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Was bekommt ein Opfer von Mobbing nicht alles zu hören: "Wer gemobbt wird, ist selber schuld", "Sei nicht so empfindlich", "Mobbing-Opfer sind schwache Persönlichkeiten" … Das sind Lügen. Mobbing-Opfer sind nicht schuld. Dieses Buch steht auf der Seite der Opfer. Es enttarnt die bestehenden Mythen über Mobbing-Opfer und beweist, dass nur die Täter die Schuldigen sind. Es gibt außerdem Tipps, wie man wieder das Vertrauen in sich selbst stärken kann, und gibt Hilfestellung, wie neue Mobbing-Angriffe frühzeitig erkannt und gestoppt werden können. Zur Autorin: Simone Bruchsal erfuhr Mobbing in ihrem eigenen Berufsalltag als Büroangestellte. Weil alle Ratgeber für Mobbing-Opfer, auf die sie stieß, nur das Opfer als Ursache des Mobbings darstellten, hat sie selber das Buch geschrieben, das ein Mobbing-Opfer in dieser Lage braucht.
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Seitenzahl: 149
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Simone Bruchsal
Mobbing-Opfer sind nicht schuld
Die Wahrheit über Mobbing
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Vorwort
Vorneweg: Was ist Mobbing?
Wissenschaftlich bewiesen: Mobbing ist gesundheitsschädlich
Mobbing-Mythos 1: Mobbing-Opfer sind einfach zu empfindlich.
Mobbing-Mythos 2: Mobbing-Opfer sind anders als die anderen
Mobbing-Mythos 3: Mobbing-Opfer haben zu wenig Selbstbewusstsein
Mobbing-Mythos 4: Wer den anderen einen Grund fürs Mobbing liefert, ist selber schuld
Mobbing-Mythos 5 und 6: Das Opfer soll sich wehren, dann hört das Mobbing auf und Das Opfer soll es ignorieren, dann hört das Mobbing auf
Mobbing-Mythos 7: Zum Mobben gehören immer zwei: Einer, der mobbt, und einer, der sich mobben lässt
Mobbing-Mythos 8: Nur Opfertypen werden gemobbt
Mobbing-Mythos 9: Wäre das Opfer engagierter, würde man es nicht mehr mobben
Mobbing-Mythos 10: Konflikte gehören eben zum Leben dazu
Mobbing-Mythos 11: Das Opfer muss sich verändern, dann hört das Mobbing auf
Mobbing-Mythos 12: Das Opfer hat sich sein Schicksal durch seine Gedanken selber angezogen
Mobbing-Mythos 13: Das Opfer wird nie wieder eine andere Arbeitsstelle finden
Mobbing-Mythos 14: Du bildest dir alles nur ein!
Mobbing-Mythos 15: Wenn das Opfer psychologische Hilfe braucht, ist bewiesen, dass es schon immer nicht richtig im Kopf war
Mobbing-Mythos 16: Das ist alles nicht so schlimm
Mobbing-Mythos 17: Mobbing-Opfer sind wertlos
Warum erfahren Mobbing-Opfer so selten Verständnis?
Warum beschuldigt niemand die Täter?
Warum die Guten besonders gefährdet sind
Was Mobbing-Opfer wirklich brauchen
Die Auswirkungen des Mobbings
Der 13-Schritte-Plan, mit dem ich mich von den Folgen des Mobbings befreite
Schritt 1: Die Akzeptanz der Empörung
Schritt 2: Die Folgen des Mobbings sind nicht deine Schuld
Schritt 3: Finde andere Mobbing-Opfer
Schritt 4: Schau die Welt mit den Augen eines Mobbers an
Schritt 5: Du wirkst nicht wie ein Opfer
Schritt 6: Bereite Gegenstrategien vor
Schritt 7: Pflege deine Stärken
Schritt 8: Deine Erfahrungen sind wichtig
Schritt 9: Lege deine emotionalen Anker fest
Schritt 10: Lerne Verdrängung
Schritt 11: Versöhne dich mit dem Schicksal, aber nicht mit der Ungerechtigkeit
Schritt 12: Reise
Schritt 13: Gib deinen Erfahrungen einen Sinn
Durchschaue die Strategien der dominanten Menschen
Die Wartestrategie
Schmollen
Witze
Sie lassen sich bedienen
Kritik als Waffe
Widerspruch
Mächtige Menschen lächeln nicht
Schweigen
Informationen zurückhalten
Das Gespräch mit dem Vorgesetzten
Wenn der Vorgesetzte mobbt
Warum die Mobber sich unschuldig fühlen und Vermittlungsversuche so schwierig sind
Die Mobbing-Fabel
Nachwort
Anmerkungen
Danksagung
Impressum neobooks
Es gibt zwei Arten von Menschen: Die einen waren schon einmal Opfer von Mobbing, den anderen blieb es bisher erspart. Die Letzteren haben für Mobbing-Opfer meist kein Verständnis. Sie meinen, Mobbing sei nur harmlose Hänselei, und die Opfer von Mobbing seien Sensibelchen mit einem großen Hang zum Selbstmitleid. Mobbing, das ist für alle die, die davon verschont blieben, nur ein putziges Wort mit kindlichem Beiklang, es klingt nach Sandkastenstreitereien und Belanglosigkeit.
Wer Mobbing selbst erlebt hat, weiß, dass Mobbing einen Menschen zerstören kann. Es zerstört das Selbstwertgefühl, die Psyche, das ganze Leben. Mobbing macht krank, manchmal bis zur Arbeitsunfähigkeit. Manche Mobbing-Opfer begehen sogar Suizid, um dieser irdischen Hölle zu entkommen.
In der Gesellschaft gelten Mobbing-Opfer als schwach. Damit werden sie noch weiter abgewertet. Indirekt wird ihnen die Schuld an ihrer Lage zugeschoben, und die Täter werden damit entlastet. Für Unternehmen, für die Mobber und für den Rest der Gesellschaft ist das eine bequeme Lösung, wenn man das Opfer zum Schuldigen erklärt. „Du wirst gemobbt? – Na, kein Wunder, du bist ja auch so schüchtern/extravertiert/erfolgreich/neu hier/jung/alt/wehrlos/ ... Wärest du ein anderer Mensch, würde dich niemand mobben. Aber so zwingst du die anderen geradezu, dich zu mobben!“ Das heißt mit anderen Worten: „Selber schuld, warum beklagst du dich überhaupt?“
Auch ich war Opfer von Mobbing, zwei Jahre lang, und diese Erfahrung wünsche ich niemandem. Während dieser zwei Jahre musste ich erleben, wie sich erst eine fremdartige Traurigkeit in mein Leben schlich, wie ich das Lächeln verlernte, wie die Freude an meinen Hobbys schwand, und wie ich dann schließlich immer näher taumelte in Richtung einer Lösung, die nur für mich alle Probleme gelöst hätte. Meiner Familie und meinen Freunden hätte ich damit nur noch weiteren Kummer gemacht.
Das Schicksal oder der Zufall, wer auch immer, entschieden anders, und nach der heftigsten Mobbing-Attacke meines Lebens entschied ich mich, zu kündigen. Ich brauchte Monate, bis ich mich vom Alptraum „Mobbing“ erholt hatte. Die Erinnerungen daran werden mich immer begleiten. Dankbar bin ich für diese schrecklichen zwei Jahre nicht, auf keinen Fall, aber ich habe in diesen zwei Jahren viel gelernt über den Charakter des Menschen, die Stärke subtiler Machtspielchen und das Funktionieren von Gruppen. Für mein Hobby, das Schreiben von Romanen, sind diese Kenntnisse von hohem Wert, denn all die menschlichen Abgründe kenne ich nun: die stumme Grausamkeit von Ausgrenzung oder das hasenscheue Schweigen von Duckmäusern; die Zweifel des Opfers an sich selbst; die Sorgen, die die Freude zernagen in allen Lebensbereichen, so unbarmherzig wie Rost; der Hass der anderen auf das Opfer, der das Opfer in ihren Augen zu einem Dämon wachsen lässt – all das sind spannende Elemente in Büchern. Davon zu lesen ist interessant. Es zu erfahren ist schrecklich.
Die Zeit als Mobbing-Opfer demoliert das Selbstwertgefühl, und zwar bei jedem. Wer vorgibt, ihm könne Mobbing nichts anhaben, der ist in der glücklichen Situation, dass er noch niemals Mobbing-Opfer war.
Mobbing wirkt wie Gift. Es hört nicht auf, wenn man in den Feierabend startet – die Ereignisse des Tages spielen sich immer neu im Gehirn ab, die Stimmen der Mobber hallen weiter im Kopf. Während die, die uns all den Kummer verursachen, längst keinen Gedanken mehr an uns verschwenden und ihren (nicht unbedingt wohlverdienten) Feierabend genießen, wirken ihre Worte und Aktionen noch weiter, vergiften unsere Psyche, zersetzen unser Leben. Meist werden die Mobbing-Opfer sogar selber noch zu Verbündeten der Mobber, denn sie suchen die Schuld fürs Mobbing nur bei sich und sprechen damit die Täter von der Verantwortung frei. Mobbing-Opfer halten sich für zu empfindlich, für humorlos, für „nicht ganz richtig im Kopf“, für anders, für wertlos. Sie sind schon völlig durchsetzt mit Mobbing-Gift.
Auch unbeteiligte Personen, Freunde, Familie, Berater, oder auch Vorgesetzte, sprechen immer dem Opfer die Schuld zu. Ihre Argumente sind oftmals absurd, intolerant und hämisch: Das Opfer ist schuld, weil es sich nicht wehrt, oder es ist schuld, weil es die Attacken nicht ignoriert; es ist schuld, weil es kein Klon der anderen ist, sondern eine eigenständige Persönlichkeit (ist nicht jeder Mensch „anders“ als alle anderen?); das Opfer ist schuld, weil es unter Mobbing leidet, anstatt es schulterzuckend zu ertragen; es ist schuld, weil es sich gekränkt fühlt, und so weiter. Am Ende fühlt sich das Opfer nur noch schlechter, und glaubt, es sei kein richtiger Mensch, da es so viele Makel und Fehler hat! Statt Unterstützung erfährt das Opfer nur neue Ablehnung.
All die Argumente und Theorien über Mobbing, die man dem Opfer entgegenschleudert, sind Unsinn. Aussagen wie „Nur Opfertypen werden gemobbt“ oder „Mobbing-Opfer sind einfach nur zu empfindlich“ sind keine Ergebnisse seriöser Forschung, sondern Stammtischparolen. Wir nennen sie der Einfachheit halber „Mobbing-Mythen“. Die Mobbing-Mythen dienen den Mobbern, das Opfer noch mehr fertigzumachen, und sie hindern Dritte, Verständnis für das Opfer zu empfinden. Ein Beispiel für einen der häufigsten Mobbing-Mythen: Ständig hören Opfer, dass sie sich eben wie ein „Opfer“ verhalten hätten und damit die anderen zum Mobben geradezu eingeladen haben. Das ist keine Erklärung, das ist nur absurd. Bis heute weiß die Forschung noch nicht, ob es überhaupt bestimmte Persönlichkeitstypen gibt, die von Mobbing häufiger betroffen sind als andere. Denn nicht nur schüchterne Personen werden Opfer von Mobbing, sondern auch Personen mit Durchsetzungsfähigkeit, deren Hang zu innovativen Vorschlägen leider auch Neider und Feinde auf den Plan ruft. Besonders leistungsfähige Menschen können Opfer von Mobbing werden, genauso wie Menschen, die erst neu im Unternehmen sind und mit den Arbeitsabläufen erst vertraut werden müssen. Jung oder Alt, Mann oder Frau – es kann jeden treffen. Außerdem sind bestimmte Ähnlichkeiten im Charakter und im Verhalten von Mobbing-Opfern (wie zum Beispiel Hang zu Depressionen, unsicheres Auftreten und gesteigertes Misstrauen) häufig erst durch das Mobbing entstanden. Wer nun dem Mobbing-Opfer zum Vorwurf macht, dass es nicht munter und fröhlich genug sei und wegen seiner zurückhaltenden Art gemobbt werde, hält die Auswirkungen des Mobbings für seine Ursache!
Das darf nicht sein. Mobbing-Mythen sind falsch und schaden den Opfern noch mehr.
In der Mobbing-Situation vor Ort hilft den Mobbing-Opfern meist ohnehin niemand: Die Zeugen der Mobbing-Handlungen ignorieren die Mobbing-Aktionen aus Angst, dass auch sie selbst auf die Abschussliste geraten könnten, wenn sie sich fürs Mobbing-Opfer einsetzen. Schlimmer noch, manche Kollegen oder Vorgesetzte werden zu Mitläufern und machen noch mit beim Mobbing.
Aber zumindest am Feierabend, wenn das Mobbing-Opfer sich mit den Ereignissen des Tages auseinandersetzt, sollte es doch auf Verständnis hoffen dürfen! Mobbing-Opfer brauchen jemanden, der sie daran erinnert, dass die Ansichten der Mobber keine eisernen Tatsachen sind. Das Verhalten der Mobber entsteht aus ihrer mangelnden Toleranz, aus ihrem Neid, aus ihren Charaktermängeln! Mobbing-Opfer brauchen jemanden, der ihre Partei ergreift, denn die Partei der Täter ist schon stark genug.
Dieses Buch ergreift die Partei der Opfer. Es bietet der Leserin/dem Leser Unterstützung und Trost in einer schweren Zeit. Es ist ein Helfer für den Feierabend, für den Urlaub, oder für die ersten Wochen, wenn das Mobbing aufgehört hat.
Hier sind alle Mobbing-Mythen gesammelt, unter denen Mobbing-Opfer leiden. Jeder Mobbing-Mythos wird widerlegt. Zusätzlich wird die Frage erörtert, warum das Verhalten der Täter so häufig entschuldigt oder kleingeredet wird. In einem 13-Schritte-Plan bekämpfen wir die Auswirkungen des Mobbings mit einfachen, schnellen Tricks und bauen unser zertrampeltes Selbstwertgefühl wieder auf. Weiterhin lernen wir, die Strategien der machtgierigen Menschen zu durchschauen, denn gerade von diesen geht meist die größte Mobbing-Gefahr aus. Wir lernen Strategien, um neue Mobbing-Angriffe frühzeitig zu stoppen.
Was auch immer Mobbing-Opfer zu hören bekommen an sinnlosen Ratschlägen und unsinnigen Erklärungen – es ist falsch. Mobbing ist immer böse, und kann niemals entschuldigt werden.
Noch eine Bemerkung, bevor es losgeht: Aus Gründen der leichteren Lesbarkeit des Textes wird auf die separate Aufführung der weiblichen Formen (Arbeitnehmerinnen, Unternehmerinnen, ...) verzichtet. Aber selbstverständlich sind immer beide Geschlechter gemeint!
Und eine weitere Anmerkung, die mir sehr am Herzen liegt: Die weiter unten aufgeführten Tipps und Tricks für die Wiederherstellung des Selbstbewusstseins sind von mir alle erprobt und für wirksam befunden worden; es sind einfache Strategien, wie man die Selbstakzeptanz steigern kann und wieder lernt, die übersteigerten Selbstzweifel zu kontrollieren. Es handelt sich hierbei nicht um psychologische Beratung/Hilfeleistung! Ich habe keine psychologische Ausbildung; sollten Sie, liebe Leserin, lieber Leser, sich von Ihrer Situation überwältigt fühlen, suchen Sie sich bitte professionelle psychologische Hilfe! Wie jedes Mobbing-Opfer Ihnen bestätigen wird, ist Mobbing keine Kleinigkeit, durch die man sich durchbeißen muss, sondern eine Extremsituation, unter der jeder leiden würde! Bitte holen Sie sich Hilfe, Sie sind es wert, dass es Ihnen wieder gut geht!
Für Mobbing gibt es viele Definitionen, die sich nur teilweise überschneiden. Uneinigkeit herrscht zum Beispiel darüber, über welchen Zeitraum einzelne Mobbing-Handlungen erfolgt sein müssen, um in ihrer Gesamtheit als Mobbing zu gelten. (Man beachte: Mobbing ist ein Prozess, der erst aus der Rückschau zu identifizieren ist!)
Allen Definitionen gemeinsam sind zwei Merkmale von Mobbing: Wie gerade erwähnt, muss Mobbing über einen längeren Zeitraum (zumeist werden mehrere Monate genannt) erfolgt sein, und Mobbing muss zum Ziel haben, dem Opfer zu schaden, zum Beispiel, indem es aufgrund gezielter Rufschädigung eine in Aussicht gestellte Beförderung nicht erhält, oder noch schlimmer, indem es zur Kündigung getrieben wird.
Es gibt eine Vielzahl von Handlungen, die Bestandteil des Mobbings sein können. Dazu zählen zum Beispiel:
Ignorieren
Ausgrenzen
Verstummen aller Gespräche, wenn das Mobbing-Opfer den Raum betritt
Vorenthaltung von Informationen
Verspotten
Beleidigung
Sexuelle Belästigung
Rufschädigung
Abwertung der Persönlichkeit des Opfers
Lügen verbreiten
Gezielte Demütigung, auch vor Dritten
Ungerechtfertigte/Übertriebene Kritik
Keine Arbeit mehr geben
Zuweisung sinnloser Tätigkeiten
Körperliche Angriffe
Bei Mobbing handelt es sich also um weitaus mehr als nur um eine Sammlung harmloser Hänseleien oder lächerlicher Lappalien.
Mobbing entsteht also aus vielen einzelnen Handlungen, die sich über längere Zeit hinweg ansammeln, und durch die das Opfer ständig abgewertet wird. Hierin liegt die besondere Problematik des Mobbings begründet: Es hat keinen eindeutig erkennbaren Anfang und wird deshalb vom Opfer in den ersten Wochen, wenn nicht gar Monaten, kleingeredet. Jeder wird einmal übersehen, zu Unrecht vor den Kollegen zurechtgewiesen oder erhält die unbeliebteste Arbeit zugewiesen. Zunächst hält das Mobbing-Opfer diese Handlungen für Zufälle, für eine vorübergehende schlechte Laune des Vorgesetzten, für normale Reibereien im Arbeitsleben. Es wehrt sich nicht, sondern denkt sich: „Alles wird sich wieder einrenken.“ Die Mobber (vielleicht ist Mobbing zunächst gar nicht ihre Absicht, wer weiß, vielleicht haben sie zunächst nur ihren Spaß daran, das Opfer zu veralbern?) machen weiter. Das Opfer erträgt die Taten der Mobber, denn es unterstellt ihnen keine bösen Absichten. Langsam schaukelt sich die Situation hoch: Die Mobbing-Handlungen werden aggressiver, die Witze werden unverschämter, Lügen über das Opfer werden gestreut, die Arbeit des Opfers wird sabotiert, das Opfer wird lächerlich gemacht. Das Opfer fühlt sich unglücklich, schlecht behandelt, verzweifelt. Es macht sich Vorwürfe, dass es nicht früher die Mobber in die Schranken gewiesen hat. Doch wie hätte es voraussehen sollen, dass aus Scherzen später sexuelle Belästigung werden würde? Wie hätte es wissen können, dass sich aus der schlechten Laune seines Vorgesetzten eine ständige Missachtung des Opfers entwickeln würde? – Weil das Mobbing nicht von einem Tag auf den anderen einsetzt, sondern sich langsam einschleicht, ist es so schwer, die Anzeichen zu erkennen. Wenn dem Opfer klar wird, dass es absichtlich ausgeschlossen wird, ist es meist schon zu spät. Die Mobber haben schon „Blut geleckt“; sie nehmen das Opfer nicht mehr als Kollegen wahr, sondern als Feind, den sie unschädlich machen müssen.
Autoritäre, launische Vorgesetzte sind ein Risiko für die Gesundheit ihrer Mitarbeiter. Schwedische und britische Studien haben ergeben, dass Angestellte, die einem Vorgesetzten unterstellt sind, der sie nicht wertschätzt, mit einer um 30 % höheren Wahrscheinlichkeit an Herzkrankheiten leiden. (vgl. Daniel Goleman, Soziale Intelligenz, München 2006, Seite 338 f.)
Mitarbeiter, die Beleidigungen von Seiten ihres Vorgesetzten erfahren und diese schweigend hinnehmen, ohne sich zu wehren, haben einen erhöhten Blutdruck, der über lange Zeit zu gesundheitlichen Schäden führen kann.
Viele Mobbing-Opfer empfinden ein starkes Gefühl von Hilflosigkeit. All ihre Versuche, die Situation zu entschärfen und die Mobber zu beschwichtigen, misslingen. Auch betriebsinterne Vermittlungsversuche führen häufig nicht zu einer dauerhaften Beendigung des Mobbings. Die Hilflosigkeit, die Mobbing-Opfer in dieser Lage empfinden, ist der Nährboden für Depressionen und Stress. Und das ist nicht allein bei uns Menschen so! Bei Tierversuchen wurden Hunde einzeln in Boxen untergebracht, über deren Boden ihnen schmerzhafte Stromschläge versetzt wurden. Zunächst suchten die Hunde panisch nach einem Ausweg – natürlich ohne Erfolg. Schließlich kapitulierten sie, legten sich nieder und verfielen in Teilnahmslosigkeit.
Ein ähnliches Experiment wurde mit Ratten durchgeführt: Zwei Ratten wurden in einzelne Käfige gesetzt; auch hier wurden durch den Boden Stromschläge geleitet. Die Stromschläge trafen beide Käfige zur gleichen Zeit, zwischen jedem Schlag gab es eine Pause. In nur einem der beiden Käfige befand sich ein Knopf, der, wenn man ihn drückte, den nächsten Stromschlag in beiden Käfigen aussetzte. Die Ratte im Käfig ohne Knopf hatte keine Möglichkeit, die missliche Lage zu ändern, und war völlig darauf angewiesen, dass die andere Ratte rechtzeitig den Knopf drückte. Bei beiden Tieren wurden die Stresshormone im Blut gemessen, und es stellte sich heraus, dass die Ratte, die nichts beitragen konnte zur Hemmung der Stromschläge, einen bedeutend höheren Stresspegel hatte! (vgl. Online-Artikel „Lebensgefährte Stress“ der „Zeit“, http://www.zeit.de/zeit-wissen/2014/03/umgang-mit-stress/seite-3, Stand: 03.10.2016)
Wenn schon unsere Mitgeschöpfe unter der Situation der Hilflosigkeit leiden, dann ist es nur verständlich, dass wir Menschen (die doch von sich behaupten, ein noch viel reicheres Gefühlsleben zu haben!) ebenso darunter leiden.
Mobbing-Opfern ergeht es wie den Tieren aus den obigen Beispielen. Die Situation ist übermächtig, und die Versuche, sich zu retten, sind ergebnislos, oder ziehen sogar noch schlimmere Folgen nach sich, wie zum Beispiel Vergeltungsmaßnahmen der Mobber, Vorwürfe des Inhalts: „Du spinnst doch!“, und so weiter. Der Fantasie der Mobber sind keine Grenzen gesetzt.
Die Tiere dieser Versuche haben uns bewiesen: Es liegt in unserer Natur, sich in schlimmen Situationen schlecht zu fühlen. Stress und alle damit verbundenen Folgen sind nicht die Schuld des Opfers, weil es nicht ruhig und gelassen bleibt, sondern es sind normale Reaktionen eines Lebewesens! Das Mobbing-Opfer braucht sich nicht zu schämen, wenn es sich psychisch ausgelaugt und krank fühlt – jedem anderen erginge es genauso. Wer das leugnet, dem ging es selber noch nie schlecht – und dessen Ratschläge taugen leider nichts. Schämen sollten sich nur die Mobber, die jemand anderem das Leben schwer machen.
Wer möchte schon gerne als Sensibelchen gelten, als Softie oder Weichling? Der moderne Mensch muss taff sein, durchsetzungsfähig, nicht auf den Mund gefallen, und ein Fell muss er haben, dick wie das eines Büffels. Wer heutzutage als empfindlich gilt, hat schon verloren.
Genau das wird Mobbing-Opfern von Mobbern, Vorgesetzten, und häufig auch von Freunden und Familie eingeredet. Ihre Schlussfolgerung ist immer dieselbe: Wer sich gemobbt fühlt, liegt falsch, es gibt keinen Grund sich zu beklagen, man ist nur zu empfindlich. Das Mobbing wird kleingeredet auf das Niveau netter Neckereien unter Kollegen, und ein normaler, das heißt „richtiger“ Mensch, würde sich daran nicht stören. Die Empfindlichen sehen angeblich Angriffe, wo gar keine sind, und verdächtigen die unschuldigen Anderen des Mobbings.
