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Die MIGROS ist fast allen Schweizerinnen und Schweizern ein Begriff. Wie alles begann, wissen jedoch nur wenige. Wer hatte damals die Vision, den Mut und die Kraft, den schweizerischen Lebensmittelhandel zu revolutionieren? Gottlieb Duttweiler (1888–1962) gründete das Unternehmen vor 100 Jahren – motiviert, unterstützt und kritisiert von seiner wichtigsten Beraterin, Ehegattin Adele, geborene Bertschi. Seit jenen Tagen ist die MIGROS von der erst verachteten, dann gefürchteten Konkurrenz zur etablierten Nummer eins im Lebensmittelmarkt der Schweiz aufgestiegen. Doch seit zehn Jahren rumort es hinter den Fassaden des orangen Riesen: Die Supermärkte haben fünf Prozent Marktanteil verloren. Die Expansionsaktivitäten des Managements werden kritisiert. Die interne Organisationsstruktur hat offensichtlich Rost angesetzt. Dieses Buch befasst sich mit den Ursachen dieser Entwicklung und zeigt, warum es nicht genügt, Milliarden in attraktive Läden und neue Standorte zu investieren, Preise zu senken und externe Berater mit der Neupositionierung der MIGROS-Gruppe zu beauftragen.
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Seitenzahl: 154
Veröffentlichungsjahr: 2025
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«Meine grösste Sorge ist,
dass die Migros auch später
immer diesen ideellen «goodwill»
als Basis behält
und darauf weiterbaut,
anstatt sich nur auf
Millionen Geldes und Goldes
zu verlassen»
(Gottlieb Duttweiler, 1953)1
1– Riess, Curt (1965). 323.
Vorgeschichte
Warum dieses Buch?
Der Autor dieses Buches und die Migros
Hinweis an die geschätzten Leserinnen und Leser
Kapitel 1Mit Gottlieb Duttweiler in den ersten 37 Jahren unterwegs in der Migros (1925–1962)
Zwischenruf GD, der Macher (1888–1962)
Kapitel 2Die Migros, jetzt ohne ihren Gründer, in den Jahren 1963–1999
Kapitel 3Die Migros Anfang des 21. Jahrhunderts (2000–2019)
Kapitel 4Der schweizerische Food-Detailhandel
Kapitel 5M im Spiegel der Printmedien und aus Wir Brückenbauer wird Migros-Magazin
Zwischenruf GD, Vertreter der Demokratie liberaler Prägung
Kapitel 6Da wird neu eröffnet, hier zugekauft, dort wieder verkauft
Kapitel 7Pièces de résistance: M-Eigenmarken?
Kapitel 8Der Horizont verdüstert sich
Kapitel 9Globales Know-how von aussen soll nachhaltiges Wachstum fördern
Zwischenruf Die schrecklichen Vereinfachungen der Selbstüberschätzer
Kapitel 10Der Chef im Topolino
Kapitel 11Zeitlose Aktualität Duttweilers
Kapitel 12Alles neu – «Fokus, Fokus oder Hokuspokus»?
Kapitel 13Das Migros-Wir-Gefühl
Kapitel 14Die Neuerfindung der Migros 2025
Ausklang100 Jahre später
Anhang
Das Vermächtnis der Duttweilers – die 15 Thesen aus dem Jahr 1950, auszugsweise aus Duttweiler, Gottlieb (1956)
Preisvergleich von 12 Basisartikeln
Präsidenten der Generaldirektion des Migros-Genossenschafts-Bundes
Literatur
Bildnachweis
Bisherige Werke des Autors
«Ich habe wieder einmal eine Periode
philosophischer Anfälle,
die stets darin gipfeln, dass ich nach dem
Krieg eine grosse Aufgabe in unserem
Lande lösen will.
Sicher ist, dass ich etwas ganz Tüchtiges
mit meinem Geld anfangen will,
wenn ich im Geschäft Erfolg hatte,
werde ich wohl auf einem andern Gebiet,
wenn ich mit Interesse und Überzeugung
arbeite,
auch Erfolg haben.»
(Gottlieb Duttweiler in einem Brief an seine«Liebe Dele» aus den USA, 6.8.1918)2
2– Lüönd, Karl (2000a), 7.
Die Migros wird 2025 100 Jahre alt. Grund genug, Revue passieren zu lassen, wie das Abenteuer begann, welches die speziellen Highlights waren und wie sich die grösste Genossenschaft der Schweiz in den letzten 25 Jahren im hart umkämpften (Lebensmittel-)Detailhandel schlug. Da ist einerseits die beachtliche Umsatz-Performance – auch befeuert durch Firmenzukäufe. Andererseits liegt der Fokus der Betrachtung auf den immer sichtbarer werdenden lähmenden Problemen der genossenschaftlichen Struktur, deren Gründen und den fragwürdigen Eigenheiten der personellen Zuständigkeiten.
2024 überschlugen sich in den Printmedien die Negativberichte über die Migros. Was ist eigentlich los in der Migros? Diese Frage war landauf und landab unüberhörbar. Schon in den Jahren zuvor hatte es begonnen: Offensichtlich brodelte es on top of Migros. Einzelne wirtschaftliche Kennzahlen schwächelten, Abschreiber auf erst kürzlich akquirierte Beteiligungen schnellten in die Höhe. Firmenteile sollten abgestossen und Personal entlassen werden. Gründe für die Misere wurden herumgeboten, Vermutungen und Gerüchte überdeckten das eigentliche Hauptproblem.
Der orange Riese mit 99’000 Mitarbeitenden leidet seit Jahren am hausgemachten, komplizierten Konzernaufbau, der vor langer Zeit berechtigt gewesen sein mag, im 21. Jahrhundert jedoch aus der Zeit gefallen ist. Doch personelle Egoismen in den Direktionen der elf Genossenschaften blockieren – so scheint es wenigstens Aussenstehenden – die überfällige Reform.
Wer soll dieses Buch lesen? In der Schweiz kennen fast alle die Migros. Umso mehr dürfte es die Menschen interessieren, wie sich aus dem einstigen Branchen-Überflieger ein schwerfälliger Konzern-Koloss entwickeln konnte. Mehr dazu erfahren Leserinnen und Leser auf den nächsten Seiten. Einerseits lasse ich absichtlich oft die Printmedien sprechen, um dem Vorwurf zu entgehen, meine Kritik sei eine rein persönliche. Andererseits lege ich Wert darauf, den ausgewiesenen, langjährigen Branchenkenner zu Wort kommen zu lassen. Ziel dieses Buches ist es, einen möglichen Beitrag zur Beseitigung der Blockade aufzuzeigen und den Weg zur Sanierung freizulegen.
Daneben ist es mir ein grosses Anliegen, den Vertreterinnen und Vertretern der Generationen Z (*1996–2012) und teilweise Y (*1980–1995) die Anfänge des Phänomens Migros etwas näherzubringen. Ihnen ist die Migros zwar wohlbekannt, deren Gründer Gottlieb Duttweiler und seine Gattin Adele haben sie aber nicht mehr erlebt. Selbstverständlich gilt das auch für alle anderen interessierten Leserinnen und Leser. Es ist dies die Geschichte eines eigentlichen helvetischen Wirtschaftswunders und gleichzeitig jene des unermüdlichen und kreativen Gründerunternehmers und seiner aus dem Hintergrund mahnenden und mitlenkenden Gemahlin. Beide verfügten sie über die Begabung, neu denken zu können. Neu denken heisst: ausbrechen aus alten Gleisen und überholten Traditionen, Neuland betreten und dabei grosse Risiken eingehen.
Mein Blick auf 100 Jahre Migros-Geschichte wird ergänzt durch persönliche Kommentare. So finden sich neben der Schilderung erstaunlicher Leistungen auch kritische Gedankengänge zu spezifischen Hürden bei der zukünftigen Entwicklung.
Darüber berichte ich.
Seit siebzig Jahren, von 1955–2025, ist die Migros für mich (*1939, Autor dieses Buches) omnipräsent. Schon einige Jahre vor 1955 war ich Gottlieb und Adele Duttweiler bei ihren gelegentlichen Abendspaziergängen auf der Mühlestrasse ab und zu begegnet – Nachbarn eben an meinem Wohnort Rüschlikon ZH.
Als erster kaufmännischer Lehrling der Genossenschaft Migros Zürich und des Migros-Genossenschafts-Bundes erlebte ich ab 1955 am Limmatplatz in Zürich die einmalige, orange Lebensmittel-Atmosphäre. Ein Markenzeichen des obersten Chefs Gottlieb Duttweiler (GD) war der Topolino, mit dem der Migros-Gründer frühmorgens in der Zentrale eintraf. Topolino, Fiats Kleinster …
Während 45 Jahren war die Food-Branche mein Arbeitsgebiet. So kam es, dass ich als Detailhandelsprofi die wichtigsten Anbieter immer im Auge behielt. Auch später, ab dem Jahr 2000 bis heute, habe ich als Autor und Publizist die Entwicklung des Lebensmittel-Detailhandels in der Schweiz verfolgt, mit spezieller Aufmerksamkeit auf den orangen Riesen.
Um besser verstehen zu können, warum mich die Geschichte der Migros so interessiert, scheint es sinnvoll, meine berufliche Tätigkeit ab 1964 kurz aufzuzeigen. Ich habe mir als Branchen-Pionier einen Namen geschaffen; während rund 40 Jahren war ich – nach einem 18-monatigen Commercial-Trainee-Aufenthalt in San Francisco, USA – als Food-Consultant für neue Detailhandelskonzepte an der Etablierung neuer Verkaufsformen im schweizerischen Lebensmittel-Detailhandel engagiert.
Die wichtigsten Stationen: 1965–1972 Einkaufschef bei Karl Schweris Denner AG, Einführung der Denner-Superdiscounts in der Schweiz im Jahr 1967. Aus Tante-Emma-Läden wurden Tiefstpreis-Discounts. Innerhalb von fünf Jahren waren aus 200 Tante-Emma-Läden mit einem Umsatz von 100 Millionen Franken 50 Super-Discounts mit einem Umsatz von 500 Millionen Franken geworden. Zur Eröffnung des ersten Super-Discounts im Jahr 1967 waren Heerscharen von Menschen aus der halben Schweiz nach Zürich gereist.
1972–1974 Internationaler Einkaufsmanager in der Schweizer Europazentrale des Metro-Konzerns (mein Einsatzgebiet: Schweiz, Holland und Italien). Aufbau des Grosshandels in Europa, mein Haupteinsatzgebiet war Italien.
1976–1981 Direktionsmitglied bei Jelmoli, zuständig für Einkauf, Verkauf, Logistik des Food-Bereichs auf gesamtschweizerischer Ebene. Aufbau der Lebensmittelzentren in den Warenhäusern als Frequenzträger.
Ab 1981–2001 Inhaber der Firma Zollinger ITB Zürich (Food-Consulting), Pionier für die Realisation neuer Verkaufsformen, insbesondere Convenience-Stores. Unter anderem: Aufbau und Einführung der ersten Autobahn-Läden (Ueli Pragers Mövenpick, 1984); für Piccadilly SA: 1987 (Tessin) Lancierung der ersten Tankstellen-Shops in der Schweiz; für die SBB: 1989 Entwicklung der Aperto-Convenience-Shops in Bahnhöfen; für die Schweizer Post (PTT): 1993 Konzepterarbeitung des Agenturgeschäfts; für Globus: ab 1994 die Erarbeitung des Konzepts und die Implementierung der neuen Generation der Delicatessa schweizweit. Weitere Kunden auf diesem Sektor waren Hofer & Curti, Schweizerische Speisewagen AG, Kiosk AG (Valora), Niedermann (Pic-Nic) und Merkur.
(Abrundung meiner beruflichen Tätigkeit von 2001–2025: Autor mit zehn publizierten Sachbüchern, die am Schluss dieses Buches aufgelistet sind, und Publizist in Internetmedien, unter anderem journal 21.ch und glaskugel-gesellschaft.ch, mit inzwischen rund 500 Kolumnen).
Die ersten drei Kapitel basieren zum Teil auf früheren Publikationen zur Migros, die mir dankenswerterweise von der Direktion Kommunikation der Migros-Gruppe und der Abteilung Dokumentation / Historisches Firmenarchiv der Migros zur Verfügung gestellt worden sind. Es sind dies unter anderem:
Migros Basel, Zürich, Bern, St. Gallen: 1925–15 Jahre Brückenbau der Migros von Produzent zu Konsument, 1941
Migros-Genossenschafts-Bund: Eine Brücke in die Zukunft, 1956
Curt Riess: Gottlieb Duttweiler – Eine Biographie, 1965
Hans Munz: Das Phänomen Migros, 1973
Alfred A. Häsler: Das Abenteuer Migros, 1985
Sigmund Widmer: Gottlieb Duttweiler, Gründer der Migros, 1985 (Serie Schweizer Pioniere der Wirtschaft und Technik)
Karl Lüönd: Gottlieb Duttweiler (1988–1962) – Eine Idee mit Zukunft, 2000 (Serie Schweizer Pioniere der Wirtschaft und Technik)
Migros-Genossenschafts-Bund: Chronik der Migros, Portrait eines dynamischen Unternehmens 1925–2018, 2019
Iris Hanika: Gottlieb Duttweiler. Migros-Gründer. Der populäre Visionär, 2000 (in DU – Zeitschrift für Kultur)
Gottlieb Duttweiler: Eines Volkes Sein und Schaffen, 1940
Ergänzt wird diese Liste durch die Leihgabe des Verlags Hier und Jetzt mit dem inzwischen vergriffenen Buch Der Migros-Kosmos, 2003, und durch das Buch des Verlags NZZ Libro, Das kleine m, 2023.
Daneben dienten unzählige Print- und Onlinemedien als Quellen. Zur besseren Übersichtlichkeit des Lesestoffs habe ich ab Kapitel 4 auf die zeitliche Gliederung verzichtet. Das spannende und oft widersprüchliche Geschehen ist fortan einzelnen Themenkreisen zugeordnet. Diese sind nicht immer klar abgrenzbar oder überschneiden sich ab und zu. Und schliesslich sind es meine persönlichen Beurteilungen und Gedanken, die es Leserinnen und Lesern erleichtern sollen, eine gedankliche Brücke zwischen Ereignissen der Vergangenheit und ihrer Zuordnung in der Gegenwart zu schlagen.
Nach Mitte Oktober 2024 sind im Buch keine weiteren Aktualisierungen mehr enthalten, da zu diesem Zeitpunkt aus technischen Gründen der Redaktionsschluss erfolgt.
«Wenn das Unternehmen nicht gelingt,
fange ich nichts Neues mehr an.»
(Gottlieb Duttweiler, 1925)3
3– Ebd., 8.
1925 passiert Einmaliges in der Schweiz. Ein kreativer Unternehmer verbündet sich mit den Hausfrauen. Gegen den vehementen Widerstand des wirtschaftlichen Establishments krempelt er den Lebensmittel-Detailhandel um. In atemberaubendem Tempo wächst das von ihm gegründete Unternehmen Migros. Dies alles ist das Resultat eines kommerziell und sozial denkenden Selfmademans, der neu denken konnte: zukunftsbezogen, kreativ, innovativ, gesellschaftlich engagiert. Intuitiv nahm er vorweg, was man heute Corporate Social Responsability nennt.
Ob er wohl auf einem anderen Gebiet, wenn er mit Interesse und Überzeugung arbeite, auch Erfolg haben werde? Dies soll sich Gottlieb Duttweiler (GD) einst im Jahr 1918 gefragt haben. Das andere Gebiet wird ab 1925 die Migros sein. Ob er Erfolg hatte? Urteilen Sie selbst.
Zu «einem anderen Gebiet» muss man wissen, dass der 36-jährige Duttweiler damals wohl auf seine bisherigen beruflichen Erfahrungen zurückblickte: Zweimal war er bereits grandios gescheitert, das erste Mal nach einer mehrjährigen, höchst erfolgreichen Karriere bei Pfister & Sigg, Zürich (Grosshandel). Während des Ersten Weltkrieges (1914–1918) als Handelsreisender unterwegs für seinen Arbeitgeber, bei dem er vorgängig die kaufmännische Lehre
Gottlieb und Adele Duttweiler, ca. 1950/1957
absolviert hatte, betätigte er sich – quasi als Spekulant – so erfolgreich auf den Warenmärkten, dass die Firma in Pfister & Duttweiler umbenannt wurde. Als der Krieg vorbei war, folgte eine happige Währungskrise und die enormen Warenlager entwerteten sich über Nacht drastisch – Pleite Nr. 1.
Warum die Duttweilers anschliessend – nachdem sie im Konkurs auch sämtliches privates Vermögen geopfert hatten, um alle Gläubiger schadlos zu halten – nach Brasilien auswanderten, wer weiss es? Sie betrieben dort für kurze Zeit eine Kaffeeplantage, offensichtlich wenig erfolgreich. Zudem litt Gattin Adele an Heimweh, und so kehrte das kinderlose Paar 1924 in die Heimat zurück – Pleite Nr. 2.
Migros heisst «halb-gross». Mit dieser Wortkreation signalisierte GD der Schweizer Hausfrau: Der Migros-Verkaufspreis liegt zwischen dem Engros- und dem Detailhandelspreis. Damit kauft ihr wesentlich günstiger ein, als das bisher der Fall war! Das risikoreiche Abenteuer startete am 15. August 1925; bereits im September waren die ersten neun Verkaufswagen (neun fahrende Läden) unterwegs; verkauft wurden sechs Artikel: Zucker, Teigwaren, Kaffee, Reis, Seife, Kokosfett.
Intuitiv hatte GD schon erfasst: Langfristig erfolgreich ist im Detailhandel, wer dorthin geht, wo die Kundschaft ist (nicht umgekehrt). Erst mit der Mobilitätswelle, die in den 1960-Jahren begann, sollte sich das ändern und Shopping-Center wurden gebaut. Doch bereits 1980 setzte eine Gegenbewegung ein: Damals entstanden die ersten Kleinläden an Tankstellen, Autobahn-Raststätten, in Bahnhöfen und Hotels. Viele Shopping-Center gerieten später in ernste Umsatzprobleme.
In den ersten Jahren der Migros belief sich das Haushaltsbudget für Nahrungsmittel auf rund 48 Prozent des Familieneinkommens (heute 14 Prozent). Kein Wunder, reagierten die mit Flugblättern angesprochenen Hausfrauen begeistert auf Preissenkungen. GD erklärte ihnen, dass Produzenten und Detailhandel in der Schweiz zu hohe Margen kalkulierten und die Migros durch radikale Kostensenkungen diesem Missstand begegnen werde. Das trug ihm allerdings die erklärte Feindschaft dieser Unternehmen und deren Protagonisten ein, die in Lieferboykotts mündete.
Genau diese Reaktion war Teil des Erfolgsfundaments des heute sogenannten orangen Riesen. Wer nicht beliefert wird, muss neue Quellen suchen – so entstanden in den folgenden Jahren ab 1928 Dutzende von Migros-eigenen Produktionsbetrieben: Produktion AG Meilen (PAG), anfänglich mit Speiseöl- und Fettproduktion, später Gebäck und Schokolade; Jowa Schokolade, Aproz Mineralwasser, Bischofszell Konserven, Chocolat Frey, Estavayer SA, Micarna SA, Gifa AG und viele weitere. Einen zweiten Teil bildete der Vorstoss in die Non-Food-Welt: Ex Libris, Hotelplan, Migrol, Migros Bank etc. Auch hier ortete GD vor allem Chancen wegen zu hoher Margen respektive Verkaufspreise der bestehenden Anbieter. Einen weiteren Teil zum Erfolg trugen Persönlichkeiten der ersten Stunde bei, die GD berieten und unterstützten. Eine davon war Elsa Gasser (siehe auch Kapitel 10), volkswirtschaftlich die rechte Hand GDs und geistig unabhängig. Im Hintergrund wohl sehr einflussreich war GDs Gattin Adele Duttweiler-Bertschi.
(Nicht in diese Thematik gehört ein persönliches Erlebnis mit Elsa Gasser, auch sie war Nachbarin in meiner Jugend in Rüschlikon. Als Sekundarschüler krachte ich auf meinem Velo in einer unübersichtlichen Kurve in diese starke Frau. Sie blieb unverletzt, während ich ein Schlüsselbein brach, und sie mir bei sich zu Hause erste Hilfe gewährte.)
Ab 1926 kamen erste Verkaufsmagazine zur Unterstützung der fahrenden Läden dazu. Auf die Boykottmassnahmen verschiedener Markenartikelhersteller antwortete GD fantasievoll: Er liess Kaffee Zaun bei der Haco AG Gümligen produzieren (Alternative zu Kaffee Hag), es folgte das Waschmittel Ohä (ohne Hänkel gegen Henkel). Die Bundesversammlung erliess 1933 das verfassungswidrige Eröffnungs- und Erweiterungsverbot für Warenhäuser, Kaufhäuser, Einheitspreisgeschäfte und Filialgeschäfte.
Gottlieb Duttweiler anlässlich der Einweihung desersten Supermarktes in Zürich 1952
1935 kandidierte GD auf der Liste der Unabhängigen für die nationalen Parlamentswahlen. Er wurde in den drei Kantonen, in denen er kandidierte, auf Anhieb gewählt und zog mit sieben Listen-Sitzen in den Nationalrat ein. Sein politisches Wirken konnte provokativ sein, wie es ja in einem gewissen Sinne auch sein wirtschaftliches war. So kritisierte er die anpasserische Rede von Bundesrat Marcel Pilet-Golaz, was zur Folge hatte, dass er 1940 aus der damaligen Vollmachtenkommission ausgeschlossen wurde. Dies wiederum bewog GD zum demonstrativen Rücktritt als Berner Nationalrat, nur um von 1943–1949 als Zürcher Nationalrat und von 1949–1951 als Zürcher Ständerat erneut aktiv zu politisieren.
Am 30. Dezember 1938 waren im Strohhaus im Park im Grüene in Rüschlikon 30 Männer aus verschiedenen Kantonen zusammengekommen: Dies war der Moment der Gründung des Landesrings der Unabhängigen als neue politische Partei. 1939, ein Monat nach Kriegsausbruch, wurde die Tageszeitung Die Tat gegründet.
1940 verschenkten GD und seine Frau Adele ihre Migros AG an die Bevölkerung, damit entstand die Genossenschaft Migros. Mit diesem Schritt wollte GD wohl demonstrieren, dass es ihm nicht nur um Profit ging, sondern um soziales und kulturelles Engagement. Der Wert dieser Schenkung wurde nachträglich durch ein Gerichtsverfahren auf 16 Millionen geschätzt. Damals unterzeichneten die Verantwortlichen der Migros, darunter Gottlieb und Adele Duttweiler, die Erklärung von 1940, in der sie sich unter anderem verbürgten, «das treulich zu halten, was die Migros 15 Jahre hindurch geübt hat, und am Schluss für grösstmögliche Zuträglichkeit und Gesundheitswert der verkauften Lebensmittel zu sorgen»4.
Strohhaus im Park im Grüene 1936
Gegen den Widerstand der Migros-Direktion in Zürich kaufte GD 1941 die Monte-Generoso-Bahn im Mendrisiotto (TI), die vom Besitzer abgerissen werden sollte, um die Schienen als Alteisen zu verkaufen. Heute wird die Ferrovia Monte Generoso AG vom Migros-Kulturprozent unterstützt. Zwei Jahre später beteiligte sich die Migros an der Praesens Film AG, da GD nicht nur den Schweizer Film fördern, sondern auch die Bevölkerung in den entbehrungsreichen Kriegszeiten moralisch aufbauen wollte. Auch hier ist das Migros-Kulturprozent bis heute engagiert (siehe dazu unter dem Jahr 1957).
Die Gattin von Gottlieb Duttweiler, Adele, geborene Bertschi, unterstützte ihren Mann seit ihrer Hochzeit im Jahr 1913 unermüdlich und tatkräftig bei der Umsetzung seiner oftmals sprunghaften Ideen. Ohne sie wäre weder die Stiftung der Migros-Genossenschaften noch das physische Durchhalten im aufreibenden wirtschaftlichen und politischen Kampf möglich gewesen. Kennengelernt hatte Duttweiler Fräulein Bertschi 1911 im Zug nach Zürich, den sie in Horgen und er in Rüschlikon bestieg. Später mietete GD ein Pferd und ritt nach Horgen vor das Wohnhaus der Bertschis; damit begannen zwei Jahre des Kennenlernens. Im April 1913 heirateten die beiden in der Kirche Horgen.
Gegen den Widerstand des Zeitungsverlegervereins wurde 1942 die Wochenzeitung Wir Brückenbauer gegründet, um die inzwischen auf 123’000 Genossenschafterinnen und Genossenschafter angewachsene Institution mit Migros-internen News zu beliefern. 1944, gegen Ende des Zweiten Weltkrieges, wurden die Klubschulen zur Erwachsenenbildung aus der Taufe gehoben. Der Erfolg übertraf alle Erwartungen. 1946 hoben die Behörden endlich das weiter oben erwähnte unsägliche Filialverbot auf, das während 13 Jahren jede Standorterweiterung der Migros verunmöglicht hatte.
Im selben Jahr verschenkten die Duttweilers ihr 45’000 Quadratmeter grosses Grundstück in traumhafter Lage oberhalb von Rüschlikon, indem sie es in die Stiftung Im Grüene überführten und damit für die Öffentlichkeit zugänglich machten. Wer heute, rund 80 Jahre später, Gelegenheit hat, sich im Park zu tummeln oder im Restaurant zu sehr günstigen Preisen zu verpflegen, wird wohl anerkennen, dass diese Schenkung eine grossartige Geste des Gründerpaares war. (Nicht auszudenken wie viele Millionen Franken bei den heutigen Grundstückpreisen da hätten gelöst werden können.)
1948 öffnete in Zürich der erste M-Selbstbedienungsladen, Medien titelten «Amerikanische Methoden in Zürich». Nach einer Migros-internen Befragung wurde das M-Sortiment über Lebensmittel hinaus im Non-Food-Bereich erweitert (täglicher Gebrauch, Gesundheits- und Körperpflege, Sport und Spiel und Geräte zur Erleichterung der Hausarbeit).
1950 war Jubeljahr in der M-Familie – 25 Jahre mussten gefeiert werden. Mittlerweile waren es über 200’000 Genossenschafterinnen und Genossenschafter und über 200 Verkaufsstellen. Am 25. August ruhte die Arbeit in allen Filialen, rund 5000 Angestellte bestiegen in Zürich die fünf grössten Dampfer, in Rüschlikon schwamm ihnen GD – mit dem legendären Strohhut auf dem Kopf – entgegen, bevor es zur Geburtstagsfeier im Park im Grüene hinaufging.
Im selben Jahr wurden Thesen verfasst, welche «den persönlichen Willen und sozusagen ein Vermächtnis der Stifter Gottlieb und Adele Duttweiler darstellten»5. Auf diese Richtlinien sollten sich Mitglieder der Verwaltungen und Genossenschaftsräte jederzeit berufen können. Speziell der Paragraf 14 hat es in sich, ist er doch im Laufe der Jahre problematisch und entwicklungshemmend geworden: «Keine Machtpolitik des Migros-Genossenschafts-Bundes. Er hat die Geschlossenheit der Mitgliedsgenossenschaften auf Leistung und auf seine moralische Autorität abzustellen. Kein Bezugszwang, sondern höchstens nicht prohibitive Treuerabatte. Die Mitgliedsgenossenschaften sind insbesondere durch konsultative Geschäftsleiter-Konferenzen vermehrt zur Mitarbeit und Mitverantwortung heranzuziehen.»6 Diese Thematik wird in den folgenden Kapiteln detailliert aufgegriffen.
