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Frankreich, 1897: Er sucht die Liebe – aber was er findet, ist dunkle Begierde. Schon früh schwankte er zwischen Angst und Faszination, wenn die Wölfe in den abgelegenen Wäldern seiner Heimat heulten. Als sich ein Wolf seinem Zuhause nähert, will Sebastien ihn und die absurden Regungen seines Herzens endgültig loswerden. Seine fehlende Erfahrung wird für ihn jedoch zum Verhängnis. Denn der Wolf beißt zu. Da erfährt Sebastien die Wahrheit: In seinem Blut erwacht der Fluch der Werwölfe und beim nächsten Vollmond wird er sich verwandeln. Für Sebastien ist dies der Horror schlechthin. Ist sein Leben als Mensch vorbei, ohne je wirklich begonnen zu haben? Ein Arzt steht im Ruf, ein Heilmittel zu kennen. Sebastien macht sich sofort auf den Weg. Aber der Vollmond naht bereits und in ihm fechten die Blutgier und brennende Sehnsucht nach einer echten Verbindung einen unfairen Kampf aus. Als er den Arzt erreicht, trifft er auch dessen Tochter. Dabei ahnt er nicht, dass sie ebenfalls ein Geheimnis hütet. Sebastien sieht sich mit seiner eigenen Sehnsucht konfrontiert: Nicht nur sein Blut ist eine wachsende Gefahr. Das dunkle und heiße Verlangen in seinem Herzen führt ihn in Versuchung. Kann er widerstehen oder verliert er alles im Kampf um seine Menschlichkeit?
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Veröffentlichungsjahr: 2018
Inhaltsverzeichnis
Mondscheinbestie – dunkles Erwachen
Über die Autorin
Impressum
Oktober 1897
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
November 1897
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Dezember 1897
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Januar 1898
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Hazel McNellis
Paranormal Romance Roman
Hazel McNellis, Jahrgang 1985, schreibt für ihr Leben gern und lebt heute mit ihrem Partner ein ruhiges Leben im bergischen Land. Die humorvolle Wahl-Wuppertalerin absolvierte nach ihrer Ausbildung zur staatl. gepr. kaufmännischen Assistentin für Fremdsprachen ein Bachelor-Studium der Physik und Anglistik/Amerikanistik. Heute verdient sie sich ihre Brötchen mit dem Schreiben und erfüllte sich so einen Traum.
Auflage November 2018
Auflage: November 2025
Mondscheinbestie – Dunkles Erwachen
Copyright
©2018
©2025
Simone Schmälzlein (aka Hazel McNellis)
Siegfriedstr. 87
42117 Wuppertal
Covergestaltung: Simone Schmälzlein (aka Hazel McNellis)
Bildmaterial via Canva Pro lizensiert
(Designer/User: TM6Z2021; Liandra Design; Barkah AF)
Coverfonts via Canva Pro lizensiert
("Maldina Script"; "Road Race Stamp")
Alle Rechte vorbehalten.
Südfrankreich, Vollmond
Das Jaulen der Wölfe hallte in seinen Ohren nach. Ihr geifernder Atem, das hungrige Knurren und die spitzen Zähne, die gierig nach seinen Waden schnappten, jagten Sebastien einen Schauer über den schweißnassen Rücken. Abrupt setzte er sich in seinem Bett auf.
Es war nur ein Traum.
Nur ein böser Traum.
Sein Herz schlug einen schnellen Takt in seiner Brust, es polterte regelrecht zwischen seinen Rippen, und einen kurzen Moment lang beseelte ihn eine tiefverwurzelte Panik. Sie drängte kalten Schweiß aus seinen Poren heraus und stellte ihm sämtliche Haare am Körper auf. Sebastien strich sich eine seiner schwarzen Haarsträhnen mit zitternden Fingern aus der Stirn. Das Laken klebte unangenehm auf seiner Haut. Fahrig schlug er dir Decke beiseite und schwang die Beine über die Bettkante.
Das Feuer im Kamin war erloschen, natürlich. Schließlich war es schon lange tiefdunkle Nacht. Einzig der Mond, der vor dem großen Fenster am Himmel stand, spendete einen diffusen Lichtschein. Sebastien erhob sich und griff nach dem Schürhaken. Innerlich war er aufgewühlt. Entsetzen rann durch seine Adern und er schluckte mehrmals, um kein jämmerliches Schluchzen auszustoßen. War er nun ein Mann oder nicht?
Asche stob in die Luft und ein schwacher Funke glomm auf.
Hastig schnappte er sich eine Handvoll Zweige aus dem Korb neben dem Kamin und hielt sie gegen die verlöschende Glut. Hatte er Glück, gelang ihm ein Feuer, das die Schatten um ihn herum vertrieb.
Sie sind tot.
Der Gedanke flammte in seinem Kopf glühendhell auf. Er glich darin dem von der Glut leise knisternd aufgefressenen Holz.
Seine Eltern waren seit Jahren unter der Erde. Sie waren tot und alles, was geblieben war, waren er, sein Zwillingsbruder Pascal, ihr Vormund Onkel Jean-Pierre – und diese düsteren Träume.
Er warf ein Holzstück in die winzigen Flammen und beobachtete seufzend, wie die Funken stoben. Kümmerliche Lichtpunkte in der Dunkelheit.
Dann heulte der Wolf.
Sebastien zuckte zusammen.
Sofort waren seine Hände schweißfeucht. Träumte er noch – oder hatte sich sein Traum in die Realität verlagert? Er erhob sich und eilte zum Fenster. Zugleich zogen in seinem Innern die Bilder des Albtraums wie dünne Nebelfetzen vorüber.
Normalerweise war es ihm einerlei, ob ein Tier draußen durch die Düsternis streifte. Es kümmerte ihn nicht, solange er in den wohlbehüteten vier Wänden weilte. Aber heute Nacht graute es ihm trotz der Sicherheit seines Schlafzimmers im ersten Stock des Herrenhauses.
Warum verfolgte ihn die Angst vor dem Wolf so beharrlich?
Er wusste nicht, woher diese unlogische Furcht in seinem Herzen stammte. Doch jetzt bedrängte sie ihn wie lange nicht.
Er stützte eine Hand am kalten Mauerwerk ab und lehnte sich näher ans Fenster. Sein Atem kondensierte am Glas. Hektisch wischte er die Spuren fort und betrachtete den Innenhof des Hauses. Der Mond stand hoch oben, dennoch reichte sein fahler Schimmer nicht aus, um die Schatten zu verdrängen. Es lag noch kein Schnee auf der bewaldeten Landschaft. Die kahlen Äste der Bäume streckten sich nahezu trotzig zum Himmel.
Suchend glitt Sebastiens Blick über sie hinweg, hielt nahe dem Zugang zur Küche inne. Er starrte den blass erleuchteten Klecks an.
Der Fleck bewegte sich.
Geschmeidig, langsam, beinahe träge, schlich der Wolf an der Mauer entlang. Dort traf der Mondschein auf das Haus, sodass Sebastien ihn genauer erkennen konnte. Fast war er sicher, dass dieses prächtige Tier dasselbe war, dem er bei der Jagd am Nachmittag in die gelben Augen gesehen hatte. Es wäre eine Schande gewesen, es zu erschießen. Deshalb hatte er es nicht fertiggebracht, den Lauf seiner Waffe darauf zu richten. Pascal und Jean-Pierre hatten ihn gedrängt, es zu erledigen. Er sollte sich endlich beweisen und zeigen, dass er ein Mann war und von dem Schießeisen Gebrauch machen konnte. Er sollte demonstrieren, dass er ebenso wie sie jagen konnte.
Doch er schaffte es nicht – und der Wolf verschwand unverletzt zwischen den Bäumen.
Jetzt stand er hier, am Fenster in einer mondklaren Nacht, und starrte auf exakt diesen Isegrim herunter. Das Tier war da und schien lediglich darauf zu warten, dass er sich vor die Tür wagte. Das Fell schimmerte bleich – wie bei einem Gespenst – und als der Beutegreifer den Blick hob, stockte Sebastien der Atem.
Sah der Wolf ihn etwa?
Die gelben Augen des Tieres erwiderten seinen Blick, davon war er überzeugt. Der Mond spendete kaum genug Licht, um das absolut sicher zu erkennen. Dennoch … sein Herz klopfte kraftvoll und atemlose Spannung jagte durch seine Adern. Noch während er den Wolf anstarrte, keimte in ihm ein Entschluss. Es war mehr eine waghalsige Idee. Aber trotz seiner Angst vor dem Tier und seines Versagens bei der Jagd, war dies eine vortreffliche Gelegenheit, um seinen Onkel und seinen Bruder vom Gegenteil zu überzeugen. Um ihnen nachzuweisen, dass er sehr wohl ein Raubtier schießen konnte.
Abrupt wandte er sich vom Fenster ab und hastete zum Sekretär hinüber. Im diffus flackernden orangen Lichtschein des Kaminfeuers wirkte das dunkelbraune Mahagoni fast wie lebendig. Das Holz schimmerte und glänzte. Die Spiegelung der Flammen zuckte schleierhaft über die Politur. Mit einem Ruck zog Sebastien die untere Schublade auf. Eine dünne Schicht Staub lag auf dem Lauf der Waffe. Kurz schämte er sich für diese Nachlässigkeit. Dann packte er sie und hob sie heraus.
Die Borchardt C93 war ein Geschenk gewesen. Ihr Onkel Jean-Pierre schätzte als passionierter Jäger gute Schusswaffen. Seine Leidenschaft dafür erinnerte an einen Drachen, der einen Schatz hortete. Dafür sprach seine eindrucksvolle Sammlung in seinem Arbeitszimmer. Dieses Schießeisen hatte er ihm und seinem Bruder Pascal zum Geburtstag geschenkt. Er hatte es gekauft, sobald das Modell im Deutschen Reich erhältlich war. Bevor er ihnen die Waffen gegeben hatte, hatte er ihre Initialen in die holzummantelten Griffe eingravieren lassen.
Pascal war sogleich hingerissen gewesen.
Sebastien strich über den staubigen Lauf. Ob sie noch funktionierte?
Er wischte die Waffe hastig an seinem Morgenmantel ab, nahm die Kugeln, die in der Lade lagen, und trat an seinen Kleiderschrank, um in festes Schuhwerk zu schlüpfen.
Jetzt machte ihm bloß eine Sache Sorgen: Er hatte nie ernsthaft auf ein lebendes Tier gefeuert. Als Junge hatte er in Begleitung seines Onkels und Bruders auf einen Schneehasen geschossen. Bedauerlicherweise hatte das arme Ding noch geatmet. Er war nicht in der Lage gewesen, die Angelegenheit abzuschließen. Stattdessen war es Pascal, der ihm lachend auf die Schulter geklopft und den Hasen erlöst hatte. Ihr Onkel fand sein Zögern dagegen nicht so amüsant. Er hatte Sebastien daraufhin andauernd mit zur Jagd genommen. Jedes Mal war Sebastien gescheitert. Er konnte nicht ein Tier erschießen, geschweige denn verletzen.
Kaum dass er sich an diese Begebenheit erinnerte, fingen seine Hände an zu zittern. Vielleicht genügte es ja, einen Warnschuss in die Luft abzugeben, überlegte er und eilte zur Tür.
Der Flur und die Eingangshalle lagen still vor ihm. Der Mond schien durch das hohe Fenster bei der Treppe. Dadurch sah er die Stufen. Doch er hätte sich ebenso ohne das fahle Licht zurechtgefunden. Er kannte jedes Versteck, jede Tür und jedes Fenster in diesem Haus wie die Tasche seines Mantels.
Der Wolf knurrte – er stand offenbar direkt hinter der Tür.
Eine Gänsehaut kroch Sebastien über die Arme, und er packte die Waffe fester.
Links neben der Tür gab es ein schmales, bodentiefes Fenster. Es war kaum breiter als ein schmächtiger Bursche und erlaubte den Bewohnern bloß einen flüchtigen Blick auf vor der Tür stehende Personen. Ein dicker, bordeauxroter Samtvorhang hing davor, um die Kälte abzuhalten. Der Saum streifte den Boden. Langsam trat Sebastien dahinter und schob den Stoff zur Seite.
Der Wolf war fort.
Der Bereich hinter der Tür war verlassen.
Wo war das Tier hin?
Er runzelte die Stirn, schob die schwere Stoffbahn endgültig beiseite – und fuhr keuchend zusammen, als er die Bestie erblickte. Erschreckt wich er zurück. Seine Brust hob sich unregelmäßig. Der Vorhang glitt wieder vor die Scheibe.
Er war kein Jäger.
Sebastien befeuchtete seine Lippen. Er schluckte einige Male und sprach sich Mut zu.
Wie wollte er je einen Menschen beschützen oder eine Familie versorgen? Er besaß ja nicht einmal genug Rückgrat, um einen streunenden Wolf zu vertreiben!
Als er nun den Vorhang beiseiteschob, war das Tier fort, natürlich. Zittrig atmete er aus. Sein Herz raste. War der Räuber zurück in die Wälder gelaufen? Oder schlich er weiterhin ums Haus herum?
Sebastien wusste, er hatte keine Wahl, wenn er sich wirklich beweisen wollte. Er musste es überprüfen. Kurz wog er ab, ob er seinen Bruder wecken sollte. Allerdings rechnete er mit Spott, sobald er es täte. Pascal und Jean-Pierre würden annehmen, er hätte zu viel Bammel und sie deswegen aus dem Schlaf geholt. Wenn er dagegen eigenhändig den Wolf aufspürte und erlegte, ja, dann hätte er es seiner Familie gezeigt. Dann wüssten alle, dass er ebenso fähig war, ein wildes Tier – obendrein einen stattlichen Canis lupus – zur Strecke zu bringen.
Mit diesen Gedanken und der Pistole bewaffnet, öffnete er die Tür.
Der Wolf blieb außer Sicht.
Langsam trat er auf die Veranda. Das Holz knarrte unter seinen Füßen. Ein kaum merklicher Wind wehte und ließ das tote Laub in einer Ecke des Hofes raschelnd tanzen. Das Blut rauschte in seinen Ohren. Dennoch versuchte er, Ruhe zu bewahren. Er konzentrierte sich auf jedes Geräusch, das die Bestie verraten könnte, und war fortwährend auf der Hut.
Vorsichtig stieg er die drei breiten Stufen der Treppe hinab.
Es raschelte einige Meter rechts von ihm.
Sebastien fuhr herum. Sein Morgenmantel bauschte sich im Wind, umschlang kurz seine Waden, und die Patronen entglitten seiner Hand.
»Verdammt«, fluchte er und bückte sich, um sie einzusammeln.
Beim Aufrichten fiel sein Blick auf eine dicke Ratte, die das Laub durchstöberte. Ihr nackter Schwanz glitt an der Mauer des Hauses entlang.
Er lachte schwach.
Was war er für ein Narr! Erschrak vor einem lächerlichen Nagetier.
Sebastien schüttelte den Kopf über seine eigene Dummheit und wandte sich zurück zur Tür – vor der der Isegrim hechelte.
Hatte die Bestie sich vorbeigeschlichen, als er die Munition einsammelte? Hastig hantierte er mit der Pistole und den Patronen.
Der Wolf beobachtete ihn. Die Lefzen zogen sich zu einem schaurigen Grinsen nach hinten und hoch.
Ein eiskalter Schauer überlief Sebastien. Er zwang sich, den Blick auf die Waffe zu richten. Seine Hände zitterten unkontrolliert.
»Verdammt, verdammt, verdammt!«, presste er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.
Der Wolf knurrte, ein tiefes Grollen drang aus seiner Kehle.
Sebastien fielen erneut die Patronen zu Boden. Er stieß ein verbissenes Geräusch aus – halb Schluchzen, halb Stöhnen –, riskierte einen hastigen Blick auf das Tier, und tastete blind vor Furcht nach seiner Munition.
Der Wolf erhob sich majestätisch wie ein Löwe in der Savanne und kam die Treppenstufen herab. Auf der letzten Stufe hielt er inne und betrachtete seine Beute abwartend, als stünde ihm alle Zeit der Welt zur Verfügung.
Sebastien keuchte. Hinter seinen Lidern brannten angsterfüllt die Tränen. Der Angstschweiß perlte ihm von der Stirn. Seine Hände zitterten dermaßen, dass er kaum imstande war, die schwere Waffe zu halten.
Zerstreut wischte er sich den Schweiß aus dem Gesicht.
»Sei ein Mann, du Narr«, befahl er sich selbst zischend und dachte an die Worte seines Onkels. Jean-Pierre hatte exakt dasselbe unablässig auf der Jagd gesagt und seinem feigen Neffen eine Ohrfeige verpasst, hoffend, ihn damit zur Räson zu bringen. Doch seine Hoffnung war vergebens gewesen.
Sebastien stieß die Patrone mit einem wütenden Ruck in die Kammer. Der Wolf zögerte wenige Meter von seiner Position entfernt. Fast schien es, als wollte das Untier ihm die Gelegenheit geben, sich zu besinnen.
»Oh Gott, ich bin verloren«, flüsterte Sebastien stattdessen erstickt und hatte Mühe, die Panik in seinem Inneren zu bezwingen.
Der Wolf stieß ein weiteres, tiefes und bedrohliches Knurren aus. Der Laut hallte in Sebastiens Brust nach. Das sanfte Vibrieren bescherte ihm eine Gänsehaut. Das Tier schlich um ihn herum, das Nackenfell gesträubt und offensichtlich in übler Laune, als verlöre er langsam die Geduld.
Sebastien hob die Waffe.
Sie zitterte so deutlich, dass er den Griff mit beiden Händen umklammern musste. Sein Kiefer spannte sich an, bis es in den Zähnen schmerzte. Er holte Luft, sog die nächtlichen Gerüche in seine Lungen – und drückte den Abzug.
Der Wolf knurrte wieder.
Die Waffe funktionierte nicht!
Sebastien starrte ratlos die Waffe an. Sein Kopf war wie leer gefegt. Er konnte keinen einzigen Fehler seinerseits erkennen. Panik vernebelte seinen Verstand.
Sein Blick glitt von der Waffe zum Wolf. Der hob die Lefzen an und bleckte sämtliche Zähne, die er aufzuweisen hatte. Er trat einen Schritt zurück, der Räuber einen vor.
Panik flutete seinen Geist.
Nur ein einziger Gedanke hielt ihn davon ab, panisch davonzurennen. Der Wolf wäre auf seinen vier Beinen schneller, als er es auf zweien je sein konnte – und den Rücken würde er dem Tier gewiss nicht zuwenden.
Er konnte um Hilfe rufen, aber würde man ihn hören, rechtzeitig bei ihm sein? Der Wolf war bereits entsetzlich nah herangekommen.
Sebastien beobachtete ihn, starrte auf die kräftigen Läufe – und sah fassungslos zu, wie es alle Muskeln anspannte und auf ihn zusprang.
Instinktiv riss er den Arm nach oben. Er hörte einen bestürzten Ruf.
Der Wolf landete mit einer Wucht auf ihm, die ihn wortwörtlich umhaute. Die Waffe flog ihm aus der Hand. Etwas knackte. Er spürte das Knirschen in seinem Arm mehr, als dass er es tatsächlich hörte.
Jemand rief seinen Namen.
Doch Sebastien hörte nicht hin.
Der Wolf versenkte knurrend und geifernd seine spitzen Zähne in seinem Arm. Die Augen waren zu grollend-gelben Schlitzen zusammengekniffen.
Der Schmerz war atemberaubend – und Sebastien schrie.
Zweifellos würde er gleich ohnmächtig werden.
»Sebastien, ich helfe dir«, rief Pascal.
Die Bestie löste ihren Biss, nur um nach Sebastiens Kehle zu schnappen. Verzweifelt stemmte er seine Arme gegen den pelzigen Hals. Speichel troff ihm auf die Wange. Er kniff die Augen zu.
In dem Moment knallte es.
Der Wolf zuckte zusammen, Sebastien ebenso.
Und er sah erneut hin.
Die Aufmerksamkeit des Tieres richtete sich auf Pascal.
Dessen Waffenlauf war auf den Wolf ausgerichtet. Der erste Schuss war eine Warnung gewesen.
Vielleicht hatte sein Bruder befürchtet, Sebastien zu treffen.
Der Wolf machte einen Satz, warf einen letzten Blick auf sein Opfer und spurtete klugerweise auf den Wald zu. Pascal schoss erneut, verfehlte das Tier jedoch. Die Kugel wirbelte lediglich das trockene Laub auf, das die Ratte kurz zuvor emsig durchwühlt hatte.
Sebastien sank zu Boden. Er schloss die Augen und zog eine Grimasse. Der intensive Schmerz glitt wie rasende Schlangen durch seine zerfetzten Muskeln, Sehnen und Bänder.
»Sebastien«, rief Pascal. Das Laub raschelte unter seinen Füßen, als er heraneilte und neben ihm in die Knie ging. »Deine Wunde muss versorgt werden, komm mit.«
Er schlang den gesunden Arm um Pascals Hals. Inzwischen waren sämtliche Fenster des Hauses erleuchtet. Alle Bewohner waren von dem Knall aufgeschreckt worden. Das interessierte ihn kaum. Er bemerkte es bloß, weil die Lichter ihn blendeten und er sie tuscheln hörte.
Sogar Jean-Pierre, der sich seines tiefen Schlafes rühmte, stand auf der Treppe und sah auf ihn hinab. »Was ist passiert?«, bellte er.
»Ein Wolf«, erklärte Pascal. »Er hat Sebastien in den Arm gebissen.«
Die Hausmädchen stießen bestürzte Schreie aus. Sie rissen Mund und Augen vor Furcht und fassungslosem Entsetzen auf.
»Na, na«, tadelte Jean-Pierre sie. »Das wird schon nicht so drastisch sein. Lass mich das ansehen, Junge.«
Er kam zu Sebastien und griff nach dem Arm.
Sebastien stöhnte beim Freilegen der Wunde. Das Blut sprudelte zwischen den Hautfetzen hervor. Es benetzte die Hände seines Onkels und tropfte zu Boden.
Ein Schatten glitt über das Gesicht Jean-Pierres bei dem Anblick. Er nickte düster, sein Mundwinkel sackte ein Stückchen herab. Ihm war das Missfallen anzusehen, doch Sebastien hatte keine Kraft, um diesen Gedanken weiterzuverfolgen. An den Rändern seines Blickfeldes breitete sich eine einladende Schwärze aus. Er kniff die Augen fest zusammen und ließ sich von Pascal in die Küche führen.
Ihre Verwalterin Martha brachte Verbände, Nadel und Faden und setzte einen Topf mit Wasser auf den Herd.
»Zeigt mir die Verletzung, Monsieur«, murmelte sie sanft.
Sebastien ließ sich auf einen Stuhl sinken und biss die Zähne zusammen. Er unterdrückte einen neuen Schmerzenslaut, als Pascal das zerfetzte Nachtgewand von der Wunde abhob.
»Mon dieu«, flüsterte Martha und schlug ein Kreuz in die Luft. »Ich kümmere mich darum. Es wird dauern, aber es wird heilen, Monsieur.«
Breite Rinnsale seines Blutes liefen am Arm herab. Die Verletzung war tief – und so fühlte sie sich an. Es brannte höllisch.
Magda wusch die Wunde behutsam aus. Dennoch stöhnte Sebastien unter ihrer Behandlung. Pascal gab ihm etwas Hochprozentiges zu trinken.
»Es ist besser, wenn Monsieur nichts spüren«, sagte in dem Augenblick Martha. Ihre dunkelgrünen Augen musterten ihn besorgt. Sein Blick fiel auf die Flasche in ihrer Hand. Chloroform. Woher hatte sie es? Er biss die Zähne zusammen. Der Schmerz war entsetzlich. Also nickte er hastig, trank einen letzten Schluck und ließ zuletzt zu, dass sie ihm das Narkosemittel unter die Nase hielt. Er gab kaum der Schwärze am Rande seines Blickfeldes nach, da nahm die Verwalterin die Flasche und kippte den Alkohol energisch über die Wunde, um sie zu desinfizieren.
Sebastien schrie.
Dann verlor er endgültig das Bewusstsein.
Deutsches Reich, Vollmond
Sie dachte daran, wegzulaufen.
Der Gedanke war ihr nicht neu – insbesondere in den vergangenen drei Wochen nicht. Immer wieder schwappte er an die Oberfläche ihres Bewusstseins. Doch heute schien ihr Geist besonders empfänglich für derartige Flausen, wie ihre Mutter es nennen würde.
Sie rollte das Verbandsmaterial mit mehr Energie als notwendig zusammen. Die Fasern fühlten sich rau zwischen ihren Fingern an.
In ihren Händen pulsierte die unausgesprochene Verärgerung über die Ungerechtigkeit. Ehe sie ihren Mund öffnete, um einen Ton zu sagen, schluckte sie einige Male. Sie wollte nicht böse werden.
Nicht deswegen.
Nicht hier und nicht heute.
Ihn traf bei alldem bloß eine geringe Schuld.
Das war ihr klar.
Er kam einfach nicht gegen seine herrische Gattin an, die zugleich ihre Mutter war. Bertram Wilk war Arzt. Er hatte einen Eid geschworen, um dort zu helfen, wo Hilfe nötig war. Es war zu schade, dass sich diese helfenden Maßnahmen auf körperliche Beschwerden beschränkten.
Seufzend warf Luna den zusammengerollten Verbandsstoff in die Schublade.
»Ist alles in Ordnung?«, wollte ihr Vater wissen und sah von seinen Unterlagen am Schreibtisch auf. Er neigte den Kopf zur Seite und seine haselnussbraunen Augen schauten forschend in ihre Richtung.
Erst überlegte sie, ihm nichts von ihren Bedenken zu sagen. Doch sie zögerte. Wenn sie nicht mit ihm darüber zu sprechen vermochte – mit wem dann? Julian? Der Gedanke ließ sie abermals seufzen.
Ihr Bruder stand ihr zwar nah, aber so nah?
Ihn verband mit ihrer Mutter wesentlich mehr als mit ihr.
»Es ist kaum von Belang«, sagte sie daher.
Sie griff nach einem der Tücher und fing an, den Behandlungstisch abzuwischen, um sich zu beschäftigen. Ihr Vater legte die Schreibfeder beiseite und faltete abwartend seine Hände auf dem Tisch.
»Was ist los, Luna?«, fragte er, diesmal etwas nachdrücklicher.
»Diese Ehe, die ihr für mich …«
Ihr Vater hob eine Hand und unterbrach sie. »Du weißt, dass deine Mutter lediglich danach strebt, dass du bestens versorgt bist. Du bist unsere Tochter. Wir wollen beide, dass es dir gut geht. Auch wenn deine Mutter und ich eines Tages nicht mehr sind.« Sein Blick wurde weicher. »Das verstehst du doch?«
»Natürlich«, antwortete sie. »Aber Herr Frisch ist schon ... alt.«
»Er ist ein erfolgreicher Textilfabrikant, Luna. Er hat ausgesorgt und ist in der Lage, eine Familie zu versorgen. Das lässt sich von manch anderen Jüngling nicht behaupten.«
Prompt spürte sie, wie sich ihre Wangen röteten. Sie hätte wissen sollen, dass ihr Vater ausgerechnet diese unleidliche Geschichte hervorholen würde.
»Papa«, erklärte sie verlegen. »Du weißt, dass es nicht so geschehen ist, wie alle erzählen …«
»Du wurdest gesehen, Luna. Willst du das leugnen?«
»Nein. Aber wie kannst du die Mutmaßungen Fremder für bare Münze nehmen, die Wahrheit deiner eigenen Tochter jedoch nicht?«
»Ich sage nicht, dass ich dir nicht glaube. Ich meine nur, dass Herr Frisch wesentlich verlässlicher und anständiger ist als andere Herrschaften, die ein Auge auf dich geworfen haben.«
Frustriert stöhnte sie.
Dieser eine Augenblick vor vier Tagen stand im Begriff, ihre Zukunft völlig aus den Angeln zu heben. Wie oft hatte sie darüber gegrübelt, wie es hatte so weit kommen können? Wie oft hatte sie sich gefragt, wer die Situation beobachtet haben könnte, um es ihren Eltern brühwarm aufzutischen?
Sie hatte sich mit Max unten am Fluss getroffen, um die neusten Geschichten auszutauschen. Er hieß eigentlich Maximilian. Aber sie rief ihn andauernd Max.
Maximilian war ein Name, den seine Eltern gebrauchten – oder Fremde. Dabei kannte sie ihn, seit sie hier lebte. Er war ihr ein Freund. Mehr nicht. Die Situation vor vier Tagen war überhaupt nur so passiert, weil sie unachtsam gewesen war. Noch heute schämte sie sich ihrer Dummheit.
Sie waren gemeinsam am Flussufer entlang spaziert. Dabei war sie auf einem Kiesel ausgerutscht. Fast wäre sie in das trübe schimmernde Wasser gefallen. Es war ein enormes Glück gewesen, dass er neben ihr herging, um sie aufzufangen. Leider waren sie beide daraufhin gestrauchelt und zur Seite gestürzt.
Es war wahrlich lachhaft gewesen.
Die Situation hatte absolut nichts Pikantes gehabt.
Das hatte sie zumindest für kurze Zeit annehmen dürfen. Ihre Illusion galt so lange, bis jemand ihrem Vater davon berichtete.
Die Tür zum Hinterzimmer ging auf.
Arabella Wilk rauschte herein wie einst ihre herrischen Vorfahren – darunter ein General. Ihm war Luna nie persönlich begegnet. Aber sie empfand Abneigung, sobald ihre Mutter von ihm erzählte oder sie alte Bilder betrachtete. Jetzt waren die mahagonibraunen Haare ihrer Mutter zu einem tadellosen Zopf geflochten. Ein Haarnetz hielt den aalglatten Kringel am Hinterkopf.
Ihre eigenen Haare lagen nie derart glatt an ihrem Kopf an wie die ihrer Mutter. Wenn Luna solch eine Frisur bei sich versuchte, kräuselten sich beständig einzelne widerspenstige Haare. Manchmal neidete sie ihrer Mutter diese seidige Haarpracht.
Luna käme niemals auf den entfernten Gedanken, die eigenen Haare mit Seide zu vergleichen. Sie glichen eher einem Vogelnest, wenn sie sie nicht mit einer schier unmöglichen Zahl an Klammern fixierte und feuchtes Wetter mied.
In den rauchgrauen Augen ihrer Mutter blitzte es. »Bertram«, sagte sie, ohne jede Einleitung und mit gewohnter Schärfe in der Stimme, »könntest du wohl mit nach vorne kommen? Ich muss etwas mit dir besprechen.«
Bertram nickte und erhob sich. An der Tür zögerte er und sah Luna an. »Du wirst ihn heiraten«, stellte er klar. »Diesen Gedanken solltest du lernen zu akzeptieren.«
Ihre Mutter stieß ein Schnauben aus. »Sträubst du dich immer noch gegen die Ehe mit Herrn Frisch? Einen Besseren kann es gar nicht geben. Er ist ein bemerkenswerter und erfolgreicher Mann.«
Luna senkte den Blick.
Die herrische Art ihrer Mutter glich einem Wirbelsturm: Sie brauste herein, wirbelte alles tosend durcheinander und mischte sich mit der Kraft einer Naturgewalt überall ein, ehe sie davonzog und nichts als aufgewühlte Emotionen zurückließ. Diese Art war es, die Luna das Gefühl gab, ein Kind zu sein: unmündig und unfähig eine einzige Entscheidung für sich selbst zu treffen.
»Mutter«, begann sie, »warum soll ich auf einmal heiraten? Das war die ganze Zeit kein Thema in diesem Haus.«
»Du weißt, dass deine Mutter krank ist«, erklärte Bertram. »Wir waren zu nachlässig mit dir und haben deinem Eigensinn viel Freiraum gelassen.«
»Es ist indiskutabel«, fuhr Arabella ihrem Mann kurzerhand über den Mund. »Du wirst ihn heiraten, weil es deine und unsere Zukunft sichert, junges Fräulein. Und nun ist Schluss mit dieser Diskussion. Ich habe keine Kraft für solch einen Unsinn.«
Arabella fuhr sich mit einer Hand über die Stirn. Sie war blass in letzter Zeit, das stimmte. Doch Luna hatte nicht den Eindruck, dass es ihrer Mutter wesentlich schlechter ging als sonst. Ihr kam der Gedanke, dass an Arabella Viktoria Wilk, geborene Böhm, Verwandte eines Generals der Infanterie, eine exzellente Darstellerin verloren gegangen sein könnte.
Sie versuchte ein letztes Mal, ihre Eltern umzustimmen: »Was ist mit Julian?«
»Was soll mit mir sein?«
Ihr Bruder trat um die Ecke und in das Zimmer. Er überragte ihre Eltern um einige Zentimeter und seine braunen Haare lagen ebenso seidig an seinem Kopf an wie bei ihrer Mutter.
»Ah, Julian.«
Das erfreute Lächeln auf den Lippen ihrer Mutter ließ Luna mit den Augen rollen. So war es fortlaufend: Der Sohn betrat den Raum und ihre Mutter war hochgestimmt.
Luna konnte sich nicht daran erinnern, dass sie jemals so in Arabella Wilks Gunst gestanden hätte wie Julian. Deswegen war sie manches Mal recht eifersüchtig, weil ihrem Bruder jene Zuneigung zuteilwürde, die ihr verwehrt blieb. Das noch mehr, seit sie fraulich wurde, wie ihre Mutter den Zustand ihrer Entwicklung ein einziges Mal missbilligend bezeichnet hatte.
Jetzt trat Arabella neben ihren Sohn und lächelte ihn herzerwärmend an. »Deine Schwester fragte, wie deine Zukunft aussieht, da sie ja bald heiratet.«
Julian straffte sich und zog an seinem Hemdkragen, als handelte es sich um einen Offiziersrock. Luna verschränkte die Arme unter der Brust.
»Ich werde in wenigen Wochen ein Offizier des Deutschen Reiches sein. Als solcher bringe ich unserer Familie die Ehre zurück, an der es seit Langem mangelt.«
Luna stieß einen Laut aus – halb Lachen, halb Stöhnen –, der ihr einen weiteren tadelnden Blick einbrachte.
»Luna«, tadelte ihre Mutter, »du solltest dich für deinen Bruder freuen. Er wird unseren Familiennamen wieder reinwaschen, nicht wahr?«
»Selbstverständlich, Mutter«, verkündete Julian mit stolz geschwollener Brust.
»Ich freue mich ja für ihn«, erklärte Luna. »Es ist trotzdem ungerecht. Schließlich muss er sein Bett nicht mit einer alten Frau teilen. Außerdem liebe ich Herrn Frisch nicht. Ich kenne ihn ja kaum!«
Ihre Mutter keuchte erschüttert. Ihr Bruder gluckste und ihr Vater verbarg sein Schmunzeln hinter vorgehaltener Hand. Luna hatte es ein weiteres Mal fertig gebracht und ihre Familie über alle Maßen entsetzt.
Fabelhaft.
»Liebe! Das ist ja lächerlich«, stieß Arabella hervor. »Du liest viel zu viele Schundhefte und solltest die Finger von diesen entsetzlichen Schauerromanen lassen. Das verdirbt nur deinen Geist.« Der Blick ihrer Mutter war eisig. »Geh auf dein Zimmer. Ich wünsche, dich beim Abendessen nicht am Tisch zu sehen. Hast du das verstanden?«
»Ja, Mutter.«
Sie ballte die Fäuste zwischen den Falten ihres Rockes.
Wut und Enttäuschung tobten in ihrem Inneren und schnürten ihr für einen Augenblick die Kehle zu. Dabei war es keineswegs das erste Mal, dass sie zur Strafe für ihre Ansichten allein in ihrem Zimmer speisen musste. Für gewöhnlich hatte sie keine Schwierigkeiten damit, den Abend in ihrer Kammer zu verbringen. Anders als andere Mädchen lag ihr nicht viel daran, sich auf irgendwelchen gesellschaftlichen Anlässen aufzuhalten, um den dort anwesenden Herren zu gefallen oder hübsch auszusehen.
Da war ihr die eigene Gesellschaft wesentlich lieber.
Im Gegensatz zu ihrer Mutter vertrat sie eine andere Meinung über die gewählte Lektüre: Schaurige Geschichten verdarben sie nicht. Vielmehr boten sie ihr die Möglichkeit, ihren Geist endlich vernünftig zu nutzen.
Wozu hatte ihr der Lehrer ihr sonst das Lesen beigebracht?
Luna trat an ihren Bruder und ihre Eltern vorbei und in den Korridor. Die Arztpraxis ihres Vaters lag in einem der hinteren Zimmer der Villa. Ihre Schuhe verursachten ein leises Geräusch auf den Dielen und ein kalter Lufthauch strömte durch die Ritzen einer der Türen. Sie lief zur breiten Treppe, deren Geländer sich kühl unter ihren Fingern anfühlte, und eilte nach oben. Dort wandte sie sich nach rechts und vorbei an einer bronzenen Büste von General Böhm.
Ihr Zimmer lag am Ende des Korridors. Hier hatten ihre Eltern einen dicken, weinroten Teppich verlegen lassen. Luna empfand die Farbe als aufdringlich und düster. Sie erschien ihr in dem langen Gang wahlweise rot wie Blut oder schwarz wie ein unheilvoller Tunnel. Sie vermied es deshalb, den Flur im Dunkeln zu betreten – eine Gänsehaut war ihr jedes Mal gewiss.
Als sie die Tür zu ihrem Zimmer hinter sich schloss, seufzte sie tief und lehnte sich einen Moment lang an das Holz. Draußen schlugen die dünnen Äste einer Eiche klickend gegen das Fenster. Luna ging hin und blickte hinaus in die karge Landschaft. Hier oben gab es wenig Sehenswertes zu erblicken: Die Wälder waren nicht weit entfernt, der Herbsthimmel war bewölkt und hing regenschwer über dem Land. Sie fröstelte beim Anblick der dunkelgrauen Wolken, die kaum ein Sonnenstrahl durchdrang.
Die Villa war als eine der ersten in dem Gebiet erbaut worden. Das wusste sie von Max. Er hatte ihr erzählt, dass in diesem trostlosen Sektor viele Häuser entstehen sollten, ja, ein völlig neues Viertel sollte zukünftig entlang der Hügel und Hänge dieser Gegend erwachsen.
Es fiel ihr schwer, an diese Vision zu glauben. Auf sie machte das Land, dem es an Zivilisation fehlte, einen verlassenen, kargen Eindruck – als hätte man diesen Flecken Erde vollkommen vergessen.
Über ihrem Kopf rumpelte es.
Stirnrunzelnd sah sie zur Decke hinauf. Seit einigen Tagen gingen seltsame Geräusche vom Dachboden aus. Sie hatte mit Minnie, dem Hausmädchen, gesprochen und sie gebeten, ihrem Vater Karl Bescheid zu sagen, damit er ein paar Mäusefallen mehr aufstellte. Zwar behauptete er beständig, es gäbe keine Mäuse oder Ratten auf dem Grundstück, doch Luna zweifelte daran. Was sonst verursachte dieses Rumpeln?
Ihre Bitte lag inzwischen einige Tage zurück, nahezu eine Woche.
Nichts hatte sich verändert.
Sie war versucht, diese Angelegenheit selbst in die Hand zu nehmen.
Ein Blick auf die Uhr über dem Kamin verriet ihr, dass ihre Eltern und ihr Bruder vermutlich beim Abendessen saßen.
Ein leises Klopfen durchdrang die Stille ihres Zimmers, sodass sie zusammenzuckte. »Ja, bitte?«, rief sie.
Minnie kam herein.
Auf ihren Händen balancierte sie ein Silbertablett mit einem abgedeckten Teller. »Ich bringe Ihnen das Abendessen, Fräulein«, erklärte das ältere Hausmädchen mit einem warmherzigen Lächeln.
Luna mochte sie.
Sie hatte ein sanftes Wesen und kluge, dunkelbraune Augen.
»Ich danke dir, Minnie. Stell es am besten hierher.« Luna trat an den Sekretär, der neben dem Fenster stand, und schob die angefangene Korrespondenz beiseite, um Platz für das Tablett zu schaffen. »Minnie?«
»Ja, Fräulein?«
»Hat Karl die Fallen aufgestellt wie gebeten?«
Ein erschrockener Blick traf sie. Sofort beugte Minnie den Kopf. Eine weiße, gestärkte Haube verbarg ihre Haare. »Selbstverständlich, Fräulein«, erklärte sie. »Er hat sie gleich am Dienstag hinaufgebracht.«
»Vielen Dank, Minnie«, sagte Luna und ließ sie gehen. Offenbar hatten die Fallen keine Wirkung gezeigt, ging es ihr durch den Kopf, als sie sich an den Tisch setzte, um zu essen.
Spät am Abend lag sie in ihrem Bett. Neben sich hatte sie eine Kerze entzündet und las in einem neuen schauerlichen Roman mit dem Titel Dracula. Ihre Cousine Rosalie hatte ihn auf ihrer Reise entdeckt und ihn ihr geschickt mit der Notiz, dass dies sicher das richtige Buch für sie sei.
Beim Lesen überlief sie ein Grusel. Derartige Geschichten verdarben ihren Geist gewiss nicht, dachte sie mit einem zufriedenen Lächeln.
Da rumpelte es wieder auf dem Dachboden.
Luna knirschte mit den Zähnen und starrte zur Decke hinauf. Was war das? Noch einmal hörte sie es, dann klappte sie das Buch zu und setzte sich auf. Das konnte so nicht weitergehen.
Sie schlug die Decke zurück und stieg aus dem Bett. Der Fußboden war kalt. Ein kühler Luftzug strich unter der Tür hindurch und über den Teppich hinweg. Luna schlüpfte in ihre Pantoffeln und zog den Morgenmantel an. Sie griff nach der Kerze und öffnete die Zimmertür. Zögernd blickte sie in die Dunkelheit hinaus.
Die Leiter zum Dachboden war leicht zu erkennen. Das dahinterliegende Fenster spendete genügend nächtliches Licht, um die Stufen als düstere Schemen hervorzuheben. Erneut rumpelte es über ihrem Kopf. Das verlieh ihr ausreichend Mut, um den Flur zu betreten. Beherzt lief sie auf die Sprossenleiter zu. Der Teppich verschluckte das Geräusch von jedem ihrer Schritte. Alles war still im Haus. Die Pendeluhr im Salon schlug zweimal. Hatte sie wirklich derart lange gelesen? Morgen würde sie sicher übermüdet am Tisch sitzen, sodass ihre Mutter wieder fragen würde, ob ihr nicht wohl sei.
Nicht wohl. Pah!
»Luna?« Sie quiekte geängstigt. Das Herz sprang ihr in die Kehle und fast hätte sie die Kerze fallenlassen. Das heiße Wachs tropfte auf ihr Handgelenk, sodass sie zischend den Atem ausstieß und sich umsah.
Julian stand an der Tür seines Zimmers und beobachtete sie. »Entschuldige«, raunte er, um ihre Eltern nicht aufzuwecken. »Hast du dir wehgetan?«
Er kam zu ihr und nahm ihr die Kerze aus den bebenden Fingern.
Luna schluckte den Schreck hinunter und flüsterte zurück: »Wegen dir habe ich mir die Hand verbrannt! Wie konntest du dich anschleichen, es ist mitten in der Nacht!«
Julian lächelte und hob eine Augenbraue. »Richtig, mitten in der Nacht. Schlafenszeit, Schwesterchen. Was treibst du um diese Zeit im Flur?«
Kleinlaut strich sich Luna eine Locke aus dem Gesicht. »Ich hörte ein Geräusch.«
Julian nickte. »Ja, das habe ich auch. Es kam aus der Küche. Wahrscheinlich plündern die Küchenmädchen unsere Vorräte.«
Er grinste.
Sie schlug ihm auf den Arm. »Julian«, zischte sie. »Lass die Scherze! Ich habe ein Rumpeln auf dem Dachboden gehört. Irgendwer ist dort«, erklärte sie und wandte sich bereits zum Gehen, »... und ich werde klären, wer das ist.«
Julian hielt sie zurück. »Warte, Luna.«
»Was ist?«
»Wenn wirklich ein Landstreicher da oben ist, ist es zu gefährlich für dich. Lass mich hinauf und nachsehen.«
Luna zögerte. Sie warf ihrem Bruder einen Blick zu.
Neugier rang mit Furcht in ihrem Herzen.
Da er einen potenziellen Vagabunden, einen waschechten Kriminellen, angesprochen hatte, fragte sie sich, was in sie gefahren war. Sie wäre ein leichtes Opfer geworden. Ihr Bruder war ihr körperlich haushoch überlegen.
Also gab sie nach.
»Na schön«, sagte sie. »Aber ich will wissen, wen oder was du findest!«
Julian salutierte vor ihr. »Aye, aye, Captain!«, scherzte er, woraufhin sie leise gluckste. Manchmal mochte sie ihren Bruder. Meistens dann, wenn sie alleine waren und nicht unter dem Kommando ihrer Mutter standen.
Sie begleitete ihn bis zur Dachbodentreppe.
Die schmale Stiege ächzte unter seinem Gewicht und wackelte bei jedem Schritt, während er die Kerze in einer Hand balancierte und sich mit der anderen festhielt.
Besorgt packte Luna den linken Holm. »Sei vorsichtig«, beschwor sie ihn. Er sah auf sie hinab und nickte, immer noch mit einem sorglosen Lächeln im Gesicht. Er öffnete die Luke und streckte den Kopf hindurch.
Atemlos wartete sie. »Was siehst du?«, flüsterte sie nach einem langen Augenblick.
»Nichts.«
»Gar nichts?« Sie war ernüchtert. Irgendetwas musste doch zu sehen sein?
»Es ist stockfinster. Ich kann kaum einen Meter weit blicken.«
Luna schwieg. Ihre Finger trommelten rastlos gegen das glatte Holz der Stiege. Die Neugier brannte in ihrem Herzen. Wer wusste schon, was Julian entdeckte? Vielleicht kam er einem Geheimnis auf die Spur. Vielleicht fand er ein verletztes Kind auf der Flucht. Oder vielleicht war es ein Einbrecher, den er ruhmreich niederkämpfen würde. Der Vampir aus dem Schauerroman kam ihr in den Sinn. Augenblicklich schüttelte sie den Kopf. Sie las vielleicht doch zu viele gruselige Bücher, dachte sie und verzog flüchtig das Gesicht.
»Autsch!«
Sofort war sie hellwach. »Was ist passiert?«, rief sie gedämpft hinauf.
Julian streckte seinen Kopf durch die Luke. »Ich habe mir den Fuß gestoßen. Hier oben steht allerhand alter Kram herum.«
»Sieh nach, ob du Ratten entdeckst!«
Er verschwand erneut in die Dunkelheit. Es rumpelte, ehe sich Ruhe ausbreitete. Erst fiel ihr die Stille kaum auf. Aber als sie andauerte, schwer auf sie niederdrückte, wurde Luna unruhig.
»Julian?«, rief sie. Er antwortete nicht.
Wunderbar, dachte sie mürrisch und machte sich daran, die Leiter hochzusteigen. Sie raffte ihren Morgenmantel und das Nachthemd und setzte ihren Fuß auf die erste Sprosse.
Dabei kam sie langsam voran. Die Stufen erschienen ihr instabil. Zudem stieß sie sich ständig die Zehen an, weil sie ohne das Licht der Kerze kaum etwas erkennen konnte. Die langen Stoffe machten das Unterfangen nicht einfacher. Schweiß brach ihr am gesamten Körper aus, rann ihr den Nacken und die Schulterblätter hinab. Kalte Schweißperlen benetzten ihre Oberlippe und die empfindliche Hautregion zwischen ihrer Nase und ihrem Mund.
»Julian«, versuchte sie es wieder. Hörte er sie nicht? Er war ebenso abenteuerlustig wie sie. Deshalb wollte er unbedingt Offizier werden. Ihre Mutter war der eine Grund, sein Wagemut der andere. Womöglich hatte er etwas Hochinteressantes auf dem Dachboden entdeckt.
In dem Moment erschien er in der Luke.
***
Julian ließ seine Schwester zurück und tauchte in die Dunkelheit des Dachbodens ein. Um ihn herum war es still. Unheimlich still. Er schluckte und hob die Kerze über seinen Kopf.
Langsam schlich er vorwärts.
Hier oben stand alles voll mit alten Kisten. Akten, die seinem Vater gehörten. Wahllos griff er nach einer herumliegenden Mappe und schlug sie auf. Da hörte er etwas. Abrupt richtete er sich auf und blickte hinter sich.
Das Kerzenwachs tropfte ihm auf die Hand. Er zischte bei dem brennenden Schmerz auf seinem Handrücken.
Hinter ihm stand niemand.
Natürlich nicht.
Er hörte Lunas leise Stimme, die nach ihm rief. Aber er reagierte nicht darauf. Dafür war nicht der rechte Zeitpunkt, entschied er. Denn er war überzeugt, dass er etwas - oder jemanden – gehört hatte.
Nur was?
Wer schlich außer ihm noch hier oben herum?
Entschlossen kehrte er der Mappe den Rücken zu, um tiefer in die Dunkelheit einzudringen. Der Mantel seines Großvaters hing lose auf einem alten Garderobenständer. Wie ein einsamer Wächter, der die hintere Hälfte des Speichers bewachte. Julian fröstelte. Ein Windhauch streifte ihn.
Erneut hörte er dieses ... Geräusch.
Er runzelte die Stirn, versuchte herauszuhören, was es war, doch es klappte nicht. Er konnte den Ton keiner Ursache zuordnen. In seinen Ohren rauschte es. Sein Herz klopfte aufgeregt hinter seinen Rippen. Der Klang drang aus der hinteren, rechten Ecke zu ihm hinüber.
Ein leises Schmatzen.
Gepaart mit einem unterschwelligen Grunzen.
Ein dunkler Ton.
Julian wurde die Kehle dörr. Er leckte sich mit der Zunge über die Lippen, in der vagen Hoffnung, sie zu befeuchten. Doch es half nichts.
Tapfer schritt er voran, die Kerze hoch über seinen Kopf erhoben.
„Ist da Jemand?“, fragte er in die Finsternis hinein, die vor ihm lag.
Ihm antwortete niemand. Aber die Geräusche verstummten. Auf einmal flackerte seine Kerze heftig. Sie warf zuckende Schatten, groteske Schemen, wo zuvor keine waren.
Julians Herzschlag beschleunigte sich. Ihm stand der Mund offen, sein Blick heftete sich auf die Gestalt, die sich ihm näherte, die Zähne entblößt und voller Blut, das auf das Kinn tropfte. In den Augen loderte erregte Hitze, Hunger, Gier.
Seine eigenen Augen weiteten sich. Er war starr vor Angst.
Die Kerzenflamme erlosch in einem letzten aufbäumenden Zucken.
Kein Mann, der einmal kühner Soldat werden würde, würde jetzt wie ein flatterhaftes Weib die Flucht ergreifen. Ihm kam der Gedanke, dass er a) kein Weib war und b) seine Füße ohnehin wie festgewachsen waren. Er klebte förmlich auf den Holzdielen fest. Einzig sein hektischer Atem durchdrang durch die Nacht. Kein Geräusch drang zu seinem Verstand durch – außer natürlich das seiner eigenen Feigheit. Sein Atem, sein wild klopfendes Herz und das Rascheln seiner Kleidung, weil sein Körper vor Panik bebte. So musste sich ein Kaninchen im Angesicht der Schlange fühlen. Um ihn herum war es stockfinster. Obwohl er so gut wie nichts sehen konnte, spürte er umso deutlicher die unheilvolle Nähe des Eindringlings.
Er schluckte ein weiteres Mal. Jetzt zitterten seine Lippen ebenfalls und seine Augen brannten, weil er am liebsten geheult hätte. Zum Glück war er Manns genug, sich nicht einzunässen wie ein Kind ...
***
Hastig stieg Luna wieder herab und trat zur Seite, um ihm Platz zu machen. »Was war los? Warum hast du mir nicht geantwortet?«
Ihre Stimme klang schriller als beabsichtigt. Ihre Worte überschlugen sich in ihrer Eile, die Gründe für sein Benehmen zu erfahren.
Julian aber überreichte ihr bloß die Kerze und wandte sich ab.
»Da oben ist nichts«, sagte er. »Du hast dir die Geräusche eingebildet.«
Irritiert sah sie ihn an. »Julian«, flüsterte sie. »Du hast mir nicht geantwortet. Ich war drauf und dran, dir nachzukommen. Was hast du entdeckt?«
Ein Ruck durchfuhr seinen Körper. Er wirbelte zu ihr herum, umfasste ihre Oberarme und schüttelte sie sanft. »Es ist nichts, Luna. Du darfst niemals da hinaufgehen, hörst du?«, zischte er.
Seine Augen schimmerten fiebrig im Schein der Kerzenflamme.
Luna erschrak bei dem Anblick. Was war passiert?
»Aber warum nicht?«, fragte sie vorsichtig. »Was ist auf dem Dachboden?«
»Nichts. Verstehst du nicht? Du wirst nichts finden, außer irgendwelchem alten Gerümpel. Hör auf, Abenteuer zu suchen, und geh zurück ins Bett. Ich werde dasselbe tun.«
Damit ließ er sie im Flur stehen und eilte zu seinem Zimmer. Leise klickend schloss sich die Tür hinter ihm.
Luna starrte ihm verwirrt nach. »Was ist in dich gefahren?«, murmelte sie und warf einen letzten Blick zurück zu der Luke. Die Stirn runzelnd, beschloss sie, auf ihren Bruder zu hören – zumindest in dieser Nacht.
Sein Verhalten jagte ihr zwar eine Heidenangst ein, aber trotzdem drängte es sie, weitere Nachforschungen anzustellen. Sie wollte wissen, was passiert war. Dass etwas passiert war, daran gab es für sie keinen Zweifel. Langsam ging sie zu ihrem Zimmer zurück. Dabei drehte sie sich immer wieder um und blickte prüfend zur Leiter, die ebenso einsam zurückblieb wie zuvor.
In ihrem Zimmer legte sie sich ins Bett und starrte grübelnd an die Decke. Was war da oben? Sie dachte an ihren Bruder. In seinem Blick hatte sie etwas gesehen, das sie zutiefst gruselte. Es war kalt. Wie verlassen. Ein Schauder fuhr ihr über den Rücken. Sie legte sich auf die Seite, zog die Knie zur Brust und sah zur Tür. Was, wenn dieses Etwas herunterkam, kroch es ihr durch den Sinn.
Angst spannte ihre Muskeln an, eine Gänsehaut entstand auf ihren Armen und Beinen, und der Gedanke, dass jemand oder etwas sie nachts in ihrem Schlaf heimsuchen konnte, beschleunigte ihren Atem. Furcht legte sich auf ihr Gemüt, undurchdringlich und eiskalt wie ein spätherbstlicher Nebelschleier. Ruckartig warf sie die Decke fort und lief zur Tür. Dort tastete sie keuchend nach dem Schlüssel und drehte ihn herum. Die abgeschlossene Tür sollte sie beruhigen, doch sie stand einen Moment unschlüssig da und sah sich angespannt in ihrem Zimmer um.
Dann lachte sie aufgewühlt.
Es war idiotisch, sich aufzuführen wie ein naives Mädchen, das Angst vor der Dunkelheit hatte. Das wusste sie. Trotzdem klopfte ihr Herz in einem raschen Rhythmus. Eilig stieg sie zurück in ihr Bett und zog die Decke bis zum Kinn, ohne die Kerze zu löschen. Das spärliche Licht würde ihr heute Nacht ein Trost in der bedrückenden Finsternis sein.
Südfrankreich
Ihm war warm, viel zu warm! Sebastiens Lider hoben sich und er warf ungeduldig die Decke von seinem Körper. Die unbedachte Bewegung ließ ihn wimmern. Sofort presste er den Arm an sich.
Tränen der Scham und des Schmerzes angesichts der Erinnerung, wie es überhaupt zu dem Biss gekommen war – nämlich durch seine eigene Dummheit – quollen ihm aus den Augen. Er schluckte und vertrieb sie mit einem hektischen Blinzeln.
Er hätte niemals hinausgehen dürfen, dachte er jetzt. Sein Arm war dick bandagiert und fühlte sich an, wie von einem Fieber befallen. Er glühte von innen heraus und pochte beständig.
Sein Onkel musste ihn für absolut dämlich halten, ging es ihm durch den Sinn. Jean-Pierre war sicher wütend, vielleicht sogar zornig über so viel jugendlicher Torheit. Nach dem tragischen Unfalltod seiner Eltern übernahm sein Onkel nicht nur die Vormundschaft über die beiden Söhne – sondern auch über das Familienvermögen.
Sebastiens Vater, Maurice Bacarière, hatte das Vermögen von seinem Vater geerbt, der seinerzeit an einer Lungenentzündung starb. Sebastiens Großvater, Guillaume Bacarière, war einst ein gewiefter Unternehmer gewesen, der im Weinhandel sehr erfolgreich gewesen war und der den Namen Bacarière in die Welt hinaustrug. Nachdem aber Jean-Pierre das Erbe antrat, dauerte es kaum zehn Jahre, bis das Vermögen beträchtlich geschrumpft war.
Während ihrer Ausbildung zeigte sich schnell, dass Pascal der Sinn für den Handel gänzlich zu fehlen schien. Stattdessen war er es, Sebastien, der die prekäre Lage der Finanzen begriff. Sein Onkel ging zu leichtfertig mit dem um, was ihnen geblieben war. Sebastien ahnte stets die Dunkelheit im Wesen seines Onkels, jedoch gelang es ihm nie, seinem Vormund irgendwelche Fehlentscheidungen oder dubiose Geschäfte nachzuweisen. Dabei mangelte es ihm keineswegs an Intelligenz – er hatte immer gute Noten nach Hause gebracht und nie Probleme in der Schule oder während der Ausbildung gehabt. Nein. Vielmehr waren es die Hand oder die Reitgerte seines Onkels, die er und Pascal schnell fürchten lernten. Mit den Jahren dämmerte es den Brüdern zunehmend, dass ihr Onkel durchaus geschickt war. Und dass seine wankelmütige Stimmung gefährlich werden konnte.
Ein Monat noch, dann wäre Sebastien endlich mündig. Dann würde er das Erbe entgegennehmen können und die Kontrolle über das Vermögen seiner Eltern zurückerlangen. Wenn das geschah, würde der Name Bacarière in neuem Glanz erstrahlen. Noch verkaufte sich der Name im Weingeschäft halbwegs erträglich. Es war bloß noch eine Frage der Zeit, bis die große Wende über sie alle hereinbrechen würde. Die Tendenz nach unten war unverkennbar. Sebastien verstand nicht, wie sein Onkel die Augen davor verschließen konnte. Die großen Abnehmer ihrer Weine hielten noch zu ihnen, doch es war nicht auszudenken, was geschah, wenn sie auch diese Kunden verlören.
In dem Moment klopfte es an der Tür. Ein Hausmädchen trat ein. Ihre Wangen röteten sich beim Anblick Sebastiens, der noch immer erhitzt im Bett lag und sie mit einem fiebrigen Glühen in den Augen ansah.
»Verzeihen Sie, Monsieur«, sagte sie mit leiser Stimme. »Ihr Onkel erwartet Sie beim Frühstück.«
Sebastien betrachtete sie. Er mochte, wie sie den Blick abwandte und den dunkelblonden Schopf neigte.
»Ist schon gut, Janine«, entgegnete er ihr nach einem Augenblick der Stille. »Ich komme gleich hinunter.«
Sie deutete einen Knicks an und wandte sich der Tür zu, um zu gehen.
»Janine«, hielt er sie zurück. Ihr Rücken straffte sich, doch sie drehte sich nicht zu ihm um. Ein aufregendes Kribbeln schoss Sebastien durch die Glieder. Er war versucht aufzustehen und zu ihr zu gehen – einfach bloß, damit sie nicht gleich wieder ging.
»Ja, Monsieur?«
Eigentlich wusste er überhaupt nicht, was er sagen sollte. Es gab nichts, das angemessen gewesen wäre oder irgendeine Relevanz gehabt hätte. Daher sagte Sebastien das, was ihm in den Sinn geriet: »Du siehst heute Morgen hübsch aus.«
Sie neigte den Kopf. Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, öffnete sie die Tür, trat in den Flur und zog die Tür hinter sich ins eiserne Schloss.
Sebastien ergab sich dem Seufzen, das in seiner Brust brannte, und schloss die Augen. »Du siehst heute Morgen hübsch aus?!«, wiederholte er leise. Was hatte er sich dabei gedacht? Vernebelte ihm der Wolfsbiss völlig den Verstand? Er konnte nicht leugnen, dass von Janine eine gewisse Anziehung ausging. Doch noch nie war er so weit gegangen und hatte ihr ein Kompliment gemacht. Noch dazu eines, das so ehrlich gemeint war.
Mit einem Ruck setzte er sich auf und beschloss, keinen Gedanken mehr daran zu vergeuden. Das Mädchen sollte keine Rolle spielen. Weder heute noch morgen noch irgendwann. Es war nicht anständig. Sebastien hasste sich für die niederen Gefühle, die in ihm tobten, seit sein Onkel das Mädchen im letzten Frühjahr eingestellt hatte. Er ignorierte das Kribbeln in seinem Unterleib, das ständige Drängen seines Herzens und die brodelnde Leidenschaft, die in seinen Adern gor. Anstatt sich seinen Emotionen gegenüber hübschen Dienstmädchen zu widmen, zog er sich an und betrat ebenfalls den Flur. Weit und breit war keine Janine in Sicht. Gut so, dachte Sebastien und machte sich auf den Weg zum Frühstückszimmer.
***
»Warum bist du überhaupt nach draußen gegangen?«, fragte Pascal und wies auf das Ergebnis dieser Handlung, kaum dass Sebastien im Frühstückszimmer Platz nahm.
»Ich dachte, ich könnte den Wolf vertreiben.«
»Du hast aber nicht geschossen«, stellte Jean-Pierre unnötigerweise fest.
Sebastien knirschte mit den Zähnen. »Hab ich doch.« Sein Blick aus perlgrauen Augen begegnete dem verrauchten Blaugrau seines Bruders. »Die Pistole funktionierte nicht.«
Pascal grinste, verbarg dies jedoch erfolglos hinter seiner Kaffeetasse. »Nun«, bemühte er sich. »Du hast sie lange nicht benutzt, nicht wahr?«
Widerwillig nickte Sebastien.
»Vielleicht hättest du sie zwischendurch reinigen müssen. Oder der Staub hat den Abzug oder den Lauf beschädigt …«
»Willst du mir mein Verhalten vorwerfen?«, fragte Sebastien.
»Natürlich nicht. Ich muss euch etwas Wichtiges mitteilen.« Abwartend sahen Jean-Pierre und Sebastien Pascal an. Dieser erwiderte ihre Blicke ruhig, fast schon stoisch, ehe er antwortete: »Ich reise ab.«
»Und wohin willst du?«, fragte ihr Onkel.
»Nach Paris.« Pascal wies auf die Wände, umfasste das Haus und das Land um sie herum. »Ich will etwas Neues sehen. Das Leben leben, das unsere Eltern uns mit dem Wohlstand ermöglicht haben.« Seine Augen funkelten begeistert.
»Aber warum jetzt?«, fragte Sebastien verblüfft.
»Du meinst wegen deines Arms?«, neckte Pascal. »Der Plan steht schon seit Längerem. Deine Verletzung passt zufällig in diese Zeit.«
»Du bleibst hier!«, widersprach Jean-Pierre ihm.
Erstaunt sah Sebastien seinen Onkel an. Pascal schnaubte.
»Und warum sollte ich bleiben? In Paris böten sich mir ganz andere Möglichkeiten. Ich will etwas von der Welt sehen – oder soll ich etwa mein Leben zwischen eingestaubten Büchern und Kisten voller Wein verbringen, den ich nicht einmal selbst trinken darf?!«
Sebastien fand diese Aussicht gar nicht so schlimm. Im Gegensatz zu seinem Bruder wusste er das Haus und sein gesamtes Lebensumfeld zu schätzen. Das gesamte Grundstück und die Arbeit im Weingeschäft boten ihnen eine Zuflucht. Es war ihre Vergangenheit – und ihre Zukunft. Die Wälder um sie herum waren ihr Zuhause. Es fiel ihm schwer, den Drang seines Bruders nach Abenteuer zu verstehen.
»Mach dich nicht lächerlich, Junge«, grollte Jean-Pierre. Er kniff die Augen zusammen, und die Butter auf seinem Messer plumpste unbeachtet auf seinen Teller, direkt neben die offenen Hälften der Brötchen. »Keiner von euch beiden kann weg. Ihr habt hier euren Platz.«
»Ich schätze, wir sind inzwischen alt genug, um das selbst zu beurteilen, meinst du nicht?«, meinte Pascal. Ein harter Glanz hatte sich in seinen Blick geschlichen.
»Natürlich. Wir sind praktisch mündig. Wir können reisen, wie es uns beliebt«, meinte Sebastien langsam.
Jean-Pierre stieß ein tiefes Seufzen aus. »Ich fass’ es nicht. Meine eigenen Neffen wollen mir auf einmal auf der Nase herumtanzen. Hat dich der Wolf in den Kopf gebissen, Junge? Was ist los mit euch?«
Sebastien schwieg. Pascal stand auf. »Du kannst uns nicht hierbehalten, Onkel. Ich werde nach Paris reisen, ob es dir nun gefällt oder nicht.«
Pascal umrundete den Tisch und eilte auf die Tür zu. »Warte, Junge«, hielt Jean-Pierre ihn zurück. »Wenn du schon so besessen von dieser fixen Idee bist, dann warte wenigstens noch, bis ich ... bis ihr die ganze Wahrheit kennt.«
Pascal blieb stehen.
»Was meinst du damit? Von welcher Wahrheit sprichst du?«, fragte Sebastien. Neugier flammte in ihm auf.
»Was glaubt ihr, hat den Wolf letzte Nacht dazu getrieben, so nah an das Haus heranzukommen?«, fragte Jean-Pierre. Pascal zuckte mit der Schulter. »Vielleicht hat er sich verlaufen. Oder er hat kein eigenes Rudel und treibt sich einfach herum.«
»Es gab schon lange keine Wölfe mehr in dieser Gegend«, meinte Sebastien stirnrunzelnd.
»Ganz genau«, stimmte Jean-Pierre zu. »Es gab hier schon sehr lange keine Wölfe mehr. Diese Gegend ist praktisch von Wölfen befreit seit 1880.« Jean-Pierre richtete seinen Blick in die Ferne. »Aber vielleicht erweitern andere Rudel ja ihr Revier und sie kommen wieder zurück.«
Pascal wedelte ungeduldig mit der Hand. »Wen kümmert das? Ich habe nicht vor abzuwarten. Was soll das mit meiner Abreise zu tun haben? Ich werde längst fort sein, bis der erste hungrige Wolf sein unglückseliges Opfer findet. Ihr könnt die Bestie ja gemeinsam aufhalten.«
»Das könnten wir wohl.« Jean-Pierre erhob sich ächzend. Er sah sie mit seinen eisgletscherblauen Augen an, musterte sie abwägend. »Aber bevor ihr anfangt, die Leute mit Gerüchten zu verschrecken – oder das Weite zu suchen – müsst ihr die Wahrheit über die Wölfe erfahren.«
Pascal lachte schallend. »Die Wahrheit über die Wölfe? Willst du uns auf den Arm nehmen, Onkel?« Er grinste und kam ein paar Schritte zurück in den Raum. »Was sollen denn die Wölfe mit uns zu tun haben? Ich bitte dich!« Er verdrehte spöttisch die Augen. Dann warf er Sebastien einen erheiterten Blick zu, kehrte ihnen den Rücken zu und ging wieder zur Tür zurück. »Ich habe kein Interesse an irgendwelchen Märchen über den großen bösen Wolf, Onkel. Wenn ihr mich entschuldigen wollt, ich gehe jetzt meine Abreise vorbereiten.«
»Nein, Pascal, das wirst du nicht!«, rief Jean-Pierre ihm aufgebracht hinterher. Seine tiefe Stimme füllte den Raum aus und für einen Moment erstarrten die Zwillinge. Sie kannten den Tonfall genau. Er bedeutete nie etwas Gutes. »Du wirst noch warten. Die anderen müssen zuerst eintreffen, ehe ich euch alles erzähle. So lange wirst du dich in Geduld üben, Pascal. Davon hast du sowieso viel zu wenig.«
»Kennen wir sie?«, fragte Sebastien und warf einen Blick auf Pascal, der seine Arme verschränkt hielt und finster zu ihnen herübersah.
Sein Onkel schüttelte den Kopf. »Es handelt sich um alte Freunde von mir. Sie wohnen in der Gegend.«
Sebastien runzelte die Stirn und betrachtete seinen Onkel. »In Ordnung. Aber was haben wir damit zu tun? Was soll die Geheimniskrämerei? Warum sagst du uns nicht einfach, was wir wissen müssen?«
»Ganz genau!«, mischte sich Pascal ein. »Was soll dieses Versteckspiel, Onkel? Sag uns einfach, was los ist. Wozu brauchst du irgendwelche Kameraden?«
Jean-Pierre hob einen Mundwinkel zu einem zynischen Lächeln. »Ich sähe es lieber, wenn ihr mehr als einen Standpunkt hört. Meine Freunde werden mir dabei helfen, euch die Wahrheit zu erklären. Ich habe bereits einen Boten zu ihnen geschickt, als Sebastien von dem Wolf angegriffen wurde. So lange wirst du, Pascal, doch wohl noch in diesem Haus verweilen können, nicht wahr?«
Pascal schnaubte und zuckte gleichzeitig mit der Schulter. »Meinetwegen«, murmelte er. Dann ließ er sie allein im Zimmer zurück.
***
Wenige Tage später war es endlich soweit. Sebastien fühlte die Nervosität über sich einbrechen wie die unaufhaltsame Nacht. Dabei wusste er kaum, warum er überhaupt nervös wurde. Schließlich war es ja nicht so, als hätte er etwas zu verbergen gehabt. Nein, das war es sicher nicht. Vielmehr spürte er die wachsende Aufregung unter seiner Haut pulsieren. Mit jedem Herzschlag und jeder weiteren Sekunde, die verstrich, kribbelte es in ihm. War es nur Nervosität? Er war sich nicht sicher, aber fast schien es ihm, als wäre er von einem eigentümlichen Fieber befallen. Eine kuriose Mischung aus Vorfreude und Angst. Seine Empfindungen waren ihm unbegreiflich. Kurzerhand beschloss er, sie zu ignorieren.
Am Abend des betreffenden Tages stand er im Speisezimmer am Fenster und starrte auf das Grundstück hinaus. Inzwischen zog die Dämmerung über das Land hinweg, ein dunkler Strom am Himmelszelt, vorangepeitscht von einem stürmischen Wind.
Sebastien betrachtete abwartend das dunkle Blau, das zum Horizont schnell düster wurde, um der nahenden Nacht Platz zu machen.
Hinter ihm klapperten die Dienstmädchen mit dem Geschirr. Auch Janine war unter ihnen. Er hatte sie gesehen, als sie den Servierwagen ins Zimmer geschoben hatte. Mehr als einen kurzen Blick wagte er nicht, ihr zuzugestehen. Seine Gefühle, das wusste er sehr wohl, waren unangebracht. Sie war ein Hausmädchen und er ... Sobald sein Onkel das Geschäft aufgab, würde er es weiterführen, nicht sein Bruder. Er wäre der führende Weinhändler, der den Familiennamen zu neuem Glanz verhalf, nicht Pascal. Dessen war er sich gewiss wie selten zuvor etwas. Deshalb spürte er neben seiner wachsenden Unruhe jetzt auch noch das schlechte Gewissen an seinem Innenleben nagen, wie eine Ratte, die ein Stück Käse gefunden hatte. Er beobachtete die blasse Spiegelung von Janines Gestalt im Fensterglas. Ihre gestärkte Haube und Schürze bildeten einen attraktiven Kontrast zu ihren fein geschnittenen Gesichtszügen. Gelegentlich huschte ihr Blick verstohlen zu ihm hin, während die beiden anderen Mädchen – Marie und Victoria – leise miteinander flüsterten. Auch ihre Blicke glitten hin und wieder zu ihm, sodass er sich sicher sein konnte, dass er das Thema ihrer vertrauten Runde darstellte. Vermutlich fragten sie sich ebenfalls, wie ihn solch ein dummes Unglück bloß hatte widerfahren können.
Er sah sein Gesicht im Glas der Fensterscheibe und fragte sich nicht zum ersten Mal, ob er wirklich richtig gehandelt hatte. Er hatte sich beweisen wollen. Er hatte eine Waffe gehabt. Und er hatte geschossen.
Warum nur hatte die Waffe nicht funktioniert?
Pascals Vermutung, es habe am Staub gelegen, hatte er gleich nach dem Frühstück überprüft. Die Waffe war absolut in Ordnung gewesen, das Gleiche galt für die Patronen. Sie hätte funktionieren müssen!
»Sebastien«, unterbrach Jean-Pierre seinen Gedankengang, als er und Pascal den Raum betraten. Sebastien wandte sich ihnen zu. Aus dem Augenwinkel nahm er wahr, wie sich die Mädchen still davonmachten. »Onkel, wer sind diese Freunde von dir?«, fragte er.
Jean-Pierre gestikulierte nachlässig durch die Luft, während er auf seinen Stuhl zuging. »Nur alte Freunde, die eure Eltern und ich vor langer Zeit trafen.«
»Du hast sie nie erwähnt«, wandte Pascal ein.
Jean-Pierre nahm Platz und lehnte sich zurück. »Dazu bestand keine Notwendigkeit. Seit dem Tod eurer Eltern beschränkte sich unser Kontakt auf das Nötigste. Wir standen uns die meiste Zeit nicht sonderlich nahe. Baron Monier ist ebenfalls im Weingeschäft - ihr kennt ihn bereits.« Sebastien erinnerte sich vage an einen Mann mit dunklen Haaren und harten Gesichtszügen. »Daneben kommen die Damen Carlotta von Lusignon und Marabella Blanchefort. Der Herzog Ruben Parnasse ist ebenfalls ein alter Geschäftspartner.«
Die Brüder nickten.
In dem Moment klopfte es und ein Diener trat ein.
»Monsieur, Ihre Gäste sind angekommen.«
Ein flüchtiges Lächeln huschte über Jean-Pierres Züge. Er stand auf. »Wunderbar. Bringt sie herein!«
Die Damen und Herren offenbarten sich als eine muntere und ausgelassene Gruppe. Sie lachten und schwatzten heiter und ungehemmt, als hätten sie sich gestern erst zuletzt gesehen.
Marabella kicherte. »Nun seht euch nur Jeans Neffen an! Solch prächtige Burschen, Maurice und Odette wären entzückt, wenn sie sie heute sehen könnten.«
Jean-Pierre grinste. »Die beiden haben das Aussehen der Bacarière geerbt, das stimmt wohl«, sagte er.
Zur Antwort hob Marabella lediglich die Mundwinkel.
»Monsieur Monier«, begrüßte Sebastien den Baron. Dieser neigte den Kopf und reichte seinen Zylinder dem bereitstehenden Diener. »Junger Bacarière. Ihr seid größer geworden, wie ich sehe.«
Der Baron war von hagerer Statur. Seine langen Beine, die schmalen Hüften und kaum breiteren Schultern ließen ihn nahezu schlaksig erscheinen. Markante Gesichtszüge mit spöttisch funkelnden, dunklen Augen verliehen ihm jedoch eine harte Ausstrahlung.
»Nun, Jean-Pierre«, sagte Carlotta – eine weizenblonde Frau mit blasser Haut und rauchgrauen Augen. »Ich war höchst erfreut über deine Einladung. Wir haben uns ja erschreckend lange nicht gesehen. Wann war das letzte Mal?« Sie blickte fragend in die Runde.
»Das war vor einigen Jahren«, wandte Marabella ein. »Kurz nach …« Ihr Blick aus blassblauen Augen richtete sich auf Ruben Parnasse. Dieser zuckte die Schultern. »Keine Sorge, Marabella. Es geht mir gut. Das, was damals geschehen ist, war ein Schock für mich. Aber wie du schon richtig bemerktest: Es ist lange her.« Marabella lächelte mitfühlend. Sebastien fragte sich, worauf sie sich in ihrer Unterhaltung bezogen. Was meinten sie? »Also, Jean-Pierre«, fuhr Carlotta fort, »Was ist der Anlass für dieses hastig herbeigeführte Treffen? Du hast Glück, dass mich der Bote erreicht hat. Ich stand im Begriff, nach Spanien zu reisen.« Jean-Pierre schaute betrübt. »Verzeiht mir, meine Gefährten. Es ist etwas vorgefallen«, sein Blick schweifte kurz über die Zwillinge hinweg, »das keinen Aufschub erlaubt. Selbstverständlich erstatte ich euch sämtliche Unkosten, sobald das Ganze vorüber ist. Betrachtet euch in der Zwischenzeit bitte als meine Gäste.«
Die Frau warf Sebastien und Pascal einen neugierigen Blick zu.
