Mit Wein Staat machen - Knut Bergmann - E-Book

Mit Wein Staat machen E-Book

Knut Bergmann

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Beschreibung

Unterhaltsam und kenntnisreich untersucht Knut Bergmann das Verhältnis von Wein und Staat, Protokoll und Politik. Er wirft einen Blick in die Gläser, auf die Teller und hinter die Kulissen der Staatsbankette der Bundesrepublik Deutschland, denn Wein und Essen samt Tischkultur und Zeremoniell spiegeln einen Teil der Kulturgeschichte unseres Landes wider: Mit Wein lässt sich Staat machen.

»Knut Bergmann hat eine kenntnisreiche, kluge und immer wieder auch unterhaltsam zu lesende Geschichte von Wein und Sekt in diplomatischen Diensten geschrieben und damit ... die nicht eben übervolle Bibliothek der (politischen) Lebenskunst und (staatsmännischen) Umgangsformen in diesem Land um einen wichtigen Band bereichert.« Frankfurter Allgemeine Zeitung

»Wie Staatsbankette – und die dort aufgefahrenen Getränke – die Geschichte der Bundesrepublik beeinflussten, erzählt der Politikwissenschaftler Knut Bergmann höchst unterhaltsam in seinem Buch Mit Wein Staat machenDie Zeit

»Knut Bergmann hat ein packendes, lehrreiches, wissenschaftlich fundiertes und gleichzeitig amüsantes Buch vorgelegt.« hr2-Kultur

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Seitenzahl: 414

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Knut Bergmann

Mit Wein Staat machen

Eine Geschichte der Bundesrepublik Deutschland

Insel Verlag

Inhalt

Aperitif

Grundlegendes

Das historische Tafelzeremoniell

Genussorientierung als politisches Problem

Literatur

Nährwert

Repräsentation mittels Zeremoniell

Wirkung

Dechiffrierbarkeit

Statistisches

Queen Elizabeth II., fünfter Besuch

Ein Jahrzehnt Staatsbankette

Der deutsche Durchschnittstrinker

Bier

Tradiertes

Kaiserreich

Weimarer Republik

Nationalsozialismus

Die frühe Bonner Republik

Theodor Heuss

Aufzuckerung

Pathos der Nüchternheit

Die ersten Staatsbesuche

Persischer Schah, die Erste

Westbindung

Konrad Adenauer

Trockenbeerenauslesen

Maß halten

Weindiplomatie

Charles de Gaulle

Queen Elizabeth II., zweiter Besuch

Wirtschaftswunderland

Heinrich Lübke

Queen Elizabeth II., erster Besuch

Adenauers Nachfolger

Bei Tisch

Tischgespräche

Tischreden

Musik

Über den Tisch hinaus

Rarer Rotwein

Autos

John F. Kennedy

Persischer Schah, die Zweite

Organisatorisches

Zuständigkeiten

Veranstaltungsorte

Logistik

Geschirr und Gläser

Protokollarisches

Pannen

Gäste

Defilee

Placement

Protokollbeamte

Erica Pappritz

Mehr Demokratie wagen

Gustav Heinemann

Idiosynkrasie

Beliebigkeit

Geschenke

Willy Brandt

Mehr Protokoll wagen

Walter Scheel

Befremdliche Bilder

Ambivalenzen

Helmut Schmidt

Qualitätshindernis Weingesetz

Neue Ostpolitik

Brandt in Erfurt

Wein in der DDR

Drinnen dinieren, draußen demonstrieren

Schmidt am Werbellinsee

Honecker in Bonn

Trinken mit Russen

Leonid Breschnew

Gelockerte Kleiderordnung

Boris Jelzin

Trinken im politischen Alltag

Tabuthema Alkohol

Föderale Vielfalt

Wanderjahre

Karl Carstens

Valéry Giscard d’Estaing

Auslandsausschank I.

Botschaften und Auslandsvertretungen

Präsidenten und Kanzler

Gegeneinladungen

Queen Elizabeth II., dritter, vierter und fünfter Besuch

Papst Johannes Paul II.

Menükarten

Auslandsausschank II.

Republik Irland

Frankreich

Großbritannien

USA

Wendezeiten

Richard von Weizsäcker

Helmut Kohl

Hape Kerkeling alias Königin Beatrix

François Mitterrand

Speisegebote

Gäste jüdischen Glaubens

Muslime

Persischer Schah, die Dritte

Die späte Bonner Republik

Aufschwung

Roman Herzog

Nicht alles anders, aber vieles besser machen

Gerhard Schröder

Johannes Rau

Horst Köhler

Angela Merkel

Digestif

Dank

Anmerkungen

Bildnachweis

Personenregister

Weingüter, Gebiets- und Lagenbezeichnungen

Aperitif

Zwei Staatschefs an einem Tisch mit weißer Decke, darauf sieben Weinflaschen und diverse Gläser, ein Kellner, im Hintergrund ein seltsames Wellengemälde – das zeigte am 5. Oktober 2007 das erste farbige Titelbild der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Entstanden war das Foto tags zuvor in Pjöngjang bei einem Treffen des nordkoreanischen Diktators Kim Jong Il mit dem südkoreanischen Präsidenten Roh Moo Hyun. Dass es um die Welt ging, lag aber weniger an der seltenen innerkoreanischen Begegnung, es war erst der zweite Nord-Süd-Gipfel seit dem Ende des Korea-Krieges, vielmehr bildet es einen absurden Akt staatlicher Repräsentation ab. Der Herrscher eines abgeschotteten Landes, dessen Bevölkerung darbt, präsentiert sich mit teuer anmutenden Weinen aus dem verhassten Westen – es handelte sich bei den meisten davon um Côte de Nuits-Villages des burgundischen Weinhauses Michel Picard, das in der Folge mit Anfragen überschüttet wurde.

Was der mächtigste Weinliebhaber Nordkoreas mit dieser Inszenierung bezweckte, muss ungeklärt bleiben; sie lässt sich als Detail der bizarren Machtdemonstration des Regimes verbuchen. Werbung für sich und sein Land konnte der für seinen erlesenen Geschmack bekannte Kim damit jedenfalls nicht machen – zu groß war die Dissonanz zwischen den durch den Wein versinnbildlichten Privilegien einer winzigen Elite und der katastrophalen Versorgungslage der nordkoreanischen Bevölkerung.

1 Roh Moo Hyun, Weinflaschen und -kellner, Kim Jong Il

Nur selten wird Wein im Zusammenhang mit staatlicher Repräsentation öffentlich so stark beachtet wie im genannten Fall. Manchmal lässt sich die Menüfolge eines Staatsbanketts samt den servierten Gewächsen nachlesen, Letztere taugen aber selten zum Politikum. Dabei kann Wein durchaus ein – obwohl bloß kleiner und mancherstaats unterschätzter – Teil der Identitätskonstruktion einer Nation sein. Dass er meist eine nachrangige Rolle spielt, liegt in vielen Ländern daran, dass sie kaum Wein produzieren oder lediglich Gewächse minderer Qualität.

Anderes gilt für die große Weinbaunation Frankreich, in der staatlicher Repräsentation generell ein sehr hoher Wert beigemessen wird und man stolz ist auf die Cuisine Française, die seit 2010 zum Weltkulturerbe zählt. Fünf Jahre später wurden zudem die Climats im Burgund, die dortigen Weinbergsparzellen, in diese Liste aufgenommen. Dass »die Gastronomie zur Identität Frankreichs gehört wie das Schloss von Versailles«, stand für den französischen Außenminister Laurent Fabius 2015 außer Frage. »Die französische Nation empfindet den Wein als ihr ureigenstes Gut«, eröffnet Roland Barthes in seinen Mythen des Alltags den berühmten Essay über »Wein und Milch«. In dem 1957 veröffentlichten Text zählt der französische Philosoph den Wein gar zur Staatsräson. Ein ausländisches Gewächs auf einem Staatsbankett der Grande Nation wäre demnach unvorstellbar.1 Aber auch in Deutschland spiegeln die im repräsentativen Kontext ausgeschenkten Weine einen Teil unserer Kulturgeschichte. Zudem weist der Glasinhalt im Gegensatz zu den Tellergerichten den Vorteil auf, dass sich noch Jahrzehnte später Aussagen treffen lassen, wie repräsentativ, wie angemessen und welcher Qualität die jeweiligen Gewächse zu dem Zeitpunkt waren, als sie ausgeschenkt wurden. Bei Speisen kann im Nachhinein weder die Qualität der Ausgangsware und der Zubereitung noch der Zustand, in dem die Gerichte schließlich serviert wurden, wirklich valide beurteilt werden.

Über das bundespräsidiale Ausschankverhalten existieren diverse Anekdoten, manche Kritik und allerlei Vorurteile bis hin zur üblen Nachrede. Das ist – dies sei als These vorangestellt – allerdings weniger den tatsächlich ausgeschenkten Gewächsen geschuldet als dem Image des jeweiligen Bundespräsidenten wie dem des deutschen Weins in der jeweiligen Zeit. Für den Rotwein gilt das teilweise sogar noch heute.

Grundlegendes

Das historische Tafelzeremoniell

Seit Jahrtausenden sagt der zeremonielle Gebrauch des Weins etwas über die Selbstdarstellung der Herrschenden aus. Bereits in der Antike, aus der literarisch vielfältige Trinkgelage der Mächtigen überliefert sind, diente der Wein als Statussymbol. Sein Genuss blieb beispielsweise im alten Ägypten und im Nahen Osten dem Herrscher, dessen Hof und seinen Gästen vorbehalten. Öffentliche Bankette boten orientalischen und griechischen Regenten die Gelegenheit, Wohlstand zu demonstrieren und »waren ein wichtiges Mittel der Repräsentation«, wie es in einem Artikel über die antiken Quellen zum Alkoholgenuss der Herrscher heißt. Das biblische Gastmahl des Belsazar wird in der einschlägigen Literatur sogar als ein »typisches Staatsbankett« bezeichnet: »König Belsazar machte ein herrliches Mahl für seine tausend Mächtigen und soff sich voll mit ihnen«, lautet die entsprechende Textstelle im Buch Daniel. Was genau ausgeschenkt wurde, bleibt ebenso unbekannt wie der Wein beim letzten Abendmahl Jesu, dem seitdem wohl weltweit – zumindest symbolisch – meistpraktizierten Tafelzeremoniell. Wegen der Analogie zu Blut müsste er rot gewesen sein, was dem Symbolgehalt wegen für die meisten in der Bibel vorkommenden Gewächse gilt. In der inzwischen aufgehobenen, auf das Jahr 1976 datierenden Messweinverordnung der deutschen Bischöfe fand sich nichts zu dessen Farbe, wohl aber zur Qualität, natürlich musste er sein. Vom früher bevorzugten Rotwein rückte die Kirche schon vor einigen Jahrhunderten aus Praktikabilitätsgründen ab; die Kelche sind einfacher zu reinigen und die Altartücher bekommen keine Flecken.

Generell korrelieren Glaube und Alkohol konsumptiv in vielerlei Hinsicht, vom in einigen Religionen verlangten vollkommenen Abstinenzgebot bis zum angenommenen Vollrausch im Vatikan, der statistisch zu den Staaten mit dem höchsten Pro-Kopf-Weinverbrauch zählt. In manchen Jahren soll einer Erhebung des California Wine Institut zufolge jeder Einwohner um die 100 Flaschen geleert haben, ohne den nicht erfassten Messwein übrigens. Da die Population überwiegend aus Männern mit hohem Bildungsgrad besteht – eine Gruppe, die eine hohe Affinität zum Weinkonsum aufweist –, zudem unverheiratet und häufig in Gemeinschaft speisend, scheint der Spitzenplatz plausibel. Allerdings dürfte das Zahlenwerk verzerrt sein, denn nicht allein die weniger als 1000 Personen zählende Einwohnerschaft kauft hinter den Mauern der Vatikanstadt ein, sondern ebenfalls viele der 2800 Angestellten – und das günstiger als im umliegenden Rom, weil steuerprivilegiert. Genauso werden dort weit überdurchschnittlich viel Zigaretten, Medikamente und Benzin verkauft. Am anderen Ende der Statistik finden sich islamische Länder wie Pakistan, Afghanistan und Jemen mit Mengen geringer als ein Fingerhut voll.

Im Lauf der Geschichte dienten Speisungen als Mittel zur Machtdemonstration. Wein fungierte dabei als Statussymbol, beispielsweise als Julius Caesar der Naturalis historia von Plinius dem Älteren zufolge nach seinem Sieg über Spanien 45 vor Christus die Römer mit den teuersten Weinen bewirtete. Schon für diese Bankette galt die Grundthese der modernen politischen Kommunikation, die der amerikanische Politikwissenschaftler Murray Edelman Anfang der 1960er Jahre in seinem Klassiker Politik als Ritual postulierte: »Politik auf höchster Ebene ist nicht so sehr Entscheidungshandeln als vielmehr Dramaturgie und Inszenierungskunst.«2

Bei vielen antiken Banketten, soweit überliefert, treten die Merkmale hervor, die noch heute bei solchen Anlässen handlungsleitend sind: die Definition von Status, die beispielsweise in der räumlichen Nähe zum Herrscher zum Ausdruck kam, also das Placement, an dem der Status der Geladenen abzulesen war und ist. Historisch kamen andere Merkmale hinzu, etwa die Kleidung – je prunkvoller, desto höher der Rang – oder die Anzahl der Diener, aber auch die Quantität und Qualität der Speisen und Getränke. Den Herrscher würdig erscheinen zu lassen, Ehrfurcht hervorzurufen und seine Regentschaft symbolisch zu legitimieren, war der Sinn eines jeden Zeremoniells – gleich ob es sich um das byzantinische, das römische beziehungsweise das des päpstlichen Hofes, das spanische Hofzeremoniell oder die burgundische Hofordnung handelte, die stilbildend in ganz Europa wurde. Im Mittelpunkt stand jeweils das Tafelzeremoniell. Ein grundlegendes Werk zu diesem Thema ist Norbert Elias’ Die höfische Gesellschaft, demzufolge sich die Tafelgebräuche der Oberschicht bis zum Ende des 18. Jahrhunderts in der gesamten zivilisierten Gesellschaft etablierten. In Zeiten, in denen die Bevölkerung gerade einmal über das Nötigste verfügte, konnte eine opulente Tafel als Zeichen von Macht überzeugen. Demgegenüber dient das Essen heutzutage angesichts der differenzierten Lebensstile eher als Ausdruck von Individualismus, wobei der Veganismus glücklicherweise in der Staatsküche noch nicht um sich gegriffen hat.

Ein zentraler Bestandteil des Tafelzeremoniells stellt seit jeher das Servieren des Weines dar – der bis heute geläufige Begriff »Mundschenk« kündet davon. Verlangte der Fürst nach Wein, geschah Folgendes: Der von ihm instruierte Oberhofmarschall beauftragte den Mundschenk, der sich seinerseits am Kredenztisch Wein und Wasser zur Verkostung reichen ließ. Befand er beides für gut, goss er eine Mischung in den fürstlichen Pokal, bedeckte ihn und trug ihn zur Tafel, wo er das Getränk nochmals vor den Augen des Fürsten probierte, um es ihm dann, garantiert nicht vergiftet, zu servieren. Dass der Fürst den ersten Schluck genommen hatte, erfuhren die Gäste außerhalb des Saales durch Salutschüsse. Im 18. Jahrhundert erfuhr dieses über Jahrhunderte unveränderte Zeremoniell einige protokollarische Verfeinerungen. Nunmehr wurde den ranghöchsten Gästen ihr Pokal auf einer Kredenz mit Fuß gereicht, während Rangniedere ihr Getränk auf einem Tablett erhielten. Das mit Wein gefüllte Trinkgefäß wurde jeweils auf Verlangen ausgehändigt und dann in einem Zug geleert, es blieb lange verpönt, mit Wein gefüllte Pokale und Gläser auf der Tafel stehen zu lassen.

Genussorientierung als politisches Problem

Zweifelsfrei lassen sich Getränke im Allgemeinen und Wein im Speziellen als repräsentatives Mittel nutzen. Trotzdem überrascht nicht, dass das Thema Essen und Trinken kaum eine Rolle in Biographien und Erinnerungen deutscher Staatsmänner spielt. Das Image, ein Feinschmecker zu sein und über gustatorische Expertise zu verfügen, ist hierzulande einer politischen Karriere eher abträglich, weil als Luxus verschrien. Masse à la Helmut Kohl und Franz Josef Strauß lässt die Öffentlichkeit noch durchgehen, bei der Klasse ist das viel schwieriger – Ausnahmen wie Wirtschaftsminister Peter Altmaier bestätigen die Regel, bei Saarländern gelten da andere Gesetze. Gustatorische Kennerschaft wird nur dann verziehen, wenn die regionale Herkunft des Politikers dabei im Mittelpunkt steht und nicht die Genussorientierung. Die bedarf einer heimatbezogenen Legitimierung. Insofern war es passend, dass Helmut Schmidt, der aus dem gastronomisch noch am ehesten für Labskaus bekannten Hamburg stammte, keinerlei kulinarische Ambitionen hatte, sein aus der Pfalz stammender Nachfolger hingegen schon.

2 Helmut Kohl und Franz Josef Strauß bei einer Brotzeit im Juli 1984

Kostspielige Kennerschaft findet hierzulande öffentliche Anerkennung maximal bei Kunst und Architektur; lukullische Genussfreude wird gemeinhin nicht als kulturell wertvoll goutiert. Der banketterfahrene ehemalige Außenminister Joschka Fischer formulierte es mit Blick auf die seiner Meinung nach einzig in Frankreich exquisite Staatsküche folgendermaßen: »Wenn in Deutschland jemand solche Küchenbrigaden beschäftigen würde, wäre es ein Skandal. Die Bild-Zeitung würde auf der Zinne tanzen.« Der französische Präsident François Mitterrand musste nicht einmal aus seiner Vorliebe für den unter Artenschutz stehenden Ortolan, gemästet als Fettammer eine unvergleichliche und verbotene Delikatesse, einen Hehl machen – in Deutschland undenkbar. Wiederholt bekamen Politiker negative Presse, sobald ruchbar wurde, dass sie luxuriös tafelten, vor allem wenn es um Mitglieder links der Mitte stehender Parteien ging. Allem Wohlstand zum Trotz reagiert die Öffentlichkeit auf vermeintliche Unbescheidenheit pikiert. Der dem Wein durchaus zugeneigte SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück wurde harsch kritisiert, nachdem er im Dezember 2012 bemerkt hatte, dass er eine Flasche Pinot Grigio, die nur fünf Euro kostet, nicht kaufen würde. Die Missbilligung galt dabei der vermeintlichen Extravaganz, nicht dem Umstand, dass ein italienischer Wein in Rede stand.

Steinbrücks Nachfolger als Kanzlerkandidat, der nach Umwegen alkoholabstinente Martin Schulz, bekam wegen einer Foie gras, gemeinsam mit Journalisten genossen, Ärger mit der Parteibasis – entsprechendes Medienecho inklusive. Die eigentlich gebotene Debatte, was es für die deutsch-französische Erbfreundschaft bedeutet, wenn ein potentieller Bundeskanzler zur Gänsestopfleber keinen Sauternes trinkt, war lediglich der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ein paar glossierende Zeilen wert. Einige Jahre zuvor hatte Sahra Wagenknecht dafür gesorgt, dass, nachdem sie beim Hummeressen fotografiert worden war, diese Bilder verschwanden. Was von beidem stärker rechtfertigungsbedürftig erschien – der Verdacht sozial unausgewogener Schlemmerei oder der, Zensur zu üben –, ließ sie in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung aus der Serie »Reden wir über Geld« offen. François Mitterrand war übrigens Sozialist.3

Literatur

Dass der Wein in der spärlichen Literatur über Zeremoniell im engeren und Staatsbesuche im weiteren Sinne ein Desiderat bleibt, verwundert daher kaum. Aus dieser raren Gattung ragt heraus die Dissertation von Simone Derix (Bebilderte Politik. Staatsbesuche in der Bundesrepublik 1949-1990). Daneben existieren einige nicht so umfangreiche Studien wie die von Frieder Günther über die Staatsbesuche des ersten Bundespräsidenten, wobei ihr Titel Heuss auf Reisen in die Irre führt, da zusätzlich die eingehenden Besuche abgehandelt werden, sowie die Werke von Michael Meyer und Frank Uwe Mäuer über die Staatsbesuche in der Weimarer Republik bzw. im Dritten Reich. Die beiden letzteren Werke sorgten für den Hintergrund und manche Details. Weiter zurück geht der Klassiker von Johannes Paulmann Pomp und Politik über die Monarchenbegegnungen vor dem Ersten Weltkrieg. Mehr noch lieferten die beiden lesenswerten Bücher von Simone Derix und Frieder Günther einiges an Kontext und teilweise originelle Einzelheiten. Das gilt ebenfalls für das anekdotische Buch des langjährigen FAZ-Korrespondenten Walter Henkels über Staatsempfänge. Überschaubar ist die Literatur zum Staatszeremoniell; das gleichnamige, mehrfach aufgelegte Standardwerk verfasste Jürgen Hartmann. Beachtenswert sind überdies zwei ältere Sammelbände.4

Dass in den genannten Werken Getränke ausgespart bleiben, überrascht nicht weiter, doch muss ebenfalls für die zeitgeschichtliche Literatur insgesamt weintechnisch weitgehend Fehlanzeige vermeldet werden. Selbst die in jüngerer Zeit erschienenen Bücher zu politischer Kulinarik lassen den Wein fast vollständig aus.5 Selbiges zu vermelden gilt es andersherum für den politisch-repräsentativen Wert des Beschreibungsgegenstandes in Weinbüchern wie die kulturhistorische Literatur zu Essen und Trinken. An einer Hand abzuzählen sind die substantielleren Artikel in Fachzeitschriften, wobei sich einige der Randnotizen zum Keller des Staatstheaters schlichtweg als falsch erweisen. Leider eher eine Rarität sind überdies zeitgenössische Verkostungsnotizen, die Aufschluss darüber geben, wie die Gewächse zum Zeitpunkt ihres Ausschanks auf den Staatsbanketten geschmeckt haben. Anhaltspunkte vermitteln insbesondere die Notizen von Michael Broadbent, dem Doyen der Weinkritik. Wenn Gewächse im Folgenden beschrieben werden, datieren diese Einschätzungen jeweils auf den Zeitraum ihres staatsrepräsentativen Einsatzes.6

Überaus selten sind Dokumente zum Thema Wein in den Akten des Bundespräsidialamtes und des Auswärtigen Amtes, was genauso für die internen Protokoll-Leitfäden des Außenamtes gilt. Allein dass die Menükarten überliefert sind, ist in den Beständen des Bundespräsidialamtes aus der Bonner Republik eher die Ausnahme als die Regel. Eine Erklärung dafür liefert der interne Leitfaden für das Protokollreferat im Auswärtigen Amt, der seinem Verfasser Manfred Günther und einem die Erstauflage ummantelnden blauen DIN A5-Ordner seinen Namen »Der Blaue Günther« verdankt: »Aus alter Erfahrung im Ref. 700 lässt sich sagen, dass die Tisch- und Menükarten begehrte Souvenirs […] sind.«7

Demgegenüber ergiebig erweisen sich nicht zuletzt in Sachen Kuriositäten die Protokoll-Akten des Auswärtigen Amtes, die in dessen Politischem Archiv in Berlin einzusehen sind.[1] Die besagten Fehlstellen erscheinen für die Amtszeit von Theodor Heuss hingegen nachgerade sachlogisch, denn der Bundespräsident höchstselbst beschwerte sich 1954 beim Leiter der Politischen Abteilung des Auswärtigen Amtes, Herbert Blankenhorn, darüber, dass von der Botschaft in Schweden »Menükarten von Diners und Soupers mitgeteilt wurden, was ich eines Diplomaten unwürdig empfand«.8

Nährwert

Repräsentation mittels Zeremoniell

Unter dem Begriff Zeremoniell sind die geregelten Abläufe des öffentlichen Geschehens, das der staatlichen Repräsentation dient, zu verstehen; es »gleicht einem Spiegel, in den eine Gesellschaft gelegentlich blicken möchte, um ihre eigene Ordnung zu erfahren und um sich selbst bekräftigt zu finden«.9 Schon die Monarchenbegegnungen in Europa zwischen Ancien Régime und Erstem Weltkrieg waren mit ihren Ritualen nicht allein auf äußere Repräsentanz, sondern ebenfalls nach innen ausgerichtet. Gemäß der fünfzig Jahre alten, oft zitierten Formel des amerikanischen Philosophen Michael Walzer ist der Staat unsichtbar und muss daher personifiziert werden, bevor er gesehen werden kann, muss symbolisiert werden, bevor er geliebt werden kann, und muss vorstellbar sein, bevor er begriffen werden kann. Auch die repräsentative Demokratie bedarf, um politisch oder sozial zu wirken, der Vermittlung durch Symbole oder Zeremoniell, wobei gilt: »Repräsentieren heißt Gegenständlichmachen.«10

Für die Bundesrepublik existieren historisch-staatsrechtliche Argumente, um ein besonderes Augenmerk auf den Wein im zeremoniellen Einsatz zu richten. Für die Einbeziehung aller repräsentativen Möglichkeiten – des Weins, und weiter gefasst: aller gastrosophischer Mittel – sprechen zuvorderst die spärlichen Kompetenzen des Bundespräsidenten.11 Als personifiziertem Mittelpunkt staatlicher Selbstdarstellung wird seinem Amt allerdings fast das gesamte diesbezügliche offizielle Handeln zugeschrieben. Wegen der im Gegensatz etwa zur britischen Monarchie viel geringer ausgeprägten Objektivationselemente, die es dem Betrachter ermöglichen, seine Vorstellung vom Staat und dessen Oberhaupt zu verdinglichen, »hängt der Repräsentationserfolg am seidenen Faden subjektiver Momente, der rhetorischen Fähigkeit, der Amtscourage, des Feingefühls, der persönlichen Ausstrahlung«, fasste der Bonner Staatsrechtler Josef Isensee zusammen.

Anders als die meisten anderen Medien staatlicher Repräsentation ist der Wein überdies historisch kaum vorbelastet. Hierbei stehen der Bundesrepublik verglichen mit den früheren Formen von der preußischen Schlichtheit über den wilhelminischen Prunk bis hin zum nationalsozialistischen Protz lediglich kärgliche Mittel zur Verfügung. »Ausschluss durch Äußeres – wozu auch […] das Protokoll [… und] das Ritual […] gehören – ist im Zeitalter des qualitätsvollen Konfektionsanzugs und popularisierter Statussymbole keine Möglichkeit mehr, Amtsexklusivität darzustellen; das Gegenteil ist der Fall«, wie Jörg-Dieter Gauger treffend in seinen Sammelband zur Staatsrepräsentation einführt.

So ist das eben in der »Nivellierten Mittelstandsgesellschaft«, die der Soziologe Helmut Schelsky bereits 1953 der Bundesrepublik attestierte, selbst wenn diese damals noch nicht wirklich existent gewesen sein dürfte. Ein Jahrzehnt danach, als das Wirtschaftswunder seinem Höhepunkt zustrebte, ging der Staatsrechtler Herbert Krüger bei der Herleitung des Staatszeremoniells sogar so weit, dass der Staat nicht bloß sachlich und würdig sein solle, »sondern bei alledem auch schön erscheinen, und zwar nicht allein um der Schönheit willen, sondern auch der Lebenslust halber, deren der Staat als ein Gesamtleben von Menschen nicht minder bedarf als der einzelne Mensch zu einem echten seelischen Wohlbefinden«. Zweifelsohne siedelt das Kriterium der Lebenslust nah beim Wein, zumal die Schönheit staatlicher Symbole nicht nur unterschiedlichen und sich wandelnden Geschmäckern unterworfen sein kann, sondern sich generell schwierig darstellen lässt. Demgegenüber kann die Güte eines Weines sehr viel besser bestimmt werden.12

Weil generell die Ansprüche an Zeremonien steigen, da immer mehr Eindrücke auf die Menschen einprasseln, Ereignisse flüchtiger wirken und mehr Vergleichsmöglichkeiten bestehen, lohnt es, sich in allen Details anzustrengen – wobei wahre Qualität durchaus in der Tugend der Bescheidenheit bestehen kann. Zu guter Letzt legt die – vor allem in Bezug auf hochwertige Weißweine – lange Weinbautradition Deutschlands nahe, Wein repräsentativ zu verzwecken, zumal er ein Abbild regionaler und kultureller Vielfalt liefern kann.

Das Ereignis, das als Mittel der staatlichen Repräsentation schlechthin gilt, ist das Staatsbankett. Es stellt neben dem Empfangszeremoniell laut Hartmann den »Höhepunkt im Ablauf eines Staatsbesuchs« dar. Üblicherweise findet es am Abend des ersten Tages eines Staatsbesuchs statt. Es dient wie der gesamte Aufenthalt dazu, das gastgebende Land vorzustellen. Getreu dem Aphorismus »Sage mir, was du isst, und ich sage dir, wer du bist« (Jean Anthelme Brillat-Savarin) soll die Menüfolge dazu beitragen, die Identität des Gastgebers auszudrücken – eine Frage, zu der international reichlich Literatur existiert, teilweise sogar unmittelbar bezogen auf den Wein. Das gilt leider jedoch nicht so sehr für Deutschland, wo sich die »culinary diplomacy« als ein weitgehendes Forschungsdesiderat erweist. Traditionell gilt das gemeinsame Essen als »Zeichen von Frieden und Versöhnung und es ist daher seit jeher mit einem besonders dichten Zeremoniell umgeben«.13 Das Zeremoniell regelt den staatlich-repräsentativen Anlass an sich, während im Unterschied dazu die Etikette ein Muster für die Regelung zwischenmenschlicher Beziehungen liefert; sie bedeutet eher Benehmen, Zeremoniell mehr formales Protokoll.

Wirkung

Über die Erkenntnis, dass das Teilen von Mahlzeiten Frieden stiften kann, sind schon ganze empirische Studien verfasst worden. Hinzu kommen Experimente, denen zufolge Essen die Motivation und die Entscheidungen von Menschen beeinflusst.14 Das Gemeinschaftsschaffende erklärt Georg Simmel in seinem berühmten Aufsatz »Soziologie der Mahlzeit« 1910 wie folgt: »Von allem nun, was den Menschen gemeinsam ist, ist das Gemeinsamste: dass sie essen und trinken müssen.« Fast jeder wird die befriedende Wirkung des gemeinsamen Essens in schwierigen sozialen Situationen mit anstrengenden Menschen verschiedentlich erfahren haben. In den Worten Simmels heißt dies: »Personen, die keinerlei spezielles Interesse teilen, können sich bei dem gemeinsamen Mahle finden – in dieser Möglichkeit […] liegt die unermessliche soziologische Bedeutung der Mahlzeit.« Immanuel Kant erblickte gar in der freundschaftlichen Mahlzeit »wahre Humanität«, während der langjährige Hamburger Erste Bürgermeister Ole von Beust praxiserfahren von einem »krampflösenden Effekt« spricht.

In der frühen Menschheitsgeschichte konnte es überlebenswichtig sein, mit anderen zu teilen, denn nur so würden diese einem bei anderer Gelegenheit über einen ausbleibenden Jagderfolg hinweghelfen. Das gemeinsame Essen stand gewissermaßen am Beginn der gesellschaftlichen und kulturellen Entwicklung des Menschen, denn anders als im Tierreich wurde die Beute nicht nur mit den an der Jagd Beteiligten, sondern über den eigenen Nachwuchs hinaus auch mit anderen geteilt. Etwas zeitgenössischer, nur wenige Jahrtausende später, benannte Friedrich Nietzsche als den »Sinn in den Gebräuchen der Gastfreundschaft: Das Feindliche im Fremden zu lähmen«.15

Dem Wein kommt für das Verbindungstiftende eine besondere Rolle zu; seine kultur- und epochenübergreifende Verwendung im religiösen Kontext ist ein Beleg dafür. Insgesamt gilt Wein, und insbesondere hochklassiger Schaumwein, als besonders festliches Getränk. Charles Baudelaire, einer der Wegbereiter der literarischen Moderne in Europa, beschäftigte sich in seinem 1851 publizierten Text »Wein und Haschisch verglichen als Mittel zur Vervielfältigung der Individualität« mit der Wirkung dieser beiden Genuss- oder Rauschmittel. Sein Urteil über den Wein fällt positiv aus, denn er »macht wohlwollend und gesellig. Das Haschisch vereinzelt. […] Der Wein ist nützlich, er bringt Erkenntnisse hervor, die ihre Früchte tragen. Das Haschisch ist unnütz und gefährlich.«16 Damit fasst der französische Schriftsteller zusammen, worauf es bei einem gelungenen Abend mit anderen Menschen oder eben bei einem Staatsbankett ankommt: Wohlwollen, Geselligkeit, Offenheit, Erkenntnisgewinn – in Summe eine Grundlage, auf der man aufbauen kann.

Weniger gemeinschaftsstiftend liest sich die folgende Szene, in der Franz Blankart, Chefunterhändler der Schweiz bei den Verhandlungen um den Europäischen Wirtschaftsraum, schildert, wie seine Vorgesetzten unter Einsatz bester Weine regelrecht über den Tisch gezogen wurden: »Zunächst langer Aperitif, während dem sich die EG-Kommission und Island in einer Ecke über das Fischproblem unvermerkt einigten, so dass nur noch der ›Problemfall Schweiz‹ übrigblieb. Dann zu Tisch, der erste Gang, ein Fisch mit bestem französischem Weisswein, dann ein Filet de bœuf, wie es nur belgische Köche zustandebringen, serviert mit einem exzellenten Bordeaux, dann Verteilung eines 17seitigen Dokuments in englischer Sprache […]. Dann 15 Fragen vom Typus: ›Mr. Federal Counsellor, why are you opposed that cosmetics be put from category 1 to category 2?‹ Perplexes Schweigen. ›Well, I see no objection, it is so decided. Next question: etc. etc.‹.«17

Dieser zwei Jahrzehnte alte Artikel ist in seiner Freimütigkeit eine absolute Rarität, normalerweise wird über derlei Geschehen der Mantel des Schweigens gebreitet oder der wahre Hergang verklärt. In diesem Fall waren die beiden Bundesräte mit den Einzelheiten nicht hinreichend vertraut und dank der Teilnehmerformel »Ministers only« ohne Begleiter, die mit Detailwissen hätten aushelfen können – und in Kombination mit ihren mangelnden Englischkenntnissen nicht mehr zum Widerstand gegen Änderungsvorschläge in der Lage. Ob für die protestdämpfende Wirkung eher die mittels dem hervorragenden Dinner ausgedrückte Wertschätzung ursächlich war oder die der Güte der Weine geschuldete Alkoholisierung, spielt für das Ergebnis keine Rolle. Für beide Varianten bedurfte es bester Gewächse, und das Ergebnis der Unterredung galt.

Die andere Seite des Suffs legt der Bericht des Schweizer Diplomaten Carl Burckhardt offen, nachdem er sich als Gesandter seines Landes in Frankreich im Juli 1946 mit Winston Churchill zum Essen getroffen hatte. In dem Gespräch in Paris sollte es um die Planung einer Reise des damaligen britischen Oppositionsführers, einem der größten bekennenden weltpolitischen Trinker aller Zeiten, in die Schweiz gehen. »Dabei griff er in ziemlich kühner Weise zum vorhandenen Alkohol, mit dem Ergebnis, dass ich die zweite Hälfte unseres Gesprächs als null und nichtig betrachten muss. Er sprach Worte, aber es war schwierig, deren präzise Bedeutung zu erkennen«, schrieb Burckhardt anschließend an den Außenminister in Bern. Im Vergleich der beiden eidgenössisch-englischsprachigen Episoden werden in Sachen Verbindlichkeit Unterschiede augenfällig. Letztlich entscheidet das Ziel des Gesprächs, ob die Trunkenheit des Gegenübers diesem zuträglich sein kann oder nicht. Als vollkommen klar erwiesen sich Churchills Worte jedenfalls gegen Ende des besagten Aufenthalts, als er am 19. September 1946 in seiner »Zürcher Rede« forderte, eine »Art Vereinigte Staaten von Europa« zu schaffen.18

Beide Szenen sind Extreme; den Normalfall markierte Hans-Dietrich Genscher in seiner Zeit als Bundesaußenminister mit der Aussage »Diplomatisch esse ich sehr gezielt. Zugeschlagen wird zu Hause.« Völlerei gibt nie ein gutes Bild ab. Mit der Sentenz »Bedenke stets: Was getrunken wird – bestimmt der Gastgeber, wieviel getrunken wird – der Gast!« meinte 1955 der damals im konsularischen Dienst stehende spätere Vizeadmiral Herbert Trebesch in einem eher privat anmutenden Niederschrieb Nachwuchsdiplomaten auf diesen Umstand hinweisen zu müssen.19 Manchmal braucht es noch höhere Grade der Beherrschung. Als sich 1994 ein Berater von François Mitterrand in seinem Büro erschoss, saß der französische Präsident mehr oder weniger nebenan bei einem offiziellen Essen. »Als er von dem Suizid erfuhr, ging er kurz nachgucken, danach aß er weiter. Da war ich doch überrascht von seinem Verhalten«, berichtete der Koch des Élysée-Palastes, Bernard Vaussion.20 Ob sich Mitterrand anschließend erst einmal einen Schnaps hat bringen lassen, ist nicht überliefert.

Zweifelsohne hilft der gemeinschaftliche Konsum von Genussmitteln, schwierige Situationen zu überbrücken. Das reicht vom Besuch der anstrengenden Verwandtschaft, bei der die Kaffeetafel einen Kommunikationsanlass schafft, bis zur hohen Politik. Mit dem Satz »Eine Tasse Kaffee half den beiden Deutschen aus einer peinlichen Protokoll-Verlegenheit«, beginnt Der Spiegel seinen Artikel über das heikle erste Zusammentreffen von Bundeskanzler Helmut Schmidt und SED-Generalsekretär Erich Honecker. Bis wenige Minuten vor ihrer Begegnung auf der KSZE-Abschlusskonferenz 1975 in Helsinki blieb nämlich offen, wer wen empfangen würde beziehungsweise wem eine Audienz gewährt werden würde.21

3 Helmut Schmidt und Erich Honecker bei der KSZE-Konferenz in Helsinki am 30. 7. ​1975

Eine damit nicht absolut vergleichbare Rangordnungsfrage hatte im Zeitalter vor der Aufklärung im Falle des »Londoner Kutschenstreits« 1661 noch zu Toten geführt. Dabei eskalierte anhand der – wie es heute heißen würde – Wagenfolge bei der Einführung des neuen schwedischen Botschafters in London der schwelende Konflikt zwischen Frankreich und Spanien um die Vormachtstellung in Europa.[2] Drei Jahrhunderte später sollte in Helsinki der Zufall aus der Patsche helfen, da Schmidt wie Honecker rasch noch einen Kaffee trinken wollten, sich deshalb in die Cafeteria begaben und schließlich an benachbarten Tischen zu sitzen kamen. So begannen die zwei Regierungschefs einer Nation unverfänglich ein Gespräch und betraten anschließend nebeneinander den Konferenzsaal. Beim zweiten Gespräch in Helsinki stellte sich laut dem Bundeskanzler dann gleich eine »unverkrampfte« Atmosphäre ein. Um die Protokolldividende einzufahren, bedarf es also nicht immer kostspieliger Getränke.

Roland Barthes verweist wie Baudelaire auf die geselligkeitserzeugende Wirkung des Weins, führt aber dazu noch die soziale Anerkennung auf, die er genießt. Wein begründe zudem »ein Dekor« und schmücke »die kleinsten Zeremonien […] bis zur Tischrede auf einem Bankett. Er verbessert das Klima, welcher Art es auch sei«.22 Der gemeinschaftsstiftende Ertrag scheint dabei umso stärker auszufallen, je weniger notwendig das Trinken – oder das Getränk – ist. Mit Wasser stößt kaum jemand an, es gilt nicht einmal als unhöflich, schon mal einen Schluck zu nehmen, bevor den anderen Gästen eingeschenkt wurde. Anders beim Wein, der des kollektiven Glaserhebens bedarf.

Eine gängige Theorie, wie der Brauch des gemeinsamen Anstoßens entstanden ist, besagt, dass es in mittelalterlichen Zeiten dafür sorgte, dass der Wein aus dem eigenen Glas in das des Gegenübers schwappte. Sollte derjenige einem mittels Gift nach dem Leben trachten, würde er sich zieren, den nun vermischten Wein zu trinken. Andere Erklärungen lauten, dass es sich beim Anstoßen um eine lautstarke Wohlstandsdemonstration handelte, nachdem es möglich geworden war, jedem Gast ein eigenes Glas anzubieten, oder dass mit dem Klirren der Gläser böse Geister oder Dämonen vertrieben werden sollten. So oder so sollte das Ritual einem friedlichen Gastmahl dienen.

Dechiffrierbarkeit

Um als Basis für ein Gespräch zu dienen, besitzt Wein den Vorteil, dass Expertise bei ihm eher geglaubt oder unterstellt wird als bei den Speisen. Der Kontext ist international derselbe, Wein ist universell verständlich und weit weniger voraussetzungsvoll als beispielsweise komplizierte regionaltypische Gerichte, die seltener – und damit dem Gegenüber eventuell unbekannter – Zutaten bedürfen.

Vorausgesetzt, dass jemand überhaupt Wein mag und über ein Minimum an Erfahrung verfügt, ist zudem einfach herauszufinden, ob der Wein sehr gut ist oder nur mittelmäßig. Das gilt, obwohl manches am gehobenen Weinkonsum soziales Konstrukt ist. Beispielsweise entsprechen manche Attribute seiner Beschreibung eher der Konvention innerhalb der ihn konsumierenden Gesellschaftsschicht, als dass sie tatsächlich im Wein angelegt sind.[3] Experimenten zufolge liegen nicht einmal professionelle Verkoster stets richtig bei der Frage, ob es sich um Weiß- oder Rotwein handelt, wird er im Dunkeln serviert. Ähnlich wurde Weißwein, mittels geschmacksneutraler Lebensmittelfarbe rot gefärbt, mit rotweintypischen Attributen beschrieben. Trotzdem gilt, zwischen wahrhaft schlecht und richtig gut kann eigentlich jeder Konsument unterscheiden. Eher nachdenklich stimmt diesbezüglich die Tatsache, dass bisweilen bei Blindverkostungen günstige Weine um ein Mehrfaches teurere Spitzengewächse aus dem Feld schlagen.

Dennoch spricht für einen Griff nach der kostspieligen Weltklasse die uneingeschränkte Dechiffrierbarkeit von international bekannten Spitzenweinen. Sogar Laien wissen einen Lafite oder Mouton Rothschild halbwegs zuzuordnen; sie bekommen zumindest eine Ahnung davon, dass der Gastgeber es gut mit ihnen meint, auch wenn sie beim Wasser bleiben sollten. Bei den besten deutschen Weinen fällt dies schwerer, da es zu ihrer Entschlüsselung einer gewissen Expertise bedarf. Egon Müller ist zwar ein herausragender und zudem weltweit einer der bekanntesten deutschen Winzer, sein Name aber gehört nicht wie Rothschild zum Allgemeinwissen. Genauso muss man den Unterschied zwischen einem Riesling Kabinett und einer Auslese kennen, um diese Qualitätsmerkmale, die sich mit einem Blick auf Etikett oder Menükarte erfassen lassen, zu decodieren.23

Allerdings wird fast jeder Konsument bemerken, dass er einen herausragenden Wein trinkt, sofern er ein Spitzengewächs tatsächlich trinkt – gleich, ob der Wein seinen persönlichen Vorlieben nahekommt. Sogar Liebhaber leichter Weißweine werden einen herausragenden roten Bordeaux oder Burgunder mittels Verkostung klassifizieren und die davon ausgehenden Signale wie Status und Wertschätzung verstehen. Das gilt in eingeschränktem Maß ähnlich, wenn der Gast nur am Glas riecht; das komplexe Bouquet eines Spitzengewächses ist nun mal ansprechender als der Geruch von mittelmäßigem Flascheninhalt, selbst wenn manches davon nur unterbewusst wahrgenommen wird. Etwa vier Fünftel des Geschmackseindrucks entstehen nun einmal über die Nase.

Außerdem wird neurologischen Experimenten zufolge teurer ausgezeichneter Wein als geschmacklich überlegen eingestuft gegenüber dem identischen Gewächs, das mit einem günstigeren Preisschild versehen ist. Die für Belohnung und Motivation zuständige Hirnregion wird von einem höheren Preis stärker angeregt. Dass dieselbe Reaktion beim Anblick eines prominenten Etiketts im Sinne eines imaginären Preisschildes eintritt, scheint naheliegend. Obendrein gilt ex negativo, ziemlich simpel ohne Hirnscanner zusammentheoretisiert, dass der Gast sich bei erkennbar minderwertigen Gewächsen weder gut behandelt fühlen noch bessere Laune bekommen wird. Schon von daher wird es sich auszahlen, dem Wein Aufmerksamkeit zu schenken.

Statistisches

Queen Elizabeth II., fünfter Besuch

Das Weinangebot scheint sogar bei herausgehobenen Staatsgästen manchmal zu misslingen. »Holzboot, Pferdebild, billiger Wein – oh my God!« war ein Artikel des Queen-Biographen Thomas Kielinger über den fünften Staatsbesuch, den die britische Königin Elizabeth II. der Bundesrepublik im Sommer 2015 abstattete und der im Folgenden noch häufiger auftauchen wird, überschrieben. Die Visiten der Monarchin, die erste fünfzig Jahre davor, waren Jürgen Hartmann zufolge stets »wichtige Daten für die Entwicklung eines deutschen Staatszeremoniells«.24 Der Biograph Ihrer Majestät zeigte sich jedoch nicht zufrieden mit dem repräsentativ-bundesrepublikanischen Auftritt. Er bekrittelte es unter anderem als »kleinkariert, eine Monarchin in einer Touristenbarkasse mit abgenutzten Sitzplätzen auf der Spree zu hofieren und Otto Normalverbrauchers Weinauswahl beim Staatsdinner aufzutischen.« Neben dem Transportmittel für eine Spreefahrt und den Getränken missfiel ebenso das Geschenk des Bundespräsidenten; ein Gemälde, das Elizabeth II. im Alter von neun Jahren auf einem – blauen – Pony zeigt oder vielmehr: zeigen sollte. Die Porträtierte hatte jedenfalls gewisse Erkennungsschwierigkeiten. Sich also »für ein Bild starkzumachen, das ihm seine Berater bei geringstem Nachdenken hätten ausreden können/​müssen, wirkt im höchsten Maße linkisch, wie die Barkasse und die Auswahl der Weine, die von einem kleinen, eher günstig zu nennenden Weingut aus der Pfalz stammten«, ätzte der Autor weiter.25

4 Spreefahrt nahe Schloss Bellevue am 24. 6. ​2015

Kielinger irrt indes. Denn die Auswahl für das Staatsbankett am 24. Juni 2015 in Schloss Bellevue bestand aus guten Weinen von guten bis sehr guten, zugegeben nicht den bekanntesten Winzern. Konkret handelte es sich um 2014er Saulheimer Chardonnay Réserve trocken vom Weingut Thörle in Rheinhessen, Spätburgunder Barrique trocken 2012 vom Pfälzer Weingut Rummel – an dem sich Kielinger offenbar besonders störte – und als Dessertwein um einen 2013er Freiburg Schlossberg Spätburgunder Weißherbst Beerenauslese des Weingutes Stigler in Baden. Dazu gab es, nicht auf der Menükarte angegeben, als Toastsekt Wegeler Geheimrat »J« Rheingau Riesling Brut 2009. Die beiden letzteren Gewächse sollten über jeden Zweifel erhaben sein, und der Chardonnay ist hochklassig – laut der 2016er Ausgabe des Eichelmann »konzentriert, besitzt herrlich viel Frucht und Stoff«, der Falstaff vergab 91 Punkte. Der Spätburgunder von Klaus und Susanne Rummel, nach eigener Aussage »Öko-Pioniere der zweiten Stunde«, erscheint, falls überhaupt, eher wegen der revolutionär-wachstumsgesellschaftskritischen Anwandlungen des Weinbauernpaares als wegen mangelnder Güte für die Staatstafel ungeeignet.

Da Otto Normalverbraucher im Schnitt keine drei Euro für eine Flasche Wein im Lebensmitteleinzelhandel entrichtet, dem mit einem Marktanteil von fast 80 Prozent wichtigsten Absatzkanal, rangierte selbst der kritisierte Pfälzer Rotwein mit einem Preis von 15 Euro ab Hof deutlich oberhalb von billig. Die bei diesem Bankett servierten Weißweine lagen mit über 20 Euro für den Chardonnay und den Sekt sowie 30 Euro pro 0,375-Liter-Einheit beim Süßwein noch darüber und entsprachen ungefähr dem Weinausgaben-Median bei Staatsbanketten dieser Zeit.

Für »Wein aus Trauben«, wie es in der entsprechenden Statistik heißt, geben die Bundesbürger 0,59 Prozent ihres Einkommens aus, womit sie im unteren Drittel der EU-Länder rangieren. Im Durchschnitt der 28EU-Länder werden etwas mehr als ein Prozent des Einkommens aufgewendet. Die klassischen Anbauländer liegen allesamt darunter, Spanien ist mit nur 0,34 Prozent Ausgabenschlusslicht. Die Erklärung dürfte in dem reichhaltigen Angebot nationaler Produkte zu suchen sein. Demgegenüber hängen die Top-Drei-Länder dieser Kategorie – Estland, Irland und Schweden – komplett am Import-Wein-Tropf.

Ein Jahrzehnt Staatsbankette

In dem auf den Amtsantritt von Bundespräsident Horst Köhler am 1. Juli 2004 folgenden Jahrzehnt gab es 34 eingehende Staatsbesuche. Insgesamt 98 Weine von 41 verschiedenen Erzeugern werden auf den Menükarten der Bankette, von denen einige als Mittagessen ausgerichtet wurden, erwähnt.[4] Im Schnitt ist der Rotwein etwas teurer als der weiße – bei einer erheblichen Schwankungsbreite. Das untere Ende der Preisspanne rangiert bei beiden Sorten um die zehn Euro Endverbraucherpreis, die vom Präsidialamt entrichteten Einkaufspreise für Kunden aus der Gastronomie dürften noch etwas darunter liegen.

In dem betrachteten Zehnjahreszeitraum hätte keiner der Weißweine mehr als 30 Euro im Laden gekostet, bei den Roten war die Standardabweichung mit maximal 40 Euro größer. Das Preisniveau der Süßweine reichte hingegen umgerechnet auf die ganze Flasche bis zu 80 Euro. Hierbei handelte es sich um Beerenauslesen vom eben schon erwähnten Andreas Stigler, der den Einsatz seines hell gekelterten Spätburgunders bei dem Bankett für die Queen mit »Was will man mehr?« kommentierte.

Etwa ein Drittel der ausgeschenkten Weine ist das Premiumprodukt des jeweiligen Weingutes wie beispielsweise die »Cuvée X« vom Weingut Knipser oder ein Silvaner Grosses Gewächs aus dem Würzburger Juliusspital. Aber selbst die günstigsten Weine, diverse Rieslinge weniger prestigeträchtiger Lagen und der Merlot »S« vom rheinhessischen Weingut Spiess als erschwinglichster Roter, erweisen sich als wirklich gute Gewächse. Bei weniger hochkarätigen Veranstaltungen als Staatsbanketten kosten die Weine zwischen sechs und 15 Euro.

Den einschlägigen deutschen Weinführern zufolge, dem Eichelmann und dem Gault-Millau, bewegen sich die Erzeuger im Bereich zwischen gut und hervorragend (zwei bis vier Sterne im Eichelmann) beziehungsweise zuverlässiger Qualität und deutscher Spitze (zwei bis vier Reben) mit einigen Ausreißern in die Kategorie »Weltklasse« beim Gault-Millau. Zum Zeitpunkt des Ausschanks waren 17 der Güter Mitglied im Verband Deutscher Prädikats- und Qualitätsweingüter (VDP), vertreten mit in Summe 43 Gewächsen – der Verband kann sich also glücklich schätzen, bei nur fünf Prozent der Rebflächen in Deutschland über 40 Prozent der Winzer und Weine beim national höchstrangingen Ausschank zu stellen.

Auf den »hohen Symbolwert« des präsidialen Ausschanks verweist die Geschäftsführerin des VDP, Hilke Nagel. Die in dem Verband organisierten Winzer jedenfalls »empfinden es als Ehre und als Auszeichnung, wenn ihre Weine für Staatsbankette ausgewählt werden«. Absoluter Spitzenreiter in der Zehnjahresbilanz war beim Stillwein das Würzburger Juliusspital, VDP-Mitglied seit 1955, dessen Erzeugnisse achtmal zum Einsatz kamen, sowie das Sekthaus Klaus Herres mit sogar zehn Staatsbanketten. Diese Zahl beeindruckt umso mehr, da lediglich bei der Hälfte der Bankette der Schaumwein, der von insgesamt vier Winzern stammte, auf den dieser Statistik zugrundeliegenden Menükarten aufgeführt war; er hat dort dem Dessertwein Platz gemacht. Natürlich wird aber zum Aperitif und zum Toast nach wie vor Sekt gereicht.

Die Amtszeit von Christian Wulff ist in diese Statistik schon inkludiert. Sie stand getränketechnisch in der Kontinuitätslinie des Vorgängers – und war damit nicht weiter bemerkenswert, zumal dem am kürzesten amtierenden Bundespräsidenten aller Zeiten ein Hang zu Kirsch-Bananen-Saft nachgesagt wird. Sonst ließ er wohl gerne Grünen Tee servieren, zumindest am Tag. Wer es überdies mit religiösen Verzichtsvorschriften genau nimmt, was staatsoffiziell unbedingt geboten ist, der wird den einzig bleibenden Satz des zehnten Bundespräsidenten, dass der Islam zu Deutschland gehört, vinophil nicht als zielführend ansehen. Joachim Gauck, von dessen Präsidentschaft etwas mehr als zwei Jahre in das Zahlenwerk eingingen, wurde wiederum nachgesagt, eher Rot- als Weißwein, aber keinen Spätburgunder zu mögen, was sich aber an den Staatsbanketten nicht wirklich ablesen lässt.

Die 34 Rotweine stammten 19 Mal aus Spätburgundertrauben, neunmal wurden Cuvées ausgeschenkt, dreimal Merlot, jeweils einmal Dornfelder, Frühburgunder und der früher oft eingesetzte Lemberger. Bei den weißen Rebsorten überwogen die klassisch deutschen, wobei gerechnet auf 34 Weine Riesling mit nur 14 überraschenderweise eher selten war. Ansonsten kamen Cuvées (6), Weißburgunder (5) und Silvaner (4) häufiger zum Einsatz, der Rest verteilt sich auf Grauburgunder (2), Chardonnay, Rivaner und Traminer (je 1). Unter den 13 Süßweinen findet sich bemerkenswerterweise nicht ein einziger Riesling. Dafür gab es dreimal Erzeugnisse im Portweinstil, drei süß ausgebaute Spätburgunder und je zweimal Traminer und Scheurebe. Solaris, Ruländer und Silvaner kamen je einmal zum Zuge. Dass in den zurückliegenden Jahren vermehrt Dessertwein eingesetzt wird, liegt nicht zuletzt an den jeweiligen Bundespräsidenten, nach deren Vorlieben man sich richtet.

Den Einkauf erledigt der für seine Sachkunde von Winzern hochgelobte Küchenchef Jan-Göran Barth, der für fast alles Konsumierbare, was auf die präsidiale Tafel kommt, verantwortlich zeichnet. Er versucht einen Querschnitt durch alle 13 Weinanbaugebiete herzustellen, die Bundesrepublik ist ja schließlich föderal verfasst. Ostdeutschland ist gemessen an der Winzigkeit seiner Rebflächen überrepräsentiert.

Tatsächlich ergibt die Auswertung der zehn Jahre nach Köhlers Amtsantritt, dass Baden mit insgesamt 24 Weinen klar vor Franken mit 17, dem Rheingau mit zwölf, der Mosel mit elf (wovon zehn allein auf den schon erwähnten Schaumwein von Herres entfallen) sowie Rheinhessen mit zehn Weinen liegt. Das letztgenannte Gebiet legt mit der Zeit zu, während die Repräsentanz des Rheingaus abnimmt. Die neuen Bundesländer wurden seltener berücksichtigt, Saale-Unstrut stellte immerhin fünf Weine – drei vom Weingut Pawis, zwei vom Winzerhof Gussek –, Sachsen dagegen nur einen einzigen aus der Kooperation der Winzergenossenschaften Meißen und Fellbach in Württemberg. Dieses Gebiet wiederum, zu Zeiten von Richard von Weizsäcker mit Lembergern vom Weingut Graf Neipperg oft vertreten, kommt nicht einmal mehr auf ein Viertel der Anzahl der badischen Weine. Unterdessen ist der Lemberger als Rebsorte zur Rarität auf der präsidialen Tafel mutiert, der eine im Untersuchungszeitraum stammte aber wenigstens aus Württemberg. Mehr noch überraschen angesichts ihrer hohen Qualität lediglich fünf Weine aus der Pfalz. Der Rest verteilt sich auf Ahr (3), Nahe (3) und die Saar (2). Die winzigen Anbaugebiete Mittelrhein und Hessische Bergstraße bleiben außen vor. Gemessen an der Größe der jeweiligen Gebiete sind die Ahr, Baden, Franken, der Rheingau und Saale-Unstrut deutlich überrepräsentiert, während es bei der Pfalz, Rheinhessen und Württemberg umgekehrt ist.

Der deutsche Durchschnittstrinker

So weit die Statistik der Staatsbankette. Die Geladenen dürften, da eher zu etablierten Kreisen gehörend, tendenziell zu der relativ kleinen Gruppe mehr oder minder regelmäßig trinkender Weinkonsumenten zählen, deren durchschnittliche Aufwendungen über den oben genannten drei Euro pro Flasche liegen – und auf die ein Großteil des Gesamtverbrauchs entfällt und die öfter im Fachhandel kaufen. Dessen Kunden machen zwar nur 6 Prozent der Weinkäufer aus, sie stehen aber für immerhin 17 Prozent der Menge und vor allem 27 Prozent des Wertes, im Schnitt werden für den Liter im Fachhandel fast neun Euro entrichtet. Das knappe Viertel der Konsumenten, die einmal oder öfter pro Woche Wein trinken, hat einen Anteil von über 70 Prozent an der getrunkenen Menge und drei Viertel des Wertanteils.

Trotzdem markieren die Steinbrück’schen fünf Euro die magische Grenze beim Weinkauf, oberhalb davon nimmt die Kauflaune rapide ab, gerade 14 Prozent der Konsumenten sind bereit, mehr anzulegen, und nicht mal mehr jeder Zwanzigste zahlt mehr als sieben Euro. So nimmt es nicht wunder, dass jede zweite Flasche Wein beim Discounter verkauft wird, wobei wiederum die Hälfte davon allein auf Aldi entfällt, den damit seit vielen Jahren größten Weinhändler der Republik.

Wenigstens für Sozialforscher interessant ist der Zusammenhang zwischen Weinfarbe und Konsumintensität – die regelmäßigen und gelegentlichen Konsumenten trinken mehr Rot- als Weißwein, die seltenen Trinker dagegen mehr Weißwein. Überdies existiert der Studie nach eine Korrelation von Klassenzugehörigkeit und Präferenz für die Herkunft der Gewächse. Bei aller offenkundigen Grobkörnigkeit der Befragung trinken Menschen, die sich in die oberste von drei sozialen Gruppen einordnen, halb deutsche, halb ausländische Weine, während im mittleren wie unteren Segment die einheimischen Weine mit 65 beziehungsweise 60 Prozent dominieren.

Insgesamt kommt deutscher Wein, von dem immer noch fast ein Viertel »ab Hof« verkauft wird, auf einen Anteil von 45 Prozent am inländischen Konsum – etwaige Abweichungen zu der oben genannten Studie dürften Methodik und Grundgesamtmenge geschuldet sein. An zweiter Stelle liegen italienische Weine mit 16 Prozent, auf Platz drei folgen französische Gewächse mit 12 Prozent und auf Platz vier spanische Weine mit 8 Prozent. Pro Kopf trinken die Deutschen ohne Schaumwein knapp über 20 Liter pro Jahr, seit Mitte der 1990er Jahre mehr Rot- als Weißwein, wobei Ersterer überwiegend importiert wird. Trotz des hierzulande steigenden Anbaus roter Sorten, insbesondere Spätburgunder, sind die germanischen Gewächse nach wie vor von überwiegend weißer Farbe.

Der in Deutschland in den Handel gebrachte heimische Wein ist zur Hälfte weiß, etwa 37 Prozent sind rot, das restliche Achtel entfällt auf Rosé. Bei den Anbauflächen existieren große Unterschiede, im großen Württemberg und im kleinen Anbaugebiet Ahr werden überwiegend rote Reben angebaut, sonst überwiegen überall weiße Sorten, mit denen fast zwei Drittel der Flächen bestockt sind. Dabei führt Riesling mit einem Anteil von beinahe einem Viertel deutlich; Deutschland ist traditionell weltweit mit großem Abstand das Rieslingland Nr. 1 – was den staatsrepräsentativen Fokus auf diese Rebsorte erklärt. Der noch Anfang der 1960er Jahre vorn liegende Silvaner hat demgegenüber deutlich verloren und macht heute nicht einmal mehr fünf Prozent der Flächen aus, die erfolgreichste Neuzüchtung Müller-Thurgau, mit dem noch 1990 ein Viertel der deutschen Rebflächen bestockt war, wird mittlerweile um die Hälfte weniger angebaut.26

Bier

»Eindeutig Pils«, lautete die Antwort von Frank-Walter Steinmeier auf die Frage »Pils oder Pomerol?« im Bundestagswahlkampf 2009. Schon der letzte Sozialdemokrat im Bundespräsidentenamt, Johannes Rau, war bekennender Pilstrinker. Genauso war er einmal für seine Partei als Kanzlerkandidat angetreten, ebenfalls erfolglos. Das Faible für guten Wein ist – insbesondere bei der SPD – nicht kampagnentauglich. Der eingangs erwähnte Satz von Peer Steinbrück, keinen Wein für weniger als fünf Euro zu kaufen, fand sogar Eingang in Analysen der Bundestagswahl 2013, bei der er Angela Merkel unterlag.27

Seit März 2017 residiert Steinmeier als zwölfter Bundespräsident in Schloss Bellevue, und auch im neuen Amt blieb er seiner Präferenz treu. Anlässlich seiner Wahl hatte eine Zeitung getitelt »Bundespräsidentenwahl: Steinmeier und Gauck – Bier ersetzt Weißwein«. Ob das bei Gauck mit dem Hang zum Weißwein stimmt, sei einmal dahingestellt – er selbst antwortete in einem Interview auf die Frage, für welches Getränk er sich entscheide: »In aller Regel für Rotwein. Bier auch, aber seltener.«28 Steinmeiers Vorliebe gilt aber zweifelsohne dem Bier, zu dem er sich etwa zum informellen Auftakt seines Antrittsbesuchs in Israel mit dessen Präsidenten Reuven Rivlin auf dem Jerusalemer Mahane Yehuda Markt traf.

5 Israels Präsident Reuven Rivlin und Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in der Bar »Beer Bazar« in Jerusalem am 6. 5. ​2017

Nichtsdestotrotz war im Kontext präsidialer Biere der einzige Akt von wirklich politischer Bedeutung in jüngerer Zeit eine Rede des bekennenden Biertrinkers Norbert Lammert, die er am Tag hielt, nachdem Bundespräsident Joachim Gauck verkündet hatte, keine zweite Amtszeit mehr anzustreben. Der Bundestagspräsident, auf dem Kopf stilecht die ihm zehn Jahre zuvor verliehene Bierkutschermütze seiner Heimatbrauerei Moritz Fiege, gab in seiner höchst launigen Einstandsrede als »Botschafter des Bieres« zu erkennen, dass er nicht beabsichtige, Bundespräsident zu werden: Der Posten des Bierbotschafters »ist nicht das erste, aber das letzte bedeutende Amt meiner Laufbahn, das ich freiwillig annehme«. Der Satz wurde anderntags weithin zitiert und als Absage des als Favorit auf die Gauck-Nachfolge gehandelten Lammert verstanden – es sei die Prognose gewagt, dass die Verleihung dieses Titels, den der Deutsche Brauer-Bund alljährlich auslobt, nie wieder eine solche Aufmerksamkeit bekommen wird.29

Dass Bier im Unterschied zu Wein im repräsentativen Kontext kaum eine Rolle spielt, könnte bei einer Bierbrauer- und Biertrinkernation wie Deutschland eigentlich überraschen, zählt es doch länger als Wein zu den teutonischen Tränken und damit zur Kulturgeschichte. Immer noch trinkt jeder Deutsche über 100 Liter davon im Jahr, was eine europäische Spitzenposition garantiert. Die Tendenz ist allerdings wie bei allen alkoholischen Getränken seit Jahrzehnten rückläufig, auf dem Höhepunkt bundesdeutschen Bierkonsums Anfang der 1980er Jahre betrug er über 145 Liter pro Kehle und Jahr.

Immanuel Kant analysierte in der Anthropologie in pragmatischer Hinsicht bereits Ende des 18. Jahrhunderts, zu einer Zeit, als Wein vielfach mangels verfügbaren sauberen Trinkwassers noch zur Deckung physiologischer Grundbedürfnisse diente, den Unterschied zwischen Wein und Bier: Beide Getränke »dienen zur geselligen Berauschung«, wobei der Wein »bloß reizend« sei, während das Bier »mehr nährend und gleich einer Speise sättigend ist«. Außerdem bestehe laut dem weitgehend unerkannten Gastrosophen Kant ein Unterschied darin, »dass die Trinkgelage mit dem letzteren mehr träumerisch verschlossen, oft auch ungeschliffen, die aber mit dem ersteren fröhlich, laut und mit Witz redselig sind.«30 Und schließlich geht es bei einem Staatsbankett genau darum, um offenen Austausch, der es jedem ermöglicht, sich kommunikativ von seiner besten Seite zu zeigen.

Im deutschen Bierbrauerland unpatriotisch anmutend, aber höflich gemeint, wurden während der Präsidentschaft von Johannes Rau sogar beim Bier die Präferenzen des Gastes berücksichtigt. Für den französischen Präsidenten Jacques Chirac, wie Rau ein Biertrinker, hielt man in Schloss Bellevue dessen mexikanische Lieblingssorte bereit. Ob er es am Geschmack erkannt hätte, konnte nicht erprobt werden, denn Chirac bestand, Sieg der Diplomatie, auf einem deutschen Pils. Umgekehrt soll Rau bei seinem ersten Besuch als Bundespräsident im Élysée, wo er sich aus respektvoller Höflichkeit während des Essens mit Wein abmühte, angeblich »not amused« gewesen sein, als er der Tatsache gewahr wurde, dass es ob des Faibles seines Gastgebers kein Problem gewesen wäre, ein Bier zu bekommen.

Die Überlegung mag bei Bier befremdlich wirken, bei Wein spielt die Frage nach der Dechiffrierbarkeit eine große Rolle. Wie erkennt der Gast, der möglicherweise kein Kenner ist oder der den Wein vielleicht gar nicht probiert, dass man ihm Wertschätzung in Form guter Weine entgegenbringt? Bei einem Getränk wie Bier, dessen Qualitäts- und Preisamplitude – moderne Craft-Biere einmal ausgeklammert – kleiner ist als die von Wein, spielt es eher eine Rolle, ob der Gastgeber überhaupt weiß, dass der Gast lieber Bier als Wein trinkt.

Bier wird nur in der Amtszeit von Johannes Rau zeitweilig auf den Speisekarten von Staatsbanketten genannt, öfters König Pilsner, zudem Krombacher. Vorher unterblieb die Nennung, lediglich bei den Rheinfahrten in Bonner Zeiten, zu denen ein »rustikales Buffet« gereicht wurde, fand das dazu passende Bier wie der Wein Erwähnung auf der Speisekarte.

Manchmal passten Gestaltung und Getränke einer Veranstaltung aber nicht zusammen. Selbst Phantasieunbegabte werden an maßkrügeschleppende Dirndlträgerinnen gedacht haben, als sie im Dezember 1977 nach dem Staatsbankett für den ersten demokratisch gewählten Präsidenten von Portugal, António dos Santos Ramalho Eanes, in der Zeitung lesen konnten, dass dort »fesche Mädchen made in Bayern« Alkohol servierten.31 Bier findet sich indes nicht auf der Menükarte dieser Veranstaltung in der Bad Godesberger Redoute, bei der die Gäste erstmals Zeugen eines Folkloreabends mit Trachtengruppen wurden. Bei den von den Bayerinnen ausgeschenkten Getränken handelte es sich nur um den Digestif, das Angebot an Weinen – Gutedel, Limberger und Deinhard Senior-Sekt – erwies sich jedoch als so bescheiden, dass es durch bayerisches Bier sicherlich aufgewertet worden wäre.

Tradiertes

Kaiserreich

Ab Ende des 17. Jahrhunderts begann der 1435 erstmals erwähnte Rheinriesling zum Synonym für deutschen Qualitätswein zu werden. Um das Jahr 1900