Ulm nahe dem Panthéon ein. Er ist «ein junger, lachender Mann mit lebhafter Gestik», von dem es heißt, er sei «intelligent wie alle Homosexuellen». Sein um drei Jahre jüngerer Mitschüler und lebenslanger Freund Maurice Pinguet (gestorben 1991) hat 1986 die wertvollste Darstellung der Pariser Lehrjahre Foucaults gegeben. «Er liebte», berichtet Pinguet, «brillante Formulierungen und Wortspiele. Er lachte gern. […] Er war neugierig auf alles, neugierig vor allem auf Menschen, schnell bereit, neue Ideen aufzunehmen und neuen Gesichtern zu begegnen. Niemals habe ich ihn blasiert oder auch gleichgültig gesehen. Aber er war ungeduldig […] manchmal sarkastisch bis zur Bitterkeit. […] Er war unbarmherzig gegenüber Illusionen, und niemand glaubte weniger an etwas als er.»[9]
Nach außen hin findet Foucault Anerkennung: Er wiederholt die im Oktober 1945 nicht bestandene Aufnahmeprüfung für die École normale im Juli 1946 mit Erfolg, lebt im Kreis der Eliteschüler und schließt dauerhafte Freundschaften mit seinen Mitschülern Maurice Pinguet, Pierre Bourdieu und Paul Veyne. Gehörte es zum guten Ton an der Eliteschule, «so zu tun, als verachte man Sartre»[10], so ist Foucault vor allem von einem Zeitgenossen Sartres fasziniert, nämlich dem Phänomenologen Maurice Merleau-Ponty, der seine Studenten mit dem damals noch wenig bekannten Linguisten Ferdinand de Saussure bekannt macht. Foucault plant unter dem Einfluss der Vorlesungen Merleau-Pontys eine Doktorarbeit über die Entstehung der Psychologie bei den Nachfolgern von Descartes. Im Februar 1949 schließt er seine philosophische Diplomarbeit über Hegel ab, die von dem international renommierten Hegel-Forscher Jean Hyppolite betreut wird. Am Ende seiner Antrittsvorlesung am Collège de France vom 2. Dezember 1970 kommt Foucault ausführlich auf das zu sprechen, was er dem Hegelianismus Jean Hyppolites verdankt: Nicht nur ich schulde Jean Hyppolite Dank: denn er hat für uns und vor uns den Weg durchlaufen, auf dem man sich von Hegel entfernt und Distanz nimmt, auf dem man aber auch wieder zu ihm zurückgeführt wird, allerdings anders und so, daß man ihn von neuem verlassen muß. Dann folgert Foucault aus dem Unterricht von Jean Hyppolite im Hinblick auf den Status der Philosophie im Allgemeinen: So erscheint der Gedanke einer gegenwärtigen, unruhigen Philosophie, die auf der ganzen Linie ihrer Berührung mit der Nicht-Philosophie beweglich ist, nur dank dieser existiert und uns den Sinn dieser Nicht-Philosophie enthüllt.[11]
Auf die Frage, aus welchen ursprünglichen Gründen er Philosoph geworden sei, antwortet Foucault in der Rückschau von 1982 eher ausweichend: Ich glaube nicht, jemals den Plan, Philosoph zu werden, gehabt zu haben. Ich hatte keine Vorstellung von dem, was ich aus meinem Leben machen würde. Auch das ist, wie ich glaube, charakteristisch genug für meine Generation. Wir wußten nicht, als wir zehn oder elf Jahre alt waren, ob wir Deutsche werden oder ob wir Franzosen bleiben würden. Wir wußten nicht, ob wir sterben oder die Bombardierung überleben würden. Als ich sechzehn oder siebzehn war, wußte ich nur eins: Das Leben in der Schule war eine vor äußeren Bedrohungen, war eine vor der Politik geschützte Umgebung. Und die Vorstellung, in einem geschützten Studier- und Intellektuellenmilieu zu leben, hat mich immer fasziniert. Wissen ist für mich das, was als Schutz der individuellen Existenz funktionieren soll und was zum Verständnis der Außenwelt dient. Darum geht es. Das Wissen als ein Mittel zum Überleben, das sich dem Verständnis verdankt.[12] Wir wissen nicht, warum Foucault sich der Philosophie gewidmet hat. Er scheint den Schutzraum des Wissens überhaupt gesucht zu haben, Philosophie verstand er später als eine philosophische Tätigkeit, mit deren Hilfe man erreichen kann, anders zu werden als man ist.[13] Unvermittelt als Philosoph vermochte er sich nicht zu sehen: Ich betrachte mich nicht als einen Philosophen. Das ist keine falsche Bescheidenheit. […] die Philosophie, verstanden als autonome Tätigkeit, ist verschwunden […] die Philosophie ist heute nicht mehr als der Beruf eines Universitätslehrers.[14]
Wenn Foucault das Wissen als Schutzraum und Mittel zum Überleben bezeichnet, so stehen dahinter Erfahrungen, die er, wie oft in seinen Interviews und auch seinen Schriften, eher ausspart und verbirgt als offenbart. Die Pariser Jahre an der École normale und der Sorbonne scheinen nicht glücklich gewesen zu sein. Der nach außen brillante Foucault hat vermutlich versucht, sich im Dezember 1948 zu töten. Danach leidet er unter Angstzuständen, setzt exzessiv das Überlebensmittel Arbeit und gegen Angst den Alkohol ein. Im Juni 1950 unternimmt er einen erneuten Suizidversuch. Im Oktober 1950 macht er eine kurze Entziehungskur. Foucault ist der Ansicht, er benötige psychiatrische Betreuung und plant einen stationären Aufenthalt in der Klinik Sainte-Anne. Darüber kommt es zu einem Streit mit seinem Vater. Louis Althusser, seinem philosophischen Betreuer an der École normale, gelingt es jedoch, Foucault von der Selbstpsychiatrisierung abzuhalten.
Foucault beschäftigt sich während seiner Ausbildung nicht nur mit Philosophie, er studiert auch Psychologie und setzt sich dabei auch theoretisch mit Psychopathologie und Psychiatrie auseinander. Die Psychoanalyse lernt er in Form einer kurzen Therapie kennen, aber auch durch ausgedehnte Lektüre Freuds und durch die Seminare von Jacques Lacan in der Klinik Sainte-Anne, die er seit Januar 1953 besucht. Lacan scheint er bewundert zu haben, aber Pinguet berichtet auch: «Er lachte beim Sprechen, wenn nicht über Lacan, so in jedem Fall über die Lacanianer» und «mokierte sich über jene, die ihr Brot damit verdienen, ‹indem sie ihr Ohr verleihen›».[15] Nach dem Tod Lacans bemerkt Foucault jedoch später in einem Interview mit dem «Corriere della Sera»: Lacan suchte eine Theorie des Subjekts […]. Wenn ich zu den fünfziger Jahren zurückgehe, zu der Zeit, wo ich als Student die Werke von Lévi-Strauss und die ersten Texte von Lacan las, so scheint mir folgendes das Neue gewesen zu sein: Wir entdeckten, daß die Philosophie und die Humanwissenschaften von einer sehr traditionellen Konzeption des menschlichen Subjekts lebten und daß es nicht genügte, mal mit den einen zu sagen, das Subjekt sei radikal frei, mal mit den anderen, es sei von sozialen Bedingungen determiniert. Wir entdeckten, daß man all das befreien müsse, was sich hinter dem augenscheinlich einfachen Gebrauch des Pronomens «ich» verbirgt. Das Subjekt: eine komplexe, zerbrechliche Angelegenheit, worüber sich nur schwer sprechen läßt und ohne welche wir nicht sprechen können.[16]
Vielleicht bezieht sich diese Bemerkung auch auf jene Solidarität in der Sache, die ihm Lacan 1969 bewiesen hatte. Am 22. Februar 1969 trug Foucault in Paris sein Was ist ein Autor? vor. Leitende Absicht war hierbei: Es handelt sich darum, dem Subjekt (oder seinem Substitut) seine Rolle als Ursprungsfundierung zu nehmen und es als eine veränderliche und komplexe Funktion des Diskurses zu analysieren.[17] Der marxistische Literaturtheoretiker Lucien Goldmann hielt Foucault daraufhin entgegen, nicht Strukturen, sondern Menschen machten Geschichte. Lacan dagegen unterstrich, es gehe nirgendwo um die Negation, sondern allein um die «Abhängigkeit» des Subjekts von den Signifikanten.[18] Foucaults Verabschiedung der humanistischen Hypothesen über das Subjekt zugunsten des Nachweises, wie Subjekte historisch konstituiert wurden, schließt an Lacan und Althusser zugleich an. Sowohl der psychoanalytische Theoretiker Lacan als auch der marxistische Philosoph Althusser hatten umfassende Theorien konzipiert, in denen der Begriff des Subjekts nicht mehr konstitutiv war.
In der von Freitodwünschen, Alkohol und Arbeitsintensität bestimmten frühen Krisenzeit schreibt Foucault an einen beunruhigten Freund: Laß mich schweigen, […] laß mich die Nacht vertreiben, mit der ich mich am hellichten Tage zu umgeben angewöhnt habe.[19] Unter dem Eindruck des Indochina-Kriegs – der im Juli 1954 mit dem Rückzug der Franzosen endet – tritt Foucault 1950 in die «Parti Communiste Français» (P.C.F.) ein. Doch schon im Mai 1951 distanziert er sich innerlich von der Partei und verlässt sie im Oktober 1952 wieder. Im August 1950 unternimmt er eine erste Studienreise ins Ausland (Göttingen) und erwägt, nach Abschluss seiner Examina Frankreich in Richtung Dänemark zu verlassen. An die P.C.F. hat sich Foucault nicht wieder angenähert. 1968 versteht er sich unter dem Eindruck der Lektüre von Trotzki zeitweilig als Trotzkist. Über Marx bemerkt er gegen Ende seines Lebens: Es ist sicher, daß Marx, selbst wenn man annimmt, daß Marx jetzt bald verschwindet, eines Tages wieder auftauchen wird. Was ich mir wünsche, […] ist Marxens Befreiung von der Parteidogmatik.[20] Pierre Bourdieu ist sogar der Ansicht, das Gesamtwerk Foucaults werde von einem Dialog mit Marx durchzogen.[21]
Das Jahr 1953 gehört zu den produktivsten Abschnitten in Foucaults Leben. Zwar bleibt das Alkoholproblem, und er fühlt sich einsamer als zuvor[22], zugleich jedoch gewinnt er intensiven Zugang zur Dichtung seiner Zeit. Er liest zusammen mit Pinguet die Surrealisten, er entdeckt den Dichter René Char und verliert gleichzeitig das Interesse an der Poesie von Saint-John Perse. Der Besuch einer Aufführung von Samuel Becketts «Warten auf Godot» im Januar 1953 wirkt wie ein Schock auf ihn: Für mich kam der Einschnitt mit Beckett: «Warten auf Godot», ein atemberaubendes Stück. Danach habe ich Blanchot, Bataille, Robbe-Grillet, […] auch Butor, Barthes […] und Lévi-Strauss gelesen.[23] Den frühen Beckett wird er erst 1968 wieder lesen.
Im Jahr 1954 erscheinen fast gleichzeitig die ersten beiden Schriften Foucaults. Es handelt sich um eine lange Einleitung zur französischen Übersetzung von «Traum und Existenz» des an Heidegger sich anlehnenden Schweizer Psychiaters Ludwig Binswanger und um das erste eigenständige Buch Foucaults unter dem Titel Geisteskrankheit und Persönlichkeit[24]. Auf beide Arbeiten ist Foucault später nicht wieder zurückgekommen. Nichts von dem, was man mit seinem Namen heute zumeist verbindet, ist in ihnen zu finden. Anders als in seinen späteren historisch-genealogischen Studien gehorcht hier Foucault der Tendenz dieser Jahre und äußert sich grundsätzlich und systematisch zu Philosophie und Psychologie. Besonders aufschlussreich erscheint in seinem ersten Buch seine Analyse der Angst. Mit der Angst befinden wir uns im Zentrum der pathologischen Bedeutungen. Unter allen Schutzmechanismen, die die einzelnen Krankheiten bestimmen, tritt die Angst in Erscheinung. […] Die Krankheit läuft […] nach Art eines circulus vitiosus ab: der Kranke schützt sich durch seine aktuellen Abwehrmechanismen gegen eine Vergangenheit, deren heimliche Gegenwart die Angst aufsteigen läßt; andererseits schützt sich das Subjekt gegen die Eventualität einer gegenwärtigen Angst dadurch, daß es auf die ehemals im Verlauf ähnlicher Situationen eingesetzten Schutzmaßnahmen rekurriert.[25]
