Mitzi aus dem Vorderhaus, 2. Stock - Mitzi Irsaj - E-Book

Mitzi aus dem Vorderhaus, 2. Stock E-Book

Mitzi Irsaj

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Beschreibung

Wenn Sie schon immer wissen wollten, warum ein Bikinihöschen eine Nachbarschaftskrise auslösen kann; wie wichtig die Entscheidung zwischen rot und blau bei der Wohnungssuche in München ist; wo in München Schnecken neben Toast Hawaii auf der Speisekarte stehen und wie man ein Sofa mit dem öffentlichen Nahverkehr transportiert, dann lesen Sie dieses Buch.  Die Geschichten Mitzi Irsajs sind eine Aufforderung zur Menschlichkeit und Liebe am Beispiel von München und seinen Bewohnern. Die einfühlsame und kluge Beobachterin streift erzählend durch ihre Nachbarschaft und berichtet von amüsanten Situationen, nachdenklich stimmenden Begebenheiten und dem manchmal skurrilen Verhalten ihrer Mitmenschen. Sie bittet den Leser neben ihr in einer überfüllten U-Bahn Platz zu nehmen, an fremde Fenster zu klopfen oder ganz still einen Sonnenaufgang im Winter zu beobachten. 

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EPUB

Seitenzahl: 171




Mitzi Irsaj

Mitzi aus dem Vorderhaus, 2. Stock

Von Herrn Meier, Paul und den anderen

BookRix GmbH & Co. KG80331 München

Cover

Mitzi aus dem Vorderhaus, 2. Stock

Mitzi aus dem Vorderhaus, 2. Stock

Von Herrn Meier, Paul und den anderen

Guide to Contents

Inhaltsverzeichnis

Impressum Aus dem Inhalt Autorin 1 Rot oder blau – die Giesinger Gretchenfrage 2 Ganz umsonst 3 Ein zweiter Blick 4 Zahnloser Scheißer 5 Walnüsse von Herrn Meier 6 Vor der Arbeit nach Brasilien – U - Bahn-Gedanken 7 Rhett wohnt im Hinterhaus 8 Iljana, die Sonne geht auf 9 Giesing unten, nicht oben 10 Herr Meier schimpft. Frau Obst auch. 11 Stadtatem 12 Blöde Kuh – denkt Paul 13 Anna, geh ins Bett! – U - Bahn-Gedanken 14 Ein Höschen führte zum Eklat 15 Vier-Minuten-Gespräche 16 Herr Meier und die AfD 17 Bei leisem Schnurren gibt es nur eine richtige Antwort 18 Tanz! 19 Zam Rucka – U - Bahn-Gedanken 20 Eine Unverschämtheit 21 Lächeln, das sagen Sie so einfach 22 Ach, Anna! – U - Bahn-Gedanken 23 Herr Meier mag Schnecken 24 Achtung, heulende Frau 25 Herr Mu gibt einen Sprachkurs 26 Versöhnliche Schublade 27 Harmlos bescheuert 28 Das fragile Gleichgewicht von Kirschen – U - Bahn Gedanken 29 Frau Gerbers Knie und ein Glasengel 30 Brechendes Eis – U - Bahn-Gedanken 31 Franz hat jetzt weiche Hände – U - Bahn-Gedanken 32 Oh wie schön ist Panama – U - Bahn-Gedanken 33 Betrogene Frau dank DHL 34 Pudriges Altrosa, und doch eine Enttäuschung – U - Bahn-Gedanken 35 Herr Mu sagt danke 36 Nicht aussteigen – U - Bahn-Gedanken 37 Lernen Sie zu erzählen oder schweigen Sie! – U - Bahn-Gedanken 38 Ein Ziel braucht es – U - Bahn-Gedanken 39 Herr Meier muss gar nichts 40 Geschenkt – U - Bahn-Gedanken 41 Frisch gewaschene Träume Über Mitzi Irsaj

Impressum

Impressum

Mitzi aus dem Vorderhaus, 2. Stock

© 2017 Mitzi Irsaj Alle Rechte vorbehalten.

Text: Mitzi Irsaj

Umschlagbild: Mira Alexander, http://www.miraalexander.de

Illustration: Mira Alexander, http://www.miraalexander.de

Satz: Mira Alexander, http://www.miraalexander.de

Kontakt: Tanja Ullmann, Rathausstraße 5, 82024 Taufkirchen

Alle Rechte vorbehalten. Das vorliegende Werk darf weder in seiner Gesamtheit noch in seinen Teilen ohne vorheriger schriftlichen Zustimmung der Rechteinhaber in welcher Form auch immer veröffentlicht werden.

Das betrifft insbesondere jedoch nicht ausschließlich elektronische, mechanische, physische, audiovisuelle oder andersweitige Reproduktion oder Speicherung und oder Übertragung des Werkes sowie die Übersetzungen.

Davon ausgenommen sind kurze Auszüge, die zum Zwecke der Rezension entnommen werden.

Aus dem Inhalt

Aus dem Inhalt

Mitzis Geschichten sind eine Aufforderung zur Menschlichkeit und Liebe, am Beispiel von München und seinen Bewohnern. Die einfühlsame und kluge Beobachterin streift erzählend durch ihre Nachbarschaft und berichtet von amüsanten Situationen, nachdenklich stimmenden Begebenheiten und dem manchmal skurrilen Verhalten ihrer Mitmenschen. Sie bittet den Leser neben ihr in einer überfüllten U-Bahn Platz zu nehmen, an fremde Fenster zu klopfen oder ganz still einen Sonnenaufgang im Winter zu beobachten.

Lesen Sie dieses Buch, wenn Sie schon immer wissen wollten,

warum ein Bikinihöschen eine Nachbarschaftskrise auslösen kann,wie wichtig die Entscheidung zwischen rot und blau bei der Wohnungssuche in München sein kann,wo in München Schnecken neben Toast Hawaii auf der Speisekarte stehen,wie man ein Sofa mit dem öffentlichen Nahverkehr transportiertund warum man das Karma seiner Nachbarn besser nicht verbessern sollte.

Autorin

Autorin

Mitzi Irsaj ist eine Münchner Autorin, Bloggerin und leidenschaftliche Geschichtenerzählerin. Seit Anfang 2015 veröffentlicht sie ihre Erzählungen auf dem gleichnamigen Blog und liest regelmäßig im Rahmen der Lesereihe des Münchner Theaterensembles Südsehen (http://www.suedsehen.de).

1 Rot oder blau – die Giesinger Gretchenfrage

1 Rot oder blau – die Giesinger Gretchenfrage

Wer sich in München nach einer Wohnung umsieht, benötigt neben einem robusten Nervenkostüm und sehr viel Zeit vor allem Glück. Großes Glück. Um nicht zu sagen ein schon fast unverschämtes Glück. Der Wunsch ans Universum schadet nicht, wird von diesem aber meist mit einem gleichgültigen Schulterzucken honoriert und ist ähnlich erfolgreich wie der feste Vorsatz, am Mittwochabend im Lotto zu gewinnen. Um in München an eine Wohnung zu gelangen, braucht es mehr. Ohne die ganz besondere, kaum zu beeinflussende Verbindung zwischen Vermieter oder Makler und Wohnungssuchendem wird kaum ein Vertrag unterzeichnet. Natürlich ist es von Vorteil, wenn weder Kinder noch Haustiere vorhanden sind und das Gehalt regelmäßig fließt. Noch wichtiger aber ist, dass die Chemie stimmt zwischen den beiden Parteien, die fast schon mit dem leisen Knistern eines angehenden Liebespaares vergleichbar ist.

Ich will nicht behaupten, dass sich mein Vermieter in mich verliebte, als er mich an einem Donnerstagabend zwischen fünfundzwanzig Interessenten herauspickte, aber sympathisch waren wir uns nach den ersten zwei Sätzen. Ob ich rot oder blau bin, wollte er wissen, und lächelte mich dabei unschuldig, wie ein gutmütiger Großvater, an. In jedem anderen Münchner Stadtteil ist die Wahrscheinlichkeit, einem Anhänger des FC Bayern gegenüberzustehen, recht hoch. In Giesing nicht. Fußballtechnisch ist Giesing ein Minenfeld. Auf der einen Seite das Sechziger Stadion – Wahrzeichen des Viertels – und auf der anderen Seite, an der Grenze zu Harlaching, das Trainingsgelände der Bayern. Für Wohnungssuchende in Giesing ist die Frage nach Rot oder Blau die Gretchenfrage schlechthin. Kommt die Antwort nicht prompt, rückt die Traumwohnung in weite Ferne. In Giesing wird selbst das Münchner Kindl zum Fußball-Fan. Auf einem Graffito an der Hauswand an der Tegernseer Landstraße ist es mit den Fahnen der beiden Vereine in den Händen abgebildet. So viel Fußball-Harmonie findet man in diesem Viertel sonst selten. In einem Stadtteil, in dem rote Parkbänke von Fans des TSV 1860 in einer Nacht-und-Nebel-Aktion blau überstrichen werden, muss man sich, ob man will oder nicht, klar positionieren.

Obwohl mir Fußball herzlich egal ist und sich mein Desinteresse auch in Zeiten von Europa- oder Weltmeisterschaften nicht verringert, war meine Antwort klar und frei von Zweifeln. Wer in einem Kinderzimmer aufgewachsen ist, dessen Wände nachts regelmäßig taghell vom Flutlicht des Sechziger Stadions erleuchtet wurden, kann nur eine Antwort parat haben. Blau. Ganz klar. Der Vermieter lächelte, und als ich ihm vom nächtlichen heimlichen Lesen im Flutlicht erzählte, nickte er versonnen. Ob ich sie wolle, die Wohnung, fragte er, und ich hatte das unverschämte Glück, den Zuschlag unter gefühlten einhundert Mitbewerbern zu bekommen. Drei Monatsmieten für den Makler ärmer, drei Jahrzehnte Leben in ein paar Dutzend ramponierte Kartons verpackt und knöcheltief in den Trümmern einer vergangenen Beziehung stehend, war ich wieder zu Hause. Ich war zurück in meinem Viertel. Nach Jahren der teils freiwilligen, teils gezwungenen Abstinenz wurde ich wieder Giesingerin. Blaue Giesingerin, wie mein Vermieter bei der Schlüsselübergabe betonte. Meinetwegen auch blau. Das passte zu dem wolkenlosen Himmel am Tag der Mietvertragsunterzeichnung und, wie ich später feststellen sollte, noch besser zum Zustand meiner Nachbarn, wenn sie die Kneipe im Erdgeschoss verließen. Zurück in München. Wieder in Giesing. Ein schönes Gefühl. Es hielt an, bis Frau Obst an meiner Tür klingelte und mir Folgendes mitteilte:

»Erstens: Der Teppich im Laubengang gehört mir. Wenn Sie darauftreten, dann saugen Sie ihn auch einmal in der Woche. Zweitens: An ihrer Türe fehlt der Name. Wenn Sie hier wohnen, dann will ich wissen, wie Sie heißen. Drittens: Mein Name ist Obst. Frau Obst. Ich wohne nebenan, und wenn Sie noch Fragen haben, dann stellen Sie mir die, sobald Sie einen Namen haben. Grüß Gott.«

Ich habe einen Namen. Sogar einen Vornamen. Bis heute interessiert sich Frau Obst aber weder für den einen noch für den anderen. Sie nennt mich »Sie!«. Einmal mit und einmal ohne Ausrufezeichen. An schlechten Tagen bin ich »Sie da!« und an guten »Mei, Sie …« Großes Interesse legt Frau Obst dagegen an den Tag, wenn es um den gemeinsamen Teppich im Laubengang, die Sauberkeit im Waschkeller oder die Hausordnung geht. Letztere erhielt ich am Abend meines Einzugs von ihr persönlich. Sie schob mir einen Ausdruck unter der Türe durch und verschwand, bevor ich mich bedanken konnte. Frau Obst war die erste Nachbarin, die ich kennenlernte. Der Rest stellte sich in den folgenden Monaten etwas freundlicher vor. Herr Meier aus dem ersten Stock zum Beispiel. Der war durchaus interessiert und grüßte mich mit einem »Und wer sind Sie?«, nachdem ich ihm einen guten Morgen gewünscht hatte. Erwidert hat er den Gruß nicht. Aber mit dem Kopf genickt. Das war mehr als Herr Krüger. Der wohnt direkt unter mir und hat mir bis heute nicht einmal in die Augen gesehen. Frauen machen ihn nervös. Das weiß ich, weil es mir seine Mutter einmal im Lift erzählt hat. Sie muss es wissen. Sie teilt sich seit fünfzig Jahren mit Herrn Krüger eine Wohnung. Überhaupt nicht nervös im Umgang mit Frauen ist Paul Kleiber, ein Nachbar aus dem Hinterhaus und sporadischer Untermieter meines Tiefgaragenstellplatzes. Der Aushang am schwarzen Brett lockte Paul wenige Wochen nach meinem Einzug in den zweiten Stock zu mir. Neben dem Preis für den Stellplatz interessierte ihn vor allem, ob ich allein wohnen würde, wie alt ich sei und ob ein generelles Interesse an einem Feierabenddrink bestehen würde. Dass ich damals ablehnte, nimmt Paul mir noch heute übel und verzichtete im Jahr meines Einzugs darauf, mein Garagenuntermieter zu werden. Obwohl Parkplätze bei uns Mangelware sind, hielt Paul es wohl für eine Ehre, seine alte Karre bei mir unterzustellen. Eine Ehre, die er an diesem Abend demonstrativ versagte. Er nannte mir nicht einmal seinen Namen. Wir kamen erst einige Jahre später ins Geschäft, und noch heute überweist er die Miete für den Stellplatz als Strafe für mein anfängliches Fehlverhalten grundsätzlich erst drei bis acht Tage nach dem vereinbarten Termin. Davon abgesehen gehört er längst zu den Lichtblicken und den liebgewonnenen Konstanten in meinem Haus. Paul ist übrigens begeisterter Anhänger des FC Bayern München – und damit rot.

So rot wie meine Wangen gerade werden, fügte er an, als ich die Frage stellte, um eine unangenehme Stille im Lift zu überbrücken. Ich nahm ihm den Kommentar übel und lasse ihn zur Strafe jedes Jahr im Herbst ein wenig schmoren, bevor ich den Mietvertrag für den Tiefgaragenstellplatz verlängere. Trotzdem war es gut, die Frage gestellt zu haben. Sie erklärt, warum es mit Paul und mir so kompliziert ist – Rot und Blau, das geht selten gut. Das ist wie Rot und Schwarz und in München jenseits des Fußballes ebenfalls eine Glaubensfrage.

2 Ganz umsonst

2 Ganz umsonst

Seit einigen Monaten verfolge ich mit großer Freude den Twitter-Account des Berliner Nahverkehrs. Der tägliche Wahnsinn der Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel in einer Großstadt wird hier mit 140 Zeichen von den Betreibern herrlich selbstironisch und sarkastisch dargestellt. Meines Wissens hat der MVG, das Münchner Pendant, aktuell keinen solchen Account. Sollten die Verkehrsbetriebe jemals mit dem Gedanken spielen, einen zu eröffnen, werde ich mich umgehend im Social-Media-Team bewerben. Ich bin perfekt für diesen Job, und ohne arrogant klingen zu wollen, möchte ich behaupten, dass es nichts, aber auch gar nichts gibt, was ich in einem Bus, einer U- oder S - Bahn oder einer Tram noch nicht erlebt habe. Die Benutzung der öffentlichen Verkehrsmittel gehört zu einer meiner größten Leidenschaften. Während des Studiums konnte ich mir kein Auto leisten, heute will ich keines und gehe sogar so weit, meine Wohnung so zu wählen, dass ich das Angebot des MVG in seiner ganzen Breite ausschöpfen kann. Tram, Bus und U - Bahn müssen zu Fuß erreichbar sein. Die Benutzung ist großes Kino für verhältnismäßig kleines Geld. Zugegeben, es brauchte seine Zeit bis ich das begriff.

Für meine Monatskarte des Münchner Nahverkehrs bezahle ich über 70 Euro. Bis vor kurzem habe ich mich über diesen hohen Preis geärgert. Es ist ein bisschen viel für regelmäßige Verspätungen, unangenehme Geruchsbelästigungen und missmutige Gesichter, die einem den Tag schon vor 7.00 Uhr morgens verderben. Erst vor kurzem habe ich entdeckt, dass mir für 70 Euro monatlich weit mehr geboten wird. Damit meine ich nicht die lächerlichen Nachrichtenfragmente, welche auf den kürzlich installierten Monitoren in den U - Bahnen zu lesen sind. Ich bekomme auch keinen Rabatt und keine Mitgliederzeitung. Ich bekomme etwas viel Besseres.

Das Unterhaltungsprogramm des Münchner Nahverkehrs ist vergleichbar mit einem Bonusprogramm, in dessen Genuss nur langjährige Mitglieder kommen. Die ersten 30 Jahre kann man damit noch nichts anfangen. Da ärgert man sich über die harschen Zurechtweisungen eines Busfahrers, die Verspätungen und den Horror, wenn man mit den Öffentlichen zu einer Prüfung fahren muss. Man kann über die Nacht-Linien noch nicht lachen und weiß noch nicht, dass sie synonym für »Geh zu Fuß, du naiver Idiot« stehen. Es ist eine Freude! Man kann sie nur noch nicht wirklich genießen. Nach über einem Vierteljahrhundert sieht das anders aus. Dann beginnt man, den Wahnsinn zu lieben, und ist ein Teil von ihm geworden. Nach 30 Jahren versucht man gar nicht mehr, die Stoßzeiten zu vermeiden. Ganz im Gegenteil. Man wählt mit Bedacht die am stärksten frequentierten Zeiten des Nahverkehrs, um ein Teil von ihm zu sein. Experten schaffen sich extra große Rücksäcke an, um täglich aufs Neue mit den Schulranzen zu konkurrieren und sie den bemitleidenswerten Idioten, die keine haben, gegen den Bauch oder ins Gesicht zu rammen. Mindestens einmal im Jahr sollte man versuchen, Christbäume, Gardinenstangen und Möbelstücke zu transportieren, oder versuchen, zwischen 6.30 und 9.00 Uhr werktags ein Fahrrad in die U - Bahn zu stopfen. So richtig dazu gehört man erst, wenn es einem gelungen ist. Oder bei Goldmitgliedschaften. Die bekommt man nach 60 Jahren und darf sich dann mit dem Rollator am Spaß beteiligen oder mit dem Krückstock zuschlagen. Nur gegen die Schienbeine der anderen Fahrgäste natürlich, und nur, wenn man zugleich altersmilde und etwas verwirrt lächelt.

Ich selbst bin ja noch nicht lange Ehren-Mitglied. Dass ich diesen Status schon erreicht habe, wurde mir erst vor einigen Wochen bewusst. Da stand ich in der völlig überfüllten U - Bahn, und wir steckten im Tunnel fest. Nach 5 Minuten kam die Durchsage, dass die Stammstrecke der S - Bahn gesperrt sei. Schon seit einer Stunde. Neben mir begann eine junge Frau wütend zu schnauben. Warum der Idiot von U - Bahn-Schaffner das nicht schon eine Station früher durchgesagt habe. Da hätte man schließlich noch umsteigen und das Nadelöhr der Stammstrecke umgehen können. Warum er nichts sagte, wenn es schon seit einer Stunde so sei. Wir, die wir gute 15 Jahre mehr auf dem Buckel hatten, sahen sie mitleidig lächelnd an. Und auf einmal ahnte ich, dass ich jetzt endlich den Status eines vollwertigen MVG-Nutzers erreicht hatte. Umfahren? Bin ich des Wahnsinns? Ich will da rein! Ich will ein Teil von ihm sein.

Dass ich es längst bin, zeigt sich daran, dass mich MVG-Mitarbeiter nicht mehr ansprechen. Eigentlich sind diese Mitarbeiter unsichtbar. Die Informationsschalter sind immer geschlossen, und wenn man eine Frage hat, dann muss man sich eine App herunterladen. Sichtbar werden sie nur, wenn wirklich gar nichts mehr geht. Dann rückt diese geballte Kompetenz des Münchner Nahverkehrs aus. Deutlich erkennbar durch Uniformen in Einheitsgrößen. Das muss so sein, denn es gehört zum Rahmenprogramm, auf das ich mich mit jeder Station mehr freue. Herrlich, der 1,93 Meter große Herr in Hochwasserhosen und Hemdknöpfen, die seinen Bauch kaum halten können. Reizend auch der kleine, schmächtige, der die Hosen bei jedem dritten Schritt nach oben ziehen muss und in der Uniformjacke fast verschwindet. Oder die Dame – wir legen in München Wert auf Gleichberechtigung –, die mit forschem Schritt die zu enge Hose aus ihrem ausladenden Gesäß zu zupfen versucht. Zu dritt schreiten sie über den Bahnsteig und ignorieren die Münchner. Die kommen schon irgendwie zurecht. Sie suchen sich gerne Gruppen von Italienern oder Asiaten, die hilflos auf die Anzeigetafeln blicken und sich wundern, warum seit einer Stunde kein Zug einfährt. Dann fragen sie mürrisch lächelnd:

»Need help?«

»Si, grazie!« oder »Yes, please!«

So leicht ist das in München beim MVG nicht. Die Antwort kommt prompt: »No Änglisch«, und die drei gehen weiter. Man will uns Monatskarten-Abonnenten ja teilhaben lassen, und irgendein Ortskundiger wird dem armen ausländischen Volk schon erklären, wie es zum Flughafen kommt. Das ist Mitmach-Theater, und alte Damen mit Rollatoren kommen so auch mal wieder zu zwischenmenschlichen Kontakten. Vornehmlich am Abend. Gerne mag ich eine, die ich schon öfter sah. Ich bin überzeugt davon, dass sie eigentlich kein Englisch spricht. Aber sie kann mittlerweile ganz gut den Weg zur Bayernkaserne erklären. Da mussten in letzter Zeit viele am Hauptbahnhof gestrandete Flüchtlinge hin. Zu denen ist das Kompetenz-Team des MVG eigentlich ganz freundlich. Das hilft aber nicht viel, weil sie selbst nicht wissen, wie man da hinkommt. Man könnte den armen Menschen natürlich einen U - Bahn-Plan geben oder genau aufzeichnen, wie man da hinkommt. Machen wir aber nicht. Wir schreiben nur eine Adresse auf, und die steht auf keinem U - Bahn-Plan. Das einzig Gute daran ist, dass wir so ins Gespräch kommen. Auch die Rollatoren-Dame weiß mittlerweile, was rot (die Farbe der richtigen Linie) auf Englisch heißt, und kann die Orientierungslosen wenigstens auf das richtige Gleis schicken. Andere erklären, dass sie zwei Mal umsteigen und dann noch ein ganzes Stück zu Fuß weitermüssen. Manchmal bringt sie auch einer hin. Um diese armen Gruppen kümmern wir uns. Für Touristen fühlen wir uns nicht zuständig. Ich muss zugeben, dass wir da eher grinsend beobachten, wie die versuchen, am Informationsschalter Hilfe zu bekommen. Herzzerreißende Dialoge. Ich hab’ es einmal auf Deutsch übersetzt, denn dieses grausame Englisch kann ich nicht wiedergeben:

»Zum Flughafen?«

»Ja.«

»Wie komme ich da hin?«

»S - Bahn.«

»Welche muss ich denn nehmen?«

»Störung.«

»Was bedeutet das für meinen Flug?«

»Nix Gutes.«

Sollten Sie einmal in München festhängen, halten Sie nach mir Ausschau. Ich helfe Ihnen schon weiter. Aber eigentlich sollten Sie einfach sitzen bleiben und das Spektakel ein bisschen genießen. Sonst lohnen sich die 12,80 Euro zum Flughafen nicht.

3 Ein zweiter Blick

3 Ein zweiter Blick

Manchmal ist es gar nicht nötig, sich eine Fahrkarte zu besorgen. Nicht wenige Münchner nutzen das Angebot des öffentlichen Nahverkehrs auch zur Kontaktaufnahme und beschränken sich hierbei auf die Nutzung der Wartehäuschen an den Haltestellen. Hier findet man die Münchner, die nirgends hinmüssen und auf die zuhause womöglich niemand wartet. Sie machen es richtig. Anstatt sich allein vor den Fernseher zu setzen, gehen sie raus und unter die Leute. Gerade an Bushaltestellen trifft man von ihnen besonders viele. Von den Leuten. Jene, die ein Ziel haben, und jene, die keines haben.

Er hätte jetzt eine Katze, teilte mir ein etwa siebzigjähriger Mann vor einigen Wochen mit. Ich kannte ihn nicht und stand nur zufällig morgens an der Bushaltestelle, auf deren Bank er saß. Neben sich ein Trolli zum Transportieren von Einkäufen und in den Händen ein Smartphone, lächelte er mich freundlich an und deutete auf das Display, auf dem ein Foto der Katze zu sehen war.

Frühmorgens schlägt mir schaler Biergeruch schnell auf den Magen. Das freundliche und aufgeregte Lächeln des alten Mannes ließ mich darüber hinwegsehen, und ich setzte mich neben ihn. Im Juli ist die Luft um kurz vor sieben Uhr noch klar und frisch genug, um für den nötigen Ausgleich zu sorgen. Seine Katze hieß Muschi, sagte er mir und lachte verschmitzt, als er zugab, sie nach Edmund Stoibers Frau benannt zu haben. Die Katze meiner Großeltern hieß auch Muschi. Aber nicht wegen Stoiber, sondern weil es in den siebziger Jahren ein gängiger Katzenname war. Ich glaube, er ist aus der Mode gekommen. Muschi ist eine hübsche Katze und wohnt vermutlich schon länger bei dem alten Mann als sein Telefon, auf dessen Display noch die Schutzfolie klebt. Ich sah mir seine Katze an, und weil sie ihm so wichtig war, stimmte ich gerne zu und bestätigte, dass es eine ausgesprochen hübsche Katze war.

Das Foto der Katze war das, was auch eine Bemerkung über das Wetter sein kann. Die Möglichkeit, mit einem fremden Menschen ins Gespräch zu kommen. Ich hörte, dass Muschi Trockenfutter nicht mag und er das Vieh so sehr ins Herz geschlossen hat, dass er sie mit dem teuren Katzenfutter aus der Werbung verwöhnte. Das würde Muschi so gerne fressen und er ihr so gerne dabei zusehen. Ich erfuhr noch viel von Muschi, bevor der Bus kam. Wie ich vermutete, stieg der alte Mann nicht ein. Er blieb sitzen und wartet auf den nächsten Fahrgast, um auch ihm ein Bild der Katze zu zeigen und ein bisschen zu ratschen. Ich finde, dass man solchen Haltestellengesprächen auf keinen Fall aus dem Weg gehen darf. Wer weiß, ob man nicht selbst irgendwann früh morgens allein auf einer Bank sitzt und sich einfach nur ein wenig unterhalten möchte.