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Der New-York-Times-Bestseller über die Liebe in Modernen Zeiten
Noch nie zuvor hatten wir in der Liebe so viele Optionen – denn romantische Begegnungen sind in Zeiten von Online-Dating, Facebook, Tinder & Co. häufig nur einen Mausklick entfernt. Doch ist das für Singles ein Segen oder ein Fluch? Der weltbekannte amerikanische Schauspieler und Comedian Aziz Ansari begibt sich mit dem Soziologen Eric Klinenberg auf die lehrreiche und äußerst unterhaltsame Suche nach einer Antwort auf diese Frage.
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Seitenzahl: 417
Veröffentlichungsjahr: 2016
Buch
Schon seit einiger Zeit zielt der bekannte Comedian Aziz Ansari mit seinen Stand-up-Shows auf das Thema moderne Partnersuche, doch für Modern Romance beschloss er, das Ganze auf einer völlig neuen Ebene zu tun. Gemeinsam mit dem Soziologen Eric Klinenberg von der renommierten New York University ersann er ein umfassendes Forschungsprojekt, in dessen Rahmen weltweit Hunderte von Interviews und Gruppendiskussionen durchgeführt wurden. Die beiden werteten die Daten über das Userverhalten einschlägiger Dating-Websites aus und gründeten eigens für dieses Recherchevorhaben ein Onlineforschungsforum, bei dem Tausende von Einträgen hinterlassen wurden. Aziz und Eric führten außerdem zahllose Gespräche mit den weltweit führenden Sozialwissenschaftlern, darunter Andrew Cherlin, Eli Finkel, Helen Fisher, Sheena Iyengar, Barry Schwartz, Sherry Turkle und Robb Willer.
Das Ergebnis ist eine ebenso witzige wie geistreiche Abhandlung über das moderne Liebesleben, eine gelungene Kombination aus richtungsweisender sozialwissenschaftlicher Analyse und scharfsinnigem Humor. Modern Romance eben.
Autoren
Aziz Ansari ist Schriftsteller, Stand-up-Comedian und Schauspieler. Er hat seine eigene TV-Serie für Netflix geschrieben, in der er auch die Hauptrolle spielt und Regie führt. Außerdem war er unter anderem neben Amy Poehler in »Parks and Recreation« auf NBC zu sehen. Er ist der siebte Comedian, dem es gelang, den Madison Square Garden in New York komplett auszuverkaufen.
Eric Klinenberg ist Professor für Soziologie an der New York University. Er ist der Autor von »Going Solo« und hat diverse Beiträge für Magazine wie The New Yorker und den Rolling Stone sowie für die Hörfunksendung This American Life geschrieben.
Aziz Ansari
mit Eric Klinenberg
Modern Romance
Auf der Suche nach Liebe im 21. Jahrhundert
Aus dem Amerikanischenvon Bettina Spangler
Alle Ratschläge in diesem Buch wurden von den Autoren und vom Verlag sorgfältig erwogen und geprüft. Eine Garantie kann dennoch nicht übernommen werden. Eine Haftung der Autoren beziehungsweise des Verlags und seiner Beauftragten für Personen-, Sach- und Vermögensschäden ist daher ausgeschlossen.
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1. AuflageDeutsche Erstausgabe Oktober 2016Wilhelm Goldmann Verlag, München,in der Verlagsgruppe Random House GmbHCopyright © 2016 der deutschsprachigen Ausgabe Wilhelm Goldmann Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH,Neumarkter Str. 28, 81673 MünchenCopyright © 2015 der Originalausgabe Modern Romantics CorporationOriginaltitel: Modern RomanceOriginalverlag: Penguin Press, an imprint of Penguin Random House LLC, New YorkUmschlag: Uno Werbeagentur, MünchenUmschlagmotiv: Jay Shaw unter Verwendung eines Fotos von Ruvan Wijesooriya, © 2015Redaktion: Sylvi SchlichterSatz: Uhl + Massopust, AalenJT · Herstellung: IHISBN 978-3-641-18263-2V001www.goldmann-verlag.deBesuchen Sie den Goldmann Verlag im Netz
INHALTSVERZEICHNIS
EINLEITUNG
AUF DER SUCHE NACH DEM SEELENPARTNER
DAS ERSTE DATE
DATING IM DIGITALEN ZEITALTER
WER DIE WAHL HAT, HAT DIE QUAL
INTERNATIONALE ERMITTLUNGEN: UNTERWEGS IN SACHEN LIEBE
ALTE PROBLEME IM NEUEN GEWAND: SEXTING, UNTREUE, BEZIEHUNGS-AUS
FESTE BINDUNGEN
SCHLUSSWORT
DANKSAGUNG
ANMERKUNGEN
LITERATURHINWEISE
REGISTER
EINLEITUNG
Wow!!! Danke, dass Sie mein Buch gekauft haben! Das bedeutet nämlich, Ihr Geld gehört jetzt MIR! Ich habe mir aber auch gehörig dafür den Arsch aufgerissen. Und außerdem wird es Ihnen gefallen, versprochen!
Doch vorab noch ein paar Worte zu diesem Projekt. Wenn man als Stand-up-Comedian Erfolg hat, dauert es nicht lange, bis man gebeten wird, doch mal ein »lustiges Buch« zu schreiben. In der Vergangenheit habe ich in solchen Fällen grundsätzlich abgewinkt, weil die Stand-up-Comedy das optimale Medium für mich ist – davon war ich überzeugt. Ein Buch konnte unmöglich so witzig sein, dass es mit meinen Ideen im Stand-up-Bereich mithalten würde.
Dass ich mich dann doch dazu durchgerungen habe, ein Buch über Liebe und moderne Partnersuche zu schreiben, kam so:
Vor einigen Jahren hatte ich in Los Angeles ein Mädchen kennengelernt, nennen wir sie der Einfachheit halber Tanya. Wir trafen uns auf einer Geburtstagsparty, und als die Runde sich allmählich aufzulösen begann, bot sie mir an, mich nach Hause zu fahren. Wir hatten den ganzen Abend über gequatscht und auch ein wenig geflirtet, also lud ich sie auf einen Drink zu mir ein.
Zu dem Zeitpunkt wohnte ich zur Untermiete in einem hübschen Häuschen oben in den Hollywood Hills. Es sah ein bisschen aus wie die Hütte, in der Robert de Niro in dem Film Heat wohnt, war aber ganz nach meinem Geschmack eingerichtet, also nicht so, wie man es von jemandem erwarten würde, der professionell Geldtransporter überfällt.
Ich mixte uns leckere Cocktails, und dann legten wir abwechselnd Platten auf, während wir unentwegt quatschten und herumalberten. Schließlich fingen wir tatsächlich an zu knutschen, was echt cool war. Ich weiß noch gut, wie ich im Suff zum Abschied irgendwas total Dämliches zu ihr sagte, so was wie: »Tanya, du bist eine richtig charmante Lady …« Und sie so: »Aziz, du bist auch ein echt charmanter Typ.« Ich hatte ein gutes Gefühl bei der Sache, da wir uns ja einig waren: Wir sind beide charmant.
Ich wollte Tanya gern wiedersehen und sah mich daher mit jener Frage konfrontiert, die uns früher oder später alle einmal beschäftigt: In welcher Form und nach wie vielen Tagen kontaktiere ich sie?
Rufe ich sie an? Schicke ich eine SMS? Oder lieber doch eine Nachricht auf Facebook? Sende ich Rauchsignale in den Himmel? Wie geht das überhaupt? Fackle ich dann am Ende noch die Bude ab, die ich bloß gemietet habe? Was für eine Blamage, wenn ich dem Eigentümer – dem Schauspieler James Earl Jones – dann gestehen muss, dass ich aus Versehen sein Haus in Schutt und Asche gelegt habe, nur weil ich Rauchsignale an ein Mädchen schicken wollte!
Ach herrje, jetzt habe ich doch glatt verraten, wessen krasses Domizil ich da gemietet hatte: Man kennt ihn als König Jaffe Joffer aus dem Film »Der Prinz von Zamunda« mit Eddie Murphy, als Originalstimme von Darth Vader – Filmlegende James Earl Jones.
© Everett Collection/shutterstock.com
Am Ende beschloss ich, Tanya eine SMS zu schicken, weil ich den Eindruck hatte, dass sie gern Textnachrichten schrieb. Ich wartete – na klar! – ein paar Tage damit, weil ich ja auch nicht zu überengagiert rüberkommen wollte. Ich bekam zufällig mit, dass die Band Beach House, die wir uns während unserer Knutschsession unter anderem angehört hatten, in der Woche drauf in L. A. spielen würde. Und da dachte ich mir, das wäre doch die perfekte Gelegenheit, sich wiederzusehen.
Hey – weiß nicht, ob du schon in New York bist, aber Beach House spielen heute und morgen im Wiltern. Hast du Bock? Vielleicht lassen sie dich ja »The Motto« covern, wenn wir ganz lieb bitten?
Gesendet 25. September 2012, 17:33
Eine freundliche, unverfängliche Frage, kombiniert mit einem netten kleinen Insiderwitz. (Tanya hatte den Drake-Song »The Motto« auf der Party zum Besten gegeben, und zwar fast textsicher – ich war schwer beeindruckt.)
Ich war guter Dinge. Klar war ich nicht Hals über Kopf verknallt in Tanya, aber sie machte einen netten Eindruck. Und ich hatte das Gefühl, wir lägen auf einer Wellenlänge.
Während ich auf ihre Antwort wartete, begann ich im Geiste bereits, mir eine mögliche Beziehung mit ihr auszumalen. Vielleicht würden wir uns kommendes Wochenende schon gemeinsam einen Film ansehen, in diesem coolen Freiluftkino auf dem Hollywood Forever Cemetery? Vielleicht könnte ich Tanya dann gegen Ende der Woche abends zu mir einladen und für sie kochen? Ich würde endlich dieses Rezept für Ziegelstein-Hähnchen ausprobieren können, das ich schon die ganze Zeit testen will. Ob Tanya und ich wohl im Herbst gemeinsam in den Urlaub nach Ojai County fahren? Wer weiß, was die Zukunft für uns bereithält? Wird bestimmt großartig!
Ein paar Minuten verstrichen, dann wechselte der Status meiner Nachricht von »zugestellt« auf »gelesen«.
Mir blieb fast das Herz stehen.
Jetzt war er gekommen, der Augenblick der Wahrheit.
Ich wappnete mich innerlich und sah zu, wie auf meinem iPhone diese drei kleinen Pünktchen erschienen. Jene Zeichen, die einem verheißungsvoll verkünden, dass der andere gerade seine Antwort tippt. Es ist das Smartphone-Äquivalent zu einer Fahrt in der Achterbahn rauf zum höchsten Punkt. Und dann, wenige Sekunden später – waren sie einfach weg! Keine Antwort von Tanya.
Hmmm … was war denn da passiert?
Ein paar weitere Minuten verstrichen, und dann …
Nichts.
Hey, mach dir nicht ins Hemd, sie feilt vermutlich immer noch an der perfekten Antwort, die natürlich saumäßig smart sein wird. Bestimmt hat sie angefangen und ihren ersten Entwurf wieder verworfen, weil sie ihn nicht gut fand. Sicher wird sie sich später wieder damit befassen. Schon kapiert, ist ja gut! Außerdem wollte sie wahrscheinlich nicht zu übereifrig rüberkommen und deswegen nicht so schnell zurückschreiben, ist doch so, oder?
Eine Viertelstunde verging … nichts.
Mein Selbstvertrauen geriet ins Wanken, und erste Zweifel kamen auf …
Eine Stunde später … nichts.
Zwei Stunden später … nichts.
Drei Stunden später … immer noch nichts.
Panik stieg in mir auf. Ich starrte immer wieder auf meine ursprüngliche SMS. Obwohl ich vorhin noch so zuversichtlich gewesen war, zweifelte ich jetzt an meinen Worten.
Hey – weiß nicht, ob du schon in New York bist, aber Beach House spielen heute und morgen im Wiltern. Hast du Bock? Vielleicht lassen sie dich ja »The Motto« covern, wenn wir ganz lieb bitten?
Gesendet 25. September 2012, 17:33
Wie blöd bin ich eigentlich! Ich hätte »Hey« mit zwei y schreiben sollen, nicht nur mit einem! Ich habe da viel zu viele Fragen reingepackt! Was zum Teufel hab ich mir dabei bloß gedacht? Ach, da kommt mir gleich noch eine weitere Frage: Aziz, WAS SOLL DER SCHEISS? DU UND DEINE EWIGEN FRAGEN!
Ich bemühte mich, mir eine Erklärung zurechtzuschustern, ohne total auszurasten.
Okay, vielleicht hat sie gerade viel zu tun in der Arbeit. Kein Ding! Sie meldet sich bestimmt, sobald sie Luft hat. Es hat doch geklickt zwischen uns?! Oder nicht?
Ein ganzer verdammter Tag verging.
EIN GANZER TAG!
Jetzt überschlugen sich meine Gedanken:
Was ist passiert?! Ich weiß doch, dass sie meine Nachricht gelesen hat!!
Ist Tanyas Handy in einen Fluss/eine Müllpresse/einen Vulkan gefallen?
Ist Tanya selbst in einem Fluss/einer Müllpresse/einem Vulkan gelandet?? Lieber Himmel, Tanya ist tot, und ich Egozentriker mache mir Sorgen wegen unseres Dates. Was bin ich nur für ein verdammter Egoist!
Dann erzählte ich einem guten Freund von meinem Dilemma.
»Ooooch, komm schon, Mann, ist bestimmt alles bestens. Sie meldet sich sicher noch bei dir. Hat vermutlich bloß grad viel zu tun«, meinte der ganz zuversichtlich.
Schließlich checkte ich die einschlägigen Social-Media-Sites. Sie war auf Facebook im Chat eingeloggt. Ob ich ihr eine kurze Nachricht schicken sollte?
Nein! Tu das nicht, Aziz! Bleib cool! Bleib einfach cool …
Später sah ich noch auf Instagram nach, und stellte fest, dass Tanya, dieser Spaßvogel, doch tatsächlich vor ein paar Stunden ein Foto von ihrem Frühstück gepostet hatte. Zu beschäftigt, um zu antworten, aber für ein kleines Fotoshooting mit ihrem verdammten Rührei hat sie die Zeit?
Zunächst war ich ratlos, doch dann kam der Moment der Klarheit, jeder Vollidiot hätte die Situation durchschaut.
WAHRSCHEINLICH HAT SIE MEINE SMS GAR NICHT BEKOMMEN!
Ja, so musste es sein, ganz bestimmt, oder? Irgendwas musste da schiefgelaufen sein bei der Übertragung. Logo.
Ich überlegte schon, ob ich eine zweite SMS schicken sollte, zögerte aber noch, weil mir bei genauerer Betrachtung ein solcher Austausch mit meinen Freunden eigentlich noch nie passiert war:
»Hey, Alan, ich hab dir eine SMS geschickt wegen unseres gemeinsamen Abendessens, aber du meldest dich seit zwei Tagen nicht. Was ist los?«
»Ach, verdammt! Hab keine Nachricht von dir gesehen! Ist wohl nicht angekommen. Dieses doofe Handy. Tut mir voll leid. Gehen wir doch morgen was essen.«
Zurück zum Tanya-Problem. Mittlerweile waren zwei Tage ins Land gegangen. Es war Mittwoch. Das erste Konzert fand also schon morgen statt. Dass sie nicht wenigstens zurückschreibt und absagt? Warum tut sie so was? Ist doch wohl nicht zu viel verlangt, dass sie mir Bescheid gibt, damit ich mit jemand anderem hingehen kann, oder? Warum, Tanya, warum? Ich drehe langsam durch, je länger ich darüber nachdenke. Wie kann ein Mensch derart scheiße sein, so rücksichtslos, und das auf ganzer Linie? Ich bin doch nicht bloß irgend so ein bescheuerter Schwachkopf!
Ich überlegte hin und her, ob ich noch mal schreiben sollte, gelangte aber zu dem Schluss, dass das viel zu verzweifelt gewirkt hätte. Also fand ich mich damit ab, dass sie einfach nicht interessiert war. Ich redete mir ein, dass ich so oder so nicht ausgehen wollen würde mit einer, die so dermaßen mies mit anderen Menschen umspringt. Und das stimmte ja auch irgendwie. Trotzdem war ich immer noch extrem frustriert und verletzt.
Dann fiel mir etwas recht Interessantes auf.
Vor zwanzig, ja noch nicht einmal vor zehn Jahren wäre es schlicht nicht möglich gewesen, sich derartig in solch einen Irrsinn hineinzusteigern. Da stand ich nun und checkte wie ein Besessener alle paar Minuten mein Handy. Ich wurde von einem tornadoartigen Strudel aus Panik, Wut und Verletztheit erfasst, und das alles nur, weil diese Person mir nicht einmal eine kurze Antwort schreiben konnte auf ihrem bescheuerten kleinen Telefon.
Ich war völlig durch den Wind. Aber mal ehrlich, hatte Tanya wirklich etwas so Schlimmes verbrochen? Nein, natürlich nicht, sie hatte nur einfach nicht auf meine Nachricht geantwortet. Und zwar vermutlich deshalb, weil sie uns die Peinlichkeit ersparen wollte. Wahrscheinlich hätte ich es bei einer anderen Frau ganz ähnlich gemacht und nichts mitbekommen von dem Schmerz, den ich verursacht hätte.
Ich ging an diesem Abend nicht zu dem Konzert. Stattdessen nahm ich an einer Open-Stage-Comedy-Veranstaltung teil und machte mir Luft, indem ich den Leuten von meinem schrecklichen Frust, den Selbstzweifeln und der Wut erzählte, die Tanyas Schweigen tief in mir ausgelöst hatten. Alle lachten darüber, aber gleichzeitig fand auf einer viel tieferen Ebene etwas statt, etwas, das mir das Gefühl gab, mein Publikum und ich verstünden uns in diesem Punkt hundertprozentig.
Mir wurde klar, dass jeder der Anwesenden, ob Mann oder Frau, schon irgendwann einmal seine ganz eigene Tanya-Episode erlebt hatte und dass jeder ähnliche Probleme und Sorgen mit sich herumtrug. Und ich gelangte zu der Erkenntnis: Früher oder später sitzt jeder von uns alleine da und starrt auf das Display des Handys, auf dem einfach nichts passiert. Und wir durchleben dabei eine Vielzahl an Emotionen. Doch geht es uns allen ähnlich, und wir sollten uns trösten mit dem Gedanken, dass die anderen sich genauso wenig erklären können, was da eigentlich abgeht.
Die Frage, warum uns diese eine Sache, die die Menschen immer schon erfolgreich gemeistert haben – nämlich die Suche nach der großen Liebe –, heute vor immer größere Herausforderungen stellt, ließ mich nicht mehr los. Ich fing an, Bekannte zu befragen, ob sie vielleicht ein Buch empfehlen könnten, das mir helfen würde, im digitalen Zeitalter die richtige Partnerin zu finden. Zwar stieß ich auf den einen oder anderen interessanten Artikel, doch fand ich keine umfassende soziologische Untersuchung, die den Sachverhalt vertieft hätte. Es schien zu diesem Thema tatsächlich noch nichts zu geben. Also beschloss ich, selbst ein solches Buch zu verfassen.
Als ich mich an dieses Projekt machte, dachte ich, die Veränderungen in Sachen Partnersuche müssten offensichtlich sein – schließlich betrafen sie doch in erster Linie technische Neuerungen wie Smartphones, Online-Dating-Dienste und die sozialen Netzwerke. Je tiefer ich aber in die Materie eintauchte, umso deutlicher erkannte ich, dass sich das gewandelte Paarungsverhalten nicht allein durch diese neuen Technologien erklären ließ; es steckte noch viel mehr dahinter. Innerhalb kürzester Zeit hatte sich ein radikaler kultureller Wandel hinsichtlich unserer Suche nach Liebe und dem passenden Partner vollzogen. Denn bis vor etwa hundert Jahren sah es folgendermaßen aus: Man suchte sich einen anständigen Menschen, der im Idealfall in der Nähe wohnte. Hatte man diesen einen Menschen gefunden, stellte man ihn der Familie vor, und die beriet dann gemeinsam, ob derjenige sich nicht vielleicht doch als irrer Massenmörder oder Ähnliches entpuppen könnte. Gab die Familie ihr Okay, heiratete man und bekam Kinder – und das alles, noch bevor man einundzwanzig war! Heutzutage dagegen machen wir uns auf die Suche nach dem perfekten Partner, dem Seelenverwandten. Das dauert oft viele Jahre, und wir bedienen uns dabei unterschiedlichster Hilfsmittel. Was sich verändert hat, sind jedoch in erster Linie unsere Wünsche sowie die zugrundeliegenden Ziele der Suche an sich, was noch erstaunlicher ist.
Je länger ich über alle diese Veränderungen nachsann, umso dringlicher wurde mein Wunsch, dieses Buch zu schreiben.
Doch war mir auch bewusst, dass ich, Aziz Ansari, ein dödeliger Comedian, das Thema unmöglich allein angehen konnte. Daher beschloss ich, mir ein paar smarte Leute mit ins Boot zu holen, um mir bei meinem Vorhaben zu helfen. Ich tat mich mit dem angesehenen Soziologen Eric Klinenberg zusammen, und gemeinsam entwarfen wir ein gigantisches Forschungsprojekt, eines, das über ein Jahr an Recherche erforderte, und zwar in verschiedenen Städten auf der ganzen Welt. Außerdem befragten wir einige der führenden Experten zum Thema Liebe und Partnerwahl. Doch bevor wir zum Wesentlichen kommen, will ich Ihnen noch ein paar Details zu unserem Projekt erzählen.
Wichtigste Quelle für dieses Buch waren die Nachforschungen, die Eric und ich in den Jahren 2013 und 2014 betrieben. Wir leiteten zahllose Gruppendiskussionen und führten Einzelinterviews mit Hunderten von Leuten in New York City, Los Angeles, Wichita (Kansas), Monroe (New York State), Buenos Aires, Tokio, Paris und Doha. Doch es handelte sich nicht um gewöhnliche Interviews. Zunächst bildeten wir Gruppen von Leuten, mit denen wir äußerst persönliche Gespräche über ihr Liebesleben führten. Dabei kamen höchst intime Details ans Licht. Darüber hinaus aber, und das war weitaus interessanter, teilten viele der Befragten die Daten auf ihren Handys mit uns. So konnten wir massenhaft Kommunikationsbeispiele über SMS, E-Mail, Online-Dating-Dienste und »Wisch-und-weg«-Apps wie Tinder einsehen. Diese Einblicke waren für uns von unschätzbarem Wert, da wir nun untersuchen konnten, wie sich romantische Begegnungen im echten Leben tatsächlich abspielten. Viel besser, als sich lediglich anzuhören, woran der Einzelne sich noch erinnern konnte! Allen Beteiligten sicherten wir absolute Anonymität zu. Soll heißen, wir haben sämtliche Namen von Leuten, die im Buch zu Wort kommen, geändert, ein übliches Verfahren bei qualitativen sozialwissenschaftlichen Befragungen.
Um aber unsere Reichweite über die Grenzen dieser Städte hinaus auszuweiten, kreierten wir ein Forum bei der Online-Community Reddit. Hier konnten wir Fragen stellen und Gruppendiskussionen moderieren, sodass wir Tausende von Rückmeldungen aus aller Welt erhielten. (Ich möchte an dieser Stelle ein riesiges Dankeschön an alle loswerden, die sich an diesen Diskussionen beteiligt haben. Dieses Buch wäre nicht möglich gewesen ohne sie.) Wenn im Folgenden also von »das Subreddit« die Rede ist, beziehen wir uns auf dieses Forum.
Viel Zeit verwendeten wir zudem auf Interviews mit einigen extrem schlauen Leuten, darunter herausragende Soziologen, Anthropologen, Psychologen und Journalisten, die sich beruflich mit dem modernen Dating-Verhalten beschäftigen – und die uns großzügig ihre wertvolle Zeit schenkten. Ich werde mich bemühen, sie alle aufzuzählen, auch wenn ich große Angst habe, jemanden zu vergessen: Danah Boyd von Microsoft; Andrew Cherlin von der Johns Hopkins University; Stephanie Coontz vom Evergreen State College; Pamela Druckerman von der New York Times; Kumiko Endo von der New School, die uns bei unseren Recherchen in Tokio unterstützte; Eli Finkel von der Northwestern University; Helen Fisher von der Rutgers University; Jonathan Haidt von der New York University (NYU); Sheena Iyengar von der Columbia University; Dan Savage; Natasha Schüll vom MIT; Barry Schwartz vom Swarthmore College; Clay Shirky von der NYU; Sherry Turkle vom MIT; und Robb Willer von der Stanford University, der uns darüber hinaus half, Fragen für unsere Recherchen zu formulieren und Daten auszuwerten.
Zusätzlich zu diesen Interviews hatten wir Zugriff auf quantitative Daten, die wir für unser Buch intensiv nutzten. In den vergangenen fünf Jahren hat Match.com die umfassendste Umfrage unter amerikanischen Singles mitfinanziert, eine landesweite repräsentative Studie. Etwa fünftausend Leute wurden zu ihren Verhaltensweisen und Vorlieben befragt; die Ergebnisse sind verblüffend. Match.com gewährte uns großzügig Einsicht in diese Daten, und wir teilen unsere Auswertung im Gegenzug nun mit Ihnen, liebe Leser. Außerdem gilt unser Dank Christian Rudder und seiner Online-Dating-Börse OkCupid, die uns freundlicherweise ihren reichen Schatz an Daten zum Onlineverhalten ihrer Nutzer zur Verfügung stellte. Diese Informationen waren überaus nützlich, da sie uns halfen zu unterscheiden zwischen dem, was die Leute sagen und dem, was sie tatsächlich tun.
Eine weitere wertvolle Datenquelle stammt von Michael Rosenfeld von der Stanford University. Er lieferte uns Material aus seiner Studie »Wie Paare sich kennenlernen und zusammenbleiben«, einer landesweiten repräsentativen Befragung von rund viertausend Erwachsenen, von denen etwa drei Viertel einen festen Partner hatten. Rosenfeld und sein Forschungskollege Jonathan Haidt von der NYU erlaubten uns, Tabellen zu nutzen, die sie entwickelt hatten. Ein riesiges Dankeschön an die beiden dafür!
Dank der tatkräftigen Unterstützung all dieser Menschen gelang es Eric und mir, eine breite Palette an Aspekten der modernen Partnersuche zu ergründen und zu vertiefen. Was Sie vorab aber in jedem Fall wissen sollten: In diesem Buch wird es vorrangig um heterosexuelle Beziehungen gehen. Gleich zu Beginn mussten wir uns eingestehen, dass wir es nicht schaffen würden, uns der gesamten Bandbreite an Beziehungen, auch aus dem LGBT-Bereich, zu widmen. In diesem Fall hätten wir eine ganz andere Art von Buch schreiben müssen. Wir beschäftigen uns im Ansatz zwar auch mit Fragen zu Liebe und Romantik unter Schwulen und Lesben, aber nicht umfassend.
Ebenfalls möchte ich anmerken, dass wir uns im Rahmen unserer Recherchen in erster Linie mit Leuten aus der Mittelschicht unterhielten, mit Menschen, die in der Regel einen Hochschulabschluss haben und daher normalerweise erst mit Ende zwanzig, vielleicht sogar erst mit Ende dreißig Kinder bekommen und meist eine intensive, innige Beziehung zu ihren teuren Smartphones pflegen. Mir ist bewusst, dass Liebe und Romantik in verschiedenen gesellschaftlichen Schichten ganz unterschiedlich funktionieren, sowohl in den USA als auch in den anderen Ländern, die wir im Zuge unserer Recherchen besuchten. Doch auch hier hatten Eric und ich das Gefühl, dass es den Rahmen sprengen würde, das gesamte gesellschaftliche Spektrum zu berücksichtigen. Daher gehen wir auch darauf nicht ein.
Okay, mehr gibt es nicht zu sagen, also genug der einleitenden Worte. Doch bevor wir loslegen, will ich Ihnen, geschätzter Leser, noch einmal aufrichtig danken.
Sie hätten nun wirklich jedes Buch der Welt kaufen können – aber Sie haben meines ausgewählt. Und dafür danke ich Ihnen.
Und jetzt lassen Sie uns gemeinsam eintauchen in die Welt von Modern Romance.
AUF DER SUCHE NACH DEM SEELENPARTNER
Viele der frustrierenden Erfahrungen, mit denen der moderne Single sich herumschlagen muss, sind Produkte unserer Zeit. Und schuld daran sind die vielen technologischen Neuerungen: keine Antwort auf eine SMS bekommen. Sich den Kopf darüber zerbrechen, welchen Film man in seinem Profil auf dieser Internet-Dating-Site verdammt noch mal als absoluten Lieblingsfilm angeben soll. Hin und her überlegen, ob man dem Mädchen, mit dem man gestern Abend zum Essen aus war, Rosen rüberteleportieren soll oder nicht. (MEINE WISSENSCHAFTLICHEN BERATER HABEN MICH DARAUF HINGEWIESEN, DASS ES DURCHAUS FRAGLICH IST, OB BIS ZUR VERÖFFENTLICHUNG MEINES BUCHES DAS TELEPORTIEREN TATSÄCHLICH SCHON ERFUNDEN IST. HINWEIS ANS LEKTORAT: BITTE ENTFERNEN, FALLS DAS MIT DEM TELEPORTIEREN BEI DRUCKLEGUNG NOCH NICHT HINHAUEN SOLLTE.)
Derlei Problematiken sind eindeutig neu, doch während ich Nachforschungen anstellte und Interviews führte, kristallisierte sich heraus, dass die Veränderungen in Sachen Liebe und Romantik noch viel tiefer gehen und eine weit größere Tragweite haben als gedacht.
Ich und mit mir Millionen anderer junger Leute stehen vor einem recht ähnlichen Dilemma. Wir begegnen Leuten, verabreden uns, lassen uns auf Beziehungen ein und trennen uns wieder, und das alles in der Hoffnung, diesen einen Menschen zu finden, mit dem wir die wahre Liebe erleben und mit dem wir uns tief verbunden fühlen werden. Vielleicht planen wir sogar zu heiraten und eine Familie zu gründen.
Heutzutage gilt das mehr oder weniger als die Norm, doch es unterscheidet sich stark von dem, was die Leute noch vor wenigen Jahrzehnten unternahmen, um einen Partner zu finden. Anders ausgedrückt: Mir ist klar geworden, dass unsere Vorstellungen von den beiden Konzepten »Suche« und »der richtige Partner« sich deutlich von früheren Erwartungen unterscheiden. Und das bedeutet, dass auch unsere Erwartungen an die Partnersuche an sich nicht mehr dieselben sind.
BIETE DONUTS GEGEN INTERVIEWS:
BESUCH IN EINEM NEW YORKER SENIORENHEIM
Wenn ich in Erfahrung bringen wollte, wie sehr die Dinge sich im Laufe der Zeit verändert haben, musste ich herausfinden, wie die Erfahrungen der älteren Generationen aussehen
Und das bedeutete, ich musste mich mit ein paar älteren Herrschaften unterhalten.
Um ehrlich zu sein, neige ich dazu, die Vergangenheit zu verklären, und sehne mich bisweilen nach einfacheren Zeiten, auch wenn ich die Annehmlichkeiten des modernen Lebens durchaus zu schätzen weiß. Wäre es nicht cool, in einer vergangenen Epoche als Single zu leben? Ich würde mit einem Mädchen ins Autokino gehen, sie anschließend im Diner auf einen Cheeseburger und ein Malzbier einladen und zum krönenden Abschluss in meinem Oldtimer-Cabrio bei offenem Verdeck unterm Sternenhimmel mit ihr herummachen. Zugegeben, bei meiner Hautfarbe hätte das in den Fünfzigerjahren zu einigen Schwierigkeiten führen können. Doch in meiner Vorstellung herrscht auch im Hinblick auf Rassenunterschiede eitel Sonnenschein zwischen den Menschen.
Um also etwas über Liebe und Romantik in der damaligen Zeit herauszufinden, begaben Eric und ich uns in ein Seniorenwohnheim in der Lower East Side von New York.
Wir tanzten mit einer riesigen Schachtel von Dunkin’ Donuts und becherweise Kaffee an, denn das Pflegepersonal hatte uns gesteckt, dass man die alten Leute damit am ehesten zum Plaudern brachte. Und tatsächlich, kaum hatten sie die Donuts erschnuppert, zogen sie reihenweise Stühle heran und fingen an, bereitwillig unsere Fragen zu beantworten.
Na ja, nicht alle: Ein Achtundachtzigjähriger namens Alfredo fand zwar Gefallen an den süßen Teilchen, aber nach zehn Minuten Gespräch, zu dem er nicht viel mehr als sein Alter und seinen Namen beigetragen hatte, sah er mich verwirrt an, warf ratlos die von den Donuts ganz pappigen Hände hoch und machte sich dann ohne ein Wort vom Acker.
Als wir ein paar Tage später noch einmal vorbeikamen, um weitere Interviews zu führen, war Alfredo auch wieder da. Das Personal erklärte uns, er habe den Zweck unseres ersten Treffens gänzlich missverstanden. Er war davon ausgegangen, dass wir uns mit ihm über seine Erlebnisse während des Krieges unterhalten wollten. Jetzt aber sei er uneingeschränkt bereit, auf unsere Fragen zu seiner Erfahrung mit Liebe und Ehe zu antworten. Doch auch diesmal verleibte er sich in Windeseile einen Donut ein und verkrümelte sich dann schneller, als wir »Auf Wiedersehen« sagen konnten. Bleibt mir nur zu hoffen, dass ich eines Tages, wenn ich in Rente bin, auch so einfach an Gratis-Donuts komme.
Zum Glück aber waren noch andere da, die sich als gesprächiger erwiesen. Victoria zum Beispiel, achtundsechzig Jahre alt, aufgewachsen in New York City. Sie hatte im Alter von einundzwanzig Jahren geheiratet, und zwar einen Mann, der in derselben Wohnanlage lebte wie sie, nur ein Stockwerk über ihr.
»Ich stand mit ein paar Freundinnen bei uns vorm Haus, als er auf mich zukam«, erzählte Victoria. »Er gestand mir, dass er mich recht gern mochte, und fragte mich, ob ich mit ihm ausgehen würde. Darauf bekam er keine Antwort von mir. Er fragte mich noch zwei oder drei Mal, ehe ich mich einverstanden erklärte, mich mit ihm zu treffen.«
Das war Victorias erstes Date. Sie gingen ins Kino und aßen anschließend bei ihrer Mutter zu Hause zu Abend. Bald schon wurden sie ein Paar, und nach einem Jahr wurden sie Mann und Frau.
Sie sind seit achtundvierzig Jahren verheiratet.
Als Victoria mir ihre Geschichte erzählte, fielen mir Dinge auf, die ich in dieser Altersgruppe für absolut normal hielt: Sie hatte sehr jung geheiratet, ihre Eltern hatten ihren Freund recht bald kennengelernt, und bis zur Hochzeit hatte es nicht lange gedauert.
Dass Victoria jemanden geheiratet hatte, der im gleichen Haus wohnte wie sie, betrachtete ich als eher zufällig.
Doch dann berichtete die nächste Dame, mit der wir uns unterhielten, die achtundsiebzigjährige Sandra, sie habe einen jungen Mann geheiratet, der gleich gegenüber auf der anderen Straßenseite wohnte.
Stevie, 69, nahm ein Mädchen zur Frau, das auf der gleichen Etage wohnte.
Alfredo, 88, hatte das Mädchen von gegenüber geheiratet (vermutlich die Tochter des örtlichen Konditors).
Wir waren ganz schön verblüfft. Insgesamt hatten vierzehn der sechsunddreißig Senioren, mit denen wir gesprochen hatten, jemanden geheiratet, der in nächster Nähe zum eigenen Elternhaus wohnte. Man hatte sich mit Leuten aus der Nachbarschaft vermählt, Menschen, die in derselben Straße, demselben Viertel, sogar im selben Gebäude wohnten. Das fanden wir erst mal ziemlich bizarr.
»Leute«, sagte ich. »Wir sind hier in New York City. Habt ihr euch denn nie gedacht: Mal sehen, vielleicht gibt es ja auch noch Menschen außerhalb unseres Hauses? Warum habt ihr euch denn so einschränken lassen? Warum wolltet ihr nicht über den Tellerrand hinaussehen?«
Sie alle zuckten nur die Schultern und meinten, das sei damals eben so gewesen.
Nach Beendigung der Interviews überlegten wir uns, ob man daraus wohl auf einen breiteren Trend schließen konnte. Schon im Jahr 1932 hatte sich James Bossard, ein Soziologe von der University of Pennsylvania, fünftausend chronologisch aufeinanderfolgende Eheschließungen aus dem Register der Stadt Philadelphia angesehen. Und man höre und staune: Ein Drittel der vermählten Paare hatte zuvor in einem Umkreis von fünf Straßenzügen voneinander gewohnt. Eines von sechs Paaren war sogar in derselben Straße aufgewachsen. Doch das Erstaunlichste war, eines von acht verheirateten Paaren hatte vor der Hochzeit im selben Haus gewohnt.1
Geografische Verteilung der Partner bei 5000 Ehepaaren, Philadelphia, 1932
Vielleicht gab es die Tendenz, Leute aus der Nachbarschaft zu heiraten, nur in den großen Städten, nicht aber anderswo? Nun, die gleiche Frage stellte sich eine ganze Reihe von Soziologen in den Dreißiger- und Vierzigerjahren, die Ergebnisse veröffentlichten sie in den führenden wissenschaftlichen Magazinen jener Zeit. Und ihre Resultate waren ganz ähnlich wie die von Bossard in Philadelphia, mit nur wenigen Abweichungen. In den kleineren Städten heirateten die Leute ebenfalls Nachbarn, sofern verfügbar. Wenn nicht, streckte man die Fühler gern auch etwas weiter aus – allerdings nie weiter als nötig. Wie John Ellsworth Jr., Soziologe an der Universität von Yale, nach einer Untersuchung der Heiratsmuster in Simsbury, Connecticut (Einwohnerzahl 3941), so schön sagte: »Die Leute gehen so weit wie nötig, um einen Partner zu finden, aber nicht weiter.«2
Natürlich liegen die Dinge heutzutage ganz anders. Wie sich herausstellte, interessiert sich die Wissenschaft mittlerweile nicht mehr für derlei geografische Studien zu Eheschließungen in den Städten. Mir persönlich fällt niemand aus meinem Bekanntenkreis ein, der jemanden aus der Nachbarschaft geheiratet hätte, und auch nur wenige, die jemanden aus ihrer Heimatstadt geheiratet haben. Der Großteil meiner Freunde ist mit Leuten verheiratet, die sie während der Jahre nach dem Studium kennenlernten, eine Zeit, in der man mit Menschen aus dem ganzen Land, vielleicht sogar aus der ganzen Welt in Kontakt kam.
Denken Sie doch mal daran zurück, wo Sie aufgewachsen sind, in welcher Straße oder in welcher Gegend, und vor allem: mit wem Sie aufgewachsen sind. Könnten Sie sich vorstellen, mit irgendeiner von diesen Witzfiguren verheiratet zu sein?
VOM ERWACHSENWERDEN HERANWACHSENDER
Ein Grund, weshalb es für uns so schwer vorstellbar ist, mit Menschen verheiratet zu sein, mit denen wir aufgewachsen sind, ist, dass wir heute viel später heiraten als frühere Generationen.
Das Durchschnittsalter der Befragten aus dem New Yorker Seniorenheim zum Zeitpunkt der Eheschließung lag bei Frauen bei etwa zwanzig, bei Männern bei dreiundzwanzig.
Heute liegt das Durchschnittsalter zum Zeitpunkt der ersten Eheschließung bei ungefähr siebenundzwanzig bei Frauen und neunundzwanzig bei Männern, wobei es in großen Städten wie New York und Philadelphia für beide Geschlechter sogar noch höher, bei ungefähr dreißig, liegt.
Durchschnittsalter bei Eheschließung in den USA
Quelle: U. S. Census Bureau, zehnjährliche Volkszählung, 1890 bis 1940, sowie aktuelle Bevölkerungsbefragung (CPS), »Annual Social and Economic Supplements«, 1947 bis 2014.
Warum hat sich der Altersdurchschnitt bei der Eheschließung in den vergangenen paar Jahrzehnten so drastisch erhöht? Für die jungen Leute, die in den Fünfzigerjahren heirateten, galt die Ehe noch als erster Schritt ins Erwachsenendasein. Nach der Highschool oder dem College suchte man sich einen Ehepartner und zog von zu Hause aus. Für die Kids von heute ist die Ehe etwas, das erst zu den späteren Stadien des Erwachsenenalters gehört. Der Großteil der jungen Leute verbringt die Jahre zwischen Anfang zwanzig und Ende dreißig damit zu studieren, beruflich Fuß zu fassen und das Erwachsensein außerhalb des Elternhauses zu genießen, ehe man sich in den Hafen der Ehe begibt.
In dieser Lebensphase geht es nicht in erster Linie darum, den passenden Partner zu finden und zu heiraten. Man hat ganz andere Prioritäten: sich zu bilden, sich beruflich auszuprobieren, ein paar Beziehungen einzugehen und sich mit ein bisschen Glück als Persönlichkeit weiterzuentwickeln. Soziologen haben sogar einen Namen für diese neue Lebensphase: »emerging adulthood«, ein Begriff, der die Gruppe der Heranwachsenden etwa im Alter zwischen achtzehn und fünfundzwanzig bezeichnet.
Mit dem Erreichen dieser Lebensphase beginnen wir in der Regel, verstärkt Erfahrungen zu sammeln und das Angebot an möglichen Partnern zu testen. Doch statt in der unmittelbaren Nachbarschaft oder gar im eigenen Haus zu suchen, ziehen wir in andere Städte um, verbringen viele Jahre damit, an der Uni oder im Job neue Leute zu treffen, und nutzen die schier grenzenlosen Möglichkeiten – und das ist die größte Veränderung von allen –, die wir dank den neuen Technologien heute haben.
Abgesehen von den Auswirkungen, die dies auf die Ehe an sich hat, stellt die Zeit des Heranwachsens für die jungen Leute die erste Phase der Unabhängigkeit von den Eltern dar. In diesem extrem aufregenden Lebensabschnitt will man in erster Linie Spaß haben und die Freuden des Erwachsenseins genießen – ehe man sich dann einen Ehemann oder eine Ehefrau sucht und eine Familie gründet.
Vielleicht geht es Ihnen wie mir, und Sie können sich auch nicht vorstellen zu heiraten, ohne all das ausgekostet zu haben. Als ich dreiundzwanzig war, hatte ich absolut keinen Plan, was mal aus mir werden sollte. Ich steckte mitten in meinem Masterstudium der Biologie und Wirtschaftswissenschaften an der NYU. Ob ich mir damals hätte vorstellen können, ein Mädchen zu heiraten, das nur wenige Straßen von mir entfernt wohnte, nämlich in Bennettsville, South Carolina, wo ich meine Kindheit verbracht habe? Und was war das überhaupt für ein sonderbarer Studiengang, den ich da absolvierte, »Wirtschaftsbiologie«? Was hatte ich mir dabei nur gedacht? Keinen Schimmer, ehrlich. Ich war eben nichts weiter als ein dämlicher Idiot, der zu solch wichtigen Entscheidungen im Leben einfach noch nicht fähig war.1 Die Senioren, mit denen wir uns unterhielten, kannten diese Lebensphase nicht, was viele von ihnen sehr zu bedauern schienen. Dies traf insbesondere auf die Frauen zu, die kaum Gelegenheit hatten, den höheren Bildungsweg zu beschreiten oder einen Beruf zu ergreifen und Karriere zu machen. Vor den Sechzigerjahren wohnten alleinstehende Frauen in den meisten Gegenden der USA in der Regel nicht allein, und zog eine Tochter dann doch einmal in ein Arbeiterinnenwohnheim, so wurde sie von ihrer Familie nicht selten mit missbilligenden Blicken gestraft. Bis zur Heirat lebten die jungen Frauen zu Hause und standen unter ständiger Aufsicht. Sie kannten nicht die Eigenständigkeit des Erwachsenseins, wie wir sie heute gewohnt sind. Wenn sie das Haus verließen, mussten sie ihre Eltern stets darüber informieren, was sie vorhatten und wo sie sich aufhalten würden. Selbst wenn es um Dates ging, waren die Eltern stark eingebunden: entweder gaben sie ihr Einverständnis, oder sie begleiteten das junge Paar zu seinem Treffen.
Bei einer Gruppendiskussion mit älteren Damen stellte ich ganz spontan die Frage, ob jemand von ihnen allein aus dem Grund geheiratet hatte, um endlich von zu Hause wegzukommen. Darauf nickte die gesamte Gruppe einhellig. Wie es aussah, war für die jungen Frauen der damaligen Zeit die Ehe der einfachste Weg, um in den Genuss der grundlegenden Freiheiten des Erwachsenseins zu kommen.
Doch auch nach der Heirat wurde es nicht einfacher für sie. Die meisten fanden schnell heraus, dass die Ehe sie zwar von der Bevormundung durch die Eltern befreite, sie sich gleichzeitig aber abhängig von einem Mann machten (mit etwas Glück behandelte er sie wenigstens gut). Darüber hinaus bekamen sie die Bürde aufgeladen, sich um das Heim zu kümmern und den Nachwuchs großzuziehen. Und damit befrachteten sie sich mit etwas, das Betty Friedan damals in ihrem Bestseller Der Weiblichkeitswahn als »Problem ohne Namen« bezeichnete.2
Doch kaum fassten Frauen Fuß auf dem Arbeitsmarkt, und kaum war das Auflösen von Ehen per Gesetz erlaubt, stiegen die Scheidungsraten sprunghaft an. Einige der älteren Damen in unserer Fokusgruppe hatten ihre Ehemänner in der Hochphase der Scheidungsrevolution verlassen, und sie erzählten mir, sie hätten es ihr Leben lang bedauert, etwas verpasst zu haben: nämlich als junge, unabhängige, ungebundene Frauen zu leben. Für sie war das etwas ganz Einzigartiges, Besonderes.
Sie hätten sich im Nachhinein ebenfalls eine Phase des Heranwachsens gewünscht.
»Ich habe das Gefühl, einen ganzen Lebensabschnitt verpasst zu haben, jene Zeit, in der man vor allem mit Freunden etwas unternimmt«, meinte zum Beispiel Amelia voller Wehmut. »Ich durfte nie mit meinen Freundinnen ausgehen. Mein Vater erlaubte das nicht. Er war ziemlich streng. Deshalb bläue ich meinen Enkelinnen auch immer wieder ein: ›Habt Spaß! Genießt das Leben, heiraten könnt ihr später immer noch.‹« (Hoffentlich ziehen Amelias Enkeltöchter sich jetzt nicht haufenweise Ecstasy rein und sagen dann zu ihren Eltern: »Aber Oma hat gesagt, ich soll Spaß haben! Und jetzt lasst mich in Ruhe!!«)
Dieses Gefühl war weit verbreitet unter den Damen. Alle, selbst diejenigen, die angegeben hatten, glücklich verheiratet zu sein, wünschten sich für ihre Töchter und Enkeltöchter, dass sie die Ehe ganz anders angehen würden als sie selbst. Sie wünschten sich für die jungen Mädchen, dass sie sich mit vielen Männern verabreden und Erfahrungen in verschiedenen Beziehungen sammeln sollten, ehe sie sich einen Ehemann nahmen. »Meiner Tochter habe ich immer gesagt, sie solle ausgehen, sich weiterbilden, sich ein Auto zulegen, Spaß haben«, sagte Amelia. »Und erst danach solle sie sich für einen Mann entscheiden.«
Sogar Victoria, die nun schon achtundvierzig Jahre mit dem Mann aus der Wohnung über der ihrer Eltern verheiratet war, pflichtete den anderen bei. Sie betonte, wie sehr sie ihren Ehemann liebte, doch sie deutete gleichzeitig an, dass sie die Dinge anders angehen würde, wenn sie eine zweite Chance bekäme.
»Mein Mann und ich, wir verstehen uns prächtig«, sagte sie. »Und trotzdem sind wir sehr verschieden. Manchmal frage ich mich, wie es wäre, wenn ich jemanden geheiratet hätte, der dieselben Interessen hat wie ich …« Doch dann verstummte sie.
Möglicherweise stand sie ja auch auf Donuts und dachte über ein gemeinsames Leben mit Alfredo nach?
GLÜCK ALS LUXUS:
VON DER PARTNERSCHAFTLICHEN EHE ZUM SEELENBUND
Die Veränderungen bei unserer Suche nach Liebe und einem Ehepartner gehen einher mitganz neuen Erwartungen an diesen Partner. Als die älteren Herrschaften, mit denen wir sprachen, die Gründe schilderten, aus denen sie auf die Suche gegangen waren, sich mit jemandem verlobt und dann den Auserwählten geheiratet hatten, sagten sie Dinge wie: »Er schien mir ein guter Mann zu sein«, »Sie war ein nettes Mädchen«, »Er hatte einen guten Job« oder »Ich esse für mein Leben gern Donuts, und sie konnte mir welche organisieren«.3
Wenn man einen Menschen heute fragt, weshalb er eine bestimmte Person geheiratet hat, bekommt man viel dramatischere und liebevollere Antworten zu hören. So was wie »Sie ist mein Gegenstück«, »Ich kann mir ein Leben ohne ihn nicht vorstellen« oder »Immer wenn ich ihr Haar berühre, kriege ich einen Megaständer«.
In unserem Subreddit-Forum stellten wir den Leuten folgende Frage: Wenn Sie verheiratet oder in einer langjährigen Beziehung sind, wie kamen Sie zu dem Schluss, dass ihr Partner der oder die Richtige für Sie war (oder immer noch ist)? Was unterschied diesen einen Menschen von allen anderen? Die Rückmeldungen waren ganz andere als die der älteren Herrschaften aus dem Seniorenheim.
Viele teilten mit uns Geschichten, die demonstrieren sollten, welch tiefe und einzigartige Verbundenheit zum Partner man fühlte, sodass man das Gefühl bekam, da hatten sich zwei Menschen gefunden, die sich nicht einfach bloß sympathisch genug waren, um eine Familie zu gründen.
Eine Frau schrieb:
Ich erinnere mich noch genau an diesen Moment, da ich mich in meinen Freund verliebte. Wir saßen fast nebeneinander, saßen und lernten, und ich sang gerade leise »Greatest Love of All« von Whitney Houston vor mich hin. Plötzlich fing er an, den Song aus voller Kehle mitzugrölen. Wir sangen den kompletten Text gemeinsam und lachten und tanzten durch den Raum. Es sind diese Momente, in denen ich mich so frei und ausgelassen und geliebt fühle, die mir die Gewissheit geben, dass er der Richtige ist. Außerdem habe ich das Gefühl, selbst ein besserer Mensch zu sein, seit wir zusammen sind. Ich sporne mich selbst dazu an, verschiedene Dinge auszuprobieren, und lerne immer wieder dazu, obwohl ich die Schule längst hinter mir habe. Das alles bereichert mich ungemein, aber das habe ich allein der Tatsache zu verdanken, dass er da ist und mich unterstützt.
Eine andere Frau äußerte Folgendes:
Er bringt mich zum Lachen, und wenn mir nicht nach Lachen ist, hört er sofort auf und nimmt sich die Zeit herauszufinden, was mit mir los ist. Er gibt mir das Gefühl, wunderschön zu sein und geliebt, und das selbst in meinen hässlichsten und am wenigsten liebenswerten Momenten. Wir haben außerdem den gleichen Glauben, die gleichen Moralvorstellungen, eine ähnliche Arbeitsmoral, stehen auf dieselben Filme und Bands und lieben es zu reisen.
Wieder eine andere sagte:
Er ist anders als alle anderen, weil: Er ist einfach ein einzigartiger Mensch. Niemand auf der Welt ist wie er. Er ist so was von umwerfend, er überrascht mich jeden Tag aufs Neue. Ihn zu kennen und zu lieben macht mich zu einem besseren Menschen. Wir sind nun fast fünf Jahre zusammen, und ich bin immer noch völlig besessen von ihm. Er ist mein bester Freund.
Alle diese Leute hatten für sich diesen einen, absolut besonderen Menschen gefunden. So wie sie die Dinge schilderten, hatten sie die Messlatte in puncto Partner weit höher gelegt als die älteren Leute, die noch vor wenigen Generationen einfach nur jemanden gesucht hatten, mit dem sie eine Familie gründen konnten.
Die Leute wählen also heute viel überschwänglichere Worte, wenn sie erklären sollen, weshalb sie sich an einen Menschen gebunden haben. Auf der Suche nach einer Erklärung hierfür habe ich mich mit Andrew Cherlin unterhalten, einem angesehenen Familiensoziologen und Autor des Buches The Marriage-Go-Round. Bis vor etwa fünfzig Jahren, so Cherlin, sei der Großteil der Leute zufrieden gewesen mit dem, was er als »partnerschaftliche Ehe« bezeichnet. Bei dieser Form der Ehe besetzen die Partner klar voneinander abgegrenzte Rollen. Der Mann gilt als Oberhaupt der Familie und wichtigster Brötchenverdiener, während die Frau zu Hause bleibt, sich um das Heim kümmert und die Kinder aufzieht. Wie zufrieden man in einer solchen Ehe ist, hängt in erster Linie davon ab, wie gut man die Rolle erfüllt, die einem zugewiesen ist. Wenn man als Mann ordentlich Geld ranschafft, damit die Familie was zu kauen hat, kann man sich als guter Ehemann fühlen. Und wenn man als Frau Ordnung hält im Haus und mindestens zweieinhalb Kinder rauspresst, dann ist man eine gute Ehefrau. Möglicherweise empfindet man sogar so etwas wie Liebe für seinen Ehepartner, aber nicht von der Sorte »jedes Mal, wenn ich seinen süßen Schnauzbart sehe, flattert mein Herz wie ein Schmetterling«.
Man heiratete in früherer Zeit nicht, weil man total verrückt nacheinander war; man heiratete, weil man eine Familie gründen wollte. Während es natürlich vereinzelt Leute gab, die nur aus Liebe heiraten wollten, war der Druck, einen Partner zum Heiraten zu finden und eine Familie zu gründen, doch so groß, dass nicht jede Verbindung eine Liebesehe sein konnte. Daher gab man sich häufig mit einem Partner zufrieden, der »gut genug« war.
Auf die wahre Liebe zu warten war ein Luxus, den sich kaum jemand leisten konnte, und erst recht nicht der weibliche Anteil der Bevölkerung. In den frühen Sechzigern gaben ganze 76 Prozent der Frauen an, sie wären bereit, jemanden zu heiraten, den sie nicht liebten. Von den Männern aber gaben nur 35 Prozent an, dazu bereit zu sein.3
Als Frau blieb einem bedeutend weniger Zeit, einen Mann zu finden. Wahre Liebe? Hauptsache, der Typ hat einen guten Job und einen ordentlichen Schnauzbart. Also schnapp dir den Kerl, Mädel!
Dies führt zu grundlegenden Veränderungen darin, wie wir die Ehe an sich wahrnehmen. Heute ist dieser Bund gleichbedeutend damit, den Partner fürs Leben zu finden. Jemanden, den wir lieben. Doch diese Vorstellung einer Heirat aus Liebe und um des Glückes willen ist relativ neu.
Den Großteil der Geschichte unserer Spezies ging es bei Partnerwahl und Eheschließung nicht vorrangig darum, dass zwei Individuen Liebe und Erfüllung finden. Der Historikerin Stephanie Coontz, Autorin von In schlechten wie in guten Tagen: Die Ehe – eine Liebesgeschichte, zufolge, ging es früher in einer ehelichen Verbindung vor allem darum, zwei Familien zusammenzubringen. Sicherheit war höchste Priorität – finanziell, gesellschaftlich und persönlich. Kurz und gut, es sollten Bedingungen geschaffen werden, die dem Überleben und dem Fortbestand der Familie dienten.
Und wir reden hier nicht etwa vom Mittelalter. Bis zur industriellen Revolution lebte der Großteil der Amerikaner und Europäer auf landwirtschaftlichen Höfen, und jedes einzelne Mitglied eines Haushalts hatte zu arbeiten. Überlegungen, wen man heiraten sollte, waren allenfalls praktischer Natur.
Die Jungs in der Vergangenheit dachten sich: Oh Mann, ich muss schleunigst Kinder zeugen, damit die auf dem Hof mithelfen. Ich brauche dringend ein paar Vierjährige, die mit anpacken können. Und ich brauche eine Frau, die mir Klamotten schneidert. Muss mich sputen, eine zu finden. Und eine Frau dachte sich vermutlich: Ich suche mir wohl besser einen Typen, der seinen Hof im Griff hat und mit einem Pflug umgehen kann, damit ich nicht verhungern muss.
Da wäre es wohl viel zu kleinlich gewesen, nach jemandem zu suchen, der die eigene Vorliebe für Sushi und Filme von Wes Anderson teilt und gleichzeitig dafür sorgt, dass man einen Megaständer kriegt, kaum dass man berührt wird.
Klar gab es auch Leute, die heirateten, weil sie sich liebten, doch ihre Erwartungen an diese Liebe und was sie mit sich bringen würde waren andere als die, die wir heute hegen. In Familien, deren Absicherung für die Zukunft davon abhing, dass ihre Kinder eine gute Partie machten, galt Leidenschaft als extrem riskanter Beweggrund für eine Heirat. »Die Ehe war eine zu bedeutende wirtschaftliche und politische Institution, als dass sie allein auf Basis einer so irrationalen Sache wie Liebe geschlossen wurde«, so Coontz.4
Coontz erklärte uns außerdem, dass vor den Sechzigerjahren die überwiegende Mehrheit der Menschen aus der Mittelschicht ziemlich strikte, geschlechterspezifische Erwartungen daran hatte, was eine Person in eine Ehe mitbringen sollte. Frauen wünschten sich finanzielle Sicherheit. Männer hingegen erhofften sich jungfräuliche Unschuld und interessierten sich kaum für solch tiefgründige Qualitäten wie Intelligenz oder Bildung.
»Das Durchschnittspaar heiratete nach nur sechs Monaten – ein recht gutes Zeichen, dass Liebe stark von Geschlechterstereotypen geprägt war und nicht auf einer tieferen Kenntnis des Partners als Individuum basierte«, so Coontz.
Dies soll nicht heißen, dass Menschen, die vor den Sechzigerjahren heirateten, lieblose Ehen führten. Im Gegenteil, damals entwickelten Paare, je länger sie zusammen waren, zunehmend intensivere Gefühle füreinander. Denn schließlich wurde man gemeinsam erwachsen und sorgte zusammen für Familienzuwachs. Viele dieser Ehen fingen vielleicht mit einem leisen Köcheln an, um sich irgendwann zu einem regelrechten Brodeln zu entwickeln.
Aber vieles wandelte sich in den Sechziger- und Siebzigerjahren, und ganz oben auf der Liste stehen unsere Erwartungen daran, was die Ehe uns bringt. Das Drängen nach der Gleichberechtigung der Frau war ein entscheidender Antriebsfaktor für diese Entwicklung. Immer mehr Frauen studierten, bekamen gute Jobs und erreichten damit wirtschaftliche Unabhängigkeit – und sie gewannen die Kontrolle über ihre Körper und ihre Leben. Eine wachsende Anzahl an Frauen weigerte sich, den Typen aus der Nachbarschaft oder aus dem gleichen Haus zu heiraten. Stattdessen wollte man etwas erleben, denn das erste Mal in der Geschichte hatten Frauen die Freiheiten, dies zu tun.
Cherlin zufolge lehnte jene Generation, die in den Sechzigern und Siebzigern die Volljährigkeit erreichte, die partnerschaftliche Ehe ab, und begann nach Höherem zu streben. Diese jungen Leute wollten nicht einfach nur einen Ehepartner – sie waren auf der Suche nach einem Seelenverwandten.
Bis in die Achtzigerjahre gaben 86 Prozent der amerikanischen Männer und 91 Prozent der amerikanischen Frauen an, sie würden niemals einen Menschen heiraten, ohne auch wahrhaft in ihn verliebt zu sein.5
Die Ehe zwischen Seelenpartnern unterscheidet sich sehr stark von der partnerschaftlichen Ehe. Es geht nicht mehr darum, einfach nur jemand Anständigem zu begegnen, mit dem man eine Familie gründen kann. Ziel ist es vielmehr, den perfekten Partner zu finden, den man wahrhaft und innig liebt. Jemanden, mit dem man den Rest seines Lebens verbringen möchte. Jemanden, dessen Duft sofort glückliche Erinnerungen in uns weckt, jemanden, der uns Frühstück macht und mit uns alle acht Staffeln von »Perfect Strangers. Ein Grieche erobert Chicago« hintereinander anschaut.
Wir wünschen uns grenzenlose Leidenschaft, ein loderndes Feuer, und zwar vom ersten Moment an. In der Vergangenheit waren die Leute nicht so sehr daran interessiert, irgendetwas zum Kochen zu bringen abgesehen vom Essen auf dem Herd; damals reichte einem klares kaltes Wasser. Sobald man das gefunden und sich für ein gemeinsames Leben entschieden hatte, gab man sein Bestes, das Ganze ein wenig zu erhitzen. Heute ist es so, dass es als überstürzt gilt zu heiraten, wenn da noch nichts kocht.
Die Suche nach dem Seelenverwandten aber braucht ihre Zeit und erfordert enorme Investitionen und Anstrengungen in emotionaler Hinsicht. Die jüngeren Generationen stehen unter immensem Druck, »den oder die Richtige« zu finden, etwas, das man in der Vergangenheit gar nicht kannte.
Doch ist man erst einmal erfolgreich, wird man reich belohnt. Cherlin zufolge birgt die Seelenpartner-Ehe das größte Glückspotenzial und führt auf verschiedenen Ebenen zur Erfüllung – ein Konzept, das den älteren Generationen kaum bekannt ist.
Cherlin ist sich bei alldem aber nur allzu bewusst, wie schwer es ist, dieses Ziel zu erreichen. So stellt er die Behauptung auf, das Modell der Ehe zwischen Seelenverwandten berge zugleich das höchste Risiko für Enttäuschungen. Da unsere Erwartungen so unglaublich hoch sind, neigen die Leute heutzutage dazu, schnell einen Schlussstrich zu ziehen, wenn eine Beziehung die Erwartungen nicht erfüllt (also kein Megaständer bei bloßer Berührung). Cherlin bestand, nebenbei bemerkt, auch darauf, dass ich noch einmal auf Folgendes hinweise: Diese Berührung/Megaständer-Analogie ist einzig und allein auf meinem Mist gewachsen.
Die Psychotherapeutin Esther Perel hat bereits Hunderte von Paaren mit ehelichen Problemen beraten. In ihren Augen lastet massiver Druck auf den modernen Beziehungen, da von der Ehe viel zu viel erwartet wird. Sie formuliert es folgendermaßen:
