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Als sie eine kleine Hütte im Wald erbt, findet Siri Helle zu ihren Händen und dem Glück praktischer Arbeit zurück. Sie sägt, hämmert, schnitzt – und wird am Ende jedes schweißtreibenden Tages mit dem wunderbaren, befriedigenden Gefühl belohnt, etwas geschaffen zu haben. Ihr humorvoller Bericht zeigt, dass es nie zu spät ist, ein Handwerk – oder den Umgang mit der Kettensäge – zu lernen. Selbst für Menschen mit zwei linken Händen. «Ich würde nichts anderes lieber tun. Wenn ich beim Holzhacken in Schwung bin, wenn die Holzscheite, die Axt und ich unseren Rhythmus finden, kann ich ewig weitermachen. Die Arbeit erfüllt meinen Körper, die Wiederholungen erfüllen meinen Kopf, und gerade jetzt ist dies – mein eigenes Holz zu hacken – der Sinn des Lebens.»
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Seitenzahl: 156
Veröffentlichungsjahr: 2022
Siri Helle
Vom Glück, etwas selbst zu machen
Als sie eine kleine Hütte im Wald erbt, findet Siri Helle zu ihren Händen und dem Glück praktischer Arbeit zurück. Sie sägt, hämmert, schnitzt – und wird am Ende jedes schweißtreibenden Tages mit dem wunderbaren, befriedigenden Gefühl belohnt, etwas geschaffen zu haben. Ihr humorvoller Bericht zeigt, dass es nie zu spät ist, ein Handwerk – oder den Umgang mit der Kettensäge – zu lernen. Selbst für Menschen mit zwei linken Händen.
«Ich würde nichts anderes lieber tun. Wenn ich beim Holzhacken in Schwung bin, wenn die Holzscheite, die Axt und ich unseren Rhythmus finden, kann ich ewig weitermachen. Die Arbeit erfüllt meinen Körper, die Wiederholungen erfüllen meinen Kopf, und gerade jetzt ist dies – mein eigenes Holz zu hacken – der Sinn des Lebens.»
Siri Helle, geboren 1982, ist Agrarwissenschaftlerin. Sie arbeitet als Autorin, Journalistin, Tischlergehilfin und Ziegenhirtin.
Die norwegische Originalausgabe erschien 2020 unter dem Titel «Med berre nevane» bei Samlaget, Oslo.
Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Hamburg, Juni 2022
Copyright © 2022 by Rowohlt Verlag GmbH, Hamburg
«Med berre nevane» Copyright © Siri Helle, 2020 by Det Norske Samlaget. Published in agreement with Northern Stories
Übersetzung Seite 109 bis 139 Ebba Drolshagen
Covergestaltung zero-media.net, München
Coverabbildung FinePic, München
ISBN 978-3-644-01189-2
Schrift Droid Serif Copyright © 2007 by Google Corporation
Schrift Open Sans Copyright © by Steve Matteson, Ascender Corp
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EINLEITUNG In der mir meine Hände einen neuen Blick auf die Welt eröffnen
Kapitel 1 In dem ich lerne, die Motorsäge zu lieben
Warme Gefühle für kalten Stahl
Kleine Frau gegen großen Baum
Die Fichte soll fallen
Kapitel 2 In dem ich zu der Überzeugung komme, dass ich ein kleines, aber sehr nützliches Häuschen bauen kann
Man kann von Messern und Ästen leben
Eine Schule für alle – und für den ganzen Körper
Kopf und Hände lernen voneinander
Der Schule fehlt es an praktischer Tauglichkeit
Kapitel 3 In dem ich etwas hinaufklettere, das ich selbst gebaut habe
Das Dach, in dem eine Menge angewandter Mathematik steckte
Gelungen beim ersten Versuch
Kapitel 4 In dem ich Baumaterial im Moor sammle und eine Wand flechte
Der Mensch ist gemacht, um sich zu bewegen
Vielfalt stärkt
War früher alles besser?
Sennerinnensommer
Kapitel 5 In dem ich etwas lerne, das so speziell ist, dass es nicht mal auf YouTube zu finden ist
Ein Erbe zum Anfassen
Unsere Kultur steckt in Stoffen und Kochtöpfen
Die Stadt, die sich auf sich selbst verließ
Kapitel 6 In dem ich still sitze und Vögel beobachte
Nachwort In dem ich einen neuen Spielplatz finde und Wurzeln schlage
Eigentlich ist es viel zu warm in der Sonne. Zu warm für Schutzkleidung und Gehörschutz und eine warm gelaufene Motorsäge, zu warm für den Hackklotz und die Axt, der Schweiß rinnt und vermischt sich mit dem Sägestaub und den Nadeln der Fichte, die ich bearbeite. Ich trinke immer wieder Wasser aus dem Fluss hinter der Hütte, aber der Durst bleibt. Trotzdem mache ich weiter.
Nicht weil ich muss. Niemand bezahlt mich dafür, dass ich diesen Baum fälle, ihn entaste, in handliche Stücke zerlege, in Scheite zerteile und an der Wand hinter meiner Hütte aufstaple, meiner Hütte ohne Strom, die einen halbstündigen Fußmarsch von meinem Heimatort Holmedal entfernt liegt, ziemlich weit draußen an der Küste vielleicht, aber ansonsten ziemlich zentral im Bezirk Sogn und der Fjordlandschaft. Niemand würde mich kritisieren, wenn ich es einfach sein ließe, wenn ich mich stattdessen zum Beispiel auf einen Stein am Fluss legte und die Füße ins Wasser hielte oder das täte, was ich eigentlich sollte: im Büro vor dem Bildschirm sitzen.
Eines weiß ich aber ganz genau: Ich würde nichts anderes lieber tun. Wenn ich beim Holzhacken in Schwung bin, wenn die Holzscheite, die Axt und ich unseren Rhythmus finden, kann ich ewig weitermachen. Die Arbeit erfüllt meinen Körper, die Wiederholungen erfüllen meinen Kopf, und gerade jetzt ist dies – mein eigenes Holz zu hacken – der Sinn des Lebens.
Und dann gehen die Gedanken ihren Gang. Wahrscheinlich war es in einem solchen Moment, während ich hackte, kürzte und spaltete, als ich begriff, dass ich die Welt von den Händen ausgehend verstehe. Durch sie – und durch das, was sie können und tun und nicht tun dürfen – spüre ich Freude, sie vermitteln mir das Gefühl, etwas geschafft zu haben. Mit ihnen kann ich das meiste, das in unserer Gesellschaft gut und schlecht ist, zusammenfassen.
Dies ist die Geschichte meines Wegs zurück zu meinen Händen. Sie handelt davon, wie man sich in einer Hütte zu Hause fühlt, vom Wunsch, etwas zu erschaffen, und dem fernen Wunsch, mit den eigenen Händen ein Haus zu bauen, ein Wunsch, der Wirklichkeit wurde – in Form eines Außenklos.
Ich liebe es, Dinge zu bauen. Dinge herzustellen. Produzieren, schaffen, verwirklichen. Und ich hasse es, Dinge herzustellen. Beides entspricht der Wahrheit. Der Unterschied: das Gefühl der Bewältigung (und ein bisschen auch das Werkzeug). Es geht nicht unbedingt darum, ob mir das, was ich mir vorgenommen habe, sofort gelingt, sondern darum, ob ich das Gefühl habe, dass ich es mit der Zeit werde schaffen können.
Ich wünschte, jemand hätte mir die folgenden zwei Dinge früher gesagt: Zum einen, dass ich gerne Dinge herstelle, und zum anderen, dass ich arbeiten muss, um es zu schaffen. Denn für mich als gute Schülerin war es eine Selbstverständlichkeit, dass ich auf dem Gymnasium einen Weg einschlage, der mir anschließend die Tür zur Universität eröffnete, und dass ich da auch hingehen würde.
So kam es nicht. Als ich 28 Jahre alt war, begann ich stattdessen eine Ausbildung in der Landwirtschaft. Und dort, zwischen den Melkbechern, die sich an den falschen Stellen festsaugten, und Ziegen, die mich nicht respektierten, zwischen Kartoffeln, die ich mit der Gabel aufspießte, und einer Axt, die nicht dort einschlug, wo ich es wollte, entdeckte ich, was mir all die Jahre gefehlt hatte: Ich hatte mich nie ganz eingebracht. Ich hatte meinen Körper vergessen. Meine Hände.
Damit bin ich, glaube ich, nicht allein, und darum handelt dieses Buch auch nicht nur von mir. Menschen, die praktischer Arbeit nachgehen – Handwerker:innen –, sind unersetzlich, und wir müssen dafür kämpfen, dass sie überleben. Aber um wirklich den Wert ihrer Arbeit zu erkennen, dürfen sie mit ihrem Wissen nicht allein bleiben.
Nicht alle können Handwerker werden, nicht jeder kann einer praktischen Arbeit nachgehen. Nicht alle können sich ihr eigenes Besteck hämmern, ihre eigene Nahrung produzieren oder ihr eigenes Außenklo bauen. Aber nachdem ich nun selbst praktisch gearbeitet habe, bin ich zu der Überzeugung gekommen, dass alle die Chance haben sollten, ihr gesamtes Ich einzusetzen.
Was passiert mit dem Körper, wenn er nicht mehr regelmäßig für physische Arbeit gebraucht wird? Was geschieht mit unseren Händen und was mit unserer Gesellschaft, die zu bilden uns so viel Zeit und Kraft gekostet hat?
Früher einmal waren wir alle Seiler. Da schälten wir im Frühling Birken und Linden, weichten die Rinde über den Sommer ein und machten Lindenbastseile daraus. Wir kannten jeden Millimeter des fertigen Produkts und wussten genau um seine Qualitäten und wie viel Arbeit darin steckte. Darum gaben wir auch gut darauf acht, und darum hatten wir auch keine Angst, unsere Kinder damit hochzuheben. Wir vertrauten unserem Können. Heute geht das nicht mehr – und wir vertrauen stattdessen dem CE-Siegel.
Wenn man keinen Reißverschluss mehr auswechseln kann, vertraut man billigen Hosen. Je weniger Reifen man wechselt, desto weniger versteht man von den Autos, denen wir unser Leben anvertrauen. Und je weniger Leute wissen, wie viel Arbeit es macht, eine Fensterscheibe auszutauschen oder einen Blumenkohl anzupflanzen, umso schwieriger wird es für den Schreiner oder den Bauern, eine faire Bezahlung für seine Arbeit zu bekommen. Ich könnte noch lange so weitermachen.
Dieser Übergang – dass die Mehrzahl der Menschen vom Produzenten zum Konsumenten geworden ist, vom Macher zum Denker, vom Praktiker zum Theoretiker – ist eine der größten Veränderungen unserer modernen Gesellschaft. Trotzdem sprechen wir nicht besonders viel darüber.
Der moderne westliche Mensch ist dazu erzogen, eine spezialisierte Tätigkeit auszuüben und darüber hinaus das einzukaufen, was er zum Leben braucht. Aber wir sind nicht nur nicht dafür gemacht – die meisten von uns wollen auch gar nicht so leben.
Doch werden wir jemals dazu angehalten, unsere nützlichen, praktischen, klugen Hände zu benutzen? Wir raten cleveren jungen Menschen, ein Leben hinter einem Büroschreibtisch zu wählen, während die weniger begabten Schüler sich einen praktischen Beruf suchen sollen.
Niemand wird zum Handwerker geboren. Alle müssen lernen. Und dieses Lernen – die Entwicklung, ein Handwerk erst schlecht, dann besser und schließlich gut zu beherrschen – kann man nicht anders als besonders bezeichnen.
Das Erfolgserlebnis.
Dass die Axt das Holzscheit dort trifft, wo ich es will, nicht nur einmal, sondern jedes Mal, ist ein Erfolgserlebnis, das seinesgleichen lange sucht.
Ja, ich bin der Ansicht, dass dieses Gefühl so grundlegend ist, dass es keinesfalls nur denen vorbehalten sein darf, die davon leben.
Es ist ein Drang, den ein Leben in der Wissensgesellschaft allein nicht erfüllen kann. Dieser Drang lässt uns Bücher über Holz und Lagerfeuer und Heuschober kaufen, über die Kunst des Bierbrauens und das Stricken. Es ist ein Schaffensdrang, die Sehnsucht nach einer Aufgabe, die zu einem Ergebnis führt, für das es keine Anerkennung von außerhalb braucht.
In mancher Hinsicht ist dieses Buch ein Paradox. Weil ich, die Autorin, die hier eine Lanze dafür bricht, dass wir alle unsere Hände für praktische Dinge gebrauchen und die Handarbeit und das Handwerk besser wertschätzen sollen, mein Geld damit verdiene, dass ich vor dem Computer sitze und denke und schreibe. Als ich dreißig war, bekam ich meine erste Kolumne «Aus dem Kochtopf» in der Zeitung – ich schreibe sie bis heute –, und damit ging es los.
Ich hatte einiges zu sagen und eine gute Art, das rüberzubringen – es war also relativ einfach, Leute zu finden, die mich dafür bezahlten, dass ich meine Gedanken, meine Erfahrung und mein Wissen über Essen, Nahrungsmittelproduktion und Grundnahrungsmittel, das ich mit der Zeit erwarb, mitteilte. Plötzlich war ich eine, die was mit Medien machte. Genau das, was vor zehn Jahren alle wollten. Das bin ich. Ich werde dafür bezahlt, dass ich über dies und das etwas schreibe und denke.
Natürlich schreibe ich gerne. Ich liebe das Gefühl, etwas vollständig beschreiben zu können, komplexe und wichtige Zusammenhänge; die Fähigkeit zu haben, anderen Menschen Gefühle zu vermitteln, sodass sie meine Erlebnisse, Gedanken und Meinungen nachvollziehen oder vielleicht sogar ein Teil davon werden können. Ich mag das Gefühl, wenn die Finger über die Tastatur fliegen, schneller manchmal, als die Gedanken kommen. Ich liebe die Worte und dass ich am öffentlichen Diskurs teilhaben darf. Aber meine Arbeit ist für mich nicht das Wichtigste. Sie lässt nämlich nicht zu, dass mein gesamtes Ich zum Zug kommt.
Um ein Außenklo zu bauen hingegen – ein Außenklo, wie es sonst kein zweites gibt auf der Welt –, war ich von Kopf bis Fuß im Einsatz. Wenn in dem Bau eines so kleinen, einfachen Häuschens so viele Erfolgserlebnisse, so viel Erfahrung, Identität, Wurzeln und nicht zuletzt Freude, Spielerei und Spaß stecken, wie viel Schaffensfreude wartet dann in der Welt nur darauf, dass jemand sie endlich abruft?
Wir können die Zeit nicht zurückdrehen, wir können, sollten und wollen nicht alle Selbstversorger sein. Aber wir können, werden, sollten auch nicht den Kontakt zu unseren Arbeitshänden verlieren.
Der Baum will nicht fallen. Ich bin allein bei der Hütte, und der große Baum direkt an der Hüttenwand will nicht. Ich ziehe mit aller Kraft und schlage alle Keile ein, die ich habe, aber der Baum rührt sich nicht. Und das Schlimmste von allem: Ich war so sehr damit beschäftigt, den Baum zu sichern, dass ich den Stamm ganz durchgesägt habe, sogar durch die Bruchkante. Die Kante, die ich zwischen die Fallkerbe und die Kopfkerbe gesetzt habe und entlang derer der Baum kontrolliert in die Richtung fallen soll, die ich vorgesehen habe, hat einen großen Teil eingebüßt. Mittendrin zum Glück, aber trotzdem: Der Baum steht, und ich habe keine Ahnung, wie groß die Fläche ist, auf der er steht. Verdammt.
Ich wusste, dass dieser Baum Schwierigkeiten machen würde, dass er nicht von ganz allein fallen würde. Dafür hatte er zu viele Äste auf der falschen Seite. Die Sitka-Fichte, die mein Großvater in der Nachkriegszeit so gewissenhaft gepflanzt hat, steht jetzt so dicht am Haus, dass weder Sonnenlicht durchkommt noch Platz für Äste ist. Die Äste können nicht anders, als aus dem Wald heraus hin zu den Wänden meiner Hütte zu wachsen. In diese Richtung kann ich den Baum nicht fällen.
Darum habe ich es immer wieder verschoben. Habe unter dem Baum gestanden, den Stamm umarmt und dabei nach oben geschaut, um den Schwerpunkt des Baums herauszufinden. Es könnte schlimmer sein, sagte ich mir, aber es könnte wahrlich auch besser sein. Außerdem muss ich wohl zugeben, dass dies der dickste Stamm ist, den ich hier oben bisher vor der Säge hatte: ungefähr einen halben Meter im Durchmesser, gerade so dick, dass ich mich nicht damit herausreden konnte, das Schwert meiner Motorsäge sei zu kurz. Den Baum zu fällen, sollte kein Problem sein. Ich durfte einfach nur keinen Fehler machen.
Die meisten würden meine Hütte als eine «richtige» Hütte bezeichnen. Sie ist rund 25 Quadratmeter groß, es gibt weder Strom noch fließend Wasser, und man kann nicht mit dem Auto hinfahren. Als mein Großvater, Steinar Helle, sich für diesen Ort entschied – den Berg hinter Holmedal, meinem Heimatort am Dalsfjord –, baute er eine richtige Berghütte. Mit Panoramaaussicht und allem, was dazugehörte.
So sieht es heute nicht mehr aus. Jetzt ist es eher ein verhutzeltes Häuschen. Aber die Hütte ist so schön. Die zwei Kilometer und 300 Höhenmeter, die man von der Straße aus überwinden muss, um herzugelangen, reichen aus, um die Herzfrequenz ein bisschen hoch- und den mentalen Puls runterzufahren. Und trotzdem schafft man es, alles, was man braucht, hier hinaufzutragen.
Die Hütte liegt an einem Fluss, der immer genug Wasser zum Baden führt, manchmal so viel, dass man nicht auf die andere Seite kommt. Es ist das frischeste Wasser, das ich mir vorstellen kann. Drinnen gibt es einen Feuerherd zum Kochen und Heizen, einen Kamin, handgemachte Hüttenmöbel, die engste Küche der Welt und viel zu viele alte Paraffinlampen, die ich weder wegschmeißen noch gebrauchen kann.
Ich erbte die Hütte, als mein Vater starb, aber es vergingen viele Jahre, ehe ich begriff, welchen Schatz er mir hinterlassen hatte. Doch in den vergangenen sechs, sieben Jahren habe ich mich an keinem anderen Ort so zu Hause gefühlt wie hier. Vielleicht weil ich mir etwas vorgenommen habe: Großvater hat zwar den Baum gepflanzt, aber er wäre ebenfalls der Meinung, dass er seinen Zweck erfüllt hat. Er kann weg. Es ist an der Zeit, die Aussicht und das Sonnenlicht zurückzuholen.
Außerdem ist meine Hütte ein Teil meines kleinen Familienkapitels unserer Industriegeschichte. Mein Großvater hat die Hütte nicht selbst gebaut. Sie war ein Schulprojekt der Tischlerschule, die es früher einmal in Holmedal gab. Die fertige Hütte sollte im Dorf verlost werden, und eigentlich war Großvater gar nicht der Gewinner, sondern jemand anderer. Da spielte Steinar Helle seine Trumpfkarte aus: sein Status. Großvater war Fabrikdirektor, und wenn der Fabrikdirektor die Hütte haben wollte, dann bekam er sie auch.
Dass aus Großvater ein Fabrikdirektor werden würde, war alles andere als abzusehen gewesen. Eigentlich war er nach Amerika ausgewandert. Das Coolste, was ich meinen Freunden als Kind zeigen konnte, war die inzwischen verplombte Pistole, die mein Opa trug, als er zu Al Capones Zeiten als Hafenarbeiter in Chicago arbeitete.
Großvater war in den USA, während meine Großmutter zu Hause geblieben war. Sie war Lehrerin in Holmedal. Doch sie sollte nachkommen. Der Sage nach war das Ticket bestellt und der Koffer bereits gepackt, als der Brief eintraf: Amerika war in der Krise, der berühmte Crash. Steinar hatte seine Arbeit verloren, sie sollte bleiben, wo sie war, er würde nach Hause kommen. Dieser Brief wurde der wichtigste Brief meines Lebens. Wäre er nur ein paar Tage später angekommen, wäre Großmutter wahrscheinlich schon unterwegs gewesen und drüben geblieben, der Krise zum Trotz, und ich wäre nie geboren worden. Aber das ist eine andere Geschichte.
Steinar kam also nach Hause. Mit leeren Taschen und ohne Aussicht auf Arbeit. Das Gleiche galt auch für seinen Bruder Sigmund, der den Hof der Familie betrieb. «Myra» hieß der Hof, und er konnte die Familie nicht ausreichend versorgen. Doch auf dem Hof gab es eine Schmiede, und ihr Vater, der Dorfschmied gewesen war, hatte die Brüder das Handwerk gelehrt.
Also begannen sie zu schmieden. Messer. Sie stellten Schäfte und Schneiden her und verkauften sie. Erst vor Ort, dann eröffneten sich größere Märkte. Großvater packte sich die Taschen seines Fahrrads voll mit Messern, schwang sich in den Sattel und strampelte davon, über die Berge bis in die Hauptstadt. Dort verkaufte er die Messer für 40 Øre das Stück. Und der Verkauf lief gut. Großvaters Geldbeutel war satt gefüllt, als er heimwärts radelte, so satt, dass er sich unterwegs eine Übernachtung im Wirtshaus gönnte, oben im Hochgebirge. Den Geldbeutel verstaute er unter dem Kopfkissen, dort sollte er sicher sein.
Am nächsten Morgen stand er auf, stieg auf sein Rad und rollte bergab. Unten angekommen, wollte er sich eine Tasse Kaffee kaufen und griff nach seiner Börse – aber sie war nicht da. Sie lag noch immer dort, wo er sie so sicher versteckt hatte: unter dem Kopfkissen oben auf dem Berg. Ihm blieb nichts anderes übrig, als wieder hochzustrampeln und sie zu holen.
Endlich zu Hause, hatte er zudem noch eine Bestellung über 200 Messer im Gepäck. Der Jubel soll groß gewesen sein. Und es ist bis heute eine gute Geschichte.
