Monterosso mon amour - Ilja Leonard Pfeijffer - E-Book

Monterosso mon amour E-Book

Ilja Leonard Pfeijffer

0,0
15,99 €

oder
-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Die Geschichte eines großen Missverständnisses und einer noch größeren Liebe: Carmen blickt auf ein genussreiches, aber recht laues Leben als Botschaftergattin zurück und engagiert sich in der Stadtbibliothek. Als dort ihr ehemaliger Mitschüler Ilja L. Pfeijffer aus »Das schönste Mädchen von Genua« liest, meint sie sich in dem Mädchen wiederzuerkennen, in das er damals verliebt war. Und sie erinnert sich an ihre Jugendliebe Antonio, den sie in Monterosso traf. Also begibt sie sich auf eine italienische Reise, um ihre wahre Liebe wiederzufinden – und ein Abenteuer beginnt.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2022

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Mehr über unsere Autorinnen, Autoren und Bücher:www.piper.de/literatur

Übersetzung aus dem Niederländischen von Ira Wilhelm

© Autor Jahr

Titel der Niederländischen Originalausgabe:

»Monterosso mon amour«, De Arbeiderspers, Amsterdam 2022

© Piper Verlag GmbH, München 2022

Covergestaltung: Cornelia Niere

Coverabbildung: Stephan Vanfleteren

Konvertierung auf Grundlage eines CSS-Layouts von digital publishing competence (München) mit abavo vlow (Buchloe)

Sämtliche Inhalte dieses E-Books sind urheberrechtlich geschützt. Der Käufer erwirbt lediglich eine Lizenz für den persönlichen Gebrauch auf eigenen Endgeräten. Urheberrechtsverstöße schaden den Autoren und ihren Werken. Die Weiterverbreitung, Vervielfältigung oder öffentliche Wiedergabe ist ausdrücklich untersagt und kann zivil- und/oder strafrechtliche Folgen haben.

Inhalte fremder Webseiten, auf die in diesem Buch (etwa durch Links) hingewiesen wird, macht sich der Verlag nicht zu eigen. Eine Haftung dafür übernimmt der Verlag nicht.

Inhalt

Inhaltsübersicht

Cover & Impressum

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

17

18

19

20

21

22

Buchnavigation

Inhaltsübersicht

Cover

Textanfang

Impressum

1

Wird aus Unzufriedenheit Zufriedenheit, wenn man sich mit ihr abfindet? In letzter Zeit ertappt sich Carmen immer öfter dabei, dass sie sich in verlorenen Momenten allein zu Hause oder in der Bibliothek, wenn sie zwischen zwei Besprechungen den Schreibtisch aufräumt, solche unmöglichen Fragen stellt. Oder dass sie sich, nachdem sie die Putzfrau bezahlt und verabschiedet hat, stellvertretend müde für den Nachmittagssherry aufs Sofa plumpsen lässt und plötzlich grundlos darüber nachdenkt, ob Gewohnheiten aller Art eine Überlebensstrategie sein könnten und damit evolutionär betrachtet von Vorteil wären. Als eine ihrer Freundinnen vom Lesekreis sie vorige Woche Anna Karenina genannt hat, fiel ihr der berühmte Anfangssatz des Romans ein, der besagt, dass alle glücklichen Familien einander gleichen, jede unglückliche Familie aber auf ihre eigene Weise unglücklich sei, weshalb sie der sich daraus entspinnenden Diskussion nicht mehr aufmerksam folgte und sich stattdessen der Frage widmete, ob diese Aussage wohl stimme, nur um sogleich von der Frage heimgesucht zu werden, ob Glück und Unglück überhaupt als eine Familienangelegenheit zu betrachten seien. Und als sie gestern die Förderanträge abheftete, dachte sie an Nietzsche, an den sie seit ihrer wilden Amsterdamer Zeit nicht mehr gedacht hatte, und an dessen Spruch – falls ihre Erinnerung sie nicht täuscht und er tatsächlich von Nietzsche stammt –, dass man fast alles ertragen könne, solange man ein Ziel im Leben habe.

Nun aber grübelt sie darüber, was verlorene Momente eigentlich sind. Wenn die Zeit sämtliche Augenblicke wie Konfetti am Morgen nach der Party auf einen Haufen zusammenkehrt, ohne dass einer von ihnen dem unaufhaltsamen Untergang entwischt, wie können dann manche dieser Augenblicke verlorener sein als andere? Mit jeder Stunde wird sie eine Stunde älter, gleichgültig, ob sie zupackend nach vorne blickt oder melancholisch über das Früher sinniert, denn es kommt aufs Gleiche raus: Es gibt immer weniger von dem, wonach man Ausschau hält, und immer mehr vom Früher, dem man hinterhertrauert. Halten Leute Augenblicke für verloren, dann wohl, weil diese ihrer Ansicht nach nichts zu ihren hochgestellten Zielen beigetragen haben; lässt man jedoch einmal das ganze Gewese mit den Zielen weg, gibt es keinen Grund mehr, verlorene Augenblicke von wohlverbrachter Zeit zu scheiden. Oder sind den Menschen gar jene Augenblicke verloren, in denen sie sich auf dem trägen Strom sanft gluckernder Gedanken davontragen lassen? Wäre das der Fall, dann müsste Carmens Leben umso gewisser als verloren bezeichnet werden.

Sie will sich nachschenken, ändert jedoch ihre Meinung. So geht es nicht. Das kann kein Anfang sein. Sie schraubt die Flasche wieder zu und stellt sie zurück in den Abstellraum unter der Treppe, wo sie ihren Sherryvorrat aufbewahrt. Sie geht zur Küche und kocht sich heldinnenhaft eine Riesenkanne Tee.

2

Sie fühlt sich alt, weil sie so gerne liest. Die Schuld daran, dass sich ihre persönlichen Interessen und die Obsessionen der Welt immer weiter voneinander wegbewegen, gibt sie der Welt. Aber sie ist nicht dämlich, obwohl sie manchmal die Naive gibt, vor allem in Robs Anwesenheit, weil sie weiß, dass er sich für alles gerne verantwortlich fühlt, und weil es vieles einfacher macht, weshalb ihr, wenn sie sich zu einer gewissen Ernsthaftigkeit zwingt, durchaus klar ist, dass der Hass auf das Altern und der Vorwurf an die Welt, sie laufe ungerührt weiter, Symptome des verhassten Alterns sind. Sie selbst kann immer weniger mithalten, und um diese Einsicht ertragen zu können, tut sie so, als verweigere sie sich dem Lauf der Welt, weil ihr die Richtung, die die Geschichte einschlägt, nicht gefällt.

Doch neigt sie dazu, sich sofort zu korrigieren: Es stimmt nicht, dass sie nicht mithalten kann, weit gefehlt! Es ist nur so, dass sie kaum noch Interesse dafür aufbringt, sich über Kleinigkeiten aufzuregen. Sie liest die Abendzeitung NRC Handelsblad, obwohl sie viel lieber eine Morgenzeitung lesen würde, weil Nachrichten dann, wenn man den ganzen Tag noch vor sich hat, weniger ins Gewicht fallen als am Abend mit seiner Melancholie. Aber Rob liebt seine Gewohnheiten, und sie kennt ihn gut genug, um zu wissen, dass sie ihm keinen Gefallen täte, würde sie ihm vorschlagen, das Zeitungsabonnement zu ändern. Für ihre Arbeit in der Bibliothek liest sie regelmäßig die Buchrezensionen und verfolgt pflichtgemäß die Auslands- und Inlandsnachrichten, aber während sie in ihrer wilden Amsterdamer Zeit bei jeder Gelegenheit in authentische Wut ausbrach, vor allem, wenn Frauen Unrecht getan wurde, macht sie heute die irritierende Erfahrung, dass die globalen Entwicklungen und die täglichen Ausblicke auf eine potenziell beunruhigende Zukunft ihr immer gleichgültiger werden. Sie liest lieber Bücher, richtige Bücher. Bücher mit den großen Fragen, die sich ihr selbst nun immer öfter stellen, und Bücher, in denen sich die Aktualität nicht dauernd nervig in den Vordergrund drängt wie ein ununterbrochen jängelndes, um Aufmerksamkeit heischendes Smartphone, und in denen eine Geschichte erzählt wird.

Vor allem Letzteres. Carmen hungert geradezu nach Geschichten. Wenn sie liest und ein Roman sie wirklich ergreift, bekommt sie manchmal das Gefühl, unter die Zeit zu kriechen. Mit genau diesen Worten hat sie es einmal ihren Freundinnen vom Lesekreis zu erklären versucht, aber keine hat verstanden, was sie meinte. Sie erinnert sich an ihre ersten Sommerferien am Mittelmeer, das ist lange her, sie war mit den Eltern in Monterosso und weiß noch genau, wie sehr der Anblick des Wassers sie rührte, weil es so durchscheinend war, dass man den Meeresboden sehen konnte. In guten Romanen werden wässrig gewordene Gefühle so klar dargestellt, dass man plötzlich erkennt, wie tief sie eigentlich sind. Wer unter Wasser schwimmt, vergisst die Verwerfungen an der Oberfläche und befindet sich in einer dreidimensionalen Welt. Genauso ist es, wenn man unter den übelkeitserregenden Wellenschlag der Zeit taucht und die Oberflächlichkeit der unermüdlichen Winde täglicher Mühsal vergisst. Klingt das zu pompös? Es ist ihr egal, wie es klingt, weil es so ist. In letzter Zeit hat sie immer weniger Lust, aus Furcht, einen möglicherweise falschen Eindruck zu erwecken, Dinge anders zu sagen, als sie sind, und darauf ist sie stolz. Besser spät als nie.

Sie liebt es zu schwimmen. Ihren ersten Kuss hat sie unter Wasser bekommen, vor langer Zeit, in Monterosso, und bis heute erinnert sie sich daran, wie klar das Meer war und wie tief. Der einzige Grund, warum sie damals nach Luft schnappend aus dem Wasser wieder auftauchte, war die fantasielose Praxis, die sie zum einen ohne Kiemen und zum anderen mit Eltern ausgestattet hatte, die nicht verstanden, dass Ferien dazu da waren, ewig zu dauern. Und in derselben fantasielosen Praxis bewegt sie sich bis heute. Sie vermisst die Tiefe des Meeres, aber Rob schwimmt nicht gern. Er liest Sachbücher, wenn er überhaupt liest, weil er, obgleich er über massenhaft Zeit verfügt, keine Minute davon vergeuden möchte. Außerdem hält er Gefühle für nutzlos, wenn man in der gleichen Zeit Meinungen haben kann. Sie fahren nur selten in Urlaub, weil sie früher so viel reisen mussten, was Rob für ein schlagendes Argument und einen ausreichenden Grund hält, die Angelegenheit damit für erledigt zu betrachten.

Es ist ihr egal, ob eine Geschichte ein gutes oder ein schlechtes Ende nimmt, Hauptsache, sie ist stimmig. Ein offenes Ende, bei dem das ganze Gedöns von Handlungen und Überlegungen, Ereignissen und Konsequenzen, Eigenschaften und Entwicklungen auf nichts hinausläuft, irritiert sie. Das kennt sie aus der Praxis zur Genüge. Durch Geschichten erhält sie Zugriff auf das sogenannte wahre Leben mit sämtlichen unglaubwürdigen Wendungen des Plots, und statt einer wirklichkeitsgetreuen Kopie der sinnlosen Wirklichkeit (»als konform betrachtet«, hieß das auf der Botschaft) ersehnt sie sich die kluge Alternative eines Lebens mit Stil, dargestellt durch einen vieldeutigen Spannungsbogen, der eine klare Richtung vorgibt, zur Not auch auf einen Abgrund zu. Realität ist form- und bedeutungslos. Um zu verstehen, was es heißt, in dieser Welt Mensch zu sein, muss man sich also in Erzählungen hineinversetzen, die dem Chaos Sinn und Form verleihen. Die Natur erschafft nur Körper, erst Geschichten machen aus diesen Körpern Menschen.

Carmen begreift, dass ihr Lesen eine Art Eskapismus ist, oder besser gesagt, so etwas wie eine Kompensation. Sie lebt die erfundenen Leben ihrer fiktiven Personen und klammert sich an deren Geschichten wie ein Verbannter an lieb gewonnene Erinnerungen, was für sie nicht annähernd so dramatisch ist, wie es klingt.

3

Seit Robs vorzeitiger Pensionierung wohnen sie in einer komfortablen Wohnung in der attraktiven, mittelgroßen niederländischen Gemeinde L*** mit Delikatessenläden um die Ecke. Sie haben jemanden, der sich um den Garten kümmert. Carmen arbeitet einige Stunden pro Woche in der Öffentlichen Bibliothek der eben erwähnten Gemeinde L***, wo sie die Kulturveranstaltungen organisiert, Förderanträge stellt, Schriftsteller und Schriftstellerinnen zu Lesungen einlädt und diese am Veranstaltungsabend mit einer Tasse Kaffee empfängt und betreut. Immer wieder versucht sie, Überraschungen zu kreieren, indem sie Autoren und Autorinnen mit lokalen Musikern auftreten lässt, was mal besser und mal schlechter gelingt. Die Vorlese-Vormittage für die Kinder aber sind ein voller Erfolg, sie bekommt manchmal rührende Reaktionen von den Kindern. Ihre an jedem zweiten Mittwoch des Monats stattfindende inklusive Lesereihe von Debütautoren und -autorinnen wird immer besser besucht, worauf sie durchaus stolz ist. Während der Niederländischen Buchwoche und der Kinderbuchwoche hat sie natürlich besonders viel zu tun. Sie arbeitet ehrenamtlich, wodurch sie mehr Freiheit hat. Kultur ist wichtig. Um denen zuvorzukommen, die sie als Bücher-Mama titulieren wollen, hat sie sich gleich selbst so genannt, mit einem Augenzwinkern: Sie ist keine Mama.