'Mit Aug' und Ohr für's Vaterland' - Jürg Schoch - E-Book

'Mit Aug' und Ohr für's Vaterland' E-Book

Jürg Schoch

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Beschreibung

General Guisan lancierte während des Zweiten Weltkriegs im Zeichen der geistigen Landesverteidigung die Organisation Heer & Haus und dazu einen Aufklärungsdienst. Dieser sollte den Widerstandsgeist im Volk stärken und in Erfahrung bringen, was die Bürgerinnen und Bürger denken. Zu diesem Zweck wurden in den Städten und Dörfern Tausende von Vertrauensleuten aus allen Bevölkerungsschichten rekrutiert, die zu berichten hatten. Einige Hundert von Zehntausenden Rapporten wurden nun erstmals ausgewertet und bilden thematisch gegliedert den Schwerpunkt der Publikation zusammen mit den kritischen Erläuterungen des Autors. Man ärgerte sich über die schamlose Preistreiberei der Bauern, den preussischen Gesangsstil in der Armee, das langweilige Programm von Beromünster. Man rief nach der Todesstrafe, nach der AHV, nach einer harten Hand gegen die Fröntler. Man denunzierte den Nachbarn, ärgerte sich über Juden, sah im Internierten den Weiberhelden. Man war patriotisch. Solche Gefühle, Forderungen, Haltungen drücken die Rapporte aus, welche die Vertrauensleute nach Bern sandten – in Erfüllung ihrer Pflicht, laufend über die Stimmung im Land zu berichten. Es sind Wortmeldungen, die frisch aus der damaligen Gegenwart springen.

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Seitenzahl: 528

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Jürg Schoch

«Mit Aug’und Ohr

für’s Vaterland!»

Der Schweizer Aufklärungsdienstvon Heer & Haus im Zweiten Weltkrieg

Verlag Neue Zürcher Zeitung

Mit freundlicher Unterstützung von

Appenzellische Offiziersgesellschaft & Winkelriedstiftung

Bibliothek am Guisanplatz

Ernst Göhner Stiftung

Kanton Schaffhausen, Lotteriefonds

Kanton Thurgau, Lotteriefonds

Kantonale St. Gallische Winkelriedstiftung

Kulturförderung Kanton Graubünden / SWISSLOS

Thurgauer Winkelriedstiftung

Walter Haefner Stiftung

Winkelriedstiftung Oberwallis

Zürcherische Winkelriedstiftung

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

© 2015 Verlag Neue Zürcher Zeitung, ZürichDer Text des E-Books folgt der gedruckten 1. Auflage 2015 (ISBN 978-3-03823-901-7)

Lektorat: Ingrid Kunz Graf, Schaffhausen

Titelgestaltung: GYSIN | Konzept + Gestaltung, Chur

Titelbild: In Baracken hinter Stacheldraht: Flüchtlinge und Internierte in der Schweiz

Datenkonvertierung: CPI books GmbH, Leck

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Die dadurch begründeten Rechte, insbesondere die der Übersetzung, des Nachdrucks, des Vortrags, der Entnahme von Abbildungen und Tabellen, der Funksendung, der Mikroverfilmung oder der Vervielfältigung auf anderen Wegen und der Speicherung in Datenverarbeitungsanlagen, bleiben, auch bei nur auszugsweiser Verwertung, vorbehalten. Eine Vervielfältigung dieses Werks oder von Teilen dieses Werks ist auch im Einzelfall nur in den Grenzen der gesetzlichen Bestimmungen des Urheberrechtsgesetzes in der jeweils geltenden Fassung zulässig. Sie ist grundsätzlich vergütungspflichtig. Zuwiderhandlungen unterliegen den Strafbestimmungen des Urheberrechts.

ISBN E-Book 978-3-03810-085-0

www.nzz-libro.ch

NZZ Libro ist ein Imprint der Neuen Zürcher Zeitung

Vorwort

Dies ist kein Buch über die Schweiz während des Zweiten Weltkriegs, das die Eliten in den Vordergrund stellt. Zwar treten auch Bundesräte, der General und andere Verantwortungsträger in Erscheinung. Doch sie, welche die Geschicke des Landes leiteten, sind für einmal eher Randfiguren und müssen jenen den Vortritt lassen, die man umgangssprachlich das gewöhnliche Volk nennt.

Während der Kriegsjahre war die Schweiz eine «reduzierte» Demokratie. Ganz oben, bei Armeeführung und Regierung, konzentrierte sich eine enorme Machtfülle. Gestützt auf die Vollmachten, nahm der Bundesrat Befugnisse wahr, die in friedfertigen Zeiten dem Parlament oder dem Souverän vorbehalten sind. Er konnte Beschlüsse fassen, die massiv in die Grundrechte der Bürger eingriffen; und er verfügte über einen unbegrenzten Kredit. Doch alle Macht konnte nicht verhindern, dass die Regierung sich stets auch mit dem Problem der Ohnmacht konfrontiert sah. Ihr war bewusst: Jede Verfügungsgewalt würde nutzlos sein, wenn das Volk die ihm entrückte Politik nicht mittrug.

«Geistige Landesverteidigung» lautete der Slogan, unter dem die Reihen geschlossen werden sollten. General Guisan lancierte die Organisation Heer & Haus und dazu einen Aufklärungsdienst, der sich um die Zivilgesellschaft kümmerte. Zwei Aufgaben oblagen diesem Dienst: Erstens sollte er den Widerstandsgeist im Volk stärken und zweitens in Erfahrung bringen, was das Volk denkt. Zu diesem Zweck wurden in den Städten und Dörfern Tausende von Vertrauensleuten aus allen Bevölkerungsschichten rekrutiert, die nach Bern zu berichten hatten, wie die Stimmung unter den Bürgerinnen und Bürgern war.

Es handelt sich um Zehntausende von Berichten, die in den Schweizer Stuben geschrieben wurden und die der Aufklärungsdienst samt und sonders beantwortete. Ihre Summe gleicht einem riesigen Haufen kleiner Steinchen, die, einzeln betrachtet, unwichtig sein mögen. Ausgelegt und sortiert, lassen sie sich aber zu einem spannenden Mosaik zusammenfügen. Vielfalt und Tonart der Rapporte, in denen die Vertrauensleute das ganze Spektrum des täglichen Lebens in bedrohter Zeit ausleuchteten, sind gleichermassen aufsehenerregend. Es finden sich sehr lange und sehr kurze Texte, viele mit schwerer Hand geschrieben, fehlerhaft und plump, andere keck, sarkastisch, ernst, besorgt, selbstgefällig, anklagend. Wenn Erinnerungen von Zeitzeugen selten davor gefeit sind, in Verklärung abzugleiten, so springen diese Texte spontan und frisch aus der damaligen Lebenswelt: Der Volksmund, denkt man, muss so getönt haben.

Zahlreiche Vertrauensleute verfassten ihre Rapporte mit Hingabe. Mitunter setzte sich der Patriotismus bis in die Grussformeln hinein fort. An den Schluss ihres Berichts setzte eine einfache Frau aus dem Schaffhausischen die Parole:

Mit Aug’ und Ohr für’s Vaterland!

In den folgenden Kapiteln sollen diese schreibenden Schweizerinnen und Schweizer vor allem zu Wort kommen.

Verlag und Autor haben sich entschieden, die Vertrauensleute namentlich zu nennen. In jenen Rapporten allerdings, in denen heikle Dinge zur Sprache kamen, insbesondere Denunziationen, sind lediglich die Initialen vermerkt. Der Autor bittet die Leserinnen und Leser ferner, nicht zu erschrecken, wenn sie immer wieder auf Schreib-, Komma- oder andere Fehler stossen. Schreiben gehörte lange nicht für alle Vertrauensleute zum üblichen Tagewerk. Deren sprachliche Eigenwilligkeiten sind bewusst nicht entfernt worden. Die Rapporte wären ihres besonderen Aromas verlustig gegangen, hätte der Rotstift schulmeisterlich eingegriffen. Lediglich dort, wo die Lesbarkeit des Textes schwierig war, erfolgten geringfügige Korrekturen.

Für Hinweise und Unterstützung aller Art möchte der Autor folgenden Personen danken: Alex Aepli, Pierre Gygi, Edi Joos, Claudia Kühner, Bruno Lezzi, Jakob Lindt, Paul André Ramseyer, Peter Studer, Klaus Urner, Thomas Waldvogel – und ganz besonders Beate Becker, Corinne Hügli und Ursula Merz von NZZ Libro sowie den hilfsbereiten Angestellten des Schweizerischen Bundesarchivs.

Einleitung

Die Konstruktion einer «Mauer der Gefestigten»

Wie entschiedene Nazigegner das schweizerische Gesinnungskader auf die Beine stellten

Am 1. September 1939 wurde es dunkel in Europa. Hitler löste mit seinem Überfall auf Polen den Zweiten Weltkrieg aus. In der neutralen Schweiz war bereits zwei Tage zuvor die Vereinigte Bundesversammlung zusammengetreten und hatte Oberstkorpskommandant Henri Guisan zum Oberbefehlshaber der Schweizer Armee gewählt. Am 2. September erfolgte die Mobilmachung. 450 000 Wehrmänner rückten zum Aktivdienst ein.

Wissen konnte man zu jenem Zeitpunkt nicht, wohl aber ahnen, dass dem neutralen, von einer mangelhaft gerüsteten Armee beschützten Kleinstaat eine in jeder Beziehung schwierige Zeit bevorstehen würde. Die von den Nazis im Ausland systematisch betriebene Propaganda hatte auch in der Schweiz gewisse Bevölkerungssegmente in Versuchung geführt. Während des Frontenfrühlings in den 1930er-Jahren machten sich verschiedene nazifreundliche Parteien lauthals bemerkbar. Offizierskreise liessen sich durch den rasanten Aufbau der Wehrmacht beeindrucken, und wenn diese Kreise – mit Ausnahmen allerdings – auch keine Sympathien für die Nazis bekundeten, so bewunderte doch mancher Truppenkommandant oder Generalstabsoffizier die Tatkraft deutscher Generäle und, nachdem die ersten Schüsse gefallen waren, den Schwung des Blitzkriegs, den diese Generäle in Hitlers Auftrag führten.

Der politischen Führung der Schweiz war schon vor dem Krieg bewusst, dass es zur Abwehr der heraufziehenden Gefahren nicht nur auf Strategie und Taktik, auf Divisionen und Regimenter, Waffen und Festungen ankam, sondern auch darauf, was – eigentlich zu Unrecht – als «soft power» benannt wird: auf Standhaftigkeit, Vertrauen und den Glauben an die eigenen Werte und Möglichkeiten. Das war die Geburtsstunde dessen, was unter dem Siegel «geistige Landesverteidigung» die Schweizerinnen und Schweizer fortan beschäftigte – und noch Jahrzehnte über den Zweiten Weltkrieg hinaus beschäftigen sollte. Ende 1938 unterbreitete der katholisch-konservative Bundesrat Philipp Etter dem Parlament eine Botschaft, die den Rahmen für eine staatlich zu fördernde Kulturpolitik absteckte: Das war die Geburtsstunde der Stiftung Pro Helvetia, der die eidgenössischen Räte mit Bundesbeschluss vom 5. April 1939 ihren Segen erteilten.

Doch geistige Landesverteidigung blieb keineswegs eine «zivile» Angelegenheit. Vielmehr ging die Armee in die Offensive. Mit seinem Befehl über den «Geist der Truppe» vom 3. November 1939, also wenige Wochen nach der Mobilmachung, ordnete General Guisan an, eine neue Dienstabteilung mit dem Namen Heer & Haus zu schaffen. Dieser fünften Sektion der Generaladjutantur wies Guisan folgende Aufgaben zu:

– Beitragen zur Erhaltung des guten Humors bei der Truppe;

– Bewahrung und Förderung der vaterländischen Gesinnung, der Einsicht in die hohe Aufgabe der Armee;

– Stärkung der Bande, die Bevölkerung und Armee vereinen, derart, dass sich die letztere wirklich ständig volksverbunden fühlen kann.

Glanzvoll war der Start dieser fünften Sektion allerdings nicht. Ihr erster Chef, Oberst Tenger, ärgerte sich unverhohlen darüber, dass die deutsche Übersetzung des in französischer Sprache verfassten Armeebefehls – die wenigen hier zitierten Sätze zeigen es – reichlich ungelenk formuliert war. Der sprachsensible, um die Bedeutung packender Formulierungen wissende Oberst schrieb seinen Vorgesetzten, der Armeebefehl hätte um der schönen und grossen Aufgabe willen und angesichts seines dokumentarischen Werts und seiner Verbreitung im ganzen Land eine bessere Übersetzung verdient.

Dennoch nahm die fünfte Sektion rasch Gestalt an. Zur Förderung der vaterländischen Gesinnung und des Humors bei der Truppe organisierte der Sektionschef einen Vortragsdienst, ferner einen Unterhaltungsdienst, der Rezitatoren und Jodlerinnen, Fakire und Musiker, Gedächtnis- und Suggestionskünstler aufbot. Ins Programm wurde auch die sportlicheLeibesschulung aufgenommen. Ein Bücher- und Armeefilmdienst rundete das Angebot ab.

Die Organisation zur Hebung der Moral wäre damit vorhanden gewesen, doch richtig in Fahrt wollte sie nicht kommen. Allein im ersten Kriegsjahr lösten sich vier Chefs an der Spitze von Heer & Haus ab. Die hatten sich ausser mit den neuen, für traditionelle Militärs eher ungewohnten Aufgaben auch mit zahlreichen kleinlichen, die Nerven beanspruchenden Bürokratieproblemen herumzuschlagen, von denen jenes der Lokalitäten, in denen das Land geistig verteidigt werden sollte, geradezu komisch-absurde Formen annahm.

Die Sektion, die während der Kriegsjahre bis zu 150 Personen beschäftigte, mietete sich im Frühjahr 1940 an der Berner Spitalgasse 38 ein, einer Liegenschaft, deren Eigentümerin die weitherum bekannte Madame de Meuron1 war. Wenn anfänglich der Verkehr mit ihr noch den Gepflogenheiten der Courtoisie folgte, so änderten Ton und gegenseitige Wertschätzung ziemlich rasch. Die extravagante Herrin von Schloss Amsoldingen und Schloss Rümligen entpuppte sich als das, was man gemeinhin als Mieterschreck bezeichnet. Sie beschwerte sich über strapazierte Teppichläufer und ungewichste Parkettböden, über die Rüpelhaftigkeit des Personals und den Kasernenbetrieb, der sich in ihrer Liegenschaft breitgemacht habe; sie verlangte dauernd irgendwelche Entschädigungen und Benzingutscheine. Im umfangreichen Schrifttum, das dieses schwierige Mietverhältnis hinterliess, spiegelt sich ein skurriler Kleinkrieg, der bei der Vermieterin zu heftigen Gefühlswallungen führte; die schlugen sich in ihren eigenwillig formulierten Briefen nieder. Ein Beispiel aus dem Jahr 1943:2

Die Zwangslage in welche mich Militärdepartement u Armee der Eidgenossenschaft u Gemeinde gebracht hat zu missbrauchen indem ungewohnte ungeeignete Militärpersonen mit Dingen umgehn dürfen die sie nicht kennen da nicht in solchen Verhältnissen erzogen – ist eine anständiger Herren unwürdige Handlungsweise die das Wehrkleid nicht entschuldigt, auch Ihre Arbeit nicht da es keine militärische Arbeit ist im Sinne vom Schutz des Vaterlandes, keine Waffen nichts als ein Warenschuppen für Propagandazwecke […] Mit vorzüglicher Hochachtung und höflicher Bitte sich zu erinnern dass das Haus eine Eigentümerin hat die Sie schwer geschädigt u bekümmert haben und die nie mehr komt da durch Behörden enteignet, zu Ihren Gunsten

Meuron

Ernsthafterer Natur war die vielstimmige Kritik, die an den Leistungen von Heer & Haus geübt wurde. Zu den schärfsten Stimmen gehörte jene von Hauptmann Hans Hausamann,3 dem Leiter des legendären Büros Ha. Am 7. März 1940 diagnostizierte Hausamann in einem Schreiben an die Nachrichtensektion des Armeestabs, es werde «nicht mehr allzu lange gehen, bis wir stimmungsmässig auf jenes Niveau abgesunken sind, wie wir es schon einmal erlebten: 1917/18». Die Sektion Heer & Haus scheine den Aufgaben in keiner Weise gewachsen zu sein, die Radioreportagen, die sie produziere, seien geradezu eine Katastrophe, die Interviews hoher Heerführer «plump aufgezogen», von mitreissenden Filmen sei nichts zu hören, obwohl ein Stab von Filmleuten seit Monaten Sold plus Zulagen beziehe. Hausamann beendete sein Schreiben mit Unterstreichungen und Ausrufezeichen:

So wie bis anhin darf es nicht mehr weitergehen. Es muss vielmehr mit aller Kraft und ohne Verzug in geeigneter Weise auf das Volk wie auf die Truppe Einfluss genommen werden, bevor es wieder zu spät ist! Notwendig ist überdies, dass sich Leute ans Werk machen, welche Heer wie Volk mitzureissen, zu begeistern vermögen und zwar auf die Dauer!

Hausamanns Prophezeiungen sollten sich, was die Stimmung im Land betraf, bald bewahrheiten.

Am 10. Mai 1940 lancierte Hitler seinen Westfeldzug. Die deutsche Wehrmacht besetzte die neutralen Staaten Niederlande, Belgien, Luxemburg und besiegte innerhalb weniger Wochen die französische Armee, deren Vertreter am 22. Juni 1940 im Wald von Compiègne die Kapitulationsurkunde unterzeichnete. Diese dramatischen Umbrüche auf der Weltbühne versetzten den Kleinstaat Schweiz, praktisch vollständig eingekreist von den Achsenmächten, in höchste Alarmstimmung. Das Oberkommando der Armee schickte sich umgehend an, seine Reduit-Pläne in die Tat umzusetzen. Das Gros der Truppen wurde in den folgenden Monaten von den Grenzen und aus dem Mittelland ab- und in die Alpenfestung zurückgezogen.

Die Alarmglocken läuteten auch bei den geistigen Landesverteidigern an der Spitalgasse 38. Dort setzte sich Hauptmann Vinassa, in der Sektion Heer & Haus für die Vortragstätigkeit zuständig, an den Schreibtisch und hämmerte einen Brief in seine Maschine, den er, sämtliche Dienstwege überspringend, direkt, weil äusserst dringlich, Bundesrat Philipp Etter zustellen liess. Er rapportierte dem Innenminister, in welchem Ausmass sowohl die Truppen wie auch die Zivilbevölkerung demoralisiert seien, und vor allem legte er ihm dar, wie in Offizierskreisen über die Verteidigung und die gegebenenfalls vorbeugende Zerstörung der Alpenübergänge gedacht werde – nämlich so:4

[…] der Feind könne uns erklären, wenn Ihr den Gotthard sprengt, so werden wir eine grössere Stadt oder mehrere zerstören; er kann auch Geiseln nehmen und diese zu erschiessen drohen, wenn man unsere Alpenübergänge sprengt oder zerstört. Es stelle sich daher bloss die Frage, ob unsere Regierung und damit unser Parlament und der Bundesrat den Mut aufbringen zu erklären: schiesst bloss unsere Geiseln tot, vernichtet unsere Städte, aber wir halten fest: wenn Ihr uns angreift, so wird der Gotthard, der Simplon gesprengt, macht was Ihr für richtig haltet; unsere Unabhängigkeit ist uns viel wichtiger als das Leben von Geiseln oder das Bestehen einer Stadt! – Nun ist der Zweifel überall schleichend, ob die Regierung diesen Schluss ziehen wird, ob nicht etwa die Geschichte Berns sich wiederhole, wo ein entschlossenes Heer sich geschlagen hat, dagegen eine zu vorsichtige Regierung nachgab, in der Hoffnung, ein unnötiges Opfer zu ersparen.5

Seinen Brief schloss Hauptmann Vinassa mit einem Appell:

Ich glaube, dass die Truppen und noch viel mehr die Zivilbevölkerung eine direkte Rede von Mensch zu Mensch seitens unserer höchsten Behörden erwarten, damit sie ausser allen Zweifeln sind. Sie erwarten keine «vaterländischen Reden», denn mit diesen sind sie gesättigt worden, dagegen eine einfache Ansprache, die zu Herzen geht.

Die Rede folgte ein paar Tage später, wenn auch selbstverständlich nicht als Folge der Aufforderung eines kleinen Büro-Hauptmanns.

Am 25. Juni wandte sich Bundespräsident Marcel Pilet-Golaz in einer Radioansprache an das Volk. Er sprach von innerer Wiedergeburt und davon, dass jeder Eidgenosse den «alten Menschen» ablegen, die Schweiz vorwärtsblicken und nach den Umbrüchen am Wiederaufbau Europas teilnehmen müssten. Die Rede, die mit den anderen Bundesräten abgestimmt war und von Etter auf Deutsch gehalten wurde, lief darauf hinaus, dass die Schweiz die faschistischen Regimes nicht unnötig irritieren, womöglich sich mit ihnen gut stellen und irgendwie arrangieren sollte. Der harte Kern eidgenössischen Selbstverständnisses – Freiheit, Unabhängigkeit, demokratische Selbstbestimmung – tauchte in dieser Rede nicht oder höchstens am Rand auf.

Spätere Kommentatoren meinten zwar, Pilet-Golaz habe dem Schweizervolk unter den neuen Verhältnissen Halt geben wollen. In jenen kritischen Tagen bewirkte er das Gegenteil. Seine Rede stürzte das Volk – die Soldaten wie die Zivilisten – in die grösste Ratlosigkeit, in grösstes Misstrauen, in beklemmende Zweifel. Diese Gemütslage akzentuierte sich noch, als Pilet-Golaz drei Monate später die Vertreter der nationalsozialistisch ausgerichteten Nationalen Bewegung Schweiz (NBS) in persönlicher Audienz empfing. Nach der Rede und dieser Geste, von vielen als Kniefall empfunden und heftig kritisiert, stand landauf, landab die Frage im Raum: Geht die Schweiz nun den Weg der Anpassung?

Abb. 1:  Heer-&-Haus-Mitarbeiter auf Bootsausflug. Ganz rechts in Zivil August R. Lindt, Chef des Aufklärungsdienstes, der diskret auf Distanz ging zur «Das Boot ist voll»-Politik des Bundesrats.

Während sich in jenen Sommermonaten 1940 in breiten Bevölkerungsschichten Defätismus ausbreitete, formierte sich unter entschlossenen Geistern Widerstand. Die Nachrichtenoffiziere Alfred Ernst, Max Waibel,6 Hans Hausamann sowie Korporal August R. Lindt schlossen sich mit anderen Militärs zum Offiziersbund zusammen. Diese als «Offiziersverschwörung» in die Geschichte eingegangene Aktion setzte sich zum Ziel, auch dann zu kämpfen, falls Bundesrat und Armeeführung kapitulieren sollten. Genau einen Monat nach Pilet-Golaz’ Radioansprache kommandierte General Guisan das höhere Kader zum Rütlirapport, der andere Signale ins Land aussendete, und im Herbst waren es wiederum Hausamann und Lindt, welche die Aktion nationaler Widerstand ins Leben riefen, eine breit abgestützte Vereinigung, die von wichtigen Politikern aus dem bürgerlichen wie dem sozialdemokratischen Lager, Intellektuellen, Theologen (u. a. Karl Barth) und Redaktoren (Albert Oeri, Markus Feldmann) getragen wurde.

Zu Beginn des Jahres 1941 richtete der General ein besorgtes Schreiben7 an Bundesrat Philipp Etter, in dem er dem Innenminister den Ernst der Lage aus seiner Sicht darstellte. Heer & Haus und dessen Vortragsdienst hätten zwar schon einiges unternommen, doch angesichts des erschütterten Vertrauens in der Bevölkerung und der «sehr harten Zeiten», die dem Land bevorstünden, seien zur Hebung der Moral ganz andere Anstrengungen vonnöten. Was es brauche, sei ein «Propagandaministerium», das, getragen und inspiriert durch Regierung und Oberkommando, eine Stimmung schaffen müsse, wie sie «wünschenswert» wäre. Ein solcher Organismus müsse sämtliche Anstrengungen der Presse, der Vortragsredner, des Films, der Schule, der Religion koordinieren und nach den Vorgaben von Regierung und Oberkommando «dirigieren». Gegenwärtig aber fehle «le cerveau coordonnateur».

Im Hintergrund wirkten wiederum Hausamann und dessen Freunde auf die Armeeführung ein, der bisher betulichen Sektion Heer & Haus mehr Biss und Elan zu verleihen. Den Mann, der ihnen geeignet schien, den Part des «cerveau coordonnateur» zu übernehmen, hatten sie auch schon im Auge: Oberst Oscar Frey.8

Dieser Schaffhauser Offizier, Kommandant des Basler Infanterie-Regiments 22, war eine unerschrockene und ebenso kraft- wie temperamentvolle Figur. Er war geradezu beseelt von Widerstandsgeist. Als Publizist und als Vortragsredner, der kein Blatt vor den Mund nahm (auch nicht seinen Vorgesetzten gegenüber), kämpfte er unermüdlich für die Verteidigung der Schweiz um jeden Preis, gegen Defätismus, Kleinmut, Anpassertum. Frey war nicht die Person, die sich in philosophisch-kunstvollen Floskeln ausdrückte, er pflegte eine volksnahe, träfe, mitunter raue und burschikose Sprache, die seine Zuhörer aus allen Schichten verstanden. Er, der freisinnige Versicherungskaufmann, gehörte wie der andere prominente Schaffhauser, der Sozialdemokrat Walther Bringolf, der Aktion nationaler Widerstand an. Nicht aber der erwähnten «Offiziersverschwörung», wenngleich seine Haltung mit jener der jungen Hauptleute Ernst, Hausamann, Waibel identisch war, galt in Freys Regiment doch die Devise: «Die Gewehre gehen in jedem Fall los.»

Abb. 2:  Handschlag zwischen General Guisan und Oberst Oscar Frey.

Welche Beachtung Frey in der Öffentlichkeit hatte, welches Vorbild er den einen und wie unbequem er den anderen war, zeigt eine Episode vom Frühsommer 1941. General Guisan, der grosse Stücke auf den Obersten hielt, setzte dessen Amtsantritt an der Spitze von Heer & Haus auf den 5. Mai fest. Just am gleichen Tag erreichte den Obersten das Verbot des Bundesrats, in der Öffentlichkeit zu reden. Frey hatte für den 7. Mai einen Vortrag in den Hallen der Basler Mustermesse angekündigt. Dagegen protestierte der deutsche Gesandte in Bern, Otto C. Köcher, dem Frey schon lange ein Dorn im Auge war. Frey und seine Gesinnungsfreunde funktionierten den öffentlichen Anlass in einen geschlossenen um – mit dem Resultat, dass die Veranstaltung, über welche die Presse zwar nicht berichten durfte, noch grösseres Aufsehen erregte. Um der Öffentlichkeit zu zeigen, dass man nicht gewillt war, sich unterkriegen zu lassen, liess der Oberst sein Regiment mit wehenden Fahnen am deutschen Konsulat vorbeimarschieren.

Wenig später folgte der Disput mit Oberst Gustav Däniker,9 einem Bewunderer der deutschen Wehrmacht, der in seiner berühmt gewordenen Denkschrift vom 15. Mai 1941 eine freiwillige Eingliederung der Schweiz in das «Neue Europa» forderte und den Trägern des Widerstands eine «wirklichkeitsfremde Einstellung» vorwarf, weil sie sich einbildeten, «fernerhin als ‹Querschläger› durch ein neues Europa zu fliegen». In jener Denkschrift ritt Däniker heftige Attacken gegen den Theologen Karl Barth und Oscar Frey. Letzterer blieb ihm in seiner Replik nichts schuldig.

Soweit ein paar Bemerkungen zu dem Mann, der im Frühsommer 1941 die Fäden der geistigen Landesverteidigung in die Hand nahm: Auf der einen Seite stark beargwöhnt von Aussenminister Pilet-Golaz, auch vom katholisch-konservativen Innenminister Philipp Etter, von Däniker und dessen einflussreichen Gesinnungsgenossen Eugen Bircher10 (Divisionär) und Ulrich Wille11 (Korpskommandant); auf der anderen Seite gefördert und gedeckt vom Oberbefehlshaber der Armee.

Abb. 3:  August R. Lindt 1960 vor einem Ballonflug und seinem Antritt als Botschafter in Washington.

Aufklärung, Propaganda, vaterländische Exerzitien

In seiner zupackenden Art machte sich Frey umgehend an die neue Aufgabe. Für ihn und seine Vertrauten stand fest, dass nicht nur die Moral der Truppen, sondern auch jene der Zivilbevölkerung zu heben und zu stützen war. Zu diesem Zweck organisierten sie einen Aufklärungsdienst. Zum Leiter dieses Dienstes wurde der bereits erwähnte Korporal August R. Lindt berufen. Der Sohn eines aus der «Schokolade-Dynastie» stammenden Apothekers hatte in Genf und Bern die Rechte studiert und war danach als Reporter in der halben Welt herumgereist. Ausser einem weiten Horizont verfügte Lindt über Zivilcourage und ein ausgeprägtes Organisationstalent. Zeitzeugen schildern Korporal Lindt als die ideale Ergänzung zum robusten Obersten Frey, dem jeder Bürokram zuwider war.

Im Sinn des schweizerischen Milizgedankens schickte sich nun Lindt an, im ganzen Land Vertrauensleute zu rekrutieren: Männer und Frauen, die gewillt waren, vorbehaltlos für die Schweiz einzustehen. «Unser Ziel ist», schrieb er 1942 einem Mitarbeiter, «auch in der kleinsten Gemeinde wenigstens einen Vertrauensmann zu besitzen, der von uns informiert wird und uns über die Entwicklung der Stimmung auf dem Laufenden hält.» Nachdem ein Grundstock solcher Vertrauensleute geschaffen war, rekrutierten diese selber in ihren Kreisen. So beispielsweise ein Altdorfer, der Heer & Haus seinen Freund Julius, den Wirt auf der Göscheneralp, warm ans Herz legte, weil dieser senkrechte Mann «der Mittelpunkt aller Göschenerälpler» sei.

August R. Lindt

August Rudolf Lindt (1905–2000) promovierte 1929 zum Dr. iur. mit einer Arbeit über das sowjetische Aktienrecht. Im Gegensatz zu den meisten seiner Kommilitonen strebte er keine militärische Karriere an (er blieb Korporal). Nach dem Studium zog es ihn in die weite Welt hinaus. Als Korrespondent für schweizerische, deutsche und englische Blätter bereiste er die Mandschurei, Irland, Liberia, Palästina, Jordanien und machte sich, als Reittier ein Kamel benützend, am Persischen Golf kundig. 1939/40 akkreditierte er sich als Korrespondent für die NZZ bei den finnischen Truppen, die im Abwehrkampf gegen die Sowjetunion standen. Nach dem Krieg ging er als IKRK-Delegierter nach Berlin, 1946 begann seine steile Karriere als Diplomat. Lindt war Botschafter in Washington, Moskau, Delhi, dazwischen Delegierter für technische Zusammenarbeit und in verschiedenen internationalen Organisationen tätig (u. a. UNO, Unicef, von 1956 bis 1960 Hochkommissar für Flüchtlinge). In diesen Funktionen spielte er auch eine aktive Rolle während der Kuba-Krise (1962) und des Biafra-Kriegs (1967–1970). Seine Weggefährten schildern ihn als engagierte und eigenwillige Persönlichkeit. (Quellen: HLS/Wilhelm u. a.)

Per Marschbefehl bot Heer & Haus die Vertrauensleute periodisch zu Aufklärungskursen auf, die ein bis zwei Tage dauerten (und den Männern und den Frauen des FHD als Diensttage angerechnet wurden). Referenten12 hielten Vorträge über die militärische Lage, die Versorgung, die Anbauschlacht, das Reduit, die Neutralität und «darüber, was wir zu verteidigen haben». Präsentationen des Armeefilmdienstes und Diskussionen lockerten den Referentenmarathon auf. Unter den über hunderttausend Kursteilnehmenden waren: Bauern und Bäuerinnen, Magaziner, Laden- und Haustöchter, Rechtsanwälte, Lehrer und Lehrerinnen, Metzger und Wirtsleute, Ehrwürdige Schwestern, Gleisarbeiter, Näherinnen, Gewerkschafter, Ärztinnen. Oft drängten die Teilnehmer die H&H-Verantwortlichen, noch viel aktiver zu werden. Die Sektion möge das Kursangebot steigern, sie solle Gastwirte, Coiffeure, Milchmänner und andere Personen mit häufigem Publikumskontakt ganz speziell schulen und ihre Vorträge über das Radio verbreiten. Ein Vertrauensmann regte gar an, es sei zu prüfen, ob nicht «Stosstrupps» in der Art «politischer Kommissare» gebildet werden könnten.

Es gab aber auch jene, denen das vaterländische Aufgebot nicht ganz geheuer schien. Sie argwöhnten, die «Herren aus Bern» würden ihnen einzutrichtern versuchen, was man zu denken habe, würden Propaganda und Indoktrination betreiben. Diese Gefahr bestand in der Tat, und sie war dem Sektionschef auch bewusst. Einem Verleger in Romanshorn schrieb Frey zu Beginn seiner Tätigkeit, die Zivilbevölkerung zu erreichen sei schwierig, «einmal deshalb, weil die Armee sich davor hüten muss, den Anschein zu erwecken, sie wolle in das politische Denken des Volkes sich einmischen». Daher galt für die Referenten die Devise: sachliche, nüchterne Aufklärung – keine politische, schon gar keine parteipolitische oder konfessionelle Propaganda. Propagiert sollte, kurz gesagt, nur eines werden: die Liebe zum Vaterland.

Insgesamt nahm die Kritik an den Kursen, gemessen an der Kritiklust des Schweizers, verhältnismässig wenig Raum ein; und wenn Kritik geäussert wurde, betraf sie fast mehr Beiläufiges als Inhaltliches: dass vor dem Versammlungslokal die Türkontrolle oberflächlich gehandhabt, während der Kurse ständig geraucht, zum Mittagessen eine Wurst kredenzt wurde, wo für die Bevölkerung doch gerade ein fleischloser Tag galt, dass zu viele «Frauen in Pelzmänteln» oder zu junge, zu abgehobene, vom «Leben nicht geschüttelte Herren» als Referenten aufgeboten worden seien. Kritik wurde auch laut, wenn die Referenten nicht in Uniform referierten, weil vielen Teilnehmern und insbesondere Teilnehmerinnen allein der Anblick einer Offiziersuniform Vertrauen einflösste. Allerdings gab es auch Themen, bei denen die Kursteilnehmer mehr Tiefgang gewünscht hätten, beispielsweise in religiösen oder geistigen Fragen.

Die grosse Mehrheit empfand die Kurse aber als hochwillkommenes Erbauungs- und Erweckungserlebnis oder, so das Echo aus der Innerschweiz, als «vaterländische Exerzitien».

Eine Frau aus Altdorf:

Möge die Freude an der Heimat, der Mut zu jeder Zukunft und die Opferbereitschaft für ein Vaterland, das es verdient bis zum letzten verteidigt zu werden, jene «Frauen-Colonne» schmieden, die allein im Stande ist, die Rücken unserer Männer und Söhne hart und unbeugsam zu machen.

Ein Mann aus Heerbrugg:

Nach meiner Ansicht sind solche Aufklärungen soviel wert wie das beste u. modern ausgebaute Festungs-Werk.

Ein anderer aus Geroldswil:

Es war eine Wohltat, einmal nicht nur Aufschnitt serviert zu erhalten sondern nackte Wahrheiten.

Ein Spenglermeister aus Arth:

Ich werde es mir als eine grosse Ehre anrechnen, in der «sechsten Kolonne» mitarbeiten zu dürfen, um endlich all den Engerlingen, welche an unserer Volksgesundheit saugen und nagen, das Handwerk zu legen.

Eine Frau aus Emmenbrücke:

Ein Gesinnungskader soll geschaffen werden, das seine Vertreter an jedem Herd, in jedem Flickkränzchen hat. Eine Mauer der Gefestigten soll in unserem Lande erstehen, u. da tun wir Frauen mit, ohne Stimmrecht u. ohne Waffe, aber mit unserm Herzen u. unserm Einfluss auf Mann, Bruder, Sohn u. Tochter.

Ein junger Theologe aus Gossau ZH:

Ich persönlich war immer der Meinung: Wir dürfen keinen Deut nachgeben […] Manchmal kam man sich aber mit solcher Meinung ziemlich verlassen vor. Jetzt aber kann ich wieder freudig auf meinem Posten stehen, weil ich gesehen habe, dass es bei uns noch viel besser steht, als ich mir gedacht.

So überrascht kaum, dass am Schluss mancher Kurse die Anwesenden sich spontan erhoben und das Lied «O mein Heimatland» anstimmten (blieb das Lied aus, wurde gemurrt). Doch zuvor wurden sie in die Pflicht genommen. Ihre Aufgabe sei es nun, sprach ihnen der Kursleiter ins Gewissen, den Widerstandswillen in ihre Wirkungskreise hinauszutragen, sie sollten selber Vorträge halten, sollten in den Vereinen, in der Schule, im Pfarrkränzchen, am Laden- und Wirtstisch die Zweifelnden aufrichten, die Defätisten in den Senkel stellen, den Schwätzern und Gerüchteverbreitern ins Wort fallen. Zudem wurden sie aufgefordert, einen Rapport über den Kurs zu verfassen: keine Lobhudeleien sollten sie zu Papier bringen, sondern eine nüchterne und kritische Analyse des Gehörten.

Das Gesinnungskader

Während seines vierjährigen Wirkens (1941–1945) organisierte der Aufklärungsdienst schweizweit 638 Kurse, an denen 100 334 Männer und Frauen teilnahmen. In der Regel dauerten die Kurse zwei Tage (am Wochenende). Darüber hinaus vermittelte er 2523 Einzelvorträge, die 348 337 Personen besuchten. Männer und Frauen, die bereit waren, regelmässig Berichte über die Stimmung im Land anzufertigen, nahm der Aufklärungsdienst als Vertrauensleute in das Gesinnungskader auf. Dieses zählte rund 7000 Personen. Schlüssige Statistiken über deren Berichterstattung liegen nicht vor. Aus den Akten geht aber hervor, dass im zweiten Halbjahr 1943 allein aus der Deutschschweiz über 12 000 Berichte eingingen, rund 80 Stück pro Tag. In aller Regel beantwortete der Aufklärungsdienst jeden Bericht teils kurz, teils mit ausführlichen Erläuterungen der aufgeworfenen Probleme. Hochgerechnet auf die ganze Dauer seiner Tätigkeit, hinterliess der Aufklärungsdienst eine Korrespondenz mit mehreren Zehntausend Dokumenten. (Quelle: Ziegler/Akten H&H)

Nicht alle griffen zur Feder. In der Romandie war der Rücklauf dürftig, in der Deutschschweiz, insbesondere in den Grenzregionen, dagegen gross. Jene Kursbesucher, die sich zu einer regelmässigen Mitarbeit bereit erklärten und deren Rapporte Substanz hatten, nahm Heer & Haus in eine Kartei auf – und damit ins Gesinnungskader. Zuweilen nannte sich dieses Kader auch sechste Kolonne – als Gegensatz zur landesverräterischen fünften Kolonne.

Die allermeisten Vertrauensleute waren stolz auf ihre Zugehörigkeit, wobei aber auffällt, dass der Begriff Gesinnungskader eher zurückhaltend verwendet wurde. Vermutlich deshalb, weil ihm ein gewisser Beigeschmack anhaftete, klang die Wortschöpfung in den Ohren mancher Mitarbeiter doch an Ausdrücke an, welche die NSDAP gebrauchte. Die Eigentümlichkeit des neu aufgezogenen Apparats scheint auch in der Beschreibung durch den nachmaligen Chef von Heer & Haus, Major Ziegler, auf:13

Es musste sich also darum handeln, der Zivilbevölkerung Kenntnis von der wahren Lage unseres Landes zu geben. Diese zusätzliche Information, die die Presse nicht geben konnte, war durch einen neu zu schaffenden Aufklärungsdienst – in diesem Sinne das illegale Kind der Zensur14 – zu erteilen. Dabei war zu berücksichtigen, dass das Schweizervolk offiziellen Meinungsbildungen gegenüber misstrauisch ist und eine schweizerische Propaganda noch stärker ablehnen würde als die ausländische.

Geheim war das Gesinnungskader nicht. Aber auch nicht öffentlich. Obwohl Tausende an den Kursen teilnahmen, berichteten weder Presse noch Radio während all der Jahre über die Aktivitäten, die nicht gering waren.

Abb. 4:  Der «virulente Wille» einer Sozialistin: Für Heer & Haus war zentral, dass auch die Linke die geistige Landesverteidigung aktiv mittrug.

Heer & Haus versorgte die Vertrauensleute regelmässig nicht nur mit Materialien,15 sondern auch mit einem Fragebogen. Der sah so aus:

1. Haben Sie schon Vorträge gehalten (Datum, Ort, Verein, Teilnehmerzahl und Thema)16

2. Welche Probleme auf militärischem, wirtschaftlichem oder politischem Gebiet beschäftigen die Leute am meisten, mit denen Sie, als Mitglied des Gesinnungskaders, verkehren?

3. Konnten Sie in letzter Zeit Ereignisse feststellen, welche die Stimmung im Volk positiv beeinflussten und Optimismus förderten?

4. Konnten Sie in letzter Zeit Ereignisse feststellen, welche die Stimmung im Volk negativ beeinflussten, Missstimmung verursachten und das Vertrauen untergruben?

5. Sind Ihnen neue Gerüchte zu Ohren gekommen?

Dieser Aufforderung aus Bern folgend, verfassten die Vertrauensleute, die einen fleissig, die anderen in grösseren Abständen,17 ihre Tätigkeitsberichte (TB). Darin manifestierten sich alle Sorgen und Nöte, die das Schweizervolk umtrieben – die fünfte Kolonne, die Altstoffsammlung, die Verdunkelung, das Reduit, das «Nazi-Nest» Davos, die Verjudung, die gärlose Obstverwertung, der Schwarzhandel, der Sexualtrieb polnischer Internierter, das Einknicken der Behörden und tausend weitere kleine und grosse Probleme.

Auf diesem Weg kam viel Wissen über die herrschenden Meinungen und deren Schwankungen zusammen. Ausserdem verfügte der Aufklärungsdienst mit seinen Kursen über ein Instrument, die Meinungsströme aktiv zu beeinflussen. Das gefiel lange nicht allen. Heer & Haus unterstand dem General; es war bekannt, dass in den Büros der geistigen Landesverteidigung Leute seines Vertrauens wirkten. Oberst Frey, Korporal Lindt und ihre Mitarbeiter standen weltanschaulich an einem anderen Ort als die relativ vielen deutschfreundlichen Offiziere, allen voran die erwähnten Herren Däniker, Bircher und Wille.

Argwohn zeigte sich auch in den politischen Reihen. Aussenminister Pilet-Golaz liess es sich nicht nehmen, die Listen mit den Referenten zu prüfen, die in den Aufklärungskursen auftraten. Er hatte auch seine Zuträger, die ihm meldeten, wenn einer dieser Referenten an seiner Aussenpolitik Kritik übte. Wiederholt unterbreitete er seine Vorbehalte dem Innenminister, Kollege Etter. Dem schrieb er am 12. Dezember 1941, es sei nun an der Zeit, «die Frage der Abteilung Heer und Haus ohne Verzug zu regeln»,18 womit der Aussenminister unmissverständlich kundtat, dass ihm diese Abteilung nicht regelkonform schien. Ins gleiche Horn stiess zur gleichen Zeit EMD-Chef Karl Kobelt, seit knapp einem Jahr im Amt.19 Er, der mit dem General nicht jenes gute Einvernehmen pflegte wie sein Vorgänger Minger, versuchte, die als Konkurrenz empfundene Sektion über das Budget in die Schranken zu weisen.20 Oberst Frey entwarf für den General eine Antwort, die sämtliche Einwände des EMD-Chefs gründlich zerpflückte. Die Armee sei es, in die der Bürger Vertrauen habe, wogegen derselbe Bürger dazu neige, «gegenüber einem Mitglied einer politischen Behörde bewusst oder unbewusst den Verdacht zu hegen, dass es sich bei ihm nie um die Sache allein handle», sondern parteipolitische Zwecke verfolgt würden. Vor allem aber ging es Frey darum, die Arbeiterkreise bei der Stange zu halten:

Die sozialdemokratische Partei, d. h. also die Arbeiterpartei, steht in Opposition zum Bundesrat, an dem sie nicht beteiligt ist. Sie würde bei ziviler Durchführung der Kurse die in denselben gehaltenen Vorträge sofort als Regierungspropaganda betrachten und sich für diese nicht hergeben. Da bei den zunehmenden Schwierigkeiten unserer Versorgungslage gerade die Arbeiterkreise es sein werden, welche die grössten Opfer zu tragen haben, ist es besonders wichtig, dass diese über unsere Landesverteidigung auf allen Gebieten aufgeklärt werden.

Frei von Argwohn war auch Innenminister Etter nicht. Bei ihm musste Heer & Haus ebenfalls das Plazet für die Referenten einholen. Die regelmässigen Lageanalysen, die ihm Dr. Lindt mündlich und schriftlich vortrug, scheinen sein Misstrauen allmählich besänftigt zu haben. Denn er erkannte, dass dieser Dienstzweig sich auch als geistige Interventionstruppe rasch mobilisieren und gezielt einsetzen liess, beispielsweise als 1942 die nazistische Gruppierung «Jung-Rhein» die Rheintaler Bevölkerung verunsicherte oder in Steinen SZ die Bauern revoltierten. In den späteren Kriegsjahren, als die sozialen Spannungen stiegen, organisierte Lindt häufig Kurse für Gewerkschaftsfunktionäre, Textilarbeiter in der Ostschweiz, Metallarbeiter in der Westschweiz oder für Belegschaften ganzer Betriebe (zum Beispiel Escher-Wyss). Diese Bemühungen entlockten dem skeptischen Innenminister, den die teils heftigen Wortmeldungen aus dem Volk verdrossen, mitunter auch ein lobendes Wort für die Arbeit der Aufklärer.

Kapitel 1

Gummirücken statt Stauffachergeist

Der Schwächeanfall im Frühsommer 1940 und seine Wirkungen

Das Misstrauen war einfach nicht aus der Welt zu schaffen. Wohl zog es sich manchmal zurück, schwoll aber selbst bei geringfügigem Anlass gleich wieder an. Der Grundstock dieses Misstrauens wurde im Frühjahr 1940 gelegt. Es machte sich an zwei Ereignissen fest. Das eine hatte seine Ursache im Verhalten gewisser Volkskreise, das andere im Verhalten der Regierung. Das eine betraf die Panik, die – namentlich in Basel, Schaffhausen, der Nordostschweiz – viele Zivilisten und auch Militärs ergriff, das andere die Rede, die der Bundespräsident und Aussenminister, Marcel Pilet-Golaz, kurz nach der Panikattacke hielt.

Wohl folgten im Lauf der Kriegsjahre zahlreiche Ereignisse oder auch nur Gerüchte über angebliche Ereignisse, die Misstrauen anfachten. Doch die beiden Vorfälle des Frühjahrs 1940, und von diesen insbesondere Pilet-Golaz’ Rede, erwiesen sich als Hypothek, die nicht zu amortisieren war.

Am 14. Mai jenes Jahres notierte ein Schaffhauser Hauptmann im Kompanietagebuch:21

Nachmittags Rgt. Rapport in Diessenhofen. Der Herr Rgt. Kdt. ermahnt alle, ruhig zu bleiben, auch wenn z. Zt viele Leute furchtbar aufgeregt seien und viele Gerüchte herumschwirrten, die Unruhe schaffen. Er sagt u. a.: «Wenn Schaffh. Generalstabsoffiziere ihre Frauen dislozieren, so darf das für uns noch kein Grund sein, nervös zu werden.»

Anschliessend Bat. Rapport in Truttikon; obwohl auch hier Ruhe herrscht, liegt in allem eine verhaltene Spannung darüber, was die nächsten Tage bringen werden. Abends werden wir noch einmal zum Bat. befohlen. […] Im Moment, da Rapport fertig, stürmt eine Ordonnanz ins Büro und ruft: «Alarm!» wir springen in die Autos und sausen zu den Kp., die bereits telef. avisiert wurden.

Nähere Nachrichten weiss von uns niemand – doch Ernst der Lage wird vom hintersten Mann erfasst. Ohne Hast macht sich die Kp. marschbereit; Material wird auf requ. Wagen verladen; um 23.15 marschiert die Kp. ab in ihren Abschnitt. Schöne, mondhelle Nacht. Alle sind still; jeder hat für sich selber zu denken. Wir sind innerlich darauf eingestellt, dass das Unheil des Krieges immer mehr auch über uns hereinzubrechen droht.

Das waren jene Tage, in denen für die Soldaten wie für die Zivilbevölkerung feststand: Jetzt wird es «losgehen». Jedermann rechnete damit, die Wehrmacht erzwinge auf ihrem Westfeldzug gegen Frankreich den Durchmarsch durch die Schweiz. Während der Grenzschutz in seinen Abschnitten Stellung bezog, herrschte im «Hinterland» enorme Aufregung, die sich zu panikartigen Fluchtbewegungen steigerte. Es waren vorwiegend Familien aus besseren Kreisen, die das Nötigste zusammenrafften und sich auf den Weg in Landesgegenden machten, die ihnen sicherer schienen. Auch wenn sich die Alarmstimmung nach einigen Tagen wieder legte, so prägten sich die Geschehnisse jenes «Frühjahralarms» zahlreichen Zeitgenossen tief ein. Denn mit einem Schlag war sichtbar geworden, dass die Abwehrhaltung des Volks vielleicht doch nicht so entschieden und kompromisslos und mannhaft war, wie sie nach offizieller Doktrin dargestellt wurde. Wie nachhaltig jenes Erlebnis war, manifestierte sich darin, dass zahlreiche Vertrauensleute des Aufklärungsdienstes in ihren Rapporten auch Jahre später, ja bis gegen Kriegsende, immer wieder darauf zurückkamen. So etwa Hans Seifert aus Zürich-Wollishofen, der während der Tage, die der Volksmund als «brenzlig» bezeichnete, in einem Bahnhof seine Beobachtungen machte (Rapport von Ende Oktober 1942):22

Ich habe bei der zweiten Mobilmachung als H. D. Motf. Dienst gemacht und bin eine ganze Nacht beim Auslad einer Berner Ter. Tor. Batt. gefahren. Hier Truppenauslad, auf der anderen Seite des Bahnhofes Einladen von Gepäck und Möbelstücken durch Zivilisten, die evakuieren. Hier hat sich mancher Soldat seine Gedanken gemacht. Zum Glück ist dies vorüber.

In den Köpfen war es nicht vorbei. Student Zweifel aus Basel schrieb nach dem Besuch eines Aufklärungskurses für Basler Hochschüler (5.7.1942):23

Ich möchte noch kurz auf eine rein praktische Detailfrage zu sprechen kommen, die sich nach dem Mai 40 ergeben hat. Bekanntlich gingen damals Gerüchte um über das Versagen von einzelnen Kdten., die den Posten verlassen hätten. In Widerstandsdiskussionen bei der Truppe gelang es mir meist, den Defaitismus bis zu dem Punkt wirksam zu bekämpfen. Dann kam aber der stereotype Einwand: Wenn ich meine Soldatenpflicht nicht erfülle, werde ich bestraft. Wenn aber der und jener Kdt. seiner Pflicht nicht genügt, kehrt er nachher unbehelligt auf seinen Posten zurück. Auf diesen Einwand konnte ich nicht viel mehr sagen, als dass ein wirklicher Soldat seine Pflicht eben auch dann tut, wenn es andere nicht tun. Es ist leicht einzusehen, dass dieses Argument wenig stichhaltig ist.

Mary Eugster, Frau eines Pfarrers im Ausserrhodischen, meldete nach Bern (14.2.1942):24

Vor gut 1 ½ Jahren hat mir auf der Hundwilerhöhe ein Inner Rhoder Offizier erklärt, ich wäre eine schlechte Stauffacherin. Er gab seiner grossen Anerkennung über Deutschlands Siege Ausdruck und überschüttete Frankreich mit Spott und Hohn. Ich entgegnete ihm, ob wir denn wirklich soweit seien, dass wir die Grösse und den Wert eines Volkes in seiner militärischen Macht sehen, zudem wüssten wir auch nicht, wie unsere Schweizersoldaten sich verhalten würden; die letzten Tatsachen an der Grenze seien nicht ermutigend. Ich stützte mich nicht auf Gerüchte, sondern auf Angaben eines Soldaten der selbst an der Grenze gewesen. Das war Anfangs Sommer 1940. Ein Hagel von Schmähworten fiel auf mich nieder, was mich stille und nachdenkend stimmte. Bin ich wirklich eine schlechte Stauffacherin?

A. Lautenschlager, Juniorpartner eines St. Galler Fotogeschäfts, hielt zum Punkt «negative Erscheinungen» fest (17.5.1943):25

An dieser Stelle möchte ich ein Beispiel anfügen, welches sich im Frühjahr 1940 zugetragen hat. Im Unterrheintal ging das Gerücht um, Deutsche Truppen sind im Anmarsch gegen die Schweizergrenze. Offiziere ungefähr zwölf zogen sich von Staad [bei Altenrhein] zurück gegen Walzenhausen. Die Mannschaft blieb zurück. Abends, während die Soldaten Wache hielten, festeten die Herren Offiziere aufs Beste in einem Hotel. So was lässt einem das Vertrauen auf die Führung der einzelnen Teile der Schweizerarmee fallen. Das fördert den Optimismus des Schweizervolkes nicht. (Begebenheit wurde von einem Soldat und einer Serviertochter selben Hotels erzählt.)

Die Schaffhauserin H. Neidhart-Ehinger, in deren Gegend der Exodus viel zu reden gab, vermerkte (31.1.1942):26

Ich frage mich, wie würden wir die Feuerprobe wohl bestehen? Wie steht es um die innere Bereitschaft? Ich möchte die Anregung machen, als Thema für einen nächsten Kurs: «Wie können wir uns für die innere Bereitschaft erziehen.»

Diese innere Bereitschaft hat in den kritischen Mai-Tagen des Jahres 1940 nach meiner Ansicht völlig versagt, als gerade Frauen höherer Offiziere ihre Haut in Sicherheit brachten.27

Bei Frau Zuberbühler, einer Kreuzlinger Geschäftsfrau, die mit ihrem Mann die Bezirksagentur einer grossen Versicherung führte, hatte sich fast drei Jahre später die Empörung über die Erlebnisse jener Tage noch nicht gelegt (20.1.1943):28

Ich habe jenen kritischen 17. Mai 1940 «in allen Formen» erlebt, wo diese Helden des Alltags sonst so hocherhaben von ihrem Selbstbewusstsein erfüllt, so schmählich den «Finkenstrich» nahmen, wo mein Dienstmädchen das Haus verliess, eine Büroangestellte ohne ein Wort der Entschuldigung binnen einer Stunde ihren Platz räumte, obwohl diese als Habe nur ihr Handtäschchen riskiert hätte. Mein Mann, unser übriges Büropersonal im Militärdienst – versuchten unser damals 10 jähr. Bub, unser Lehrbub u. ich, Haus u. Geschäft allein zu betreuen u. der uns über den Kopf wachsenden Arbeit Herr zu werden, denn jeder, der Reissaus nahm, wollte seine Fahrhabe auch noch versichert haben. Ich habe mich geschämt vor den Ausländern, die an unserem Haus vorbei den Weg zur Fabrik nahmen, dass nur soviel Stauffachergeist vorhanden war. Am meisten aber ärgerte ich mich über unsern Gemeindekassier, der als einer der Ersten seine Frau, eine Deutsche u. Anhängerin des ausl. Systems, dessen noch nicht 18 jähr. Tochter verlobt mit einem deutschen Gestapo (eine Zweite hatte sich grad knapp vorher mit einem deutschen S. A. Mann verheiratet) mit einem Taxi nach der Innerschweiz in Sicherheit bringen liess. Dann wird noch behauptet, dass solche 100 % Schweizer seien!

Noch als der Zusammenbruch des Hitler-Reichs offenkundig war und die Aussicht auf ein baldiges Kriegsende verlässlich, war der Mai 1940 nicht vergessen. Er tauchte immer wieder in den Tätigkeitsberichten auf, beispielsweise in jenem des Dr. J. Looser von Altstätten SG (20.1.1945):29

An Gerüchten habe ich, trotzdem ich alle Tage von Altstätten nach St. Gallen fahre, nicht viel gehört. Nur hie und da hörte ich Klagen, dass gewisse Offiziere, die im Mai 1940 ihre Familien fortgebracht hätten und den «Schlotter» bekommen hätten, heute noch ein Kdo. im Grenzschutz des Rheintals hätten.

Das Personal des Aufklärungsdienstes brachte solch hartnäckiges Erinnerungsritual seiner Korrespondenten in Verlegenheit: stets diese Hinweise auf die Absetzbewegung, die genommenen «Finkenstriche», die Schwächeanfälle. Seine Aufgabe bestand gerade darin, Vertrauen und Zuversicht zu verbreiten. Wie sollte er mit einem Ereignis umgehen, das völlig quer zur Ideallinie lag und dessen unerwünschte Wirkung über all die Jahre andauerte? Die geistigen Landesverteidiger, eigentlich der Faktentreue verpflichtet, handelten in diesem Fall nach der Methode: «Es kann nicht sein, was nicht sein darf.» So ist wohl zu erklären, dass sie in den Antworten an ihre unbequemen Informanten die Absetzbewegung kleinredeten oder, wenn es irgend ging, ganz umschifften. Die Antwort an Dr. Looser etwa lautete (24.1.1945):30

Die Behauptung, Offiziere hätten im Mai 1940 ihre Familien in Sicherheit gebracht, ist eine starke Übertreibung. In Tat und Wahrheit handelte es sich um einen einzigen Fall; der betreffende Offizier wurde nachher vor Militärgericht gestellt und schwer bestraft und seines Kdo. enthoben.

Ungeschminkter lautete der Befund des Chefs des Nachrichtendienstes, Oberst Roger Masson, der die Angelegenheit sogleich untersuchen liess und schon am 17. Mai 1940 an den Unterstabschef Front schrieb:31

Im Zusammenhang mit der Generalmobilmachung und der erhöhten Bereitschaft bei der Truppe wurde eine neue Gerüchtewelle festgestellt, die zu panikartigen Verhältnissen führte, namentlich in gewissen Gebieten der Ostschweiz und insbesondere in Zürich und Basel. Die Folge dieses Zustandes war eine fluchtartige Abreise mit allen zur Verfügung stehenden Verkehrsmitteln, die unter anderem eine Verstopfung der Bahnhöfe und eine wesentliche Überlastung des Bahnverkehrs nach sich zogen. Das war in diesem kritischen Augenblick, in dem der Abtransport von Truppenkörpern von der Westgrenze an die Abwehrfront stündlich zu erwarten war, bedenklich. Nebstdem war eine gewaltige Überlastung der Tf.-Linien feststellbar, die es verunmöglichte, eine Verbindung vom Armeekommando innert nützlicher Frist herzustellen.

Zum grössten Teil, so Masson weiter, sei die Panik dadurch hervorgerufen worden, dass Hunderte von Truppenangehörigen, und zwar Offiziere, Unteroffiziere und Soldaten, ihren Angehörigen telefonisch Meldungen gemacht hätten, dass es «heute nacht los gehe» und sie sich sofort in Sicherheit bringen sollten. Das Ganze beweise einen gewissen Mangel an innerer Festigkeit.

Abb. 5:  Bundesräte auf Manöverbesuch: links Innenminister Etter, in der Mitte (mit Béret, Spazierstock und Knickerbockern) Aussenminister Pilet-Golaz.

Noch viel nachhaltiger aber waren die Erschütterungen, die Bundespräsident Pilet-Golaz’ Rede zur Folge hatte, mit der er sich am 25. Juni 1940 nach der Niederlage Frankreichs und der Umzingelung der Schweiz durch die Achsenmächte an das Volk wandte. Das Jahr zuvor noch hatten die Bürgerinnen und Bürger im Rahmen der «Landi» eine gewaltige Dosis an Patriotismus aufgenommen – bereitwillig, ja begierig. Was durchaus verständlich war, standen die Zeichen doch auf Krieg. 1941, als der 650. Geburtstag der Eidgenossenschaft gefeiert wurde, rollte abermals eine vaterländische Welle über das Land. Aber da traute man all dem rhetorischen Pathos nicht mehr. Die von Patriotismus triefenden Festreden seien direkt verhasst, meldete ein Vertrauensmann nach Bern und fügte bei, man werde von Beromünster hoffentlich nichts mehr über die 650-Jahr-Feier hören müssen.

Grund für den Überdruss an Verbal-Patriotismus war eindeutig die Pilet-Golaz-Rede. Sie wirkte auf das breite Volk wie der Sündenfall, wie die Entzauberung der Ideale, an welche die Bürgerinnen und Bürger geglaubt hatten, wie eine Botschaft aus einer anderen, fremden, komplett unvertrauten Welt. Allein ihre Schwülstigkeit war den Schweizerinnen und Schweizern unerträglich. Pilet-Golaz wörtlich:

Wie gross auch die Trauer sein mag, die jeder Christ angesichts der angehäuften Ruinen und Menschenopfer erfüllt, so bedeutet es doch für uns Schweizer eine grosse Erleichterung zu wissen, dass unsere drei grossen Nachbarn32 nun den Weg des Friedens beschritten haben; diese Nachbarn, mit denen wir so enge geistige und wirtschaftliche Beziehungen pflegen; diese Nachbarn, die sich im Geiste auf dem Gipfel unserer Berge in Himmelsnähe wieder finden und deren Zivilisationen uns jahrhundertelang bereichert haben, wie die vom Gotthard herabsteigenden Ströme ihre Ebenen befruchteten.

Noch unverständlicher, ja bedrohlicher aber war die in solch Wortgeklingel verpackte Botschaft, die der Bundespräsident und Aussenminister seinen Landsleuten vermittelte. Er forderte sie auf, die «ausgetretenen Pfade» zu verlassen, sich der «inneren Wiedergeburt» zu stellen («Jeder von uns muss den alten Menschen ablegen»), sich in eine nationale, an Arbeit und Ordnung orientierte Gemeinschaft einzufügen, dem Bundesrat wie «einem sicheren und ergebenen Führer» zu folgen. Und dann sagte er noch: «Der Bundesrat hat Euch die Wahrheit versprochen. Er wird sie Euch ungeschminkt und ohne zu zittern sagen.»

Nach den Umwälzungen auf den Kriegsschauplätzen hatte das verunsicherte Volk Worte erwartet, die Mut und Zuversicht vermittelten. Davon hörte es nichts, es hörte nur: Anpassung. In Frankreich hatte Marschall Pétain, Chef des Vichy-Regimes, seinen von den Deutschen unterworfenen Landsleuten die Losung «Arbeit, Familie, Vaterland» ausgegeben. Pilet-Golaz’ Appell hörte sich, was das Einschwenken auf den «Zeitgeist» betraf, fast noch eine Spur strammer an. Von Landigeist und den vertrauten eidgenössischen Werten war nicht mehr die Rede.

Aber lassen wir die Vertrauensleute sprechen. Hermann Kaufmann aus Zürich dankte in seinem Rapport für die «stärkenden Worte am Aufklärungskurs»; solche wären, fügte er bei, im Frühsommer 1940 unbedingt nötig gewesen. Was er damals erlebte, schildert er so (26.10.1942):33

Wir waren im Tessin im Dienst, die Stimmung miserabel, dazu die berühmte Rede von Herr Bundesrat Pilet-Golaz, die gab den Rest.

Mir wurde entgegen gehalten, siehst du nun, jetzt hat es der Bundesrat selber gesagt, anpassen, den Verhältnissen anpassen und noch einmal anpassen, was willst Du noch mit deinem unter diesen Verhältnissen wahnwitzigen Verteidigungswillen, jetzt wo wir auf uns allein angewiesen sind, kommt so etwas gar nicht mehr in Frage, und auf solche Weise ging es weiter.

Ich musste meinen Kameraden zugeben, dass nach dieser Rede die Lage tatsächlich anders aussehe. In der Diskussion, an der auch Unteroffiziere teilnahmen, stellte ich fest, was anpassen heisst, wie das Anpassen von diesem Bundesrat, nach seinen verschiedenen Entgleisungen verstanden werde. Anpassen hiess in jenem Moment und heute noch, sich selbst aufgeben. Trotzdem die Unteroffiziere in dieser Rede nichts Aussergewöhnliches sehen wollten, sagte ich meinen Kameraden, dass diese Rede, meiner Auffassung nach, ein glatter Rückenschuss auf unseren Verteidigungswillen sei. Wenn diese Anpassung Wirklichkeit wird und nach ihrer Meinung das beste sei, so mache ich jetzt schon den Vorschlag, unsere Karabiner auf dem Schulhausplatz zu verbrennen und nach Hause zu gehen.

Diese Argumentation löste nun aber zu meiner geheimen Freude bei einigen Kameraden noch etwelchen Widerstand aus.

Im weiteren stellte ich fest, dass diese Rede im jetzigen Moment Grund falsch sei und ein psychologischer Fehler ohnegleichen dazu, dessen Tragweite uns erst bei einem Angriff zum Bewusstsein kommen werde. Statt dem ganzen Volk und im Besondern der Armee den Rücken zu stärken, wolle man uns Gummirücken einsetzen.

Einige Kameraden sagten dann, sie sähen gar nicht ein, wofür sie jetzt noch zu kämpfen hätten, wenn es doch so aussichtslos sei, es werde uns bestimmt besser gehen wenn wir uns der neuen Richtung anpassen würden, im übrigen ständen sie mit dieser Ansicht nicht allein, was Herr Bundesrat Pilet-Golaz bewiesen habe, im weiteren könnten sie es nur begrüssen, dass man nicht bereit sei, dass sich ein Volk in aussichtsloser Lage verblute und zugrunde richte […]

Diesen Kameraden machte ich dann zum Vorwurf, dass sie als junge Schweizer nicht bereit seien für eine Idee Ihr Leben einzusetzen, was sie jetzt zu tun im Begriffe seien, das stemple sie zu Konjunktur-Schweizern.

Das Thema trieb häufig auch die Geistlichen um, so etwa den protestantischen Pfarrer Oettli von Matzingen TG (22.6.1942):34

Unbestreitbar ist es nötig, dass das Vertrauen des Volkes in die Arbeit, in die Vorsorge und gerechte Fürsorge der Behörden gestärkt werde; in dieser Hinsicht hat der Kurs Grosses bewirkt. Aber ebenso nötig, wenn nicht noch nötiger, ist es, dass wir den vielen konjunkturmässig bloss materialistisch orientierten Schweizern beibringen, dass ihnen etwas Unverlierbares und Unausrottbares zum Hüten anvertraut ist. In diesen Zusammenhang gehört das grosse – durch seinen Missbrauch vor zwei Jahren gräulich entstellte – Wort vom Anziehen des neuen Menschen. Man könnte sagen, die Weckung und Stärkung des Rechtsbewusstseins und des Wahrheitswillens sei die fundamentale Aufgabe des Pfarrers in dieser Zeit, nicht die Aufgabe einer Kursleitung für Fragen der Wehrwirtschaft und der Landesverteidigung. Aber die Pfarrer bedürfen, wenn sie die hohe Aufgabe recht erfüllen sollen, immer wieder der Stärkung; sie möchten dessen gewiss sein, dass man auch an anderen Stellen um den tiefsten Untergrund unseres Volks und seiner Existenz weiss, dass sie nicht allein stehen mit ihrem Anruf an die Mitbürger: «Ihr habt nicht nur Haus und Herd zu verteidigen, sondern ihr habt von Gott einen Auftrag, ihr sollt ewige Werte verfechten, und dazu müsst ihr euch abkehren vom kleinlich-individualistischen Denken, müsst ihr des Opfergedankens fähig werden, damit nicht der vom Teufel usurpierte Opfergedanke zugunsten der materiellen Macht vom Ausland her auch euch überflute.»

Das war offensichtlich eine Anspielung auf Aussenminister Pilet-Golaz, dessen Rede um das Bild vom «alten Menschen» kreiste, der abzulegen sei. Und was der Lenzburger Pfarrer Hermann Basler nach Bern schrieb (1.5.1942),35 war unzweifelhaft eine Anspielung auf die dem Hitler-Regime geneigte Aussenpolitik, wie sie der Aussenminister betrieb. Der protestantische Seelsorger zeigte sich besorgt,

[…] dass ein nicht unerheblicher Teil unseres Volkes von der massenpsychologisch raffiniert aufgezogenen Propaganda des Nationalsozialismus beeindruckt wurde und viele nicht mehr imstande waren, die Geister zu unterscheiden. Dazu kam, dass das moderne Götzentum der staunenden Verehrung des Erfolges und der Machtentfaltung auch bei uns Eingang fand. Nicht minder bedenklich erschien mir, dass unsere Behörden nicht von Anfang an eine würdige und feste Haltung gegenüber dem Dritten Reich einnahmen – bei aller Wahrung der diplomatischen Höflichkeit –, sondern mit der opportunistischen Nachgiebigkeit kleiner Zugeständnisse offenbar das Wohlwollen der Mächtigen zu gewinnen hofften. Ja, es gab Tage, da von höchster Stelle aus Dinge zu hören waren, die schweizerisches Empfinden tief betrüben und empören mussten.

In grossen Mengen schossen die Vertrauensleute grössere und kleinere Pfeile gegen Pilet-Golaz ab, wobei längst nicht alle Verlautbarungen so wohlformuliert und tiefgründig wie jene waren, die aus den pfarrherrlichen Federn flossen.

Lehrer Stucker meldete vom bernischen Dentenberg herunter (12.8.1943):36

Unser Aussenminister beschäftigt viele Leute, mit denen ich verkehre, immer noch und zwar seit 1940 […]. Man ist sich nicht klar über seine wirkliche Haltung, man traut ihm nicht recht.

Der Berner Hans Stettler (23.3.1943):37

Die eidgenössische Aussenpolitik ist zu undurchsichtig für das Volk. Ein gewisses Misstrauen will nicht verschwinden. Unser Volk verdient, dass man offener zu ihm spricht.

Arnold Lehner aus Dürrenast (16.3.1943):38

In diesem Zusammenhang taucht ein Ausspruch jener Rede von Pilez [sic!] wieder auf, dem jetzt ein Beigeschmack durch ein kleines Beiwort gegeben wird. «Arbeit um jeden Preis» – frag’ nur nicht wo. Das Vertrauen in diesen Mann will weder wiederkehren noch wachsen. Sein Verbleiben wird immer und immer wieder im Lichte einer gewissen politischen Ausschliesslichkeit gegen die Sozialdemokratie betrachtet – mit Vergnügen oder Bitternis, je nach der polit. Einstellung. Nicht wegen der Sessel, sondern weil weite und aktive Kreise von der Mitarbeit bei der Lösung der Nachkriegsprobleme ferngehalten werden (Verstopfung eines Ventils) ist es zu bedauern.

Fritz Thimm aus Zürich zur Routinefrage aus Bern, was die Stimmung negativ beeinflusse (23.1.1943):39

Das Gewährenlassen der Brutstätten der Landesverräter, «die nationale Sammlung, die Front, eidgenössische Sammlung»,40 und des Bundesrates Pilet, der dieses Gesindel in Audienz empfangen hat [und] noch nicht abgedankt hat, das alles wirkt sehr negativ und beeinflusst sehr stark das Vertrauen.

Der Aargauer Otto Wernli in Beantwortung derselben Frage (16.12.1943):41

Die Art und Weise, wie die Wahl von Herr Pilet gemanaged wurde. Das Volk hätte ihn sicher nicht gewählt. (Anmerkung: ich bin nicht Mitglied der sozialdemokratischen Partei)

Das Volk musste noch ein Jahr warten, bis Pilet-Golaz sich zurückzog. Das Problem des fragilen oder eher gänzlich fehlenden Vertrauens in den Magistraten akzentuierte sich 1943 noch, als mehrere Zeitungen über seine Rolle auf dem internationalen Parkett spekulierten und dabei Anspielungen auf Bundesrat Arthur Hoffmann machten, der im Ersten Weltkrieg zwischen den Krieg Führenden zu vermitteln versucht hatte, was völlig misslang und zu dessen Rücktritt führte. Erfolglos blieben auch Pilet-Golaz’ Annäherungsversuche an die Sowjetunion, mit der seit der Revolution keine diplomatischen Beziehungen mehr bestanden. 1944 war jedermann klar, dass die UdSSR zu den Siegermächten zählen würde und dass sich im Hinblick auf die Nachkriegszeit für den Kleinstaat «geordnete» Beziehungen zu der neu entstehenden Grossmacht aufdrängten. Doch Moskau reagierte auf Pilet-Golaz’ Annäherungsversuche mit einer schroffen Absage.42 Diese Rückweisung machte deutlich, wie isoliert der Schweizer Aussenminister war. In der Bundesversammlung setzte sich die Überzeugung durch, dass ein Mann wie Pilet-Golaz völlig ungeeignet war, bei der Lösung der sich abzeichnenden Nachkriegsprobleme eine Rolle zu spielen43.

Doch kehren wir zurück in die Welt der Vertrauensleute. Sie, die sich so zahlreich und ungehalten über den Aussenminister beklagten, erhielten aus Bern meist zurückhaltende Antworten. Die Leute des Aufklärungsdienstes dankten für die «wertvollen Hinweise auf die momentane Stimmung», sie verwiesen auf das verbreitete Vertrauen in den General oder die «Garantieerklärung» vom 18. April 1940, laut welcher alle Nachrichten, die den Widerstandswillen des Bundesrats und der Armeeleitung anzweifelten, «als Erfindung der feindlichen Propaganda zu betrachten» seien.

Im Innern des Dienstes aber tönte es anders. Sein Leiter, August R. Lindt, machte keinen Hehl aus seiner Abneigung gegen Pilet-Golaz’ Politik. Einigermassen verhalten formulierte er diese, wenn er sich beim Innenminister, Philipp Etter, zur Berichterstattung über die Stimmung im Land einfand. In einer Aktennotiz über seinen Vortrag vom 2. September 1943 notierte Lindt:44

Fall Sonderegger.45 Auch hier ging die Zeitungsdiskussion tief, wendete sich sehr bald aber vom Einzelfall Sonderegger ab und rollte das ganze Problem 1940 wieder auf. Zweifel in die Standhaftigkeit des Aussenministers wurden von neuem geäussert […]

Herr Etter tritt nicht auf die Bemerkung über Herrn Bundesrat Pilet ein, trotzdem er sie notiert hatte.

Ungeschminkt äusserte Lindt sich wenige Tage nach Pilet-Golaz’ Rücktrittsankündigung gegenüber dem Chef des Sicherheitsdienstes der Armee, Oberst Trachsel (20.11.44):46

Herr Pilet hat durch die Art seines Rücktritts bewiesen, dass der Verdacht mangelnder Standhaftigkeit, der ihm gegenüber von Angehörigen verschiedenster Parteien geäussert wurde, berechtigt war. Sein Rücktritt bewies nichts anders, als dass in einer Demokratie auch der Aussenminister sich in kritischen Zeiten auf das Vertrauen des ganzen Volkes stützen können muss. Diese Demission hat nun aber innenpolitische Diskussionen aufleben lassen, die unterirdisch schon lange in unserm Volke gärten und die nun plötzlich ans Tageslicht treten […] Ich halte es für verfehlt, dass teilweise von bürgerlicher Seite aus der Notstand der Landesgefahr proklamiert wird, während dessen Dauer jede innenpolitische Diskussion geistiger Landesverrat bedeuten soll. Es scheint auch, dass die Lösungen von gewissen Problemen – Aufhebung des Kommunistenverbotes, Reorganisation des ganzen politischen Departements – auch dann diskutiert werden müssen, wenn diese Lösungen dem Ausland passen würden.

Lindt beschrieb das seit Frühjahr 1940 waltende Misstrauen als «Ölfleck», der sich über die ganzen Kriegsjahre ausgebreitet habe.47 An dieser Fleckenbildung hatte Pilet-Golaz’ Rede wesentlichen Anteil. Wenn jene Ansprache die Machthaber in Berlin und Rom möglicherweise günstig stimmte, so erreichte sie im eigenen Land das pure Gegenteil. Sie wirkte, könnte man (mit Schiller und etwas pathetisch) sagen, wie der Fluch der bösen Tat, der, fortzeugend, immer wieder Böses gebären musste: Verunsicherung und Misstrauen auf den verschiedensten Gebieten. Insofern war die Rede, jedenfalls mit Blick auf das eigene Volk, ein Meisterwerk magistraler Ungeschicklichkeit.

Kapitel 2

«Eine solche Entmannung macht unser Schweizervolk kraftlos»

Zensur und Kontrolle der Medien waren der Bevölkerung suspekt

«Die Pressefreiheit ist gewährleistet.» Dieser Satz stand, als Artikel 55, seit 1874 in der Bundesverfassung.48 Es ist ein knappes, klares Sätzchen, es suggeriert mit seiner Kürze und Schnörkellosigkeit absolute Geltung, es steht jedenfalls für ein freiheitliches, liberales Staatsverständnis. Doch absolut war (und ist) die Pressefreiheit selbstverständlich nie. Sie kennt ihre Eingrenzungen, und die werden in gefährlichen Zeiten in aller Regel enger gezogen.

Gleich bei Kriegsausbruch erteilte das Parlament dem Bundesrat ausserordentliche Vollmachten, die ihm erlaubten, augenblicklich, das heisst ohne Berücksichtigung der üblichen demokratischen Prozeduren, Beschlüsse zu fassen – nebensächliche, wichtige, tiefschürfende. Zur dritten Kategorie gehörte ohne Zweifel der «Beschluss betreffend den Schutz der Sicherheit des Landes im Gebiet des Nachrichtenwesens» vom 8. September 1939.49 Obwohl das Pressewesen an sich dem zivilen Sektor zuzuordnen ist, wurde dessen Überwachung den Militärs in die Hände gelegt. Der erwähnte Beschluss beauftragte das Armeekommando, «zur Wahrung der innern und äussern Sicherheit des Landes und zur Aufrechterhaltung der Neutralität die Veröffentlichung und Übermittlung von Nachrichten und Äusserungen, insbesondere durch Post, Telegraph, Telephon, Presse, Presse- und Nachrichtenagenturen, Radio, Film und Bild zu überwachen und die erforderlichen Massnahmen zu treffen.»50

Dieser Auftrag gebar einen umfangreichen Apparat, dessen Kürzel APF – Abteilung für Presse und Funkspruch – allgemein geläufig, aber kaum als Sympathieträger zu bezeichnen war. Eine Vorzensur übte die APF nicht aus, die Blätter und Radiosendungen unterlagen vielmehr der Nachzensur. Der Apparat umriss auch eine ganze Menge von Richtlinien, an die sich die Medienschaffenden zu halten hatten. Ihre Berichterstattung sollte möglichst vollständig sein und Einseitigkeit vermeiden. Ihre Meinungen und Urteile sollten sich auf zuverlässige Quellen stützen und frei von Beleidigungen sein. Kritik war erlaubt, soweit sachlich und massvoll geübt. In den Dienst ausländischer Propaganda durften sie sich nicht stellen, ebenso wenig war ihnen erlaubt, das Ausland zu schulmeistern. Zu unterbleiben hatte jede Diskussion über die Neutralität, die deren Aufrechterhaltung hätte gefährden können, wogegen innenpolitische Auseinandersetzungen nur insofern unerwünscht waren, als sie der militärischen Disziplin sowie dem Ansehen und der Schlagkraft der Armee schadeten.

Die APF, deren oberste Etage hauptsächlich mit bürgerlichen Obersten bestückt war und in deren einfacheren Büros die Lektoren, meist Presseleute, ihres Amtes walteten, verfügte auch über ein Arsenal von Sanktionen. Es reichte von leichten Massnahmen (Verwarnung) bis zu schweren, zu denen eine öffentliche Verwarnung, die Vorzensur oder ein Publikationsverbot zählten. Während der ganzen Kriegsdauer sprach die APF mehrere Tausend (leichte) Beanstandungen aus, wogegen sich die «schweren» Massnahmen in relativ engen Grenzen hielten.51 Die meisten Rügen hatte die Linkspresse einzustecken, da sie ihren Antifaschismus am schärfsten zu formulieren pflegte.

Solche Zensur, wenn auch (meist) in der vergleichsweise milden Variante der Nachzensur praktiziert, führte in manchen Redaktionsstuben zu einer gewissen Selbstzensur. Der Sinn obrigkeitlicher Lenkung bestand einesteils darin, innenpolitische Debatten möglichst flach zu halten. Vor allem aber wollte sie vermeiden, dass durch kritische, polemische oder unbotmässige Beiträge «das Ausland» gereizt wurde. Das Ausland war in diesem Fall Deutschland, dessen Regime und gleichgeschaltete Medien ausserordentlich scharf und drohend auf jede Kritik am Tausendjährigen Reich reagierten. Der unheilschwangere Begriff der Blutschuld tauchte in jenen Reaktionen immer wieder auf. Mit ihm hatten die Deutschen ihren Feinden bereits während des Ersten Weltkriegs gedroht. Jetzt richteten sie ihre Drohung gegen die Schweiz und ihre Presse. Blutschuld hiess: Reizt uns nicht, sonst müssen wir euch angreifen, und die Schuld am vergossenen Blut habt ihr zu tragen!

Zahlreiche Schweizerinnen und Schweizer aber wollten nicht verstehen, dass ihre Regierung, die offiziell Freiheit und Demokratie verteidigte, ausgerechnet eine für die Demokratie zentrale Freiheit einschränkte. Das Wort haben wiederum, stellvertretend für viele, ein paar Vertrauensleute des Gesinnungskaders.

Jakob Koch aus Zürich vermerkte in einem Tätigkeitsbericht (26.10.1942):52

Was mich aber in der Aufklärung unseres Schweizervolkes nicht befriedigen kann, und ich die getroffenen Massnahmen nicht für richtig befinde, das ist die Pressezensur. Daraus resultiert nach meiner Auffassung ganz bestimmt eine unrichtige Aufklärung der Bevölkerung. Ich finde, es wäre ganz und gar am Platz, unserem Schweizervolk in jeder Beziehung klaren Wein einzuschenken und die Tatsachen immer und zu jeder Zeit ganz ohne Schminke bekanntzugeben. Damit würde nach meiner Auffassung erreicht, dass unser Volk, im Bewusstsein alles, wie es sich begeben hat, vernommen zu haben, sich noch fester und treuer zu unserer Regierung und umso fester für die unbedingte Landesverteidigung einsetzen … [würde]. Den Menschen stählt man, indem man ihm alle Gefahren klipp und klar vor Augen hält, ohne etwas dazu zu tun oder davon zu nehmen.