Mit dem ersten Licht - Florian Knöppler - E-Book

Mit dem ersten Licht E-Book

Florian Knöppler

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Beschreibung

Über Sehnsucht Über Entschiedenheit Über Liebe Arne hat eine liebevolle Familie, gute Freunde und allen Grund, mit seinem Leben zufrieden zu sein. Und doch ist er in einer tiefen Einsamkeit gefangen. Erst als er die faszinierende Laura kennenlernt, gelingt es ihm, sich aus seinem Schneckenhaus zu befreien. Zum ersten Mal in seinem Leben spürt er echte Nähe. Doch er ahnt nicht, womit Laura zu kämpfen hat. So ist es fast zu spät, als Arne erkennt, dass nicht nur er auf Laura angewiesen ist, sondern auch sie seine Unterstützung braucht. Florian Knöppler erzählt einfühlsam vom Wunsch, Einsamkeit und Traurigkeit hinter sich zu lassen. Vom Autor von "Südfall"

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Seitenzahl: 245

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Florian Knöppler

MitdemerstenLicht

Ich saß immer auf Lauras Schreibtischstuhl, wenn ich sie besuchte, das war mein Platz. Dort musste ich zunächst ein paar Minuten auf sie warten, bis sie in der Küche den Tee aufgegossen hatte. Meistens war ich dabei so aufgeregt wie vor einem Fußballspiel oder einer Klassenarbeit und ging in Gedanken noch einmal durch, was ich mir am Abend vorher zurechtgelegt hatte. Laura war anspruchsvoll, nie hätte sie sich mit den üblichen Sprüchen eines 14-Jährigen zufriedengegeben.

Also erzählte ich ihr von den Wildgänseeiern, die mein Vater in einen beheizbaren Kasten aus Styropor gelegt hatte und jetzt jeden Tag bis zum Schlüpfen der Küken wenden würde, von dem Antwortpiepen durch die Eischale hindurch, wenn man sich vor den Kasten stellte und „Hallo, Hallo!“ rief, oder von dem Gedanken, dass etwas von uns nach dem Tod vielleicht genau dorthin zurückkehrte, wo es vor der Geburt hergekommen war, wie jemand, der zurück in einen dichten Wald ging oder in einen dunklen See stieg. Davon hatte mal meine Mutter gesprochen. Mir war sofort klar gewesen: Das ist etwas für Laura. Sie war gläubig, aber wollte sich ihre eigenen Vorstellungen von allem machen, auch vom Jenseits, Vorstellungen, die schön oder jedenfalls besonders waren.

Wenn wir so dasaßen in ihrem Zimmer und redeten und redeten, während die Herbstdunkelheit von draußen hereinsickerte und sich im Raum verteilte, kam ich mir vor wie ein Behälter voller Gefühle, ein viel zu kleiner, brüchiger, der dem Druck von innen kaum noch standhielt. Ein Gedanke aber blieb in diesem ganzen Durcheinander in

mir wach: Ich bin nicht mehr allein, das ist endlich vorbei, ich habe einen Menschen, mit dem ich über alles reden kann, Laura.

Hätte ich damals schon ahnen können, wie es wirklich um sie stand, was in ihr vorging, was sie auszuhalten hatte? Vielleicht, wenn ich nicht so ein behüteter Junge gewesen wäre, in die eigenen Gedanken und Gefühle verliebt. Dann hätte mir viel früher auffallen können, wie sich manchmal ohne erkennbaren Grund ihre Stimme veränderte, wie ihr Blick verschwamm oder starr wurde. Ich aber merkte nur, wie glücklich ich in ihrer Nähe war.

Inhalt

1

2

3

4

5

Sechs Wochen später

1

Sommer. Die Sonne ließ mich schon am Morgen schwitzen und stand bis weit in den Abend hinein hoch und blendend am Himmel. Regen fiel überhaupt nicht, also bestes Badewetter. Zu Beginn der Ferien hatte ich mich darüber gefreut, aber inzwischen begleitete ich die anderen nur noch zum Fluss, weil ich nicht wusste, was ich sonst machen sollte.

Georg schien es nicht so zu gehen. Ich hörte ihn den Steg entlangrennen, während ich zum Ufer schwamm, hörte ihn sich abstoßen und mit einem Salto hineinspringen. Nur er bekam ihn sauber hin.

„He, was soll das?“ Georg rief mir hinterher. „Rumliegen kannst du noch genug, wenn das Wasser weg ist.“

Ich kümmerte mich nicht um ihn, durchquerte den feuchten Streifen am Ufer, der an manchen Tagen bei Hochwasser überflutet war, und legte mich weiter oben auf mein Handtuch. Es roch modrig nach dem Wasser der Krückau und ein wenig nach den Schafkötteln, die überall auf der Weide verstreut lagen. Ich schloss die Augen. Direkt nach dem Baden war es immer gut, reglos in der Sonne zu liegen und zu spüren, wie die Tropfen an mir herunterliefen.

Zum Glück blieben die anderen drei unten am Steg. Schon seit Wochen redeten sie das Gleiche, und ich antwortete das Gleiche, weil es nichts anderes zu sagen gab. Zu Andrea, der Hübschesten aus unserer Klasse, in die Georg angeblich bereits seit Jahren verliebt war, oder zu dem alten Mofa, für das wir einen neuen Vergaser besorgen wollten. Ich machte dabei nur mit, weil es mich ablenkte von dem deutlicher werdenden Gefühl, in einer Sackgasse zu stecken.

Zu Beginn des Sommers hatte ich mit fast allem aufgehört, was mir vorher wichtig gewesen war. Tagebuchschreiben, Segeln, Musikhören, Gitarreklimpern, Draußensein bei besonderem Wetter, und zwar von einem Tag auf den anderen. Vorher hatte ich, obwohl es mich so aufwühlte, alles darangesetzt, möglichst viel zu erleben, war im Morgengrauen aufgestanden und rausgegangen, weil ich unruhig war und endlich mal das ganze Geträller der Vögel richtig mitbekommen wollte. Und im Winter bei Eis und Schnee war ich draußen herumgelaufen, bis ich das Gefühl hatte, genauso kalt wie alles um mich herum zu sein. Erst dann war ich halbwegs zufrieden reingegangen.

Meistens aber war ich nach solchen Versuchen überhaupt nicht zufrieden, sondern nur erschöpft oder traurig, aus irgendwelchen Gründen, die ich nicht verstehen konnte. Warum war ich unfähig, mich wie andere Leute über einen dunstigen, golddurchleuchteten Morgen einfach nur zu freuen, oder über Blütenblätter, die wie Schneeflocken von den Birnbäumen fielen. Immer zerrte irgendetwas stark an mir, meistens das Gefühl, dass ich von all dem Schönen zu weit entfernt war, dass ich ein Teil von ihm sein wollte, statt es nur aus der Ferne anzuschauen wie einen Naturfilm im Fernsehen.

„Hey, Langweiler.“ Georg kam vom Steg zu mir hoch und setzte sich neben mich ins Gras. „Du kannst nicht einfach abhauen. Ich brauch Zuschauer.“

„Morgen rufe ich Andrea an. ‚Hallo, hier ist Arne, hast du nicht Lust zuzugucken, wie Georg Saltos macht?‘“

„Gute Idee. Und danach springe ich mit ihr zusammen, Hand in Hand. Und küsse sie unter Wasser.“

„Oh, nicht schon wieder. Lass mich in Ruhe.“

„Ok.“

Ich machte die Augen wieder zu, er sagte nichts mehr, aber bald fing er an mich mit Zweigen zu pieksen oder sie mir zwischen die Zehen zu stecken, bis ich doch noch mal mitkam, ins Wasser sprang und eine Weile so tat, als würde mir das Baden Spaß machen.

Ich brach als Erster auf und nahm den Weg im Außendeich, den Georg und ich uns ein paar Jahre zuvor gesucht hatten. Man musste über zwei Gräben springen und über eine morsche Holzbohle balancieren. Auf der anderen Seite führte ein richtiger Weg bis zu uns nach Hause.

Ich hatte die Brücke gerade hinter mir gelassen, als ich im Gras eine Bewegung sah. Es war ein kleines Reh, das mich mit dunklen Augen voller Angst fixierte. Es lag am Boden, ein Bein war in merkwürdigem Winkel abgespreizt, gebrochen, es guckte sogar ein Stück Knochen heraus.

Ich trat ein paar Schritte zurück. Mein Vater hätte es einschläfern können, aber er war bei der Arbeit. Also musste ich den Jäger holen. Ich kannte den Namen und er stand bestimmt im Telefonbuch. Sollte ich es liegenlassen? Das konnte ich nicht tun, das Reh würde sich vielleicht weiterschleppen, auf drei Beinen, und sich noch lange quälen.

Ich ging wieder näher heran und griff es mit ein paar schnellen Bewegungen, bevor es einen Fluchtversuch unternehmen konnte. Zunächst wirkte es nicht besonders schwer, ich konnte es vor der Brust tragen, das kaputte Bein fest in einer Hand. Aber nach einer Weile spürte ich doch das Gewicht. Ein Träger meines Rucksacks rutschte von der Schulter. Ich biss die Zähne aufeinander, fasste immer wieder nach und lief weiter, die ganze Zeit mit dem rasenden Herzschlag des Tieres an meinen Rippen.

Als ich die Dächer unseres Hofes in der Ferne sah, musste ich mich hinknien und eine Pause einlegen. Unser Wohnhaus und die Stallungen waren die einzigen Gebäude im ganzen Vorland der Krückau, auf einer Warft errichtet und deshalb beim Bau der Deiche außen vor gelassen. Mein Vater hatte den Hof Anfang der 70er-Jahre geerbt, als ich noch klein war. Seine Eltern waren bis zu ihrer Rente richtige Landwirte gewesen. Er hing sehr an dem Hof. „Der schönste auf der Welt an der schönsten Stelle.“

Ich schaute hinunter auf das Reh und wusste plötzlich, dass ich den Jäger nicht anrufen würde. Eher noch meinen Vater im Krankenhaus, damit er schneller nach Hause kam. Er konnte doch Menschen operieren, warum also nicht ein Reh?

Zu Hause war niemand da. Beide Autos waren weg und Sina, meine Schwester, hatte am Morgen angekündigt, zu ihrer Freundin nach Elmshorn zu fahren. Ich drückte das angelehnte Dielentor mit dem Ellbogen auf und stieß es mit der Hüfte wieder zu. Eigentlich wusste ich, dass es am besten für das Reh war, wenn ich es in einen Schweinekoben oder eine Pferdebox legte und in Ruhe ließ. Dort würde es weniger Angst haben als in meiner Nähe.

Aber ich brachte es nicht zustande, mich von dem Tier zu trennen, ging geradewegs in die Wohnung, setzte mich auf den kühlen Terrazzoboden im Flur und schloss die Augen. Hier konnte ich warten. Meine Mutter kam bestimmt bald zurück, sie würde entscheiden, ob wir im Krankenhaus anriefen oder nicht.

An der Wand tickte laut die alte Standuhr, die ich sonst nie hörte, so vertraut war mir ihr Geräusch. Das Tier auf meinen nackten Oberschenkeln strahlte Wärme ab, das kurze Fell unter meinen Händen wirkte fest und weich zugleich.

Ich lehnte den Kopf an die Wand und stellte mir vor, wie es zu dem Bruch gekommen war. Ein gewagter Sprung auf der Flucht vor Hunden oder ein Weidezaundraht, in dem es sich verfangen hatte. Eine Schlinge ums Bein und ein Zerren und Springen, bis das Bein brach und aus der Schlinge rutschte. Die Gedanken wurden immer genauer und ließen sich kaum verscheuchen. Typisch für mich.

Aber ich musste durchhalten, bis mein Vater kam, das Reh untersuchte und sachlich über Leben oder Tod entschied.

Im Lauf der Jahre hatte ich ihm viele Tiere gebracht, als kleiner Junge sogar einen Schmetterling, der nicht mehr fliegen konnte. Mehr als zwei Kilometer war ich mit dem Rad nach Hause gefahren, mitten im Spiel mit den Freunden, in der Hoffnung, dass mein Vater ihn heilen konnte. Wenn einer auf der Welt, dann er.

Das Reh beruhigte sich, der Kopf sank langsam herunter. Ich schluckte und spürte ein Brennen in den Augen. So sahen Tiere aus, die starben, mit einem unserer Lämmer war es so zu Ende gegangen. Ich drückte das Reh am gesunden Vorderbein, um es am Wegdämmern zu hindern, es reagierte und schob sich in eine andere Position. Jetzt konnte ich die ganze Wunde von oben sehen. Verkrustungen, Dreck, grünliches Fleisch und gelbe Flüssigkeit rund um den Knochen. Unter der Haut am Rand krochen zwei Maden hervor. Das Tier verweste und wurde schon aufgefressen, als läge es seit Tagen unter der Erde.

Am folgenden Morgen frühstückten wir alle zusammen auf der Terrasse. Es war ein Samstag, und unser Vater hatte keinen Dienst. Er kam als Letzter an den Tisch, verschwitzt, in dreckiger Kleidung und mit gerade gewaschenen, noch tropfnassen Händen. Er musste wie üblich früh aufgestanden sein, um ein paar dringende Arbeiten auf dem Hof zu erledigen und die Tageszeit zu genießen, die er am liebsten hatte.

„Na? Wieder mal Bodennebel bewundert und das Erwachen der Welt?“, fragte ihn Sina. Sie war erst zwölf, aber ziemlich schlagfertig.

„Ganz genau, meine Liebe, während du in deinem eigenen Muff vor dich hin geschnarcht hast.“

„Ich? Schnarchen? Niemals.“ Sina war in der Familie berüchtigt für besonders lautes und vielfältiges Schnarchen. „Höchstens ein bisschen geschnurrt. Wie ein Kätzchen.“

Sie lachten beide und auch unsere Mutter stimmte ein, obwohl sie morgens meistens ein bisschen brauchte, bis sie in Gang kam. Nur ich blieb wieder einmal außen vor, und es lag allein an mir. Ich beobachtete mich selbst und die anderen, sah, wie mein Vater sich zu meiner Mutter hinüberlehnte und sie vorsichtig aufs Ohr küsste, bevor er sie fragte, ob sie nach dem Frühstück Lust habe, einen Spaziergang zu machen. Sie mochte Spaziergänge, konnte stundenlang irgendwo durch die Gegend laufen, auch alleine, aber am liebsten mit unserem Vater.

Manchmal sah das richtig lustig aus, die beiden Hand in Hand zu sehen, weil er so viel kleiner war als sie. Ihm machte das nichts aus und unserer Mutter erst recht nicht. Oft legte sie sogar ihre Wange auf seinen Kopf.

Sie war eine auffallend schöne Frau mit hellen Haaren und grauen Augen, bei unseren Urlauben in Italien konnte ich beobachten, wie die Männer verstummten, wenn sie an ihnen vorbeiging. Niemand benahm sich daneben, kein Pfeifen, keine Sprüche, nur andächtiges Staunen. Vielleicht war es nicht nur ihr Aussehen, sondern auch die besondere Energie, die sie ausstrahlte, ausgestrahlt hatte bis vor einem Jahr. Nur selten war ihr etwas zu viel gewesen, auch wenn die meiste Arbeit auf dem Hof an ihr hängen blieb. Die Pferde, die Schafe, die Rinder, der Garten, der Haushalt und Sina und ich. Sie erledigte alles mit Freude, so kam es mir jedenfalls vor. Dass sie ihre Arbeit als Fotografin hatte aufgeben müssen, schien ihr nichts auszumachen. Dabei war sie auf einem guten Weg gewesen, bevor sie uns bekam, Ausstellungen in Hamburg, Bremen, Hannover.

Jetzt war der Unterschied zwischen unseren Eltern riesig. Er brauchte weiterhin wenig Schlaf und hatte fast unbegrenzt Kraft zur Verfügung, während sie blasser und dünner wurde, überhaupt nicht mehr fotografierte und nur noch am Abend oder am Wochenende zusammen mit unserem Vater auflebte. Er hatte sie überredet, ein paar seiner Kollegen aufzusuchen. Aber niemand hatte etwas finden können, sie war gesund.

„Und du, Arne, was hast du heute vor?“ Mein Vater hatte sich an mich gewandt, während er Himbeermarmelade auf sein Brötchen strich, und einen lockeren Ton angeschlagen, aber ich spürte, dass auch er an das Reh und meine von Sekret verschmierten Oberschenkel dachte. Er hatte es eingeschläfert, im Obstgarten vergraben und danach nicht mehr davon gesprochen. Damit wollte er mir nur helfen, das Reh zu vergessen, aber es nützte nichts, nicht bei einem wie mir.

Der Tag, an dem ich Laura zum ersten Mal sah, begann mit merkwürdigen Gedanken. Ich kam als Erster mit meinem Rad an der Bushaltestelle an und setzte mich auf die Bank vor dem Häuschen. Der Verkehr war nicht sehr dicht. In unregelmäßiger Folge fuhren Autos vorüber, manchmal auch ein dröhnender Lastwagen. Dazwischen die Stille. Vielleicht war die, überlegte ich, in Wirklichkeit immer da, nur meistens übertönt von den Geräuschen, ähnlich wie ein schweigsamer Mensch in einer lauten Gruppe, oder das Lärmen der Lastwagen war so etwas wie ein Tusch für die danach folgende Darbietung der Stille.

Georg riss mich aus meinen Träumereien. Er bremste direkt vor mir, schloss sein Rad ab und redete wieder nur von Andrea und den Sommerferien, die ihn sechs endlose Wochen lang von ihr getrennt hätten.

Als wir vor der Schule aus dem Bus stiegen, war von den anderen noch nichts zu sehen. Die Elmshorner kamen später als wir Buskinder. Vor der Eingangstür warteten wir noch ein wenig, bevor wir sie aufzogen, die verlassenen Flure durchquerten und zu unserem Klassenraum gingen.

Dort waren wir nicht die Ersten. In der hintersten Reihe am Fenster saß ein Mädchen, das wir noch nie gesehen hatten. Ich murmelte ein „Hallo“, die anderen sagten gar nichts, warfen nur ihre Taschen auf die Tische und redeten weiter, als wäre alles wie immer.

Ich weiß noch, wie sehr mich das erstaunte. Da war der über die Ferien fremd gewordene Raum, der mich irritierte, und vor allem dieses Mädchen, das einfach nur dasaß und aus dem Fenster schaute, die Hände im Schoß. Ich kannte niemanden, der minutenlang rein gar nichts tat, außer mir selbst und manchmal meiner Mutter.

Das Mädchen schaute nicht zu uns herüber, aber ich wurde mir plötzlich meiner Arme bewusst, sie baumelten wie zwei dicke Seile an mir herunter, bis ich die Hände tief in die Taschen meiner Jeans bohrte. Die anderen bewunderten einen Sony-Walkman, den einer von ihnen geschenkt bekommen hatte, unterbrachen sich und lachten laut. Sonst versuchte ich, in solchen Runden mitzumischen, aber heute trat ich einen halben Schritt zurück und drehte mich so, dass ich das Mädchen im Blick hatte. Dunkle, ziemlich lange Haare, dichte Augenbrauen und helle Haut.

Diesen ersten Eindruck habe ich später häufig heraufbeschworen und mir auch eine Vorahnung hinzugedichtet, als hätte ich damals schon gespürt, welche Rolle diese Fremde in meinem Leben spielen würde.

Der Klassenraum füllte sich schnell, Stimmen gingen hin und her, die Mädchen und Jungen begrüßten sich und wirkten verändert. Lebendiger als vor den Ferien. Im Hintergrund des ganzen Durcheinanders saß immer noch unbewegt die Neue und guckte aus dem Fenster. Sie sah älter aus als wir, was vielleicht auch an der Kleidung lag. Ein schlichtes hellgrünes Kleid, dazu passende Sandalen mit dünnen Riemen, Frauensandalen.

Böhner kam herein und scheuchte uns auf unsere Plätze. Ich fand, wir hatten Glück mit ihm, auch wenn sich einige beschwerten. Es gab Schlimmere als ihn.

„Ihr seht braun aus, schön, aber jetzt wollen wir mal dafür sorgen, dass Ihr wieder blass werdet. Stellt euch auf viele Hausaufgaben ein.“

Das hatte er natürlich vorbereitet, aber es wirkte lässig und spontan, er wusste, wie es ging, und erntete reichlich Stöhnen und gequältes Grinsen.

„Wir haben Zuwachs bekommen“, sagte der Lehrer und wies nach hinten, wo die Neue saß. „Laura.“ Alle drehten sich zu ihr um. Laura legte die Hände auf den Tisch, nickte und sagte: „Hallo.“ Nicht zu laut und nicht zu leise.

„Lauras Familie ist vor Kurzem hergezogen, jetzt im Sommer, glaube ich?“

„Ja, genau, vor vier Wochen, in den Ferien.“

Sie sprach eher langsam und mit kleinen Pausen und wirkte ruhig dabei. Ich selbst hätte doppelt so schnell geantwortet, bei dreißig Augenpaaren auf mir, und natürlich mit schlimmem Herzklopfen. Allein bei der Vorstellung beschleunigte sich mein Puls. Ich verstehe bis heute nicht, woher manchmal diese Ruhe bei ihr kam.

Worum es in den ersten Schulstunden ging, weiß ich nicht mehr, aber die Pausen habe ich noch klar vor Augen. Die Mädchen blieben für sich und wir spielten Fußball auf ein klappriges Tor. Laura stand zunächst neben dem Eingang an eine Säule gelehnt. Aber es dauerte nicht lange und Andrea, die Wortführerin unserer Klasse, schlenderte zu ihr hinüber. Sie redeten kurz und gingen zusammen zurück zu den drei anderen der Freundesgruppe, mit denen sie ein kompliziertes Spiel anfingen, bei dem man reden, hüpfen und rennen musste. Es schien Spaß zu machen, sie spielten es in jeder Pause.

Auf dem Heimweg im Schulbus saß ich wie üblich neben Georg, der mal wieder ohne Punkt und Komma redete.

„Georg?“

Er schloss den Mund. Jetzt musste man schnell sein.

„Woher wusste die Neue eigentlich, welcher Platz in der Klasse frei war? Ich meine, die Stühle und Tische sehen ja alle gleich aus.“

Georg hob die Schultern und schaute weiter geradeaus. Die Neue interessierte ihn nicht. Er fand sie offensichtlich nicht besonders hübsch und es gab Wichtigeres zu bereden. Unser erstes Training, das Punktspiel gegen Kollmar und natürlich Andrea.

So war es auch bei den anderen Jungen in der Klasse gewesen. In den Pausen hatte niemand mehr als eine kurze Bemerkung zur Neuen gemacht. Ich hatte gedacht, sie würden sich kaum einkriegen vor lauter Vermutungen, aber nichts.

Meine Mutter stand in der Küchentür, als ich zu Hause ankam. Sie sah nicht gut aus, Augenringe und strähnige Haare. Bestimmt hatte sie den Vormittag im Bett verbracht. Trotzdem würde sie mich gleich nach der Schule fragen, das wusste ich, in fröhlichem Ton, wie er bei uns normal und fast schon Pflicht war.

„Hallo, mein Lieber. Komm, Essen ist fertig.“

„Super. Ich hab einen Bären- nein Wolfshunger.“

Sie lachte. Auf Italienisch sagte man Wolfshunger, hatten wir gerade gelernt. Italienisch für Sie, immer am Sonntagmorgen ein paar Grammatikübungen oder Vokabellisten nach dem Frühstück, zusammen mit meinem Vater, wenn der nicht zu einer OP gerufen wurde.

Sie holte einen Auflauf aus dem Ofen, wir setzten uns. Zu zweit, Sina war noch nicht da.

„Und? Wie schmeckt die Schule?“

„Wie Rosenkohl.“

Meine Mutter lächelte.

„Neue Lehrer? In Französisch, oder?“

„Ja, ein junger. Nett und Mundgeruch.“

Wieder lachte sie kurz.

„Bring ihm Odol mit. Ich hab noch eine Flasche.“

„Mit Schleifchen, gleich morgen. Da wird er sich freuen.“

Nach dem Essen ging sie zurück ins Bett und ich auf die Terrasse, wo ein paar Blechstühle um einen Tisch herumstanden. Irgendwo in der Ferne flogen Gänse, man hörte sie rufen. Von der Neuen in der Klasse, fiel mir auf, hatte ich nichts erzählt. Ich verstand mich gut mit meinen Eltern, aber sprach immer weniger über das, was mich beschäftigte. Vielleicht weil ich glaubte, dass sie anders waren und meine Probleme nicht ihre, oder weil ich mich schämte. Ich hatte so viel, von dem andere nur träumen konnten, eine lustige, liebevolle Familie, einen guten Freund, sogar eine gewisse Selbstsicherheit in der Schule. Warum war ich trotzdem häufig so weit weg von allem, so allein? Oft hatte ich das Gefühl, es wäre eine Art genetischer Defekt, von dem ich besser niemandem erzählte.

Ich holte die Schulsachen heraus, aber konnte mich nicht aufraffen anzufangen und dachte an meinen Vater, der sich Sorgen um meine Mutter machte. Im letzten Winter hatte er Sina und mich beiseitegenommen und mit uns besprochen, wie wir ihr Last von den Schultern nehmen konnten. Er hatte darauf bestanden, die Rinder abzuschaffen, obwohl gerade die ihm besonders am Herzen lagen. Wahrscheinlich, weil sie ihn an früher erinnerten, als er ein Junge auf diesem Hof gewesen war. Die Pferde waren erst später dazugekommen und viel mehr die Leidenschaft meiner Mutter. Seitdem versuchten wir drei, ihr Arbeit abzunehmen, aber es brachte nichts. Es wurde nicht besser, sondern schlechter.

Ich stieß den Atem durch die Nase aus und rief nach Rudi, unserem mittlerweile etwas steifen Jagdhund.

„Na, alter Kerl, wollen wir mal eine Runde drehen?“

Zögerlich kam er mir entgegen, besonders begeistert war er nicht. Vielleicht glaubte er mir auch nicht, schließlich war ich lange nicht mehr mit ihm spazieren gegangen.

„Komm, einmal bis zum Fluss.“

Wir zogen los, erst auf dem Weg durch unsere Ländereien, knapp 15 Hektar hatten wir hier im Außendeich, geerbt von Opa, mittlerweile war der Großteil verpachtet.

Die Luft war noch so warm, dass man sie sehen konnte. Zwei Libellen umflogen uns ein paar Schritte lang und verschwanden. An der Brücke über den großen Ritt blieb Rudi stehen und schaute mich an. Er wollte zurück, Hitze war nichts mehr für ihn.

„Na gut, lauf.“

Rudi machte kehrt und ich ging weiter, den Ritt entlang über die Weiden bis zu unserem Steg an der Krückau, wo auch meine Segeljolle im Gras lag. Ich setzte mich auf die Bretter am Ende. Wie üblich geriet ich ins Träumen und stellte mir vor, jetzt an dieser Stelle nicht allein zu sein, sondern mit einem Mädchen, von dem ich alles wusste, das alles von mir wusste, auch die Dinge, die sich so lächerlich anhörten. Ihr hätte ich sie selbstverständlich anvertraut: „Weißt du, ich würde gerne mal früh am Morgen durch orangefarbene Luft fliegen, wie ein Vogel, nur fliegen, von der Sonne eingefärbt wie alles andere.“ Oder: „Ich wäre gerne mal ein Tier, das nichts denkt, nie außen vor bleibt, nie getrennt ist, nie einsam.“ Ein ruhiger Nachmittag zu zweit. Auf dem Steg sitzen, ab und an ein wenig reden und baden gehen. Die plötzliche Kälte, die immer wie ein Stromstoß war, wenn man überhitzt ins Wasser sprang, schließlich dicht nebeneinanderliegen, in der Sonne trocknen und nichts hören außer unserem Atem. Weiter als bis zum Händehalten ging es in meinen Fantasien nie. Knutschereien waren im Gerede mit Georg besser aufgehoben.

Ein anschwellendes Rauschen ließ mich aufblicken und die Umgebung absuchen. Das Geräusch von Schwingen, von großen Vögeln. Dann sah ich sie, über den Baumwipfeln am anderen Ufer. Enorme Tiere in geringer Höhe und in einer Reihe, ähnlich wie Gänse. Aber es waren Störche, acht oder neun. Sie flogen über mich hinweg, ich konnte Einzelheiten erkennen, die langen Schnäbel, die angelegten Beine, das Schwarz und Weiß der Gefieder. So etwas hatte ich noch nicht erlebt, es war fantastisch, ein solch tiefer Eindruck, dass ich sogar heute noch jedes Detail haargenau beschreiben könnte. Natürlich schaute ich den Vögeln hinterher, bis sie als millimetergroße Flecken außer Sicht gerieten. Sofort schloss ich die Augen, um ihnen in Gedanken zu folgen und nicht so deutlich zu spüren, dass ich allein zurückblieb. Ich würde diese Tiere niemals wiedersehen, das war klar, und auch die wenigen Sekunden ihres Anblicks waren vorbei, für immer verloren. In späteren Jahren habe ich manchmal versucht, mich über solche Gefühle lustig zu machen, der kleine melodramatische Arne und die Vergänglichkeit, aber damals kam mir das nicht in den Sinn. Es war zu schmerzhaft, oft zum Verrücktwerden.

Die Störche über mir und das Gefühl von Einsamkeit begleiteten mich den ganzen restlichen Tag, während ich die Hausaufgaben in meinem Zimmer machte, nach den Wasserbottichen auf den Weiden guckte, mit Sina über ihre Handballmannschaft redete und auf den Abend wartete. Alle in meiner Familie hätten sich über das Erlebnis gefreut und davon erzählt, aber ich konnte einfach nicht darüber sprechen.

Unser Vater kam um acht auf den Hof gefahren. Mutter drückte schnell noch eine dicke Tablette aus einer Verpackung, schluckte sie ohne Wasser hinunter und lief ihm entgegen. Sie wollte ihm abends am liebsten schon vorne auf dem Hofplatz begegnen. Manchmal dauerte es eine Weile, bis die beiden auf dem Gartenweg auftauchten, redend, lachend oder einfach nur Arm in Arm.

Sina und ich deckten fürs Abendbrot auf der Terrasse. Es war noch warm und die Sonne blitzte durch das Laub der Eichen. Das sah aus, hatte unser Vater mal gesagt, als wären auch die Sonnenstrahlen selber grün und nicht nur die Blätter.

Meine Mutter reichte den Brotkorb und den Salat herum, mein Vater schenkte sich sein Bier ein, trank einen tiefen Schluck und erkundigte sich nach Sinas erstem Tag. Sie musste ihre Erlebnisse immer sofort loswerden und erzählte aufgedreht von den Lehrern, den Unterrichtsfächern und den Freundinnen, die sie jetzt endlich alle wiederhatte.

„Das heißt, heute habt ihr noch keinen richtigen Unterricht gehabt?“

Sina nickte mit vollem Mund und strich sich durch die braunen Haare, die sie von ihm geerbt hatte.

„Also noch keine Gelegenheit, dich durch Unwissenheit zu blamieren?“

Sina lächelte überlegen, sie gehörte zu den Besten in ihrer Klasse, obwohl sie es nicht darauf anlegte.

„Aber Zeit für ein paar Widerworte war doch bestimmt, oder?“

„Nee, auch noch nicht. Kommt morgen dran.“

Auch meine Mutter und mich fragte er nach unserem Tag. Dass er lange konzentriert gearbeitet hatte, sah man ihm überhaupt nicht an. Er strahlte und freute sich, dass Abend war und er mit uns noch draußen sitzen konnte.

Ich versuchte mich an dem Gespräch zu beteiligen, aber sah mich die ganze Zeit von außen. Von den Störchen oder der Neuen in unserer Klasse erzählte ich noch immer nichts. Als ich schließlich aus dem Bad vom Zähneputzen zurückkam, sah ich die Eltern noch dicht nebeneinander auf der Terrasse sitzen. Ich musste wegsehen, so sehr beneidete ich sie um ihre Zweisamkeit. Sie hatten eine Flasche Wein entkorkt und ein Windlicht vor sich auf den Tisch gestellt. Das Abendrot hinter den Eichen war fast verglüht und die Kiebitze hatten begonnen, die Dämmerung über den Weiden mit ihren Rufen zu füllen.

Schnell sagte ich „Gute Nacht“ und ging ins Bett.

Das Spätsommerwetter hielt sich. Wenn ich mit Georg und den beiden anderen Fahrschülern morgens in die Klasse kam, war der Raum nun nicht mehr leer. Laura saß einsam auf ihrem Platz am geöffneten Fenster, erwiderte unseren Gruß und schaute wieder hinaus. Warum wohl? Niemand aus Elmshorn kam so viel früher.

Schon am zweiten Tag verbrachte Laura ihre Pausen nicht mehr in der Gruppe von Andrea, sondern zusammen mit den Zwillingen, die nicht besonders hoch im Kurs standen. Sie war nicht verstoßen worden, das war mir sofort klar, sondern freiwillig gegangen. Die drei spielten jetzt Gummitwist, mit verschärften Regeln, die ich nicht verstand. Laura machte manchmal sogar einen Handstandüberschlag.

Im Unterricht bekam ich Schwierigkeiten zu folgen. Eigentlich hatte mir die Schule nie etwas ausgemacht, aber plötzlich kam mir der Unterricht langweilig vor, auch Geschichte und Englisch. Laura schaute die meiste Zeit aus dem Fenster und sagte nur etwas, wenn sie von den Lehrern gefragt wurde. Meistens wusste sie die Antworten sofort, obwohl es ausgesehen hatte, als wäre sie mit den Gedanken weit weggewesen. Vielleicht konnte sie beides gleichzeitig, träumen und aufpassen. Sie kam mir bekannt vor, als wäre ich mit ihr im Kindergarten befreundet gewesen und hätte es nur vergessen.

An einem Morgen fehlten Georg und die beiden anderen im Bus. Ich stieg an der Schule aus, überquerte den Pausenhof mit Herzklopfen und kam kurz darauf in die Klasse.

„Hi“, sagte ich und bereute es sofort.

„Hallo.“

Wie zum Teufel war ich nur auf „Hi“ gekommen, ich benutzte es sonst nie und es klang idiotisch. Angeberisch, als wollte ich besonders cool erscheinen.

Ich setzte mich auf meinen Platz und holte die Schulsachen heraus. Laura schaute nicht wie sonst aus dem Fenster, sondern war über ein großes Blatt Papier gebeugt und zeichnete. Sie sah konzentriert aus.

Ich hatte meine Hausaufgaben nicht gemacht und wollte nun das Wichtigste nachholen. Aber ich fing nicht damit an, sondern zog Bleistift und Papier heraus und begann, ebenfalls zu zeichnen, einen Steg am Fluss, Bäume auf der gegenüberliegenden Seite und dahinter Wolken über einem Deich. Es war gut, so dazusitzen und zu zeichnen.

Später am Vormittag hatten wir Deutsch und die Lehrerin erklärte die Aufgabe einer Partnerarbeit zum Handschuh von Schiller, das weiß ich noch genau, vielleicht, weil Laura und ich Jahre später mal darüber gesprochen haben.

„Alles klar? Fangt erst mal an.“ Die Lehrerin schaute lächelnd über die Köpfe der anderen hinweg zu mir und sah, dass Georg fehlte. „Ah, das passt ja gut. Gehst du zu Laura rüber?“

Wir sollten ein Interview mit dem Ritter Delorges anfertigen, eine idiotische Aufgabe, fand ich sofort. Wahrscheinlich sollte das lustig sein. Die Ballade hatten wir in der Stunde vorher gelesen, sie war gar nicht schlecht, aber ein Interview?

Laura sah auch lustlos aus. Wir saßen nebeneinander, starrten auf unsere geöffneten Bücher und schwiegen.

„Und?“, hörte ich sie schließlich fragen, „wie wollen wir’s machen?“

„Weiß nicht. Verteilte Rollen?“

Sie nickte. „Ok. Du der Journalist? Dann muss ich das nicht machen.“

„Hast du was gegen Journalisten?“