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Dunkle Geheimnisse an der Côte d'Azur: Der mitreißende Südfrankreich-Krimi »Tödliche Riviera« von Brigitte Aubert jetzt als eBook bei dotbooks. Dunkle Wolken jagen über den Himmel über der provenzalischen Küste, der Mistral lässt die Wellen schäumen – und spült eine Leiche ans Ufer. Polizist Marcel Blanc befürchtet, dass die grausige Handschrift des Täters nur eins bedeuten kann: Es wird nicht bei diesem Mord bleiben. Zusammen mit seinem Vorgesetzen, dem bärbeißigen Capitaine Jeanneaux, stürzt er sich fieberhaft in die Ermittlungen, denn schon bald tauchen weitere Opfer auf, alle nach demselben Ritual getötet. Die Spuren führen zu einem der angesagtesten Nachtlokale an der Riviera, einem schillernden Ort mit dunklen Geheimnissen. Verbirgt sich unter den Gästen ein Wolf im Schafspelz, der nur darauf lauert, wieder und wieder zuschlagen zu können? Jetzt als eBook kaufen und genießen: Der fesselnde Urlaubskrimi »Tödliche Riviera« von Brigitte Aubert ist der zweite Band ihrer spannungsgeladenen Reihe um den ungewöhnlichen Ermittler Marcel Blanc. Wer liest, hat mehr vom Leben: dotbooks – der eBook-Verlag.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 246
Veröffentlichungsjahr: 2022
Über dieses Buch:
Dunkle Wolken jagen über den Himmel über der provenzalischen Küste, der Mistral lässt die Wellen schäumen – und spült eine Leiche ans Ufer. Polizist Marcel Blanc befürchtet, dass die grausige Handschrift des Täters nur eins bedeuten kann: Es wird nicht bei diesem Mord bleiben. Zusammen mit seinem Vorgesetzen, dem bärbeißigen Capitaine Jeanneaux, stürzt er sich fieberhaft in die Ermittlungen, denn schon bald tauchen weitere Opfer auf, alle nach demselben Ritual getötet. Die Spuren führen zu einem der angesagtesten Nachtlokale an der Riviera, einem schillernden Ort mit dunklen Geheimnissen. Verbirgt sich unter den Gästen ein Wolf im Schafspelz, der nur darauf lauert, wieder und wieder zuschlagen zu können?
Über die Autorin:
Brigitte Aubert gehört zu Frankreichs profiliertesten Spannungsautorinnen. Neben Kriminalromanen und Thrillern schreibt sie Drehbücher und war Fernsehproduzentin der erfolgreichen »Série noire«. Heute lebt sie in Cannes und führt ein altes Kino, das sie von ihren Eltern übernommen hat.
Bei dotbooks veröffentlichte Brigitte Aubert ihre Krimireihe um Marcel Blanc mit den Bänden »Tödliche Riviera« und »Mörderische Riviera«. Außerdem ihre Reihe um Élise Andrioli mit den Bänden »Im Dunkel der Wälder« und »Tod im Schnee« sowie ihre Frankreich-Thriller »Die vier Söhne des Doktor March«, »Marthas Geheimnis«, »Sein anderes Gesicht«, »Schneewittchens Tod«.
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eBook-Neuausgabe August 2017, August 2022
Die französische Originalausgabe erschien erstmals 2001 unter dem Originaltitel »Descentes d’Organes« bei Éditions du Seuil, Paris. Unter dem Titel »Nachtlokal« erschien die deutsche Erstausgabe 2002 bei Goldmann und die Neuausgabe 2017 bei dotbooks.
Copyright © der französischen Originalausgabe 2001 by Editions du Seuil
Copyright © der deutschen Erstausgabe 2002 bei Wilhelm Goldmann Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH
Copyright © der Neuausgabe 2017, 2022 dotbooks GmbH, München
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.
Titelbildgestaltung: Kristin Pang, unter Verwendung eine Motives von horia merla/EyeEm / Adobe Stock
eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (rb)
ISBN 978-3-98690-364-0
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Liebe Leserin, lieber Leser, wir freuen uns, dass Sie sich für dieses eBook entschieden haben. Bitte beachten Sie, dass Sie damit ausschließlich ein Leserecht erworben haben: Sie dürfen dieses eBook – anders als ein gedrucktes Buch – nicht verleihen, verkaufen, in anderer Form weitergeben oder Dritten zugänglich machen. Die unerlaubte Verbreitung von eBooks ist – wie der illegale Download von Musikdateien und Videos – untersagt und kein Freundschaftsdienst oder Bagatelldelikt, sondern Diebstahl geistigen Eigentums, mit dem Sie sich strafbar machen und der Autorin oder dem Autor finanziellen Schaden zufügen. Bei Fragen können Sie sich jederzeit direkt an uns wenden: [email protected]. Mit herzlichem Gruß: das Team des dotbooks-Verlags
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Brigitte Aubert
Mörderische Riviera
Marcel Blanc ermittelt
Aus dem Französischen von Eliane Hagedorn und Bettina Runge
dotbooks.
Noch verrät nichtseuren nahen Todsirrende Zikaden
…
BASHÔ
Der Wind wehte vom Meer her und trieb die schaumgekrönten Wellen gegen die Felsblöcke des Hafendamms.
Die Augen des Polizeibeamten Marcel Blanc waren starr auf den Leuchtturm gerichtet. Er schien unempfindlich gegenüber Sand und Staub, doch umso empfindsamer für den geschundenen Körper, der auf der Betonmole lag.
Der schlotternde Windsurfer, der den Ertrunkenen entdeckt hatte, und die beiden Männer vom Rettungsdienst, die den Toten aus dem Meer gefischt hatten, standen in einer Wasserpfütze und tranken heißen Kaffee.
Einer der Feuerwehrleute hielt Marcel die Thermosflasche hin, doch der schüttelte verneinend den Kopf.
Er hatte, um wach zu werden, den ganzen Morgen über Kaffee getrunken. Er war vom Scheitel bis zur Sohle mit Kaffee abgefüllt.
Die Kinder hatten letzte Nacht wieder mal keine Ruhe gegeben. Zunächst Sylvia mit ihrem »Es ist ein Gespenst unterm Bett«, dann, zwei Stunden später, Momo, der vom bösen Wolf geträumt hatte, und schließlich, gegen fünf Uhr morgens, Frank, der furchtbar Bauchweh hatte: »Ich schwör’s dir, Papa, ich kann nicht zur Schule gehen.«
Nadja und er waren abwechselnd aufgestanden, und um sieben Uhr hatte sich Nadja auf den Weg gemacht: Sie arbeitete in einer städtischen Kinderkrippe – ein Job, den sie Jean-Jean, Marcels innig verhasstem Chef, zu verdanken hatte.
Die Augenlider geschwollen, der Kopf wie eine Wassermelone, hatte Marcel die Bälger zur Schule gefahren, bevor er seinen Posten gleich beim Rathaus bezogen hatte.
Das Festival war eben zu Ende gegangen, und alle waren völlig ausgelaugt. Auf der Esplanade des Alten Hafens bauten die Arbeiter ohne Eile die weißen Plastikzelte ab, in denen die Stände der Gasgesellschaft GDF untergebracht gewesen waren. Von jener Neugier getrieben, die quasi jeden männlichen Zweibeiner unwiderstehlich zu einem Artgenossen hinzieht, der ein Werkzeug in der Hand hält, war Marcel näher getreten.
Die Arbeiter hielten ein Schwätzchen und tranken Kaffee.
Gegen elf – Marcel schielte gerade auf seine Uhr, eine Swatch mit Metallarmband, die Nadja ihm zum Geburtstag geschenkt hatte –, war die Ambulanz der Feuerwehr mit Blaulicht vorbeigefahren. Der Wagen hatte das Tempo verlangsamt, und Boris, ein großer Dunkelhaariger, den Marcel recht gut kannte, hatte ihm durch das geöffnete Fenster zugerufen: »Ein Ertrunkener beim Leuchtturm. Sollen wir dich gleich mitnehmen?« Marcel hatte genickt.
Vor Ort waren sie von einem alten Mann mit Schirmmütze und Schmerbauch unter einem Ringelhemd, das noch aus den Dreißigern stammen musste, lautstark empfangen worden.
»Nur keine Eile, Jungs!«, hatte er ihnen zugerufen. »Robert ist da, er passt auf ihn auf!«
Marcel hatte sich unwillkürlich nach besagtem Robert umgedreht, bis er begriff, dass der Alte sich selbst gemeint hatte. Dann hatte Robert mit seinem Spazierstock in Richtung Bar de la Marine auf der anderen Straßenseite gefuchtelt.
»Josette! Josette, komm her! Ein Ertrunkener! Ein Ertrunkener, sag ich!«
Aus der engen, dunklen Bar war eine ältere Frau getreten – orangefarbene Dauerwelle, roter Lederrock, violette Kriegsbemalung, das allmorgendliche Gläschen Rosé in der Hand – und hatte die Straße überquert.
Der Ertrunkene lag bäuchlings auf dem grauen Beton ausgestreckt.
Er war nackt, seine braune Haut bläulich marmoriert, der Wind zerzauste sein langes, schwarzes, gelocktes Haar, das wie eine Krone um ihn ausgebreitet war. Jung, schlank, muskulös.
Der Surfer erklärte, dass er ihn im Wasser habe treiben sehen. Boris schüttelte den Kopf und machte sich in einem Spiralheft Notizen.
»Wie kommt dieser Hornochse auf die Idee, mitten im Winter zu baden?«, knurrte Robert, obgleich es Ende Mai war. »Anscheinend muss es immer irgendwelche Schwachköpfe geben, die sich für schlauer halten als der Rest der Welt!«
»Ach, und unser guter Robert muss immer was zu meckern haben!«, mischte sich Josette ein. »Er hat doch – außer vom Skatspielen – keinen blassen Schimmer von Sport.«
Boris und sein Kollege drehten die Leiche um. Der Tote hatte einen Bart, einen kurzen schwarzen gekräuselten Bart. Schaum trat aus seinem geöffneten Mund, und er hatte keine Augen mehr. Nur zwei schwärzliche, nässende Augenhöhlen. Möwen, dachte Marcel und wandte den Blick ab, es gab nichts Gefräßigeres als Möwen.
»Er scheint nicht lange im Wasser gewesen zu sein«, ließ Boris verlauten. »Er hat noch alle Finger.«
»O Gott!«, schrie Josette und rang die Hände. »Sie haben ihn ausgenommen wie einen Fisch!«
Ein tiefer Schnitt, aus dem schäumendes Meerwasser und grünliche Algen quollen, verlief vom Brustbein bis zur Leiste des Ertrunkenen. Der zweite Feuerwehrmann, ein kleiner pickliger Rotschopf, beugte sich vor und zog die Ränder der Wunde vorsichtig auseinander.
»Tatsächlich, da ist nichts mehr drin!«
Wie gefräßig Möwen auch sein mochten, einen Menschen aufschlitzen konnten sie nicht.
Marcel verständigte das Revier.
Sie standen auf der sonnigen, windigen Mole und warteten. Josette und Robert hatten wieder die Straße überquert, um sich im Schatten eines weißblauen Sonnenschirms, den der Wind jeden Augenblick aus dem Ständer zu reißen drohte, mit einem Gläschen, oder mehreren, zu stärken.
Die Sanitäter der Feuerwehr waren aufgebrochen: ein Selbstmord am Bahnhof. Der Surfer rief mit seinem wasserdichten Handy seine Frau an, um ihr mitzuteilen, dass er später kommen würde. Die Männer von der Wasserwacht waren auf ihre Posten am Ende der Mole zurückgekehrt: An stürmischen Tagen waren sie den ganzen Tag in Alarmbereitschaft.
Marcel stand neben der Leiche, um die man provisorische Metallbarrieren errichtet hatte, hinter denen sich trotz des kräftigen Mistrals die Schaulustigen drängten.
Staub drang ihm in die Augen, und er hatte das Gefühl, dass sein Haar voller Sand war. Das aufgepeitschte Meer schlug so kräftig gegen den Deich, dass die Gischt ihn bespritzte. Ein Schäferhund hob hinterlistig das Bein und pinkelte an die Metallbarriere und auf Marcels Schuh. Marcel machte einen Satz nach hinten und wäre zur größten Belustigung der Gaffer und auch des Hundes, der ein kurzes Kläffen von sich gab, fast über die Leiche gestolpert.
»Bravo, Blanc, immer in Form!«, ertönte just in diesem Moment die scharfe Stimme von Jean-Jean.
Marcel bedachte seinen Chef mit einem gleichgültigen Blick. Auch der bellte mehr, als dass er biss, und seitdem es die beiden Neuen in der Abteilung gab, setzte er gerne noch eins drauf.
Er hatte die beiden – Lieutenant Laurent Merrieux und Lieutenant Lola Tinarelli – im Schlepptau. Merrieux kam aus Paris, um ein Praktikum im Süden zu machen. Um die Dreißig, mittelgroß, runde Brille, kastanienbraunes sich lichtendes Haar, weiße Zähne, anthrazitfarbener Anzug, Leinenhemd. Ein Bankdirektor oder ein Börsenmakler, hätte man meinen können. Lola war aus Marseille hierher versetzt worden. Auch sie um die Dreißig, ein Meter siebzig, üppiger Busen, hübsches Gesicht, grüne Augen, langes blondes Haar, Baumwollrolli und beigefarbener Viskoserock. Ein Klon von Claudia Schiffer, der sich zur Polizei verirrt hatte. Die vielsagenden Blicke, die Capitaine Jeanneaux, Jean-Jean genannt, auf sie heftete, verrieten, dass er sie lieber heute als morgen vernaschen würde.
»Also?«, meinte er und stellte sich, die Hände in die Hüften gestemmt, vor den aufgeschlitzten Ertrunkenen.
Er trug eine lachsfarbene Strickjacke, die seine schlanke Figur und seinen sommers wie winters braunen Teint zur Geltung brachte.
Marcel gab eine knappe Zusammenfassung der Sachlage. Noch einmal wurde der Surfer verhört, der allmählich ungeduldig wurde.
»O Mann, wenn ich das geahnt hätte, hätte ich die Klappe gehalten! Wissen Sie, dass heute mein freier Tag ist und dass ich mit meiner kleinen Tochter um zwei Uhr ins Kino gehen muss?«
»Sehen Sie sich den neuen Disney an? Mein Sohn war total begeistert«, meinte Marcel leutselig.
»Blanc!«, kläffte Jean-Jean. »Gut, Sie können gehen«, fuhr er, an den Surfer gewandt, fort. »Wir rufen Sie, falls nötig, an.«
»Nötig wofür? Ich habe diesen Typen noch nie im Leben gesehen!«, knurrte der Mann und schleppte Segel und Surfbrett zu seinem Geländewagen.
»Nichts, was auf die Identität des Toten hinweisen könnte?«, fragte Merrieux und beugte sich über die Leiche, um sie genauer in Augenschein zu nehmen.
»Rein gar nichts!«, gab Marcel zurück. »Er war splitternackt, so wie er jetzt daliegt.«
Merrieux gab ein »tss, tss« von sich, das ebenso gut »Na so was!« wie auch »Ich finde Sie ein bisschen arg vertraulich, mein Lieber«, bedeuten konnte. Er beugte sich so tief hinab, dass seine Nasenspitze fast die Wunde berührte, wich aber gleich wieder zurück. Der Tote stank unbestreitbar nach aufgetautem Fisch, den man im Spülbecken vergessen hatte.
»Was halten Sie von dem Schnitt, Capitaine?«, fragte er und atmete tief die sandige Seeluft ein.
»Hm?« Jean-Jean, der sich gerade fragte, ob Lola wohl einen Stringtanga trug, da ihr hautenger Rock keine Spuren von einem Slip zeigte, fuhr zusammen. »Der Schnitt? Wirklich widerlich, was?«
Merrieux sah ihn schräg von der Seite an.
»Die inneren Organe sind verschwunden«, bemerkte er.
»Die Fische«, meinte Jean-Jean. »Sie sind vielleicht durch die Wunde eingedrungen und haben seine Eingeweide gefressen. Die Autopsie wird es uns sagen.«
Der Kombiwagen des Erkennungsdienstes hielt in der Nähe an, und Rinaldi, ein kleiner Dicker, der immer gut gelaunt war, stieg, beladen mit Messgeräten, aus.
»Nicht gerade früh!«, knurrte Jeanneaux mit einem Blick auf seine Armbanduhr.
»Keine Batterie mehr im Schlüssel!«, gab Rinaldi zurück.
»Wie?«
»Technologie des einundzwanzigsten Jahrhunderts. Wenn Sie keine Batterie mehr im Schlüssel haben, um die Wagentüren zu öffnen, klick, klick, Sie wissen schon, na ja, dann springt Ihre Kiste nicht an. Witzig, was?«, fügte er hinzu, während seine drei Mitarbeiter ihre komplizierten Gerätschaften rings um die Leiche arrangierten. »Ist dies hier der Tatort?«, fragte er und streifte seine Handschuhe über.
»Nein, die Leiche wurde fünfhundert Meter vor der Küste, bei der Insel Saint-Ferreol aus dem Wasser gefischt.«
»Schade. Die Untersuchungen werden nicht viel ergeben.«
»Keine Tätowierungen?«, erkundigte sich Lola. »Keine Botschaft unter der vierten rechten Rippe versteckt? ’Tschuldigung, sollte ein Witz sein.«
Rinaldi lächelte ihr höflich zu und fing an, die Leiche mit Pulver zu bestreuen. Er summte dabei – seine Art, sich zu konzentrieren. Merrieux wandte sich zu Jeanneaux.
»Gibt es hier Rivalitäten zwischen Vorstadt-Gangs?«
»Ein paar Schlägereien, aber nichts Ernstes. Man muss sagen, dass es bei uns auch nicht eben viele Vorstädte gibt.«
»Vorgestern hatten wir eine Konfrontation zwischen Nike und Adidas, doch der Rottweiler von Adidas war stärker als der Pitbull von Nike, und am Ende sind sie abgehauen«, erklärte Marcel.
Schweigen.
»Wenn wir Ihre Kommentare hören wollen, Blanc, dann sagen wir Bescheid, verstanden?«, knurrte Jean-Jean.
Marcel nickte und kaute an seinem Schnauzbart. Sollte dieser Dreckskerl nur vor den Neuen angeben, immerhin war er höchst zufrieden gewesen, als er letztes Jahr den Puppendoktor dingfest machen konnte, und das hatte er ihm, Marcel, zu verdanken.
Das Bild von Madeleine, seiner Exfrau, die vom Puppendoktor ermordet worden war, tauchte vor seinem geistigen Auge auf, und er schüttelte den Kopf, um es zu vertreiben. Madeleines blutleerer Kopf, der neben den Kopf des alten Georges genäht worden war, dieses Bild suchte ihn nachts immer noch heim und löste Übelkeit aus, die er mit Natriumbikarbonat bekämpfte.
Er versuchte, sich wieder auf den Toten zu seinen Füßen zu konzentrieren. Das Geschlecht lag auf dem Schenkel, ein langer beschnittener Penis. Er fühlte sich mit einem Mal durch die Anwesenheit von Lola befangen, die mit der erbärmlichen Nacktheit des Toten konfrontiert war. Frauen waren doch so sensibel.
Wow! Was für ein Apparat!, dachte sich die sensible Seele.
Sie fröstelte plötzlich, ohne zu wissen, warum. Sie hatte in letzter Zeit oft so ein merkwürdiges Gefühl, als säße etwas auf ihrer Schulter. Eine feindliche Gegenwart. Gerade eben, zum Beispiel, hatte sie sich regelrecht gewünscht, ein Kerl zu sein, ein stämmiger Kerl mit einem riesigen Penis, und dem Chef einen Fausthieb in sein selbstzufriedenes Gesicht zu versetzen. Sie, die immer so sanft gewesen war. Lächerlich, sagte sie sich, Überarbeitung, nervöse Anspannung.
»Alles in Ordnung, Lola?«, fragte Jean-Jean, und sein schwarzer stählerner Blick war so begehrlich wie der eines Hundes angesichts eines saftigen Schinkens.
»Ja, ja, danke«, erwiderte sie. »Von Marseille her bin ich an Ertrunkene gewöhnt, wissen Sie.«
Jean-Jean nickte. Das Hinterteil des Mädchens war himmlisch, die Augen waren die Hölle.
Er konnte nicht wissen, wie nahe er mit dieser Einschätzung der Wahrheit war. In Folge einer jener Taschenspielertricks, auf die das Schicksal so versessen ist, wohnte in der hübschen und unbekümmerten Lola ohne ihr Wissen ein ebenso grausames wie blutrünstiges Wesen, verdammt, für seine Sünden zu büßen und auf Erden zu bleiben – und das ausgerechnet auf der Seite der Ordnungshüter! Besagtes Wesen war im Augenblick unzufrieden.
Wie er sich aufplustert, dieser Schwachkopf von Jeanneaux! O Mann, wenn er die Wahrheit wüsste! Wenn er wüsste, wer in der attraktiven Lola steckt. Ich! Ja, ich, der große, der einzigartige, der schönste aller Serienmörder! Der Liebling aller Damen, gefangen in dieser aufgeblasenen Puppe. Bei vollem Bewusstsein, aber unfähig, zu handeln. Ein echtes Martyrium: in einem Körper minderer Rasse eingeschlossen, allein darauf programmiert, dem Gesetz Geltung zu verschaffen!
Ich, ein Mörder vom Kaliber eines Hannibal Lecter, ich, der Puppendoktor, von diesem alten Lieutenant Costello heimtückisch zur Strecke gebracht und dazu verdammt, blinder Passagier im Körper einer Polizistin zu werden! Eine himmelschreiende Ungerechtigkeit! Und keine Chance, schlecht zu sein, keine Chance! Bei jedem Versuch greift gleich die große göttliche Zensur ein. Und ich höre mich stammeln, ein echter Albtraum. Zum Teufel, meine Knarre zücken und sie alle abknallen, auf der Stelle, ihr syphilitisches Blut spritzen lassen. Aber nein, nicht möglich, ich kann nicht, ich befehle ihrer verdammten Hand, loszuballern, und sie gehorcht nicht. Als wäre sie programmiert. Programmiert, den Bälgern zu helfen, die Straße brav auf dem Zebrastreifen zu überqueren. Eine Schande!
Lola rieb sich mit einer hektischen Bewegung die Schläfen: Sie musste dieses Summen abstellen und sich auf die Tatsachen konzentrieren.
Nichts von diesem »seelenwandlerischen« Drama ahnend, betrachtete Lieutenant Merrieux die Leiche über die Schulter der Kriminaltechniker hinweg.
»Kein Ehering, kein Schmuck …«
»Er hat sehr braune Arme«, bemerkte Marcel.
»Ich weise Sie darauf hin, dass das seine natürliche Hautfarbe ist, Blanc.«
»Trotzdem … Man könnte meinen, er hätte öfter ein T-Shirt getragen.«
»Na und?«, meinte Merrieux.
Mein Gott, geht das langsam! Kein Wunder, dass die Kriminalitätsrate ansteigt!
»Nun, er sieht nicht so aus wie ein Arbeiter. Sein Haar, seine Hände … Und die Beine sind auch bis zum halben Oberschenkel gebräunt. Ja, Shorts und T-Shirt würde ich sagen. Und sein Hals ist auch braun.«
»Was schließen Sie daraus?«, seufzte Lola und dachte bei sich, er sollte sich den Schnauzbart abrasieren, dann sähe er weniger dämlich aus.
»Da er langes Haar hat, schließe ich, dass er es zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden hatte«, erwiderte Marcel mit dem Ernst, mit dem er Verkehrssünder zu ermahnen pflegte.
Merrieux richtete sich auf.
»Shorts, T-Shirt, Pferdeschwanz. Erinnert Sie das an etwas Bestimmtes, Capitaine?«
»Die Schwulenbande bei den alten Bunkern«, antwortete Jean-Jean und bedachte Marcel mit einem wenig liebenswürdigen Blick.
Merrieux machte »tss, tss«. Lola blies auf ihre perfekt lackierten Fingernägel.
»’tschuldigung, aber könnten wir das Gespräch nicht auf dem Revier weiterführen? Während sich der Gerichtsmediziner um die Sache kümmert?«, kam es säuselnd aus ihrem reizenden Mund mit den sinnlichen Lippen.
»Man muss immer die Atmosphäre des Tatorts auf sich einwirken lassen, meine Beste«, bemerkte Jean-Jean und legte eine schützende Hand auf ihre zarte Schulter.
»Aber wir wissen doch gar nicht, wo das Verbrechen begangen wurde«, gab die zarte Schulter zurück und befreite sich von der großen behaarten Hand. »Außerdem dürften alle möglichen Indizien vom Mistral vernichtet worden sein.«
»Wir verfügen tatsächlich nur über sehr wenig Anhaltspunkte«, erklärte Merrieux schulmeisterlich und putzte seine gischtbesprühte Brille. »Die fehlende Gewissheit, was den Tatort betrifft, stellt ein Problem dar. Alles, was wir haben, ist eine nackte Leiche mit einem vom Brustbein bis zur Leiste aufgeschlitzten Bauch, aus dem alle Organe entfernt wurden …«
»Vielleicht ist das eine neue Sportart«, höhnte Jean-Jean. »Fischen nach Dunkelhäutigen.«
Niemand lachte.
»Rinaldi, Sie rufen mich an, sobald Sie fertig sind. Wir räumen das Feld«, fügte er finster hinzu.
Wirklich ein nettes Team! Ein aufgeblasener Brillenträger und ein verklemmtes Weibsbild. Dazu der unvermeidliche Marcel Blanc, der Meister Proper der örtlichen Polizei. Und dieser Ertrunkene, der nach Sardinen und Ärger stank. Ein echter Mord mit einer echten Untersuchung. Man konnte nur hoffen, dass es nicht der Anfang einer Serie war, wie die letztes Jahr. Nun, vielleicht war es ja auch Selbstmord. Ein tunesischer Samurai, der Harakiri macht, bevor er sich ins Wasser stürzt. Warum nicht?
»Denn«, so schloss der Gerichtsmediziner schniefend seinen Bericht (er fing sich wegen dieser verdammten Klimaanlage immer eine Erkältung ein), »denn dieser Typ wurde wirklich ausgenommen wie ein Fisch. Aufgeschlitzt mit einem Schneidewerkzeug von mindestens zwanzig Zentimeter Länge und dann ausgeweidet: Leber, Blase, Herz, Gedärme, selbst die Nieren sind verschwunden.«
»Und das können nicht Fische gewesen sein?«, beharrte Jean-Jean, der nicht die geringste Lust hatte, kurz nach der Hysterie des Festivals ermüdende Ermittlungen einzuleiten.
»Nein, mein Bester, da bin ich hundert Promille sicher«, stieß Doc 51, begleitet von einer Pastis-Fahne, energisch hervor. »Hustenpastillen gefällig?«, fragte er in die Runde.
Allgemeines Kopfschütteln.
»Außerdem«, fuhr er fort und warf sich eine Hand voll Pastillen ein, »außerdem fesseln sich Selbstmörder selten die Handgelenke. Sehen Sie, trotz seines Aufenthalts im Wasser erkennt man noch deutlich die blauen Flecken. Man hat ihm Fesseln angelegt, und zwar sehr, sehr fest.«
Man hatte den Toten aus dem Kühlraum geholt. Er lag jetzt auf dem Seziertisch, bis zur Leiste mit einem weißen Laken bedeckt. Man hatte ihm die Augen geschlossen. Die verzerrten Lippen entblößten tadellose weiße Zähne. Doc 51 hatte Spuren von einem Gel in seinem lockigen Haar gefunden. Ein gepflegter Toter, bei bester Gesundheit.
Laurent Merrieux, jetzt reichlich blass um die Nase, fixierte den ausgenommenen Mann, als stünde der Name des Mörders mit unsichtbarer Tinte auf seiner Haut geschrieben und würde sich jeden Augenblick offenbaren. Jean-Jean fixierte gedankenverloren Lolas Brüste, ein unbestimmtes Lächeln um die Lippen. Lola Tinarelli fixierte ihre schwarzen Lederstiefeletten und träumte davon, Jean-Jeans Lächeln mit dem Absatz zu zertreten.
Und draußen fixierte Marcel Blanc sein Spiegelbild im Rückspiegel des Polizeiwagens und fragte sich, ob er seinen schönen roten Schnauzbart, Symbol seiner Männlichkeit, den Nadja aber etwas zu spießig fand (so eine Art Asterix in Uniform, du weißt schon) abrasieren sollte.
»Keine Spuren von Verletzungen an Händen oder Unterarmen?«, erkundigte sich Lola mit gerunzelter Stirn.
»Nein. Er scheint sich nicht gewehrt zu haben. Keine Prellungen, keine Quetschungen an den Gliedmaßen … Keine Spuren eines Kampfes. Angesichts der Risse an den Mundwinkeln«, fügte Doc 51 mit dem gutmütigen Lächeln eines alkoholisierten Weihnachtsmanns hinzu, »bin ich ziemlich sicher, dass er geknebelt wurde, ja, man hat ihm wohl einen großen Gegenstand in den Mund gestopft, einen Gummi- oder Stoffball … Ich habe Proben der Mundschleimhaut fürs Labor entnommen.«
»Die Todesursache?«, seufzte Jeanneaux.
»Wie soll ich das wissen? Die Klinge kann die Leber durchstochen oder sich ins Herz gebohrt haben … Solange wir die Organe nicht gefunden haben, tappen wir im Dunkeln.«
Jean-Jean erteilte seine Befehle. »Hoffen wir, dass die verdammte Leiche nicht die Erste in einer Serie ist!«, wiederholte er und drückte hinter seinem muskulösen Rücken die Daumen.
Die zweite Leiche wurde sechs Tage später im Morgengrauen von einem Fischer aus dem Wasser gezogen, der gerade in den Hafen zurückkehren wollte.
Die Bürotür öffnete sich, und ein deprimierter Jeanneaux erschien auf der Schwelle.
»Nun?«, fragte Merrieux und faltete seine Le Monde diplomatique zusammen.
»Dasselbe in Grün«, erklärte Capitaine Jeanneaux und legte seine L’Équipe auf den Tisch. »Unbekannter, männlichen Geschlechts, um die Dreißig, der sich bester Gesundheit erfreute. Nordafrikanische Herkunft. Vom Brustbein bis zur Leiste geöffnet. Blaue Flecken an den Handgelenken. Risse an den Mundwinkeln. Und das bekommt man schon zum Frühstück aufgetischt, verdammt noch mal!«, fügte er hinzu und massierte sich den Nasenrücken. »Lola, wollen Sie mir nicht einen Kaffee holen? Ich habe vielleicht Kopfschmerzen heute Morgen.«
Wie bitte? Hält er sie jetzt auch noch für sein Dienstmädchen!
»Natürlich. Mit oder ohne Zucker?«
»Mit. Zwei Löffel. Gut verrührt.«
Ich glaub, ich spinne! Vielleicht möchtest du auch noch, dass sie dir eine kleine Massage verpasst?
»Ich bin gleich zurück.«
Jetzt geht sie tatsächlich, diese Idiotin!
»Das gefällt mir gar nicht«, fuhr Jean-Jean fort und sah Lolas Hinterteil nach. »Ein Toter, das geht ja noch, aber zwei, prost Mahlzeit!«
Laurent Merrieux bedachte ihn mit einem missbilligenden Blick. Capitaine Jeanneaux hatte eindeutig eine höchst außergewöhnliche Ausdrucksweise. Sehr doppeldeutig. Er öffnete sein persönliches iBook; den erbärmlichen Computer auf dem wackeligen Schreibtisch, den man ihm in einer Ecke des Raums zugedacht hatte, strafte er nur mit Verachtung.
»Ich will versuchen, über Quantico herauszufinden, ob es schon ähnliche Fälle gegeben hat«, erklärte er mit der Schlichtheit des Geschäftsmanns, der verkündet: »Ich speise morgen mit Jacques im Elysee.«
Jean-Jean blickte von der Seite mit den Triathlon-Ergebnissen auf.
»Quantico? Quantico? Ist das nicht die Schule des FBI?«
»Ja. Ich habe Verbindung zu einem ihrer Profiler. Wir haben herausgefunden, dass wir dieselbe Vorliebe für den 77er Chassagne Montrachet haben«, fügte Merrieux mit einem belustigten Lächeln hinzu.
Jean-Jean hatte die grauenhafte Vision einer über Internet geführten Untersuchung mit endlosen Manipulationen widerspenstiger Akten und ellenlangen, schwer verdaulichen Analysen, die vorzugsweise zwischen vier und sechs Uhr morgens zu bearbeiten waren.
All das, um zu dem Schluss zu kommen, dass ein Mörder am Hafen sein Unwesen trieb und dass er wirklich sehr gefährlich war.
Er klammerte sich an die Möglichkeit eines rationellen Verbrechens. Ein eifersüchtiger Kerl, der seine beiden Liebhaber tötet. Eine vergewaltigte Frau, die ihre beiden Peiniger umbringt. Ein Kurzsichtiger, der glaubt, zwei hübsche Tunfische geangelt zu haben. Alles, nur bitte kein Serienmörder. Von Serienmördern hatte er die Nase gestrichen voll. Man konnte kaum mehr die Zeitung aufschlagen, ohne auf einen Serienmörder zu stoßen. Der Mörder von alten Damen. Der Mörder von großen Frauen. Der Nachtzugmörder. Der Metromörder, der nur bei Tag zuschlägt. Der Mörder kleiner Mädchen unter einem Meter zwanzig. Wo blieb der Mörder von Korinthenkackern, der der Menschheit einen großen Dienst erweisen würde?
Klick.
»So, jetzt bin ich verbunden.«
»Ihr Kaffee, Chef.«
»Danke, Sie sind wirklich süß.«
Pfui Teufel, der Widerling! Jetzt wehr dich doch, du dumme Gans!
Nichts ahnend von den Aufrufen zur Rebellion, setzte sich Lola auf die Schreibtischkante und vertiefte sich in die Lektüre des Protokolls. Die zweite Leiche, beschwert vom Wasser, das den geöffneten Brustkorb gefüllt hatte, war unweit der Ile Sainte-Marguérite von einem Fischer aufgelesen worden, der sie nebst einem Lkw-Reifen und einem Sardinenschwarm in seinem Netz vorgefunden hatte. Sie überflog den soeben fertig gestellten Bericht des Gerichtsmediziners und zuckte zusammen. Die Zunge wies tiefe Abdrücke von Zähnen auf. Entweder hatte jemand hineingebissen – was an sich schon abscheulich war –, oder er hatte selbst bis aufs Blut darauf gebissen. Vor Schmerzen?, fragte sie sich und kämpfte ein Gefühl von Übelkeit nieder. Weil sein Mörder dabei war, ihn bei lebendigem Leib zu zerlegen? Himmel noch mal, worauf waren sie da gestoßen? Sie vertiefte sich erneut in das Dossier, und versuchte, sich den Hergang des Verbrechens vorzustellen. Ein Nackter, gefesselt, geknebelt, dem man den Bauch aufschlitzt und die Eingeweide herausnimmt. Wo? Wo hat sich der Mörder einrichten können, um seinen Fantasien freien Lauf zu lassen? Wie hat er den Körper zum Meer transportiert? Dass man so gar nichts vom Tatort wusste, war schlichtweg lähmend!
Während er seinen Einkaufswagen füllte, erinnerte sich derjenige, der die Antwort auf diese Fragen wusste, genau an die Szene. Zwei Tage zuvor hatte das Boot die Fluten ZERTEILT und sich unter dem lächelnden Mond seinen Weg gebahnt. Der Mann zu seinen Füßen wand sich und versuchte, seine Fesseln abzustreifen. Aber er war fest ANGEBUNDEN. Er schüttelte den Kopf, er sabberte durch seinen Knebel. Er besaß keine WÜRDE. Außerdem war der DRECKIG! Sobald er zum MESSER-DER-WAHRHEIT gegriffen und den ersten Schritt – vom Brustkorb bis zur Leiste – vollzogen hatte, hatte er SICH VOLLGEMACHT, hatte das ganze Boot mit dem Inhalt seiner GEDÄRME besudelt. Also hat er sie waschen müssen, die Gedärme, sie herausnehmen und mit Meerwasser waschen, weil Meerwasser GESUND ist. So wie Essig. Schwämme getränkt mit Essig. Mit einem solchen hatte er sein Gesicht abgewaschen und das INNERE seines Bauches. Für nichts und wieder nichts. Der BETRÜGER hatte beschlossen, sich TOT zu stellen. Er hatte gewartet, auf das leiseste Zittern, hatte Essig hinzugefügt. Nichts. Da hatte er ihn hochgehoben und über Bord geworfen. PLATSCH! He, Fische, ihr bekommt Besuch!
Er hatte den Motor angeworfen und war langsam zurückgekehrt, hatte den Wellen zugelächelt, die sich freundlich teilten.
Aber die Wellen mochten noch so freundlich sein, sie konnten ihm nicht helfen. Er musste ihn ganz allein FINDEN.
»Bald«, sagte er sich und hielt den Griff des Einkaufwagens mit den Eingeweiden darin fest umklammert. Jetzt musste er erst einmal seine kleinen Freunde füttern.
Türklopfen.
»Herein!«
»Entschuldigen Sie, Chef …«
Blanc. Ärger in Sicht, dachte Jeanneaux sich. Merrieux drückte sich die Nase am Bildschirm seines iBooks platt. Lola zog die ihre neckisch kraus.
Sieh einer an, der Büroclown, der treue Marcel, huhu, Marcel, du kannst mich mal!
»Ich kenne ihn, den Zweiten«, verkündete Marcel und erwiderte Lolas Lächeln.
»Was? Wen?«
»Das zweite Opfer, den Toten von gestern. Ich kenne ihn. Er hat im libanesischen Schnellimbiss gearbeitet.«
»Welcher libanesische Schnellimbiss?«
»Im Roi du Charwarma, in der Nähe vorn Markt. Er gehört einem gewissen Rachid Semoun.«
»Organhandel!«, rief Merrieux, und seine Brillengläser tauchten hinter dem orangefarbenen Deckel des iBooks auf. »Sie haben vier vergleichbare Fälle.«
»Einen Augenblick, Laurent, danke. Wissen Sie, wie er heißt?«, fragte er Marcel.
»Hm … Kamel, glaube ich.«
»Wenn es nach Rassenproblemen riecht, wird es brenzlig!«, bemerkte Jean-Jean und massierte den Rücken seiner schönen griechischen Nase. »Danke, Blanc, Sie können gehen.«
Leicht verärgert, dass man ihn so schnell wegschickte, trat Marcel auf den Flur, der einen Neuanstrich bitter nötig gehabt hätte. Er rächte sich mit einer Grimasse in Richtung Tür, die eben geschlossen worden war.
Jean-Jean wandte sich an seinen männlichen Praktikanten. »Was sagten Sie, Laurent?«
»Organhandel«, wiederholte Merrieux und zog die Stirn in Falten. »Kerle, die Obdachlosen Organe für Transplantationen entnehmen. Die Obdachlosen haben sich nicht als Organspender angeboten, versteht sich«, fügte er hinzu.
»Unser zweites Opfer hatte anscheinend einen Job«, gab Jean-Jean zu bedenken.
»Kompliziert das Ganze«, meinte Lola, »aber das scheinen mir keine simplen Morde aus Habgier zu sein. Das Ritual ist zu präzise: Nach der Entnahme aller Organe werden die nackten Leichen ins Meer geworfen.«
Und obendrein helfe ich denen auch noch. Es ist schrecklich, ich höre sie gegen meinen Willen reden. Bin gezwungen, im Hintergrund zu bleiben, Zuschauer dieser Ungeheuerlichkeit zu sein. Verwandelt in eine Pfadfinderin, die auf gute Taten erpicht ist! Und ich hatte geglaubt, Reinkarnation bedeute, in einem neuen Körper weiterzuleben, und nicht, ihn ertragen zu müssen! Das ist Betrug! Ich bin hier wie ein Parasit, ein gelähmter Allen, außerstande, den Hampelmann zu bewegen, in dem er steckt! Wenn ich nur den Bann brechen könnte. Au, verdammt!
»Was ist mit Ihnen, Lola?«
»Hab mir den Knöchel verknackst, nicht so schlimm.«
»Lassen Sie sehen …«
