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11 Monate lang ermittelt Kriminalist Jörg Ritter in elf verschiedenen Fällen in Stade und im Alten Land. 11 Mal glaubt ein Täter, schlauer als die Polizei zu sein. 11 spannende Geschichten, in denen ein Jörg Ritter mit Humor und Köpfchen ermittelt, sich in eine bezaubernde Frau verliebt und durch diese eine neue Wendung in seinem Leben erfährt …
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Seitenzahl: 384
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Thomas Trczinka
Mörderisches Stade und Altes Land
11 Krimis und 125 Freizeittipps
Die automatisierte Analyse des Werkes, um daraus Informationen insbesondere über Muster, Trends und Korrelationen gemäß § 44b UrhG (»Text und Data Mining«) zu gewinnen, ist untersagt.
Personen und Handlung sind frei erfunden.
Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen
sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
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Im Ehnried 5, 88605 Meßkirch
Telefon 0 75 75 / 20 95 - 0
Alle Rechte vorbehalten
(erschien bereits 2016 im Gmeiner-Verlag unter dem Titel »Wer mordet schon in Stade und im Alten Land?«)
Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt
Herstellung: Julia Franze
E-Book: Mirjam Hecht
Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart
unter Verwendung eines Fotos von: © ajlatan / shutterstock.com, © TELCOM-PHOTOGRAPHY / Fotolia.com
ISBN 978-3-8392-5192-8
Mein Dank gilt den Bewohnern von Stade und dem Alten Land, für ihre Gastfreundschaft und ihre zahlreichen Tipps.
Danke auch an Petra, für ihre fachkundige Führung durch die altehrwürdige Hansestadt Stade.
Mein besonderer Dank gilt Sigrun Krumbach, ohne die dieses Buch nie entstanden wäre.
Sie bewegte mich dazu, dieses Projekt zu wagen.
Ich danke dir, Sigrun, für deine Geduld, deine kritischen Worte und für deine zauberhafte Art, mich zu motivieren. Du hast viele Steine aus dem Weg geräumt, sodass ich mich auf das Wesentliche konzentrieren konnte.
Danke!
Thomas Trczinka
Jörg Ritter fluchte. Feuchtigkeit drang durch seine neuen Schuhe und er bekam klamme Zehen. Warum hatte er nur diese dünnen Treter angezogen. Er hatte andere, wärmere, aber nein, er musste diese sündhaft teuren anziehen. Er liebte Schuhe. Im Allgemeinen galt ja die Meinung, nur Frauen hätten einen Schuhtick. Die Leute, welche so etwas behaupteten, kannten Ritter nicht.
Er blieb stehen, hob erst das linke Bein um es kurz zu schütteln, dann das rechte um die Prozedur zu wiederholen. Schade um das schöne Leder, dachte er, dann stapfte er weiter.
Der Boden war weiß vom Raureif. Die Landschaft um ihn herum hatte etwas Zauberhaftes. Über Nacht hatte der erste Nachtfrost alles verändert. Die Gräser glitzerten in der Morgensonne und alles sah weiß und wie aus feiner Spitze gewebt aus. Die Schwingewiesen1 waren ein magischer Ort. Schon als Kind war Ritter gerne hier. Man konnte toben, Frösche fangen und Libellen beobachten. Doch heute war er dienstlich hier und seine Kindheit war seit etwa 20 Jahren vorbei.
Als er am Fundort der Leiche eintraf, waren seine Schuhe endgültig ruiniert. Selbst mit viel Pflege würden sie nicht mehr so aussehen, dass sie Ritter akzeptabel fand.
Frau Dr. Seidenbach begrüßte Ritter mit kurzen, knappen Worten. »Morgen! Männliche Person. Laut seinem Personalausweis heißt er Burkard Marder. Alter 46 Jahre. Wohnhaft in Stade.«
Sie hockte vor dem Leichnam und zog ein Thermometer aus ihm heraus. Ritter wandte sich kurz ab. Er mochte die Gerichtsmedizinerin, aber nicht ihre Arbeit. Sie hatte das Abwenden bemerkt und schüttelte leicht den Kopf. »So empfindlich?«
Er schaute zur Ärztin und seine Mundwinkel hingen nach unten.
»Es ist früh am Morgen, ich habe noch nichts gegessen und Sie haben das Gemüt eines Fleischers. Ich bitte Sie! Können Sie mir den Todeszeitpunkt sagen?«
»Einen Moment bitte noch.« Sie verglich die Umgebungstemperatur mit der gemessenen, dann zog sie eine Tabelle zur Hilfe heran und nickte.
»Gestern Abend zwischen 15 und 18 Uhr. Das ist aber vorläufig.«
Er nickte nachdenklich. Sein Blick ging hinüber zur Straße, an dessen Rand sein Auto parkte. Dann musterte er den Fundort. »Todesursache?«
»Wahrscheinlich wurde der Mann erstochen.« Sie drehte den Kopf des Toten etwas und deutete auf den Brustkorb. Dort war eine kleine Wunde.
»Genaues kann ich Ihnen nach der Obduktion sagen.« Sie stand auf und packte alles ein. Ritter sah den Mann, dessen Mantel und Hemd offen standen, an. Er blickte zur Wunde, dann musterte er die nähere Umgebung.
»Wer hat ihn gefunden?«, fragte er einen der uniformierten Kollegen.
Dieser deutete auf einen älteren Herrn mit Schlapphut. An seiner Seite saß ein großer Hund.
Ritter mochte keine Hunde. Seine Schwester schon. Sie wohnte auf einen alten Bauernhof im alten Land und hatte zwei Schäferhunde. Diese zeigten immer sehr viel Interesse an Ritters Lederschuhen. Er liebte seine Schwester, aber er hasste ihre Hunde.
Langsam ging er zu dem Mann und seinem Hund. Das Tier schien eine Mischung aus Kalb und Bär zu sein. Ritter war immer wieder erstaunt, zu welchen Leistungen die Natur fähig war. Katzen ohne Fell, Fische ohne Augen und nun eine Kreuzung zweier sehr gegensätzlicher Säugetiere.
Vorsichtig näherte er sich dem Mann. Der Hund nahm keine Notiz von ihm. Er lag im reifüberzogenen Gras und döste mit braunen Hundeaugen vor sich hin.
Ritter grüßte. Der Mann tippte an seinen Schlapphut. Er war etwa 60 Jahre alt, mittelgroß und sein Mantel schlotterte um die Knie. Die Schuhe waren ausgetretene Winterstiefel zum Schnüren.
»Sie haben ihn gefunden?«
Der Mann nickte.
»Sie sind spazieren gegangen?«
Wieder nickte der Mann.
Ritter hatte ein Notizbuch aufgeschlagen. Mit dem Kugelschreiber zeigte er auf den Mund des Mannes.
»Reden können Sie?«
Wieder nur ein Nicken.
Ritter atmete tief ein. Die kalte Luft strömte in jede kleine Bronchie. Als er die Luft geräuschvoll auspresste, bildete sich eine kleine Wolke vor seinem Mund.
»Dann fangen Sie ganz schnell an, zu sprechen. Ich bin schlecht gelaunt, habe Hunger und feuchte Füße! Und was ich noch habe, ist keine Lust auf irgendwelche Spielereien! Ist das angekommen?«
Den letzten Satz flüsterte er ganz langsam, den Mann fest im Blick.
Der nickte wieder und schnell fügte er hinzu. »Ja, ist angekommen.« Vorsichtig setzte er einen Fuß zurück, so als bereite er seine Flucht vor.
»Schön, dann fangen wir von vorne an. Sie haben ihn also gefunden. Wann?«
»Vor einer Dreiviertelstunde.«
»Was machen Sie hier?«
»Ich rede mit ihnen.«
Ritter faste sich an die Nase. Zwei-, dreimal rieb er mit Daumen und Zeigefinger die Nasenspitze, um dann weiterzureden.
»Ja, jetzt. Was taten Sie hier, bevor Sie ihn fanden?«
Er hatte Mühe, ruhig zu bleiben.
»Ich ging spazieren. Das mache ich oft. Mein Blutdruck ist zu hoch und ich muss mich bewegen. Deswegen habe ich mir auch einen Hund angeschafft. Nicht wahr Leo, wir gehen oft spazieren!«
Ritter hatte nun gehört, dass es sich doch um einen Hund handelte und nicht um eine spezielle Kreuzung. Er nickte. Der Hund lag weiter unbeweglich da und mit teilnahmslosen Augen musterte er das Geschehen. Die Spurensicherung war noch mitten in der Arbeit und ihre weißen Anzüge passten in die Raureiflandschaft.
»Haben Sie ihn schon lange?«
»Wen?«
»Den Hund!«
»Ach so, den Leo, nein erst zwei Monate. Ich habe ihn aus dem Tierheim.«
Ritter nickte. »Sie gehen jeden Morgen hier lang?«
Der Mann schüttelte den Kopf. »Nein, das wäre ja langweilig. Jeden Tag eine andere Runde. Heute sind wir eben hier.«
»Aha! Und warum gerade hier?«
Mit großen Augen musterte der Mann Ritter.
»Wegen der Landschaft und der Ruhe.« Entrüstung lag in seiner Stimme.
»Wissen Sie die Uhrzeit, als Sie den Toten fanden?«
»Natürlich.«
»Verraten Sie mir diese oder bleibt das ihr Geheimnis?«
»Es war genau 7.22 Uhr.«
»Da war es doch noch dunkel und Sie stolpern im Dunkeln über diese Wiese?«
»Um 7.16 Uhr war Sonnenaufgang und heute, wenn ich das sagen darf, war es ein sehr schöner! Der klaren Luft sei Dank!«
»Ah ja, was Sie alles wissen. Dann sind Sie im Dunkeln von zu Hause los, um hier den Sonnenaufgang zu genießen?«
»Nicht nur den Sonnenaufgang. Die Natur hat viel zu bieten!«
Ritter dachte an seine letzte Freundin. Er nickte beim letzten Satz des Mannes.
»War sonst noch jemand hier?«
»Nur Leo, der Tote und ich.«
»Sonst niemand?«
»Nein, wie ich schon sagte, nur wir drei.«
Ritter schaute zur Chaussee, die einen verlassenen Eindruck machte.
»Kein Auto oder ein anderes Kraftfahrzeug?«
»Nur ein Traktor fuhr vorbei.«
»Wann?«
»Als ich auf Sie wartete. Etwa 10 Minuten, nachdem ich angerufen hatte.«
»Und wann haben Sie angerufen?«
»Gleich als ich den Mann fand, 7.22 Uhr, aber das sagte ich ja schon.«
»Wo waren Sie gestern zwischen 15 und 18 Uhr?«
Der Mann stutzte. »Ich?«
»Ja, Sie!« Ritter wurde etwas lauter.
»Ich war zu Hause, habe Schach gespielt.«
»Mit wem?«
»Alleine.«
»Da habe ich gleich zwei Fragen. Sie haben gegen sich selber gespielt? Und wer hat gewonnen?«
»Man kann sehr gut alleine Schach spielen. Der Theo, mit dem ich sonst spiele, liegt im Krankenhaus, der bekommt eine neue Hüfte.«
»Na da bin ich ja froh, dass Sie kein Fernschach gegen sich selber spielen. Immer diese Reiserei!«
Ritter schmunzelte, doch der alte Mann schaute verärgert.
»Verkohlen kann ich mich selber. Da kommt man seinen bürgerlichen Pflichten nach und Sie haben nichts Besseres zu tun, als mich zu veralbern.« Eine Zornesfalte bildete sich unter dem Schlapphut. Ritter klopfte dem Mann auf die Schulter.
»Nun bleiben Sie mal ruhig. Sie haben alles richtig gemacht und uns angerufen. Haben Sie ein Telefon?«
»Ja! Wie sollte ich sonst anrufen.« Er holte ein Smartphone neuster Bauart aus seiner Manteltasche.
»Gut! Sie haben den Mann angefasst?«
»Ich bin nur dem Leo nach und da sah ich den Mann liegen. Dachte erst, der wäre betrunken, aber dann sah ich diesen starren Blick und die komische Gesichtsfarbe. Ich zog Leo zurück und rief gleich an. Angefasst habe ich den nicht.«
»Super. Dann geben Sie ihre Personalien dem uniformierten Kollegen und kommen bitte heute Nachmittag um 15 Uhr in mein Büro. Wir setzen dann ein Protokoll auf.«
»Ihr Kollege hat meine Personalien schon aufgenommen. Wäre schön, wenn ich meinen Ausweis wiederbekäme.«
Ritter nickte. Er ging zum Posten und einen Augenblick später war der Mann entlassen. Doch er machte keine Anstalten zu gehen. Viel zu interessant erschien ihm alles, was hier geschah.
Die Spurensicherung hatte ihre Arbeit beendet. Ritter wurde herangewunken. Ein kurzer Gruß und er wurde schnell unterrichtet.
»Der Mann starb hier. Wir können davon ausgehen, hier ist auch der Tatort. Wir fanden Schuhspuren der Größe 44. Um genau zu sein, Spuren von Sportschuhen. Marke werden wir euch noch mitteilen.«
»Habt ihr das Tatwerkzeug gefunden?«
»Nein.« Der Leiter der Spurensicherung schüttelte den Kopf. »Da kann ich dir nicht weiterhelfen, aber der Mann kam von da.« Er zeigte in die entsprechende Richtung.
»Da ist ein Weg, wird im Sommer gerne von Wanderern genutzt. Der Täter kam auch aus dieser Richtung. Er muss das Opfer beobachtet haben. Hinter der Weide hat er gestanden.«
»Das könnt ihr so sagen?«
»Können wir.« Der Leiter schmunzelte. »Seine Schuhspuren verraten das. Er ging nach vollendeter Tat auch wieder in diese Richtung zurück, und zwar hatte er es sehr eilig. Wir haben einen Hund angefordert, aber nach etwa vierhundert Metern verlor er die Spur. Irgendwas verunsicherte den Hund. Wir haben Bodenproben genommen.«
»Sonst noch was?«
»Der Tote wurde nicht bewegt. Er fiel da, wo er stand.«
»Danke. Bis wann habe ich euren Bericht?«
»Du bist so profan. Bericht … Den wirst du schon bekommen. Wir beeilen uns. Versprochen!«
Ritter nickte. Dann ging er im Schlenderschritt langsam den Weg entlang. An der alten Weide, wo der Täter gestanden hatte, blieb er stehen. Trostlos sah der Baum aus, mit seiner rissigen Rinde und seinen senkrecht nach oben gewachsenen Trieben. Wenige Meter neben dem Baum floss träge die Schwinge. Einige Blätter schwammen auf der Wasseroberfläche und man sah dadurch deutlich die Strömung. Es roch nach Herbst, nach altem Laub und nach dem Fluss. Ritter musste seine klammen Zehen in den dünnen Schuhen bewegen. Er fror. Langsam ging er weiter. Hier wuchsen Schlehenbüsche, deren blaue Früchte verlockend aussahen. Ritter kannte diese Frucht. Sauer waren sie. Ihr schöner Schein war trügerisch. Manch einer mochte das herbe Aroma, er konnte dem nichts abgewinnen.
Die Kälte nahm zu. Er drehte um. Viel zu sehen gab es hier nicht.
Der Bestatter war soeben vorgefahren.
Ritter stapfte missmutig zurück zu seinem Auto. Seine neuen Schuhe bekamen nun den Rest.
Er fuhr nach Hause. Am Tabakladen legte er einen Zwischenstopp ein. Er kaufte drei Tageszeitungen. Der Verkäufer musterte ihn ungläubig.
»Sie wissen schon, in jeder steht dasselbe. Wenn Sie Abwechslung wollen, dann kaufen Sie jeden Tag eine. Da steht dann auch immer was Neues drin.«
»Ich möchte aber heute diese Drei kaufen und nicht morgen oder übermorgen.«
»Okay! Soll ich sie einzeln als Geschenk verpacken?« Der Verkäufer grinste breit.
Ritter grinste zurück. »Soll ich mal das Finanzamt vorbeischicken?«
Schlagartig war das Grinsen des Verkäufers weggewischt.
Ritter legte das Geld auf den Tresen, dann nahm er seine Zeitungen und ging.
Zu Hause schlüpfte er aus den Schuhen. Vorsichtig knüllte er die Zeitungsblätter und stopfte sie dann in die Schuhe. Vielleicht konnte er sie retten.
Seine Strümpfe waren feucht. Er zog sie sich von den Füßen und steckte sie in die Waschmaschine. Er krempelte die Hosen hoch, setzte sich auf den Wannenrand und ließ sich dann heißes Wasser über die Zehen laufen. Es schmerzte zu Anfang, doch dann setzte ein wohliges Kribbeln ein. Nach einigen Minuten drehte er das Wasser ab und dann frottierte er seine Beine. Strümpfe waren schnell gefunden, doch bei der Auswahl eines neuen Paars Schuhe zögerte er. Er hatte sich auf dem Flur einen extragroßen Schuhschrank einbauen lassen. Maßarbeit eines Tischlers. Sündhaft teuer war er gewesen, mit seinen Drehtüren und kleinen Fächern, in denen immer ein Paar Schuhe passte. Er entschied sich für ein leicht gefüttertes Paar aus braunem Rindvelourleder, dann fuhr er ins Büro.
Dort ging er zur Karte von Stade und markierte den Fundort. Sein Zeigefinger fuhr den Weg entlang, der direkt neben der Schwinge verlief. In etwa einem Kilometer Entfernung befand sich ein Wohngebiet. Hier hatte der Tote gewohnt. Ritter ging zum Computer und rief die Daten der Meldedatei auf. Burkard Marder war verheiratet. Auch das noch dachte Ritter. Er musste jetzt die Ehefrau informieren. Noch einige Klicks am Computer und er wusste, dass bisher keine Vermisstenanzeige aufgegeben worden war. Seltsam, dachte Ritter. Der Mann war immerhin schon über 12 Stunden tot und über Nacht nicht zu Hause gewesen.
Er stieg wieder ins Auto und fuhr zur Adresse des Verstorbenen. Es war ein einzeln stehendes Haus. Errichtet wie ein Kubus, mit großen Fenstern und einer Mauer drum rum. Ritter mochte diese Art von Gebäuden nicht. Zu quadratisch und steril, wie er fand. Er klingelte am Tor. Nach etwa einer Minute wurde das Tor geöffnet. Fast lautlos schwangen die beiden Torhälften auf. Er ging die wenigen Meter bis zum Wohnhaus, wo ihn eine Frau empfing. Er stellte sich vor. Ihm wurde mitgeteilt, dass Frau Marder im Haus sei. Er musterte die junge Frau, die ihm geöffnet hatte. Gut sah sie aus und sie sprach mit leichtem Akzent. Sie stellte sich als Agnieszka Madej vor. Sie war die Haushälterin.
Ritter gab ihr den Mantel und dann betrat er das Hauptzimmer des Hauses. Es war groß, fast riesig. Gefliester, weißer Boden und weiße Wände gaben ihm etwas Antiseptisches. Die weißen Möbel unterstrichen noch diesen Eindruck.
Frau Marder war eine sehr schlanke Frau, schon fast als dünn zu bezeichnen. Ihre kupferroten Haare standen im starken Kontrast zu ihrer blassen Haut, auf der die Schminke einen rauen, unnatürlichen Eindruck hinterließ. Sie war etwa so alt wie ihr verstorbener Ehemann.
Lächelnd begrüßte sie Ritter und bat ihn Platz zu nehmen. Ritter informierte sie über den Tod ihres Mannes. Sie musterte ihn ungläubig.
»Sie machen Scherze, oder …«
Er schüttelte den Kopf.
Sie schluckte und fragte dann. »Wie ist er verstorben? Das Herz?«
Wieder verneinte Ritter.
»Hatte ihr Mann Probleme mit dem Herzen?«
Sie nickte und blickte nach unten, auf den gefliesten Boden.
»Er klagte seit Wochen über Herzschmerzen. Wenn ich mich nicht irre, war er deswegen auch bei unserem Hausarzt.«
Sie nahm ein Papiertaschentuch und tupfte sich die Augenwinkel, so als wenn sie sich die Tränen trocknen wollte. Doch Ritter hatte keine Träne bemerkt.
Trotzdem fragte er. »Geht es noch?«
Seine Stimme hatte einen mitfühlenden Unterton.
Wieder nickte sie, das Taschentuch mit der rechten Hand zerknüllend.
»Bei welchem Arzt ist ihr Mann in Behandlung gewesen?«
»Dr. Bräuning.«
Er machte sich Notizen.
Die Tür öffnete sich und die Haushälterin fragte, ob sie etwas bringen sollte.
Frau Marder fragte. »Kaffee?«
Ritter verneinte. Er mochte keinen Kaffee. Er war leidenschaftlicher Teetrinker.
Als nach Tee gefragt wurde, nickte er. Frau Madej zog sich leise zurück.
»Waren Sie verwundert, als ihr Mann gestern nicht nach Hause kam?«
Frau Marder schüttelte heftig ihren Kopf. »Nein! Er wollte doch ins Büro. Er sagte, ein Kunde wollte am Abend mit ihm sprechen. Dies war nicht ungewöhnlich, und wenn es lange dauerte, blieb er gleich da. Er hatte ein kleines Zimmer dort.«
Ritter nickte. »War er denn vorher zu Hause?«
»Ja, er kam so um 15 Uhr. Und dann ist er um 17 Uhr wieder raus.«
»Hatte ihr Mann Feinde?«
»Nein!« Entrüstung lag in ihrer Stimme.
»Ihr Mann ist Architekt?«
»Ja, aber was hat das mit seinem Ableben zu tun?«
»Wir ermitteln in alle Richtungen.« Ritter hatte sich leicht nach vorne gebeugt.
»Ja, aber warum? Wie starb mein Mann? Wollen Sie mir das nicht endlich sagen? Sie reden und stellen so komische Fragen, man könnte meinen, mein Mann sei ermordet worden!«
Ritter nickte. »Ja es stimmt, meine Fragen mögen Sie verwundern, aber ich habe meine Gründe und ja, wir gehen von einem Tötungsdelikt aus.«
Sie griff wieder zum Taschentuch und tupfte sich die Augen. Einen Augenblick herrschte Stille. Dann trat die Haushälterin ein und brachte den Tee für Ritter und Kaffee für Frau Marder. Als sie gegangen war, fragte Ritter weiter.
»Wissen Sie, mit wem sich ihr Mann treffen wollte?«
Sie schüttelte den Kopf und mit einem kleinen Silberlöffel rührte sie im Kaffee umher.
»Sie sprachen davon, dass ihr Mann um 17 Uhr das Haus verließ. Er wollte von hier direkt ins Büro?«
Sie sah Ritter an. »Ich glaube schon.«
»Können Sie mir sagen, was er dann auf den Schwingewiesen getan hat?«
Sie zog die Augenbrauen hoch. Ihr langes Gesicht wirkte dadurch noch länger.
»Er ging dort oft spazieren. Er sagte immer, die Natur sei ein Schatzkästchen, und er genoss die Ruhe.«
Ritter trank von seinem Tee. Überrascht musste er feststellen, dass dieser sehr gut war.
Er deutete auf seine Tasse. »Ausgezeichnet!«
Frau Marder lächelte. »Ja, mein Mann trank lieber Tee und er kaufte immer im Teegeschäft2 in der Nähe des Rathauses3. Ich mag lieber Kaffee.«
Sie nahm ihre Tasse und trank einen großen Schluck.
Ritter sah sich im Raum um.
»Hat ihr Mann hier ein Arbeitszimmer?«
»Ja, oben.«
»Ich muss es sehen.« Ritter stand auf. Frau Marder nickte, blieb aber sitzen.
»Agnieszka wird es Ihnen zeigen.« Sie griff zu einer kleinen Fernbedienung und eine Minute später stand die Haushälterin in der Zimmertür.
»Zeige dem Herrn Ritter das Arbeitszimmer meines Mannes.« Der Tonfall lies keinen Widerspruch zu.
Frau Madej nickte und sie gingen nach oben. Als sie die Tür zu Marders Arbeitszimmer öffnete, blieb Ritter überrascht in der Tür stehen. Dieser Raum stand im totalen Kontrast zum ganzen Rest des Hauses. Auch hier dominierten große Fenster und viel Licht, aber die Wände waren dunkel getäfelt und der Raum im Stil eines englischen Herrenzimmers eingerichtet. Eine dunkelgrüne Chesterfield Garnitur lud zum Sitzen ein. Ein alter Schreibtisch, mit vielen geschnitzten Verzierungen stand unter einem der Fenster. Ein großes Bücheregal nahm die Stirnseite des Zimmers ein. Selbst der alte Regenschirmständer mit alten Schirmen, fügte sich nahtlos in das Gesamtbild ein. Bis auf das Telefon und den Computer gab es nichts Modernes in diesem Zimmer. Ritter ging zum Schreibtisch, darauf stand ein Tischkalender. Für den gestrigen Tag gab es keine Einträge. Für vorgestern waren zwei Vornamen notiert. Tomasz und Christian standen dort. Sonst nichts. Ritter blätterte, doch mehr Einträge waren nicht vorhanden.
Er notierte sich die Namen und wandte sich zur Haushälterin.
»Sagen Ihnen die Namen Tomasz und Christian etwas?«
»Ja.« Die Frau nickte.
»Tomasz heißt mein Bruder und bei Christian handelt es sich um Herrn Marders Sohn.«
»Ich habe hier eine Eintragung von vorgestern gefunden. Was wissen Sie darüber?«
»Ich … also ich …« Sie wirkte verlegen.
Von unten erscholl die Stimme von Frau Marder. »Kann ich helfen?«
»Nein!«, rief Ritter zurück.
Er gab der Haushälterin seine Karte. »Kommen Sie bitte um 15 Uhr in mein Büro.« Er schloss die Zimmertür und sie gingen wieder hinunter, wo Frau Marder an der Treppe stand und hinauf blickte.
Ritter sprach sie an. »Sagen Ihnen die Namen Tomasz und Christian etwas?«
»Tomasz ist der Bruder von der da!« Sie zeigte auf Frau Madej. »Und Christian ist der missratene Sohn von meinem Mann aus erster Ehe.«
»Wieso missraten?«
»Er sollte Architekt werden, wie Burkard, doch er hatte damit nichts im Sinn.«
»Warum hatte ihr Mann die beiden Namen in seinem Terminkalender notiert?«
»Keine Ahnung.« Sie zuckte mit den Achseln und strich sich über die Stirn.
»Mir geht es nicht gut. Wenn sie mich entschuldigen.«
»Gleich, Frau Marder. Eine Frage habe ich noch. Wo waren sie gestern zwischen 15 und 18 Uhr?«
»Ich?« Sie tat entrüstet. »Wollen Sie behaupten, ich habe meinen Mann ermordet?« Ihre Stimme wurde lauter, fast schrill. Ihr dünner Hals stieß nach vorne.
Ritter blieb ruhig. Er strich sich durch das schwarze Haar. »Ich behaupte gar nichts. Antworten Sie mir bitte, Frau Marder, dann sind sie mich auch gleich los.«
»Ich war hier. Fühlte mich nicht wohl, meine Migräne, Sie verstehen?«
Ritter nickte. »Kann ihre Haushälterin oder jemand anderes das bezeugen?«
»Die hatte frei.« Ihre Hand zeigte in Richtung Haushälterin. »Aber Dr. Bräuning war gegen 18 Uhr hier. Er gab mir eine Spritze gegen die Kopfschmerzen.«
»Herzlichen Dank für die Auskünfte.« Ritter verbeugte sich leicht. »Und Sie kommen bitte um 15 Uhr in mein Büro.« Er nickte der Haushälterin zu. Dann ging er.
Im Auto atmete er tief durch. Sein Magen meldete sich. Er war heute ohne Frühstück aus dem Haus und der Tee hatte die Magensäfte angeregt. Er beschloss, erst mal zu frühstücken.
Er fuhr in die Stader Innenstadt und betrat das Café im Goebenhaus.4 Er liebte es hier zu sitzen, zu frühstücken und die Leute zu beobachten. Selbst zu dieser Jahreszeit bevölkerten viele Touristen Stade. Sie erkundeten die kleine Stadt mit ihren vielen Fachwerkhäusern.5
Hier am Wasser West6 war viel Betrieb. Ritter aß in Ruhe. Dann zahlte er. Neben dem Café war das Bürgermeister Hintze Haus7. Dort stand eine Touristengruppe und fotografierte die Fassade. Ritter schob sich vorbei. Er hatte einen Mord aufzuklären.
Er fuhr ins Büro, doch dort gab es noch keine Neuigkeiten. So beschloss er, Marders Büro aufzusuchen.
Dort wurde er von einer attraktiven Frau Mitte vierzig empfangen, die sich mit Müller vorstellte. Ihr Lächeln verschwand, als Ritter sich auswies und ihr erklärte, worum es ging. Alles Blut wich aus ihrem Gesicht und ihre Hände zitterten. Mit fahrigen Bewegungen zog sie ein Zellstofftaschentuch aus einer Spenderbox. Die Nachricht vom Tod ihres Chefs traf sie schwer. Es dauerte zwei, drei Minuten, bis sie weitersprach. Von einem Kunden, der sich gestern Abend mit Marder treffen wollte, wisse sie nichts. Sie kontrollierte zur Sicherheit noch den Terminplaner ihres Chefs, doch auch dort fand sich kein Eintrag. Ritter fragte nach den Terminen einen Tag zuvor. An diesem Tag waren zwei Termine eingetragen. Einmal eine Besprechung mit Herrn Kosowski, ein Angestellter des Büros und dann wieder die Namen Tomasz und Christian.
Ritter dankte und ließ sich dann die Räumlichkeiten zeigen. Marder hatte ein eigenes Büro. Sein Schreibtisch war aufgeräumt und von ähnlicher Bauart wie der in seinem Haus. Auch hier lud eine Chesterfieldcouch zum Verweilen ein. Diese war aber dunkelbraun. Ritter zog die Schreibtischschubladen auf, doch er fand nur Papier, Stifte und Bürobedarf.
Er bat, die anderen Räumlichkeiten zu sehen. Bereitwillig wurde er herumgeführt.
Ritter hatte helle Büroräume erwartet, in denen Angestellte an Zeichenwänden standen und arbeiteten. Doch er wurde enttäuscht. Zwar waren die Räume hell und lichtdurchflutet, doch niemand stand an einem Zeichentisch. Er musste sich belehren lassen.
»Heute wird die meiste Arbeit am Computer erledigt.« Ein Mann etwa in Ritters Alter war an sie herangetreten. Die Frau vom Empfang tupfte sich die Tränen von der Wange und ging schnellen Schrittes in Richtung der Toiletten. Der Mann stellte sich als Kosowski vor. Er sei die rechte Hand des Chefs, fügte er hinzu. Ritter informierte auch ihn. Kosowski nahm die Botschaft gefasst auf. Er deutete zu seinem Schreibtisch.
»Lassen Sie uns Platz nehmen.«
Ritter willigte ein. Im Gegensatz zu Marders Schreibtisch handelte es sich bei Kosowskis Exemplar um ein modernes Büromöbel.
Ritter sprach Kosowski darauf an.
»Nun ja«, meinte dieser lächelnd, der Chef hing ein wenig an den alten Sachen.«
»Wie bei ihm zu Hause.« Ritter lächelte zurück.
»Wieso?« Neugierig musterte Kosowski den Kriminalisten.
»Er hat ein ganzes Zimmer auf alt eingerichtet, und zwar sein Arbeitszimmer. Haben Sie das nicht gewusst?«
Kosowski schüttelte den Kopf. »Ich war nie bei Herrn Marder zu Hause und ich selber mag keine alten Sachen. Sehen Sie, selbst der Bilderrahmen ist modern.«
Lachend deutete er auf einen silbernen Rahmen, in dem ein Bild von ihm mit einem Hund steckte. Wenn Ritter sich nicht täuschte, handelte es sich um einen Rhodesien-Ridgeback. Bereitwillig beantwortete Kosowski die Fragen von Ritter. Nein, Marder hatte keine Feinde und es gab keinen Ärger mit Auftraggebern. Ihr Büro arbeitete gewissenhaft und Herr Marder hatte einen guten Ruf. Ritter dankte und ging wieder nach vorne. Dort saß mit verweintem Gesicht die hübsche Empfangsdame.
Ritter ließ sich noch einmal den Terminplaner von Herrn Marder zeigen. Am morgigen Tag wollte er sich mit seinem Rechtsanwalt treffen.
Ritter ließ sich die Telefonnummer geben und dann verabschiedete er sich. Noch beim Hinausgehen wählte er die Nummer des Rechtsanwalts.
Einige Minuten später wusste er, dass Marder um ein Gespräch gebeten hatte. Er hatte aber nicht gesagt, warum er um diesen Termin gebeten hatte.
Nachdenklich beendete Ritter das Telefonat.
Kurz nach dem Mittag hielt er den vorläufigen Bericht der Gerichtsmedizin in den Händen. Marder war erstochen worden. Ein einzelner Stich direkt ins Herz hatte in getötet. Bei der Tatwaffe handelte es sich um eine schmale Klinge mit Hohlschliff, wie von einem Degen oder Stilett. Marder war sofort tot. Die Tatzeit konnte auf 17 bis 18 Uhr eingegrenzt werden. Der Stichkanal verlief fast gerade. Der Täter musste ebenso groß sein wie das Opfer. Nachdenklich ließ Ritter den Bericht sinken. Er trat an die Landkarte und markierte den Tatort. Dann nahm er ein andersfarbiges Fähnchen und steckte es an die Stelle, wo Marders Haus stand und ein weiteres dorthin, wo das Büro war.
Die Schwinge war blau eingezeichnet und wand sich wie eine Schlange über die Karte, bis sie in die Elbe floss.
Ritter zog sich den Mantel über. Er hatte eine Idee.
Am alten Holzhafen8 schaute er sich um. Trotz des Sonnenscheins war es kalt. Der Winter klopfte an die Tür. Ritter ging die wenigen Schritte zum Bootsverleih9. Eine junge Frau wollte gerade die Tür abschließen, als er sie ansprach. Sie lächelte, als Ritter sein Anliegen schilderte. Nach wenigen Minuten hatte er alle Informationen und er verabschiedete sich. Er musste die Schwinge hinauffahren, Richtung Quelle. Sie hatte ihm genau beschrieben, wo die Kanugruppe Rast machte. Als Ritter eintraf, saßen diese um ein Lagerfeuer, über dem ein großer Topf an einem Dreibein hing. Er wurde von der Runde kurz gemustert. Als er sich vorstellte, verstummten die Gespräche. Ein junger Mann trat zu ihm und lud ihn ein, sich zu setzen. Ritter fragte, ob auch gestern Kanuten auf der Schwinge unterwegs waren. Doch diese Frage wurde verneint.
»Wir machen heute unsere Jahresendtour. Wird langsam zu kalt, zum Paddeln.«
Der junge Mann deutete in die Runde der sechs Kanuten. »Von uns war keiner unterwegs und ich glaube, auch sonst fährt niemand mehr. Geht erst wieder im Frühjahr los!«
Ritter schaute resigniert drein. Schade, dachte er. Der junge Mann rührte in dem großen Topf und sagte dann. »Das Chili ist heiß!« Alle sprangen auf und ließen sich eine Portion geben.
Auch Ritter wurde eingeladen, eine Portion Chili con Carne mitzuessen.
Er nahm die Einladung gerne an und Minuten später genoss er das scharfe Essen. Es schmeckte ihm fantastisch. Das gute Essen, die frische Luft und das offene Feuer hatten etwas Romantisches. Er fühlte sich sauwohl. Doch dieser Zustand hielt nur wenige Minuten an.
Er bedankte sich, und ging langsam zu seinem Auto zurück.
Pünktlich um 14 Uhr betrat Agnieszka Madej sein Büro. Sie war blass und ihr Blick irrte unsicher durch den Raum. Ritter ließ ihr Zeit. Nach einigen Minuten, die mit nichtssagender Plauderei gefüllt worden waren, stellte er seine erste Frage.
»Wo waren Sie gestern zwischen 17 und 19 Uhr?«
»Ich war bei meinem Bruder Tomasz Czeresniak.«
»Hier in Stade?«
»Nein, in Hamburg.«
Ritter nickte. Er lies sich die Adresse geben.
»Mussten Sie gestern nicht arbeiten?«
Sie schüttelte den Kopf. »Nein, ich hatte meinen freien Tag.«
»Wie war ihr Verhältnis zu Herrn Marder?«
»Er war mein Arbeitgeber und er war ein guter Mensch.« Sie schluckte.
»Und mit Frau Marder ist es da genauso?«
»Nein. Sie ist sehr anstrengend. Ich kann ihr nichts recht machen. Deswegen werde ich auch kündigen.«
»Haben Sie denn schon eine neue Anstellung?«
Wieder schüttelte sie den Kopf.
Ritter erfuhr, dass der Ermordete jeden Tag am Fluss spazieren ging. Er schüttelte so alles vom Tag ab und er bekam die frische Luft, die er im Büro nicht erhielt.
Ritter fragte nach der Ehe und dem Sohn.
Frau Madej wollte erst nicht über die Ehe der Marders sprechen, doch sie ließ durchblicken, dass es nicht die glücklichste Verbindung gewesen war. Zu seinem Sohn hatte Herr Marder bis vor Kurzem keinen Kontakt gehabt, doch in den letzten Wochen hatte sich das gewandelt.
Die Befragung dauerte über eine Stunde und an ihrem Ende unterschrieb die Haushälterin das Protokoll.
Als Ritter wieder alleine war, wurde ihm eine Meldung der uniformierten Kollegen hereingereicht. Eine Rentnerin hatte ausgesagt, am Abend des Mordes auf dem Weg an der Schwinge gegen 18 Uhr einen Jogger gesehen zu haben. Ihr war der Mann nur aufgefallen, da er einen Regenschirm bei sich trug.
Zum Alter und Aussehen des Mannes konnte sie nichts sagen. Schließlich war es gerade dunkel geworden und ihre Augen waren nicht mehr die Besten. Sie hatte ihren kleinen Hund spazieren geführt.
Ritter suchte sich die Anschrift von Marders Sohn heraus. Er wohnte, wie Czeresniak, in Hamburg. Ritter beschloss, die beiden noch zu befragen. Vorher fuhr er noch bei Dr. Bräuning vorbei. Das Gespräch mit ihm war kurz. Trotz voller Praxis konnte der Mediziner einige Minuten für ihn aufbringen. Ja, er war gestern gegen 18 Uhr bei Frau Marder gewesen. Das könne er beeiden. Ritter dankte und dann fuhr er nach Hamburg. Auf der B73 ging es nur stockend voran. Es wurde Zeit, dass die Autobahn endlich fertiggestellt wird, dachte Ritter. In Agathenburg10 staute sich der Verkehr. Hier, wo das gleichnamige Schloss stand, ging nichts mehr. Erst nach einer halben Stunde konnte Ritter weiterfahren. Bis kurz hinter Neu Wulmsdorf, wo nördlich das Naturschutzgebiet Moorgürtel11 und südlich das Naturschutzgebiet Fischbeker Heide12 lag, floss der Verkehr. Ab da hieß es wieder langsam, ganz langsam.
Als Ritter in Hamburg eintraf, setzte die Dämmerung ein.
Christian Marder war nicht zu Hause. Er fuhr zu Tomasz Czeresniak, doch auch dort traf er niemanden an. Ein freundlicher Nachbar, den Ritter im Treppenhaus traf, gab ihm den Tipp, im Hinterhof zu schauen. Ritter dankte, und tatsächlich traf er dort den Polen. Dieser werkelte in einem kleinen Schuppen. Er unterbrach seine Arbeit, als Ritter eintrat.
Czeresniak war schlank, etwa so groß wie Ritter und auch in seinem Alter. Die Angaben der Gerichtsmedizin, bezüglich der Größe und des Stichkanals passten ebenfalls auf ihn.
Ritter stellte sich vor und Czeresniak zeigte auf die Fassade des Hauses. »Wollen wir nach oben gehen?«
Er sprach mit starkem Akzent. Ritter schüttelte den Kopf und fragte nach Christian Marder.
»Wahrscheinlich noch auf Baustelle. Moment, ich telefoniere.«
Er erreichte Marder. Dieser versprach, sofort vorbeizukommen. Ritter nickte befriedigt. Es wäre schade gewesen, nur Czeresniak befragt zu haben. Die Fahrt von Stade bis hierher hatte viel Zeit gekostet.
Czeresniak bestätigte die Aussage seiner Schwester. Sie war gestern bei ihm gewesen. Hatte sich um die Wäsche gekümmert und für ihn und Marder gekocht. Der war gegen 19.30 Uhr aufgetaucht und gemeinsam habe man zu Abend gegessen. Die Zutaten hatte Agnieszka mitgebracht. In Stade gibt es ein Geschäft für polnische Spezialitäten13, so Czeresniak. Ritter war schon einige Male an diesem Laden vorbeigegangen, doch eingekauft hatte er dort bisher noch nicht.
Ritter fragte Czeresniak nach dem Termin, den sie bei dem Ermordeten hatten. Der Pole bestätigte diesen. Der Vater von Christian wollte sie finanziell unterstützen. Sie wollten für die Firma neue Maschinen anschaffen.
Ritter und Czeresniak wurden von Christian Marder unterbrochen, der verschwitzt eintraf. Er musterte Ritter kurz, und lehnte sich dann an die kleine Werkbank. Er war eine jüngere Ausgabe seines Vaters. Genauso massig, genauso groß!
»Sie kommen wegen meines Vaters.« Es war mehr eine Feststellung als eine Frage.
Als Ritter nickte, sagte er nur. »Dann beschäftigen Sie sich mal mit seiner Frau.«
»Ihrer Stiefmutter?«
Marder winkte ab. »Mehr Stief, als Mutter.«
»Aha. Wie das?«
Marder berichtete ihm vom frühen Tod seiner Mutter. Diese verstarb, als er acht Jahre alt war. Ein Krebsleiden raffte sie dahin. Zwei Jahre später heiratete sein Vater erneut. Christian fand keinen Kontakt zu dieser Frau und sie suchte auch nicht seine Nähe. Irgendwann zog er aus. Er wollte sie nicht mehr sehen. Sein Vater verstand nicht, warum sein Sohn so reagierte. Das vorgezeichnete Studium schlug er aus. Stattdessen arbeitete er auf dem Bau, um ein Jahr später als Tischlerlehrling durchzustarten. Vergangenes Jahr habe er seinen Meister gemacht, verkündete er stolz. Zusammen mit Tomasz Czeresniak hatte er seine eigene Firma gegründet und durch einen Auftrag sei er wieder in Kontakt mit seinem Vater gekommen. Dieser hatte das Projekt als Architekt betreut. Der alte Herr war angetan von der Arbeit und dem Werdegang seines Sohnes. Sein Vater wollte vieles wieder gutmachen. Er hatte die Kontakte und das nötige Kleingeld. Positiv war auch, wie der Deutsche und der zehn Jahre ältere Pole sich ergänzten.
Als Ritter nach seinem Alibi für die Zeit des Mordes fragte, zuckte Marder nur mit den Achseln.
»Ich glaube, ich habe keines!« Mehr sagte er dazu nicht.
Zwei Tage später trafen sich alle Beteiligten in Marders Villa. Ritter hatte um den Termin gebeten und sich als Unterstützung zwei uniformierte Kollegen mitgebracht. Diese standen vor der Haustür und musterten jeden Ankommenden. Ritter stand in der Eingangstür und empfing jeden persönlich. Frau Marder war sehr verärgert. Nach ihrer Meinung ziemte sich so etwas nicht in einem Trauerhaus. Doch Ritter war über ihre Einwände galant hinweggegangen. Jetzt saß sie im großen Raum unten, mit einem Kognakglas in der Hand und schmollte. Als Erster kam Herr Kosowski in Begleitung mit Frau Müller. Ritter begrüßte die beiden. Er bat sie, im Arbeitsraum des Verstorbenen schon mal Platz zu nehmen. Wortlos stiefelte Kosowski die Treppe hinauf. Frau Müller ging folgsam hinterher. Dann kamen Tomasz Czeresniak und Christian Marder. Auch sie gingen nach oben. Als Dr. Bräuning wenige Minuten später eintraf, war es mit der Stille vorbei. Lautstark beschwerte er sich bei Ritter. Er sei ein viel beschäftigter Arzt und habe keine Zeit für solche Mätzchen. Ritter lies ihn toben und schickte ihn auch nach oben. Als letzte traf Agnieszka Madej ein. Sie war blass und scheute sich, das Haus zu betreten. Sie hatte gestern gekündigt und Frau Marder hatte einen Tobsuchtsanfall bekommen. Dieser Anfall wiederholte sich jetzt. Kaum war die ehemalige Haushälterin über die Schwelle getreten, schrie Frau Marder los. »Die hat in meinem Haus nichts mehr zu suchen! Diese Person!«
Agnieszka Madej zuckte zusammen und wollte wieder hinaus. Doch Ritter deutete nach oben. »Gehen Sie ruhig hoch. Oben wartet ihr Bruder.«
Sie nickte und langsam stieg sie die Treppe hoch, am Geländer Halt suchend.
Ritter ging in den großen Raum, in dem Frau Marder tobte. Sie schwenkte das leere Kognakglas in der Hand und ihr Gesicht war krebsrot. Ihre Halsadern zeichneten sich blau ab und sie schrie.
Ritter ließ sie einen kurzen Augenblick gewähren, dann hob er seine Stimme.
»Beruhigen Sie sich. Ich habe einen Mord aufzuklären und das ist doch auch in ihrem Interesse!«
Schlagartig verstummte sie. Ihr Mund stand offen und sie hielt mitten in der Bewegung inne. Ritter nahm ihr das Glas aus der Hand und dann ging er mit ihr nach oben. So, wie sie lief, hatte sie dem Kognak schon sehr zugesprochen.
Er rief die beiden Polizisten hinein, die ihm folgten.
Oben saßen alle Verdächtigen. Ritter bat auch Frau Marder Platz zunehmen. Sie setzte sich neben Kosowski, der beruhigend auf Frau Müller einredete, die sich wieder Tränen aus dem Gesicht tupfte.
Ritter dankte lächelnd den Anwesenden für ihr Erscheinen. Dr. Bräuning knurrte etwas Unverständliches zurück.
»Ja, Sie werden sich wohl fragen, was dieses Treffen soll. Nun, ich bitte Sie um etwas Geduld. Vor einigen Tagen wurde ich an einen Tatort gerufen. Ermordet worden war ein Architekt, Ihr Mann«, er deutete auf Frau Marder. »Ihr Kollege«, nun wandte er sich Kosowski und Frau Müller zu. »Ihr Chef«, er blickte zu Agnieszka. »Und nicht zuletzt Ihr Vater und zukünftiger Förderer.« Er musterte Christian Marder, der neben Tomasz Czeresniak saß.
»Und wie das so ist bei solchen Ermittlungen, man hat viele Verdächtige und nach und nach kristallisiert sich ein Bild heraus.« Er lächelte und langsam ging er einige Schritte durch den Raum.
»Herr Dr. Bräuning, Sie waren am Tag des Todes gegen 18 Uhr hier im Haus?«
»Ja, aber das wissen Sie doch.« Er machte einen unruhigen Eindruck. Immer wieder sah er auf die Uhr.
»Gemach, gemach.« Ritter machte eine beruhigende Handbewegung.
»Heute benötige ich Ihren medizinischen Sachverstand. Frau Marder sagte aus, sie hatte an diesem Tag Migräne. Können Sie das bestätigen?«
»Ja, das kann ich, aber um Gottes willen, so machen Sie doch hin. Auf mich warten Patienten!«
Ritter musterte den Arzt. »Sie behaupten also felsenfest, Frau Marder litt an diesem Tag an Migräne!?«
»Was heißt felsenfest? Sie zeigte alle Symptome eines Migräneanfalls. Beschwerden wie Übelkeit, Lichtscheue und dieser spezifische auf eine Kopfregion beschränkte bohrende Schmerz lassen auf eine Migräne schließen.«
»Hatte Frau Marder schon öfters darunter zu leiden?« Dr. Bräuning schaute zu Frau Marder, die nickte.
»Ja, hatte sie.« Antwortete der Arzt.
»Und Sie behandelten sie? Richtig?«
»Richtig!« Der Arzt stöhnte kurz auf. »Ich spritze ihr Sumatriptan. Ein Mittel, das bei einem Migräneanfall gegeben wird.«
Ritter nickte. »Und dieses Sumatriptan gibt es nur als Spritze?«
»Nein!« Die Stimme des Arztes war etwas lauter geworden. »Den Wirkstoff gibt es auch als Tablette, als Nasenspray, als Suppositorium und …«
Ritter unterbrach den Mediziner. »Danke, danke Herr Doktor. Hätten Sie Frau Marder nicht der Einfachheit halber, ein Rezept für Tabletten ausstellen können? Ist doch einfacher, als einen Hausbesuch zu machen.«
»Hatte ich doch.« Knurrte der Arzt.
»Ach!« Ritter tat überrascht. »Warum das?«
Der Arzt rollte mit den Augen und seine Hände schlossen sich zu Fäusten.
»Migräne ist ein Anfallsleiden und dagegen gibt es die Triptane für die Selbsttherapie. Frau Marder bekommt diese seit etwa 10 Jahren von mir verschrieben.«
»Das ist schön.« Ritter lächelte.
»Eine Frage habe ich aber noch, Herr Doktor. Bekommt man so einen Anfall abends?«
Der Arzt sah aus, als wolle er Ritter erwürgen.
»Nein. Die meisten Patienten bekommen diesen aus dem Schlaf heraus, also eher morgens.«
»Herzlichen Dank, Herr Doktor. Sie haben mir sehr geholfen.«
Ritter wandte sich Frau Müller zu.
»Kann es sein, das Sie mehr empfanden für Herrn Marder?«
Sie schaute ihn mit großen Augen an und fing dann an zu weinen.
»Sehen Sie, das habe ich gemeint. Als Sie vom Tod ihres Chefs erfuhren, waren Sie sichtlich mitgenommen. Habe ich recht?«
Unter Tränen nickte sie.
Frau Marder geiferte los. »Mit dieser Schlampe hat mich Burkard betrogen? Und ich dachte, er ist hinter dem Polenflittchen her!«
Ritter drehte sich blitzschnell um. »Sie sind ruhig, oder ich lasse Sie gleich verhaften.«
»Sie mich verhaften? Sie ticken ja nicht mehr richtig. Weswegen wollen Sie mich verhaften?«
»Beihilfe zum Mord. Was halten Sie davon?« Ritter war dicht an sie herangetreten.
»Ich habe ein Alibi!« Sie schlug triumphierend ihre Beine übereinander. Ritter konnte ihre kantigen Knie sehen.
»Stimmt! Für die Tatzeit schon, aber Sie waren aktiv an der Vorbereitung beteiligt.« Ritter hatte sich vor ihr aufgebaut. Sie blickte ihn kurz an und lachte dann schrill auf.
»Sie spinnen ja!«
»Na, so würde ich das nicht sagen. Sie hatten einen Komplizen und der ist auch in diesem Zimmer.«
Langsam drehte sich Ritter und sekundenlang musterte er jeden Anwesenden.
Dann trat er vor Kosowski. »Ich verhafte Sie wegen Mordes an Herrn Burkhard Marder.«
Kosowski schaute ihn mit großen Augen an. »Jetzt drehen Sie wohl ganz durch.«
Frau Müller schrie kurz auf und rutschte dann ein Stück von ihm weg.
Ritter musterte Kosowski mit ernstem Blick.
»Ich werde Ihnen alles beweisen, Sie sagten mir im Büro, Sie seien noch nie hier gewesen. Trotzdem gingen Sie heute zielstrebig die Treppe hinauf, als ich Ihnen mitteilte, wir treffen uns im Arbeitszimmer von Herrn Marder. Sie wussten, wo es sich befand! Ja, Sie waren schon einmal hier.« Er hatte seine Stimme erhoben. Etwas leiser sagte er. »Eigentlich zweimal am Tag des Mordes. Einmal, um von Frau Marder die Information zu bekommen, ihr Mann gehe spazieren, wie fast jeden Abend, und um die Tatwaffe zu holen. Und dann, um sie zurück zu bringen.«
Kosowski lachte auf. »Sie haben eine blühende Fantasie!«
»Nein.« Ritter schüttelte den Kopf. »Schauen Sie.« Er ging zum Schirmständer. Dann streifte er sich einen dünnen Gummihandschuh über. Er zog einen Regenschirm heraus und sagte. »Hiermit töteten Sie ihren Chef.«
»Mit einem Regenschirm, sicher Herr Ritter. Also bei aller Liebe, aber das schaue ich mir nicht länger mit an.« Kosowski erhob sich. Ritter zog am Griff des Schirms und hielt dann einen Degen in der Hand.
»Setzten Sie sich!« Er ließ die Spitze des Degens vor Kosowskis Brust tanzen.
Der fiel mehr auf die Couch, als dass er sich setzte. Blass sah er aus und auf seiner Stirn bildeten sich Schweißtropfen.
»Ihr Pech war, dieser sogenannte Stoßdegen ist in Deutschland verboten, und zwar aus gutem Grund. Man sieht dem Schirm seinen gefährlichen Inhalt nicht an. Marder beantragte eine Ausnahmegenehmigung für das gute Stück und bekam sie auch. Ich fand diese, als ich Erkundigungen über Marder einzog.«
Er schob den Degen zurück in den Schirm. Vorsichtig gab er diesen einem der uniformierten Polizisten, die das Schauspiel von der Tür aus beobachteten.
»Ich wette, am Griff sind ihre Fingerabdrücke. Und ganz schlecht ist für Sie, dass es eine Zeugin gibt. Jemand hat Sie am fraglichen Abend gesehen, wie Sie als Jogger getarnt, von ihrer Tat zurückkamen. Nur, welcher Läufer rennt mit einem Regenschirm durch die Botanik?«
»Festnehmen!« Er deutete auf Kosowski und Frau Marder.
Nach wenigen Minuten war er mit den Verbliebenen alleine. Dr. Bräuning schaute aus, als träumte er.
Christian Marder fasste sich als Erster. »Können Sie uns erklären, was hier gerade passiert ist?«
Ritter nickte, dann setzte er sich. Er schwieg einen Moment und dann berichtete er.
»Ihr Vater wollte sich wohl scheiden lassen, aber das ist zurzeit nur eine Vermutung. Die Firma, das Haus, alles lief auf seinen Namen. Ihrer Stiefmutter wäre nicht viel geblieben und Herr Kosowski war nur ein willfähriges Werkzeug. Wahrscheinlich hat sie ihm die Leitung der Firma versprochen. Viel Zeit hatten die beiden nicht. Ihr Vater hatte schon einen Termin bei seinem Rechtsanwalt gemacht. Er wollte wohl sein Leben radikal verändern.«
»Das stimmt.« Dr. Bräuning hatte diesen Satz gesagt.
»Herr Marder klagte die letzten Wochen über Herzschmerzen, doch ich konnte nichts Auffälliges feststellen. Blutdruck und EKG waren unauffällig. Ich habe ihm gesagt, dass seine Beschwerden psychosomatischer Natur seien und er nickte. Er meinte, es sei Zeit einige schwerwiegende Entscheidungen zu fällen. Er sagte mir aber nicht, welcher Art diese Entscheidungen waren.«
»Und so beschlossen die beiden zu handeln. Am Tag als Frau Madej frei hatte und Herr Marder seinen Spaziergang machte, lauerte Kosowski ihm auf. Kaltblütig erstach er seinen Chef mit dem mitgebrachten Stockdegen, den er nach der Tat wieder zurückstellte. Die Zwei waren sich sehr sicher. Vor allem, als Dr. Bräuning Frau Marder ein Alibi gab. Ich vermute, ihr Migräneanfall war nur vorgespielt.«
»Sie haben sich gut über Migräne informiert.«
Ritter erhob sich. »Migräne habe ich seit zwanzig Jahren, Herr Doktor und auch ich nehme Sumatriptan. Deswegen war mir Frau Marder gleich verdächtig. Ich musste nur herausfinden, wer ihr Komplize war. Deswegen auch das Treffen heute. Kosowski ging ohne zu Fragen die Treppe hoch und wir fanden auf dem Wanderweg Pelagonsäure, die er dort verspritzt hatte, um den Fährtenhund in die Irre zu leiten. Immerhin hat er ja selber einen Hund und kennt sich somit bestens auch.«
Ritter tippte kurz mit zwei Fingern an die Schläfe, dann ging er.
1 Schwingewiesen: Landschaftsschutzgebiet, städtischer Naherholungsbereich
2 Teegeschäft mit über 200 Sorten Tee
3 Rathaus: 1279 erbaut, beim großen Stadtbrand bis auf das Kellergewölbe zerstört, 1667/68 neu erbaut
4 Goebenhaus: Geburtshaus des preußischen Generals August Carl von Goeben.
5 Die gesamte Altstadt von Stade ist sehenswert mit Fachwerkhäusern aus dem 17. Jahrhundert.
6 Wasser West: Fußgängerzone in Stade
7 Bürgermeister Hintze Haus: Giebelhaus mit reich verzierter Weserrenaissance Fassade
8 Alter Holzhafen: schließt direkt an den Stadthafen an, beherbergt heute Hausboote und eine Bootsvermietung
9 Kanu und Bootsverleih für Fahrten auf der Schwinge, nach Wunsch auch mit Verpflegung
10 Schloss Agathenburg: Sitz der gleichnamigen Kulturstiftung, geboten werden den Gästen innovative Kulturprogramme
11 Naturschutzgebiet Moorgürtel: steht seit 2001 unter Naturschutz und beherbergt seltene Pflanzen und Tierarten
12 Naturschutzgebiet Fischbeker Heide: hier befindet sich ein archäologischer Wanderpfad
13 Gola- direkt in der Stader Altstadt
»O du fröhliche, o du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit«, klang es über den Bützflether Weihnachtsmarkt14. Reinhard Köhler sang kräftig mit. Er hatte ordentlich dem Glühwein mit Schuss zugesprochen und er war bester Laune. Es war ein milder Winternachmittag. Die Dunkelheit sorgte für die richtige Stimmung. Die Verkaufsbuden waren festlich geschmückt und es duftete nach Gebratenem und süßen Leckereien. Schade, dass bisher kein Schnee gefallen war. Es geht doch nichts über weiße Weihnacht, dachte Köhler, dann schlenderte er weiter. Er blickte in lachende Kinderaugen und sah Eltern, die ihre Sprösslinge beim Karussellfahren beobachteten, als der nächsten Glühweinstand von ihm besucht wurde. Heute herrschte Hochbetrieb. Einen Augenblick dauerte es bis er einen neuen Becher mit dem Heißgetränk in der Hand hielt. Vorsichtig pustend probierte er. »Oh ja, der ist gut«, murmelte Köhler leise vor sich hin.
Heute würde er hier bleiben und morgen wollte er den Weihnachtsmarkt auf dem Stader Pferdemarkt15, direkt in der Altstadt aufsuchen.
