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Im Sommer 2013 lief mein Mann Volker erneut auf Pilgerwegen, nun aber von oben nach schräg unten durch Deutschland: von Kiel nach Schengen/Luxemburg. Dabei begleitete ich meinen Langstreckenläufer in bewährter Weise mit meinem Fahrrad 'Lotte'; ein VW-Bus kam auch mit. In 4 Wochen legten wir dabei 1034 km zurück und haben damit die Hälfte der Gesamtstrecke Norwegen-Spanien bewältigt. Auf diesem völlig anderen Lauf-Abenteuer lernten wir uns bis dahin unbekannte wunderschöne Ecken Deutschlands kennen, trafen wieder viele interessante Menschen, und auch zwei Besuche auf Kinderkrebsstationen gehörten dieses Mal dazu.
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Seitenzahl: 478
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Vorwort
Einleitung
Möge die Straße ...
Kiel - Bosau
Bosau - Bad Segeberg
Bad Segeberg – Nahe
Nahe - Hamburg
Hamburg - Harsefeld
Harsefeld - Winkeldorf
Winkeldorf - Bremen
Bremen - Dünsen
Dünsen - Visbek
Visbek - Kroge
Kroge - Vörden
Vörden - Osnabrück
Osnabrück
Osnabrück - Ladbergen
Ladbergen - Münster
Münster - Werne
Werne - Dortmund
Dortmund - Grevelsberg
Grevelsberg - Wermelskirchen
Wermelskirchen - Köln
Köln
Köln - Euskirchen
Euskirchen - Blankenheim
Blankenheim – Gondenbrett
Gondenbrett – Windhausen
Windhausen – Echternach
Echternach - Trier
Trier - Merzkirchen
Merzkirchen - Schengen
Heimfahrt nach Kiel
Nachwort
Streckenkarte
‚Möge die Straße uns zusammenführen ...
Es ist dies nicht die erste Pilgerreise, die von Silke und Volker Schnack geplant und durchgeführt wurde. Wer gelesen hat, was sie auf dem Olavsweg während ihrer Pilgerreise von Trondheim nach Kiel erlebt haben, der spürt, was Volker und Silke Schnack antreibt, weiter zu gehen.
Sicher ist es die sportliche Herausforderung für die beiden passionierten Läufer. Hinzu kommt das Wissen um die Geschichte der von ihnen beschrittenen Pilgerwege, und nicht zuletzt das tiefe und prägende Erleben von Höhen und Tiefen auf dem Weg zu ihrem Ziel.
Mag das religiöse Motiv für eine Pilgerfahrt in der modernen Zeit nicht im Vordergrund stehen, so glaube ich doch, dass sich am Ende von durchlebten Strapazen und Glücksgefühlen eine gewisse Dankbarkeit an ‚irgend jemanden‘ einstellen wird.
Silke und Volker Schnack stellen ihre Pilgerreisen, denen es an Besonderheiten in der Fortbewegung sicher nicht mangelt, auch noch in den Dienst eines guten Zwecks. Sie tragen bei jeder Reise für den Förderkreis für krebskranke Kinder und Jugendliche in Kiel eine stattliche Spendensumme zusammen.
Eine Hilfe, die der Verein sehr hoch einschätzt.
Zumal es im Erleben einer Krebstherapie bei Kindern und der Art und Weise des Pilgerns bei Silke und Volker Schnack emotionale Parallelen gibt.
Respektvoll beginnt die Pilgerfahrt, und mit Herzklopfen werden die ersten Schritte zum Ziel gegangen.
Geht die Planung auf, die wir vor dem Start erstellt haben?
Dieses Erleben mit der gleichen Fragestellung finden wir auch bei Eltern von an Krebs erkrankten Kindern am Beginn einer sehr schweren Zeit.
Wenn nach einem langen Pilgertag bei Regen und Wind die nasse Bekleidung in einer Pilgerherberge getrocknet werden muss, die Erschöpfung uns die Tränen in die Augen treibt und nach einer unruhigen Nacht im Gewitter sich die Frage stellt, ob es weiter gehen kann, dann gibt es nichts Schöneres als den wärmenden Sonnenstrahl am nächsten Morgen, der soviel Mut machen kann, das Ziel gesund zu erreichen. Parallelen.
... und der Wind in deinem Rücken sein.‘
Ich wünsche allen, die einen schweren Weg gehen oder gehen müssen:
‚… wenn es kühl wird, warme Gedanken und den vollen Mond in dunkler Nacht.‘
Ralf Lange
Förderkreis für krebskranke Kinder
und Jugendliche e.V., Kiel
Jetzt habe ich den zweiten Lauf meiner Europareise auch schon hinter mich gebracht. Wenn ich über meine Anfangsidee nachdenke und mir überlege, wie wir gestartet und wo wir jetzt schon angekommen sind, dann überkommt mich ein tiefes Gefühl der Dankbarkeit.
Ich habe immer wieder ein Kribbeln im Bauch, wenn die Bilder der vergangenen Läufe als Film vor meinem geistigen Auge ablaufen oder ich schon in Gedanken bei der Planung für meinen nächsten Lauf bin.
Dass sich so viele Menschen für unseren Lauf interessieren und dass es immer mehr werden, das beeindruckt mich schon sehr. Immer häufi ger werden wir gefragt: Wie sieht es aus, ist der nächste Lauf schon geplant, wann geht es los? Das Interesse scheint stetig zu wachsen.
Für unseren Pilgerlauf durch Deutschland 2013 hatte ich einen besonderen Einfall, um Spendengelder für krebskranke Kinder sammeln zu können:
Ich dachte mir, wenn wir verschiedene Lauftreffs oder Lauf-Vereine entlang unserer Pilgerlaufstrecke anschreiben und um Mitläufer bitten, die für jeden mitgelaufenen Kilometer 1,- € spenden, dann könnte man zum Ende hin eine ordentliche Spendensumme für den Förderkreis für krebskranke Kinder und Jugendliche e.V. in Kiel erzielen.
Wir suchten gezielt nach Lauftreffs und –vereinen und schrieben diese mit einer Erläuterung unseres Vorhabens an. Wir ahnten nicht, dass wir so viele positive Rückmeldungen bekommen sollten. Vom Einzelläufer, über kleinere Laufgruppen bis hin zum größeren Vereins- bzw. Betriebssport-Lauf konnten wir über 100 Läufer zwischen Kiel und Schengen aktivieren, und die Spendensumme konnte sich am Ende sehen lassen.
Die Begleitungen machten richtig Spaß, da man als Läufer oder Sportler sowieso schnell auf einer Wellenlänge ist und man während des gemeinsamen Laufs eine Menge zu erzählen hat.
Wir lernten auf diese Weise unterwegs viele nette und interessante Menschen kennen, schade, dass wir uns vielleicht nur dieses eine Mal begegnet sind. Den einen oder anderen trifft man ja vielleicht noch einmal auf den verschiedensten Laufveranstaltungen in Deutschland wieder.
Für uns war dieses Erlebnis eine großartige Erfahrung, die wir nicht mehr missen möchten. Ein riesiges Dankeschön an alle Mitläufer, ihr habt dazu beigetragen, dass dieser Lauf für uns zu einem Erfolg wurde.
Da wir auf deutschen Pilgerwegen unterwegs waren, stand in unserer Planung für diesen Lauf außerdem fest, dass wir Kinderkrebsstationen auf unserer Strecke besuchen wollten. Ein kleiner Tipp vom 2. Vorsitzenden des Förderkreises, Herrn Ralf Lange, brachte den ersten Stein dafür ins Rollen.
Silke bemühte sich um die Kontakte und so ergab sich, dass wir in Hamburg im UKE und in Herdecke sehr herzlich zu einer Besichtigung eingeladen wurden.
Wir wurden auf beiden Stationen fröhlich empfangen, und was wir dort kennenlernten, machte uns fast sprachlos. Mit wie viel Liebe und Zuneigung man sich dort um die kranken Kinder kümmert, ist schon bemerkenswert.
Wir bewundern die Ärzte und Schwestern, die Eltern der betroffenen Kinder und die Mitarbeiter der Förderkreise, die sich alle ständig kompetent bemühen, das Leben der Patienten so zu gestalten, dass diese sich immer sicher sein können, in den richtigen Händen zu sein.
Nachdem wir die Stationen verlassen hatten, sprachen Silke und ich viel über diese neuen Erfahrungen und kamen gemeinsam recht schnell zu der Erkenntnis: Uns geht es doch sehr gut und wir wollen dankbar sein, dass wir gesund sind und auf diese Weise anderen helfen können, denen es viel schlechter geht.
Jetzt, wo ich gerade diese Zeilen schreibe, muss ich an meinen Lauffreund HaWe aus Osnabrück denken, der mich auf einer Teilstrecke begleitete und uns sein motivierendes Ritual vorstellte:
Mitten im Wald standen wir erwachsene Läufer da (wir waren zu viert mit Silke und Lotte unterwegs) und riefen laut:
‚Was geht’s uns gut!
Was geht’s uns gut!‘
Von verschiedenen Seiten bekommen wir immer wieder Bestätigung, dass das, was wir machten und noch vorhaben, der richtige Weg sei, um Schwächeren zu helfen. Das bestärkt mich darin, weiter zu machen, weiter zu planen, weiter zu laufen.
Ich freue mich jetzt schon auf ein Wiedersehen mit Ben Homan, dem Bürgermeister von Schengen in Luxemburg, der uns im Ziel in Schengen völlig unerwartet in Empfang nahm.
Diese Überraschung war gelungen und ist für uns eine bleibende Erinnerung.
Wir beide sind schon verabredet; er möchte den Startschuss zu unserem nächsten Abenteuer, Pilgerlauf durch Frankreich 2015, in Schengen geben.
‚Die Erfahrung, die wir machten, war einfacher als wir dachten. Etwas Essen und Schlaf nach dem Lauf, baut einen schnell wieder auf.
Man braucht nicht viel, um zufrieden und glücklich zu sein, die Natur mit anderen Augen zu sehen, hilft ungemein.‘
Volker
Durch einen Blick in den Rückspiegel überzeuge ich mich, dass er noch immer hinter mir fährt. Natürlich ist Finn da, schließlich hat er ein Navi in seinem Auto.
Ich fahre auf der B76, bin kurz vor Plön am Steuer eines bepackten VW-Transporters auf dem Weg nach Bosau. Den stelle ich dort auf dem Campingplatz ab und unser Sohnemann Finn nimmt mich wieder mit nach Hause zurück. So der Plan.
Der VW-Bus California, von Volker und mir spontan ‚Kalle‘ getauft, soll uns morgen Nachmittag in Empfang nehmen, wenn wir auf dem Pilgerweg ‚Via Jutlandica‘ aus Kiel kommend in Bosau eintreffen.
Volker will tatsächlich morgen früh los laufen, bis nach Luxemburg will er laufen und nur auf Pilgerwegen, einmal von oben nach schräg unten durch Deutschland, ungefähr 1000 km weit und ich werde ihn mit meinem lieben Fahrrad, meiner zuverlässigen ‚Lotte‘, begleiten.
Während der Fahrt im VW-Bus trudeln meine Gedanken: Nichts vergessen beim Einpacken? Wenn ich den Bus nachher in Bosau abstelle, muss an alles gedacht worden sein. Denn wir kommen morgen laufend und radelnd in Bosau an, alles, was jetzt vergessen wurde, muss sonst auf dem Rad transportiert werden. Besser nicht.
Seit Monaten bereiten wir uns schon auf unser Projekt ‚Pilgerlauf durch Deutschland‘ vor, aber die letzte Zeit war so randvoll mit vielen Sorgen und nervenaufreibenden Ereignissen, die bis heute anhalten, dass ich mich nur unzureichend vorbereiten konnte.
Das gefällt mir gar nicht – überhaupt nicht.
Ich plane gerne alles im Voraus und erledige so viel wie möglich vorher, damit der Kopf frei ist für die neuen Herausforderungen.
An der Ampel in Plön warte ich auf grün, sehe Finn im Auto hinter mir und gehe im Stillen die Checkliste durch. Alles bedacht?
Mutti will morgen mit Abendessen auf den Campingplatz kommen, wir haben uns Bratkartoffeln gewünscht. Wenn man schon in Heimatnähe pilgert, kann man sich doch mal bedienen lassen. Drei Tage später ist diese Gelegenheit vorbei.
Aber habe ich Mama mit unserer Bitte auch nicht zu viel zugemutet? Hoffentlich findet sie den Weg zum Campingplatz, ich war ja selber noch nie da, aber sie kommt schon hin, sagte sie lachend. Dabei hat sie in der letzten Zeit viel Kummer um Papa gehabt, der 81jährig seit drei Monaten schwer krank und pflegebedürftig in einem Pflegeheim wohnt. Für die Familie eine neue und keine einfache Situation, seine Kraft wird immer weniger, wir können fast täglich damit rechnen, dass er einschläft.
Für Volker und mich waren die letzten Wochen eine Achterbahnfahrt der Gefühle, hin und her gerissen zwischen großer Vorfreude auf unseren Pilgerlauf und Sorgen um die Eltern.
Letzte Woche war ich nochmal bei meinem Vater, erzählte ihm von unserer Tour, und dass wir ihn deshalb in der nächsten Zeit nicht besuchen können. Er sah mich ganz wach und offen an, lächelte anerkennend darüber, dass Volker so weit laufen will und da konnte ich zwar sehr traurig, aber doch etwas beruhigt Abschied nehmen.
Mein Bruder war es, der mir mit zwei schlichten Sätzen Mut machte, unsere Tour wie geplant durchzuführen, unser Vater hätte es auch so gemacht.
Im Nachhinein weiß ich, während ich unsere Reiseerlebnisse aufschreibe, dass die angespannten Gedanken um Papa ständig in meinem Unterbewusstsein blieben, bis zur Heimkehr nach Kiel.
Ich fahre an der Marineunteroffizierschule in Plön vorbei und sehe die kleine Abzweigung Richtung Ruhleben. Dort verläuft die ‚Via Jutlandica‘, morgen werden wir hier abbiegen. Aber ich soll nun weiter geradeaus fahren, kurz vor Bösdorf rechts ab nach Bosau zum Campingplatz am Großen Plöner See. Finn bleibt immer hinter mir.
Es ist schon 20 Uhr als wir vor dem Anmeldehäuschen stehen. Ein Zettel mit einer Handynummer klebt an der Tür, allerdings erreiche ich nur die Mailbox, der ich den geparkten Kalle anvertraue. Der Rückruf kommt als Finn und ich schon wieder auf dem Nachhauseweg sind: Kalle kann auf dem Parkplatz außerhalb des Campingplatzes bleiben und wir bekommen morgen einen Stellplatz für eine Übernachtung. Na siehste, geht doch.
Still sitze ich neben Finn. Morgen, der 27. Juli 2013, unser Starttag. Wann geht´s denn los, Silke, wurde ich oft gefragt. Und nun ist‚ morgen‘.
Dass es nun wirklich ernst wird, merkte ich schon gestern, als unsere Freunde Silke und Oskar mit einem selbstgebackenen Pilgerbrot plötzlich im Garten standen. So eine liebe Überraschung! Ich war richtig gerührt.
Was liegt zuhause heute Abend noch an? Haben wir alles bedacht?
Heute Nachmittag rief sogar noch ein Läufer aus Rickling an, um sich nach dem Start der dritten Etappe in Bad Segeberg zu erkundigen. Hab mir zum Glück eine Notiz geschrieben, damit wir ihn rechtzeitig anrufen.
Zuhause verabreden wir uns mit Finn für morgen früh. Er bringt uns und das Fahrrad dann zur St.-Nikolai-Kirche am Alten Markt in die Innenstadt. Dort starten wir unseren Pilgerlauf durch Deutschland, unser drittes Abenteuer auf Pilgerwegen.
Mit dem Einschlafen klappt es nicht so richtig; wie wird wohl morgen der Start und vor allem die 47km lange Strecke bei diesem heißen Sommerwetter?
Mit großem Interesse haben wir die Wetterprognosen für die kommenden Tage verfolgt. Morgen sei mit hohem Gewitterrisiko zu rechnen, sagte man. Aber bitte nicht, wenn wir unterwegs sind, lieber später.
Unten in der Küche liegen die letzten wichtigen Dinge bereit, der Wecker wird gestellt.
Ich denke an Volkers Fuß. Er bekam vor einer Woche eine bakterielle Infektion durch einen Insektenstich auf dem rechten Fuß und muss seitdem Antibiotika einnehmen. Der Fuß schwoll an, daher fuhr Volker die Woche jeden Tag mit dem Auto zur Arbeit, kühlte konsequent abends mit Eis und lagerte den Fuß hoch.
Außerdem bekam er Laufverbot von seinem Hausarzt, na toll! Für Volker noch schlimmer als Medikamente schlucken zu müssen. Bis heute durfte er also überhaupt nicht laufen und soll ab morgen 27 Tage nacheinander jeweils 35-48 km schaffen?
Das muss im Kopf erst mal bewältigt werden. Zumal der Arzt ihm sogar nahe legte, die Tour komplett zu verschieben, doch davon wollte Volker ja nun gar nichts wissen.
Trotz dieser Gedanken-Purzelbäume versuche ich zuversichtlich zu bleiben, ich freue mich auf morgen. Ein paar Freunde und Läufer aus Kiel wollen sich an der Kirche morgen von uns verabschieden und uns auf der ersten Etappe Richtung Bosau begleiten.
Es ist nicht alles bis ins Letzte planbar, es ist ein Pilgerlauf, da soll man für alles offen sein und annehmen, was auch immer das sein wird.
Es wird schon seinen Sinn haben - ein großes Abenteuer eben.
Still sitzen wir beide bei Kaffee und Zeitung, jeder hängt seinen Gedanken nach, leise läuft Radiomusik. Es ist früh, wir haben noch Zeit.
Heute soll es losgehen, unser Pilgerlauf durch Deutschland. Es wird sicher sehr warm werden, wie die letzten Tage schon. Hitzerekord in Deutschland, es wurden 30°-36° C vorausgesagt.
Nachbar Didi startet jetzt mit Marcus zum langen Trainingslauf, um der Hitze aus dem Weg zu gehen. Deshalb können die zwei bei unserem Abschied an der Kirche leider nicht dabei sein, sie verabschieden uns hier und wünschen viel Erfolg.
Die Laufklamotten liegen bereit, neben den gefüllten Wasserfl aschen und den Pilgerpässen. Wechselshirts sind in den Fahrradtaschen. Auch die Regenkleidung, hatte jemand etwas von Gewitter gesagt? Wir sind jedenfalls vorbereitet.
Heute nun soll Volker seinem Traum ein Stückchen näher kommen. Er ist erfahrener Langstreckenläufer aus Leidenschaft und möchte gerne einmal in seinem Leben von Norden nach Süden durch Europa auf diesen alten Landwegen gelaufen sein.
Wir beide waren inzwischen schon zweimal auf verschiedenen Pilgerwegen unterwegs: 2009 auf dem Jakobsweg durch Spanien und 2011 auf dem Olavsweg durch Norwegen, auf dem Ochsenweg durch Dänemark und bis Kiel auf der Via Jutlandica. Daher starten wir nun dort, wo wir vor zwei Jahren ankamen: an der St.-Nikolai-Kirche, der Stempelstelle der Pilger, am Alten Markt in Kiels Innenstadt. Mit dem ersten Pilgerstempel im Pass geht´s dieses Mal auf deutschen Pilgerwegen bis nach Schengen/Luxemburg.
Wir haben uns lange darauf vorbereitet, die Planung für die ca. 1040km lange Strecke hat gut eineinhalb Jahre gedauert. Die Pilgerstrecke hat Volker genau recherchiert, als GPS-Track runtergeladen und auf einzelne Lauf-Etappen umgebaut. Drei Paar Laufschuhe sind mittlerweile eingelaufen. Ich organisierte das ‚Drumrum‘.
Volker schenkt mir noch einen Kaffee ein, wann wollte Finn hier sein? Keine Sorge, er kommt pünktlich.
Eine Veränderung gegenüber dem Pilgerlauf von Trondheim nach Kiel gibt es: Damit wir auf dieser Reise zuverlässig ein Dach über dem Kopf haben und nur Tagesgepäck mit dem Rad transportieren müssen, kommt der Campingbus Kalle mit. Das Fahren von Kalle wird überwiegend von unserer Familie und Freunden übernommen, damit ich an diesen Tagen Volker mit dem Fahrrad Lotte begleiten kann.
Der VW-Bus-Vermieter bot uns überraschend an, den Bus schon einen Tag eher abzuholen, ohne Mehrkosten. Das Angebot konnten wir nicht ablehnen, und ich habe ihn in aller Ruhe herrichten und bepacken können.
Das saftige Pilgerbrot von Silke schneide ich zurecht und packe es in die Verpflegungstasche zu den Müsliriegeln, Gels und Getränken, wir werden erst am Nachmittag in Bosau sein.
Auch bei diesem Projekt wollen wir Spenden sammeln für den Förderkreis für krebskranke Kinder und Jugendliche e.V. in Kiel.
Volker hatte eine Idee: weil wir dieses Mal ausschließlich durch Deutschland unterwegs sein werden, kann man doch verschiedene Lauftreffs entlang der Strecke auffordern, uns zu begleiten und pro Mitlauf-Kilometer einen Euro zu spenden.
Im Januar 2013 verschickten wir daraufhin über 50 Briefe und erhielten viele Antworten und begeisterte Zusagen. Uns erwarten nun Mitläufer aus 16 verschiedenen Lauftreffs zwischen Kiel und Schengen. Die meisten Kontakte entstanden durch E-Mails, man kennt also weder Gesicht noch Stimme.
Wir sind sehr gespannt.
Namen, Adressen und Standorte auf der Landkarte helfen dabei die Übersicht zu behalten, wann wir wo genau wen an der Strecke treffen. Zwei dicke Leitz-Ordner und ein Stapel Wanderkarten gehören zur Ausrüstung. Zur Bewältigung der Organisation unterwegs wäre eine dritte Person sehr von Vorteil gewesen.
Das weiß man vorher aber alles nicht, es ist für uns beide das erste Mal den Jahresurlaub auf diese Weise, nämlich mit begleitenden Läufern, zu verbringen.
Außer den noch unbekannten Läuferinnen und Läufern werden wir noch mehr neue Menschen kennenlernen.
Mit Frau Blohm von der Fördergemeinschaft Kinderkrebs-Zentrum Hamburg e.V. sind wir verabredet, um die Kinderkrebsstation im UKE zu besuchen.
Ebenso mit einer Selbsthilfegruppe für Eltern krebskranker Kinder und Jugendlicher, dem Henri Thaler Verein in Ennepetal.
Was uns wohl dort erwartet? Für uns beide etwas völlig Neues.
Volker schnürt die Laufschuhe, den rechten nicht zu fest. Beim Druck auf den Fußspann entsteht eine kleine Beule, die Schwellung ist noch nicht vollkommen abgeklungen. Immer nach dem Motto ‚Geht nicht gibt´s nicht!‘, sagt er, schließlich ist der Weg das Ziel.
Dann schiebt Volker das Rad mit den Taschen zum Auto, befestigt es auf dem Gepäckträger. Britta und Ben von nebenan machen sich auf den Weg zur Kirche.
Finn ist da, es geht los, und ich werde langsam kribbelig.
Vom Parkplatz in einer Seitenstraße schiebe ich Lotte zur Kirche hoch. Einige Leutchen scheinen dort auf uns zu warten, es gesellen sich immer mehr bekannte Gesichter dazu. Jetzt bin ich doch aufgeregt.
Unterschiedliche Glücksbringer, kleine Eulen, Herzen und Steinchen bekommen wir mit liebevollen Worten überreicht. Und sogar ein selbstgenähter Wimpel mit LTV Logo wird an Lottes Hinterrad neben der Pilgermuschel befestigt. Ist das schick, danke, Susi und Gerd!
Da sehen wir plötzlich zwei nassgeschwitzte tropfende Läufer vor uns: Didi und Mar cus haben ihre Laufstrecke extra so gelegt, dass sie nach zwei Stunden laufen hier sein können. Während Britta sie mit Wasser versorgt, stehen Volker und ich sprachlos daneben, super Überraschung!
Mareike nimmt mich zur Seite, sie grüßt mich von Erika und Birgit, die leider nicht hier sein können, da sie arbeiten müssen. Das ist wirklich schade, mit den beiden haben wir fest gerechnet. Aber Arbeit geht nun mal vor. Mareike selbst hat extra ihren Urlaub verschoben, um heute dabei sein zu können.
Vom Förderkreis ist wieder Herr Mattig dabei, im Laufdress. Unsere Nachbarn Renate und Holger, Arbeitskollegen, unsere Freunde Silke und Oskar und Läufer, Läufer, Läufer.
Pastor Wünsche winkt uns alle in die Kirche, das Fahrrad wird wieder bis vor die Stufen zum Altar geschoben. Eine große Kerze steht brennend vor dem Pult, obenauf liegt der Kirchenstempel. Pastor Wünsche bittet uns im Halbkreis aufzustellen und verteilt Liedzettel. Aha, gesungen wird auch, ich freue mich.
Wie beim letzten Mal, als wir aus Norwegen kamen, baten wir auch dieses Mal den Pastor, uns einen Pilgerstempel zu geben. Und wie beim letzten Mal macht er eine unvergessliche Viertelstunde daraus. In launiger und nachdenklicher Art findet er die richtigen Worte und singt mit uns das irische Segenslied ‚Möge die Straße uns zusammen führen, … bis wir uns wiedersehen, halte Gott dich fest in seiner Hand‘. Der Startstempel im Pilgerpass und der anschließende Reisesegen bringen uns gut auf den Weg.
Vor der Kirche mache ich Pastor Wünsche darauf aufmerksam, dass genau zum Zeitpunkt des Reisesegens die Kirchturmuhr neun Uhr schlug, im richtigen Augenblick, finde ich. Moment, sagt er, ich mach Musik, und flitzt zurück in die Kirche, um die Glocken läuten zu lassen. Puh, nun ist´s mit mir geschehen, Gänsehaut und Kloß im Hals. Lass uns los, Volker.
Ben piekt in seine Luftballons, unser ‚Startschuss‘ fällt. Die Läuferinnen und Läufer schließen sich uns an, andere bleiben dort, fotografieren und winken.
Die Via Jutlandica verläuft von der St.-Nikolai-Kirche zum Fähranleger Reventloubrücke, knapp zwei Kilometer entfernt, direkt an der Kiellinie. Dort nimmt der Pilger die Fähre der Schwentinelinie über die Kieler Förde zum Anleger Wellingdorf/Schwentinebrücke am Ostufer. Von da kommt man unter der großen Autobrücke hindurch an die Schwentine und bleibt ihr treu bis nach Preetz.
Reisesegen in der St.-Nikolai-Kirche
Gott sei vor dir, um dir den rechten Weg zu zeigen. Gott sei neben dir, um dich in die Arme zu schließen und dich zu schützen. Gott sei hinter dir, um dich zu bewahren vor der Heimtücke böser Menschen. Gott sei unter dir, um dich aufzufangen, wenn du fällst. Gott sei in dir, um dich zu trösten, wenn du traurig bist. Gott sei um dich herum, um dich zu verteidigen, wenn andere über dich herfallen. Gott sei über dir, um dich zu segnen. So segne dich der gütige Gott.
Beim Recherchieren der Fährabfahrtszeiten und der sich daraus ergebenden Startzeit an der Kirche mussten wir vor zwei Monaten erfahren, dass diese Fährverbindung nur montags bis freitags besteht.
Und wir wollen an einem Samstag starten, was machen wir nun? Freitags starten geht nicht, Volker wird bis mittags arbeiten, außerdem wird uns werktags keiner begleiten können. Die gesamte Planung des Laufs würde sich verschieben, ebenso die Verabredungen mit den anderen Lauftreffs.
Die Nachricht machte uns sehr betroffen, so schnell zaubert keiner ein Schiff oder Boot aus dem Hut, das mehrere Läufer und ein Fahrrad übersetzt.
Ich bemühte eifrig das Telefon und fragte mich durch. Schleusenfähre, Bootsverleiher usw. Schließlich sind wir hier in Kiel, haben die Förde, einen großen Hafen und viele Schiffe.
Einer riet mir beim Seehafen Kiel anzurufen, die hätten dort eine Barkasse. Mit Frau Gerlach von der Geschäftsführung des ‚Port of Kiel‘ hatte ich ein ausführliches Gespräch. Sie konnte anschließend ihren Chef überzeugen die Idee des Pilgerlaufs zu unterstützen, so dass die Überfahrt mit der Barkasse ‚Sprott‘ samt Kapitän gesponsert wird, erzählte sie mir einige Tage darauf.
Wie bitte? Gesponsert? Wie klasse ist das denn? Das überrascht uns! Die 500 Euro hätten wir nicht bezahlen wollen, sondern weiter nach Alternativen suchen müssen.
Diese gute Nachricht habe ich sofort überall herum erzählt, wir waren so erleichtert!! Am nächsten Tag besuchte ich Frau Gerlach in ihrem Büro im Hafen, und bedankte mich mit einem Buch, der Reiserzählung über unsere Trondheim-Kiel-Tour, bei ihr.
So können wir nun auf dem richtigen Pilgerweg zur Schwentine gelangen, das war Volker wichtig.
Die fröhliche Laufgruppe macht sich von der Kirche aus auf zum Reventlou-Anleger, von der Schlossstraße durch den Schlossgarten geht´s zur Kiellinie, wo die ‚Sprott‘ wartet.
Lachend nimmt uns der Kapitän in Empfang, Karin breitet die große LTV-Fahne aus, aus allen Winkeln werden Fotos gemacht, auch für die Lokal-Zeitung Kieler Nachrichten.
Irgendjemand schnappt sich mein Fahrrad und bringt es an Bord.
Renate und Holger stehen neben uns auf der ‚Sprott‘, sie sind mit Pressewart Jens im Auto hergekommen und der Kapitän nimmt sie wieder mit zurück. Pastor Wünsche überrascht einmal mehr und steht plötzlich mit seinem Rad am Anleger.
Die Stimmung an Bord kann nicht besser sein, alles gackert und sabbelt durcheinander. Das große Kreuzfahrtschiff MSC ‚Poesie‘ und die Color Line-Fähre aus Oslo fahren an uns vorbei in den Hafen, wunderschön anzusehen bei diesem blauen wolkenlosen Himmel.
Leider ist die Fahrt zu schnell vorbei, von weitem sehen wir schon winkende Läufer am Anleger Wellingdorf. Beim Näherkommen erkennen wir, wer genau dort an der Fischhalle auf uns wartet. Oh, Mann, wir staunen, dass hier auch so viele hergekommen sind.
Lotte wird wieder von Bord getragen, ich brauche mich gar nicht zu kümmern.
Die Barkasse dreht und macht sich auf den Weg zurück zum Bahnhofskai, wir verabschieden die Passagiere winkend, die uns alles Gute wünschen.
Sportwartin Karin macht aus dem geplanten langen Trainingslauf vom Marathon-Training einen Pilger-Begleitlauf. Die Gruppe läuft nun ca. 10 Kilometer mit uns und dann wieder zurück nach Wellingdorf. Wir starten gegen 9:45 Uhr mit 16 Mitläufern Richtung Preetz.
Der Pilgerweg Via Jutlandica ist hier an der Schwentine auch der E1-Fernwanderweg, dieser reicht von Italien bis zum Nordkap und ist 4900 Kilometer lang. Das weiße Andreaskreuz auf schwarzem Grund, das Zeichen des E1, fällt uns erst jetzt auf, obwohl wir hier schon oft gelaufen sind.
Ein Genuss in der Natur zu sein, immer neben dem Fluss, auf dem ab und zu Kanus zu beobachten sind. Außerdem ist es hier überwiegend schön schattig.
Die Schwentine ist mit 62 km einer der längsten Flüsse Schleswig-Holsteins, entspringt in der Nähe von Bornhöved und mündet in die Kieler Förde, wo wir eben anlegten.
Wir überqueren die Schwentine auf der Holzbrücke, kommen am Gut Oppendorf vorbei, und über einen schmalen Trampelpfad mitten zwischen Getreidefeldern gelangen wir nach Flüggendorf. Die kleine Steigung hoch muss ich schieben, aber wie gut, dass Gerd bei mir ist, er übernimmt das für mich. In der nächsten Zeit musst du sicher noch reichlich schieben, lass dir ruhig helfen, meint er. Ich wechsle mein Laufshirt, puh, es ist ordentlich warm!
An der Oppendorfer Mühle verabschieden wir Jens, dann geht´s an der Rastorfer Mühle vorbei, immer noch an der Schwentine entlang bis nach Rosenfeld am Stausee Rosenfeldersee. In der Laufgruppe herrscht gute Stimmung, alle sind gut drauf. Ich versuche mit vielen kurz zu sprechen, jongliere dabei mein Fahrrad zwischen den Läuferbeinen durch.
Wir erreichen das Wasserwerk Schwentinental bei Klausdorf; über hundert Jahre alt und für die Trinkwassergewinnung der Stadtwerke Kiel von großer Bedeutung.
Wie oft sind wir hier schon gelaufen, u.a. beim Nikolauslauf und zahlreichen Trainingsläufen, dieses hügelige Gebiet ist recht anspruchsvoll und gleichzeitig landschaftlich wunderschön.
Unsere Gruppe kommt durchs Tiergehege mit herrlichen Ausblicken auf die Flusslandschaft, die hier ‚Altarm der Schwentine‘ heißt und seit 1984 ein Naturschutzgebiet ist.
Für ihre Läufergruppe hat Karin eine Verpflegungsstelle in Rosenfeld aufgebaut, die haben wir gleich erreicht. Es wurde schon gut geschwitzt, kalte Getränke und frisches Obst sind jetzt genau richtig.
Kurz bevor wir dahin abbiegen, sehe ich jemanden auf dem Weg stehen, es ist Erika, die doch heute gar nicht kommen konnte? Und Birgit mit Thorsten daneben, sie haben uns einen Streich gespielt. Gelungen! Wir freuen uns, dass sie doch dabei sein können, sie wollen mit uns bis nach Preetz mitlaufen.
In Preetz gibt es den offenen Lauftreff Sohlenkiller, den wir auch anschrieben, mit der Bitte uns zu begleiten für den guten Zweck. Frauke war eine der Ersten, die zusagten. Auch sie erwartet uns jetzt mit Ralf und Ulla am Verpfl egungsstand und begrüßt uns herzlich. Die drei werden zusammen mit uns auf ihrer Hausstrecke zurück nach Preetz laufen, die ein Teil der bekannten Schusteracht ist, ein 30km langer Wanderweg in Form einer acht.
Am Verpflegungsstand erfrischen wir uns bei kühlen Getränken und Leckereien, ein Büfett in Karins Kofferraum. Leider müssen wir nun von dem Großteil der Truppe endgültig Abschied nehmen. Herzliche Umarmungen, viele gute Wünsche und noch mehr Klöße im Hals. Winken, winken, Fotos.
Wir haben bis hier gut zehn Kilometer hinter uns, und bis Bosau noch ca. 37 vor uns. Es ist inzwischen noch wärmer geworden, in Begleitung von sechs Läuferinnen und Läufern machen wir uns gegen elf Uhr auf den Weg Richtung Preetz.
Die Sohlenkiller kennen sich gut aus, wir haben wieder eine landschaftlich hübsche, wenn auch anstrengende Strecke vor uns. Die Schwentine immer an der Seite verläuft der Pilgerweg bergauf und bergab, Thorsten hilft beim Schieben, gelegentlich heben wir das Rad gemeinsam über umgestürzte Bäume. Und das bei dieser Hitze!
Unser nächstes Ziel ist das Adlige Kloster Preetz, die Via Jutlandica verläuft genau über das Klostergelände. Das adlige Damenstift der Schleswig-Holsteinischen Ritterschaft wurde im 13. Jahrhundert gegründet und steht unter Denkmalschutz. Vor Wochen schon fragte ich dort an und bekam die Zusage, dass uns jemand heute mit dem Kloster-Pilgerstempel erwarte.
Bevor wir auf das Klostergelände abbiegen, umarmt Frauke den dicken Baum, der schon viele Jahre an der Straßenecke wächst und Frauke bei ihren Laufanfängen immer Mut gab. Bei dem muss ich mich immer kurz bedanken, wenn ich hier vorbei komme, sagt sie.
Inzwischen ist es viertel vor zwölf. Wir hatten mit einem früheren Eintreffen gerechnet, aber es ist eben ein Pilgerlauf, da kann man nicht alles genau planen.
Die ältere Dame vom Kloster finden wir in einem der vielen Nebengebäude, nachdem Ulla dort klingelte. Recht aufgebracht schimpft sie, dass sie so lange in der heißen Sonne auf uns warten musste. Wir alle versuchen beruhigend auf sie einzureden, aber erst Erikas Argument, dass manche der krebskranken Kinder, für die wir ja unterwegs sind, die Sonne nur selten sehen, scheint sie zu besänftigen.
Gemeinsam gehen wir nun zur Kloster-Verwaltung, wo sie unsere Pässe stempelt. Beim Foto mit Erika und Birgit lächelt sie sogar, und will den Pastor bitten, morgen im Gottesdienst von unserem Lauf zu berichten.
Den kurzen Aufenthalt nutzen wir für eine Trinkpause.
Durch das Torhaus gelangen wir auf die Klosterstraße in Richtung Preetz, Stadtmitte. An der Shell-Tankstelle verabschiedet sich Erika von uns, danke Eri, für die dicke Überraschung. Rainer hat in der Ortsmitte sein Ziel mit zwanzig gelaufenen Kilometern erreicht. Die Geldspende überweise ich, ruft er uns zu.
So sind wir noch sieben Leute bis nach Schellhorn, das wir zwei km später erreichen. Der Weg dahin führt direkt am Ufer des Kirchsees, durch den die Schwentine fließt, entlang, eine wundervolle Gegend.
Frauke, Ulla und Ralf haben hier ein Auto geparkt, das auch im Kofferraum eine Verpflegungsstation versteckt. Hm, köstlich, kalte Melone, Getränke, alles, was das Herz begehrt. Großen Dank an die Sohlenkiller, von denen wir uns nun auch verabschieden.
Während wir verschnaufen klingelt mein Handy. Lauffreund Uwe fragt, wann wir an der Sophienhof Kapelle ankommen, er wartet dort auf uns. Das dauert nicht mehr lange, Uwe, hab Geduld, wir kommen gleich.
Birgit und Thorsten begleiten uns noch weitere drei Kilometer, da steht Marlies mit dem Auto an der Straßenseite. Und was zaubert sie aus ihrem Auto? Wieder so leckere Sachen, wir werden aber auch verwöhnt heute!
Dank auch an unsere beiden letzten Mitläufer vom TV Jahn, die so lange bei dieser Affenhitze bei uns blieben.
Hier an der Kreisstraße 53 sind wir außer auf der Via Jutlandica immer noch auf dem Fernwanderweg E1. Für die folgenden 500m sind Volker und ich zum ersten Mal auf diesem Pilgerlauf ganz allein unterwegs.
Bei KM 25 wartet Uwe mit seiner Frau Sabine an der kleinen Kapelle Sophienhof, direkt an der Hauptstraße. Gebaut wurde das Gotteshaus 1873, am Giebel ist ‚Ehre sei Gott in der Höhe‘ zu lesen, weiter unten: ‚Dem Wanderer zur Einkehr‘, allerdings ist sie leider verschlossen.
Auch an Sabines Auto werden wir lecker verpflegt. Uwe weiß noch nicht genau, wie weit er mitlaufen kann, denn seine Achillessehne schmerzt. Ach, lass uns erst mal los, sagt er, ich bleibe mit Sabine in Verbindung, sie holt mich ab, wenn es nicht mehr geht. Aber Uwe hält durch, bis nach Bosau, von hier noch 22km.
Es ist so heiß, kein Lüftchen geht. Aus Versehen biegen wir von der Hauptstraße zu früh nach links Richtung Lepahn ab, drehen aber wieder um und unterqueren die B76 nach Trent.
Die schmale Landstraße führt uns bergauf und wieder runter und wieder rauf. Die Wasserflaschen sind leer, ich halte und klingle bei Familie Jäger auf einem Bauernhof. Die Eigentümer arbeiten gerade im Schuppen und bereitwillig nimmt mich die freundliche Frau Jäger mit ins alte Fachwerkhaus. Ist das angenehm kühl hier drin!
Mit frisch gefüllten Flaschen kehre ich zu Uwe und Volker zurück. Weiter geht´s, wir sind hier nun in der Holsteinischen Schweiz. Dieser Naturpark ist mit über 72.000 ha der größte Naturpark Schleswig-Holsteins. Es gibt etwa 200 kleine und große Seen, Pferdekoppeln, Bauernhöfe, lange Alleen, alte Schlösser, urige Gassen und dann wieder angenehm menschenleere Gegenden.
Hier fühlt es sich jetzt richtig wie Pilgern an, stilles Laufen, es wird kaum gesprochen, jeder versucht mit den Gegebenheiten zurecht zu kommen, und die Strecke, die noch vor uns liegt, zu meistern.
Ich bin so froh, nur leichtes Gepäck am Rad zu haben, muss zwar ab und zu die Steigungen schieben, mit der gesamten Ausrüstung wäre es weit schwieriger gewesen. Bei Theresienhof ist der höchste Punkt für heute erreicht.
Nach Rathjensdorf geht es nochmal steil runter, steil hoch und wieder runter. Die Jungs vor mir laufen ziemlich gleichmäßig, ich wechsle zwischen Schieben und Rollen. Was für eine herrliche Aussicht von oben auf Plön und den See!
Hinter Rathjensdorf biegen wir rechts ab auf Plön zu. Vorbei am Trammer See trifft unser Weg auf die B430 und somit auf den Mönchsweg, der von Glückstadt kommend nach Fehmarn führt. Diesem Pilgerweg werden wir bis zum Kloster Nütschau treu bleiben. Bis nach Bosau allerdings gemeinsam mit der Via Jutlandica.
Die Zeichen des Mönchswegs, die geöffneten Fensterläden mit Blick auf eine Kirche, sind häufi g zu sehen.
Um 15 Uhr rasten wir am Großen Plöner See, am Anleger Fegetasche nach 39 km. Es ist so fürchterlich heiß, im Schatten über 30°C. Bei der Minigolfanlage hole ich eiskalte Cola und Apfelschorle, das zischt. Die koffeinhaltige Limonade ist Volkers ständiger Begleiter bei langen Läufen, denn sie hat schnell verfügbaren Zucker, der die leeren Glykogenspeicher auffüllt und gleicht nebenbei den Flüssigkeitsverlust aus. Auch nach dem Laufen ist es gut, eine Cola zu trinken, denn das enthaltene Koffein beschleunigt die Regeneration. Cola gehört eigentlich immer zu unserer Ausrüstung.
Auf einer Bank ruhen wir richtig aus, öffentliche WCs gibt´s glücklicherweise auch.
Ab hier sollen es ‚nur‘ noch ca. 8km sein. Meinen beiden Läufern geht´s gut, wir sprechen nur wenig, dafür schwitzen wir mehr.
Vorbei an der Marineunteroffizierschule in Höhe Ruhleben biegen wir rechts ab, es beginnt wieder ein landschaftlich wunderschönes Gebiet. Der Fernwanderweg E1 verlässt uns hier und verläuft weiter geradeaus nach Malente.
Um uns ist viel schattiger Wald, sogar Hohlwege, zwischen den Bäumen und Sträuchern immer mal ein schöner Blick zum Großen Plöner See. Aus dem Wald heraus gelangen wir zwischen Getreidefelder auf schmale feste Fußwege, ab und zu werden Trampelpfade draus.
Es ist kaum auszuhalten, die heiße Luft flimmert. Spaziergänger mit Hunden schleichen grüßend an uns vorbei, die armen Tiere wären sicher auch lieber im Schatten.
Volker hat Schwierigkeiten den Körper runter zu kühlen und vom vielen Trinken nur einen Gluckerbauch. Zudem bekommt er Krämpfe in den Beinen, die ja eine Woche lang kaum Bewegung hatten. Der Laufschuh wird enger, der Fuß ist angeschwollen. Diese hügelige anspruchsvolle Strecke und die Einnahme des Antibiotikums tun ein Übriges. Meine beiden tapferen Läufer bleiben einfach stehen und gehen ein gutes Stück, ich schiebe das Rad, mindestens bis zum nächsten Schatten.
Die Kirche in Bosau erreichen wir endlich nach insgesamt 47 km um ca. 16 Uhr. Sabine wartet bereits. In der Sankt Petri Kirche, eine Feldsteinkirche von 1152, die mit dem Gips vom Segeberger Kalkberg verputzt wurde, zünden wir eine Kerze an.
Vor einiger Zeit hatte ich angefragt, und nun bekommen wir einen schicken Pilgerstempel von Frau Pastorin Bitterwolf. Sabine begleitet mich ins Pastorat, während die beiden Jungs im Schatten trinken und verschnaufen.
Ich bin auch ganz schön kaputt, die Fußsohlen in den offenen Sandalen sind mittlerweile wund vom vielen Staub und Sand und brennen. Feste Laufschuhe wären besser gewesen, aber wegen der Hitze nahm ich die luftigeren Sandalen.
Eine erfrischende Dusche wäre nicht schlecht, und Hunger hab ich auch, freue mich richtig auf Muttis Bratkartoffeln, von denen Volker noch gar nichts weiß.
Wir schieben das Rad auf einem Fußweg zum Campingplatz. Eine halbe Stunde später haben wir mit Kalle eingecheckt, holen kalte Getränke aus der Kühlbox und plumpsen auf die ausgeklappten Campingmöbel, die Kalle bei sich hat. Sabine zaubert dazu noch Naschis und weitere Getränke – wie gut geht´s uns jetzt!
Uwe springt voller Wonne in den See, obwohl es so schwül und drückend ist, man ein Gewitter förmlich riechen kann. Das hat er sich aber auch verdient, seine Achillessehne hat durchgehalten, er ist bis zum Schluss bei uns geblieben.
Als wir vom Duschen kommen, rollt Mama an. Hurra, Essen auf Rädern! Nun grummelt es über uns, das angesagte Gewitter zieht auf. Wir decken lieber im Bus auf, schon beginnt es zu regnen, nein: zu gießen. Es schüttet aus Kübeln, es blitzt und donnert, und zwar richtig!
Hier im Bus zu sitzen ist schon ein uriges Gefühl. Die Bratkartoffeln und Frikadellen schmecken köstlich, Mama hat sogar an Nachspeise gedacht. Nun folgen noch die üblichen Aufräumarbeiten, Aufstelldach aufklappen, Betten bauen, Wasservorrat holen und Wäsche waschen. Lotte wird hinterm Bus befestigt, leider steht sie nun im Nassen.
Das Gewitter brachte nicht nur herrliche Abkühlung, sondern zusätzlich ein Funkloch mit sich. Meinen Etappenbericht für die LTV Kiel-Ost–Internetseite kann ich somit nicht schreiben, das ärgert mich ziemlich. Mich um die Fotos zu kümmern habe ich heute keine Zeit mehr.
Wegen der Hitze möchte Volker morgen lieber schon um 8.00/8.30 Uhr starten und ruft bei Jochen an, der unseren VW-Bus nach Bad Segeberg, das morgige Ziel, fahren will. Lothar, der uns auf der 2. Etappe laufend begleiten will, erreichen wir nur auf der Mailbox. Mal sehen, wann er hier morgen früh ankommt.
Was war das für ein erlebnisreicher Tag heute! Und dazu diese Affenhitze! Das Beste waren die lieben Leute, mit all ihren Wünschen und kleinen Geschenken, die uns begleiteten, einfach klasse! Da kam viel Herzenswärme rüber.
Vollkommen erledigt krabbeln wir in unsere Schlafsäcke. Volker hat heftige Wadenkrämpfe und massiert mit Voltarengel. Später geht noch ein zweites schweres Gewitter über uns, da schlafen wir schon.
Kleine Häschen hoppeln über die Anlage, als ich zu den Waschräumen gehe. Klare kühle Luft, bestimmt durch die Gewitter gestern Abend. Die erste Nacht oben im Dach des VW-Busses war gut, ist lustig dort rauf zu klettern und man liegt wirklich bequem.
Beim Frühstück gegen sieben Uhr draußen vor dem Bus auf Klappmöbeln sind schon 20,5°C, mit Wind, der See zeigt Wellen. Volker steht vor langen Läufen immer zeitig auf, um in Ruhe zu essen, damit alles gut verdaut ist, wenn´s auf die Strecke geht.
Wir beide erzählen vom gestrigen Tag, der voller spannender und überraschender Momente war. Gestern Abend waren wir so erschöpft, keiner mochte mehr denken und reden.
Heute soll es auf die zweite Etappe nach Bad Segeberg gehen, 45 km. Etwa zur Hälfte werden wir in Trappenkamp von Sportlern und Läufern erwartet. Großzügig haben wir unsere Ankunftszeit berechnet, um locker hinlaufen zu können.
Anne, Jochen und Hund Luna kommen. Anne als medizinische Fachkraft schaut sich sofort Volkers Fuß an und macht ihm Mut, die Insektenverletzung klingt ab und sieht gut aus. Ich zeige Jochen den Bus, vor allem die eine Million Fliegen und Mücken, die sich unter dem aufgeklappten Aufstelldach versammelt haben. Ob er die vielleicht zuhause absaugen könne? Anne sieht die eingeweichten Laufklamotten im Eimer, die nehme ich mit zum Waschen. Oh, wunderbar!
Anne war mit Luna noch spazieren während wir packten und hält nun die dreckigen Hundepfoten unter den fließenden Wasserstrahl.
Lothar, unser Lauffreund vom LTV und heutiger Mitläufer, biegt um die Ecke, in Laufdress und mit Sporttasche unterm Arm. Seine Frau Brigitte brachte ihn aus Bordesholm hierher, mit dem Zug will er aus Bad Segeberg zurück fahren. Seine Getränkeflaschen, Obst und Energieriegel sind in Plastikbeuteln verpackt, ich verstaue sie in der Fahrradtasche.
Mit Jochen verabreden wir, von unterwegs anzurufen, um den Treffpunkt an der Marienkirche in Segeberg auszumachen und dann wird fröhlich fotografiert.
Volker tritt auf der Stelle, noch ein Foto? Lass uns los! Er freut sich, dass er Lothar an seiner Seite hat für diese Etappe, zumal er ja bis nach Segeberg mitlaufen möchte.
Wir starten gegen halb neun, Lothar und Volker im 6er Pace, zunächst zur Hauptstraße in Richtung Stocksee. Jochen überholt uns mit dem Kalle-Bus und hupt kräftig, Anne fährt in ihrem Auto hinterher.
Für diese Tour kaufte Volker ein Navigationsgerät für Fahrräder, es ist outdoor geeignet und am Lenker befestigt. Dort sind alle Streckenetappen eingespeichert, die er vorher bearbeitet hatte. Außerdem kann man an diesem Gerät seinen aktuellen Standort ablesen (über GPS), das uns noch von sehr großer Hilfe sein wird. Gestern war zu viel Trubel um mich, ich habe diese Anzeige kaum beachtet. Wahrscheinlich auch falsch eingestellt, zwischendurch verstellt und zuletzt abgestellt. Dabei hatten wir im Vorwege mehrere Probefahrten gemacht. Heute nun versuche ich damit vernünftig umzugehen.
Neben dieser Streckenanzeige des Navis habe ich zusätzlich meine Kartenausschnitte mit, fertig gefaltet oben auf der Lenker-Tasche, gut beim Fahren zu sehen. Darauf verzichte ich nicht, bei aller modernen Technik. Zu meinem Rad-Cockpit gehört dann noch mein Tacho mit Kilometeranzeige und Geschwindigkeit, an der Tasche baumelt ein kleines Thermometer und meine Laufuhr sitzt am Arm. Alles was ich wissen muss, ist schnell zu sehen. Herrlich!
Lenker-Cockpit
Der Mönchsweg, der sich auf 340 km von Glückstadt nach Puttgarden auf Fehmarn schlängelt, verläuft weitgehend über asphaltierte Wege. Ab hier geht es um den Stocksee durch den Ort Stocksee, über Bornhöved und Trappenkamp auf kleinen Landstraßen. Von dort durch den Erlebniswald und weiter über mehrere Dörfer nach Bad Segeberg.
Eine wundervolle Strecke, viel Grün, Blicke auf den Plöner See, verschiedene Naturschutzgebiete und Naturlehrpfade.
Es ist recht hügelig, manchmal richtig steil, was wir eigentlich hier nicht so vermuten. Und warm wird es auch wieder, puh, wir schwitzen.
Über die Entstehung des Großen Plöner Sees gibt es eine Sage:
Der Teufel hat früher oft auf dem hohen Segeberger Kalkberg gestanden und voll Neid auf das Plöner Schloss geschaut. Er warf seinen gewaltigen Silberhammer, um das Schloss zu zerstören. Doch der Hammer löste sich vom Stiel und schlug in eine Wiese bei Bosau ein, wo sofort ein riesiges Loch entstand, das sich mit Wasser füllte, der Große Plöner See. Man sagt, der Stiel soll zu einem Eichenstamm verwandelt worden sein, aber davon ist nirgendwo etwas zu sehen.
Nach einer Stunde und zehn gelaufenen Kilometern pausieren wir kurz vor Stocksee im Grünen. Erst mal ordentlich trinken. Ich versuche Herrn Tautz, den Organisator vom TVT Trappenkamp, anzurufen, kann aber leider nur auf seine Mailbox quatschen. Er bat um Bescheid, wenn wir noch eine gute Stunde entfernt seien. Dann hoffe ich mal, dass er seine Mailbox rechtzeitig abhört.
Weiter geht´s Richtung Schmalensee, kurz verlaufen wir uns, drehen um und sehen zum Glück die Mönchswegschilder. Es ist schon furchtbar heiß, wir gehen ein Stück.
Dann vor Schmalensee nehmen wir eine Abzweigung zu früh und landen auf einer Straße ohne Hinweisschilder. Bis ich den Fehler merke, sind wir zwei Kilometer weiter. Ich ähm, ich druckse herum, ich mag gar nichts sagen, wo genau sind wir eigentlich? Jungs, sage ich laut, haltet mal an. Hier stimmt was nicht. Oh, Mann, die Gesichter sprechen Bände!
Verdammt, ich finde mich nicht zurecht auf den Karten und stoppe einfach ein vorbei fahrendes Auto. Ihr seid gleich in Damsdorf, sagt der junge Mann am Steuer. Nach Schmalensee müsst ihr zurück. Ich schildere kurz unsere Lage und frage ihn tatsächlich, ob er die beiden Jungs ein Stück zurück fahren könne. Natürlich protestieren die beiden laut von hinten. Aber unser Helfer hat sowieso keine Zeit, muss zur Arbeit. Naja, fragen kann man ja mal.
Lothar und Volker tun mir so sehr leid, während wir uns auf den Rückweg machen suche ich als Wiedergutmachung nach einer Abkürzung zur B430. Ich sehe ein Haus mit Garten, Leute sitzen gemütlich beim Frühstück. Über den Zaun rufe ich, ob ich hier entlang zur Hauptstraße gelange? Ja, immer weiter und an der Kreuzung rechts ab. Gut, das klappt jedenfalls.
Die Bundesstraße 430 ist uns gut bekannt, hier kennen wir uns aus, kommen nun in Heimatgebiet.
Mein Handy klingelt. Lauftreff-Jens ruft an, auf der Homepage steht ja gar nichts geschrieben. Und den aktuellen Standort kann man auch nicht einsehen, wo seid ihr denn? Ja, Jens, es gibt keinen Etappenbericht, weil wir keine Internetverbindung wegen des Gewitters hatten. Und die GPS-Geschichte wird noch geregelt, wir sind in der Spur, gleich in Bornhöved, alles ist gut.
Nochmal klingelt das Telefon, Volkers Schwester Elke fragt, wo wir sind, sie wartet mit der Familie in Bornhöved an der Strecke.
Auf der alten Plöner Chaussee geht´s unter der B430 durch, die Mühlenstraße hoch und oben sehen wir unsere Familie schon winken, zum Glück im Schatten. Volkers Geschwister und Eltern warten schon lange, ja, wir sind spät dran. Bis hier lesen wir schon 24 km auf der Uhr.
Für Opa und Oma wurden Klappstühle aufgestellt. Schwager Heinz drückt uns Spendengeld in die Hand, Volkers Schwester Helga lege ich ein Regenbogenarmband um, auf dem steht: ‚Eins werd´ ich nie tun – aufgeben‘ . Helga ist gesundheitlich angeschlagen, sitzt im Rollstuhl und kann Mut gebrauchen, wenig genug, das man für sie tun kann. Bei der Umarmung kommen uns beide die Tränen. Ich kaufte diese bunten Armbänder bei der Deutschen Kinderkrebsstiftung und verkaufe sie mit Gewinn, der an den Förderkreis geht, weiter.
Elke und Torsten fahren mit den Eltern nun weiter nach Trappenkamp, etwa fünf Kilometer. Dort wollen sie den Sportlern Bescheid geben, dass wir zwar spät dran sind, aber wir kommen.
Immer öfter legen wir Gehpausen ein, Volker hat wieder Schwierigkeiten den Körper zu kühlen, den Puls runter zu holen. Um Lothar mache ich mir keine Sorgen, dem ist es auch zu heiß, aber es geht ihm soweit ganz gut. Außerdem ist er ein erfahrener Läufer.
Der Mönchsweg verläuft mitten durchs Dorf Bornhöved, vorbei an der Feldsteinkirche St. Jakobi, von Bischof Vicelin um 1150 geweiht. Volker wurde in dieser Kirche konfirmiert.
Bei Bornhöved fand eine der wichtigsten Schlachten Schleswig-Holsteins statt, am 22. Juli 1227 kämpfte Graf Adolf IV von Holstein erfolgreich gegen die Dänen. Dieser Sieg brachte die Voraussetzungen für die spätere staatsrechtliche Vereinigung Schleswigs und Holsteins und Lübeck wurde Hansestadt.
Diese Straße nach Trappenkamp war viele Jahre mein Schulweg. Ich ging in Bornhöved zur Schule, die letzten vier Jahre sogar in Volkers Klasse; wer weiß, ob ich den Kerl sonst näher kennen gelernt hätte?
Ich fuhr immer mit dem Fahrrad, und da wir recht viele Schüler aus Trappenkamp waren, war auf der Strecke immer was los, man war nie alleine. Nur im Winter bei Schnee fuhren wir im vollgestopften Schulbus.
Im Katenlandsweg kommen uns zwei Jungs auf Rädern entgegen, sie wollen mal schauen, wann wir kommen. Warum kommt ihr denn so spät, fragt Jay, der sich mit seinem Bruder Matti nun schon zum zweiten Mal auf den Weg macht, uns zu suchen. Da warten ganz viele auf euch, lacht er aufgeregt. Na, dann fahrt vor und gebt Bescheid, gleich sind wir bei euch.
Unser Treffpunkt mit dem Turnverein Trappenkamp TVT ist der Mönchsweg-Rastplatz in der Hermannstädter Straße, wo eine Schutzhütte und ein mannshoher stählerner Mönch für Pilger und Radwanderer aufgestellt wurden. Den Mönch haben wir bei Familienbesuchen im Vorbeifahren oft bewundert, nun sollen wir ihn aus der Nähe kennenlernen.
Die Ankunft ist für uns eine Granate, wie Volker später in der Zeitung zitiert wird. Rhythmisches Klatschen von ca. 40 Leuten rechts und links im Spalier und eine La Ola Welle nach der anderen. Sage und schreibe fünf Fotografen hocken nebeneinander mitten auf der Straße, vor denen wir anhalten.
Ich steige vom Rad und parke meine Lotte an der Seite. Mein Bruder Dirk mit Gesa, Femke und Mama sind da, Elke und Torsten, Oma und Opa auf den Klappstühlen.
Kaltes Wasser und Cola werden gereicht, wir trinken ordentlich, Volker gießt sich einen Becher Wasser über den Kopf.
Willi Tautz, der alles vorort organisierte, begrüßt uns, Läufer der Laufgemeinschaft stellen sich vor, der Bürgermeister steht im Laufdress lachend da, und wer nicht alles dabei ist... Die Reporter stehen um Volker und Lothar mit Block und Stift und fragen und fragen.
Nun sollen wir uns zusammen mit dem Bürgermeister, den Organisatoren und einem großen Scheck für ein Foto aufstellen. Lothar, wo bist du, guckt mal hierher und nochmal lächeln und den Scheck hochhalten...
Was lesen wir? Eine große Spende an den Förderkreis, wir sind sprachlos und dankbar!
In der Schutzhütte ist richtig der Tisch gedeckt, hier könnte ich länger Pause machen. Femke reicht einen Teller mit Bananenstücken herum und schenkt immer wieder fleißig Getränke nach. Mir ist ziemlich fl au im Magen, hatte bis jetzt nicht genug gegessen, die Banane schmeckt lecker und tut mir gut.
Wir erkennen unseren ehemaligen Nachbarn Andreas und freuen uns, dass er auch Läufer ist und uns sogar bis nach Segeberg begleiten will, wow!
So viele Leute sind gekommen, viele Sportler vom TVT aus unterschiedlichen Sparten, eine Menge Kinder sehe ich. Eine Journalistin bittet um ein Gespräch heute Abend auf dem Campingplatz in Segeberg.
Mama drückt mir einen feuchten Waschlappen in einer Tüte in die Hand, ich hatte sie gestern drum gebeten, den hab ich nämlich vergessen. Bei dieser Hitze kann er unterwegs sehr von Nutzen sein. So habe ich ein kleines Stück von ihr mit auf dem Weg.
Elke fragt, ob wir noch etwas brauchen. Ich bitte sie um Creme, denn gestern bei der Hitze habe ich mich auf dem Sattel wund gesessen, das spüre ich nun bei der Weiterfahrt heftig.
Noch fünf Minuten, ruft Herr Tautz seinen Leuten zu. Uns fragt er, ob es recht wäre, wenn er jetzt das Kommando für die gesamte Laufgruppe übernähme. Er hat eine Gruppe Laufanfänger dabei, die immer mal wieder eine Gehpause einlegt. Wir haben nichts dagegen, schließlich kennt er sich im Wald bestens aus. Und mal zwischendurch gehen kommt uns sehr entgegen, bei diesen Temperaturen.
Wir verabschieden uns von der Familie, mit feuchten Augen. Dirk und Gesa wollen jetzt zurück nach Berlin, Elke treffen wir morgen früh in Segeberg, sie übernimmt ab dort den VW-Bus.
Und los!
Mit Lotte rolle ich mitten im Läuferfeld, neben mir wird ein Babyjogger geschoben, die Fußballer laufen in ihren Trikots, ich sehe einige Laufprofi s. Alles plappert aufgeregt durcheinander. Volker läuft vorne weg mit Herrn Tautz, Andreas und Michael, auf der Strecke des Trappenkamper Waldlaufes. Kurz kann ich mich mit zwei Mädchen der Tanzsparte unterhalten.
Am Waldeingang wird plötzlich gestoppt. Dieter ist gestürzt, man hilft ihm auf, er blutet etwas an der Nase. Volker reicht ihm Taschentücher, jemand bleibt bei ihm, wir laufen weiter. Im Wald, der hier Erlebniswald heißt, bleiben nach und nach einige zurück und winken, dann am Holztor Richtung Daldorf verabschieden wir uns vom Orgateam, dem wir viel zu verdanken haben.
Bis nach Bad Segeberg sind es noch ca. 15 Kilometer, bei uns laufen noch Andreas, Michael und Björn. Michaels Frau und Sohn begleiten uns mit dem Rad eine Weile.
Der über zweihundert Hektar große Erlebniswald Trappenkamp ist ein beliebtes Ausflugsziel, das pädagogische Zentrum Wald des Landes Schleswig-Holstein. Wildgehege, ein Waldladen, ein Hochseilgarten, verschiedene Waldfeste und Gastronomie gehören dazu. Kutschfahrten werden angeboten, eine Falknerwiese hat täglich Flugvorführungen, ein Husky-Team macht Camps und Wanderungen. Jährlich kommen mehr als 200.000 Besucher. Anfang September findet regelmäßig der Trappenkamper Waldlauf statt.
Andreas und ich erzählen uns viel, von seinem Alltag und seiner Familie. Er war vier Jahre lang damals bei den Pfadfindern, lachend erinnern wir uns, dass unser Sohn Torge als kleiner Bursche davon sehr begeistert war. Es gibt ein Foto, auf dem Torge in Andreas` viel zu großen Pfadi-Klamotten zu sehen ist. Ob Torge deshalb später in Kiel im Alter von zehn Jahren zu den Pfadfindern ging? Er blieb dort sehr engagiert fast zehn Jahre lang.
Kurz vor Daldorf gebe ich Jochen unseren Standort durch. Und es ist immer noch so furchtbar heiß im Wald, kein Wind geht.
Zum Glück parkt in Daldorf ein Auto, das uns mit Getränken versorgt. Björn macht sich auf den Weg zurück nach Trappenkamp. Für uns übrigen geht es weiter auf einer Landstraße, ab und zu durch Wald, eine ruhige ländliche Gegend. Das Auto bleibt bei uns, ein gutes beruhigendes Gefühl. Im Wald bei Hamdorf warten zwei Läuferinnen vom Team 5-Tage-Marathon; Christiane und Brigitte möchten uns bis Bad Segeberg begleiten. Über Handy halten wir Kontakt, wegen der vielen Gehpausen sind wir ziemlich spät dran. Die Ärmsten warten und warten.
Das Laufen wird für Volker immer mühsamer, die Hitze macht ihm ordentlich zu schaffen. Er tut mir so leid, damit konnte keiner rechnen, das kennen wir gar nicht. Mit Hitze konnte er bis jetzt immer gut umgehen. Wir schieben den Grund auf das Medikament, das ist die einzige Möglichkeit. Aber wir wollen kein Risiko eingehen und deshalb muss einfach mal gegangen werden.
Und diese Strecke ist so endlos lang. Wären wir alleine unterwegs, würde es anders sein? Volker würde sicher auch dann sein gestecktes Tagesziel erreichen wollen, aber wäre er vielleicht befreiter unterwegs als jetzt, wo die Öffentlichkeit auf ihn schaut? Das Wissen darum, dass da hinten irgendwo jemand wartet, ist bei aller Vorfreude etwas belastend, man fühlt sich ein wenig im Zeitdruck. Denn wie heißt es immer: gelaufen wird mit dem Kopf.
Außerdem tun ihm seine Mitläufer leid, die sich extra Zeit nehmen, einen schönen Lauf machen wollen und nun ständig gehen müssen. Natürlich ist diese Hitze auch für sie nicht ohne, aber sie starteten heute unter anderen Voraussetzungen. Immer wieder versichern sie uns gut gelaunt, dass es völlig in Ordnung sei zwischendurch zu gehen.
Das ruhige 6:30er Tempo zu halten fällt Volker weiterhin schwer, er wird automatisch schneller. Ich fahre vor ihm, um ihn zu bremsen, aber das hilft nicht. Im Kopf hat er nur: ankommen – ich will ankommen!
Zwischen Feldern und Wiesen gelangen wir auf einer herrlichen Strecke zum Treffpunkt, an dem Christiane und Brigitte tapfer ausgehalten haben. Die zwei freuen sich uns zu sehen und bieten kalte Getränke aus dem Kofferraum an. Noch schnell ein Foto und weiter. Volker bittet die beiden vorne zu laufen und das Tempo anzugeben. Aber sie lassen sich unbewusst von Volker ziehen und werden schneller.
Wir kommen ins Gespräch, die zwei sind gut ausgeruht und so lernen wir uns kennen. Hier sind wir auf ihrer Haus-Trainingsstrecke unterwegs.
Wadenkrämpfe zwingen Volker erneut anzuhalten, sein verletzter Fuß ist mittlerweile stark geschwollen, es spannt im Schuh bei jedem Schritt. Ich rufe lieber bei Jochen nochmal an und sage wo wir sind. Er erzählt was vom Fußball EM-Endspiel der Frauen, und dass Holstein Kiel gestern einen Heimsieg hatte. Das ist fein, Jochen!
Der Mönchsweg führt uns außerhalb von Hamdorf an das Naturschutzgebiet Ihlsee, breite wunderschöne Wege, im Schatten ist es herrlich luftig und gut auszuhalten. Unsere beiden Läuferinnen kennen sich bestens aus, dass sie hier auf einem Pilgerweg sind, wird ihnen jetzt erst bewusst.
Anne ruft an, sie haben den VW-Bus an der Marienkirche in Bad Segeberg geparkt und erwarten uns. Wir malen uns alle aus, was wir gleich am Ziel am liebsten als erstes machen wollen, und die Idee einen dicken Eisbecher zu essen ist einfach großartig!
Wir bitten Jochen in der Eisdiele einen Tisch zu bestellen, und die Vorstellung eines riesigen Eisbechers lässt uns den restlichen Weg durchhalten.
Gehen, laufen, Krämpfe, anlaufen, gehen, laufen, Krämpfe…. Volkers Körper streikt, er soll wohl endlich anhalten.
Am Kurpark vorbei kommen wir an den Großen Segeberger See, die Promenade bringt uns direkt an die ev. St. Marien Kirche.
Es ist inzwischen halb vier als wir dort nach sieben Stunden und 45 Kilometern bei 30° C im Schatten eintreffen. Anne und Jochen erwarten uns fröhlich winkend mit ihrer Familie. Brigitte und Anne kennen sich aus Rönnau – die Welt ist klein.
Nach den Zielfotos vor der Kirche machen sich Brigitte und Christiane wieder auf den Rückweg, danke euch beiden für den unterhaltsamen Lauf.
Andreas und Michael bleiben noch bei Lothar und uns, wir verschnaufen und trinken. Alle sind so erleichtert endlich am Ziel zu sein.
Im Eingang der Kirche hängt ein kleines Holzkästchen mit dem Pilgerstempel vom Mönchsweg an der Wand. Nach dem Stempeln schauen wir nur kurz in das Kircheninnere. Beim Bau des Gewölbes dieser Klosterkirche wurde im 13. Jahrhundert, wie in Bosau, Gips vom Segeberger Kalkberg verwendet.
Die Getränke in den Fahrradflaschen sind lauwarm, zu essen habe ich nichts mehr in der Tasche. Nun könnte das Eis kommen…
Langsam schieben wir in die Fußgängerzone, die heiß ersehnte Eisdiele wird direkt angepeilt. Lothar ruft laut, da sind doch LTV-Rad-Trikots! Frank aus unserem Lauftreff organisiert auch größere Fahrradtouren, eine findet heute statt. Er macht mit seiner Gruppe hier gerade Pause auf dem Weg von Lüneburg nach Kiel.
Was für eine Freude, unsere Freundin Heilwig, eine begeisterte Rennradfahrerin, ist auch dabei, große Umarmung. Das ist wirklich unglaublich, lass uns Fotos machen. Frank hat sich vorgenommen morgen auf der Etappe von Segeberg aus Volker zu begleiten, und sagt, bin morgen um neun Uhr an der Kirche.
Nun gibt´s Eis, den Trappenkampern ist mehr nach Kaffee und Kuchen. Leider sind in der Eisdiele alle Tische besetzt, wir machen es uns deshalb auf einer Bank im Schatten gemütlich, alle viere von uns gestreckt und nur noch genießen.
Von den Trappenkampern nehmen wir dann endgültig Abschied, danke für eure Ausdauer. Am Camper-Bus zieht Lothar sich um, schnappt sich seine Sporttasche und geht zum Bahnhof. Danke Lothar für deine Begleitung!
Im Bus eine Überraschung: Anne hat frisch gewaschene Wäsche mitgebracht, und gibt uns Portionspackungen Magnesium mit auf den Weg. Jochen hat innen sauber gemacht und aufgeräumt, Mücken abgesaugt, wichtige Papiere in Plastiktütchen verstaut und außerdem auch noch im Schatten geparkt.
Welch Luxus! Die beiden beschreiben uns den Weg zum Campingplatz, allerdings widersprüchlich, das kann ja was werden! Dann haben sie noch Tipps für ein Restaurant bzw. Pizzaservice bereit, falls es auf dem Platz nichts gibt.
Große herzliche Umarmung und Abschied von Anne und Jochen! Wir danken euch beiden sehr, ihr ward eine große Hilfe.
Der Campingplatz am See gefällt uns gut, wir haben einen wunderschönen Blick auf den Kalkberg, wo zurzeit die Karl-May-Festspiele stattfinden. Man hört das Knallen der Gewehrschüsse und sieht Rauch aufsteigen. Abends ist die Kulisse toll beleuchtet.
