13,99 €
Niedrigster Preis in 30 Tagen: 13,99 €
Ein Mode-Designer, der für Minimalismus im Kleiderschrank plädiert – wie passt das zusammen? Slow Fashion ist in aller Munde, viele möchten ihren Beitrag leisten. Dass Spaß an Mode mit verantwortungsvollem Konsum einhergehen kann und sollte, zeigt Star-Designer Michael Michalsky. Wie man durch überlegtes Einkaufen und die gezielte Wahl langlebiger Kleidungsstücke zur eigenen Capsule Wardrobe kommt, erklärt er in Minimal Style. Und – ganz wichtig: Er zeigt dabei, wie man es schafft, dabei dem eigenen Stil treu zu bleiben bzw. einen wirklich eigenen Stil zu entwickeln. Mit nur wenigen, gut aufeinander abgestimmten Teilen kann man sich in jeder Situation passend und gleichzeitig abwechslungsreich kleiden – und so ganz selbstbewusst durch die Welt gehen. Michael Michalsky nimmt uns in diesem Buch an die Hand, zeigt uns, dass Mode abseits von reinem Konsum Spaß machen kann, und erklärt, wie wir mit minimaler Garderobe absolut stylish sein können.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 97
Veröffentlichungsjahr: 2021
VORWORT
LESS IS MORE
STYLE ODER: WIE DU ZEIGST, WER DU WIRKLICH BIST
MINIMAL STYLE IM KLEIDERSCHRANK
THE NEW YOU – ENJOY IT
ÜBER DEN AUTOR
IMPRESSUM
Ich erinnere mich noch genau an den Moment, als ich im März 2020 in meinem Berliner Büro am Schreibtisch saß und im Internet las, dass Deutschland zur Eindämmung der Corona-Pandemie einen landesweiten Lockdown verhängen würde.
Zuerst rutschte mir das Herz in die Hose.
Dann dachte ich: Das überlebst du nicht.
Keine Konzerte? Keine Restaurantbesuche? Keine Kinos, keine Kneipen, keine Museen? Für vier Wochen? (Jaja, damals dachten wir noch, nach vier Wochen wäre der Spuk vorbei.) Unmöglich! In meiner kleinen Wohnung in Kreuzberg wäre ich mehr oder weniger von der Außenwelt abgeschnitten. Vermutlich würde ich in Ermangelung von Haustieren nach drei Tagen anfangen, mit mir selbst zu reden …
Nachdem ich den ersten Schock weggeatmet und die unguten Gedanken an die Zukunft nachdrücklich beiseitegeschoben hatte, konzentrierte ich mich aufs Wesentliche und entwarf in Windeseile einen Plan. Was brauchte ich zum Überleben? Brot. Käse. Wein. Zigaretten. Wenn auch in umgekehrter Reihenfolge. Und war mein Netflix-Abo noch aktiv?
Nach einem ausgiebigen Einkaufsbummel kehrte ich schwer beladen in meine Bude zurück. Deutschland würde runterfahren, das war unumgänglich, aber immerhin fühlte ich mich mittlerweile etwas besser gewappnet. Wird schon nicht so schlimm werden, redete ich mir ein.
Es wurde dann auch nicht so schlimm. Sondern noch schlimmer.
Mein Rechner muckte, sodass ich aus allen Videocalls geschmissen wurde. Die Isolation zu Hause machte mir zu schaffen, und seit langer Zeit fiel mir mein Single-Dasein wieder negativ auf. Auch dass alle Hotlines deutschlandweit offenbar belegt waren und sich niemand für mich und meine Probleme verantwortlich zu fühlen schien, ging mir zunehmend auf den Keks.
Nach einer knappen halben Woche kam ich jedoch zurück auf Kurs. Das fing damit an, dass ich mich trotz meiner großen Sympathie für lässige Kleidung nicht gehen ließ, sondern mich jeden Morgen vernünftig anzog – sogar mit Accessoires und Schmuck. Tag für Tag drang ich tiefer in meinen Kleiderschrank vor und entdeckte einige Stücke, die ich seit Jahren nicht mehr zu Gesicht bekommen hatte. Meine alte Liebe für sie wurde neu entfacht. Ein zweiter Frühling, und das mitten im Lockdown! Bald schon hatte ich das Gefühl, eine wahre Schatzkiste in meinem Schlafzimmer stehen zu haben. Wieso hatte ich mich bislang so wenig mit den Dingen auseinandergesetzt, für dich ich einmal Geld ausgegeben hatte?!
Als das nächste Wochenende kam, krempelte ich die Ärmel hoch und zog alles aus dem Schrank, was sich darin vor mir versteckte. Zuerst fühlte ich mich erschlagen von dem riesigen Berg an Kleidungsstücken, der sich vor mir auf dem Bett auftürmte. Gehörte das wirklich alles mir?
Zwei Tassen Kaffee und eine Zigarette später fing ich an zu sortieren. Ich entschied mich für drei Stapel: must have, okay, time to go. Auch wenn der Must-have-Stapel mit Abstand der größte war, das Gefühl, am Ende des Tages endlich wieder Herrscher über meine Besitztümer zu sein, war überwältigend. Marie Kondo hätte sich einen Ast abgefreut, wenn sie mich gesehen hätte, was zum Glück aber nicht der Fall war.
Nachdem ich mit den Kleidern fertig war, widmete ich mich den Schuhen. Ich putzte jedes einzelne meiner dreißig Paar Sneaker und erinnerte mich währenddessen daran, wann und wo ich sie erworben hatte. Dabei kam ich so in den Flow, dass ich sogar eine Verabredung zum Spazierengehen ausschlug – ein gesellschaftliches Highlight im Corona-Frühjahr des Jahres 2020. Aber ich schwang die Schuhbürste mit so einer Begeisterung, dass ich jetzt unmöglich aufhören konnte. Ich war sogar ein wenig traurig, als ich beim letzten Paar Sneaker angekommen war.
Was jetzt?
Ich nahm mir die Wohnung vor. Stellte und dekorierte um, räumte auf, mistete aus. Nach der Einrichtung war mein digitales Leben dran, Playlisten, virtuelle Ordner, digitale Bildersammlungen, kein Bit und kein Byte waren vor mir sicher.
Als die Politik einige Tage später erklärte, dass die Maßnahmen gelockert würden, brach ich erneut kurz in Panik aus – diesmal allerdings aus einem anderen Grund als zu Beginn des Lockdowns. Ich war noch lange nicht fertig mit dem Aufräumen! Vor allem aber fühlte ich mich nach den vielen Wochen, in denen ich in Erinnerungen geschwelgt und mit mir und meinen Besitztümern allein gewesen war, nicht bereit, wieder Menschen zu begegnen. Meine Wohnung war mein Leben, und nach vielen Jahren hatte ich wieder einen Überblick über all die Gegenstände und Habseligkeiten, die mich begleiteten. Das konnte doch nicht einfach wieder vorbei sein!
Zum Glück bin ich anpassungsfähig. Und so überrascht es vermutlich nicht, wenn ich zugebe, dass ich nach den ersten befremdlichen Momenten wieder sehr froh war, auf Menschen zu treffen und Zeit mit ihnen zu verbringen, da mir meine Besitztümer zwar einige spannende Geschichten aus meiner Vergangenheit erzählt hatten, die Kommunikation mit Pullovern und Schuhen aber auf Dauer ein bisschen, na ja, einseitig ist. Und immerhin durfte ich jeden Abend in meine aufgeräumte, gut strukturierte und stilvolle Wohnung zurückkehren, in der ich jeden Papierschnipsel persönlich kannte.
Mein Kleiderschrank ist immer noch die Truhe voller Schätze, nur dass ich nach meiner Bestandsaufnahme viel mehr Freude an ihm habe. Ich trage all die vergessenen Stücke, die ich mir einst geleistet habe – und nicht nur einmal bin ich seitdem auf meinen »neuen« Style angesprochen worden.
Inmitten all der Kleiderberge habe ich allerdings nicht nur meinen Style wiedergefunden, vor allem wurde eine Idee geboren: ein Buch zu schreiben, das auch anderen hilft, nicht nur Lockdowns zu überstehen, sondern vor allem mit minimalem Aufwand modisch und stilvoll gekleidet zu sein.
WER SEINEN EIGENEN STYLE GEFUNDEN HAT, LEBT VON GRUND AUF GELASSENER UND ZUFRIEDEN MIT SICH SELBST. DIESER MENSCH KANN AUCH IN DIESEN ZEITEN ENTSPANNT MIT SEINEM UMFELD LEBEN. UND DAS HAT UNGLAUBLICH VIEL STIL!
Jedes Jahr wandern bis zu sechzig neue Kleidungsstücke in unsere Schränke. Trotzdem haben wir oft das Gefühl, nichts zum Anziehen zu haben. Kein Wunder, denn in der unüberschaubaren Masse der Möglichkeiten ist es manchmal schwer, sich für das Richtige zu entscheiden. Wie aber kannst du dich in deiner Garderobe wieder zurechtfinden und gleichzeitig deinen Style weiterentwickeln? Das Zauberwort lautet: Minimal Style.
Auf den ersten Blick könnte das Gebäude auch ein Museum sein: ein Kubus aus grauem Waschbeton mit wenigen asymmetrisch ausgerichteten Fenstern und Türen und nur einem einzigen Schaufenster. Im quadratischen Innenhof steht ein Baum mit verschlungenen Stämmen und ausladenden Ästen. Den Eingang flankieren mannshohe Skulpturen, die mich an die Osterinseln erinnern. Ich bin jedoch nicht in der Südsee, sondern in L.A. und stehe voller Vorfreude vor den Türen von Maxfield, dem in meinen Augen besten Bekleidungsgeschäft der Welt.
Maxfield ist mein Eldorado. Das Mekka, zu dem ich alle paar Jahre pilgere. Hier entdeckt man Trends, bevor sie entstehen. Es ist der einzige Ort weltweit, an dem die Männer-Kollektion von Chanel verkauft wird – allein das rechtfertigt regelmäßige Reisen in die Stadt der Engel.
Der Ruf des Ladens ist legendär, denn hier wird Mode nicht einfach auf Kleiderbügel gehängt, hier wird sie kuratiert. Jedes Stück, das bei Maxfield verkauft wird, hat etwas Besonderes und wird auf bestmögliche Art in Szene gesetzt. Wer in diesem Laden, ach, was sage ich, diesem Tempel einkauft, ist auf der Suche nach dem Außergewöhnlichen. Die Kunden von Maxfield haben Style und Gespür für Mode. Und das nötige Kleingeld, um ihre Wünsche wahr werden zu lassen.
Nur alle paar Jahre komme ich hierher und nehme mir einen ganzen Tag, um durch das Geschäft zu stöbern. Wenn ich bei Maxfield etwas kaufe, kaufe ich es mit Bedacht und erfreue mich viele Jahre daran. Nicht nur, weil ich selten an die Westküste der Vereinigten Staaten komme (denn auch, wenn viele Leute etwas anderes von einem Designer denken, jette ich nicht die meiste Zeit des Jahres durch die Welt), sondern auch, weil ich mir viel Zeit bei meinem extraordinären Einkaufsbummel lasse und mir genau überlege, was meine Garderobe komplettieren darf.
DER MARKT PRODUZIERT ZU VIEL VON ALLEM
Man kann so viel Mode kaufen, wie man will: Style erwirbt man deshalb noch lange nicht. Das sehe ich jeden Abend, wenn ich von der Arbeit nach Hause komme und mein Blick auf eine der größten Jugendherbergen Berlins auf der anderen Straßenseite fällt. Woche für Woche trudeln dort Klassenfahrten aus der ganzen Republik ein. Montags kommen sie an, freitags reisen sie ab. Die Jugendlichen sehen in meinen Augen fast alle gleich aus. Sie tragen dieselbe Skinny Jeans, dieselben Frisuren, dieselben Sneaker. Sie haben keinen individuellen Style – sie tragen im Prinzip Uniformen.
Deshalb gehen sie auch in denselben Läden shoppen. Jeden Tag sehe ich die Horden von ihren Beutezügen aus den Einkaufszentren und der Innenstadt zurückkehren, und es gibt kaum einen Jugendlichen oder jungen Erwachsenen, der nicht mindestens eine prall gefüllte Tüte einer Billigmarke in der Hand hat. Darin befinden sich Kleidungsstücke, die vielleicht eine Woche oder Saison, vielleicht sogar zwei Jahreszeiten im Schrank überdauern werden, bevor sie verwaschen, alt und abgetragen aussehen und nicht mehr der kurzlebigen Mode entsprechen.
Konsum bedeutet Teilhabe an gesellschaftlichen Prozessen. Sich so viel kaufen zu können, wie man mag, steigert das Selbstwertgefühl wie kaum etwas anderes. Wenn ein T-Shirt nur noch drei Euro kostet, umso besser, denn so bekomme ich scheinbar noch viel mehr für mein Geld.
Aber die Wahrheit ist: Man bekommt nichts für sein Geld, wenn man Produkte dieser Art erwirbt. Jedenfalls nichts von Qualität. Obwohl der Modemarkt übersättigt ist, gibt es immer mehr Brands, die nicht zwei- oder viermal im Jahr, sondern wöchentlich neue Kollektionen in die Läden bringen. Die neue Ware drückt die »alten« Teile in den Sale, die Kundinnen werden dazu angeregt, noch mehr noch billigere Teile zu kaufen, die sie nur ein paarmal tragen werden, wenn überhaupt. (Das Kleidungsstück mit der traurigsten Geschichte ist übrigens das Partytop, das durchschnittlich nur 1,7-mal getragen wird, bevor es in die Altkleidertonne wandert.)
Mir ist bewusst, dass sich nicht jeder teure Kleidung leisten kann. Dennoch bin ich immer wieder erstaunt, dass vielen Konsumentinnen nicht klar zu sein scheint, welches System sie mit ihrem Einkauf unterstützen. Möglicherweise ist es ihnen auch egal? Niemand kann behaupten, dass er nicht wüsste, welche Auswirkungen Fast Fashion auf unsere Welt hat – und doch eröffnen die Billigmarken weitere Stores in den Fußgängerzonen, ziehen noch mehr Menschen mit noch größeren Papiertüten voller Plastikklamotten an meinem Fenster vorbei. Es ist leider immer noch zu leicht, kurzfristige Glücksgefühle durch Modekonsum zu produzieren.
Maßlose Shoppingtrips, bei denen wir unsere bewussten Entscheidungsprozesse für einen kurzen Moment auf stumm schalten und dem Rausch verfallen, sind eine kurze Unterbrechung in unserem ansonsten so kontrollierten, getrackten, austarierten Leben.
Und das Gegenteil von überlegtem Modekonsum.
Früher fuhr man samstags in die Stadt, um eine neue Hose zu kaufen, neue Schuhe oder einen neuen Wintermantel. Man hatte ein Bedürfnis, einen Mangel, den es auszugleichen galt und für den man ein Kaufhaus oder eine Boutique besuchte, um genau das zu kaufen, was man benötigte. Heute erwirbt man Dinge, die man niemals anziehen wird, um nicht mit leeren Händen vom Shoppingtrip nach Hause zu kommen.
Als Konsumierende haben wir oft das Gefühl, am bestehenden System nichts ändern zu können. Ein T-Shirt macht doch schließlich keinen Unterschied. Tatsächlich hat jedes einzelne Produkt, das nicht gekauft wird, sondern im Laden liegen bleibt, eine Wirkung. Die Produzenten spüren das. Wer sich dazu entscheidet, nicht (mehr) bei Marken einzukaufen, die Mode wie einen Wegwerfartikel behandeln, setzt ein Zeichen.
