Mila & Blake: Summer Love - Estelle Maskame - E-Book

Mila & Blake: Summer Love E-Book

Estelle Maskame

0,0
9,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.
Mehr erfahren.
Beschreibung

Mila Harding hat alles, was man sich nur wünschen kann: einen berühmten Dad, ein Luxusleben in L.A., glamouröse Partys – und jede Menge Ärger: Als sie bei einem offiziellen Empfang aus der Rolle fällt, gefährdet sie den Ruf ihres Vaters, dessen nächste große Filmpremiere ansteht. Kurzerhand verbannen ihre Eltern sie auf die abgelegene Farm der Hardings, irgendwo in Tennessee. Hier soll Mila ihren Sommer verbringen, bei ihrer Tante Sheri, umgeben von Pferden, Feldern und den Erinnerungen ihrer frühen Kindheit. Mila erwartet völlig ereignislose Wochen – bis sie auf Blake trifft, den Sohn des Bürgermeisters. Dass Mila in Schwierigkeiten steckt, ist ihr schon nach einem Blick in seine dunklen Augen klar …

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 359

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Das Buch

Blake wartet inzwischen seit mindestens fünf Minuten, deshalb eile ich die Verandastufen hinunter und zum Tor. Der schwarze Lack von Blakes Truck blitzt im goldenen Sonnenschein. Er öffnet das Beifahrerfenster und lehnt sich über den Sitz. »Steig ein, Hollywood, wir müssen los!«

Ich ziehe die Tür auf, steige ein, und mein verräterisches Herz rast ein bisschen, was definitiv daher kommt, dass ich mich so abgehetzt habe, nicht, weil ich auch nur ansatzweise nervös bin. »Hey«, sage ich cool und schnalle mich an. Ich versuche, nicht zu zappelig zu sein.

»Hi«, sagt Blake. Kurz mustert er mich mit seinen braunen Augen, nur für eine Sekunde oder zwei, und ich frage mich, ob er mir ein Kompliment machen will. Will er nicht. »Bist du bereit für den tollsten Abend deines Lebens?«

Die Autorin

Estelle Maskame, 1997 geboren, lebt in Peterhead, Schottland, wo sie auch zur Schule ging. Bereits mit 13 Jahren begann sie die DARK-LOVE-Serie zu schreiben, die auf Wattpad vier Millionen Reads erreichte und in Buchform auch international ein sensationeller Erfolg wurde. Mit MILA & BLAKE dürfen ihre Leser*innen sich nun auf die neue große Serie um ein unwiderstehliches Paar freuen.

ESTELLE MASKAME

Mila & BLAKE

Summer Love

Aus dem Englischen von Sabine Schilasky

WILHELMHEYNEVERLAGMÜNCHEN

Die Originalausgabe Becoming Mila erschien erstmals 2021 bei Ink Road, Black & White Publishing Ltd

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.

Deutsche Erstausgabe 05/2023

Copyright © 2021 by Estelle Maskame

Copyright © 2023 der deutschsprachigen Ausgabe

by Wilhelm Heyne Verlag, München,

in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,

Neumarkter Str. 28, 81673 München

Redaktion: Lisa Scheiber

Umschlaggestaltung: Zero Werbeagentur, München,

unter Verwendung von Motiven von © FinePic®, München

Satz: Leingärtner, Nabburg

ISBN 978-3-641-28803-7V002

www.heyne.de

Für die beiden strahlendsten Sterne am Firmament,Baby Buchan & Jensen Buchan.

Eins

Ja, ich habe Mist gebaut.

So richtig Mist.

Es kostet mich alle Kraft, trotz meiner Gewissensbisse gefasst zu bleiben und gegen die pochenden Kopfschmerzen zu kämpfen. Doch nach dem Fehler von gestern Abend verdiene ich zu leiden.

Bis auf das Brummen der Klimaanlage ist es still im Raum, und mein Blick fixiert einen Flecken, der unseren weißen Marmoresstisch verschandelt.

»Wie wollen wir das hindrehen?« Ruben seufzt. Er kocht vor Wut und ist mit seiner Geduld am Ende, was mich betrifft. Viel klarer könnte er gar nicht ausdrücken, wie satt er diese kurzfristig einberufenen Treffen zur Schadensbegrenzung hat.

»Es ist dein Job, das wieder hinzubekommen«, antwortet Mom schnippisch, während ihre Fingernägel auf einem Handydisplay klackern. »Also fang an nachzudenken.«

»Marnie, die Zahl der Fehltritte, die wir unter den Teppich kehren können, ist begrenzt«, kontert Ruben. »Die Klatschpresse kapiert bereits, dass sich deine Tochter zu einer verlässlichen Einkommensquelle mausert.«

Ich unterdrücke meine Übelkeit und blicke verstohlen vom Tisch auf. Ruben sitzt mit dem Rücken zu mir an der Kücheninsel und ist auf ein MacBook konzentriert. Mom ist mit ihren Mobiltelefonen beschäftigt. Sie wechselt zwischen zwei Geräten: eines für Geschäftliches, das andere für Privates. Selbst zu dieser unchristlichen Zeit hat sie es irgendwie geschafft, sich trotz der neuesten Publicity-Krise noch das Haar zu föhnen und volles Make-up aufzutragen. Es sind außerdem zwei Frauen von der Produktionsfirma hier, irgendwelche Führungskräfte, doch ich kenne ihre Namen nicht. Ich weiß nur, dass sie total wütend aussehen.

»Können wir es nicht als einen Schwindelanfall ausgeben?«, schlägt eine von ihnen vor. Sie bemerkt meinen Blick, und ich schaue schnell weg.

»O, ja, klar, wird super funktionieren«, murmelt Ruben. Er dreht sich um. Seine Züge sind hart. Seit zehn Jahren ist Ruben fester Bestandteil unseres Lebens, und immer noch macht er mir manchmal eine Riesenangst. Er stellt den Laptop vor mir auf den Tisch und klappt ihn auf. »Sieh dir das an«, sagt er, doch ich schäme mich zu sehr, um die Schlagzeilen zu lesen. »Mila, sieh hin!«, befiehlt er.

Mein Gesicht beginnt zu glühen, als ich widerwillig auf den Monitor schaue. Es sind mehrere Fenster geöffnet, zu lauter Kästchen verkleinert, die den Bildschirm füllen. Ein verschwommenes Meer von Wörtern, bei deren Anblick sich mein Brustkorb noch ein wenig enger anfühlt.

GERÄTEVERETTHARDINGSTOCHTERAUSSERKONTROLLE?

MILAHARDINGMACHTEINESZENEBEIDER »FLASHPOINT: NORETURN« PRESSEKONFERENZ

NIMMTEVERETTHARDINGSEINEELTERLICHENPFLICHTENNICHTERNST?

»Es tut mir leid«, flüstere ich. Meine Stimme ist heiser, weil ich ziemlich dehydriert bin, was mich schwach und unaufrichtig klingen lässt.

»Entschuldigungen bringen diese Schmierfinken nicht zum Schweigen«, erwidert Ruben und geht mitsamt seinem Laptop wieder zurück an die Kücheninsel. Dort lässt er seinen Frust an den Frauen von der Produktionsfirma aus. »Und wer von Ihnen hat es für eine gute Idee gehalten, Everetts sechzehnjähriger Tochter bei solch einem Event Champagner zu geben?«, fragt er sie. »Jemand, der nicht mehr bei Ihnen arbeiten sollte, so viel steht fest.«

»Niemand hat mir den Champagner gegeben«, sage ich leise, denn ich fühle mich schon mies genug, ohne jemand anderen mit mir in den Dreck zu ziehen. Außerdem trifft wirklich niemanden sonst Schuld. Es war mein Handeln, meine Entscheidung, also ganz allein mein Fehler. »Die Gläser standen alle gefüllt da, und ich habe mir einfach immer mal wieder eines genommen, wenn keiner hingesehen hat.«

Ruben blickt sich angewidert zu mir um. »Mila, du bist in einem Alter, in dem du genau weißt, wie die Boulevardzeitungen den kleinsten Patzer aufbauschen. Da leuchten die Dollarzeichen in ihren Augen. Diese Leute haben keinen Funken Mitgefühl mit einer Jugendlichen, die Fehler macht, erst recht nicht, wenn es sich um Everett Hardings Tochter handelt.«

Ein Handy klingelt, und eine der beiden Frauen verlässt den Raum, während sie bereits Anweisungen bellt.

»Tut mir leid«, sage ich wieder. Ich weiß nicht, wie oft ich mich seit gestern Abend entschuldigt habe, doch es scheint nie zu reichen. Aber was soll ich sonst sagen? Ich ziehe meine Unterlippe ein, senke den Blick und kämpfe mit den Tränen.

»Das weiß ich doch, Schatz«, sagt Mom. Sie legt ihre beiden Telefone neben mir ab, rückt näher und nimmt mich in den Arm. Sie riecht nach Blüten wie von frischen Frühlingsblumen. »Letztlich gehört es bei Teenagern zum Erwachsenwerden, dass man experimentiert, und ich bin nicht böse auf dich. Es ist nur …« Sie lehnt ihr Kinn auf meine Schulter und atmet aus, sodass ihr Atem an meinem Hals kitzelt. Dann sagt sie leiser: »Andere Kinder können es sich leisten, hin und wieder mal Mist zu bauen. Du kannst es nicht. Nicht in der Öffentlichkeit, und gerade jetzt sind die Scheinwerfer noch ein bisschen direkter auf uns gerichtet.«

Ich beginne, in ihrer warmen, duftenden Umarmung zu weinen.

Die anderen Male, die ich in letzter Zeit Mist gebaut habe, fallen im Vergleich harmlos aus. Als ich den Paparazzi durchs Beifahrerfenster unseres Range Rovers den Mittelfinger zeigte, weil ich vergessen hatte, dass die Scheibe nicht getönt ist, hat Ruben mich fast erwürgt. Und letzten Monat, als ich Zoff mit einem drittklassigen Möchtegern-Model auf Twitter hatte, belegte er mich mit einer zweiwöchigen Social-Media-Sperre. Doch all das scheint jetzt gar nicht mehr so dramatisch, denn das gestern Abend war eine völlig andere Liga.

Man stelle sich vor: Es ist die schillernde Pressekonferenz zur Ankündigung des größten Blockbusters in diesem Sommer, und die Werbung für den langersehnten dritten Teil der Flash-Point-Serie läuft auf Hochtouren. Ein edles Kino in Beverly Hills, vollgepackt mit Journalisten, die Unmengen Fragen vorbereitet haben. Die meisten Schauspieler sind da, doch die Hauptdarsteller, Everett Harding und sein glamouröser Co-Star Laurel Peyton sind die begehrtesten. Auf der Bühne lacht die Besetzung mit dem Publikum, beantwortet Fragen und zeigt sich hell begeistert von ihrem neuesten Film. Gleichzeitig feiert die Produktionsfirma im Backstagebereich. Der Champagner fließt ein bisschen zu großzügig. Everett Hardings schicke Frau schwebt elegant umher, unterhält sich angeregt mit Managern und macht Hinter-den-Kulissen-Aufnahmen für ihren Mann, die später über Social Media gepostet werden.

Und dann bin ich da, ihre Tochter, und begehe den blöden Teenager-Fehler, heimlich Champagner auf einer Showbiz-Party zu schlürfen. Aber ich bin backstage und denke, es merkt keiner.

Falsch gedacht.

Der Event endet mit tosendem Applaus. Mom umarmt Dad überschwänglich, als er nach hinten kommt, und Ruben ruft unseren Fahrer, damit er mit dem Wagen vorfährt. Dad ist zu fertig nach einem ganzen Tag mit der Presse, um noch zu bleiben und sich unter die Leute zu mischen. Dann sucht Ruben nach mir und bringt mich nach meinen Eltern durch den Hintereingang nach draußen, wo uns sofort die Blitze der wartenden Paparazzi blenden. Wie Wunderkerzen am Nachthimmel, dachte ich früher. Heute finde ich sie einfach nur grell.

Die frische Luft trifft mich zu heftig. Ich stolpere, torkle gegen meine Mutter und krache an die Rempelgitter, mit denen die Paparazzi zurückgehalten werden. Dad hört es, dreht sich um und will mir seine Hand entgegenstrecken, aber Ruben drängt ihn in den wartenden Minivan. Mom verschwindet hinter ihm in dem Wagen, und als Ruben zurückkommt, um mich zu holen, knie ich auf dem Asphalt und habe Mühe, mich zu halten. Mir wird schlecht, und es ist zu schlimm, um es zu unterdrücken. Ich übergebe mich, als ich noch überlege, wie viele Gläser ich mir reingeschüttet haben mag.

Kameras blitzen, und das Klicken der Blenden hallt durch meinen benebelten Kopf. Lauter Stimmen brüllen durcheinander, jemand schreit meinen Namen in der Hoffnung, dass ich aufschaue, direkt in die Linse, für den perfekten Schnappschuss; andere rufen widerliche Fragen herüber und hoffen auf eine noch unangemessenere Reaktion.

Ruben packt mich am Ellbogen und zieht mich vom Boden hoch. Mit erhobenem Arm schiebt er die Kameras aus dem Weg, schleift mich zu dem Minivan, hilft mir hinein und schließt die Seitentür mit einem Knall. Der chaotische Lärm wird gedämpft, doch es hämmern noch Hände an die Fenster.

»Mila!«, haucht Mom, kniet sich auf den Wagenboden und umfängt mein Gesicht mit den Händen, weil mein Kopf hin und her schwingt. Sie mustert mich entsetzt. Ihr Make-up ist nach wie vor makellos. »Geht es dir gut? Was hast …«

Doch Dad ist es, der die Frage beendet. Ungläubig und wütend sieht er mich an. »Was ist los? Hast du getrunken?«

Ich habe richtig Mist gebaut.

Und jetzt, am Morgen danach, scheint alles hundertmal schlimmer. Schlagzeilen machen den Namen Harding runter. Fotos sind überall im Internet. Ich habe meinen Vater zum Gespött gemacht.

»Das passiert viel zu häufig«, murrt Ruben aus der Küche. Ich verstehe, warum er stinksauer ist. Er ist Dads Manager, also bezahlen wir ihn dafür, dass er unser Leben managt, was ich ihm nicht leicht mache, wenn ich dauernd versehentlich in das Wespennest der Klatschpresse steche. »Vier Wochen bis zum Kinostart. Mit Boulevardartikeln über eine betrunkene Mila Harding, die kniend bei einer Pressekonferenz kotzt, hast du uns wirklich keinen Gefallen getan.«

»Negative Publicity für unseren Hauptdarsteller ist das Letzte, was wir vor der Premiere gebrauchen können«, bekräftigt die noch verbliebene Produktionsfrau. Sie verschränkt die Arme vor der Brust und sieht mich wutentbrannt an. Unsere Familie interessiert sie natürlich nicht; die Produktionsfirma kümmert einzig, wie viel Geld ihnen dieser Film in die Kasse spült.

»Noch dazu haben die Sommerferien gerade angefangen, was bedeutet, junge Dame, dass du dich jetzt umso mehr in der Öffentlichkeit bewegen wirst«, sagt Ruben und reibt sich das Stoppelkinn, als würde er angestrengt überlegen.

Ich wische mir die Tränen von den Wangen und löse mich aus Moms Armen. Dann setze ich mich gerade hin, schniefe und schaue Ruben an. »Wie kann ich das wiedergutmachen?«

Ruben zuckt mit den Schultern. »Im Idealfall? Indem du die nächsten Wochen nicht hier bist, damit sich keiner Sorgen machen muss, dass du die neue beste Freundin der Klatschreporter wirst.«

»Ruben!«, faucht Mom, legt eine Hand auf meinen Arm und drückt ihn, als wollte sie mich so vor seinen Worten schützen. Der Blick, den sie ihm zuwirft, ist definitiv angewidert.

»Was denn? Hast du eine bessere Idee, Marnie?«, fragt er ungerührt.

Ein Knarzen ist von der Küchentür zu hören. Durch meine geschwollenen Lider sehe ich meinen Vater im Türrahmen lehnen. Er trägt seine Lieblingssonnenbrille, wahrscheinlich weil seine Augen nach dem hektischen Tag gestern müde sind, und hat die Hände in den Jeanstaschen. Wir alle verstummen, weil wir nicht wissen, wie lange er schon vom Flur aus mithört. Mom nimmt meine Hand.

»Mila«, sagt Dad und räuspert sich. Seine Stimme ist leise und rauchig – mit ein Grund, warum er weltweit so gut Herzschmerz verkauft –, und das heute Morgen sogar mehr als sonst. Er lüpft seine Sonnenbrille ein wenig, sodass er mich mit seinen dunklen Augen direkt ansieht. Sie sind tatsächlich blutunterlaufen und die Lider schwer von zu wenig Schlaf. »Ich halte es für das Beste, wenn du für eine Weile nach Hause gehst.«

»Nach Hause?«, wiederholt Mom in dem Moment, in dem mein Herz ein Stück nach unten sackt. »Dies ist unser Zuhause, Everett. Und hier ist Milas Zuhause. Bei uns. Lass uns richtig darüber reden, bevor …«

»Ruben, arrangiere alles für die Reise«, sagt Dad, der Mom vollkommen ignoriert. Er sieht immer noch zu mir, und ich erkenne einen Anflug von Bedauern, bevor er die Sonnenbrille wieder herunterzieht und leise sagt: »Mila, fang an zu packen. Du verbringst den Sommer in Tennessee.«

Zwei

THEHARDINGESTATE.

Die Worte sind auf einer goldenen Tafel an der dicken Steinmauer eingraviert. Die Mauer umspannt die ganzen fünfzig Morgen der Ranch. Am Eingang ist ein Elektrotor, und anscheinend verschafft man sich mittels einer Zahlenkombination Zutritt, die man in eine kleine Schaltfläche eingibt. Ich kenne die Kombination nicht, deshalb drücke ich den Hilfeknopf, starre nach oben zur Sicherheitskamera und warte, dass etwas passiert.

Mein Chauffeur vom Flughafen hat bereits die Flucht ergriffen und mich allein mitten in der Pampa zurückgelassen, wo ich nun mit meinem Gepäck in der sengenden Hitze stehe. Hier draußen auf dem Land ist es unheimlich still – zur nächsten Ranch geht es mindestens eine Meile die Straße entlang –, und diese Abwesenheit von Lärm ist befremdlich. Eine solche Stille gibt es in L.A. nicht.

Ich wische mir eine Schweißperle von der Stirn und bemerke gar nicht, dass es ein Mikro an diesem Tor gibt, bis ich ein Summen und ein Räuspern höre.

»Mila! Du bist da! Gib mir eine Sekunde.«

Tante Sheri! Es ist ewig her, seit ich ihre Stimme zuletzt gehört habe – mit diesem beruhigenden, unverwechselbaren Näseln. Unwillkürlich muss ich lächeln vor Glück.

Ich warte noch eine Minute, schwitze mit jeder Sekunde mehr und betrachte die hohe Mauer.

Als ich noch ein Kind war, war die Ranch zur Straße hin offen, kein Zaun, keine Mauer, kein Tor. Keine Security. Einzig ein verwittertes Holzschild mit dem von Hand hineingeschnitzten Namen. Mehr war nicht nötig, doch als die Fremden aufzutauchen begannen, gab es keine andere Option. Immer wieder kamen Fans aller Altersgruppen her und lungerten herum, weil es aus irgendeinem Grund toll schien, die Ranch zu besuchen, auf der Everett Harding aufgewachsen war. Deswegen bestand Sheri darauf, dass meine Eltern die Ranch einzäunen ließen – aus Sicherheitsgründen –, und Dad rief einen Handwerkertrupp und übernahm sämtliche Kosten, damit der Strom unerwünschter Besucher stoppte. Allerdings erinnere ich mich nicht, dass die Mauern bei unserem letzten Besuch so massiv waren. Der graue Stein wirkt neu und hier draußen auf dem weiten Land deplatziert, die Ranch eher wie eine Festung, nicht wie das Zuhause einer Familie.

Eine Klingel läutet schrill, die Torflügel öffnen sich langsam, und auf der anderen Seite wartet Tante Sheri.

»Mila!«, ruft sie und reißt mich in eine Umarmung, wie ich sie von je her mit der Freundlichkeit hier verbinde. Sie erdrückt mich fast, und ich klemme förmlich an meiner Tante, während sie sich mit mir von einer Seite zur anderen wiegt. »Ach, lass dich ansehen!« Sie hält mich bei den Schultern und mustert mich so eingehend, als wäre ich ein seltenes Artefakt.

Tante Sheri ist zwar Dads Schwester, sieht ihm jedoch überhaupt nicht ähnlich. Dad hat dunkle, kantige Züge, während Sheris Gesicht viel weicher wirkt. Ihre Wangen sind rund und rosig, und ihr blondes Haar ist ein Wust aus Naturlocken. Sie ist die jüngere der Harding-Geschwister, und ihr frisches Aussehen bestätigt es.

»Hey, Tante Sheri«, sage ich mit einem idiotischen Grinsen. Es ist fast vier Jahre her, seit wir uns zuletzt getroffen haben, und obwohl Sheri seitdem keinen Tag gealtert zu sein scheint, verstehe ich, warum sie mich fasziniert betrachtet. Ich bin nicht mehr ganz das schlaksige Kind mit dem Überbiss und der pinkfarbenen Brille – dafür haben Tanzunterricht, Zahnklammern und Kontaktlinsen gesorgt.

»Was bist du doch für ein süßes Ding geworden, richtig erwachsen«, sagt sie. »Und wie schön, dich in echt zu sehen anstatt auf dem Laptop.« Doch dann runzelt sie die Stirn und kneift mir in die Wange. »Dieses ganze Make-up ist nicht nötig, erst recht nicht hier bei uns …«

Sie hat recht, also nehme ich es mit einem Schulterzucken hin.

Eigentlich weiß ich nie, wann mich jemand mit einer Kamera entdeckt, und der Zwang, immerzu gestylt auszusehen, ist mir dank Ruben eingeimpft – und auch durch das makellose Beispiel meiner Mom. Ich atme aus und fühle, wie sich das Make-up verflüssigt, je länger wir hier stehen.

»Es ist so heiß«, sage ich.

Sheri kichert und schwingt einen Arm um meine Schultern. »Willkommen zurück in Tennessee!«

Fairview, Tennessee, um genau zu sein.

Ich schätze, für meinen Vater ist dies bis heute sein Zuhause, und in gewisser Weise für mich auch. Ich bin hier geboren, aber die Wahrheit ist, dass ich den Großteil meines Lebens in Kalifornien verbracht habe und kaum etwas anderes kenne, weshalb mir L.A. mehr wie mein Zuhause vorkommt als dieser Ort. Ich hänge nicht besonders an Tennessee, was man wohl auch nicht erwarten kann, da ich mit sechs Jahren aus Fairview weggezogen bin.

An den Teil erinnere ich mich.

Ans Fortgehen.

Ich hatte gerade die Hälfte der ersten Klasse hinter mir, als ich meine Lieblingsstofftiere in Pappkartons packte, meine weinenden Großeltern ein letztes Mal umarmte und in ein Flugzeug nach Los Angeles stieg. Zu der Zeit verstand ich nicht, was Wegziehen bedeutete. Meine Eltern nannten es dauernd »unser kleines Abenteuer«, und ich hatte keine Ahnung, wie sehr sich unser Leben verändern sollte. Alles, was mich interessierte, war, dass wir nahe am Strand wohnen würden.

Unser Umzug quer durch das Land hatte einen simplen Grund: Dads Traum nachzujagen.

Als Schüler war Dad der Klassenclown gewesen, doch ein nerviges Nachsitzen, bei dem er in der Theatergruppe aushelfen musste, änderte sein Leben für immer. Das Kulissenmalen fürs Weihnachtsmärchen führte bald zur »Entdeckung« von Dads Naturtalenten – und sein Aussehen und Charisma wurden rasch offensichtlich. Es dauerte nicht lange, da wurde er für sämtliche Frauenschwarmrollen gecastet. Dennoch überraschte es alle, als er dieser Leidenschaft auch am College nachging, wo er meine Mom kennenlernte. Mit Mitte zwanzig spielte er in Low-Budget-Filmen, baute sich langsam eine Filmografie auf, und sein Name erschien immer öfter im Abspann. Dann, aus heiterem Himmel, ergatterte er eine Rolle in einem Film, der als nächster großer Hollywood-Blockbuster angekündigt wurde – der er am Ende auch war. Jene Rolle war Everett Hardings Ticket in die Welt der Schönen und Berühmten.

Und so zogen wir nach Kalifornien. Mom gab ihren Job auf und wurde zunächst Dads persönliche Assistentin, unterstützte ihn in allem, während sie ihre eigene Karriere neu ausrichtete; was ihr genial gut gelang, wie sich zeigt, denn heute ist sie als Make-up-Artist sehr gefragt. Man muss meinen Eltern allerdings lassen, dass sie über die Jahre richtig hart gearbeitet haben, um sich einen Namen zu machen.

Jedenfalls haben wir die letzten zehn Jahre in Kalifornien gelebt, sind von einem Haus ins nächste gezogen, jedes größer und prächtiger als das vorherige. Fürs Erste sind wir ziemlich zufrieden in einem Haus in einer geschlossenen Wohnanlage in Thousand Oaks. Meine Schule ist dort, meine Freunde sind dort, mein Leben ist dort.

Um es kurz zu machen: Kalifornien ist mein Zuhause und Tennessee lediglich eine kurze Bildsequenz in meinen fernen Erinnerungen.

Fairview wurde für mich nicht mehr als ein Ort, den wir in den Ferien mal besuchten. Die einzigen echten Erinnerungen, die ich hieran habe, sind die an gelegentliche Kurztrips, die wir im Laufe der Jahre hierher gemacht haben, um die Familie zu sehen, und der letzte davon, als ich zwölf war.

Diesmal ist es jedoch nicht fürs Wochenende. Dad wollte nicht nachgeben, und Ruben stimmte zu, dass ich lieber für eine Weile hierbleibe, zumindest bis sich der anfängliche Hype um den Kinostart des Films gelegt hat. Und weit weg von ihm und der Hollywood-Presse kann ich wohl kaum weiteren Schaden anrichten, oder?

»Du hast Glück«, sagt Sheri. »Ich habe die Klimaanlage hochgedreht. Lass uns reingehen, dann kannst du in Ruhe ankommen.« Sie greift nach meinem Koffer und zieht ihn über den Sandweg, der sich zu dem Haus schlängelt.

Die Ranch hat sich nicht sehr verändert, seit wir das letzte Mal hier waren. Sie besteht vor allem aus großen Weiden, auf denen zu Zeiten meiner Großeltern Rinder und Schafe standen, heute aber sind nur noch ein paar Pferde da. Einige von ihnen kann ich jetzt sehen, denn sie stehen auf ihrer Koppel direkt an dem Stall hinter dem dreigeschossigen Wohnhaus.

Die Security dürfte wohl das Luxuriöseste an dieser Ranch sein.

Alles andere ist … normal. Das Gras ist ein bisschen zu hoch, die Ställe könnten einen neuen Anstrich gebrauchen, und auch am Haus ist die Zeit nicht spurlos vorübergegangen, wie die altmodischen Fenster und die Holzveranda zeigen. Es fühlt sich bescheiden und charmant an. Kein Hollywood-Glitzer. Einfach eine echte, bodenständige Südstaatenranch.

»Ist es wirklich okay für dich, dass ich hier bin?«, frage ich, als wir uns dem Haus nähern. Die Idee, dass ich die nächsten Wochen hier verbringe, kam erst vor zwei Tagen auf und bedeutete daher für alle, in letzter Minute zu planen. Sheri hat wahrscheinlich nicht mal Zeit gehabt, darüber nachzudenken, und schon jetzt fühle ich mich wie eine Belastung.

Sie stellt meinen Koffer vor der Haustür ab. »Süße, du gehörst zur Familie, oder etwa nicht?«, fragte sie mit einem warmherzigen Lächeln, bei dem sie den Kopf zur Seite neigt.

»Klar.«

»Na, da hast du deine Antwort!« Sie schiebt die Tür auf und bedeutet mir vorauszugehen. »Und wir können hier junge Gesellschaft gebrauchen.«

Ich betrete das Haus, und die Klimaanlage bläst mir kühle Luft entgegen, was nach der Hitze eine Wohltat ist. Sheri zieht meinen Koffer über die Fußmatte und in den breiten Eingangsbereich, von dem aus eine rustikale Holztreppe nach oben führt. Der Raum vor mir ist größtenteils offen, mit ein paar Türbögen, die einzelne Bereiche abtrennen, und ich blicke erst ins Wohnzimmer, dann zur Küche und bin überrascht, wie wohlig warm mir wird, weil alles so vertraut ist. Seit meinem letzten Besuch scheint sich nichts verändert zu haben. Da sind dieselben Möbel, die seit Jahrzehnten hier stehen, und an den Wänden hängen die Familienfotos in Glasrahmen, die Staub ansammeln. Die Küche ist seit Jahren nicht renoviert worden, und das trotz der einen Schranktür, die buchstäblich in den Angeln hängt. Mir gefällt tatsächlich, dass nicht alles perfekt ist. Es fühlt sich real an, als würden hier echte Menschen leben, auch wenn viel zu viel Platz ist, um ihn mit nur zwei Leuten zu füllen. Obendrein riecht es köstlich nach Sheris unglaublichen Kochkünsten, an die ich mich sehr gut erinnere.

»Rindfleischeintopf«, verkündet Sheri, als ich schnuppere. »Und die besten Beilagen, wie du dir denken kannst. Du verdienst ein echtes Willkommensessen.«

Von der Treppe oben ist ein lautes Knarzen zu vernehmen, und mein Herz verdreifacht sein Schlagtempo, sprengt mir fast den Brustkorb, als ich höre: »Ist das meine kleine Mila?«

Die Stimme ist die meines Großvaters.

Langsam kommt er die Treppe herunter, und kaum sehe ich ihn, dürfte mein Grinsen seines spiegeln.

»Popeye!« Ich laufe ihm die Treppe hinauf entgegen, werfe mich in seine ausgebreiteten Arme. Wir schwanken ein bisschen, aber Popeye stützt sich am Treppengeländer ab, während er den freien Arm um meine Schultern legt und mich fest an sich zieht.

Mein Großvater riecht nach Waschmittel und Heuballen und Letzteres genug, dass es in meiner Nase kribbelt. Ich drücke ihn, auch wenn ich fürchte, dass ich ihn zerquetschen könnte. Vier Jahre Videotelefonate, bei denen Sheri geholfen hat, genügen nicht. Popeye nach so langer Zeit gegenüberzustehen gibt mir ein solch warmes Gefühl, dass mir Freudentränen kommen.

Ich greife nach seinen Händen und merke, dass sie leicht zittern. Sie sind rau und fühlen sich nach einem Leben mit harter körperlicher Arbeit an. Sein Gesicht ist ein bisschen schmaler und eingefallener, als ich es in Erinnerung habe. Und natürlich ist er älter geworden. Sein voller weißer Haarschopf ist aber beneidenswert seidig, und ich sehe mein Spiegelbild in dem Glasauge, das sein echtes ersetzt, seit er es im Vietnamkrieg verlor. Als ich noch ein kleines Kind war, fand ich, dass Grandpa genau wie Popeye aussah, die Comicfigur. Und der Spitzname hat sich gehalten.

»Diese Computer werden dir nicht gerecht, kleine Mila«, sagt Popeye und strahlt, als er meine Hände vorsichtig drückt. »Du wirst so eine schöne junge Dame. Fünfzehn Jahre schon …«

Ich will ihm nicht sagen, dass er in natura gebrechlicher aussieht als beim Skypen, deshalb lache ich und drücke seine Hände. »Ich bin sechzehn, Popeye. Du hast mir eine Geburtstagskarte geschickt, weißt du nicht mehr?«

»Du wirst zu schnell groß, das steht fest!«

Sheri besteht darauf, mir eine Führung durch das große Haus zu geben, um mein Gedächtnis aufzufrischen. Ich erinnere mich zwar nicht an alles auf der Ranch, aber das Haus habe ich noch gut im Gedächtnis. Sheri hat mich sogar in demselben Gästezimmer untergebracht, in dem ich letztes Mal geschlafen habe – das mit dem großen Erkerfenster, durch das man einen guten Blick auf die Ställe hat. Ich bringe mein Gepäck nach oben und mache mich frisch, nachdem ich zehn Minuten lang herumprobiert habe, wie die altmodische Dusche funktioniert. Danach eile ich zurück nach unten in die Küche, um mich mit Sheri und Popeye zum Mittagessen zu setzen.

Für drei Leute ist viel zu viel Essen da, der Tisch biegt sich. Und ich will nicht, dass etwas davon verdirbt, also lade ich mir den Teller voll und mache mich über das Essen her. Außerdem bin ich am Verhungern. Die Übelkeit und Reue nach meinem letzten Ausrutscher bedeuteten, dass ich die letzten Tage kaum etwas essen konnte.

»Und, was kann man hier so machen?«, frage ich, als ich fast aufgegessen habe. Ich würde die letzten Reste von meinem Teller lecken, wenn ich dürfte, weil es so verdammt gut schmeckt. Zu Hause achtet Mom strikt auf proteinreiche Kost, weil mein Vater es verlangt, und ich habe die Nase so voll von Lachs und gedämpftem Spargel.

»Du kannst mir helfen, die Ställe sauberzumachen. Der Mist riecht nicht mehr so schlimm, wenn man sich erst dran gewöhnt hat«, antwortet Sheri. Dann bemerkt sie meinen entgeisterten Blick und lacht. »Das war ein Witz, Mila! Obwohl ich deine Hilfe hier brauchen werde.«

»Ich kann mit der Wäsche helfen. Und putzen«, biete ich an und schiebe meinen Teller von mir, als deutliches Signal, dass ich fertig bin. Dann stütze ich meine Ellbogen auf den Tisch. »Aber im Ernst, was kann man in Fairview so machen, wenn man Spaß haben will? Weil ich nämlich nicht denke, dass die Spielplätze, die ich mit vier geliebt habe, noch der Bringer sind. Kann ich von hier irgendwie nach Nashville kommen?«

Popeye kichert kehlig, nimmt sein leeres Glas auf und erhebt sich steif. »Nach Nashville kommst du von hier aus nur, wenn du selbst fährst«, sagt er, klopft mir freundlich auf die Schulter und geht rüber zur Spüle.

Sheri lehnt sich auf ihrem Stuhl zurück und wirkt ein bisschen resigniert, als sie die Hände in ihrem Schoß faltet. »Eigentlich, Mila … gibt es einige Regeln, die für deinen Aufenthalt bei uns gelten.«

»Regeln?«

»Die Mr. Ruben Fisher aufgestellt hat.«

»Dieses Schlitzohr«, knurrt Popeye und füllt sein Glas am Wasserhahn nach. Sheri beobachtet ihn liebevoll aus dem Augenwinkel. »Furchtbarer, furchtbarer Mann …«

»O ja, ich weiß«, sage ich und entspanne mich. Ruben ist schon alles mit mir durchgegangen, hat mir Stunde um Stunde dieselben Sätze eingedrillt. »Verhalte dich unauffällig und lenk keine Aufmerksamkeit auf dich oder deinen Vater«, zitiere ich und verdrehe die Augen.

»Das ist nicht alles«, sagt Sheri. Sie blickt zu den gefalteten Händen in ihrem Schoß und dann unglücklich zu mir auf. »Ruben hat mich angewiesen, dich die ganze Zeit hier auf der Ranch zu behalten.«

»Was?« Mir wird flau. »Ich darf nirgends hin?«

Ein kleines Lächeln schleicht sich auf Sheris Gesicht. »Wer sagt, dass wir Rubens Anweisungen aufs Wort befolgen? Du und ich … Wir machen unsere eigenen Regeln.«

»Also«, sage ich optimistisch und straffe meine Schultern, »ich darf die Ranch verlassen?«

»Ja, aber du musst mir versprechen, dass du dein Bestes gibst, dich aus jeder Art von Schwierigkeiten herauszuhalten, Mila«, sagt Sheri, die nun ernst vor Sorge klingt. »Ich muss wissen, wo du bist, mit wem du zusammen bist und was du machst. Solange du mich auf dem Laufenden hältst, kannst du einige Freiheiten haben, und ich kümmere mich um Ruben. Hört sich das fair an?«

»Ja! Ich verspreche es. Keine Schwierigkeiten.« Ich gebe übertrieben vor, meine Lippen zu versiegeln, und blinzle Sheri unschuldig an.

Popeye kehrt mit einem frischen Glas Wasser an den Tisch zurück. Ein paar Tropfen schwappen über, als er sich wieder hinsetzt und fragt: »Hast du hier noch alte Freunde?«

»Ich bin mit sechs Jahren weggezogen«, erinnere ich ihn mit einem kleinen Seufzen. »Also nein, eher nicht.«

»Dann musst du rausgehen und neue finden«, sagt er schlicht, als wäre das jemals leicht gewesen. Vielleicht war es das, als er ein Jugendlicher war, aber im einundzwanzigsten Jahrhundert? Eher … Nein.

Sheri springt beinahe von ihrem Stuhl auf. »O! Die Bennetts haben Kinder. Ihnen gehört die Ranch am Ende der Straße. Sehr nette Leute.« Sie tippt sich mit dem Zeigefinger an die Lippen und blickt zur Zimmerdecke. »Die Tochter heißt Savannah.«

»Savannah?«, wiederhole ich. Bei dem Namen klingelt es. Er weckt eine vage Erinnerung an eine Kinderfreundschaft und ein Mädchen, das neben mir an diesem niedrigen Tisch in der ersten Klasse saß.

»Sie ist ungefähr in deinem Alter, glaube ich.«

»Ich denke, ich erinnere mich an sie.« Ich schließe die Augen, um mich besser konzentrieren zu können, aber mir fällt nichts sonst ein.

»Na, das ist doch schon mal ein Anfang«, sagt Sheri munter. Sie räumt die Teller zusammen. »Ich kann dich rüberbringen, damit du dich nach all der Zeit wieder vorstellen kannst.«

»Hä? Warte – nein. Was?« Ich starre sie entsetzt an. Was ist das für eine wahnsinnige Idee? Ich soll mich einem Mädchen vorstellen, das ich seit zehn Jahren nicht gesehen habe? Wer macht denn so was?

Sheri stellt die Teller laut klappernd in die Spüle, bevor sie in einem Küchenschrank wühlt und eine Kuchenform hervorkramt. »Perfekt!«, verkündet sie und dreht sich zu mir um. »Die hier hatte ich mir letzte Woche von Patsy geliehen. Ich wollte ein neues Rezept für Erdnussbutter-Brownies ausprobieren – die waren übrigens eine Katastrophe. Aber es wäre so nett, wenn du sie für mich zurückbringst. Da. Das ist ein schöner Vorwand.«

»Ist es nicht … So geht das nicht«, stammle ich. Sie will ernsthaft, dass ich bei Fremden auf der Veranda erscheine und ihnen eine Kuchenform gebe? So funktioniert die Welt nicht. »Ich kann nicht einfach bei Leuten anklopfen und fragen, ob sie mit mir befreundet sein wollen.«

»In Tennessee kannst du das«, entgegnet Sheri energisch und drückt mir die Form in die Hand.

Ich sehe zu Popeye, weil ich Verstärkung brauche, doch er grinst hochzufrieden. Sie sind so altmodisch.

»Darf ich es wenigstens auf morgen verschieben?«

Sheri lässt mir keine Wahl. Sie räumt das restliche Geschirr vom Tisch, packt es in die Spüle und nimmt ihre Autoschlüssel.

»Nein, denn bis morgen hast du dir tausend Ausreden ausgedacht, und um Freiheit zu haben, brauchst du Freunde«, erklärt sie. Dann fragt sie: »Dad, kommst du klar, solange ich Mila zu den Bennetts fahre?«

»Ja, fahrt schon, fahrt«, antwortet er und schwenkt einen Arm in Richtung Tür, um uns aus dem Haus zu scheuchen. Ehe wir verschwinden, greift er über den Tisch und legt seine Hand auf meine. »Finde Freunde. Wir langweilen dich sonst zu Tode.«

Ich kann nicht mal lachen. Mit der Kuchenform fest in der Hand stehe ich auf. Mein Herz pocht wie wild. 

Drei

Das hier ist blöd. So, so, so blöd.

Die Bennetts leben auf der Willowbank-Ranch. Sie ist eine Meile auf der ruhigen, sich schlängelnden Landstraße entfernt und leicht zu Fuß zu erreichen. Doch Sheri besteht darauf, mich zu fahren, erstens damit ich mich nicht verlaufe – auch wenn ich nicht wüsste, wie das gehen sollte, denn es ist die erste Ranch, zu der man kommt – und zweitens damit ich mich nicht drücken kann. Bildhaft ausgedrückt werde ich gegen meinen Willen zur Willowbank-Ranch geschleppt.

Ich presse eine Hand an meine Stirn und wische den Schweißfilm dort weg. Obwohl die Klimaanlage in Sheris Van voll aufgedreht ist, fühlt es sich im Wagen an wie in einem Backofen. Die Lederpolster sind eine Hitzefalle, und meine Oberschenkel kleben an dem Sitz. Es ist – wie lange? – eine Stunde her, seit ich geduscht habe. Und ich komme mir schon wieder eklig vor. Vielleicht ist dies wirklich der siebte Kreis der Hölle – Nashville-Schwüle, meilenweit weg von jeder Zivilisation, und Tante Sheri zwingt mich, mit den Nachbarn zu reden. Mir wird schnell bewusst, dass ein kurzer Besuch hier etwas ganz anderes ist, als zu wissen, dass ich bleiben muss.

Wir fahren an dem Ranch-Schild vorbei und biegen in den alten Sandweg ein, der über das Land verläuft. Anders als die Ranch meiner Familie, ist Willowbank nicht hinter zweieinhalb Meter hohen Mauern versteckt und es versperrt uns kein Tor den Zutritt.

Wir passieren einen Traktor, der seitlich auf dem Gras parkt, dann stoppt Sheri den Van vor dem Haus. Inzwischen schwitze ich heftig. Sind draußen hundert Grad, oder bin ich tatsächlich solch ein Loser? Ich habe mit den Größen der Filmindustrie zu tun, von Schauspielerinnen, die Oscars gewonnen haben, bis hin zu Studiobossen, aber ich kann nicht Hallo zu irgendeinem Mädchen sagen, mit dem ich in der Grundschule war, ohne mich in ein nutzloses Nervenbündel zu verwandeln? Was stimmt mit mir nicht?

»Sei nett und lächle«, sagt Sheri mit einem aufmunternden Nicken. Doch ich bin mir sicher, sollte ich auch nur daran denken, mich zu weigern, würde sie mich an meinen Flipflop-bewehrten Füßen aus dem Wagen schleifen. Selbst wenn ich mich unauffällig und still verhalten muss, wäre eine Freundin, mit der ich den Sommer über abhängen könnte, für mich genauso ein Vorteil wie für Sheri. Ich bezweifle, dass sie tagtäglich eine Sechzehnjährige auf der Ranch haben will – obwohl Ruben genau das befohlen hat. »Und gib die Backform zurück.«

»Okay.« Ich schlucke einen Schwall warme Luft hinunter und klemme mir die Form unter den Arm. »Bin dabei.«

Ich entspanne meine Schultern, steige aus dem Wagen und gehe auf das Haus zu. Als ich gerade mal zehn Schritte gemacht habe, höre ich Reifen auf dem Sand knirschen und schaue mich um. Mir steht der Mund offen, als ich Sheris Van den Sandweg hinunter verschwinden sehe, wobei er Staub aufwirbelt. Sie lässt mich hier? Ich hatte gehofft, dass ich kurz die Kuchenform zurückgebe, ein Hallo murmle und wieder in den sicheren, brutheißen Van zurückspringe.

Erwartet Tante Sheri allen Ernstes, dass ich hier bei komplett Fremden bleibe? Was ist, wenn sich Savannah Bennett auch kaum an mich erinnert und mich für gestört hält, weil ich sie nach zehn Jahren einfach so überfalle? Dann muss ich beschämt zu Fuß nach Hause zurückwandern. Weit ist es nicht, aber dennoch. Das ist so peinlich!

Sheri wird einiges zu hören bekommen, wenn ich wieder auf der Ranch bin.

Ich beiße die Zähne zusammen und gehe auf die Veranda. Meine nackten Beine streifen das Holzgeländer, an dem ich mich verbrenne, so heiß ist es. Ich zucke zurück, näher zur Haustür, sodass ich direkt auf der Fußmatte stehe.

»Werde erwachsen«, murmle ich mir zu.

Okay, ich bin auf dem Land. Ländliches Tennessee. Hier sind die Leute freundlich. Es wird schon gut gehen.

Tu es einfach, Mila.

Ich schlucke angestrengt und klopfe an.

Lange, qualvolle Sekunden vergehen, bis ich ein Geräusch hinter der Tür bemerke. Schließlich höre ich, wie ein Riegel zur Seite geschoben wird, und die Tür schwingt auf.

»Hi!«, sagte eine kleine Frau, die lächelt und fragend die Augenbrauen hochzieht, als sie mich ansieht. Patsy, rate ich. Es ist ein komischer Gedanke, dass ich dieser Frau vielleicht schon früher begegnet bin, als ich sechs Jahre alt war. Vielleicht hatte sich meine Mom am Schultor mit ihr unterhalten. Wer weiß?

»Hi, entschuldigen Sie die Störung, aber ich bin … ich bin Sheri Hardings Nichte«, sage ich, doch meine Stimme zittert. Es fühlt sich fremd an, mich als Sheri Hardings Nichte und nicht als Everett Hardings Tochter vorzustellen. Die Worte scheinen falsch auf meiner Zunge. »Sie hat mich gebeten, Ihnen Ihre Kuchenform zurückzubringen, also … Hier.« Ich halte ihr die Form mit einem hoffentlich höflichen Lächeln hin.

»Danke, Liebes«, sagt sie und tritt hinaus auf die Veranda. Sie mustert mich von oben bis unten, und ich fühle mich wie eine Laborratte in einem Käfig, aber ich glaube, ihr ist nicht bewusst, wie eingehend sie mich betrachtet. Fast kann ich sehen, wie es in ihrem Kopf arbeitet, als sie das Offensichtliche begreift. »Sheris Nichte«, überlegt sie laut. »Also bist du …?«

»Ja«, antworte ich ein bisschen zu scharf, bevor sie den Satz beenden kann. Ihrem Lächeln nach zu urteilen, hat sie die Antwort bereits gewusst. Es ist nicht schwer, die Verbindung herzustellen – Sheri hat keine anderen Geschwister außer meinem Vater. »Die bin ich«, ergänze ich mit einem schüchternen Kichern, damit sie mich nicht für mürrisch hält. Ich bin es bloß leid, dass jeder sich so sehr für meinen Vater interessiert. Er ist nur … mein Dad. Er trägt Latschen zu Jeans, wenn er zu Hause ist, und singt sich die Seele aus dem Leib, wenn er unter der Dusche Rockklassiker schmettert.

»O, wie schön«, sagt Party, was allerdings nicht ganz ernst gemeint klingt. Sie hält die Kuchenform vor ihrer Brust und lehnt sich an den Türrahmen. Obwohl sie lächelt, ist ihr anzusehen, dass sie Mühe hat, nicht die Stirn zu runzeln. »Seid ihr alle zu Besuch? Ich hoffe, die Presse kriegt davon keinen Wind, sonst sind wieder die Straßen von hier bis Nashville verstopft.«

Vielleicht erinnert sie sich, was vor Jahren geschah, als wir über Thanksgiving hier waren. Ich verstehe nicht ganz, wie es sich herumspricht, aber sowohl die Medien als auch die Fans wissen stets genau, wo Dad ist. Meine Eltern feiern ihren Hochzeitstag auf den Bahamas? Die Presse wartet schon im Hotel auf sie, ehe ihr Flieger gelandet ist. Ein Thanksgiving-Trip in die Heimatstadt zur Familie? Die Fans aus Tennessee campieren an der Außenmauer des Anwesens, um einen Blick auf Dad zu erhaschen, bis die Polizei sie verscheucht.

Bei jenem Besuch hatten wir kaum das Haus verlassen, und wenn überhaupt, dann um uns frühmorgens im Schutz der Dämmerung nach Nashville zu schleichen. Wenn ich es jetzt bedenke, kann ich mir vorstellen, dass die Nachbarn hier nicht begeistert sind, wenn ihre Ruhe und ihr Frieden gestört werden.

»Nein, nur ich«, versichere ich Patsy. Mit anderen Worten: Keine Sorge, ich locke keine Paparazzimobs oder Horden von Stalker-Fans an. »Ich bleibe einige Zeit hier, um mal eine Pause von L.A. zu haben, deshalb soll es niemand erfahren.«

»O.« Patsy wirkt erleichtert. »Ich werde kein Wort sagen.«

»Danke.« Das meine ich ernst. Sobald der neue Film in den Kinos ist und der erste Hype verklungen ist, kann ich nach Hause – aber nicht, bevor sich das Tamtam um meinen Vater gelegt hat. Daher kann sich fürs Erste keiner von uns erlauben, dass die Nachbarn Geschichten an die Medien verkaufen.

Ich will mich schon verabschieden und gehen, als mir der eigentliche Grund einfällt, aus dem ich auf dieser Veranda stehe. »Ich habe mich gefragt, ob Savannah da ist. Ich glaube, wir waren zusammen in der Grundschule.«

Patsys Augen leuchten. »Ja, wart ihr! Ich hole sie schnell.«

Sie dreht sich um und verschwindet im Haus. »Savannah!«

Dem Himmel sei Dank für die Bestätigung – ich habe schon Angst gehabt, dass ich mir die Verbindung zu Savannah Bennett eingebildet hatte. Und wie peinlich wäre das gewesen?

Ich spiele nervös mit den Händen, während ich warte, dass Patsy oder Savannah auftauchen. Die Klimaanlage aus dem Haus kühlt meine Beine, und ich kann nicht anders, als ein wenig näher zur Tür zu gehen und mir die Luft ins Gesicht zu fächeln. Sogar im Schatten der Veranda ist es irrsinnig schwül. Dort stehe ich eine Minute, vielleicht länger, und horche auf die murmelnden Stimmen aus dem Haus. Vielleicht will Savannah ihre Freundin aus der Kindheit nicht sehen, die ganz unerwartet aus der Versenkung aufgetaucht ist. Vielleicht muss Patsy sie anflehen, dass sie rausgeht und mich begrüßt.

Was ziemlich beschämend ist.

»Lauschst du?«, fragt eine Stimme.

Erschrocken drehe ich mich um und sehe einen Jungen. »Wer bist du?«, frage ich defensiv.

Der Junge scheint nicht viel älter als ich. Er hat Schmutz im Gesicht, sein blondes Haar ist zerzaust, und er lehnt sich auf eine Schaufel, die er in die Erde gerammt hat. Seine Gummistiefel sind erdverkrustet.

»Entschuldige«, sagt er. »Hier kommen normalerweise keine Fremden vorbei. Suchst du nach jemandem?«

»Ich warte auf Savannah«, antworte ich, komme mir jedoch sehr idiotisch vor. Auf jemanden zu warten, der mir wahrscheinlich nicht mal Hallo sagen will, geschweige denn den ganzen Sommer mit mir verbringen, ist unangenehm. »Ich bin kein Eindringling, das schwöre ich.«

Er zieht die Schaufel aus der Erde und tritt zur untersten Verandastufe vor. »Myles«, sagt er und beugt sich vor, um mir seine leicht verschmutzte Hand zu reichen. »Der klügere und besser aussehende der Bennett-Sprösslinge.«

O, Savannah hat einen Bruder. Und ihr Bruder hat schmutzige Hände. »Äh«, murmle ich und starre auf seine Hand.

Myles grinst spöttisch. »Da ist jemand nicht von einer Ranch«, bemerkt er. Ich schätze, es ist so offensichtlich. »Was ist das überhaupt für ein Akzent? Von hier bist du nicht.«

Hängt davon ab, wie man es betrachtet. Zählt hier geboren zu sein als von hier sein? Ich schürze die Lippen und sage: »Kalifornien.«

»Nett. Ich möchte unbedingt irgendwann mal Surfen lernen. Woher kennst du Savannah?«

»Wir waren zusammen in der ersten Klasse.«

Es ist sofort klar, dass Myles es ein wenig bizarr findet, dass solch eine alte Bekanntschaft nach so langer Zeit aus heiterem Himmel vor der Tür steht. Vielleicht hat er erwartet, dass ich etwas Normales sage. Etwas wie »O, wir haben uns vor ein paar Monaten auf einer Party kennengelernt.« Etwas, das tatsächlich meine Anwesenheit hier rechtfertigen würde.

Aber dann höre ich Schritte aus dem Haus und kehre Myles den Rücken zu, um zu sehen, wer kommt.

Savannah Bennett hat endlich beschlossen, rauszukommen und mich zu begrüßen. Sicher nur aus Neugier, doch ich nehme, was ich kriegen kann.