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Mit unseren Kindern zu wachsen ist ein Abenteuer. Dieses Buch enthält keine fertigen Rezepte, sondern versteht sich als Wegweiser für eine aufregende Zeit. Wie können Kinder am sinnvollsten auf eine heute noch völlig unbekannte Zukunft vorbereitet werden? Wie können sie die Kraft finden, sich den Herausforderungen der Gesellschaft zu stellen? Und wie können sie gleichzeititg "emotionale Intelligenz" entwickeln, das heisst die Fähigkeit, echte und tiefe Beziehungen einzugehen? Dieses Buch macht deutlich, dass Erziehungskonzepte im besten Fall Landkarten sind, die uns bei der Orientierung helfen. Und wir werden ermutigt, uns auch ohne Konzepte auf den Weg in die Wirklichkeit zu begeben. Denn nur, wenn wir unseren Kindern ohne vorgefertigte Konzepte zuwenden, können wir sie angemessen unterstützen. Der Weg zu diesem Ziel ist vor allem die Praxis der Achtsamkeit. Lienhard Valentin verbindet seine Ideen mit Beispielen aus der Arbeit von Dr. Emmi Pikler, Maria Montessori und Rebeca und Mauricio Wild, sowie Ansätzen aus der Gestaltarbeit, der Achtsamkeitspraxis und aus familientherapeutischen Ansätzen von Jesper Juul.
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Seitenzahl: 317
Veröffentlichungsjahr: 2020
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Lienhard Valentin
Mit Kindern neue Wege gehen
Copyright © Arbor Verlag, Freiamt, 2005
Titelfoto © Richard Hamilton Smith/Corbis, 2005
Fotos und Illustrationen im Innenteil: © der Zeichnungen beim Arbor Verlag, 2005, außer S. 31 von Gerhard Mester © Kamphausen Verlag, 2005; sämtliche Fotos © Pikler-Gesellschaft, Budapest, 2005
Lektorat: Eva Bachmann
E-Book-Herstellung und Auslieferung: Brockhaus Commission, Kornwestheim, www.brocom.de
Alle Rechte Vorbehalten
2. Auflage 2007
E-Book 2020
www.arbor-verlag.de
ISBN E-Book: 978-3-86781-312-9
Inhalt
Zum Geleit
Vorwort
Einführung
Mein Weg
Einige Worte zu den Reflexionen,inneren Übungen und Geschichten
Teil 1
Mit Kindern neue Wege gehen
Der Mythos der „richtigen“ Erziehungsmethode
Geschichte Der ehrgeizige junge Bauer
Geschichte Die Lehre des Engels
Reflexion Innehalten
Übung Innehalten
Schön, daß es dich gibt
Übung Freude
Auf dem Weg zu einer neuen Beziehungsqualität
Übung Das Bild, das wir uns von einem Kind machen
Rose oder Dornengestrüpp
Reflexion Entfaltung und Konditionierung – Persönlichkeit und Essenz
Geschichte Mulla Nasrudin und der Adler im Taubenschlag
Das dreiteilige Gehirn
Reflexion Die Funktion unseres dreiteiligen Gehirns
Emotionale Intelligenz
Geschichte Randale im Casino
Teil 2
Lernen für die Welt von morgen
Vorbereitete Umgebung
Reflexion Entwicklungsphasen
Die ersten Lebensjahre
Geschichte Erfahrungsbericht einer Mutter
Die kulturfreie Zone
Geschichte Die Milchflasche
Reflexion Respekt
Eine entdeckerfreundliche Umgebung
Bilder aus dem Lóczy
Reflexion Pflege ohne Zwang
Selbstinitiiertes Leben, Lernen und Wachsen
Wie der Pesta entstand
Die Struktur des Kindergartens im Pesta
Neue Wege des Lernens
Teil 3
Achtsamkeit als Weg
Die Praxis der Achtsamkeit in der Familie
Mit den Augen des Kindes
Übung Mit den Augen des Kindes sehen
Eine Variante dieser Übung
Selbstunterstützung – Kennenlernen und Erweitern des inneren Raumes
Geschichte Mulla Nasrudins Geburtstag
Reflexion Die Praxis der Achtsamkeit im Leben mit Kindern
Übung Achtsamkeitsmeditation
Übung Mit Gefühlen der Angst, Hilflosigkeit und Ohnmacht arbeiten
Übung Bergmeditation
Selbstzweifel, Schuldgefühle und ein Weg, mit sich selbst Freundschaft zu schließen
Übung Metta-Meditation
Ein Ausblick
Anhang
Wenn Kinder festgehalten werden
Die Auswirkungen der Festhaltetherapie auf die innere Entwicklung des Kindes
Über das Gehaltensein (und das Festhalten) von Katharina Martin
Einige Bemerkungen aus Sicht der Essentiellen Gestalt-Arbeit
Die „Neuen Kinder“
Literatur
Zum Geleit
Mit jedem Kind wird die Möglichkeit einer neuen Welt geboren. Wenn wir aufhören könnten, es in die uns vertrauten Formen hineinzudrängen, die uns selbst aufgenötigt wurden oder die wir aus Hilflosigkeit und Unwissenheit gebildet haben – wenn wir aufhören könnten, Kinder zu „erziehen“, könnte diese jeweils neue Welt erstehen. Gefangen in unserer gewordenen Struktur verschütten wir jedoch immer wieder selbst die Quelle, die Leben bringt.
Wenn wir dem innewohnenden grundsätzlich Guten Raum geben würden, könnte es sich in jedem Menschen manifestieren – unsere Persönlichkeit könnte sich um diesen Kern herum angliedern und wäre getragen von der Kraft aus dem inneren Selbst.
Das Rettende, das zur Wendung des Schicksals unseres Planeten dringend gebraucht wird, wäre dann da.
Das Erscheinen des vorliegenden Buches ist als Unterstützung für suchende Eltern und Erzieher und als Orientierungshilfe für wirklich neue und fruchtbare Wege mit Kindern sehr zu begrüßen.
KATHARINA MARTIN
Vorwort
Dieses Buch weist uns einen wirkungsvollen, überzeugenden und im wahrsten Sinne des Wortes praktischen Weg, den wir als Eltern beschreiten können, um Kinder auf achtsame Weise ins Leben zu begleiten. So ermöglichen wir ihnen, die innere Kraft zu finden, in einer Welt zu bestehen, die sich grundsätzlich von der unseren unterscheiden und sie mit ungeahnten Herausforderungen konfrontieren wird.
Lienhard Valentin verbindet sein eigenes tiefes Verständnis und seine Erfahrung als Vater mit einigen der besten und richtungweisenden Ansätze zum Leben mit Kindern, zu neuen Wegen in Kindergarten und Schule und zur Entwicklung von emotionaler Intelligenz. Mit Hilfe von Geschichten, Reflexionen und Übungen ermutigt er uns, unser Gewahrsein zu verfeinern und unsere Augen des Herzens zu öffnen, so daß wir die einzigartigen Seelenbedürfnisse eines jeden unserer Kinder wahrnehmen können, während sie sich von Tag zu Tag, von Moment zu Moment nach ihrem eigenen inneren Gesetz entfalten. Er eröffnet uns vielfältige, auf der Praxis der Achtsamkeit beruhende Möglichkeiten, Körper, Geist, Herz und das spirituelle Leben unserer Kinder auf eine Weise zu nähren, die nicht nur ihnen, sondern auch uns selbst und unserer eigenen inneren Entwicklung zugute kommt.
Möge dieses Buch von allen Eltern, denen an einem achtsamen Umgang mit ihren Kindern gelegen ist, geschätzt und zu ihrem eigenen und zum Wohle ihrer Kinder genutzt werden.
MYLA KABAT-ZINN UND JON KABAT-ZINN
Einführung
Kinder auf eine angemessene Weise ins Leben zu begleiten ist sicherlich eine der größten Herausforderungen unserer Zeit – und gleichzeitig eine der wichtigsten Aufgaben, denn die Qualität, in der wir Kindern heute begegnen, wirkt sich entscheidend darauf aus, wie sie der Welt von morgen gewachsen sein werden – und wie diese Welt aussehen wird.
Vielleicht stellen auch Sie sich manchmal die Frage, wie es möglich ist, Kinder auf eine Zukunft vorzubereiten, die heute in keiner Weise vorhersehbar ist und die von ihnen ein enormes Maß an Flexibilität, Kreativität, innerer Kraft und emotionaler Stabilität erfordern wird? Wie können Kinder lernen, sich in einer sich ständig und immer schneller wandelnden Welt zurechtzufinden, ohne den Kontakt zu ihrem eigenen inneren Leben zu verlieren? Wie können sie über intellektuelle Fähigkeiten hinaus das entwickeln, was heute „Emotionale Intelligenz“ genannt wird – also die Fähigkeit zu harmonischen sozialen Kontakten und echten zwischenmenschlichen Beziehungen?
Schon lange und aus verschiedensten Blickwinkeln haben sich Menschen mit der Frage beschäftigt, wie Kinder zu möglichst sozialen, gebildeten und kompetenten Wesen – zu wirklichen Menschen – erzogen werden können. Waren die Methoden dabei früher autoritär, so sollen sie heute demokratischer, „gehirngerechter“ oder in anderer Hinsicht erfolgversprechender sein.
Wie Michael Mendizza und Joseph Chilton Pearce in ihrem Buch Neue Kinder – Neue Eltern anschaulich verdeutlichen, ist laut den neuesten Forschungen das allermeiste dessen, was wir traditionell unter Erziehung verstehen, nicht nur überflüssig, sondern direkt schädlich für die harmonische Entfaltung von Kindern. Und noch mehr als das: Darüber hinaus blokkieren viele sogenannte erzieherische Maßnahmen das innere Wachstum der Erwachsenen und beeinflussen die Interaktion zwischen Kindern und Erwachsenen auf äußerst destruktive Weise.
Der Grund für diese pädagogische Sackgasse, in die wir geraten sind, ist die tiefsitzende Annahme, daß Kinder einer systematischen Erziehung unterzogen werden müßten, um richtige Menschen zu werden. Darüber hinaus müßten sie ein gewisses Alter erreichen, um als solche auch gesellschaftlich anerkannt zu sein. Alle diese „Pädagogischen Ansätze“ oder „Erziehungsstile“ gehen direkt oder indirekt davon aus, daß Neugeborene eben noch keine richtigen Menschen sind; vielmehr sei es unsere Aufgabe und Verantwortung, sie zu solchen zu formen – eben: sie zu erziehen. Diese Grundannahme wurde mal wissenschaftlich, mal religiös, mal volkstümlich formuliert – aber ernsthaft und grundsätzlich hinterfragt wurde sie selten.
Ich denke, daß eine grundsätzliche Neubesinnung überfällig ist. Es reicht nicht aus, unsere falschen Ansichten und Gewohnheiten zu modernisieren. Wir können nicht einfach eine Methode durch eine andere ersetzen, ohne unsere Vorstellungen von Erziehung grundsätzlich in Frage zu stellen.
„Mit Kindern neue Wege gehen“ heißt in diesem Zusammenhang, zu einer völlig neuen Sichtweise zu finden – einer Sichtweise, die anerkennt, daß Kinder von Anfang an gleich würdig, kompetent, sozial und somit auch vollwertige, einzigartige und in sich vollkommene Menschen sind. Ein einjähriges Kind ist kein unvollkommener Dreijähriger und eine Fünfjährige ist keine unvollkommene Siebenjährige. Jede Entwicklungsphase ist in sich vollkommen, und wird sie nicht respektiert und gewürdigt, so wirkt sich das negativ auf die Entwicklung eines Kindes aus.
Gleichzeitig geht es im Leben mit Kindern um eine Beziehungsqualität, die dieser gleichen Würde Ausdruck verleiht. „Kinder sind anders“ nannte schon Maria Montessori eines ihrer Bücher, und sie betonte mehrfach, daß nur, wenn wir diese Andersartigkeit annehmen und lernen, Kinder „mit den Augen der Liebe zu sehen“, wir zu ihnen eine echte menschliche Beziehung aufbauen und sie angemessen ins Leben begleiten können.
Dabei begeben wir uns alle im wahrsten Sinne des Wortes auf Neuland. Es gibt keine ausgetretenen Pfade, denen wir folgen könnten, kein anderes Erziehungssystem, keine „Bedienungsanleitung“, die bei konsequenter Anwendung helfen könnte, Kinder optimal auf die Welt von morgen vorzubereiten. So kann dieses Buch auch kein Ratgeber sein, der aufzeigt, wie man „richtig“ mit Kindern umgeht. Vielmehr bietet es einige grundsätzliche Überlegungen und Anregungen zum Leben mit Kindern, die es Ihnen ermöglichen können, mit ihnen in eine echte Beziehung zu treten und so Ihre eigenen Erfahrungen zu machen und Ihren eigenen Weg zu finden. Ein solcher Weg ist nicht leicht, denn wir sind auf diese Art des Umgangs mit Kindern nicht vorbereitet, aber er ist nicht nur für die Zukunft unserer Kinder von größter Bedeutung, sondern ermöglicht es auch uns selbst, zu einem erfüllteren Leben zu finden – mit unseren Kindern zu wachsen.
Mein Weg
Valentinstag 1987. Ich sitze im Flugzeug nach Ecuador, um mir den „Pesta“, ein Kindergarten- und Schulprojekt, anzusehen, das plötzlich und völlig unerwartet in meinem Leben aufgetaucht ist. Möglichkeiten und Wege für die Entfaltung des menschlichen Potentials hatten zwar schon lange eine zentrale Bedeutung in meinem Leben eingenommen, aber bisher standen dabei eher mein eigener Prozeß und die Arbeit mit Erwachsenen im Vordergrund. Als Lehrer der Alexander-Technik lag mein Schwerpunkt darin, wieder mehr mit mir, meinem Körper und meinen inneren Quellen in Kontakt zu kommen, um so zu einem bewußteren und erfüllteren Leben zu finden. Gleichzeitig begann ich buddhistische Achtsamkeits-Meditation zu praktizieren, machte eine Gestalt-Ausbildung und hatte angefangen, meine Erfahrungen an andere weiterzugeben und andere Menschen in ihrem eigenen Prozeß zu begleiten.
In dieser Zeit begann ich mich dann auch zunehmend für die Frage zu interessieren, wie es kommt, daß im Laufe des Heranwachsens so viel von unserem Potential verlorengeht oder verschüttet wird und wie ein Umgang mit Kindern aussehen könnte, der ihre Entfaltung unterstützt und angemessen begleitet.
Eines Tages besuchte ich einen befreundeten Psychotherapeuten, mit dem ich schon oft über diese Fragen diskutiert hatte. Kaum hatten wir uns zu einem Tee hingesetzt, erzählte er mir von dem Manuskript eines Buches mit dem Titel Erziehung zum Sein, das ich unbedingt lesen müsse. Als ich nach einem langen Abend voll anregender Gespräche endlich im Bett lag, wollte ich doch zumindest noch einen Blick in das Manuskript werfen, das meinen Freund so begeistert hatte. Ich begann zu lesen – und konnte nicht mehr aufhören. Ich war fasziniert und tief berührt – meine Gefühle beim Lesen waren vielleicht nur vergleichbar mit dem Sturm der ersten großen Liebe.
Es ging um den „Pesta“, ein Kindergarten- und Schulprojekt in Ecuador, das das Ehepaar Rebeca und Mauricio Wild gegründet hatte, um ihrem zweiten Sohn eine andere Erfahrung als in den staatlichen Schulen zu ermöglichen. Ich selbst hatte unter der Schule immer gelitten und den größten Teil des uns auferlegten Programms als wenig sinnvoll empfunden. Aber was ich von diesem Projekt gehört und gelesen hatte, schien mir fast ein Märchen zu sein. Es war, als würde ich in meinen unguten Gefühlen als Schüler endlich bestätigt werden: Wir waren also doch nicht einfach faul oder unmotiviert, wenn wir keine Lust hatten, auf Anordnung von irgendwelchen Lehrern etwas zu lernen, was uns überhaupt nicht interessierte.
In diesem Schulprojekt schien wirklich alles anders zu sein – kein Zwang, keine Noten, keine Klassenarbeiten, keine Hausaufgaben, die Kinder können dem nachgehen, was ihren wirklichen Interessen entspricht. Das klang wirklich paradiesisch für einen geplagten Exschüler wie mich.
So saß ich also im Flugzeug, um den „Pesta“ persönlich kennenzulernen und mit eigenen Augen zu sehen, wie ein solches Schulprojekt funktionierte. Schon bei der ersten Begegnung mit den Wilds stellte sich eine für mich ungewöhnliche Vertrautheit ein. Die Kommunikation war glücklicherweise kein Problem, da Rebeca in Deutschland aufgewachsen war und auch Mauricio, als Sohn Schweizer Eltern, die nach Ecuador ausgewandert waren, fließend Deutsch sprach. Nachdem sich ihre Überraschung gelegt hatte, daß der Herausgeber ihres Buches nicht der von ihnen erwartete ältere Herr war, sondern ein gerade einmal dreißigjähriger junger Mann, entwickelte sich schnell eine entspannte und von anregenden Gesprächen geprägte Atmosphäre.
Meine Gefühle, als ich am nächsten Tag das erste Mal dem Treiben im Pesta beiwohnte, lassen sich nur schwer beschreiben. Das Buch hatte natürlich einige Erwartungen geweckt, aber die Wirklichkeit wurde diesen Erwartungen durchaus gerecht. Ich saß inmitten der Kinder, die mich gar nicht beachteten, weil sie viel zu sehr mit ihren eigenen Aktivitäten beschäftigt waren. Schmerzlich tauchte meine eigene Schulzeit noch mal vor meinen Augen auf, mit all dem Druck, den Ängsten und dem dumpfen Gefühl, im „falschen Film zu sein“, wie wir es damals nannten. Gleichzeitig durchströmte mich ein unbeschreibliches Glücksgefühl, das mich erleichterte und von einer Last befreite, die ich seit meiner Schulzeit mit mir herumschleppte: Es ging also doch anders!
Diese Erfahrung hatte weitreichende Folgen für mich und mein weiteres Leben, auch wenn ich das damals kaum ahnen konnte. Zurück aus Ecuador, brannte ich förmlich darauf, mich dafür einzusetzen, daß auch andere Menschen diese Idee, diese Praxis und dieses Projekt kennenlernen können. Ich begann, den Pesta bei verschiedenen Anlässen mit Hilfe von Dias vorzustellen, und aufgrund des wachsenden Interesses an der Arbeit der Wilds gründete ich gemeinsam mit einigen anderen 1989 den Verein Mit Kindern wachsen. Wie die Wahl dieses Vereinsnamens deutlich macht, ging es uns dabei von Anfang an nicht um die Verbreitung einer neuen Methode, sondern um eine andere innere Einstellung – um Wege, Kinder in einer Art und Weise ins Leben zu begleiten, die diese als gleichwürdig respektiert und einen Prozeß ermöglicht, in dessen Verlauf auch wir Erwachsenen innerlich wachsen können.
1989 war aber auch noch in anderer Hinsicht ein ganz besonderes Jahr. Wie es der Zufall so wollte, war es wiederum Valentinstag, als Mauricio Wild uns in Deutschland besuchte. Wir nutzen die Gelegenheit, um einen kleinen Vortrag mit ihm zu organisieren, und schließlich boten wir ihm an, ihn und Rebeca für den Sommer zu einigen Seminaren und Vorträgen für interessierte Eltern, Erzieherinnen und Lehrer einzuladen. Dies war der Beginn ihrer ausgedehnten Reisen durch Europa, die wir von nun an für nahezu zehn Jahre regelmäßig organisierten und begleiteten. Aber damit noch nicht genug: Im selben Jahr lernten wir auch noch einen anderen Ansatz kennen, der uns und unsere Arbeit letztendlich sogar noch tiefgehender beeinflußt hat. Der Pesta ist ja ein Kindergarten- und Schulprojekt, und sosehr mich das Leben und Lernen dort auch inspiriert hatten, blieb die Frage offen, wie ein gleichwürdiger, liebe- und respektvoller Umgang mit Säuglingen und Kleinkindern aussehen könnte. Was die Geburt anbelangt, hatte durch die Arbeit von Leboyer, Odent und vielen engagierten Hebammen ja bereits ein Umdenken angefangen – aber wie könnte es dann weitergehen?
Diese Frage führte mich schließlich in einen Vortrag von Dr. Judith Falk, der damaligen Direktorin des Lóczy, einem Säuglingsheim in Ungarn, das von der Kinderärztin Dr. Emmi Pikler gegründet wurde. Der Vortrag beeindruckte mich sehr, vor allem der Umstand, daß die auf den Dias gezeigten Kinder, obwohl sie in einem Heim aufwuchsen, einen außergewöhnlich lebendigen und aufgeweckten Eindruck machten. Da ich mehr über die Arbeit in diesem Säuglingsheim wissen wollte, meldete ich mich bei einem Seminar mit der Kinderpsychologin und Tochter von Emmi Pikler, Anna Tardos, an. Hier lösten sich auch meine letzten Vorbehalte endgültig auf. Die Achtsamkeit und der Respekt den Kindern gegenüber, der aus ihren Worten sprach, berührten mich tief. So meldeten wir uns zu einer längeren Fortbildung mit ihr an und wenig später entschieden sich meine Frau und ich, gemeinsam mit Anna Tardos ein Buch über die Beziehungsqualität im Lóczy zu veröffentlichen. Vier Jahre dauerte die Arbeit an dem Buch, und was wir während dieser Zeit bei verschiedenen Aufenthalten vor Ort erlebten, hatte eine tiefgreifende Wirkung auf uns. Die Kinder, die in dieses Heim kommen, haben, so jung sie sind, bereits ein dramatisches Schicksal hinter sich. Teilweise sind sie alkohol- oder drogenabhängig, die meisten haben kaum das halbe normale Geburtsgewicht, und manche werden einfach irgendwo gefunden, wo sie ihre Mutter nach der Geburt liegengelassen hat. Mitzuerleben, wie diese Kinder nun spielten, lachten, weinten, aktiv die Welt erforschten, mit offenen Händen und völlig entspannt ihren Mittagsschlaf hielten – und das in einem Säuglingsheim –, war zutiefst berührend.
So ist es vielleicht auch nicht so erstaunlich, daß diese Kinder als Jugendliche und Erwachsene nicht die Auffälligkeiten zeigen, die sonst bei in Heimen aufgewachsenen Kindern als unvermeidlich gelten. Trotzdem sei das Lóczy kein Paradies, wie Anna Tardos uns versicherte. Das Schicksal dieser Kinder sei trotz allem sehr schwer, auch wenn das gesamte Personal alles täte, sie möglichst optimal ins Leben zu begleiten.
Natürlich lassen sich die Erfahrungen in einem Säuglingsheim nicht ohne weiteres auf das Familienleben übertragen, aber die Arbeit von Emmi Pikler begann in der Familie, und viele Aspekte dieses Ansatzes können auch für Eltern sehr wertvoll sein. Anna Tardos wurde als Tochter von Emmi Pikler in dieser Art des Umgangs mit Kindern groß. Sie ist Kinderpsychologin, hat selber drei Kinder und verbrachte ihr ganzes Berufsleben im Lóczy. Dies ist auch der Grund, warum sie Eltern diese Arbeit auf besonders einfühlsame und undogmatische Weise näherbringen kann. Wir sind immer wieder von Neuem erstaunt über die Tiefe und Menschlichkeit ihrer Sicht und ihres Umgangs mit Eltern, und so wird auch in dieses Buch einiges einfließen, was ich aus dem Kontakt mit Anna Tardos gelernt habe.
Einige Jahre später wurde unser Sohn geboren, und damit begann nun eine völlig neue Zeit des Lernens. Ich hatte das Gefühl, besser als wir könne man eigentlich kaum auf das Elternsein vorbereitet sein. Natürlich erwartete ich nicht, daß alles leicht und ohne Schwierigkeiten ablaufen würde – aber daß unser Sohn immer wieder eine solche Herausforderung sein könnte, damit hatten wir dann doch nicht gerechnet. Schon bevor ich selbst Vater wurde, hatte ich werdende Eltern in Vorträgen oder Seminaren manchmal gewarnt, daß kleine Kinder nicht wissen, welche Erwartungen und Vorstellungen über sie und ihre Entwicklung wir mitbringen und sich so vielleicht ganz anders verhalten, als wir uns das nach der Lektüre eines Buches oder dem Besuch eines Seminars erwarten würden. Kinder sind einfach, wie sie sind, und es ist ihnen vollkommen egal, welche Konzepte wir in diese Beziehung mitbringen. Sie fordern uns und unsere Präsenz voll und ganz – und diese Erfahrung blieb auch uns nicht erspart.
Schon bald mußten wir feststellen, daß es alles andere als leicht war, das zu leben, was wir aus tiefster Überzeugung als richtig und wichtig ansahen. Wir mußten einsehen, daß auch wir manchmal einfach nicht mehr wollten und uns alles zuviel war, daß wir uns ohnmächtig, unsicher oder genervt fühlten. Vor kurzem fragte mich mal eine Bekannte, was sich meiner Meinung nach in meiner Arbeit mit Eltern vor allem geändert habe, seit ich selbst Vater sei. Nach kurzem Überlegen sagte ich: „Mein Mitgefühl für Eltern.“ Vorher sah ich die ganze Thematik vor allem aus der Sicht des Kindes, und die Schwierigkeiten der Eltern erschienen mir im Vergleich dazu oft einfach als Bequemlichkeit oder Nachlässigkeit.
Was mir in dieser Phase besonders half, war die Praxis der Achtsamkeit und die Essentielle Gestalt-Arbeit bei Katharina Martin, für deren Geduld, Mitgefühl und liebevolle Begleitung ich sehr dankbar bin. Vor allem hier konnte ich die Persönlichkeitsanteile von mir unter die Lupe nehmen, die tatsächlich nicht die geringste Lust hatten, zurückzustecken und die Bedürfnisse unseres Sohnes an erste Stelle zu setzen. Durch diese innere Arbeit war es möglich, daß meine „Augen des Herzens“ sich immer wieder öffneten, daß ich Wege fand, mir die innere Nahrung zu verschaffen, die notwendig ist, um einen solchen Weg mit Kindern zu gehen, und Werkzeuge an die Hand bekam, die mir immer wieder helfen, unseren Sohn und seine Bedürfnisse wirklich zu sehen.
Der perfekte Vater bin ich deshalb nicht geworden. Auch ich verliere manchmal die Geduld, strahle nicht ständig Liebe und Verständnis aus und weiß nicht immer, wo es langgeht. Auch ich habe Schwächen und Fehler, bin manchmal genervt oder ungerecht. Es gab Zeiten, in denen wir dachten, wir müßten den Verein eigentlich umbennen in „Mit Kindern wachsen oder untergehen“ und mir ist endgültig klargeworden: Egal, wie gut vorbereitet wir sind – Kinder werden uns immer wieder an unsere eigenen Grenzen bringen!
Wir sind stark geprägt von unserer eigenen Erziehung und Kindheit, und vor allem unter Streß tendieren diese alten Muster dazu, unseren inneren Zustand und unser Handeln zu bestimmen. So kommt es, daß wir manchmal Dinge sagen oder tun, von denen wir uns vorgenommen hatten, sie mit unseren eigenen Kindern sicher niemals zu machen. Und gerade hier können die Praxis der Achtsamkeit und die Essentielle Gestalt-Arbeit, wie sie von Katharina Martin entwickelt wurde, eine unschätzbare Hilfe sein, diese alten Muster zu überwinden, alte Verletzungen zu heilen und so nicht nur eine wirklich menschliche Beziehung zu unseren Kindern zu entwickeln, sondern auch selbst wieder ganz zu werden und zu einem erfüllten Leben zu finden.
Für mich persönlich bedeutete dies, daß mein Interesse für neue Wege im Leben mit Kindern und für Wege der Entfaltung von uns Erwachsenen in einen neuen Gesamtzusammenhang zusammenflossen. Das Erscheinen des Buches Mit Kindern wachsen von Myla und Jon Kabat-Zinn und ihr Besuch in Deutschland 1998 waren ein weiterer wesentlicher Schritt in diesem Prozeß. Ihr Beitrag zu einem achtsamen und liebevollen Umgang mit Kindern ist von großem Wert, und auch die Begegnung mit diesen beiden Menschen war für uns, unser Leben und unsere Arbeit von weitreichender Bedeutung.
Das vorliegende Buch ist das Ergebnis meiner eigenen Reise bis zu diesem Punkt. Es stellt vieles in Frage, was üblicherweise über Erziehung gedacht und geschrieben wird und weist mit Sicherheit keinen bequemen Weg. Es kann und will niemandem sagen, wie er oder sie mit Kindern umgehen sollte – aber es möchte Fragen aufwerfen und zum Nachdenken anregen. Meine größte Hoffnung ist, daß es einen Beitrag dazu leisten kann, Kindern auf wahrhaft menschliche Weise zu begegnen und mit ihnen gemeinsam zu wachsen.
Einige Worte zu denReflexionen, inneren ÜbungenundGeschichten
In dieses Buch habe ich auch einige Reflexionen beziehungsweise innere Übungen aus der Gestalt-Arbeit aufgenommen. Sie stehen – wie die Geschichten – jeweils am Ende eines Kapitels. Sie dienen dazu, das jeweils Gelesene zu vertiefen und Ihren Blick auf Ihre eigene Erfahrung zu lenken. Dabei gibt es kein vorherbestimmtes Ziel. Es gibt nichts Bestimmtes zu erreichen, es werden keine Noten verteilt, und es geht auch nicht darum, etwas richtig zu machen. Die Übungen können ein äußerst hilfreicher Wegbegleiter sein, wenn Sie sich ihnen einfach mit Interesse und offenen Sinnen zuwenden und sich in keiner Weise unter Leistungsdruck setzen oder sich bewerten. Fühlen Sie sich aber bitte nicht verpflichtet, alle Übungen zu machen. Wählen Sie aus, was Sie anspricht, und lassen Sie weg, was Ihnen nicht zusagt. Wenn Sie unsicher werden, erinnern Sie sich daran, daß es in diesen Übungen nichts zu leisten oder zu erreichen gibt, sondern nur etwas zu entdecken.
Am meisten werden Sie von diesen Reflexionen und Übungen profitieren, wenn Sie sich immer mal wieder ein wenig Zeit nehmen, sich auf Ihre eigene Erfahrung oder auf Ihre Kinder zu besinnen. Mit der Zeit können sie so ein wertvolles Werkzeug werden, Ihren eigenen Weg im Leben mit Ihren Kindern zu finden.
Die Reflexionen dienen dem Zweck, einige spezielle Themen näher zu beleuchten. Sie sind für das Verständnis des Buches nicht unbedingt erforderlich und können so auch ausgelassen werden. Da diese Themen aber trotz ihrer Komplexität auch faszinierende Erkenntnisse ermöglichen können, sind sie für diejenigen Leserinnen oder Leser aufgenommen worden, die sich von dem jeweiligen Thema besonders angesprochen fühlen.
Mit den Geschichten wiederum möchte ich auf Aspekte des Lebens mit Kindern aufmerksam machen, die in dieser Form besonders anschaulich dargestellt werden können. Geschichten waren schon immer ein beliebter Weg, bestimmte Botschaften zu vermitteln. Sie sprechen auch unsere Gefühle an und können uns so ermutigen und inspirieren, Kinder und ihre Welt auf eine neue Weise wahrzunehmen.
Teil 1
Mit Kindern neue Wege gehen
Der Mythos der „richtigen“ Erziehungsmethode
Ich weiß nicht und kann nicht wissen, wie mir unbekannte Eltern unter unbekannten Bedingungen ein mir unbekanntes Kind erziehen können …
Dieses „Ich-weiß-nicht“ ist in der Wissenschaft der Ur-Nebel, aus dem neue Gedanken auftauchen. Für einen Verstand, der nicht an wissenschaftliches Denken gewöhnt ist, bedeutet ein „Ich-weiß-nicht“ eine quälende Leere.
Ich will lehren, das wunderbare, von Leben und faszinierenden Überraschungen erfüllte schöpferische „Ich-weißnicht“ der modernen Wissenschaft im Verhältnis zum Kinde zu verstehen und zu lieben.
Es geht mir darum, daß man begreift: Kein Buch und kein Arzt können das eigene wache Denken, die eigene sorgfältige Betrachtung ersetzen.
JANUSZ KORCZAK
Was das Leben mit Kindern anbelangt, so ist unsere heutige Zeit vor allem geprägt von Unsicherheit. Früher war alles einfacher. Kinder hatten sich anzupassen, zu gehorchen, zu funktionieren. Das Familienleben beruhte auf einer unumstößlichen Machtstruktur, an deren Spitze der Vater stand. Seine Autorität war unantastbar und wurde notfalls mit Gewalt durchgesetzt, ohne daß dies durch irgendwelche Gefühle von Reue oder Unangemessenheit in Frage gestellt worden wäre. „Wer sein Kind liebt, der schlägt es“, „Was Klein-Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr“ und ähnliche Sprüche waren Ausdruck dieser patriarchalischen Struktur, unter der nicht nur die Kinder, sondern auch die Frauen zu leiden hatten. Man könnte sagen, daß das Kind früher als die Schöpfung des Vaters angesehen wurde, und als Schöpfer konnte er über seine Schöpfung bestimmen. Er besaß das Recht, aus dem Kind zu machen, was er wollte, und ihm kam gar nicht in den Sinn, es als das zu respektieren, was es in seinem inneren Wesen wirklich war. Er gab die Richtung für sein Leben vor und konnte es entsprechend seinen Vorstellungen ausbilden und formen.
Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts begannen wir uns für die echten Enwicklungsbedürfnisse von Kindern zu interessieren. In den zwanziger Jahren bis zum Zweiten Weltkrieg entstanden verschiedene hoffnungsvolle Ansätze, die dann allerdings, mit Beginn des Krieges, zum größten Teil im Keim erstickt wurden. Die 68er Jahre waren geprägt von einer starken Auflehnung gegen diese festgefügten Machtstrukturen. In der Folge kam es zu mehr Gleichberechtigung für die Frauen, und auch in bezug auf Kinder und ihre Bedürfnisse hat sich in dieser Hinsicht einiges geändert. Die Antiautoritäre Erziehung oder auch die Antipädagogik waren eine Art Gegenbewegung zu dieser alten Machtstruktur, aber in der Praxis konnten sich diese Bewegungen nicht recht behaupten.
Wenn wir heute in eine Buchhandlung gehen, so finden wir eine ungeheure Fülle von Büchern und Elternratgebern, die die unterschiedlichsten Methoden, Rezepte oder Ratschläge anbieten, wie wir Kinder erziehen sollten. Die Anzahl der feilgebotenen Ansätze ist fast schon so groß wie auf dem Gebiet der Ernähungslehren. Diese Vielfalt ist zweifellos die Folge unserer Unsicherheit – unserer Angst, den Zustand des „Ich-weiß-Nicht“, wie Janusz Korczak es nannte, auszuhalten und uns Kindern wirklich zuzuwenden. Darüber, wie die Aufgabe des Elternseins sinnvoll bewältigt werden kann, gehen die Meinungen weit auseinander, und das verstärkt noch die tiefe Unsicherheit vieler Eltern, wie sie mit der Situation umgehen sollen, in die sie mehr oder weniger freiwillig geraten sind. Diese Unsicherheit wird bei vielen noch weiter verstärkt von dem Bild der glückstrahlenden und kompetenten Eltern, wie sie uns die Werbung oder manche Erziehungsratgeber vorgaukeln. Tatsächlich ist die Geburt eines Kindes ein radikaler Einschnitt im Leben der Eltern – meistens vor allem in dem der Mütter. Gleichzeitig werden die Ängste und Schwierigkeiten mit dieser neuen Situation sehr häufig nicht geäußert. Alle scheinen es ja leicht zu schaffen, alle scheinen glücklich zu sein. Wer möchte schon zugeben, daß er oder sie der einzige Versager zu sein scheint.
Wenn wir uns dann, aus unserer Unsicherheit heraus, nach der einen oder anderen Methode richten, machen wir die Kinder jedoch zwangsläufig zu Objekten der Erziehung, statt mit ihnen in eine wahrhaft menschliche Beziehung einzutreten. Ich glaube, für uns Erwachsene ist die Vorstellung, unser Lebenspartner würde sich uns nach einer bestimmten Methode zuwenden, auch nicht gerade beglückend. Jegliche Methode stellt sich zwangsläufig zwischen uns und andere Menschen und verhindert so einen wirklich menschlichen Kontakt. Letztlich ist ein solches Vorgehen immer eine Form der Manipulation und mit einer gleichwürdigen, auf Liebe und Respekt basierenden Beziehung nicht vereinbar.
Die Basis für eine neue, richtungweisende Perspektive im Umgang mit Kindern liegt also vor allem in einer grundsätzlich neuen Sichtweise der Beziehungen zwischen Erwachsenen und Kindern. Es ist in den letzten Jahren stärker ins Bewußtsein der Öffentlichkeit gerückt, was vielen Müttern intuitiv schon immer klar war: Ein Kind ist ein fühlendes Wesen und vollwertiger Mensch; kein unbeschriebenes Blatt, das von uns erst entsprechend beschrieben werden muß, damit es zu einem richtigen Menschen wird. Wenn wir möchten, daß sich dieses einzigartige werdende Leben möglichst optimal entfaltet, müssen wir ihm mit Liebe und Achtsamkeit begegnen. Unsere Beziehung darf nicht durch unsere Macht und den Wunsch bestimmt sein, ein Kind nach unseren Vorstellungen formen zu wollen, sondern durch wirklichen Respekt und den Wunsch, die Entfaltung des Kindes zu unterstützen und ihr so wenig wie möglich im Wege zu stehen.
• Rebeca und Mauricio Wild nannten ihren Ansatz „Nichtdirektive Erziehung“. Das heißt, daß Erwachsene das Kind nicht von außen bestimmen, lenken oder motivieren, sondern versuchen, den inneren Zustand und die Interessen jedes einzelnen Kindes zu erspüren und ihm die Möglichkeit zu schaffen, sich seinen echten Entwicklungsbedürfnissen gemäß zu entfalten.
• Emmi Pikler betont die Kompetenz eines jeden Kindes – seine Fähigkeit, den für seine Entwicklung besten Weg selbst zu finden, wenn man ihm seine Zeit läßt und es entsprechend begleitet.
• Myla und Jon Kabat-Zinn nennen Werte wie Souveränität, das heißt Eigenständigkeit oder das Recht eines jeden Menschen, sich nach seinem eigenen inneren Gesetz zu entfalten und selbst über sein Leben zu bestimmen; oder Empathie, das meint die Fähigkeit, sich in Kinder einzufühlen, die Welt auch aus ihren Augen zu sehen.
• In der Gestalt-Arbeit spricht man von den Selbstregulierungskräften, die in jedem lebenden Organismus wohnen und die es zu respektieren und zu unterstützen gilt. Auch hier wird betont, daß sich jede lebendige Ganzheit nach ihrem eigenen inneren Gesetz und in ihrer eigenen Zeit entfaltet. Aus einem Weizenkorn wird kein Gänseblümchen und aus einem Schimpansen kein Mensch, egal wie lange wir versuchen würden, ihn zu unterrichten. Auch können Wachstumsprozesse nicht beschleunigt werden, ohne daß dies negative Folgen nach sich zieht, wie die Geschichte am Ende dieses Kapitels deutlich macht.
All diese Werte sind aber nicht einfach Bestandteile einer neuen Theorie, sondern wurden vielfach in der Praxis bestätigt – in Familien, in Säuglingsheimen und Kinderkrippen, in Kindergärten und Schulprojekten.
Immer mehr Menschen fühlen sich von dieser neuen Sichtweise angesprochen, aber ihre Verwirklichung im täglichen Leben ist alles andere als leicht. Schließlich ist eine solche Art von Beziehung für uns alle Neuland, und die Folgen unserer eigenen Erziehung hindern uns oft daran, etwas zu leben, was wir eigentlich als wertvoll und wichtig ansehen. Hinzu kommt der Streß, den die Organisation eines Haushalts und das Leben mit Kindern zuweilen mit sich bringen sowie eine gesellschaftliche Situation, die Qualitäten wie Achtsamkeit, Mitgefühl und Einfühlsamkeit nicht gerade unterstützt.
Ein Bild, das die Herausforderungen des Elternseins treffend widerspiegelt, ist das Surfenlernen. Es ist oft anstrengend, wir verlieren immer wieder das Gleichgewicht und schlucken dann unter Umständen eine Menge Wasser. Manchmal ist die See rauh, und wir können uns kaum auf dem Brett halten – zu anderen Zeiten läuft alles wunderbar, wir gleiten sicher auf den Wellen dahin und genießen den inneren Reichtum, den ein erfülltes Leben uns schenken kann. Die See verändert sich ständig, wir wissen nie, was die nächste Welle von uns verlangt, und wenn unsere Wachheit und Präsenz nachlassen, finden wir uns schnell im Wasser wieder. Aber wenn wir uns der Herausforderung stellen, können wir lernen zu surfen. Wir können ein inneres Gleichgewicht finden, das uns in ruhigen und stürmischen Zeiten hilft, den Boden nicht unter den Füßen zu verlieren und die bestmögliche Lösung für unsere jeweilige Situation zu finden.
Das Bild des Surfens macht auch deutlich, daß es keinerlei Rezepte oder Gebrauchsanleitungen gibt, mit denen wir zum Erfolg kommen. Kinder können nicht auf gutes Funktionieren programmiert werden – höchstens mit psychischer oder physischer Gewaltanwendung. Sie sind keine Maschinen, sondern lebendige Wesen mit ganz konkreten Bedürfnissen. Wie alle lebendigen Organismen tragen sie ihr ganzes Potential in sich – sie sind in sich vollkommen –, und die Frage ist, wie dieses Potential zur Entfaltung kommen kann. Jedes Kind, jeder Mensch ist einzigartig und mit ganz spezifischen Eigenschaften und Talenten ausgestattet. Dieser ganz individuelle, wesensmäßige innere Reichtum möchte sich erfüllen, drängt dazu, sich in der Welt zu verwirklichen. In der Humanistischen Psychologie spricht man in diesem Zusammenhang von der „Selbstaktualisierungstendenz“. Und je mehr es einem Menschen möglich ist, seiner inneren Natur gemäß zu leben, desto erfüllter, zufriedener und auch kreativer und leistungsfähiger wird er sein.
Menschen wie Maria Montessori, Janusz Korczak oder Emmi Pikler haben dies gesehen und sich Kindern jeweils mit wirklichem Interesse zugewandt – und von ihnen gelernt. Sie sind nicht nach einem Rezept oder nach einer Methode vorgegangen, sondern haben ihr Herz für jedes einzelne Kind mit der Frage geöffnet, wie seine konkrete Lebenssituation aussieht und was seiner Entfaltung dienen könnte. Das heißt, sie haben versucht, mit Kindern in eine echte Beziehung zu treten. Kinder sind für sie nicht Objekte von Erziehungsmethoden, sondern vollwertige Menschen, die sie verstehen und die sie auf ihrem Weg ins Leben so gut wie möglich unterstützen und begleiten wollen. Wie bereits erwähnt, hat Maria Montessori betont, daß wir Kinder nur verstehen und angemessen begleiten können, wenn wir lernen, „mit den Augen der Liebe“ zu sehen. Sie hat häufig davor gewarnt, ihre Arbeit auf das von ihr entwickelte pädagogische Material zu reduzieren und immer wieder betont, daß die innere Arbeit der Erwachsenen an sich selbst eine unerläßliche Voraussetzung dafür ist, den Kindern auf angemessene Weise zu begegnen.
Alle Erziehungskonzepte sind im besten Fall Landkarten, die uns helfen können, uns immer wieder neu zu orientieren. So gut eine Landkarte auch sein mag – sie nützt uns nichts, wenn wir uns nicht auf den Weg machen und das Terrain selbst erkunden.
Nun ist es leider so, daß die Nachfolger solch großer Pädagogen häufig nicht selbst gelernt haben, wirklich zu sehen, sondern von der Strahlkraft der Landkarte ihrer Vorbilder geblendet wurden. So entstanden dann Erziehungsmethoden und Konzepte, die sich zwangsläufig zwischen uns und die Kinder schieben und verhindern, daß wir diese wirklich sehen und ihre Signale wahrnehmen und verstehen können. Wir sehen sie dann nicht mehr als Subjekt, zu dem wir in Beziehung treten, sondern als Objekt. Wie Janusz Korczak im eingangs dieses Kapitels abgedruckten Zitat betont, ist jedes Kind und jede Situation, in der wir uns befinden, anders, und keine Landkarte kann dieser sich ständig verändernden Wirklichkeit letztendlich gerecht werden – auch wenn sie uns unbestritten einen hilfreichen Orientierungsrahmen bieten kann.
Sehr treffend wird der Konflikt zwischen der Wirklichkeit und unseren Konzepten von einem schwedischen General zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges dargestellt. Es wird berichtet, daß er vor einem Feldzug in Feindesland, für das es nur sehr ungenaue Landkarten gab, eine Ansprache an seine Offiziere hielt. Seine Worte lauteten sinngemäß etwa folgendermaßen: „Meine Herren! Wenn Sie – mit Gottes Hilfe – in feindliches Gebiet vorgedrungen sind und feststellen, daß das Land, das Sie vorfinden, nicht mit Ihren Karten übereinstimmt, können Sie davon ausgehen, daß die Karte falsch ist und nicht das Land!“
Dieses Buch soll dazu ermutigen, die Landkarten auch wieder beiseite zu legen und sich auf den Weg in die Wirklichkeit des Landes selbst zu begeben – auch wenn wir uns dabei zunächst unsicher oder sogar unfähig fühlen. Aber nur wenn wir uns Kindern ohne vorgefertigte Konzepte darüber, wie sie sein „sollten“, zuwenden, wenn wir nicht versuchen, sie unseren Landkarten anzupassen, können wir sie so wahrnehmen, wie sie sind, und sie entsprechend begleiten.
In einem Gespräch mit Anna Tardos, Judith Falk und Maria Vincze über ihre Arbeit im Lóczy bezeichneten sie dies als ihre wichtigste Aufgabe: jeden Tag von neuem anzufangen. Sich immer neu Fragen zu stellen, bei jedem Kind, in jeder Situation. Sich immer neu einzufühlen und zu versuchen, jedes Kind und jede Situation so wahrzunehmen, wie sie gerade sind. Ihre Landkarte entstand aus direkter Erfahrung. Und was mich sehr beeindruckt ist: Sie lassen nicht zu, daß sich diese wirklich phantastisch ausgereifte und präzise Landkarte zwischen sie und die Kinder stellt. Wenn sie sich in das Land selbst begeben und mit den Kindern in direkte Beziehung treten, legen sie die Landkarte beiseite und vermeiden so, mit der Karte vor Augen ständig ins Stolpern zu geraten oder gar in gefährliche Löcher zu fallen.
Allzuoft sind wir – wie der Vater auf der Karikatur – selbst unsicher und voller Angst, ins Offene und Unbekannte zu gehen, die Leere des „Ich-weiß-Nicht“ zu ertragen, bis sich ein Weg im Nebel des Nichtwissens abzeichnet. So halten wir uns an den Schwimmreifen von Systemen, Methoden, festen Vorstellungen und fremden Autoritäten über Wasser. Der Wunsch nach einer Methode, die uns die Sicherheit gibt, daß Kinder sich wunderbar entwickeln werden, wenn wir nur das Richtige tun, ist eine verständliche Folge unserer Unsicherheit. Es wäre doch zu schön, wenn es ein Geheimrezept gäbe, das unsere Schwierigkeiten im Leben mit Kindern in Wohlgefallen auflösen könnte – oder einen Ratgeber, der uns immer sagt, was zu tun ist, wenn wir in Schwierigkeiten geraten.
Aber kann es solche Geheimrezepte überhaupt geben? Wir leben in einer Gesellschaft, die den Bezug zu natürlichen Wachstums- und Reifeprozessen weitgehend verloren hat. Wir sind noch stark beeinflußt vom mechanistischen Denken, und so sind wir ständig auf der Suche nach dem, was wir „machen“ können, um unsere Schwierigkeiten zu lösen. Der heutige Mensch ist in seiner Ungeduld ständig versucht, Wachstums- und Reifeprozesse zu beschleunigen und sie möglichst kontrollieren zu wollen, und so liegt es nur nahe, Konzepte und Methoden zu entwickeln, die Eltern dabei helfen sollen, besonders intelligente, fähige oder sogar spirituelle Kinder heranzuziehen. Doch dieses „Machen“, diese Form des Aktivismus, kommt nicht aus einer wirklichen Einsicht, sondern mehr oder weniger vorschnell und pauschal, um eine Schwierigkeit oder eine beunruhigende Situation zu lösen. Aber wie heißt es so schön – unsere genialen Lösungen von heute sind allzu häufig unsere Probleme von morgen. Denn wenn wir in diese Art des Umgangs mit Kindern verfallen, sind wir nicht wirklich mit ihnen in Kontakt. Wir sehen weder sie noch die Situation – wir wenden uns vielmehr ab und suchen woanders nach der Lösung.
Die vermeintliche Sicherheit, die wir uns erhoffen, wenn wir uns nach bestimmten Methoden oder Grundprinzipien im Umgang mit Kindern richten, ist trügerisch. Wir mögen vielleicht oberflächlich das Gefühl haben, sicheren Boden unter den Füßen zu haben und zu wissen, wo es langgeht, aber in Wahrheit werden wir taub und blind für das, was das Kind uns zeigt – für seine innere Wirklichkeit.
Aus dieser Perspektive wird deutlich, daß wir uns auf das Elternsein nicht wirklich vorbereiten können. Wir können einfach nie wissen, was uns erwartet und welche Schritte sich auf unserem Weg ergeben. Immer wieder geht es darum, innezuhalten, uns wirklich zuzuwenden, versuchen wahrzunehmen, was sich in einer Situation zeigt, statt das Leben des Kindes nach unseren Vorstellungen zu bestimmen.
