Milk & Mother - Stephanie Johne - E-Book

Milk & Mother E-Book

Stephanie Johne

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Beschreibung

Milk & Mother beschäftigt sich mit dem vierten Trimester, dem sogenannten Wochenbett, das traditionellerweise zwischen 6 und 8 Wochen dauert. Streng genommen hört dieses post partum - die Zeit nach der Geburt - aber nie auf. Der Körper braucht nach einer Schwangerschaft sehr viel länger, um zu heilen. Oft ist es das gesamte erste Jahr, in dem wir uns an diese neue Lebensphase gewöhnen und herausfinden dürfen, wer wir als Mütter sind und wie uns diese Zeit verändert hat. Milk & Mother ist ein Buch für Frauen und Menschen, die dabei sind Mutter zu werden und sich und die fundamentalen Prozesse des Wochenbetts besser verstehen wollen. Für Frauen und Menschen, die nach Wegen suchen, ihr neues und altes Ich zu leben. Dafür hat sich Autorin Stephanie Johne auf der ganzen Welt umgeschaut.

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Seitenzahl: 254

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Für meine Mama Ilona.

In liebevoller Erinnerung an die unvergessenen, besonderen und starken Frauen und Mamas

in meinem Leben: meine Cousine Kristin,

meine Omas Margarete & Gertraude,

meine Uromas Ottilie, Barbara, Johanna & Hildegard.

Für alle Mamas da draußen –ihr seid wunderbar!

INHALT

herzlich willkommen

Schön, dass du da bist

Ein Plädoyer für mehr Schwäche.

Auf ein Wort vorab mit Debra Pascali-Bonaro.

Das Wochenbett per Definition.

Das Wochenbett im Rest der Welt.

vor der geburt – der zauber des wartens

Zwischenzeiten.

Sacred Space Schlafzimmer.

kurz nach der geburt – hurra das baby ist da

Ankommen

Achterbahnfahrt der Gefühle.

Superfood Plazenta

Stillen oder nicht stillen?

Belly Binding

der goldene monat – die richtige ernährung

Mamamoon – genährt durch das Wochenbett

Das Wochenbett in der TCM.

Das Wochenbett im Ayurveda.

sanfte erste schritte – ankommen im neuen körper

Achtsamkeitsübungen aus dem Shiatsu.

Die Yogische Sichtweise auf das Wochenbett

Walking Down Memory Lane – Geschwisterkinder.

mutterwerden – fraubleiben

Kräuterenzyklopädie rundum das Wochenbett.

Rot sehen – die erste Blutung nach der Geburt.

Sexualität, Lust und Selbstliebe nach der Geburt.

hallo papa!

Gedanken zu einer völlig unterschätzten Rolle

und wenn alles anders kommt?

Gespräche mit Betroffenen

Platz für eigene Notizen & Gedanken.

Schön, dass du da bist!

“Ich habe mit Vielem gerechnet, als ich schwanger geworden bin, aber nicht damit, dass die unmittelbare Zeit nach der Geburt so eine Achterbahnfahrt werden würde. Dank meiner Familie zählen die vielen Auf und Abs dennoch zu den schönsten Erfahrungen me ines Leben, die mich am Ende zu diesem Buch inspiriert haben.”

Dass dieses Buch seinen Weg zu dir gefunden hat, kann mehrere Gründe haben: Vielleicht bist du gerade schwanger und möchtest dich auf das Wochenbett vorbereiten? Vielleicht bist du bereits in dieser besonderen Lebensphase angekommen und suchst nach einem steten, soliden Begleiter? Vielleicht kümmerst du dich aber auch um Familien in dieser wirklich außergewöhnlichen Zeit oder aber du interessierst dich einfach für Frauengesundheit und möchtest etwas in unserer Gesellschaft verändern? In jedem Fall bist du auf dem Weg, ein Stück weit zu einer neuen und positiven Geburts- und Wochenbett- Kultur beizutragen und dafür möchte ich dir von ganzem Herzen danken!

Das Wochenbett findet in unserer Kultur derzeit nicht nur keinen wirklichen Stellenwert, es wird auch allzu oft nur einseitig dargestellt. Nicht immer enden die ersten drei Trimester einer Schwangerschaft mit einer Traumgeburt, nicht immer kuscheln wir uns direkt nach der Geburt in unser eigenes Bett. Dieses Buch soll allen Facetten dieser sensiblen Zeit Raum geben, damit sich jeder abgeholt fühlt. Da das Buch im Eigenverlag erscheint, ist eine Überarbeitung der aktuellen Auflage jederzeit möglich. Ich freue mich also immer über Input, Änderungswünsche und eure Geschichten, die ich gerne beim nächsten Mal mit beachte.

Wie funktioniert dieses Buch? Dieses Buch gliedert sich in acht Teile: eine allgemeine Einführung in das Thema, die Zeit vor der Geburt, die Zeit kurz nach der Geburt, die Zeit des goldenen Monats mit Schwerpunkt auf die Ernährung, die ersten Schritte zurück in den neuen Körper mit sanften Achtsamkeitsund Bewegungsübungen, die Frage, wie wir Mutter werden und trotzdem Frau bleiben können, einen kurzen Ausblick auf das Thema Vaterwerden (auch wenn ich mir nicht anmaße zu behaupten, diesem Thema hier gerecht zu werden) und ganz wichtig dem großen Damoklesschwert und der Frage – was, wenn alles anders kommt?

In jedem der Kapitel berichte ich über eigene Erfahrungen, lasse Expertinnen zu den Themen zu Wort kommen, höre andere Frauen und ihre Erlebnisse an und gebe dir Raum für Notizen, um deine ganz persönliche Wochenbett-Geschichte zu schreiben! Die Idee ist, dass dieses Buch in eurer Hand bleibt und vielleicht auch über mehrere Generationen als Zeitzeuge dieser Zeit weitergegeben wird. Falls du dieses Buch also für dich selber nutzt,

würde ich mich freuen, wenn du diese Seiten mit Leben füllst. Was hat dich durch diese Zeit begleitet? Was hat dir am meisten geholfen? Was waren deine schönsten Erfahrungen und liebsten Rezepte? Oft scheint es nicht wert zu sein, über so etwas etwas Profanes und gleichzeitig Essenzielles nachzudenken, wie über kleine tägliche Rituale, unsere Ernährung oder ein warmes Bad. Aber gerade diese Dinge können im Familienleben wichtige Ankerpunkte sein, die wir schlichtweg verlernt haben, bewusst wahrzunehmen und zu zelebrieren – als Auszeiten, Ankerpunkte und Kraftspender.

Dieses Buch dient dabei sowohl als Leitfaden schon während der Schwangerschaft, um sich vorab auf diese sensible Zeit vorzubereiten, als auch als Nachschlagewerk im Wochenbett oder lange danach. Die Rezepte sind über die 40 Tage hinaus nährend und wohltuend und am Ende geht es darum, uns langfristig mit den Themen Ruhe, Selbstfürsorge und ge- sunder Ernährung auseinanderzusetzen – es ist dafür also nie zu spät, egal wie lange dein Wochenbett zurückliegt. Und vielleicht kannst du so auch andere Menschen inspirieren und für dieses Thema begeistern.

Denn “Milk & Mother” soll uns vor allem das “Dorf” zurückbringen, das wir im 21 . Jahrhundert so schmerzlich vermissen und das es braucht, um ein Kind großzuziehen. Und es soll Grundlage für ein weltweites Umdenken sein, welches das Wochenbett wieder salonfähig und erstrebenswert macht. Eine Auszeit im Dienste der Emanzipation, damit wir als Frauen gestärkt und selbstsicher unseren Platz in der Gesellschaft einnehmen können!

In diesem Sinne: Schön, dass du da bist!

Alles Liebe,

Stephanie Johne

(Mama, Doula & Autorin von Milk & Mother)

 

Der 'ripple'-Effekt

Der “ripple“-Effekt bedeutet auf Deutsch soviel wie “Kreise ziehen” oder “Wellen schlagen” und das ist, was ich mit diesem Buch erreichen möchte. Nicht zwangsläufig, um es auf die Spiegelbestseller- Liste zu schaffen (aber natürlich auch), sondern um unsere Gesellschaft zu verändern und eine neue Wochenbett-Kultur zu etablieren.

Warum ist ein Buch über ein solches Nischenthema gleich von gesamt-gesellschaftlichem Belang und muss überhaupt Kreise ziehen? Weil ich glaube, dass das Wochenbett lediglich ein Sinnbild ist. Sinnbild für einen Zeitgeist und eine Gesellschaft, die verlernt hat, innezuhalten und im Moment zu sein – nicht nur nach der Geburt ihrer Kinder, aber vor allem dann.

Kaum eine andere Zeit lehrt uns, wie wichtig es ist, zu alten Wegen und Traditionen zurückzufinden. Viele Familien erleben das Wochenbett wie in einem Raumzeit-Vakuum. Oft sind sie so sehr im Hierund-Jetzt und mit ihrer neuen Aufgabe beschäftigt, dass sie nicht einmal wissen, welcher Tag gerade ist – und das ist gut so. Familien – vor allem den frisch gebackenen Mamas – den Raum zu geben, sich in dieser Zeit ganz und gar zu verlieren, ist das größte Geschenk, das wir ihnen machen können. Anerkennen, was sie geleistet haben und sie dafür zu feiern und zu umsorgen. Nicht – wie es in der westlichen Gesellschaft gerade gang und gäbe ist, nur zu Besuch zu kommen, um das Baby zu sehen und zu halten. Dieses Buch soll daran erinnern, dass wir in dieser transformierenden Zeit auch die Mamas, nicht nur die Babys, halten sollten. Es soll uns wieder an das erinnern, was wir lediglich vergessen haben, aber immer da war und immer da sein wird.

Dieses Buch ist kein Ratgeber im klassischen Sinne – es dient als Inspiration für Familien, Eltern, Menschen, die Kinder bekommen können, Mamas, ebenso wie für diejenigen, die sich dieser wichtigen Aufgabe annehmen, andere in dieser Zeit zu halten und zu begleiten

– egal, ob beruflich oder einfach, um der eigenen Gemeinschaft etwas zurückzugeben. Gemeinsam wollen wir weite Kreise ziehen und immer höhere Wellen schlagen, auf dass für unsere Kinder nichts normaler sein wird, als innezuhalten und füreinander da zu sein!

 

Die Geschlechterfrage

Zwei Dinge möchte ich vorab noch ganz deutlich sagen, bevor wir endlich eintauchen in dieses wunderbare Thema: dieses Buch richtet sich großteils an frisch gebackene Mamas und damit an Frauen, die sich nicht nur als Frauen verstehen, sondern auch im biologischen Sinne Frauen sind. Das heißt nicht, dass ich irgendjemanden hier ausschließen möchte oder nicht anerkenne, dass Frauund Muttersein viele Gesichter hat. Ich wünsche mir, dass alle Menschen, die gebären können und diejenigen, die sich als Mutter aber nicht als Gebärende sehen, hier für sich Inspiration und Anregung finden, auch wenn nicht alles für jede/n relevant sein kann.

Ich möchte damit ganz klar und deutlich anerkennen, dass nicht nur Frauen Babys bekommen können, sondern auch Männer und nichtbinäre Geschlechtsidentitäten und dass Elternsein heute viele Facetten hat – und das ist gut so!

Das mag für einige Menschen verwirrend und befremdlich klingen, ich kann aber nur jedem ans Herz legen, sich damit auseinanderzusetzen und mit offenen Augen, offenem Herzen und weit offenen Armen durchs Leben zu gehen. In diesem Buch allen gerecht zu werden, hätte bei diesem sehr spezifischen Thema den Rahmen gesprengt. Es gibt aber bereits Ideen zu einer “Milk & Other"-Ausgabe. Wer sich berufen fühlt, dabei mitzuwirken, kann sich gerne bei mir melden!

Bis dahin werde ich in dem Buch viele Begriffe mixen. Ich werde immer wieder von Mamas, Eltern und Paaren sprechen, aber auch von Frauen oder gebärenden Menschen, damit jede/ r sich zumindest ein Stück mit dem Thema identifizieren kann. Ich meine aus tiefstem Herzen damit immer alle Menschen, die in irgendeiner Form diese wunderbare, transformierende und gleichzeitig herausfordernde Erfahrung machen dürfen!

Ich weiß, dass es die eine oder den anderen vielleicht verwirren wird und anderen wiederum nicht genug sein kann. Ich versuche, einen Mittelweg zu finden und mich selbst in dieser noch etwas diffusen sprachlichen Gleichstellung zu orientieren. Bitte habt Nachsicht und weist mich gerne darauf hin, wo ich noch adaptieren darf. Danke für euer Verständnis und eure Offenheit!

 

POST•NA•TAL

/postnatál/

– (kurz) nach der Geburt –

POST•PAR•TUM

/pōstˈpärdəm/

– die Zeit nach der Geburt –

PU•ER•PE•RI•UM

/puerpérium/

– mütterliche Phase unmittelbar im Anschluss an eine Geburt –

 

Postpartum, Postnatal, Puerperium – oder auch: der goldene Monat

Postpartum, Postnatal, Viertes Trimester, Puerperium – das Wochenbett hat viele Namen und viele Gesichter. Eines haben aber alle gemeinsam: das Bedürfnis der eben noch Schwangeren und Gebärenden nach Heilung und in Folge dessen nach Rückzug und Ruhe, nach nährendem Essen und viel Beachtung, während ihre Aufmerksamkeit erst einmal zu 100 % dem Neugeborenen gilt. Das Wochenbett ist Teil eines Zyklus, der nicht etwa nach der Geburt endet, sondern mit ihr einen neuen einläutet und damit als Übergangssituation Abschied und Neubeginn zugleich ist.

Im Jahreskreis können wir diese Phase mit dem Herbst gleichsetzen – als Allegorie für alle, die noch kein Wochenbett erlebt haben und sich in die frisch gebackene Mama hineinversetzen möchten. Die Zeit nach der Geburt ist eine Zeit der Transformation, des Loslassens, des Willkommenheißens, der Freude und Fülle – aber eben auch der Kälte und Leere. Es ist eine Zeit der Widersprüche und Kontraste, eine Achterbahnfahrt der Gefühle. Eine Zeit, die gerne auch der Goldene Monat genannt wird, was ihr nicht zu 100% gerecht wird, denn wo Licht ist, ist auch Schatten. Und wir wissen, dass auch in der Dunkelheit Schönes und Wahrhaftiges liegt. Meine unmittelbaren Gedanken nach der Geburt beschreiben dieses Gefühl sehr treffend:

“Als ich an diesem eiskalten Abend Ende Februar 2017 – wenige Stunden nach der Geburt meines Sohnes – das Krankenhaus verließ, hatte ich das erste Mal dieses Gefühl von bittersüßer Wehmut, das ich bisher nur aus zwei Situationen in meinem Leben kannte: wenn am späten Nachmittag die Dämmerung einsetzt und wenn der Herbst vor der Tür steht. Immer dann, wenn die dunkle Tagesoder Jahreszeit bevorstand und damit das Zusich- kommen und gleichzeitig Auseinandersetzen mit dem Unbekannten. Der Moment, auf den ich so lange gewartet und von dem ich geglaubt hatte, dass damit alles geschafft sei und Licht werde, fühlte sich einerseits so überwältigend schön und andererseits so erschöpfend und schlicht und ergreifend zu viel an. Niemand hatte etwas von Erschöpfung gesagt oder geschrieben – darauf war ich nicht vorbereitet.”

Neben der Fülle, dem größten Geschenk überhaupt und meinem vor Liebe übergehenden Herzen, machte sich auch ein Gefühl von Leere breit, die ich nicht einzuordnen wusste. Vielmehr als das Ende einer Schwangerschaft war das gerade der Anfang von etwas viel Größerem. Wie herausfordernd dieser Anfang – diese ersten Schritte – werden würden, ahnte ich in dem Moment, als ich das erste Mal an der Seite meines Sohnes in einen unruhigen Schlaf verfiel, nur annähernd...

 

Ein Plädoyer für mehr Schwäche

Es ist einer dieser späten Herbsttage, die Sonne hat bereits um kurz nach halb vier ihren Dienst getan und verschwindet allmählich hinter den Baumkronen. Nicht jedoch, ohne den Himmel noch einmal in ein malerisches Farbenspiel aus Gelb-, Rotund Orangetönen zu tauchen – bevor sich schließlich die Nacht über ihn hängt und Ruhe einkehrt. Meine Gedanken schweifen ab. Es ist der Wechsel von Tag zu Nacht, Ende und Anfang gleichermaßen. Es ist die Stimmung, die wir auch vor Beginn einschneidender Lebensphasen erleben – geprägt von Schönheit, Ungewissheit und Melancholie; Altes loslassen und Neues annehmen. Ich könnte mir keine passendere Stimmung für mein heutiges Vorhaben vorstellen. Die Abenddämmerung, ebenso wie der Herbst, sind für mich das Pendant für eine der sensibelsten Phasen im Leben einer Frau – die Zeit nach der Geburt, die Zeit des sogenannten Wochenbetts, die Initiation von der Frau zur Mutter. Eine Zeit der Stille, der Geborgenheit, eine Zeit voller erster Male.

Eingebettet in diese Stimmung bin ich auf dem Weg in die Steiermark in Österreich, wo ich eine Frau treffe, die sich seit vielen Jahren ebenfalls mit diesen Themen befasst: Debra Pascalibonaro, ihresgleichen Doula und Orgasmic Birth-Initiatorin aus New York. Sie ist nicht nur eine Art Koryphäe der weltweit noch recht jungen und doch ausgeprägten Bewegung für eine positive Geburtskultur, die Menschen dazu aufruft, Geburt wieder in die eigenen Hände zu nehmen, sondern auch eine von den vielen Expertinnen, die mir für dieses Buch zu dem Thema Rede und Antwort gestanden hat.

Sie ist eine der Frauen, die meine Vision teilen: das Wochenbett – die erste Zeit nach der Geburt, die streng genommen das vierte Trimester einer Schwangerschaft markiert und die erst mit dem Beenden dieser Phase als abgeschlossen betrachtet werden sollte – wieder salonfähig zu machen. Auch sie macht das Thema zum Gegenstand ihres Wirkens und Tuns und damit zugänglich für die Öffentlichkeit, um es als Selbstverständlichkeit (wieder) in unseren Alltag zu integrieren und es unter Denkmalschutz zu stellen (okay, Spaß beiseite). Und sie ist definitiv eine von vielen, die mir Hoffnung geben, dass wir auf einem guten Weg sind, uns als Frauen wieder zu unserer eigentlichen Natur zu bekennen, die wir im Zuge einer mitunter mühseligen Feminismusdebatte aus den Augen verloren und stattdessen gegen männliche Qualitäten eingetauscht – um nicht zu sagen für diese “geopfert“- haben.

Die Gleichstellung der Geschlechter ist gerade beim Thema Kinderkriegen an vielen Stellen ad absurdum geführt worden und geht mit der Erwartung einher, dass Frauen nach der Geburt möglichst schnell genau da weitermachen, wo sie vorher aufgehört haben. Ganz im Sinne des männlichen Prinzips. Dass wir das können, haben wir bereits viele Jahrzehnte eindrucksvoll bewiesen. Doch zu welchem Preis? Fakt ist, dass der Großteil dieser Erwartungen zumeist von uns selbst stammt. Kompromisse oder Abstriche zugunsten der Rolle als Mutter sorgen vor allem unter Gleichgesinnten für Unverständnis.

Dass Kinderkriegen nicht mehr zwangsläufig das Ende einer Karriere für Frauen bedeutet (und ohne dem Thema jetzt hier zu viel Platz einzuräumen, aber natürlich sind wir in der Angelegenheit “Gleichstellung am Arbeitsplatz“ noch lange nicht am Ziel, sonst gäbe es auch für dieses Buch nur bedingt einen Anlass), ist jedem hier klar. Ganz ohne Opfer geht es jedoch nicht. Die Frauen, die in ihrem beruflichen Ansehen möglichst keine Einbußen verzeichnen wollen, kriegen ihre Babys ganz nebenbei und sitzen sobald wie möglich wieder am Laptop. Stillend am Arbeitsplatz? Kein Thema! Der Begriff des Alpha-Weibchens bekommt in der Rolle als Mutter plötzlich eine ganz neue Bedeutung. Immerhin haben wir uns unsere finanzielle, materielle, geistige und sogar emotionale Unabhängigkeit bitter erkämpft. Ein Baby bringt nur noch wenige Frauen dazu, diese (wenn auch nur für kurze Zeit) aufzugeben. Nicht, weil sie es nicht wollen würden. Sondern vielmehr, weil sie um ihre Stellung als Feministin in der Gesellschaft fürchten. Eine Angst, oder besser gesagt ein (falscher) Stolz, der über kurz oder lang auf Kosten unserer körperlichen und seelischen Gesundheit gehen kann (nicht muss).

Der Druck als Frau, in dieser Gesellschaft den vielen (teilweise selbst) auferlegten Rollen gerecht zu werden, ist enorm. So enorm, dass immer mehr von uns daran zerbrechen – und das zumeist in einer Zeit, in der es uns am unvorbereitetsten trifft und in der wir am fragilsten sind. Der Zeit des Wochenbetts. Eine Zeit, in der wir uns nicht mehr gegen die Natur aufbäumen können. Eine Zeit, die uns in die Knie und zu Boden zwingt. Eine Zeit, der wir uns bestenfalls ehrfürchtig hingeben und die jede Menge Fragen über die eigene Existenz aufwirft. Eine Zeit, in der wir uns definitiv neu begegnen. Eine Zeit, in der uns eine Frau aus dem Spiegel entgegenblickt, die wir vorher so nicht kannten. Denn eine Geburt – der sogenannte Übertritt vom Frauins Muttersein – verändert alles. Was es jetzt in erster Linie braucht, ist Ruhe, Abgeschiedenheit und Raum, diese Phase bewusst zu erleben. Sich zu spüren, sich fallen zu lassen, sich helfen zu lassen. Vielleicht ist es das erste Mal nach vielen Jahren der beruflichen, materiellen und psychischen Unabhängigkeit, dass wir auf Hilfe angewiesen sind.

Eine Zeit, die eine ganze Generation an Einzelgängern zwingt, sich an die Gemeinschaft und alte Traditionen zu erinnern, wenn sie langfristig gesund bleiben will. Das gilt nicht nur für die Frauen, sondern auch für die Partner Innen und die Familien. Beim Lesen der vielen Berichte, die mich für dieses Buch erreicht haben, stellte sich mir immer wieder die Frage, wie lange das Wochenbett überhaupt dauert; wann genau auch diese eher diffuse Phase der Schwangerschaft als abgeschlossen gilt. Die Ansätze der Traditionell Chinesischen Medizin und des Ayurveda sprechen durchschnittlich von etwa 40 Tagen oder aber auch 6 Wochen. Ich muss gestehen, dass ich mich auch zwei Jahre später in gewisser Hinsicht noch immer postpartum befand. Ich habe meinen Sohn 2, 5 Jahre gestillt – bis dahin war ich noch nicht wieder in dem Körper vor der Geburt angekommen (wenn man davon überhaupt sprechen kann). Im Grunde soll das nur eines sagen: das Wochenbett dauert so lange, wie es sich für dich, deine Familie und dein Baby stimmig anfühlt. Wer glaubt, eine Schwangerschaft und eine Geburt verändert eine Frau, hat sehr wahrscheinlich noch kein Wochenbett erlebt oder betreut! Ich selbst erinnere mich gut an

diese Zeit. Verloren zwischen totaler Glückseligkeit und purer Verzweiflung habe ich mich immer wieder gefragt – warum um alles in der Welt redet darüber niemand? Und um eines vorab zu sagen: mein Wochenbett war wunderschön. Wir hatten zwar im Vorfeld nichts von all dem gewusst oder geplant, was heute Gegenstand dieses Buches ist – und damit ging es mir wie vielen Frauen – haben aber nach einer schwierigen Geburt schnell verstanden, wie wichtig diese Zeit ist. Ich wurde aufgefangen – weich gebettet, voller Liebe, Hingabe und Zuwendung umsorgt. Von unseren Familien – und dafür möchte ich heute und hier auch danke sagen! Und doch habe ich in dieser Zeit die Notwendigkeit gesehen, zu recherchieren, zu schreiben, Frauen nach ihren Erfahrungen zu befragen. Antworten auf Fragen rundum diese Zeit zu finden, rundum die Veränderungen in meinem Körper, rundum meine labile Gefühlswelt und Wege, meinen Körper und meine Seele nach dieser einschneidenden Erfahrung wieder in Einklang zu bringen. Antworten fand ich ausschließlich in persönlichen Erfahrungsberichten – guten wie schlechten – und habe viel wertvolle Zeit damit vergeudet, auch völlig unnötige Kommentarverläufe zu lesen, anstatt mit einer Tasse Tee und einem schönen Coffee Table Book auf dem Nachttisch je nach Bedarf nach den Themen suchen zu können, die sich mir gerade auftun. Ich wollte es nicht nur warm, sondern auch schön haben – in allen Belangen.

Nun ist es ja nicht so, dass es keine Bücher zu dem Thema für die Zeit nach der Geburt gibt. Es ist aber durchaus so, dass mich keines der Bücher, die ich gefunden habe zu 100% abgeholt hat. Weder inhaltlich noch optisch! Ja, ich bin Ästhetin und war als Wöchnerin nur noch sensibilisierter für das schöne Leben, ebenso wie für das nicht so schöne wohlgemerkt. Die Grenzen in diesem vierten Trimester sind für mich immer wieder verschwommen, manchmal im Minutentakt. Ein schönes Umfeld hat mir Sicherheit gegeben. Ich wollte also ein Buch haben, in dem es ganz und gar um mich und meine Bedürfnisse geht, das die frischgebackene Mama in den Fokus stellt – nicht das Baby. Natürlich hatten auch wir Anlaufschwierigkeiten beim Stillen, natürlich hat mein Sohn auch mal geweint und wir wussten nicht umgehend, warum. Zu diesen Themen finden sich aber ausreichend Ressourcen und Ansprechpartner. Aber was um Himmels willen würde aus meinem Dammschnitt werden, was aus meiner Rektusdiastase, was aus meiner Beziehung, was aus meinem Sexleben, was aus diesem Gefühlschaos? Ich platzte vor Fragen und fand niemanden, der sie hören wollte oder gar beantworten konnte. Ist es nicht so, dass das Wohlergehen der Mama mindestens so wichtig sein sollte, wie das Wohlergehen des Babys? Wo sind denn in Zeiten des Self-Careund Wellness-Booms all die guten Ratschläge für eine erholsame Auszeit im Wochenbett? Auszeit trifft es ohnehin am besten, auch was dieses Buch angeht. Das soll – über die Zeit des Wochenbetts hinaus – Mamas ein ständiger Begleiter sein, eine Erinnerung daran, ihre eigenen Batterien aufzutanken, auf ihre Ressourcen zu schauen, um nicht auszubrennen, um all den vielen Rollen gerecht zu werden, die sie zu erfüllen haben. Schwanger mit meinem ersten Kind habe ich mir damals alle Informationen zum Thema Kinderkriegen besorgt, die ich finden konnte. Die Zeit danach hatte ich vor der Geburt meines Sohnes jedoch nicht auf dem Schirm. Und wenn, dann nur in Rosarot. Die neun Monate der Schwangerschaft verbrachte ich abwechselnd in Deutschland und Österreich – zwei Gesellschaften im Herzen Europas,

die sich wie so viele ihrer Nachbarländer in Sachen medizinischer Vorsorge regelrecht überschlagen, sich über die Zeit danach allerdings ausschweigen. Warum? Darauf habe ich keine schlüssige Antwort. Dass sich selbst die Frauen in meinem näheren Umfeld vorab nicht dazu geäußert haben, scheint nur eine logische Konsequenz daraus. Frauen trauen sich immer seltener, sich öffentlich zu ihren Schwächen zu bekennen. Diese sogar als etwas Positives zu zelebrieren scheint dabei ganz und gar undenkbar. Hauptsache wir sitzen bereits eine Woche nach der Geburt adrett gestylt wieder beim Brunch im Café um die Ecke – und sei es nur für das perfekte Instagram-Foto. Natürlich bin ich an der Stelle ein wenig blasphemisch, weit ist dieses Szenario von der Realität jedoch nicht entfernt.

Dieses Buch will deswegen vor allem eines: Frauen darin bestärken, schwach zu sein! Zelebrieren wir diese fragile Lebensphase mit all ihren Facetten – ihren schönen wie hässlichen. Erinnern wir uns daran, wie alte Kulturen Frauen in dieser Zeit regelrecht initiiert und gefeiert haben und noch immer feiern, ziehen wir uns zurück und kreieren unseren eigenen heimischen Tempel – im Dienste der Erhaltung eines viel wichtigeren Tempels: unseres Körpers. Schenken wir uns selbst Liebe, und Zuwendung. Denken wir die Idee des Nestbautriebs neu und kreieren in unseren eigenen vier Wänden einen Tempel der Liebe für unsere Familie – nicht nur für die Zeit nach der Geburt.

 

“Das Wochenbettist kein Extra,es ist eineNotwendigkeit!”

Debra Pascali-Bonaro

 

Auf ein Wort vorab mit Debra Pascali-Bonaro

Als international bekannte Doula, Rednerin, Filmemacherin, DONA International Trainerin, Lamaze International Childbirth Educator und Autorin ist der New Yorkerin Debra Pascali-Bonaro auf vielen Ebenen daran gelegen, an einer positiven Geburtsund Wochenbettkultur mitzuwirken. Im Rahmen meiner Doulaausbildung war sie meine erste Lehrerin zu diesen Themen, deswegen wollte ich von ihr wissen, was das Wochenbett für sie bedeutet, wie es in den USA gehandhabt, warum es immer noch so stiefmütterlich behandelt wird und was wir tun können, um das zu ändern.

Stephanie : Liebe Debra, du arbeitest als Doula jeden Tag mit werdenden Mamas zusammen und hast gerade schon erzählt, dass Frauen noch immer eher den Fokus auf die Geburt als auf das Wochenbett richten. Was glaubst du, woran das liegt?

Debra: In den USA – und auch sonst in weiten Teilen der westlichen Welt – spielt das Wochenbett leider noch immer keine wirkliche Rolle – in den USA ist es noch um Längen schlimmer als in Europa. Die Frauen leiden darunter. Sie haben in der Zeit nach der Geburt ihrer Kinder keine finanzielle Absicherung und sind oft gezwungen, schnell wieder arbeiten zu gehen. Ihnen sollten wenigstens sechs Wochen garantiert werden, auch wenn selbst das zu kurz ist. Wenn ihr Einkommen für die Familie finanziell allerdings entscheidend ist, dann werden sie sich diese Auszeit nicht gönnen (können). Ich glaube, es ist keine freie Entscheidung, dass sie der Geburt einfach mehr Bedeutung zumessen als dem Wochen- bett.

Stephanie: Hast du den Eindruck, dass Frauen ihre Meinung ändern, sobald sie einmal geboren haben?

Debra: Ich denke, das Problem ist, dass wir den Kontakt zu unseren Traditionen verloren haben. Ein weiteres Problem ist, dass viele Frauen sehr herausfordernde Geburten erleben und danach gar nicht in dem Modus sind, in ihrem Glück zu schwelgen und zu ruhen. Es geht ihnen nicht darum, jeden Moment aufzusaugen und einfach zu genießen. Sie kommen aus einer schwierigen Geburtserfahrung und versuchen, einfach zu überleben und herauszufinden, wer sie jetzt sind, um möglichst schnell wieder ins Leben und in ihren Alltag zurückkehren zu können. Da bleibt keine Zeit, wohlgenährt in eine Mutterrolle zu wachsen oder das Baby willkommen zu heißen – vor allem, wenn es vielleicht die Nummer zwei oder drei ist. Die wenigsten Frauen haben genug Unterstützung, um wirklich in ihrer Rolle als Wochenbett-Göttin zu glänzen. Dabei wäre das so wichtig. Wenn man in einer Kultur lebt, die die Schwellenzeiten von Frauen nicht sehr respektiert, sei das die Geburt selbst oder eben auch die Zeit nach der Geburt, dann ist es wirklich schwer, diese Unterstützung zu bekommen oder das Umfeld dafür zu sensibilisieren. Ich erlebe oft, dass

Frauen, die eine wirklich gute Geburt und Wochenbett-Zeit hatten, sich verantwortlich fühlen, dieselbe Erfahrung auch anderen Frauen zu ermöglichen. Wir leben allerdings nicht mehr in Strukturen, in denen wir einfach die Zeit aufbringen können, dass wir in diesem Ausmaß für andere da sind. Wochenbett-Doulas können da eine Schlüsselrolle spielen, aber auch von ihnen gibt es noch immer viel zu wenige.

Stephanie: Woran liegt das glaubst du? Warum liegt der Fokus sowohl bei den Frauen als auch Doulas noch immer mehr auf der Geburt – wo das Wochenbett doch so viel planbarer und vorhersehbarer ist?

Debra: Geburtsdoulas sind einfach “sexyer". Und ja, du hast Recht. Es ist sehr unvorhersehbar, eine Geburt kann zwei Stunden oder zwei Tage dauern, wir wissen nie, wann es losgeht. Als Geburtsdoulas haben wir dann aber eine sehr klare Aufgabe, wir sind da und unterstützen die werdende Mama. Das Gefühl ist überwältigend und wir sprühen nur so vor Oxytozin und Glückseligkeit – es ist wild und einfach ein Wunder, wenn ein Baby geboren wird. Die Zeit nach der Geburt ist geprägt von häuslichen, profanen Dingen: dem Kochen, Stillen, Wochenfluss, Putzen, einer Achterbahnfahrt der Gefühle. Es ist ein langwierigeres Versprechen und es braucht einen ganz besonderen Menschen, um sich diesen Aufgaben zu stellen – darin sehe ich wirklich die Herausforderung. Es gibt wirklich viele Doulas, die gerne Wochenbett-Begleitungen machen möchten, aber oft kochen sie nicht einmal für ihr eigene Familie. Für jemand anderen zu kochen, steht also nicht auf ihrer To-Do-Liste. Wir entfernen uns immer weiter vom Leben unserer Großmütter und Urgroßmütter, wo es ganz normal war, für andere Menschen da zu sein und für viele Menschen zu kochen und es wird immer schwieriger, solche grundlegenden Fähigkeiten weiterzugeben. Und das Problem beobachten wir nicht nur bei Doulas, sondern auch bei Unterstützung aus dem privaten Umfeld. Die meisten Menschen können nicht einmal (oder gerade so) für sich selber sorgen, wie sollen sie dann für andere da sein?

Stephanie: Dennoch erfahren wir gerade einen großen Wandel in der Gesellschaft. Es fühlt sich an, als ob immer mehr Frauen erkennen, wie wichtig die Betreuung nach der Geburt ist und wie wichtig es ist, vorbereitet zu sein. Was kann unsere Aufgabe als Doulas, aber auch als Gesellschaft sein, um das Wochenbett als eine Selbstverständlichkeit wieder in unser Leben zu integrieren? Geht es darum, Frauen darin zu bestärken, ihre eigene Wochenbettbetreuung zu organisieren? Familie und Freunde zu engagieren, damit sie dann gut versorgt sind – solange, bis die Gesellschaft wieder an einem Punkt ist, dass sie übernimmt? Im Moment werde ich bei meiner Arbeit das Gefühl nicht los, dass das Wochenbett als purer Luxus angesehen wird. Frauen erlauben sich nicht mehr, sich auszuruhen und pflegen zu lassen (was übrigens nicht nur für die Wochenbettzeit gilt).

Debra : Stimmt! Wenn ich darauf eine Antwort hätte, würde ich sie dir geben. Ich glaube es braucht einen langen Atem und einen Paradigmenwechsel in Sachen Selbstfürsorge und der Definition von Stärke und Schwäche. Wir müssen lernen, dass wir als Frauen nicht

eren Mann stehen müssen, sondern nur unsere Frau. Und das bedeutet, dass wir uns in Zeiten von Schwäche auch einfach zugestehen, schwach zu sein. Punkt! Aber das passiert natürlich nicht über Nacht, dieser Gesellschaftswandel. Da sind wir in unserer Doula-Blase schon sehr privilegiert. Für viele Frauen ist das Wochenbett noch immer kein großes Thema.

Stephanie: Das hast du schön gesagt. Aber etwas anderes, wie steht es denn um deine persönlichen Erfahrungen. Wie war dein erstes Wochenbett?

Debra