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Elternsein ist mit vielen Freuden, aber auch mit Herausforderungen verbunden, die beträchtliche Stressbelastungen verursachen können - insbesondere dann, wenn ein Kind oder ein Elternteil an einer psychischen Erkrankung leidet oder die partnerschaftliche Beziehung von Konflikten geprägt ist. Doch selbst unter optimalen Bedingungen können die ständigen Veränderungen, die der Alltag mit Kindern mit sich bringt, die psychischen Ressourcen von Müttern und Vätern so erschöpfen, dass auch beste Absichten und Elternkurse nicht weiterhelfen. Mindful Parenting - Achtsamkeit und Selbstfürsorge für Eltern ist ein evidenzbasiertes 8-Wochen-Achtsamkeitstraining, das auf bereits existierende klinische Programme abgestimmt und so klar und ausführlich beschrieben ist, dass Kursleiter sich rasch mit den Grundlagen und Inhalten jeder Sitzung vertraut machen können. Das Buch enthält: detaillierte Ausführungen zu den theoretischen, klinischen und empirischen Grundlagen des Programms das komplette Mindful-Parenting-Manual mit Leitlinien für alle Sitzungen Arbeitsblätter und -hinweise zu jeder Sitzung die Ergebnisse klinischer Studien zur Wirksamkeit des Programms Erfahrungsberichte von Eltern, die den Kurs absolviert haben Sein klinischer Fokus und die empirische Fundierung machen Mindful Parenting zu einem wertvollen Instrument für alle, die in Kinder-, Schul-, Familien- und Entwicklungspsychologie, Psychotherapie, Psychiatrie, Sozialarbeit und Beratung tätig sind.
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Seitenzahl: 685
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Susan Bögels & Kathleen Restifo
Mindful Parenting
Achtsamkeit und Selbstfürsorge für Eltern
Das Manual für ein 8-Wochen-Programm
Aus dem Englischen von Dörte Fuchs
Arbor VerlagFreiburg im Breisgau
© 2014 Susan Bögels und Kathleen Restifo
© 2014 der deutschen Ausgabe: Arbor Verlag GmbH Freiburg
Die Originalausgabe erschien unter dem Titel:
Mindful Parenting. A Guide for Mental Health Practitioners
by Susan Bögels and Kathleen Restifo
Copyright © Springer Science+Business Media New York 2014
All Rights Reserved
Alle Rechte vorbehaltenE-Book 2018
Titelfoto: © 2014 Barcin/Getty Images International
Lektorat: Georg Hehn
Hergestellt von mediengenossen.de
E-Book-Herstellung und Auslieferung: Brockhaus Commission, Kornwestheim, www.brocom.de
www.arbor-verlag.de
ISBN E-Book: 978–3-86781–219-1
Vorwort
TEIL 1 Theoretische und empirische Grundlagen
1 Mindful Parenting – eine Einführung
1.1 Warum Elternsein mit Stress verbunden sein kann
1.2 Wie Mindful Parenting helfen kann
1.3 Die Entstehung des Mindful-Parenting-Programms
1.4 Zum Aufbau des Buches
1.5 Anmerkung zu den Praxisbeispielen
2 Elternverhalten und elterlicher Stress aus evolutionsgeschichtlicher Perspektive
2.1 Einleitung: Warum ein evolutionsgeschichtlicher Blick auf Elternschaft und Achtsamkeit lohnt
2.2 Die Quellen elterlicher Stressbelastung
3 Wirkungen des Mindful-Parenting-Kurses
3.1 Studie 1: Effekte in den ersten zehn Gruppen
3.2 Studie 2: Effekte in den folgenden zehn Gruppen
3.3 Studie 3: Effekte des aktuellen Mindful-Parenting-Programms in der zuletzt durchgeführten Gruppe
3.4 Schlussfolgerungen und Ausblicke auf die zukünftige Forschung
TEIL 2 Mindful Parenting: Der Acht-Wochen-Kurs
4 Überblick über das Mindful-Parenting-Programm
4.1 Ziele des Kurses
4.2 Überblick über die Themen und Übungen des Kurses
4.3 Neuere Programmelemente
4.4 Qualifikation der Kursleiterinnen und -leiter
4.5 Achtsamkeit in die familiäre Routine bringen
4.6 Sollten Eltern ihre Kinder mit der Achtsamkeitspraxis vertraut machen?
4.7 Für wen ist das Mindful-Parenting-Programm gedacht?
4.8 Vorbereitung der Teilnehmerinnen und -teilnehmer: Erstgespräch mit der Familie
4.9 Größe und Zusammensetzung der Gruppen
4.10 Vorbereitung der Gruppensitzung
4.11 Leiten der Gruppensitzungen: ein Lernprozess
4.12 Anleiten der Meditations- und Yogaübungen
4.13 Mindful Parenting und Buddhismus
4.14 Zum Aufbau dieses Manuals
4.15 Anleitung und Spielraum
Arbeitsblatt 4.1 Erstgespräch mit der Familie: Aufnahmebogen
5 Erste Sitzung: Erziehen im Autopilot-Modus
Der Seins-Modus und der Aktions-Modus
Was geschieht, wenn wir Achtsamkeit im Kontext der Familie lehren?
Leitfaden für die erste Sitzung
1. Anfangen: Die erste Meditation
2. Vorstellungsrunde
3. Praktische Fragen
4. Den Autopiloten ausschalten: Achtsam eine Rosine essen
5. Übung „Stress am Morgen“
6. Pause
7. Der Body-Scan
8. Besprechung der Hausaufgaben
9. Schlussmeditation
Arbeitsblatt 5.1 Hausaufgaben für die erste Woche
Arbeitsblatt 5.2 Mindful Parenting
Arbeitsblatt 5.3 Was versteht man unter Mindful Parenting?
Arbeitsblatt 5.4 Die Body-Scan-Meditation
Arbeitsblatt 5.5 Übungsblatt für Woche 1
Arbeitsblatt 5.6 Notizblatt für die informelle Praxis und die Mindful-Parenting-Praxis, Woche 1
6 Zweite Sitzung: Erziehen mit dem Geist des Anfängers
Voreingenommenheit
Wie kann uns die Achtsamkeitspraxis davor schützen, unsere Kinder „abzustempeln“?
Die Perspektive erweitern: Erziehen mit dem Anfängergeist
Wie kann Achtsamkeit dazu beitragen, den Blickwinkel zu erweitern?
Leitfaden für die zweite Sitzung
1. Body-Scan und Gesprächsrunde
2. Übung: Das eigene Kind beobachten wie die Rosine bei der Rosinenübung
3. Die Übung „Stress am Morgen“ aus der Perspektive einer Freundin oder eines Freundes
4. Tee- und Kaffeepause
5. Achtsames Sehen
6. … und mittendrin ein Gorilla
7. Dankbarkeitspraxis
8. Atemmeditation
9. Besprechung der Hausaufgaben für die nächste Woche
10. Schlussmeditation: Sich bei der Rückkehr in den Alltag mit Freundlichkeit begegnen
Arbeitsblatt 6.1 Hausaufgaben für die zweite Woche
Arbeitsblatt 6.2 Erziehen mit dem Geist des Anfängers
Arbeitsblatt 6.3 Die Faktoren der Achtsamkeitspraxis
Arbeitsblatt 6.4 Achtsames Atmen im Sitzen
Arbeitsblatt 6.5 Tagebuch angenehmer Erfahrungen
Arbeitsblatt 6.6 Übungsblatt für Woche 2
Arbeitsblatt 6.7 Notizblatt für die informelle Praxis und die Mindful-Parenting-Praxis, Woche 2
7 Dritte Sitzung: Sich wieder mit dem Körper verbinden
Verkörperte Emotionen
Sich mit dem Körper und dem Kind verbinden
Selbstmitgefühl
Leitfaden für die dritte Sitzung
1. Sitzmeditation: Atem und Körperempfindungen
2. Besprechung der Hausaufgaben: Tagebuch angenehmer Erfahrungen
3. Der Drei-Minuten-Atemraum
4. Besprechung der restlichen Hausaufgaben
5. Pause
6. Yoga (im Liegen)
7. Beobachten des Körpers in einer Stresssituation des Elternalltags
8. Stress im Elternalltag: Sich selbst mit Freundlichkeit begegnen
Arbeitsblatt 7.1 Hausaufgaben für die dritte Woche
Arbeitsblatt 7.2 Den Körper in einer Stresssituation des Erziehungsalltags beobachten
Arbeitsblatt 7.3 Sich als Mutter oder Vater Selbstmitgefühl entgegenbringen
Arbeitsblatt 7.4 Sitzmeditation mit dem Atem und mit Körperempfindungen
Arbeitsblatt 7.5 Der Drei-Minuten-Atemraum
Arbeitsblatt 7.6 Hinweise zum achtsamen Yoga
Arbeitsblatt 7.7 Yogahaltungen im Liegen
Arbeitsblatt 7.8 Tagebuch stressbelasteter Momente
Arbeitsblatt 7.9 Übungsblatt für Woche 3
Arbeitsblatt 7.10 Notizblatt für die informelle Praxis und die Mindful-Parenting-Praxis, Woche 3
8 Vierte Sitzung: Auf elterlichen Stress antworten, statt automatisch zu reagieren
Gedanken
Innehalten
Leitfaden für die vierte Sitzung
1. Sitzmeditation: Achtsamkeit auf Geräusche und Gedanken
2. Lesen eines Koans
3. Tagebuch stressbelasteter Momente: Gespräch in Zweiergruppen
4. Greifen und Zurückweisen
5. Demonstration: Kampf, Flucht, Erstarren – und Tanz
6. Gruppengespräch über die übrigen Hausaufgaben
7. Drei-Minuten-Atemraum bei Stress
8. Pause
9. Vorstellungsübung: Stress wahrnehmen und akzeptieren
10. Zwischenevaluation
11. Yoga (im Stehen)
12. Besprechung der Hausaufgaben für die nächste Woche
Arbeitsblatt 8.1 Hausaufgaben für die vierte Woche
Arbeitsblatt 8.2 Greifen
Arbeitsblatt 8.3 In Stresssituationen des Elternalltags präsent bleiben
Arbeitsblatt 8.4 Ein Zen-Koan für Eltern
Arbeitsblatt 8.5 Achtsamkeit auf das Hören und Denken
Arbeitsblatt 8.6 Yogahaltungen im Stehen
Arbeitsblatt 8.7 Tagebuch „Stressmomente im Elternalltag: Atemraum“
Arbeitsblatt 8.8 Übungsblatt für Woche 4
Arbeitsblatt 8.9 Notizblatt für die informelle Praxis und die Mindful-Parenting-Praxis, Woche 4
9 Fünfte Sitzung: Muster und Schemata in der Erziehung
Wie sich eigene Kindheitsmuster auf die Erziehungspraxis auswirken
Schemata
Schemamodi
Wie hilft Achtsamkeit beim Erkennen von Schemamodi?
Leitfaden für die fünfte Sitzung
1. Sitzmeditation unter Einbeziehung der Gefühle
2. Besprechung der Hausaufgaben
3. Reaktive Erziehungsmuster und Schemamodi
4. Drei-Minuten-Atemraum
5. Pause
6. Gehmeditation im Raum
7. Gefühle halten
8. Besprechung der Hausaufgaben
Arbeitsblatt 9.1 Hausaufgaben für die fünfte Woche
Arbeitsblatt 9.2 Reaktive Erziehungsmuster und Schemamodi
Arbeitsblatt 9.3 Sitzmeditation unter Einbeziehung von Gefühlen
Arbeitsblatt 9.4 Die Wut halten wie ein Baby
Arbeitsblatt 9.5 Achtsames Gehen
Arbeitsblatt 9.6 Tagebuch „Stressmomente im Elternalltag: Erkennen von Schemamodi“
Arbeitsblatt 9.7 Übungsblatt für Woche 5
Arbeitsblatt 9.8 Notizblatt für die informelle Praxis und die Mindful-Parenting-Praxis, Woche 5
10 Sechste Sitzung: Konflikte
Leitfaden für die sechste Sitzung
1. Sitzmeditation: Offenes Gewahrsein
2. Besprechung der Hausaufgaben
3. Gruppengespräch über die Hausaufgaben
4. Gehmeditation im Freien
5. Pause
6. Perspektivenübernahme, Reparatur
7. Besprechung der Hausaufgaben für die nächste Woche
8. Vorlesen des Gedichts „Autobiographie in fünf Kapiteln“
Arbeitsblatt 10.1 Hausaufgaben für die sechste Woche
Arbeitsblatt 10.2 Stress und Perspektivenübernahme
Arbeitsblatt 10.3 Bruch und Reparatur
Arbeitsblatt 10.4 Ein „Tag der Achtsamkeit“ zu Hause
Arbeitsblatt 10.5 Übungsblatt für Woche 6
Arbeitsblatt 10.6 Notizblatt für die informelle Praxis und die Mindful-Parenting-Praxis, Woche 6
11 Siebte Sitzung: Liebe und Grenzen
Achtsamkeit: Weisheit und Mitgefühl Was ist Mitgefühl?
Liebende-Güte- oder Metta-Meditation
Akzeptanz
Grenzen setzen
Gewahrsein der eigenen Grenzen
Unser familiäres Erbe erkennen
Hier-und-Jetzt-Gewahrsein beim Setzen von Grenzen
Unsere Erfahrung und die Erfahrung unseres Kindes
Gefühle versus Verhalten
Leitfaden für die siebte Sitzung
1. Liebende-Güte-Meditation
2. Besprechung der Hausaufgaben (paarweise)
3. Besprechung der „Bruch-und-Reparatur“-Hausaufgabe
4. Austausch über den „Tag der Achtsamkeit“
5. „Was brauche ich?“
6. Pause
7. Grenzen
8. Rollenspiel: Grenzen
9. Besprechung der Hausaufgaben für die nächste Woche
10. Die Geschichte von den beiden Wölfen
Arbeitsblatt 11.1 Hausaufgaben für die siebte Woche
Arbeitsblatt 11.2 Liebende-Güte-Meditation: Basisanleitung
Arbeitsblatt 11.3 Variationen der Liebende-Güte-Meditation
Arbeitsblatt 11.4 Der Geist der Liebe
Arbeitsblatt 11.5 Was brauche ich?
Arbeitsblatt 11.6 Akzeptanz und Grenzen
Arbeitsblatt 11.7 Die beiden Wölfe
Arbeitsblatt 11.8 Mein persönlicher Lernprozess
Arbeitsblatt 11.9 Übungsblatt für Woche 7
Arbeitsblatt 11.10 Notizblatt für die informelle Praxis und die Mindful-Parenting-Praxis, Woche 7
12 Achte Sitzung: Wann sind wir endlich dort? Ein achtsamer Weg durch die Elternschaft
Leitfaden für die achte Sitzung
1. Body-Scan und Gesprächsrunde
2. Besprechung der Hausaufgaben
3. Dankbarkeitspraxis
4. Meditation über das, was wir gelernt haben
5. Meditationsplan für die kommenden acht Wochen
6. Pause (mit Buch- und Webseitentipps)
7. „Mein Weg“: Eltern schildern ihren Lernprozess
8. Vorlesen der Vorschläge für mehr Achtsamkeit
9. Ankündigungen
10. Schlussmeditation
Arbeitsblatt 12.1 Vorschläge für mehr Achtsamkeit im Erziehungsalltag
Arbeitsblatt 12.2 Persönlicher Meditationsplan
Arbeitsblatt 12.3 Evaluation des Mindful-Parenting-Kurses
13 Follow-up-Sitzung: Immer wieder neu beginnen
Leitfaden für die Follow-up-Sitzung
1. Sitzmeditation
2. Austausch über die Erfahrungen der vergangenen acht Wochen
3. Gruppengespräch über die Erfahrungen
4. Berg-Meditation für Eltern
5. Stein-Meditation
6. Einander Gutes wünschen
7. Einzelevaluation
14 Elternstimmen: Nach dem Mindful-Parenting-Kurs
Literaturverzeichnis
Dank
Über die Autorinnen
Vorwort
Dieses Buch ist eine Pionierleistung. Das hier vorgestellte Programm bringt das Konzept und die Praxis der Achtsamkeit in den Bereich Erziehung und Elternsein und in die therapeutische Begleitung belasteter Familien ein und hilft damit sowohl Kindern als auch Eltern.
Als wir 1997 unser Buch Everyday blessings (dt. 1998, Mit Kindern wachsen) publizierten, enthielt es weder ein formales Programm für Eltern noch ein Curriculum für die Ausbildung von in der Elternarbeit tätigen Fachleuten. Doch ein solches Curriculum ist seit Langem überfällig. Wir sind den Autorinnen dankbar dafür, dass sie es in dieser Form ins Leben gerufen haben. Ihr Programm ist nicht nur zutiefst praxisorientiert, es birgt auch ein großes Potenzial für Veränderungs- und Heilungsprozesse. Eine seiner größten Stärken besteht darin, dass es zwei unterschiedliche Arten des Wissens nutzt und miteinander vereint: die empirisch-wissenschaftliche Perspektive, in diesem Fall die klinische und verhaltenspsychologische Forschung, und die Perspektive der kontemplativen, achtsamkeitsbasierten Programme und Praktiken, die sich auf ein immer solideres wissenschaftliches Fundament stützen können. Zugleich stehen diese achtsamkeitsbasierten Programme in einer mehrere tausend Jahre alten Tradition der Weisheit und des Mitgefühls, die sich vor allem aus den universellen Grundlagen der buddhistischen Meditation speist, deren Herz, so heißt es oft, die Achtsamkeit bildet.
Die Autorinnen und ihre Kolleginnen und Kollegen haben eine Reihe von wissenschaftlichen Studien zu Stress und Elternschaft durchgeführt, um ihr klinisches Mindful-Parenting-Programm zu validieren. In diesem Buch präsentieren sie ihr Curriculum in sehr verständlicher, klarer und detaillierter Form. Es basiert auf verwandten klinischen Ansätzen wie MBSR (Mindfulness-based Stress Reduction) und MBCT (Mindfulness-based Cognitive Therapy) und erweitert das Anwendungsspektrum dieser achtsamkeitsbasierten Konzepte um den komplexen Bereich der familiären Interaktionen und der besonderen Herausforderungen, denen sich Eltern von Kindern mit psychiatrischen Diagnosen gegenübersehen. Mindful Parenting enthält sowohl die formalen als auch die informellen Achtsamkeitsübungen aus den MBSR- und MBCT-Programmen, auf phantasievolle Weise ergänzt und auf die Anforderungen der Erziehung und der Elternschaft zugeschnitten.
Diese Arbeit ruht auf einem machtvollen Fundament von Freundlichkeit und Mitgefühl für Eltern und Kinder, was angesichts des auch in Familien unvermeidlichen Leids von größter Bedeutung ist. Diese Qualitäten des Herzens sind keineswegs Dekor oder Fassade, sondern bilden in Wirklichkeit die Grundlage aller Achtsamkeitspraktiken und ihrer klinischen Anwendungen, denn der Begriff „Achtsamkeit“ (mindfulness) impliziert immer eine „Achtsamkeit des Herzens“ (heartfulness). Ohne dieses intuitive Verständnis, diese tiefe Verkörperung von Achtsamkeit verlöre dieser Ansatz seine Kraft. Erfreulicherweise betonen die Autorinnen diesen entscheidenden Punkt immer wieder, ebenso wie die Tatsache, dass man Achtsamkeit, um sie wirklich zu begreifen und zum Nutzen anderer kreativ einsetzen zu können, wirklich als Seinsweise im eigenen Leben kultivieren muss. Im Hinblick auf diese beiden so überaus wichtigen Aspekte wird die gelebte Erfahrung und Weisheit der Autorinnen immer wieder sichtbar und spürbar. Ihre Darstellung dieser Seinsweise, die achtsames Elternsein heißt, wird für all jene Menschen eine Inspiration sein, die dieses Curriculum für ihren eigenen Kontext und ihr eigenes Leben zu übernehmen beabsichtigen.
Es freut uns sehr, dass Susan Bögels und Kathleen Restifo ihr ebenso profundes wie differenziertes Curriculum in dieser Form zur Verfügung stellen. Zugegebenermaßen fordert es eine ganze Menge von allen Beteiligten. Das tut Achtsamkeit immer. Doch wer das hier vorgestellte Programm in die Praxis umsetzt, wird finden, dass Mindful Parenting nicht mehr von Eltern verlangt, als sie zu geben in der Lage sind – um ihrer Kinder und ihrer selbst willen.
Wir hoffen, dass die ausgereifte Perspektive und die kompetente Anleitung, die dieses Buch bietet, möglichst vielen Familien zugutekommen.
JON UND MYLA KABAT-ZINNLexington, Massachusetts, im Oktober 2012
TEIL 1
Theoretische und empirische Grundlagen
KAPITEL 1
Mindful Parenting – eine Einführung
Ich könnte jedes Baby als einen kleinen Buddha oder als einen Zen-Meister ansehen, als persönlichen Achtsamkeitslehrer.
JON KABAT-ZINN ÜBER DAS ELTERNWERDEN (1994/DT. 2007, S. 204)
1.1 Warum Elternsein mit Stress verbunden sein kann
Kinder großzuziehen ist für viele Mütter und Väter eine der kraftraubendsten und verantwortungsvollsten Aufgaben im Leben, und doch gehen Eltern dieser Aufgabe mit Liebe, Freude, Stolz und einem Gefühl der Erfüllung nach. Kinder oder Enkel auf ihrem Weg zum Erwachsensein zu begleiten, ist vielleicht tatsächlich der erfüllendste „Job“ überhaupt, und ein guter Vater oder eine gute Mutter zu sein, unser höchstes Lebensziel. Auf die Frage, was wir bei unserer eigenen Beerdigung am liebsten über uns hören würden, kommt den meisten von uns, die wir das Glück haben, Eltern oder Großeltern zu sein, wohl als Erstes der Satz in den Sinn: „Sie/er ist eine gute Mutter / ein guter Vater gewesen.“ Bereits der Wunsch, es so gut zu machen – die bestmögliche Mutter oder der bestmögliche Vater zu sein –, kann Stress erzeugen. Hinzu kommen viele weitere Herausforderungen und Hindernisse auf unserem Weg als Eltern. Das beginnt mit dem Übergang ins Erwachsenenleben, wenn wir die Verantwortung für unser eigenes Leben übernehmen, dann Kinder zur Welt bringen und nun auch für ihr Leben verantwortlich sind – all dies verlangt von uns einen völlig neuen Umgang mit unserer Zeit, unserer Aufmerksamkeit, unserer Energie und unseren Ressourcen (z. B. Bardacke 2012). Nie wieder wird unser Leben so sein wie vor der Geburt eines Kindes. Und während wir uns um unsere Kinder kümmern, unser Familienleben organisieren und all das mit unseren beruflichen Interessen und Verpflichtungen zu vereinbaren versuchen, vergessen wir leicht, für uns selbst zu sorgen. Wenn die inneren Speicher sich dann mehr und mehr leeren, kann das zu Reizbarkeit, depressiven Verstimmungen, Müdigkeit, körperlichen Beschwerden und schließlich zu psychischen oder physischen Erkrankungen führen, die auch das Elternsein beeinträchtigen.
Verhaltensschwierigkeiten oder psychopathologische Symptome bei Kindern wie bei Eltern stellen besondere Herausforderungen dar, die das Elternsein belasten. Für die von solchen Problemen betroffenen Familien wurde das in diesem Buch beschriebene Mindful-Parenting-Programm entwickelt. Ein Kind, das z. B. mit starkem Stress oder Widerstand auf alles Neue reagiert, sich nicht selbst beschäftigen oder seinen Schulalltag nicht bewältigen kann, wegen seines aggressiven Verhaltens nicht mit Geschwistern allein bleiben darf oder unter Schlafstörungen leidet, kann den Erziehungsalltag belasten. Das Gleiche gilt für psychische Erkrankungen eines Elternteils. So kann etwa ein Vater, der an Depressionen leidet, seine elterlichen Aufgaben als Überforderung erleben und sich für einen schlechten Vater halten, eine Mutter mit einer Angststörung ist möglicherweise übermäßig besorgt und geht über-fürsorglich mit ihrem Kind um, ein an einer Zwangsstörung erkrankter Vater sieht sich vielleicht außerstande, elterliche Aufgaben abzugeben oder zu teilen, und eine Mutter, deren exekutive Funktionen gestört sind, könnte zu impulsiven und widersprüchlichen Reaktionen auf ihr Kind neigen.
Doch auch wenn weder Kind noch Eltern unter psychischen Störungen leiden, sind Eltern immer wieder mit Stressoren konfrontiert. Kinder entwickeln und verändern sich ständig, was Eltern vor die Herausforderung stellt, sich immer wieder neu an diese Veränderungen anzupassen: Ein Krabbelkind lernt laufen, ein Jugendlicher hält sich nicht mehr an die Familienregeln, eine Volljährige zieht aus. Selbst wenn Kinder schon lange erwachsen sind, fühlen sich Eltern weiter für deren Sicherheit und Wohlergehen verantwortlich und machen sich oft Sorgen, wenn ihre Kinder neue Herausforderungen selbstständig meistern müssen.
Stress kann auch aus unerwarteten familiären Ereignissen wie einer Trennung oder Scheidung resultieren. Die Mehrzahl der Kinder lebt heute mit Stiefeltern und oft auch mit Stiefgeschwistern zusammen, was häufig zu Abgrenzungs- und Loyalitätskonflikten führt. Stiefeltern bzw. -kinder können eine Quelle der Unterstützung und der Freude sein, aber auch für Stress sorgen. Für Alleinerziehende wiederum wird der Mangel an Unterstützung und Mitverantwortung des anderen Elternteiles sehr oft zur Belastung.
Partnerschaftsprobleme und Schwierigkeiten, bei der Erziehung miteinander zu kooperieren, sind weitere mögliche Stressquellen für Eltern. Während wir uns in unseren individualistischen westlichen Gesellschaften immer weniger auf soziale Gemeinschaften verlassen, ist die Partnerschaft als Quelle von Verbundenheit und Unterstützung immer wichtiger geworden – entsprechend groß sind die Erwartungen an partnerschaftliche Beziehungen (Johnson 2008). Ein Ergebnis dieser Entwicklung ist, dass der durch Probleme in der Partnerschaft verursachte Stress das Elternsein nachweislich negativ beeinflusst. Bei Vätern ist dieser Effekt sogar noch größer als bei Müttern (Bögels et al. 2010).
1.2 Wie Mindful Parenting helfen kann
Stress kann zum Zusammenbruch elterlicher Kompetenzen führen (z. B. Belsky 1984; Webster-Stratton 1990a). Zwar bereiten sich viele Mütter und Väter heute mit Hilfe von Elternkursen, -ratgebern und TV-Sendungen auf ihre Aufgaben vor, doch wenn sie unter Stress oder unter dem Einfluss starker Emotionen stehen, neigen Eltern aus allen sozioökonomischen Schichten dazu, ihre Kinder anzuschreien, ihnen zu drohen oder sie sogar zu schlagen. Elternkurse und das Wissen, wie ein guter Vater oder eine gute Mutter mit Schwierigkeiten umgehen sollte, können sogar bewirken, dass Eltern mit sich selbst noch strenger ins Gericht gehen, wenn sie die Nerven verloren haben.
Nicht nur wird die Anwendung der in Kursen erworbenen Fähigkeiten unter Stress häufig vergessen, auch psychische Erkrankungen der Eltern können verhindern, dass eine Familie von solchen Kursen profitiert. Um einige Beispiele zu geben: Parent Management Training ist ein wirksames Trainingsprogramm für Eltern von Kindern mit ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) und vermindert die Verhaltensprobleme der Kinder. Doch Kinder von Eltern, die selbst unter ADHS leiden, profitieren deutlich weniger davon (z. B. Sonuga-Barke et al. 2002). Kinder aus Familien, in denen sowohl das Kind als auch Mutter oder Vater Symptome wie unaufmerksames oder unkontrolliert-impulsives Verhalten zeigen, haben sogar das höchste Risiko, eine psychische Störung wie ADHS zu entwickeln (Sonuga-Barke 2010). Ebenso hat sich gezeigt, dass Kinder depressiver Mütter weniger von Elterntrainings profitieren (Forehand et al. 1984; Owens et al. 2003; Reyno & McGrath 2006; Webster-Stratton 1990b). Auch bei Eltern mit Partnerschaftsproblemen zeigte sich in einigen Untersuchungen eine geringere Wirksamkeit von Elterntrainings (Reisinger et al. 1976; Webster-Stratton 1985), wenngleich andere Studien keinen Zusammenhang zwischen Problemen/ Unzufriedenheit in der Partnerschaft und der Wirksamkeit von Elterntrainings feststellen konnten (Brody & Forehand 1985; Firestone & Witt 1982). Aus diesen Gründen besteht Bedarf an einem Elterntraining, das dem Stress, den die Eltern selbst erleben, ihrem Leid und ihren psychischen Symptomen einen hohen Stellenwert einräumt.
Mindful Parenting eröffnet einen anderen Zugang für Eltern, die unter starkem Stress stehen oder selbst unter einer psychischen Störung leiden. In diesem Programm stehen das Stresserleben der Eltern, ihr Leiden und gegebenenfalls ihre eigene psychische Symptomatik im Mittelpunkt und nicht das Problemverhalten des Kindes. Natürlich kann das Problemverhalten des Kindes durchaus die Hauptstressquelle in der betroffenen Familie sein, doch unser „Arbeitsmaterial“ ist der aus diesem Verhalten resultierende Stress der Mutter und/oder des Vaters. Ein anderer Umgang mit Stress ist das Herzstück von MBSR (Mindfulness-based Stress Reduction), dem von Jon Kabat-Zinn entwickelten Programm zur Stressreduktion.
Achtsamkeitsmeditation ist eine Meditationsform, die auf der buddhistischen Tradition basiert. Achtsamkeit zu praktizieren bedeutet, im gegenwärtigen Moment präsent zu sein, sich auf die Realität zu fokussieren und sie so zu akzeptieren, wie sie ist. Jon Kabat-Zinn entwickelte das MBSR-Programm, um chronisch kranken Menschen den Umgang mit ihrer Erkrankung und Gesunden den Umgang mit dem Stress, den das Leben mit sich bringt, zu erleichtern. Auf der Grundlage des MBSR-Programms entwickelten Zindel Segal, Mark Williams und John Teasdale die Achtsamkeitsbasierte Kognitive Therapie (Mindfulness-based Cognitive Therapy; MBCT), die für Menschen gedacht ist, die an Depression erkrankt sind. In den letzten zwei Jahrzehnten sind achtsamkeitsbasierte Interventionen bei einer Vielzahl von physischen, stressbedingten und psychischen Problemen erfolgreich eingesetzt worden. Die Anwendung der Achtsamkeitspraxis auf den Bereich Elternschaft, Kindeserziehung und Familienleben (Mindful Parenting) gehört zu den neueren Entwicklungen.
In diesem Buch geht es um Mindful Parenting im Kontext der psychologischen und psychotherapeutischen Beratung und Begleitung von Eltern, die Hilfe bei der Erziehung ihrer Kinder suchen, oder denen geraten wurde, solche Hilfe in Anspruch zu nehmen, weil ihr Kind oder sie selbst unter psychischen Problemen leiden. Im Folgenden schildern wir die Entwicklung des Mindful-Parenting-Programms von seinen mehr als zehn Jahre zurückliegenden Anfängen bis heute.
1.3 Die Entstehung des Mindful-Parenting-Programms
1.3.1 Die ersten Schritte: Mindful Parenting für die Eltern jugendlicher Teilnehmer eines Achtsamkeitskurses – Susans Geschichte
Als Aufmerksamkeitsforscherin hatte ich Interesse an einem Aufgabenkonzentrationstraining für Menschen entwickelt, die an sozialer Phobie, insbesondere Errötungsangst, leiden. Wissenschaftliche Untersuchungen hatten gezeigt, dass an einer sozialen Phobie Erkrankte in sozialen Situationen zu erhöhter Selbstaufmerksamkeit neigen und entsprechend wenig Aufmerksamkeit für ihre Umgebung und andere Menschen aufbringen (Bögels & Mansell 2006). Dies hat, wie sich zeigte, zahlreiche negative Folgen für ihr Sozialverhalten und ihre Wirkung auf andere und führt zu mehr negativen Emotionen und Gedanken und einer Steigerung der körperlichen Erregung. Das Trainingsprogramm basierte auf der Vermutung, dass die soziale Ängstlichkeit abnimmt, wenn Menschen lernen, sich in Momenten sozialer Angst, in denen ihre Aufmerksamkeit sich normalerweise der eigenen Person zuwendet, auf äußere Dinge, auf eine zu lösende Aufgabe zu konzentrieren. Als wir 1997 unseren ersten Beitrag zum Aufgabenkonzentrationstraining publizierten (Bögels et al. 1997; spätere Veröffentlichungen: Bögels 2006; Mulkens et al. 2001), schrieb mir Isaac Marks, ein bekannter Angstforscher: „Ist dies nicht dasselbe wie Achtsamkeit?“ Nein, es war nicht dasselbe, doch wir beobachteten die positiven Wirkungen, die Übungen wie das Gehen im Wald unter Einbeziehung aller Sinne hatten, indem sie die Aufmerksamkeit der Übenden aus ihrem (mit Angstempfindungen beschäftigten) Kopf und in die Erfahrung des Lebens von Moment zu Moment holten und ihnen halfen, in Gegenwart anderer Menschen präsent zu sein, statt absorbiert von sich selbst und ihren Ängsten – und das ist nichts anderes als Achtsamkeit. Der Same der Achtsamkeit war also gesät, wenigstens in meinem Forscherinnengehirn.
Im Jahr 2000 lud ich Mark Williams ein, den Teams an unserem Mental -Health-Care-Zentrum für Erwachsene und Kinder in Maastricht eine Einführung in das MBCT-Programm zu geben. Wir waren sehr beeindruckt von diesem Ansatz zum Umgang mit psychischen Erkrankungen, der so anders war als der, mit dem wir als ausgebildete kognitive Verhaltenstherapeuten üblicherweise arbeiteten. Wir planten sofort eine randomisierte klinische Studie mit Erwachsenen, die unter sozialer Angst litten, um den achtsamkeitsbasierten Ansatz mit kognitiver Verhaltenstherapie zu vergleichen. Doch dann fragten meine von Mark Williams Training inspirierten Kolleginnen und Kollegen vom Mental-Health-Care-Zentrum für Kinder mich, ob ich nicht einen Achtsamkeitskurs für Jugendliche mit Angststörungen anbieten könne. Da für Jugendliche mit solchen Störungen hoch wirksame kognitiv-behaviorale Therapieprogramme zur Verfügung standen (z. B. Bodden et al. 2008), lag der Gedanke, in diesem Setting mit einem Achtsamkeitsprogramm zu beginnen, nicht gerade nahe. Doch was war mit Jugendlichen, die an externalisierenden Störungen litten, also an Problemen der Verhaltenskontrolle, an Unaufmerksamkeit und Impulsivität, die sich hauptsächlich im Verhalten und nicht in Gedanken und Gefühlen äußern? Bei diesen Jugendlichen hätte man wohl eine Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS), eine Autismus-Spektrum-Störung, oppositionelles Trotzverhalten oder sonstige Störungen des Sozialverhaltens diagnostiziert. Für Jugendliche mit solchen Störungen, die im klinischen Setting häufig komorbid sind, gab es nur wenige evidenzbasierte Therapiekonzepte.
Obwohl das Achtsamkeitstraining ursprünglich nicht für diese Störungsformen entwickelt worden war, gab es Grund zu der Vermutung, dass Achtsamkeitsübungen auch hier hilfreich sein könnten. Viele Kinder und Jugendliche mit externalisierenden Störungen haben Aufmerksamkeitsprobleme. So macht es ihnen Mühe, ihre Aufmerksamkeit über längere Zeit aufrecht zu erhalten, sie gleichzeitig auf verschiedene Aspekte zu richten und ihre erste Reaktion zu unterdrücken, wenn dies wünschenswert ist. Kinder mit externalisierenden Störungen haben außerdem bestimmte Verhaltensweisen gemeinsam, etwa eine starke Impulsivität, Hyperaktivität oder Unruhe, die möglicherweise aus den selben Informationsverarbeitungsproblemen resultieren. Durch die Achtsamkeitspraxis werden aufmerksamkeitsbezogene Fähigkeiten wie das Fokussieren und das Ausweiten der Aufmerksamkeit trainiert. Ebenso lernen Übende zu registrieren, wenn ihr Geist umherzuwandern beginnt, und Unruhe und Handlungsimpulse wahrzunehmen, ohne ihnen nachzugeben. Deshalb bot das Achtsamkeitstraining vielleicht eine Möglichkeit, direkt an den Aufmerksamkeits- und Hyperaktivitäts- oder Impulskontrollproblemen dieser Jugendlichen anzusetzen.
Während ich ein entsprechendes Programm entwickelte, kam mir der Gedanke, dass zumindest jeweils ein Elternteil an einem parallelen Achtsamkeitskurs für Eltern teilnehmen sollte. Denn da die Jugendlichen noch in ihren Familien lebten, müssten die Achtsamkeitsfähigkeiten, die sie erlernen würden, um mit ihren Aufmerksamkeits-, Verhaltens- und sozialen Problemen besser umzugehen, in einen familiären Kontext eingebettet sein, in dem Achtsamkeit einen Ort gefunden hat – etwa in der Art und Weise, in der die Familie zu Abend isst und Zeit miteinander verbringt, in den Familienbeziehungen und im Umgang mit familiärem Stress und Konflikten. Hinzu kam, dass einige der Eltern ganz ähnlich gelagerte Probleme hatten wie ihre Kinder, so dass Achtsamkeitsübungen ihnen möglicherweise helfen würden, im Umgang mit ihren Kindern weniger impulsiv und aufmerksamer zu reagieren. Außerdem ist die Erziehung eines Kindes mit einer oder mehreren der genannten Störungen sehr belastend. Viele Eltern hatten stressreiche Jahre hinter sich, in denen sie wegen schulischer Schwierigkeiten und Fehlverhalten ihres Kindes häufig in die Schule zitiert worden waren oder Anrufe von anderen Eltern oder sogar von der Polizei bekommen hatten. Die Erwartungen und Hoffnungen, die sie in ihr Kind gesetzt hatten, etwa im Hinblick auf seine Schulleistungen, seine Beliebtheit, die „richtigen“ Freunde und Freizeitaktivitäten, schienen sich nicht zu erfüllen. Vielleicht entsprach auch die Beziehung, die sie zu ihrem Kind aufgebaut hatten, nicht ihren Erwartungen von Nähe (weil ihr Sohn oder ihre Tochter den Kontakt mied), Gegenseitigkeit (weil ihr Kind Schwierigkeiten hatte, die Welt aus der Perspektive der Eltern zu sehen) oder Ehrlichkeit (weil ihr Kind sie gewohnheitsmäßig belog oder sogar bestahl). Möglicherweise konnten manche Eltern nachts nicht schlafen, weil ihr Sohn oder ihre Tochter spät oder gar nicht nach Hause kam und weil sie sich wegen seines Alkohol- oder Drogenkonsums und der Gewalt auf den nächtlichen Straßen Sorgen machten. Vielleicht konnte Achtsamkeit diesen Eltern helfen, mit derartigen Stressbelastungen umzugehen, und Akzeptanz für die oft gravierenden und in Anbetracht ihrer langen Geschichte und vieler erfolgloser Behandlungsversuche möglicherweise sehr hartnäckigen Schwierigkeiten ihrer jugendlichen Söhne und Töchter zu entwickeln. Der Grundgedanke dahinter war: Wenn wir an dem Problem selbst nichts ändern können, können wir doch zumindest an unserer Beziehung zu dem Problem arbeiten, indem wir für uns selbst sorgen und dem Problem gegenüber eine offene, sanfte, nichturteilende Haltung entwickeln.
Wir tauften das parallel stattfindende Achtsamkeitstraining für Eltern „Mindful Parenting“ – Achtsames Elternsein. Die Bezeichnung „Mindful Parenting“ geht auf den Titel des 1997 erstmals erschienenen Buchs Everyday Blessings: The Inner Work of Mindful Parenting von Myla und Jon Kabat-Zinn zurück (dt. 1998: Mit Kindern wachsen. Die Praxis der Achtsamkeit in der Familie), das beschreibt, wie wir ein tieferes Verständnis für unsere Kinder und für uns selbst entwickeln können, indem wir bewusst nichturteilende Aufmerksamkeit im Hier und Jetzt in unseren Erziehungsalltag und unsere Familien bringen. Jon und Myla Kabat-Zinn zeigen, wie heilend und transformierend achtsames Elternsein sowohl für Kinder als auch für Mütter und Väter sein kann.
Im Jahr 2000, als der Elternkurs begann, hatten die meisten Teilnehmerinnen und Teilnehmer noch nie etwas von Achtsamkeitsmeditation gehört. Manche waren neugierig und motiviert, andere kamen nur, weil ihr Kind sonst nicht am Training hätte teilnehmen dürfen. Viele Eltern waren beeindruckt von der Wirkung, die die Übungen auf ihr Elternsein, ihre Familie und ihr persönliches Leben hatten. So konnte ihr Tag z. B. anders verlaufen, wenn sie sich einfach nur die Erlaubnis gaben, zu spüren, wie müde sie waren. Manche Eltern äußerten hinterher, sie wünschten, sie hätten einen Mindful-Parenting-Kurs gemacht, als ihr Kind noch klein war, statt zu einem Zeitpunkt, an dem sie mit dem manchmal stark oppositionellen Verhalten eines Heranwachsenden in der sehr entscheidenden Phase kurz vor dem Auszug konfrontiert waren.
Annette Heffels, eine Ehe- und Familientherapeutin, kam als teilnehmende Beobachterin in einen meiner ersten Mindful-Parenting-Kurse, um für eine bekannte Zeitschrift, die sich vorwiegend an Mütter richtete, über ihre Erfahrungen zu schreiben. Sie erwähnte die starke Gruppenbindung und die Atmosphäre der Sicherheit, die sie in dem achtwöchigen Kurs schon sehr bald gespürt habe. Sie stellte fest, dass die Eltern in der Gruppe nichts falsch machen konnten. Auch wenn sie zu spät kamen oder zu Hause nicht geübt hatten, waren sie willkommen und akzeptiert, einfach weil sie da waren. Ihre Beobachtungen erinnerten mich an etwas, das bei Jon Kabat-Zinn „Achtsamkeit des Herzens“ und bei Jeffrey Young „Reparenting“ („Neu“- oder „Wiederbeelterung“) heißt: Das Gefühl, versorgt und genährt zu werden (von der Gruppe, dem Lehrer oder der Lehrerin, der Meditationspraxis), und zu lernen, besser für sich selbst zu sorgen, kann für Eltern, die die schwere Aufgabe haben, unter manchmal sehr schwierigen Umständen für ihre Kinder zu sorgen, etwas ganz Wesentliches sein.
Diese ersten Achtsamkeitsgruppen für Heranwachsende mit externalisierenden Störungen und die parallel stattfindenden Mindful-Parenting-Kurse für die Eltern bewirkten, dass die Heranwachsenden in Bezug auf ihre externalisierenden Störungen und Aufmerksamkeitsprobleme wichtige Fortschritte machten (Bögels et al. 2008). Doch es blieb unklar, ob diese Effekte dem Achtsamkeitstraining für die Jugendlichen selbst oder aber dem Mindful-Parenting-Kurs für die Eltern oder beiden Interventionen zuzuschreiben waren.
1.3.2 Mindful Parenting als eigenständiger Kurs
Als ich 2008 in Amsterdam zu arbeiten begann, bekam ich die Chance, mit Joke Hellemanns zusammenzuarbeiten, einer klinischen Psychologin und erfahrenen Achtsamkeitslehrerin, die von Jon Kabat-Zinns Team am Center for Mindfulness der Universitätsklinik in Massachusetts ausgebildet worden war. Wir profitierten sehr von Jokes Wissen, ihrer tiefen Beziehung zu und ihrer großen Erfahrung mit MBSR und MBCT und ihren klinischen Anwendungen bei Erwachsenen, die unter Stress (MBSR) oder Depressionen (MBCT) leiden. Sie konnte daher wichtige Beiträge zum Curriculum von Mindful Parenting liefern, die die wesentlichen Elemente dieser beiden Ansätze aufgreifen, insbesondere (1) die zentrale, systematische, formale und informelle Achtsamkeitspraxis und (2) die Gruppengespräche über die Erfahrungen der Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit dieser Praxis.
Joke und ich starteten unseren ersten Mindful-Parenting-Kurs ohne ein paralleles Achtsamkeitstraining für die Kinder der Teilnehmer. Das hatte den Vorteil, dass wir auf diese Weise Eltern von Kindern aller Altersstufen und mit allen Arten von psychischen Störungen aufnehmen konnten, außerdem Eltern, deren Kinder keine besonderen Schwierigkeiten hatten, die jedoch selbst unter psychischen Problemen litten, die ihre elterlichen Fähigkeiten beeinträchtigten. Die Interessentinnen und Interessenten, die sich meldeten, kamen mit einer großen Bandbreite von Fragen und Problemen in Bezug auf ihre Elternrolle. Bei einigen hingen die Schwierigkeiten mit ihrer Partnerschaft zusammen, etwa weil die Kinder nach einer Scheidung den neuen Partner oder die neue Partnerin nicht akzeptierten, bei anderen hatten sie psychische Ursachen, z. B. eine postnatale Depression, die zu Schuldgefühlen gegenüber dem Kind geführt hatte. Bei manchen wurzelten die Probleme in ihrer eigenen Biografie, etwa weil ein traumatisches Kindheitserlebnis wieder reaktiviert wurde, als sie selbst Eltern wurden. Wieder andere hatten Schwierigkeiten, familiäre und berufliche Aufgaben zu vereinbaren, und mussten sich ständig krankmelden, seit sie Kinder hatten. Einige Teilnehmerinnen und Teilnehmer schließlich waren mit psychischen Auffälligkeiten ihrer Kinder – wie Trennungsangst, Autismus-Spektrum-Störungen oder ADHS – und den daraus resultierenden Erziehungsproblemen konfrontiert.
Die einzelnen Sitzungen dauerten mit drei statt anderthalb Stunden doppelt so lange wie im ersten Mindful-Parenting-Kurs, der parallel zum Achtsamkeitskurs für Jugendliche stattgefunden hatte (da sich Anderthalb-Stunden-Sitzungen für Kinder und Jugendliche als ideal erwiesen hatten, hatten wir dies für den Elternkurs übernommen, teils aus praktischen Erwägungen, damit die Eltern ihre Kinder gleich mitbringen konnten, teils, um das Programm für jene Eltern, die nur teilnahmen, weil wir das zur Bedingung für die Teilnahme ihrer Kinder gemacht hatten, akzeptabler zu machen). Etwa zwei Drittel der Inhalte des neuen Kurses basierten auf den achtwöchigen MBSR- und MBCT-Programmen, rund ein Drittel war Mindful Parenting und stützte sich auf unsere Aufzeichnungen und Erfahrungen aus den früheren, kürzeren Mindful-Parenting-Kursen, die parallel zum Programm für Kinder und Jugendliche stattgefunden hatten, sowie auf neu entwickelte Übungen, für die wir uns von Dan Siegels und Mary Hartzells Buch Gemeinsam leben, gemeinsam wachsen (2003; dt. 22009) inspirieren ließen. Die Resultate berührten und beeindruckten uns. Die teilnehmenden Eltern schilderten tiefgreifende Veränderungsprozesse, sowohl in ihrem eigenen Leben als auch in den Beziehungen zu ihren Kindern und Partnern. In Fragebogenerhebungen berichteten sie über erhebliche Verbesserungen in Bezug auf ihre psychischen Symptome und die ihrer Kinder, wie auch in Bezug auf die elterliche und die familiäre Funktionalität (Bögels et al. 2010).
Joke und ich leiteten noch viele weitere Mindful-Parenting-Gruppen mit demselben Programm bei UvA minds, dem psychotherapeutischen Zentrum für Eltern und Kinder der Universität Amsterdam. Viele Kinder- und Familientherapeuten und Achtsamkeitslehrer begleiteten diesen Prozess als teilnehmende Beobachter und unterstützten uns durch ihr Feedback über ihre Beobachtungen und ihre Erfahrungen mit den Wirkungen von Mindful Parenting in ihrem eigenen Leben, in dem sie familiäre und berufliche Verpflichtungen miteinander vereinbaren mussten. Im Jahr 2010 leiteten Kathleen und ich gemeinsam einen Mindful-Parenting-Kurs für englischsprachige Eltern. Kathleens Hintergrund als Kinder- und Familientherapeutin und ausgebildete Achtsamkeitstrainerin, ihre Forschung zu familiären Faktoren bei der Entstehung kindlicher Depressionen und ihr Interesse an Evolutionspsychologie und auf Mitgefühl basierenden therapeutischen Ansätzen führten dazu, dass wir das Programm zu modifizieren begannen, um sowohl unsere Überlegungen zu Veränderungsmechanismen als auch wichtige Theorien und achtsamkeitsbasierte Interventionen zur Prävention einer transgenerationalen Weitergabe psychischer Störungen und negativen Elternverhaltens in Mindful Parenting zu integrieren (z. B. Bögels & Brechman-Toussaint 2006; Bögels et al. 2010; Restifo & Bögels 2009).
1.3.3 Mitgefühl, Liebende Güte und Mindful Parenting – Kathleens Geschichte
Während meines eigenen Achtsamkeitstrainings hatte die Liebende-Güte-Meditation, der ich zuerst in Sara Napthalis Buch Der kleine buddhistische Erziehungsberater (2003; dt. 2010) begegnete, einen prägenden Einfluss auf mich. Den von Napthali geschilderten ständigen Kampf, eine „gute“ Mutter zu sein, die sich an einem unausgereiften, aber absoluten Maßstab misst und zwangsläufig scheitert, kannte ich auch. Als Psychologin hatte ich viele Jahre lang mit Menschen gearbeitet, die mit Selbstwertproblemen, Perfektionismus und Selbsthass kämpften und Selbstmordgedanken hegten oder bereits Suizidversuche unternommen hatten. Auch ich hatte mit meinem Perfektionismus und hohen Maßstäben gekämpft und fühlte mich manchmal entsprechend unzulänglich bei meiner Arbeit und in meiner Rolle als Mutter. Hier gab es eine Praxis, in deren Zentrum Liebe und Freundlichkeit standen, und die davon ausging, dass jede und jeder Güte, Liebe und Mitgefühl kultivieren kann. In meiner Ausbildung zur Psychologin hatte ich gelernt, mich auf die
Defizite der Menschen zu konzentrieren statt auf die jedem menschlichen Wesen innewohnenden Möglichkeiten. Die Liebende-Güte-Meditation eröffnet einen anderen Weg: Indem wir mit Sätzen der Freundlichkeit, des Mitgefühls und der Liebe uns und anderen Gutes wünschen, können wir unsere angeborene Fähigkeit stärken, uns selbst und anderen diese positiven Gefühle und Haltungen entgegenzubringen.
Kurze Zeit später machte ich in einem von Martine und Stephen Batchelor geleiteten Schweigeretreat meine erste praktische Erfahrung mit der Liebende-Güte-Meditation. Die schlichten, poetischen Worte, mit denen Martine Batchelor uns durch die Meditation führte, berührten mich tief und wurden zur Grundlage meiner eigenen Liebende-Güte-Praxis. Als ich ein Jahr später zusammen mit Susan zum ersten Mal eine Mindful-Parenting-Gruppe leitete, waren wir überrascht, wie ausgelaugt die Mütter wirkten und wie kritisch sie sich selbst sahen. Trotz ihrer offenkundigen Stärken, ob im Beruf oder als Eltern, schienen sie im Hinblick auf ihre Kinder alle mit Gefühlen der Schuld, des Versagens, des Nichtgenügens zu kämpfen. Dabei war offensichtlich, dass sie hingebungsvolle Mütter waren, die ihre Kinder liebten und ihr Bestes zu geben versuchten. Ich fragte mich, ob die Liebende-Güte-Meditation sie wohl genauso ansprechen würde wie mich, vor allem, weil Buddha als Bild für die Haltung der Liebenden Güte die Liebe einer Mutter zu ihrem einzigen Kind gewählt hat. Also führten wir die Liebende-Güte-Praxis ein, und viele Eltern reagierten positiv darauf.
Bald darauf lernte ich Kristin Neffs Arbeit zum Thema Selbstmitgefühl kennen. Kristin Neff ist nicht nur Entwicklungspsychologin, sondern praktiziert auch seit vielen Jahren Achtsamkeitsmeditation. Sie hat die Praxis des Selbstmitgefühls in psychologische Begriffe übersetzt und auch dazu geforscht. Ihre Idee, die Praxis des Selbstmitgefühls für den Umgang mit Selbstwertproblemen zu nutzen, erschien uns wie eine Antwort auf einen Mangel, den wir auch an den Eltern in unserer Gruppe wahrnahmen: den Mangel an Mitgefühl für ihre eigenen Schwierigkeiten als Eltern (Neff 2011). Zur selben Zeit wurde ich auf Paul Gilberts auf Mitgefühl basierenden Therapieansatz aufmerksam (Gilbert 2009). Seine Schilderung von Patienten, die unter Gefühlen der Scham und Selbstverurteilung litten, intellektuell durchaus verstanden, dass diese Gedanken keine Tatsachen waren, aber sich selbst keine liebevollen und freundlichen Gefühle entgegenzubringen vermochten, passte zu dem, was wir in unseren Gruppen sahen. Gilberts Überzeugung, dass sich eine mitfühlende Haltung durch bestimmte Übungen und innere Bilder kultivieren lässt, und dass diese Übungen neuroendokrine Prozesse aktivieren können, die Gefühle der Zufriedenheit und Zugehörigkeit fördern, elektrisierte uns. Ich las auch Christopher Germers Buch über Selbstliebe und Achtsamkeit, und Susan und ich besuchten einen von ihm geleiteten Workshop, um einige der Techniken zu erlernen, die er gemeinsam mit Kristin Neff entwickelt hatte, und zu überlegen, ob wir sie in unseren Mindful-Parenting-Kurs integrieren konnten (Germer 2009; Neff 2011).
Wir begannen uns zu fragen, wie wir diese Übungen von Anfang an so in den Mindful-Parenting-Kurs einbauen konnten, dass die Selbstmitgefühlspraxis zu einem roten Faden werden würde, denn unserer Einschätzung nach würden die teilnehmenden Eltern sie über längere Zeit üben müssen. Außerdem bemühten wir uns um ein genaueres Verständnis für die Beziehung zwischen Mitgefühl und Achtsamkeit. Durch Gespräche mit Achtsamkeitslehrern und Psychologen – Nirbay Singh, Joke Hellemans, Mark Williams, Christopher Germer, Christina Feldman, John Teasdale, Myla Kabat-Zinn, Jon Kabat-Zinn, Rebecca Crane und Franca Warmenhoven – begannen wir Liebende Güte schließlich als die jeder Achtsamkeitspraxis zugrunde liegende und nicht von ihr zu trennende Haltung zu begreifen. Zugleich kamen wir zu der Überzeugung, dass die Vermittlung spezifischer Übungen zur Kultivierung von Selbstmitgefühl und Liebender Güte Eltern helfen kann, diese Haltung zu entwickeln.
1.3.4 Schemamodi und Mindful Parenting
In unseren Mindful-Parenting-Gruppen und in unserem eigenen Alltag als Eltern stellten wir fest, dass sich stressbelastete Eltern-Kind-Situationen manchmal blitzartig zu hoch emotionalen Interaktionen entwickelten. Charakteristisch für solche Interaktionen waren schnelle, automatische und oft wütende Reaktionen und eine rasche Eskalation des Konflikts. Viele Eltern beschreiben diese Interaktionen mit Worten wie „durchdrehen“, „explodieren“ oder „ausrasten“ und empfinden anschließend Reue und Scham, weil sie die Kontrolle über sich verloren und sich ihrem Kind gegenüber destruktiv verhalten haben.
Wir begannen darüber nachzudenken, was genau eigentlich in diesen Situationen vor sich ging. Offensichtlich wirkte etwas in der Eltern-Kind-Interaktion wie ein emotionaler Trigger, der, einmal ausgelöst, die Eltern geradezu in einen veränderten Bewusstseinszustand katapultierte, aus dem es kein Zurück gab. In diesem „veränderten Zustand“ reagierten sie schnell, automatisch und mit starken Emotionen. Darauf reagierte das Kind häufig wütend und verletzt, was wiederum die starken negativen Emotionen weiter eskalieren ließ. Wir stellten uns folgende Fragen: 1. Was an der Eltern-Kind-Beziehung ist so anfällig für diese Art der Interaktion? 2. Was erleben die Eltern bei solchen Interaktionen? und 3. Wie können wir Eltern helfen, in solchen Situationen weiser zu reagieren?
Der Psychiater Dan Siegel und die Erziehungswissenschaftlerin Mary Hartzell beschreiben in ihrem Buch Gemeinsam leben, gemeinsam wachsen (2003; dt. 22009) solche elterlichen Reaktionen als ein Sichverlieren auf dem „unteren Weg“. Mit dem Begriff des „unteren Wegs“ (low road) bezeichnen sie schnelle, automatische Reaktionen auf eine wahrgenommene Bedrohung, die durch stressbelastete Interaktionen mit unseren Kindern getriggert werden können. Grundlage solcher „Low-Road“-Reaktionen ist eine direkte Informationsweiterleitung vom Thalamus zur Amygdala unter Umgehung höherer kortikaler Regionen. Dan Siegel schildert eine solche Low-Road-Situation zwischen ihm und seinem 12-jährigen Sohn. Sie begann mit einer Auseinandersetzung über ein Videospiel, das sein Sohn kaufen wollte. Sein Beispiel für eine elterliche „Explosionsreaktion“ passte zu dem, was wir in unserer klinischen Praxis sahen und manchmal auch in unseren eigenen Interaktionen mit unseren Kindern und Partnern erlebten (Siegel & Hartzell 2003). Wir stellten fest, dass Achtsamkeitsübungen, insbesondere der „Drei-Minuten-Atemraum“, den Eltern half, sich solcher Reaktionen bewusster zu werden und manchmal sogar innezuhalten, bevor sie reagierten. Doch oft erwiesen sich die Emotionen in solchen Momenten als zu stark. Auffallend war für uns der Wiederholungscharakter dieser Eltern-Kind-Interaktionen. Es schien, als folgte das „Ausrasten“ von Eltern in diesen Situationen bestimmten wiederkehrenden Mustern. Wir fragten uns, ob diese Muster vielleicht mit Kindheitserfahrungen der Eltern zusammenhingen. Anders formuliert: Reinszenierten die Eltern zentrale Themen aus ihrer eigenen Beziehung zu ihren Eltern in den Interaktionen mit ihren Kindern?
Wir entwickelten eine Übung, um Eltern zu helfen, achtsames Gewahrsein in ihre Interaktionen mit ihren Kindern zu bringen und mit Neugier und Offenheit zu erforschen, ob es in diesen Interaktionen bestimmte wiederkehrende Muster gab und ob diese Muster sie an Muster aus ihrer eigenen Kindheit erinnerten. Auf diese Weise konnten Eltern einen Zusammenhang zwischen den „Low-Road“-Erfahrungen, die sie mit ihren Kindern machten, und den ungelösten oder schwierigen Mustern ihrer eigenen Kindheit entdecken. Viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer fanden dies auf tiefgreifende Weise hilfreich. Sie konnten nun ihren eigenen Beitrag zu solchen Interaktionen, die sie bisher mit dem schwierigen Verhalten ihres Kindes oder seinen heftigen Emotionen erklärt hatten, erkennen. So wurde es ihnen möglich, sich ihrem Kind gegenüber empathischer und im Hinblick auf ihre eigenen Reaktionen neugieriger und mitfühlender zu verhalten. Sie begannen außerdem zu erkennen, dass ihre Reaktionen keineswegs zufällig waren, sondern spezifisch für ihren persönlichen Hintergrund und ihre Entwicklung. Indem sie eine Verbindung zwischen ihren oberflächlich betrachtet außer Kontrolle geratenen Reaktionen und solchen sehr persönlichen, vor langer Zeit entstandenen Mustern herstellten, fiel es ihnen leichter, sich selbst und ihr Kind mehr zu akzeptieren.
Wir stellten fest, dass diese sich wiederholenden Muster stark an die von Beck et al. (2004) sowie Young (1994) beschriebenen frühen Schemata erinnerten: automatische oder unbewusste Erfahrungen des Selbst, die Kognitionen, Emotionen und Körperempfindungen beinhalten. Es verblüffte uns, wie sehr die Beschreibung der Schemata der Beschreibung der „Geisteszustände“ in der Achtsamkeits- und buddhistischen Literatur ähnelte. Wie Schemamodi beziehen sich Geisteszustände auf ein komplexes Muster interagierender Gedanken, Gefühle und Körperempfindungen, die simultan und als Gesamtzustand erfahren werden. Geisteszustände können jeden emotionalen Zustand reflektieren – Zorn, Glück, Niedergeschlagenheit und inneren Frieden –, und sie formen unsere Wahrnehmung der Welt ebenso wie unsere Reaktionen. Was Geisteszustände und Schemata so machtvoll macht, ist, dass wir sie als Realität erleben. Wenn wir uns in einem bestimmten Geisteszustand oder Schema befinden, glauben wir, dass wir die Welt, andere und uns selbst wirklichkeitsgetreu wahrnehmen, und sind nicht in der Lage zu erkennen, wie stark unsere Wahrnehmungen, Gedanken, Gefühle, Körperempfindungen und Handlungen durch den jeweiligen Geisteszustand bzw. das Schema bestimmt sind. Die rund 2500 Jahre alte Lehre des Buddha, „Geisteszustände als Geisteszustände zu erkennen“ – sprich: sie nicht für die Realität zu halten und sich nicht mit ihnen zu identifizieren –, stimmt vollständig mit dem MBCT-Ansatz überein, „Gedanken als Gedanken“ zu sehen und nicht als Fakten. Wir fanden jedoch, dass Schemata das intensive, verwickelte Chaos aus verzerrten Gedanken, Gefühlen, Körperempfindungen und Reaktionen, das sich anfühlen kann wie ein veränderter Bewusstseinszustand, auf eine mehr empirische Weise erfassen.
Wir stellten außerdem fest, dass Schemata die Verbindung zwischen den aktuell schwierigen Eltern-Kind-Interaktionen und den unaufgelösten Interaktionsmustern der jeweiligen Mutter oder des jeweiligen Vaters mit den eigenen Eltern herstellten. Diese Verbindung war von größter Bedeutung, weil sie Eltern half, sich solcher Muster bewusst zu werden und deren emotionale Kraft sowie deren negative Effekte in der Gegenwart zu verstehen und schließlich fähig zu werden, diese Muster loszulassen und in schwierige Interaktionen mit ihrem Kind achtsames Gewahrsein und bewusste Entscheidungen einzubringen. Aus der Entwicklungsforschung wissen wir, dass dysfunktionale Erziehungsmuster von einer Generation auf die nächste „übertragen“ werden können. Dasselbe gilt für Eltern-Kind-Bindungsmuster (Egeland et al. 1987; van IJzendoorn 1995). Diese These fanden wir durch unsere eigenen Erfahrungen als Eltern und die Erfahrungen vieler Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Mindful-Parenting-Gruppen vielfach bestätigt: Die Erfahrungen, die wir als Kinder mit unseren Eltern gemacht haben, können durch emotionale oder stressbelastete Interaktionen wieder aufleben.
Abschließend sei gesagt, dass die Entwicklung des Mindful-Parenting-Programms auf den Beiträgen vieler Menschen beruht. Es erwuchs aus dem Feedback der Eltern und der Achtsamkeitslehrerinnen und -lehrer, die einen Mindful-Parenting-Ausbildungskurs absolvierten. Auch unsere persönlichen Meditations-, Lehr- und Retreaterfahrungen waren wesentlich für diesen Prozess. Wir haben als Fachfrauen, aber auch als Mütter an diesem Programm gearbeitet. Als Expertinnen profitierten wir von unserem beruflichen Hintergrund als Familientherapeutinnen, kognitive Verhaltenstherapeutinnen und Schematherapeutinnen, der es uns ermöglicht hat, die Übungen dieses Programms in unserer klinischen Praxis und bei der Ausbildung anderer Therapeuten zu testen. Als Mütter haben wir die Übungen auf unseren Familienalltag angewandt – im Bewusstsein unserer eigenen „Low-Road“-Momente und unserer transgenerationalen Elternerfahrungen.
1.4 Zum Aufbau des Buches
In den folgenden 13 Kapiteln beschreiben wir das Mindful-Parenting-Programm, so wie wir es entwickelt und am Mental-Health-Zentrum UvA minds für Eltern und Kinder der Universität Amsterdam (Niederlande) umgesetzt und getestet haben. In Teil 1, Kapitel 1 bis 3, stellen wir den theoretischen, klinischen und empirischen Hintergrund des Programms vor. In Kapitel 2 erweitern wir die Perspektive und erforschen das Elternsein und den damit verbundenen Stress im Kontext der Evolutionsgeschichte. In Kapitel 3 präsentieren wir Ergebnisse aus zwei klinischen Studien zum Mindful-Parenting-Programm und erste Befunde zu unserer neuesten Version des Programms, die auch die in diesem Buch beschriebenen Mitgefühls- und schematherapeutischen Übungen enthält.
In Teil II, Kapitel 4 bis 13, stellen wir das Mindful-Parenting-Curriculum vor. Wir beginnen mit einem Überblick über das Programm, den Sie in Kapitel 4 finden. Dort beschreiben wir die Ziele des Programms, die Themen und Übungen jeder Sitzung und machen einige auf unseren Erfahrungen als Kursleiterinnen basierende Vorschläge. Wir erläutern außerdem, für welche Familien und Eltern das Programm entwickelt wurde und wie wir bei den Aufnahmegesprächen vorgegangen sind. Am Ende des Kapitels schildern wir den Aufbau und die Pflege der eigenen Achtsamkeitspraxis, die wir als unerlässlich für angehende Mindful-Parenting-Lehrerinnen und -Lehrer ansehen. In Kapitel 5 bis 13 beschreiben wir die neun Einzelsitzungen des Kurses (acht Sitzungen plus eine Follow-up-Sitzung zwei Monate nach Programmende) im Detail: Nach einer kurzen Erläuterung des theoretischen und/oder klinischen Hintergrundes dieser Sitzung folgt jeweils eine detaillierte Beschreibung der Übungen und der sich daran anschließenden Gesprächsrunden mit Praxisbeispielen. Am Ende jedes Kapitels finden Sie die Arbeitsblätter für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer zu den jeweiligen Hausaufgaben und wichtigen Themen der Sitzung. In Kapitel 14 schließlich geben wir den Eltern das Wort: Kursteilnehmerinnen und -teilnehmer schildern, wie sich der Kurs langfristig auf ihr Leben ausgewirkt hat.
1.5 Anmerkung zu den Praxisbeispielen
Dieses Buch enthält viele Beispiele aus den Kurssitzungen, um die vorgestellten Übungen zu illustrieren. Dabei handelt es sich um anonymisierte Äußerungen und Berichte von Teilnehmerinnen und Teilnehmern aus unseren Kursen und Workshops. Um sie und ihre Familien zu schützen, haben wir Namen und Einzelheiten verfremdet. Einige Eltern haben auch unter ihrem richtigen Namen Texte und Gedichte über ihre Erfahrungen beigesteuert. Persönliche Beispiele aus unserem eigenen Alltag beginnen mit „ich“ und beziehen sich immer auf Kathleen oder Susan. Wenn wir von „wir“ sprechen, ist stets eine Vielzahl gemeint: wir als Mindful-Parenting-Lehrerinnen, als Teilnehmerinnen und Teilnehmer eines Mindful-Parenting-Kurses, als Eltern oder als Autorinnen.
KAPITEL 2
Elternverhalten und elterlicher Stress aus evolutionsgeschichtlicher Perspektive
2.1 Einleitung: Warum ein evolutionsgeschichtlicher Blick auf Elternschaft und Achtsamkeit lohnt
Eltern zu sein, ein Kind zu erziehen – mit all den Anstrengungen, die erforderlich sind, bis ein Menschenkind erwachsen ist – kann eine der größten Freuden des Lebens sein. Doch für viele Väter und Mütter bringt das Elternsein auch neue Belastungen mit sich (Cohen et al. 1997). Insbesondere Eltern, die an psychischen Problemen wie Depressionen oder Ängsten leiden oder Kinder mit Entwicklungsstörungen oder emotionalen Schwierigkeiten haben, stehen häufig unter großem Stress (Deater-Deckard 1998). Angesichts der scheinbar allgegenwärtigen Belastungen, die mit dem Elternsein verbunden sind, stellte sich uns die Frage, ob der Stress, den wir als Eltern erleben, vielleicht evolutionäre Grundlagen hat. Um die Anthropologin Sarah Hrdy zu paraphrasieren: Gibt es möglicherweise ein „Primatenrecht“ auf elterlichen Stress (Hrdy 2009; dt. 2010, S. 184)? Mit anderen Worten: Kann uns eine evolutionsbiologische Perspektive helfen, die Belastungen, mit denen heutige Eltern konfrontiert sind, besser zu verstehen? Und inwiefern kann Achtsamkeit hier eine Hilfe sein?
Unser Verhalten als Eltern ist zweifellos durch natürliche Selektion geformt worden (Hrdy 1999). In der Geschichte der menschlichen Evolution wurden elterliche Eigenschaften und Verhaltensweisen, die die Chancen eines Kindes erhöhten, das Erwachsenenalter zu erreichen, auch mit höherer Wahrscheinlichkeit an die folgende Generation weitergegeben. So gerne wir glauben würden, unser Erziehungsstil sei ein Ergebnis bewusster Entscheidungen, unserer eigenen Kindheitserfahrungen und der Kultur, in der wir leben, könnte der größte Teil dessen, was uns als Eltern auszeichnet, in unserer gemeinsamen evolutionären Vergangenheit liegen. „Wir sind von der Evolution geprägte Wesen“, schreibt der Psychologe Paul Gilbert (Gilbert 2009; dt. 2011, S. 41), und wir könnten hinzufügen: Wir sind von der Evolution geprägte Eltern.
Welche Bedeutung hat die Evolutionstheorie im Hinblick auf die Belastungen, denen wir uns heute als Eltern gegenübersehen? Viele Eltern verurteilen sich wegen ihres vermeintlichen Versagens bei der Erziehung ihrer Kinder oder wegen der Schwierigkeiten, die ihre Kinder haben. Aber aus evolutionsgeschichtlicher Perspektive könnten viele Eigenschaften, die wir heute als hinderlich erleben, genau jene Eigenschaften gewesen sein, die unseren Vorfahren das Überleben ermöglicht haben.
Wie kann Achtsamkeit uns helfen, besser mit Eigenschaften und Verhaltensweisen umzugehen, die in unserer heutigen Umwelt nicht mehr hilfreich sind? Durch die Praxis der Achtsamkeit lernen wir, mit unseren Erfahrungen – positiven wie negativen – gegenwärtig zu sein, sie wahrzunehmen und zu akzeptieren. Wenn wir unsere Reaktionen als Eltern wahrnehmen und als das annehmen, was sie sind, können wir eine freundlichere und mitfühlendere Haltung uns selbst und unseren Kindern gegenüber entwickeln. So paradox es klingt: Je besser wir in der Lage sind, unsere Situation klar zu sehen und zu akzeptieren, desto eher sind wir in der Lage, sie zu verändern.
In diesem Kapitel werden wir uns mit den evolutionären Grundlagen des Elternseins und der damit verbundenen Stressbelastungen sowie mit der Evolution von Bindung, Empathie und Mitgefühl beschäftigen. Wir werden untersuchen, inwiefern diese Perspektive für unsere Erfahrung als Eltern im 21. Jahrhundert bedeutsam ist und wie Achtsamkeit uns helfen kann, weiser mit unseren ererbten Reaktionsweisen umzugehen.
2.2 Die Quellen elterlicher Stressbelastung
Was macht das Elternsein so belastend? Aus evolutionsbiologischer Perspektive gibt es mindestens vier Quellen elterlichen Stresses: die enorme Menge an Ressourcen, die nötig ist, um ein Menschenkind großzuziehen; die Tatsache, dass sich unser heutiges familiäres Umfeld stark von dem Umfeld unterscheidet, in dem sich unsere Vorfahren entwickelt haben; unser ererbtes Affektregulationssystem und unser ererbtes Bindungssystem.
2.2.1 Viele Ressourcen sind nötig, um ein Menschenkind großzuziehen
Erziehung ist mit einem enormen Ressourceneinsatz verbunden. Keine andere Spezies investiert so viel Zeit und Ressourcen in die Aufzucht des Nachwuchses wie der Mensch. Selbst im Vergleich mit unseren engsten Primatenverwandten, den Menschenaffen, die vier bis sieben Jahre lang für ihre Nachkommen sorgen, ist die Last für menschliche Eltern bedeutend größer: 18 Jahre und länger umsorgen und ernähren wir unsere Kinder (die Kosten für ein Studium nicht einmal eingerechnet …) (Hrdy 2009). Trotzdem sehen und würdigen wir die ungeheure Größe dieser Last nur selten. Stattdessen sehen wir uns oft mit idealisierten Bildern des Elternseins, insbesondere des Mutterseins, konfrontiert, was dazu führen kann, dass Eltern, denen es nicht gelingt, diesen unrealistischen Maßstäben zu entsprechen, sich schuldig oder unzulänglich fühlen.
Tatsächlich erfordern Mutter- und Vaterschaft jedoch schon seit den Anfängen der Menschheitsgeschichte einen ständigen Ausgleich zwischen den Ressourcen, die ein Elternteil braucht, um für sich selbst zu sorgen, und den enormen Ressourcen, die nötig sind, um den Nachwuchs aufzuziehen. Reichen die Ressourcen nicht aus, dann beeinträchtige dies, so betont Sarah Hrdy, auch „mütterliche Instinkte“ wie die Motivation und die Fähigkeit, hingebungsvoll für Kinder zu sorgen. So stellt Hrdy fest, dass die evolutionäre Entwicklung im Hinblick auf Schwangerschaft und Kindeserziehung auf die Sicherstellung eines ausgewogenen Verhältnisses zwischen den zur Kinderaufzucht benötigten Ressourcen und den Ressourcen, die der Mutter selbst zur Verfügung stehen, zielte. Bei unseren Jäger-Sammler-Vorfahren wurde die Zahl der Nachkommen, die eine Frau gebar, durch ein fein austariertes Gleichgewicht zwischen den Umweltbedingungen und der weiblichen Physiologie reguliert. Die erste Regelblutung (Menarche) beispielsweise setzt erst dann ein, wenn der Körper einer Heranwachsenden bestimmte Proportionen aufweist. Im Pleistozän, jener Phase der Erdgeschichte, in der der moderne Mensch sich entwickelte, erreichten nur Mädchen, die in einer Umgebung mit guten Nahrungsgrundlagen heranwuchsen und von ihren Müttern oder anderen Pflegepersonen ernährt wurden, das fortpflanzungsfähige Alter. Diese natürliche Selektion sorgte dafür, dass junge Frauen, die schwanger wurden, ihre Kinder in einem Umfeld zur Welt brachten, das sie bei der Versorgung dieser Kinder unterstützte, d. h. reich an Ressourcen und Betreuungspersonen war. Das Stillen war eine weitere Form der Geburtenkontrolle: Während der in jener Zeit üblicherweise zwei bis vier Jahre dauernden Stillphase hatte eine Frau keinen Eisprung und konnte deshalb in der Regel auch nicht erneut schwanger werden. Dies bewahrte Mütter davor, für zu viele Säuglinge oder Kleinkinder gleichzeitig sorgen zu müssen (Hrdy 1999). Diese natürlichen Einflussfaktoren auf die Zahl der Geburten existieren heute nicht mehr. Ein ausreichender Körperfettanteil als Voraussetzung für die Menarche ist nicht länger gleichbedeutend mit dem Vorhandensein ausreichender Ressourcen für die Aufzucht eines Kindes und die meisten Frauen stillen nicht lange genug, um von dem natürlichen Schutz vor Empfängnis zu profitieren, den das Stillen bietet.
2.2.2 Geteilte Fürsorge: Schon immer brauchten Mütter Hilfe bei der Aufzucht ihrer Kinder
Eine weitere Stressquelle heutiger Eltern resultiert daraus, dass sich die Umgebung, in der wir heute leben, radikal von der Umgebung unserer Jäger-Sammler-Vorfahren unterscheidet, in der sich die menschliche Evolution zu über 90 Prozent abspielte (Konner 2010). Für die längste Zeit unserer evolutionären Geschichte war nicht das Konzept der Kernfamilie – Eltern und Kinder leben für sich unter einem Dach –, sondern das Leben in der Gemeinschaft die Norm. Anthropologen, die heutige Jäger-Sammler-Kulturen in Afrika und Südamerika untersuchten, um so mehr darüber herauszufinden, wie unsere Vorfahren gelebt haben, schlossen aus der systematischen Beobachtung vieler solcher Gesellschaften, dass die Fürsorge für die Nachkommen als „kooperative Aufzucht“ (cooperative breeding) stattgefunden haben muss (Hrdy 2009; Konner 2010). Mit anderen Worten: Mütter erhielten Unterstützung von anderen.
Bei Spezies, die in kooperativer Aufzucht für ihre Jungen sorgen, sind nicht nur die Mütter, sondern auch andere Individuen, sogenannte Allomütter, zu denen Väter, Großeltern, ältere Geschwister und Tanten, aber auch nicht mit der Mutter verwandte Mitglieder der Gemeinschaft gerechnet werden können, in die Kinderbetreuung und -versorgung involviert. Obwohl diese Form der Aufzucht schon für viele andere Spezies von Bienen bis hin zu einigen Hunde- und Primatenspezies beschrieben wurde, haben Evolutionstheoretiker erst vor Kurzem ihre Bedeutung für die menschliche Evolution erkannt. Die Befunde der Evolutionsforschung lassen darauf schließen, dass Mütter während der längsten Zeit der Menschheitsgeschichte bei der Aufzucht ihrer Kinder von vielen anderen Pflegepersonen unterstützt wurden (Hrdy 2009; Konner 2010). Die in der westlichen Kultur gehegte Erwartung, dass sich Mütter exklusiv und ohne Inanspruchnahme anderer Personen um ihre Säuglinge und Kleinkinder zu kümmern hätten, passt einfach nicht zur Geschichte der menschlichen Evolution und Anpassung.
2.2.2.1 Schlussfolgerungen für heutige Eltern
Aus evolutionsgeschichtlicher Perspektive ist die Kernfamilie eher eine Abweichung als eine „naturgegebene“ Regel. Sarah Hrdy zufolge entstand das Ideal der Kernfamilie in den 1950er Jahren und sah vor, dass ein Elternteil arbeiten ging und die Familie ernährte, während der andere sich ausschließlich um Haushalt und Kinder kümmerte, was nur während des Wirtschaftsbooms der Nachkriegszeit möglich war. So gesehen ist die Kernfamilie also kaum ein Wimpernschlag in der langen Geschichte der Menschheit (Hrdy 2009). Doch gerade der gehobene Lebensstandard, den die westlichen Industrienationen heute genießen, fordert einen hohen Preis von den Müttern: Denn nun lastet eine Aufgabe, die früher von vielen nah verwandten, vertrauten und hoch motivierten Pflegepersonen wie Großmüttern, Tanten und Cousinen gemeinsam bewältigt wurde, fast ganz auf den Schultern der Mütter (und in manchen Fällen der Väter). Obwohl die meisten westlichen Frauen heute so frei wie nie zuvor in der Geschichte über die Anzahl und den Zeitpunkt ihrer Schwangerschaften bestimmen können, folgen diese nicht selten in viel kürzeren Abständen aufeinander als bei unseren Ahninnen im Pleistozän. Wenn man berücksichtigt, dass die meisten Mütter und Väter in industrialisierten Gesellschaften außer Haus arbeiten und dass es an guten und bezahlbaren Kinderbetreuungsmöglichkeiten mangelt, überrascht es nicht mehr, dass viele Eltern unter Stress leiden. Einfach ausgedrückt: Verglichen mit unseren Jäger-Sammler-Vorfahren tragen wir bei der Aufzucht unserer Kinder eine größere Last (unsere Kinder folgen dichter aufeinander), verfügen aber über geringere Ressourcen (wir bekommen weniger Unterstützung von anderen Pflegepersonen, sind sozial relativ isoliert und haben wegen unserer beruflichen Verpflichtungen weniger Zeit für unsere Kinder). Auch wenn wir unsere Vorfahren bei einem Modewettbewerb in den Schatten stellen dürften: Wenn es um die Qualität des Elternalltags geht, tragen sie klar den Sieg davon.
2.2.2.2 Wie kann Achtsamkeit helfen?
Aus der menschlichen Evolutionsgeschichte können wir lernen, dass wir schon immer ein Gleichgewicht zwischen den Anforderungen des Elternseins und der Fürsorge für uns selbst herstellen mussten, und dass wir nur dann für unsere Kinder sorgen können, wenn uns genügend Ressourcen zur Verfügung stehen, um für uns und für sie zu sorgen. Auch wenn Eltern genug Geld haben, um ihre Kinder zu ernähren, kann es schwierig und mühsam sein, die Bedürfnisse der Kinder und der Familie mit beruflichen Anforderungen zu vereinbaren. Wenn die mit dem Elternsein verbundenen körperlichen und emotionalen Beanspruchungen unsere Belastungsgrenze überschreiten, fühlen wir uns vielleicht gestresst, erschöpft und unzulänglich, sind deprimiert oder sehr selbstkritisch. In unserer modernen westlichen Gesellschaft gilt es als erstrebenswert, sein Möglichstes zu tun, und das Akzeptieren der eigenen Grenzen wird oft als Schwäche angesehen. Doch in unserer evolutionären Geschichte hatten Kinder bessere Überlebenschancen, wenn ihre Eltern über genügend Ressourcen zu ihrer Aufzucht verfügten, und dazu zählte die Unterstützung anderer (Hrdy 2009).
In der ersten Sitzung eines Mindful-Parenting-Kurses laden wir die Teilnehmerinnen und Teilnehmer ein, sich der mit dem Elternsein verbundenen Stressbelastungen, wie sie sie in ihrem Körper, ihren Gedanken und Gefühlen erleben, bewusst zu werden. Wir gestehen uns ein, dass es sehr anstrengend ist, Vater oder Mutter zu sein, und sprechen darüber, dass die menschliche Spezies sich ursprünglich in einer Umgebung entwickelte, in der die Gemeinschaft Eltern bei dieser Aufgabe stärker unterstützte. Dies kann Eltern helfen, den Stress zu erkennen, unter dem sie stehen, und ihn mit Selbstmitgefühl zu akzeptieren. Es ermutigt sie außerdem, ihren eigenen Bedürfnissen mehr Raum zu geben, indem sie sich die Frage stellen: „Was brauche ich?“ statt: „Was stimmt nicht mit mir?“ Wir können beginnen, die Ausgewogenheit unserer Lebensbereiche zu überprüfen und uns zu fragen, wie wir besser für uns selbst sorgen und zusätzliche Ressourcen und Unterstützung mobilisieren können.
2.2.2.3 Die Evolution der geteilten Fürsorge
Wie und warum entwickelte sich das System der gemeinsamen Aufzucht, und was bedeutet das für unser Elternsein, für die kindliche Entwicklung und für die menschliche Natur? Diese und andere Fragen stellte sich Sarah Hrdy in ihrer Untersuchung über die evolutionären Grundlagen der Mutter- und Elternschaft. Um Antworten auf diese Fragen zu finden, beginnt Hrdy mit einer weiteren Frage: Wie war eine Entwicklung möglich, die dazu geführt hat, dass unsere Spezies Nachkommen mit derartig großen Gehirnen hervorbringt, die nach ihrer Geburt vollständig von elterlicher Fürsorge abhängig sind und so langsam heranwachsen, dass sie viele Jahre lang von ihren Eltern ernährt und umsorgt werden müssen? Die Beantwortung dieser Frage wird noch schwieriger, wenn man berücksichtigt, dass der Grad der Einbeziehung von Vätern in die Kinderaufzucht zwar beim Menschen höher war als bei den meisten anderen Primaten, aber im Laufe der Evolution bis hin zur Gegenwart extrem schwankte (Hrdy 2009).
Hrdy geht davon aus, dass Mütter bei der Aufzucht ihrer Kinder immer schon auf Hilfe angewiesen waren, denn dies war die einzige Möglichkeit, um in der Phase der Evolution, in der der moderne Mensch sich entwickelte, langsam heranreifende, investitionsintensive und abhängige Nachkommen bis ins Erwachsenenalter durchzubringen. Menschenkinder benötigen enorm viele Kalorien und sehr viel Fürsorge, um zu überleben und heranzureifen – sehr viel mehr als die Nachkommen unserer nächsten Verwandten aus dem Reich der Affen. Dennoch folgen die Geburten bei menschlichen Müttern in kürzeren Abständen aufeinander als bei Menschenaffenmüttern (heutige Jäger-Sammler-Mütter bringen ungefähr alle drei bis vier Jahre ein Kind zur Welt, während Menschenaffenmütter in Intervallen von etwa sechs Jahren gebären). Wie also war es möglich, dass Menschen sich trotz der hohen „Kosten“ der Kinderaufzucht erfolgreicher vermehrten als andere Große Menschenaffen? Hrdys Antwort ist simpel: Sie hatten genügend Helfer. Die These von der kooperativen Aufzucht könnte erklären, weshalb unsere Vorfahren in der Lage waren, sich zahlreicher zu vermehren als ihre Menschenaffenverwandten und die Welt zu bevölkern (Hrdy 2009).
2.2.2.4 Wer half den Müttern, ihre Kinder aufzuziehen?
Wenn unsere Vorfahren also Hilfe benötigten, um ihre kostspieligen und lange von ihnen abhängigen Jungen aufzuziehen, wer half ihnen dann? Eine Antwort lautet: die Väter, und tatsächlich engagieren sich Menschenväter, verglichen mit den Vätern der meisten anderen Säugetiere und Primaten, ungewöhnlich stark. Dennoch ist die Schwankungsbreite der väterlichen Beteiligung an der Kinderaufzucht bei den bislang untersuchten menschlichen Populationen extrem hoch: An einem Ende des Spektrums stehen Väter, die nach der Befruchtung keinerlei Kontakt zu ihren Nachkommen haben, am anderen die stark involvierten Väter einiger Jäger-Sammler-Gesellschaften und die „Hausmänner“ in westlichen Industriegesellschaften (Hrdy 2009; Hewlett 2004; Konner 2010). Das heißt nicht, dass Väter nicht wichtig wären – das sind und waren sie auch aus evolutionärer Perspektive. Rätselhaft bleibt jedoch, wie es unseren Vorfahren gelingen konnte, sich so viel erfolgreicher zu vermehren als andere Primaten und sich unter den unterschiedlichsten Umweltbedingungen überall auf der Erde anzusiedeln, wenn die Mütter ihren Nachwuchs nicht allein aufziehen und auch nicht zuverlässig auf die Hilfe der Väter setzen konnten.
