Tödliche Riviera - Brigitte Aubert - E-Book
SONDERANGEBOT

Tödliche Riviera E-Book

Brigitte Aubert

0,0
5,99 €
2,99 €
Niedrigster Preis in 30 Tagen: 0,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Die Abgründe hinter dem Urlaubsparadies: Der fesselnde Südfrankreich-Krimi »Tödliche Riviera« von Brigitte Aubert jetzt als eBook bei dotbooks. In dem kleinen Urlaubsort an der provenzalischen Küste schien die Welt bisher noch in Ordnung zu sein – auf den Verkehrspolizisten Marcel Blanc warteten Tag für Tag die gleichen kleinen Bagatelldelikte. Das ändert sich, als er in einer dunklen Gasse eine grausame Entdeckung macht: Auf den Torso einer Männerleiche wurde mit schwarzem Garn der Kopf einer Frau genäht! Obwohl Capitaine Jeanneaux sehr klar macht, dass Marcel sich aus den Ermittlungen heraushalten soll, lässt ihn der Fall nicht los – denn was wäre, wenn der Killer ihn gezielt ausgewählt hat, um sein grausames Kunstwerk zu finden? Aber das könnte bedeuten, dass seine Frau und seine Kinder in tödlicher Gefahr schweben und die nächsten Figuren im Spiel des Täters zu werden drohen … Jetzt als eBook kaufen und genießen: Der düstere Urlaubskrimi »Tödliche Riviera« von Brigitte Aubert ist der erste Band ihrer spannungsgeladenen Reihe um den ungewöhnlichen Ermittler Marcel Blanc. Wer liest, hat mehr vom Leben: dotbooks – der eBook-Verlag.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 252

Veröffentlichungsjahr: 2022

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Über dieses Buch:

In dem kleinen Urlaubsort an der provenzalischen Küste schien die Welt bisher noch in Ordnung zu sein – auf den Verkehrspolizisten Marcel Blanc warteten Tag für Tag die gleichen kleinen Bagatelldelikte. Das ändert sich, als er in einer dunklen Gasse eine grausame Entdeckung macht: Auf den Torso einer Männerleiche wurde mit schwarzem Garn der Kopf einer Frau genäht! Obwohl Capitaine Jeanneaux sehr klar macht, dass Marcel sich aus den Ermittlungen heraushalten soll, lässt ihn der Fall nicht los – denn was wäre, wenn der Killer ihn gezielt ausgewählt hat, um sein grausames Kunstwerk zu finden? Aber das könnte bedeuten, dass seine Frau und seine Kinder in tödlicher Gefahr schweben und die nächsten Figuren im Spiel des Täters zu werden drohen …

Über die Autorin:

Brigitte Aubert gehört zu Frankreichs profiliertesten Spannungsautorinnen. Neben Kriminalromanen und Thrillern schreibt sie Drehbücher und war Fernsehproduzentin der erfolgreichen »Série noire«. Heute lebt sie in Cannes und führt ein altes Kino, das sie von ihren Eltern übernommen hat.

Bei dotbooks veröffentlichte Brigitte Aubert ihre Krimireihe um Marcel Blanc mit den Bänden »Tödliche Riviera« und »Mörderische Riviera«. Außerdem ihre Reihe um Élise Andrioli mit den Bänden »Im Dunkel der Wälder« und »Tod im Schnee« sowie ihre Frankreich-Thriller »Die vier Söhne des Doktor March«, »Marthas Geheimnis«, »Sein anderes Gesicht«, »Schneewittchens Tod«.

***

eBook-Neuausgabe Juli 2017, August 2022

Die französische Originalausgabe erschien erstmals 2000 unter dem Originaltitel »Le Couturier de la Mort« bei Éditions du Seuil, Paris. Unter dem Titel »Der Puppendoktor« erschien die deutsche Erstausgabe 2002 bei Goldmann und die Neuausgabe 2017 bei dotbooks.

Copyright © der französischen Originalausgabe 2000 by Editions du Seuil

Copyright © der deutschen Erstausgabe 2002 by Wilhelm Goldmann Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Copyright © der Neuausgabe 2017, 2022 dotbooks GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Kristin Pang, unter Verwendung eine Motives von cristianbalate / Adobe Stock

eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (rb)

ISBN 978-3-98690-363-3

***

Liebe Leserin, lieber Leser, wir freuen uns, dass Sie sich für dieses eBook entschieden haben. Bitte beachten Sie, dass Sie damit ausschließlich ein Leserecht erworben haben: Sie dürfen dieses eBook – anders als ein gedrucktes Buch – nicht verleihen, verkaufen, in anderer Form weitergeben oder Dritten zugänglich machen. Die unerlaubte Verbreitung von eBooks ist – wie der illegale Download von Musikdateien und Videos – untersagt und kein Freundschaftsdienst oder Bagatelldelikt, sondern Diebstahl geistigen Eigentums, mit dem Sie sich strafbar machen und der Autorin oder dem Autor finanziellen Schaden zufügen. Bei Fragen können Sie sich jederzeit direkt an uns wenden: [email protected]. Mit herzlichem Gruß: das Team des dotbooks-Verlags

***

Sind Sie auf der Suche nach attraktiven Preisschnäppchen, spannenden Neuerscheinungen und Gewinnspielen, bei denen Sie sich auf kostenlose eBooks freuen können? Dann melden Sie sich jetzt für unseren Newsletter an: www.dotbooks.de/newsletter (Unkomplizierte Kündigung-per-Klick jederzeit möglich.)

***

Wenn Ihnen dieser Roman gefallen hat, empfehlen wir Ihnen gerne weitere Bücher aus unserem Programm. Schicken Sie einfach eine eMail mit dem Stichwort »Tödliche Riviera« an: [email protected] (Wir nutzen Ihre an uns übermittelten Daten nur, um Ihre Anfrage beantworten zu können – danach werden sie ohne Auswertung, Weitergabe an Dritte oder zeitliche Verzögerung gelöscht.)

***

Besuchen Sie uns im Internet:

www.dotbooks.de

www.facebook.com/dotbooks

www.instagram.com/dotbooks

blog.dotbooks.de/

Brigitte Aubert

Tödliche Riviera

Marcel Blanc ermittelt

Aus dem Französischen von Eliane Hagedorn und Bettina Runge

dotbooks.

Es war einmal ein kleiner Mann,Klarinette, Pirouette,Es war einmal ein kleiner MannIn einer hübschen Maisonette.Der Postmann wollte rasch hinein,Verlor dabei sein linkes Bein.

Kapitel 1

Der heiße Wind schob den dichten Regen in Wirbeln vor sich her. Die Menschen rannten in alle Richtungen, die leichte Sommerkleidung klebte ihnen am Körper. Der Himmel hatte sich urplötzlich verfinstert – tiefe, schwarze Wolken, fernes Donnerdröhnen. Kinder in phosphoreszierenden Plastiksandalen hüpften in das ehrwürdige Becken in der Mitte des Platzes. Der vom Gewitter überraschte Eisverkäufer räumte eilig sein Zubehör zusammen.

Es regnet, hat mit einem Schlag angefangen, das ist so angenehm wie eine kühle Hand auf dem Gesicht. Ich warte auf den Bus. Beide Füße fest auf dem Boden, verlagere ich mein Gewicht mal nach rechts, mal nach links; sie gehören mir, sie gehorchen. Meine Finger, fest um den Griff der Plastiktüte geschlossen, meine Finger, getreue Soldaten, lasst die Tüte lässig schwingen, und ihr, meine Lippen mit der fügsamen Doppelzüngigkeit, trällert munter das Marschlied der Fremdenlegion, während ihr, meine Raubtieraugen, auf den Idioten in Uniform geheftet bleibt, der mitten im Stau steht, gleichgültig gegen den Regen.

Der Polizeibeamte, Marcel Blanc, war müde. Erschöpft. Er sah die Autos kreisen wie ein endloses Karussell, sah kreischende Scharen von Fußgängern vorüberziehen, und immer wieder stieß er gedehnte Seufzer aus. Er hatte großen Durst, ihm war heiß, seine Füße brannten wie Feuer, er musste pinkeln. Er hatte Madeleine gesagt, dass er abends gegen acht Uhr nach Hause käme. Sie würde ihn schimpfend erwarten, die Kinder hätten sicher schon ihre Ohrfeigen eingesteckt, der Fernseher würde plärren … Noch drei Monate bis zur Scheidung, seufzte er im Stillen und strich über seinen Schnauzbart, der so rot war wie sein kurz geschnittenes Kraushaar.

Triefnass vom lauwarmen Sommerregen träumte der Polizeibeamte Marcel Blanc und nahm dabei doch unbewusst das Kommen und Gehen der Leute wahr – die kleine Buchhändlerin mit dem allzu schrillen Lachen, die gerade zwei junge gepiercte Deutsche in löchrigen Jeans bediente, der Besitzer des benachbarten Kinos im Gespräch mit der Geschäftsführerin des Dessous-Geschäfts – er träumte, dass er mit der hübschen Brünetten aus dem »Rois du Charolais« auf die Bahamas floh und sich auf den einsamen, sauberen Stränden mit ihr im lauwarmen Sand wälzte.

Endlich traf der Bus ein, blieb mitten in einer Pfütze stehen. Er spuckte seine Fahrgäste aus, die, mit Paketen beladen, davoneilten. Eine junge Frau mit üppigen braunen Locken, auf der Stirn eine blassblaue Tätowierung, stieg nun ihrerseits aus, an der Hand einen fünf- oder sechsjährigen Jungen mit Lockenkopf und schelmischem Lächeln. Sie trug einen schwarzen Rock und einen schwarzen Pullunder, dazu einen schweren, mit Nägeln besetzten Gürtel, der ihre Taille und ihre festen Brüste zur Geltung brachte.

Die schwarzen Augen der jungen Frau trafen zufällig auf die grauen von Marcel, bevor sie zu dem Jungen hinabsah. Marcels Blick folgte ihr unwillkürlich. Irgendetwas an ihren markanten und stolzen Zügen, an ihrem geschmeidigen Gang zog ihn an. Sein Blick streifte den kleinen Mann, der seine Plastiktüte hin und her schwenkte, ohne auf ihm zu verweilen. Die Frau faszinierte ihn allzu sehr. Er sah sie jeden Tag vorübergehen. Die blassblaue Tätowierung auf der Stirn ließ an Nordafrika denken, an den Wüstenwind … »Ja, aber die Mädchen der Wüste sind nichts für die kleinen Weißen«, würde Jean-Mi, der Kellner des »Claridge«, sagen.

Gezeter riss ihn aus seinen Tagträumen. Eine Frau im Chanel-Kostüm beschimpfte einen jungen Mann, der sie mit der Tür seines Kombis zu Fall gebracht hatte. Marcel sah sich gezwungen einzugreifen. Die Frau schüttelte ihren eindrucksvollen grauen Haarknoten, murmelte etwas von diesen »Jammerlappen von Polizisten«, entfernte sich und zog dabei mit der Spitze ihres Designerschirms eine Schramme in die Karosserie des Kombis.

Marcel seufzte. Noch ein Jahr, und er konnte sich für die Prüfung zum Lieutenant anmelden. Bis dahin würde er mangels Diplomen (»Diplome sind für die Nichtstuer«, pflegte sein Vater zwischen zwei Litern Rotwein zu lallen) täglich acht Stunden über die öffentliche Ordnung wachen, da in der Hochsaison nicht ausreichend Personal dafür verfügbar war.

Der kleine Mann zog etwas aus seiner Plastiktüte und hob es flüchtig an den Mund.

Marcel sah auf die Uhr und sagte sich, dass er bald vor Hunger sterben würde.

Der kleine Mann beobachtete Marcel, der ihn nicht wahrnahm. Er lächelte still vor sich hin und entblößte dabei seine hässlichen spitzen Zähne, gelb vom vielen Rauchen und seltenen Putzen. Er verabscheute den Kontakt mit Leitungswasser und die Vorstellung vom gebändigten Wasser der Dusche, von dem seifigen Geschmack der Zahnpasta und der cremigen Beschaffenheit der Seife, die den angenehmen Geruch der Haut überdeckte. Er konzentrierte sich auf den Bissen in seinem Mund.

Es ist gut für die Zähne, rohes Fleisch zu kauen. Kau nur kräftig, Kiefer. Entlocke ihm seinen Geschmack. Lass seinen Saft fließen. Zermalme seine köstlichen Fasern vor der Nase des armen alten Marcel!

Das Walkie-Talkie von Marcel fing plötzlich an zu knistern.

»Sofortiger Einsatz, ich wiederhole, sofortig, Impasse de la Pompe, an der Ecke Saint-Louis/Joffre.«

»Schon unterwegs!«

Mit kleinen athletischen Schritten bog der Polizeibeamte Marcel Blanc in die Sackgasse ein und überholte dabei die junge Frau mit der Tätowierung. Er sandte ihr – zwei Finger am Käppi – einen kleinen Gruß zu, ohne dabei das Tempo zu verlangsamen. Deshalb sah er auch den Laternenpfahl nicht, gegen den er mit voller Wucht stieß. Der Aufprall hallte bis in seine Hacken wider. Aber die Pflicht rief, und er eilte, die Nase verächtlich rümpfend, weiter, während sich auf seiner Stirn eine imposante Beule zu wölben begann.

Es war dunkel in der engen Gasse. Der Regen hatte so plötzlich aufgehört, wie er begonnen hatte. Durch die geöffneten Fenster hörte er die Fernseher laut plärren, sah, wie sich die Familien zu Tisch setzten. Ein Kind fing sich eine Ohrfeige ein, ein alter Mann holte eilig die Wäsche herein, ein Bettgestell quietschte in sportlichem Rhythmus. Marcel ließ den Blick über die mit Abfällen übersäte Straße wandern und blieb stehen. Am Ende der Sackgasse winselte ein kleiner Yorkshire-Terrier.

Die Hand am Revolver, ging Marcel langsam auf den Hund zu. Der hob den Kopf, schüttelte die rote Schleife, die ihn zierte, und winselte noch erbärmlicher. Marcel machte einen weiteren Schritt.

Der leblose Körper lag am Boden und steckte zur Hälfte in einer umgekippten Mülltonne. An der Mauer gegenüber stand eine Dame von gut sechzig Jahren, die Handtasche an die Brust gepresst, ein Taschentuch vor dem Mund, der ganze Körper von Schluchzern geschüttelt. Marcel rang nach Luft, trat auf sie zu und stellte fest, dass sie nach Erbrochenem stank. Er atmete lang aus und deutete auf den ausgestreckten Körper.

»Was ist passiert? Ist dem Herrn schlecht geworden?«

Der Geruch nach Blut, frischem Blut, stieg ihm plötzlich in die Nase. Die alte Dame schien nicht verletzt. Also … Bilder von Mafia-Abrechnungen und Dealer-Kriegen schossen ihm durch den Kopf.

Der Yorkshire-Terrier jaulte immer lauter. Marcel trat vorsichtig zu dem ausgestreckten, leblosen Körper, von dem nur die Beine aus dem Abfall herausschauten und vernahm das Heulen der näher kommenden Sirenen.

»Haben Sie gesehen, was passiert ist?«, fragte er und zögerte so den Augenblick hinaus, da er sich vorbeugen und sich selbst vergewissern musste.

Die Dame schluchzte nur, das Gesicht noch immer in ihrem Taschentuch vergraben.

Schockzustand, diagnostizierte Marcel, alte Damen haben schwache Nerven. Gut, dann also ran an den Feind. Er kniete neben dem Mann zwischen den Müllsäcken nieder, wollte ihm schon die Hand auf die Schulter legen, als er mit weit aufgerissenen Augen innehielt.

Zunächst, weil der betroffene Mann ohne jeden Zweifel tot war. Dann, weil es sich nicht wirklich um einen Mann handelte. Das Problem war, dass es sich auch nicht wirklich um eine Frau handelte. Denn obwohl der Körper in einer Hose steckte, deren geöffneter Schlitz keinen Zweifel an seiner männlichen Anatomie zuließ, war der halb unter Gemüseabfällen steckende Kopf der einer hübschen blauäugigen Blondine.

Diese anatomische Widersprüchlichkeit hatte weder mit Transvestitentum noch mit Hermaphrodismus zu tun, sondern schlicht und einfach mit dem Schneiderhandwerk. Denn der sauber abgetrennte Kopf der Frau war mit schwarzem Zwirn und großen Stichen am Hals des Mannes festgenäht worden. Man erkannte sie deutlich – eine Linie schwarzer Stiche auf der Höhe der Halsschlagader. Und außerdem, dachte Marcel, während er ausgiebig auf seine Schuhe kotzte, waren auch die Arme angenäht worden, alte faltige, fleckige Arme, und es fehlte, ja, es fehlte eine Hand, das Stück einer Hand, wie … abgebissen …

Er wurde von einem erneuten Brechreiz geschüttelt, den er nicht niederzukämpfen vermochte, während seine Kollegen in die Gasse strömten.

»Na, Blanc, das Kantinenessen bekommt dir wohl nicht?«

Capitaine Jeanneaux, Jean-Jean genannt, von der Kriminalpolizei maß den sich übergebenden Marcel mit einem ironischen Blick. Marcel richtete sich sogleich kerzengerade auf.

»’tschuldigung, Kommiss … mon Capitaine!«

Er konnte sich nicht an die neue Amtsbezeichnung gewöhnen und wusste nie, ob man »Capitaine« oder »mon Capitaine« sagen musste.

Unterdessen nahm Capitaine Jeanneaux die Leiche in Augenschein und wandte sich schließlich ab, ohne dass ein Muskel seines fein geschnittenen gebräunten Gesichts zuckte.

»Die Schweinereien, die man heutzutage zu sehen kriegt!«, bemerkte er angewidert.

Undurchdringlich, zynisch und knallhart, so gab sich Jean-Jean, seitdem er die Abteilung übernommen hatte. Er hatte seine Jugend damit verbracht, harte Kinohelden nachzuahmen, und als Ermittler fühlte er sich Malko Linge näher als Jules Maigret.

»Costello, halt mir bitte diese Schwachköpfe fern und jag die Köter weg«, sagte er, an seinen Assistenten gewandt, der mit seinem schütteren, schwarz gefärbten, streng zurückgekämmten Haar und seinem dünnen Schnauzbart an einen neapolitanischen Zuhälter erinnerte, ein Metier, dem sein Vater sein Leben lang nachgegangen war.

Nachdem seine Frau der Syphilis zum Opfer gefallen war, hatte Costello senior seinen Sohn nach Frankreich zu seiner Schwester, einer bigotten Witwe, geschickt, und so war Antoine Costello in den Genuss einer ausgezeichneten Erziehung in einer Klosterschule gekommen. Aber – geerbt oder nicht? – er hatte eine Vorliebe für das Outfit und Gehabe der Zuhälter der fünfziger Jahre, was niemand ihm zu sagen wagte, weil er ein Mann der alten Schule war, dessen größtes Glück darin bestand, Mallarmé ins Altgriechische zu übersetzen.

Lieutenant Costello legte die langen Pianisten- oder Würgerhände zusammen: »Wenn Sie die Güte hätten, sich zu entfernen«, rief er dem niederen Volk zu, das sich zu drängen begann.

»Wie lehrreich der Anblick auch sein mag, so ist er doch wenig erbaulich«, fügte er hinzu.

Verblüfft über die gestelzte Sprache dieses Mannes, der offenbar ein bekehrter Zuhälter war und sich darüber hinaus als Bulle herausstellte, wichen die Leute artig zurück.

Costello hob den kleinen zitternden Hund auf und reichte ihn seiner Besitzerin, die von einer Nachbarin ein Glas frisches Wasser zu trinken bekommen hatte.

»Dieser dehydratisierte Canidae muss mit Wasser versorgt werden!«, sagte er, an die Nachbarin gewandt, die den Mund auf- und wieder zuklappte und sich fragte, ob Canidae im Polizeijargon »Köter« bedeutete.

Ramirez, der zweite Assistent von Jean-Jean, beugte seine hundert Kilo über die Leiche, wobei seine dicken Schenkel unter dem leichten Stoff seiner beigen Hose bebten und seine fleischigen Lippen sich öffneten.

»Chef, Chef, haben Sie gesehen, Chef, der Hund hat die Hand aufgefressen, haben Sie gesehen, Chef?«, keuchte er, hochrot von der Anstrengung, sich wieder aufzurichten, und strich mit den Wurstfingern durch sein graues, schlecht geschnittenes Haar.

Jean-Jean, der seinen gewöhnlichen und fettleibigen Untergebenen zutiefst verachtete, seufzte, ohne zu antworten, und schnipste ein Staubkörnchen von seinem lachsfarbenen Lacoste-Hemd.

»Lügner! Niemals würde mein Zouzou so etwas bei einem Mann tun, den er nicht kennt, niemals!«

Die empörte alte Dame wedelte mit ihrem besudelten Taschentuch unter der Nase von Ramirez, dem fast die Luft wegblieb.

Jean-Jean klopfte Marcel scheinheilig auf die Schulter.

»Vielleicht hatte Marcel ja etwas Appetit, was, Marcel?«, sah er sich genötigt hinzuzufügen, und das zum großen Missfallen von Costello, der diese Art von Zynismus nicht ausstehen konnte. »Nun beruhigen Sie sich, meine Dame«, fügte er lebhaft hinzu, »und kommen Sie her. Ich bin Capitaine Jeanneaux, ich nehme Ihre Aussage auf.«

Der Regen hatte wieder eingesetzt, und als er auf die Leiche tröpfelte, klang das wie ein kleines trauriges Lied. Antoine Costello bekreuzigte sich unter den spöttischen Blicken seiner Kollegen.

»Wenn du tot bist, bete ich auch für dich«, sagte er zu Ramirez.

Der presste die Hand auf sein unter der Fettschicht verborgenes Herz.

»Beschwör kein Unglück herauf, Tony!«

Der Krankenwagen hielt mit quietschenden Reifen an. Zwei junge Männer in weißen Kitteln sprangen heraus und stießen Marcel beiseite. Den Blick auf Jean-Jean geheftet, dachte er, dass sich dieser Idiot tatsächlich für einen Kinohelden hielt, und andererseits, dass er seiner zukünftigen Exfrau endlich einmal was zu erzählen hätte.

»Oh verflucht!«, stieß einer der Krankenträger aus. Das war das Mindeste, was man sagen konnte.

Als er aus dem Autobus stieg, rutschte der kleine Mann aus und wäre beinahe der Länge nach hingefallen. Ein langer Typ lachte. Der kleine Mann sah ihn ruhig an. Der andere wandte sich ab. Die Menschen sind wie Hunde, man muss ihnen zeigen, wer der Herr ist.

Zu Hause angekommen, warf er sich aufs Sofa, ein großes altmodisch gepolstertes Möbel, Erbstück von einer Tante, die er kaum gekannt hatte. Er schaltete den Fernseher ein. Ein großes neues Gerät mit extra flachem Bildschirm, numerischem Ton und allem anderen Drum und Dran. Er liebte das Fernsehen. Er hatte Kabelanschluss. Sechsunddreißig Programme, zapp-zapp-zapp, rund um die Uhr, Geräusche, Bilder, ständiges Kaleidoskop der Welt in Bewegung – Bewegung, er liebte die Bewegung. Er schaltete auf Eurosport.

Mit etwas Glück wird das Match nicht zu Ende gespielt.

Ballwechsel auf nassem Platz, es regnet wirklich überall, schon wieder ein verpatzter Sommer … Seht euch diesen Idioten an, er schlägt daneben, los, mach schon, du Blödmann!

Während er die Spieler beschimpfte, roch der kleine Mann an seiner Hand, berauschte sich an dem süßlichen Geruch, den sie verströmte. Er lächelte vor sich hin, entblößte seine spitzen gelben Zähne. Er hatte eine Reportage über die früheren Kannibalen der Samoa-Inseln gesehen, die sich regelmäßig die Zähne feilten, und hatte beschlossen, es ihnen gleichzutun. Einfallsreiche und pragmatische Leute, diese Wilden. Naturnah wie ich. Was ist die Natur anderes als der im großen Rahmen organisierte Mord. Gut, es reicht nicht, zu philosophieren. Er musste zur Gefriertruhe gehen, eine neue Kreation vorbereiten …

Er stand auf, streckte sich genüsslich und kratzte sich zwischen den Beinen. Er zündete sich eine Gitane an und sog den Rauch tief ein. Er fühlte sich unheimlich gut. Er hätte nie geglaubt, dass ihm das solche Lust bereiten würde. Bis dahin hatte er sich mit Tierkadavern begnügt, die man ihm überlassen hatte. Er konnte ein paar schöne Kombinationen verbuchen. Eine Hund-Katzen-Ratte mit sechs Beinen und drei Schwänzen, zum Beispiel. Aber das hier, das war wirklich etwas anderes!

Der Beute auflauern, sie überraschen und schnell töten, sie in mein Schlupfloch schaffen, auf den Tisch legen – Stillleben in situ –, zusehen, wie die Säge ihre Spur im Fleisch hinterlässt, das sich öffnet und die verschlungenen Blutgefäße zu Tage bringt, den Druck verstärken, schneiden, fühlen, wie sich die Knochen spalten, die Glieder und den Kopf abtrennen, einen Kopf, den man an den Haaren hält, dessen Gewicht man am Ende des ausgestreckten Arms spürt, es ist wie eine Wodka-Transfusion, ein unvergleichlicher Trip, eine der Elite der Jäger vorbehaltene Reise jenseits der Realität!

Ein entzücktes Lächeln um die schmalen Lippen, hob er den Deckel der überdimensionalen Gefriertruhe. Es war das erste Mal, dass er sich an Menschen vergriff. Genauer gesagt, das zweite Mal. Aber das erste Mal zählte nicht wirklich, es hatte sich fast von selbst ergeben. Er schloss die Augen, mochte nicht daran denken, wollte nie mehr daran denken. Lieber sah er sich auf dem Platz um, nach Einbruch der Dunkelheit, nahm den Geruch der Blätter wahr, das Zwitschern der Spatzen. Er hatte gewartet, geduldig, lange, bebend vor Erregung. Bei den gewöhnlichen Versuchstieren gab es kein Jagdfieber. Es gab nur sterbende Tiere, denen er in der üblichen Stille des Labors die letzte Spritze gab. Kein Wind in den Zweigen, keine ahnungslosen Passanten, kein Hupen, so nah und so fern von dieser magischen Erwartung.

Er durchlebte noch einmal jeden Eindruck, Sekunde für Sekunde, und seine Muskeln zuckten bei der Erinnerung. Der kleine Entsetzensschrei der Kassiererin, fast im selben Moment vom Rasiermesser erstickt, das Gefühl, wie ihre üppigen Brüste auf ihn prallten, die Erkenntnis, dass ein lebloser Körper schwer ist. Der alte Mann, willenlos im kurz geschorenen Gras ausgestreckt, sturzbetrunken. Er hatte nicht einmal Zeit gehabt, die Augen zu öffnen, war, ohne es zu ahnen, von der irdischen Nacht hinüber in die ewige Nacht geglitten. Der junge Typ dagegen hatte versucht, sich zu wehren, was mit einer über den Kopf gestülpten Plastiktüte natürlich nicht eben leicht war, und außerdem hatte er ihm gleich einen Stich in die Brust versetzt, tief ins Herz.

Er schnippte seine Zigarettenasche ins Spülbecken.

Das größte Problem war gewesen, sie unbemerkt in den Lieferwagen zu befördern. Zum Glück hatte er den großen Werkzeugkasten auf Rädern im Wagen – für den Kompressor. Niemand achtete auf die Kerle im Blaumann, die irgendwas mit sich rumschleppen.

Doch wenn dieser Idiot von Marcel Blanc glaubte, niemand hätte etwas von seinem Herumgetue mit dieser Frau bemerkt! Viel zu dunkle Haut … auf dunkler Haut dürften die Einschnitte weniger deutlich zu sehen sein. Wie bei einer Zeichnung auf grauem Papier. Oder man müsste tiefer schneiden, damit das Rosa des Inneren zu Tage trat. Alles nur eine Frage der Kontraste. Na ja, jeder nach seinem Geschmack …

Was ihn betraf, so hatte er eine Vorliebe für große Blondinen mit Silikonbusen und Sommersprossen. Was leider nicht auf Gegenseitigkeit beruhte.

Herblain, der Gerichtsmediziner, den die Polizisten vertraulich »Doc 51« nannten, setzte sich auf den Schreibtisch von Jean-Jean, der dabei war, Stapel vergilbter rosafarbener Akten mit klinikgrünen zusammenzuheften. Jean-Jean schwitzte. Es war heiß und schwül, ein regelrechtes Tropenklima. Das Gewitter staute sich im Vorgebirge, die Fliegen waren lästig und alle übelst gelaunt. Er hob die Augen zu Herblain, musterte das hagere, faltige Gesicht, um irgendeine Information darin zu lesen. Seit seiner Zulassung als Assistenzarzt hatte es sich Herblain zur Gewohnheit gemacht, seine Gefühle in Litern von Pastis, Marke 51, zu ertränken, daher sein Spitzname, und so schwebte er unentwegt auf einer Wolke guter Laune. Mit einem Taschentuch, das mit Auswurf besudelt war, trocknete er seine Stirn, um es anschließend, sorgfältig gefaltet, wieder einzustecken.

»Hab so was noch nie gesehen …«, seufzte er. »Ein echtes Puzzle!«

Er stieß ein kleines trockenes Lachen aus, das in Husten überging, den rauen Husten der Alkoholiker.

Ein nach Maß zugeschnittenes Puzzle aus Menschenfleisch, sagte sich Jeanneaux finster.

»Der Körper dürfte um die dreißig sein«, fuhr Herblain fort, als sich der Husten gelegt hatte, »er gehört zu einem kräftig gebauten, stark behaarten, kerngesunden Mann. Der Kopf: eine junge Frau von fünfundzwanzig, sechsundzwanzig, würde ich sagen. Und die Arme, ja, die Arme, die gehören zu einem alten Mann von mindestens fünfundsiebzig Jahren, ich tippe auf einen Clochard, denn die Arme sind zerstochen wie ein Sieb.«

»Womit zerstochen?«

»Mit einer Nadel, Kommissar, wahrscheinlich mit Heroin oder billigem Fusel gefüllt! In welchem Zustand sich wohl der Rest befindet …«, fügte er mit heiterer Miene hinzu.

»Der Rest?«

»Die Reste, besser gesagt. Nun ja, mein kleiner Jeanneaux, der menschliche Körper besteht nun mal aus zwei Armen, zwei Beinen, einem Rumpf, einem Kopf, also müssen die fehlenden Teile unseres Multi-Opfers zwangsläufig irgendwo sein. Wie auch immer, ich muss jetzt gehen, meine Enkeltochter hat Geburtstag …«

»Bestellen Sie ihr schöne Grüße von mir. Eine Frage noch: Um menschliche Körperteile zusammenzunähen, braucht man doch sicher eine große Nadel, oder?«

»Eine Chirurgennadel oder eine von diesen dicken Nadeln, mit denen man Jeans oder Leder näht. Sie wissen ja, Haut ist leicht zu durchlöchern!«

»Kann man nicht rausbekommen, woran sie gestorben sind?«

»Unmöglich! Alles, was wir haben, ist in gutem Zustand.

Wenn es Spuren gibt, dann auf den fehlenden Teilen. Na ja, Jean-Jean, Sie werden sie schon finden, was?«

»Vielleicht auf dem Fundbüro, mit etwas Glück. Also wiedersehen, Doktor, ha, ha, ha!«

Hinter der Rauchwolke seines ewigen Zigarillos versteckt, war Costello dem gezwungen heiteren Wortwechsel gefolgt. Der arme Jean-Jean war wirklich nicht zu beneiden.

Kapitel 2

Der Polizeibeamte Marcel Blanc träumte auf dem großen Platz vor sich hin. Heute war es noch heißer, kein Windhauch regte sich. Geschmolzenes Blei, wie es in den Büchern hieß. Er dachte an den vergangenen Abend zurück: Anstatt ihm, wie gewohnt, eine Szene zu machen, hatte Madeleine ihn wie einen Helden gefeiert. Zum ersten Mal in ihren fünfzehn gemeinsamen Jahren kümmere er sich um etwas Interessantes!, hatte sie verkündet und ihre gebleichte Mähne geschüttelt. Ein abscheulicher Mord, von dem sie sofort all ihren Freundinnen erzählen müsse! Sie formte die fleischigen Lippen, die ihn einst verführt hatten, zu einem Rund und verschränkte die drallen Arme vor der Brust. Dann stürzte sie sich aufs Telefon.

Madeleine wollte einfach nicht einsehen, dass sie sich mitten im Scheidungsprozess befanden. Marcel zuckte die Achseln: Es war aus mit Madeleine, zu lange schon ließ sie ihm keine Luft mehr zum Atmen. Er durfte sich nicht länger von ihr erdrücken lassen.

In der Ferne sah er einen seiner Kollegen vorübergehen und dachte bei sich, dass sie wirklich wie amerikanische Cops aussahen in ihrer neuen Aufmachung – blaues Hemd mit Epauletten und Schirmmütze. Madeleine sagte, mit Schirmmütze oder Käppi – Idiot bleibt Idiot. Nein, wir hatten doch gesagt: Schluss mit Madeleine! Er verjagte das Bild seiner üppigen und rachsüchtigen Frau wie eine lästige Fliege und dachte erneut an seine grausige Entdeckung vom Vortag.

Der Mörder hatte unmöglich am Fundort agieren können. Er hatte an einem Ort operiert, wo er die Leichen zusammentragen und ungestört seiner makabren Inszenierung nachgehen konnte. Warum hatte er sein … sein Werk in dieser Sackgasse mitten im Stadtzentrum deponiert? Es dürfte doch einigermaßen gefährlich sein, mit so einem Ding im Wagen herumzukutschieren! War das Verbrechen ganz in der Nähe geschehen? Vielleicht wohnte der Mörder hier?

Man hatte das Mädchen inzwischen identifiziert. Ihr Mann hatte sie heute Morgen auf dem Zeitungsfoto erkannt. Ein Schwarzweißbild, das im Leichenschauhaus aufgenommen worden war und nur das Gesicht zeigte, die Augen geschlossen. Die Kassiererin eines Supermarkts; sie war vor zwei Tagen als vermisst gemeldet worden. Nach der Arbeit hatte sie die kleine Grünanlage durchquert, bevor sie zerstückelt worden war; sie war nie zu Hause angekommen.

Ihr Mann hatte völlig verstört gegen elf Uhr abends die Polizei angerufen. Die Kollegen der Verstorbenen hatten bestätigt, dass sie immer die Abkürzung durch die Grünanlage nahm; wegen der vielen dort dealenden Kids meinte sie nichts zu riskieren. Es war gut möglich, dass der alte fixende Clochard auch häufig in der Grünanlage gewesen war. Vielleicht wohnte der Mörder ganz in der Nähe. Aber Marcel Blanc war nicht beauftragt, die Ermittlungen zu führen. Er war damit beauftragt, den Alten über die Straße zu helfen und die Hunde daran zu hindern, auf die Blumen rings um das Kriegerdenkmal zu pinkeln, das in der Mitte des Platzes neben dem Brunnen stand.

Warum zum Teufel mussten all die Touristen immer so laut schreien? Der Schweiß rann ihm unter dem Schirm seiner Mütze über die Stirn. Marcel trocknete sich diskret die Augen, sein roter Schnauzbart war klitschnass.

Der Vierzehn-Uhr-Bus bremste abrupt, verfehlte um Haaresbreite einen Roller, dessen Fahrer brüllte: »Alte Schwuchtel!«, woraufhin der Chauffeur zurückschrie: »Verpiss dich!« Marcel seufzte. Die Türen öffneten sich quietschend, und die junge Frau mit der Tätowierung stieg aus. An der einen Hand hielt sie ihren kleinen Sohn, in der anderen ihre Einkaufstasche, und sie unterhielt sich mit einem alten Mann im grauen Polyesteranzug, der ihr etwas Unverständliches zurief.

Marcel pfiff automatisch hinter einem Kerl her, der bei Rot über die Ampel gefahren war. Die junge Frau drehte sich nach ihm um. Wie dämlich er mit dieser Trillerpfeife aussehen musste! Der schuldige Autofahrer setzte eine Unschuldsmiene auf.

Von wegen, dachte Marcel wütend, wirst schon sehen, Dreckskerl, du bekommst die Höchststrafe aufgebrummt.

Es war kühl in der Werkstatt. Einen glimmenden Zigarettenstummel zwischen den schmalen Lippen, spielte der kleine Mann mit dem Medaillon des Heiligen Christopherus, des Schutzheiligen der Reisenden und Autofahrer, das er immer am Hals trug. Über den Motor von Jeanneaux’ Wagen gebeugt, dachte er nach.

Heute Abend werfe ich die Reste am Strand weg. Eine nette Überraschung für die Fischer am nächsten Morgen. Mal was anderes als die Quallen und die Plastiktüten. Und dann, übermorgen, die Riesenschlagzeile in der Zeitung, zum Kaffee zu genießen, während Marcel malochte. Mir gefällt’s, wenn es über die ganze Seite abgedruckt ist. Zu wissen, dass man von mir spricht, von meinem Werk. Zu wissen, dass sich nach dem Ekel und den Schreien, die Angst in ihnen breit macht, schleichend, heimtückisch. Und das war erst der Anfang, Jungs … Übrigens wird es Zeit, sich nach was Neuem umzusehen.

Das Medaillon schaukelte über dem Vergaser, den er mit einem Lumpen putzte. Ja, nach was Neuem, etwas Brandneuem. Er hob den Kopf, suchte den Platz mit den Augen ab. Die Kleine mit dem gelben Rucksack, die gerade Zigaretten für ihren Vater kauft, warum nicht? Sie ist zum Anbeißen … Wie heißt sie gleich noch? Ach ja, Juliette. Juliette, ein hübscher Name für eine Leiche.

In diesem Moment kreuzte Jeanneaux auf, wie immer in Eile, wie immer schlecht gelaunt. Ein mieser Vollidiot, dieser Jeanneaux … Hält sich für einen Knallharten, macht einen auf »Lethal Weapon«, du sollst es kriegen, dein Opfer der tödlichen Waffe! Er warf den Zigarettenstummel auf den Boden und zertrat ihn sorgfältig wie eine Kellerassel.

Los, ihr Augen, rauf mit euch, seht ihn an, den Mund halb offen, die Miene auf blöd geschaltet.

Wie blöd dieser Kerl dreinschauen konnte! Jean-Jean pflanzte sich vor ihm auf, die Hände in die Hüften gestemmt.

»Na, ist er fertig?«

Die Stimme, perfekte Nachahmung eines Mechanikers Ende des zwanzigsten Jahrhunderts.

»Nein, ich weiß nicht, was er hat, es muss die Zündung sein, aber keine Sorge, ich kümmere mich drum …«

»Es ist immer dasselbe! Gut, ich komme um fünf wieder vorbei. Ist er bis dahin fertig?«

»Aber sicher! Schönen Nachmittag noch, Herr Kommissar«, sagte der kleine Mann zu Jean-Jean, der sich eilig entfernte.

»Schönen Nachmittag, Zwerg!«, zischte Jeanneaux zwischen seinen strahlend weißen Zähnen.

Alles Nullen in dieser Werkstatt, dachte er bei sich. Er war von Nullen und Flaschen umgeben, die ständig nur jammerten und ihre kleinen Sorgen vor aller Welt ausbreiteten. Vor dem Schaufenster einer Parfümerie blieb er stehen, um sich zu vergewissern, dass sein eierschalenfarbenes Versace-Hemd richtig in seiner cremefarbenen, perfekt geschnittenen Hose steckte – eine kleine Extravaganz, die er sich in London hatte maßschneidern lassen. Er beugte sich vor, um einen Fussel von seinen rotbraunen Wildlederschuhen zu entfernen, und setzte den Weg mit einem geheimnisvollen Lächeln auf seinem kantigen Gesicht fort.

Am Dienstagmorgen um sechs Uhr wollte sich ein junger Holländer, der am Strand geschlafen hatte, erleichtern und stolperte über eine feuchte Matratze.

Da er nach genauer Untersuchung feststellte, dass die Matratze mit Gliedern und Augen ausgestattet war, begriff der Holländer – wenngleich infolge des Genusses verbotener Substanzen völlig high –, dass er es mit einer Leiche zu tun hatte, deren Beerdigungstermin längst überschritten war, und fing erbärmlich an zu schreien, bis beunruhigte Anwohner die Polizei alarmierten.