Morgenrot über Christianopolis - Martin Zichner - E-Book

Morgenrot über Christianopolis E-Book

Martin Zichner

0,0

Beschreibung

Der Autor beschreibt eine sorgfältig recherchierte Zusammenfassung aller Schriften, die von der Gottesbürgerschaft künden. Schon auf den ersten Seiten erfreut diese jugendlich frisch formulierte Einladung zu einer Städtereise in das Land Utopia. Alle tradierten Versionen der Gottesstaaten von der Antike bis zur Neuzeit finden Erwähnung. Zudem wird Wert darauf gelegt, das Ganze auch für Einsteiger verständlich zu gestalten. Also bindet der Verfasser die Vielfalt der anspruchsvollen Werke in leichte Dialoge von Jugendlichen, die sich auf eine ungewöhnliche Entdeckungsreise begeben haben. Zu viert spekulieren sie, was uns die Urheber mit ihren Schriften nahebringen wollten. Dem Leser bietet diese Dramaturgie viel Raum zum Kennenlernen, Mitdenken und Weiterforschen. Solche wundervollen Sonnenstädte bleiben unerreichbar für profane Weltenbummler. Um in der Gottesbürgerschaft anzukommen, muss der Suchende ein Philosoph geworden sein, dem Einlass gewährt worden ist in der solaren Stadt, in der alles, was geschieht, aus der Kraft der Gottesnähe bestimmt und geordnet wird.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 422

Veröffentlichungsjahr: 2023

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Den Fratres und Sorores

des Templum C.R.C. an die

solaren Pforten gestellt.

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Auf der Suche nach dem „Unmöglichen“

Brainstorming unter den Holunderbüschen

Louis Sebastian Mercier

Ein Traum bis in das Jahr 2440

Dante Alighieri

Ein goldener Schimmer über dem Abendland

Die drei Machthaber der Welt

Alles dreht sich nur im Kreise

Reinigung und Läuterung durch das Leben

Jede reife Seele sucht die kosmische Rose

Franz von Assisi

Der Sonnengesang - eine Hymne auf die Liebe

Tommaso Campanella

Das Lehrgebäude des Thomas von Aquin

Befreiung von geistiger Bevormundung

Die fünf Kategorien des Telesio

Eingekerkert und doch frei - wie „Der Sonnenstaat“ entsteht

Vom Wirken der Bauhütten

Eine geistige Idee nimmt Gestalt an - der Bamberger Reiter

Thomas Morus

„Utopia“ - das Schicksal eines Lordkanzlers

Wachsende Daseinskreise

Lebendiger Geschichtsunterricht

Novalis

Graf Friedrich von Hardenberg und die geistige Zukunft Europas

Alexis de Tocqueville

Ein Vordenker der demokratischen Ideale

Die anonyme öffentliche Meinung

Ein Erweckungserlebnis

Jean-Christophe Rufin - „Globalia“ oder die ideale Gesellschaft

Eine Karikatur der Freiheit

Wenn sich die Demokratie auszehrt

Pico della Mirandola

Ein ideales Menschenbild entsteht

Sprache und Gesellschaft - gibt es eine gerechte Staatsform?

Platon

Sokrates und das Wesen der Gerechtigkeit

Platon entwirft seinen Ständestaat

Wie muss der Musterstaat der Zukunft aussehen?

Golden glänzt das Dreieck der Tugend

Der Ständekampf im alten Rom

Das Todesurteil über Sokrates

Der ungeliebte Blick in den eigenen Spiegel

Von der Urzivilisation

Das Höhlengleichnis des Platon

Der Blick auf das Allein-Gute

Platon verkörpert den Beginn einer Achsenzeit

Die Seele - ein Fabelwesen?

Alles hängt vom Feuer ab

Francis Bacon

Baco von Verulam und seine Utopie

„Novum Organum“ - oder Wissen ist Macht

Eine Pyramide aus Geist und Stoff

Wann bedeutet Denken auch Fortschritt?

Vom Siegeszug der Wissenschaften

„Nova Atlantis“ - das Herzstück von Francis Bacon

Wir müssen lernen, richtig zu fragen

Das kostbare Wasser des Lebens

Jede Münze hat zwei Seiten

Wahre Toleranz herrscht nur im Kern der Religionen

Das Kollegium im Haus des Salomo

Eine bunte Vielfalt von Freidenkern

Das geistige Netzwerk des Rosenkreuzertums

Wer war Johann Valentin Andreae?

Die Manifeste des Rosenkreuzertums

Auf den Spuren des Johannes Arndt

Karl von Eckartshausen

Die Karriere

„Die Wolke über dem Heiligtum“

Ein Spannungsfeld zwischen Tier- und Geistmensch

Paolo Sarpi

Ein mutiger Freidenker aus Venedig

Klagen am Hof des Sonnengottes Apollon

Ein neuer Zeitgeist hält Einzug

Das Lebenswerk des Giordano Bruno

Giordano Bruno erleidet den Flammentod

Galileo Galilei

Die Erfindung des Fernrohrs und seine weit reichenden Folgen

Die verstimmte Orgel der Philosophie

Der Geist weht, wo er kann

Wenn die Wahrheit verfälscht und unterlaufen wird

Herzog August der Jüngere von Braunschweig-Wolfenbüttel

Der „Bücherfürst “ und seine Bibliothek

Johann Amos Comenius

Zwei Geistesverwandte finden sich

„Das Labyrinth der Welt“

Im Comenius-Museum in Den Haag

Alles soll sich frei entfalten

Das „U“ macht den kleinen Unterschied aus

Michael Maier

Der Leibarzt des Kaisers Rudolf II.

Ruhe nach all dem Getöse

Wie oben, so unten

Ein Mann von geistigem Adel

Im „Haus zur Steinernen Glocke“

Im Geist von Einheit, Polarität und Harmonie

Vom Winkelmaß und den vier Eckpunkten

In der Alchemie ist Feuer nicht gleich Feuer

Die Quadratur des Kreises

Gotthold Ephraim Lessing

„Nathan der Weise“ trifft ins Schwarze

Ein wichtiger Fingerzeig aus Wolfenbüttel

Ein „Bücherfürst“ aus Amsterdam

Die Säulen der „Bibliotheca Philosophica Hermetica“

Der goldene Faden der Ariadne

Die zwei Symbole der Bibliothek

Ein Sprung zu den Utopisten des 20. Jahrhunderts

Die „Schöne neue Welt“ des Aldous Huxley

Das Jahr „1984“ des George Orwell

Der gläserne Mensch

Bücherverbrennung bei „Fahrenheit 451“

Wie kann man sich ein geistiges Refugium verschaffen?

Ernst Bloch, der „Sokrates von Leipzig“

Bewusstsein im Überfluss

Geist und Politik unvereinbar?

„Prinzip Hoffnung“ oder Herkules am Scheideweg

Blickpunkt Albert Einstein - auch das Menschsein ist relativ

Viele Konfessionen im Reigen weniger Religionen

Die Bamberger Apokalypse

Geheimnisvolle Einladungen

Der Baustoff von Christianopolis

Ein Traum - die Mexikanische Sonnenpyramide

Der mexikanische Schöpfungsmythos

Die Nahrung der mexikanischen Götter

Das Kreuz und die Sonnenfinsternis

Prüfung des Herzens

Ein fremdes Herz in der eigenen Brust

Aufbruch in den Westerwald

Unter dem Siegel Salomos

Auf der Fahrt nach Birnbach

Ein hohes Eintrittsgeld in Christianopolis

Entscheidend ist das Bedürfnis des Herzens

Konferenzzentrum Christianopolis

Ein Rundgang durch den Park

Weltoffenheit und gute Nachbarschaft

Blick auf die Gebäude des Konferenzzentrums

Wie sich eine kleine Gemeinschaft verständlich macht

„Symbol aller Zeiten“ - ein Grenzstein

Der Grundstein von Birnbach

Das Streben nach Wahrheit, Reinheit und Vollkommenheit

Im Kampf gegen die Kurzsichtigkeit

27. Mai - Einweihung in Birnbach

Ein Gespräch vertieft sich

Das Mysterium Mensch in den Gralslegenden

Ein Mensch fällt nicht vom Himmel

Erinnerung und Präerinnerung

Der Mensch aus Fleisch und Blut

Das Tor zur wahren Einsicht

Die wichtigste Stunde im Leben

Ein Nostalgiker ist kein Fremdling in der Welt

Wenn die Zeit reif ist

Von geistigem Ringen und himmlischer Sehnsucht

Spirituelle Holografie - wenn die Konturen klarer werden

Der Wahrheit auf der Spur

Oasen für die Seele

Der Mensch als doppelter Weltenbürger

An den Früchten wird alles erkennbar

Abschied von Christianopolis

Nachwort

Literatur

Vorwort

Der Gottesstaat ist erfahrbar in der Liturgie von Heiligen Messen und Mystischen Ritualen.

Auf der Suche nach Literatur über jene Gottesbürgerschaft, wie sie zuerst von Platon in der Politeia beschrieben wurde, las ich ein Büchlein, in dem utopische Staatsbilder von Platon bis Francis Bacon als Vorläufer von Marx und Engels bezeichnet werden. Leider prägt sich solches Gedankengut bei vielen Menschen ein, vor allem, weil eine dominante Plattform im Netz bei diesem Werk nach atheistischer Manier von politischer Philosophie und Grundlage der Naturrechtslehre spricht. Platon unterschied in seiner Ideenlehre sehr konsequent die Universalien von den Partikeln, wobei er die Universalien im Reich erhabener Ideen, gleichsam bei den Göttern, ansiedelte und nur den Partikeln feste Formen zugestand. Weder Politik noch das kommunistische Manifest wollte der Philosoph aus den Darlegungen abgeleitet wissen. Wo und wann auch immer von einer Gottes- oder Sonnenstadt die Rede ist, sind die Allegorien in den Schriften zwar dem sozialen Miteinander entlehnt, aber zu jeder Zeit war den Urhebern klar, es handelt sich nicht um eine auf Erden generell lebbare Form in den Staatsgefügen, vielmehr um eine individuell erfahrbare Bewusstseinsstruktur und allenfalls eine Verheißung auf ein überirdisches Sein, jenseits der irdischen Manifestation. In unserer grobstofflichen Welt herrscht entweder die weltliche Gemeinschaft oder ein Regent. Beide Staatsformen unterliegen der Streitkultur und wechseln sich einander temporär ab. Die Polarität erfordert neben solaren Konzepten auch die lunaren, und damit schließt sich eine rein solare Legislative aus. In der Civitas Dei hingegen begegnet uns die Ranggleichheit untereinander aufgrund der Gepflogenheit, dass alle Bewohner ein gemeinsames Ideal pflegen: Die Bruderschaft mit der Gottheit!

Das vorliegende Buch von Dr. Martin Zichner wurde mir geschenkt, nachdem ich weiter auf der Suche nach Kommentaren zu den solaren Staatsgefügen gewesen bin. Schon auf den ersten Seiten erfreute mich diese jugendlich und frisch geschriebene Einladung zu einer Städtereise in das Land Utopia. Der Autor zählt alle Versionen von der Antike bis zur Neuzeit auf und legt Wert darauf, das Ganze auch für Einsteiger verständlich zu gestalten. Also bindet er die Vielfalt der anspruchsvollen Werke in leichte Dialoge von Jugendlichen, die sich auf eine ungewöhnliche Entdeckungsreise begeben haben. Zu viert spekulieren sie, was uns die Urheber mit ihren Schriften nahebringen wollten. Dem Leser bietet diese Dramaturgie viel Raum zum Kennenlernen, Mitdenken und Weiterforschen. Solche wundervollen Städte der Sonne bleiben unerreichbar für profane Weltenbummler. Um in der Gottesbürgerschaft anzukommen, muss der Strebende ein Philosoph geworden sein, dem Einlass gewährt worden ist in der heiligen Stadt, in der alles, was geschieht, von der Kraft der Gottesnähe bestimmt und geordnet wird. Das folgende Zitat vermittelt die Sehnsucht Suchender, die begrenzte Sichtweise der irdischen Existenz überwinden zu können:

„Wäre es nicht ein köstlich Ding, wenn du alle Stunden so leben könntest, als wenn du von Anfang der Welt bisher gelebt hättest und noch ferner bis an das Ende derselben leben solltest? Wäre es nicht herrlich, wenn du an einem Ort so wohnen könntest, daß weder die Völker, die über dem Fluß Ganges in Indien wohnen, ihre Sache vor dir verbergen noch die, die in Peru leben, ihre Absichten dir verhalten könnten? Wäre es nicht ein köstlich Ding, wenn du in einem Buch so lesen könntest, daß du zugleich alles, was in allen Büchern, die jemals gewesen, noch da sind oder kommen und veröffentlicht werden, gefunden und jemals mag gefunden werden, lesen, verstehen und behalten möchtest? Wie lieblich wäre es, wenn du so singen könntest, daß du anstatt der Steinfelsen nur Perlen und Edelgesteine an dich brächtest, anstatt der wilden Tiere die Geister zu dir locktest und anstatt des höllischen Pluto die mächtigen Fürsten der Welt erregtest und bewegtest?“

Confessio Fraternitatis

Gerhard Wehr: Die Bruderschaft der Rosenkreuzer

Ebenso begegnet uns das Erscheinen einer solaren Regentschaft in der Offenbarung des Johannes:

„Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde, denn es waren vergangen der erste Himmel und die erste Erde, und nicht mehr ist das Meer. Und das Neue, die heilige Stadt, ich sah sie hernieder steigen aus dem Himmel von Gott, bereitet wie eine Braut, köstlich geziert für ihren Bräutigam. Und ich hörte eine gewaltige Stimme von dem Thron her rufen: Siehe, Gottes Einwohnung ist unter den Menschen und wohnen wird Er unter ihnen und siehe, sie werden Seine Völker sein und Er, Er selbst wird ihr Gott sein; und hinwegwischen wird Er jede Träne von ihren Augen. Und der Tod wird nicht mehr sein und Leid und Gram und Mühsal wird nicht mehr sein, denn was vorher war, das ist vergangen. Und der thront auf dem Thron, Er sprach zu mir: Siehe ich mache alles neu.“

Offb 21, 1-5

Alle wahren Weisheitsbücher beinhalten solche Verheißungen, die allerdings von weniger gebildeten Menschen als kommende Realität eingestuft werden, was zwingend zu Enttäuschungen führen muss. Auch der Splendor Solis, der Sonnenglanz, eine alchemistische Prunkschrift, endet mit ebendieser Gottesstadt, die sich aus dem Himmel herabgelassen hat und im vollen Sonnenglanz steht. Eine von goldener Sonne durchglühte Stadt ist ein Wunschtraum, der sich als roter Faden durch die gesamte Mystik zieht – unrealisierbar in der äußeren Welt, aber dennoch vorhanden in den Mysterien. Die keltische Gralsburg mit ihren 400 Rittern und wunderbaren Edeldamen schwingt in derselben Vorstellung von einer lichten Sphäre, in der jedem die Wohltat zukommt, die er benötigt. Der Name Civitas Dei – Gottesbürgerschaft oder Gottesstaat – hat sich im philosophischen Sprachgebrauch fixiert. Wir kennen des Weiteren Begriffe wie: Civitas solis, Sonnenstaat, das Neue Jerusalem, Utopia, Neu Atlantis oder Christianopolis. Es handelt sich jeweils um eine Lebensgemeinschaft geläuterter Menschen, in der Gott der alleinige Herrscher ist. Thomas Morus nannte seinen Gottesstaat deshalb Utopie, was soviel bedeutet wie Nichtort. Dies meint, er ist nicht von dieser Welt und damit der geheiligte überirdische Hort im Gegensatz zum profanen diesseitigen Ort. Ebenso stellt Augustinus die überweltliche Civitas Dei der Civitas terrana, einem sichtbaren, irdischen Staatsgefüge, kontrastierend gegenüber. Damit protestierte er gegen jede Form des sogenannten Kaiserkultes. Darunter versteht man all jene Versuche, in denen der Mensch auf Erden einen Gottesstaat erzwingen will. Diese Schuld luden die römischen Kaiser auf sich, indem sie sich selbst als Gott verehren ließen. Ganz Rom sollte ihr Tempel sein. Roma quadrata galt als heiliger Ort, und der Kaiser herrschte dort als thronende Gottheit. Wegen dieser Säkularisierung der Platonischen Idee, wegen des Herabziehens des Erhabenen, musste eine Erneuerung des Kultes erfolgen. Ein froher Christusimpuls konnte die Not wenden. Von dem Apokalyptiker Johannes wissen wir, wie sehr er gegen diesen Kaiserkult rebellierte, was schließlich zu seiner Verbannung auf die Insel Patmos und zu den 22 Kapiteln der Offenbarung führte.

Der einflussreiche Kirchenlehrer Augustinus von Hippo (354-430) verfasste gegen Ende seines Lebens ein Werk unter dem Titel „De civitate Dei“ – Über den Gottesstaat. Mit Hilfe von 22 Kapiteln knüpfte Augustinus deutlich an der Apokalypse an. Als Christ wollte er in seinen Schriften die Antike hinter sich lassen, indem er den Kaiserkult durch den christlichen Glauben ersetzte. Für Augustinus und seine Nachkommen blieb stets klar: Bei der Gottesstadt handelt es sich um eine Idealvorstellung, die allein im Bewusstsein des Gläubigen erreicht werden kann. So schimmert der Gottesstaat zwar in jedem Tempel und in jeder Kirche wie ein göttliches Glimmen hindurch, aber kein noch so prächtiger Tempelbau ist gleichbedeutend mit dem Neuen Jerusalem, weder das Gemäuer noch die Devotionalien. Durch die heiligen Handlungen – ob kirchliches Sakrament oder mystisches Ritual – werden die erhabenen Ideale göttlicher Staaten allerdings im Herzen des Einzelnen erfahrbar. Dennoch ist die Gottesbürgerschaft nicht die Liturgie selbst, denn zum Gottesstaat werden Kirche, Tempel und Kultgeschehen erst dann, wenn die Liturgien in gerechter Weise zelebriert werden und die höhere Ordnung darin Einwohnung genommen hat. Denken wir hier an die jüdische Shekinah, den dreifaltigen Altar, von dem es heißt, Gott nehme dort seine Einwohnung.

Das Neue Atlantis von Francis Bacon versteht sich ebenfalls als eine Utopie, eine fantastische Erzählung rund um eine geistige Bruderschaft, die sich eine Insel zu ihrer Wirkstätte erkoren hat. Der Baron Baco de Verulam und Viscont St. Alban (1561-1626) war Jurist, Forscher, Mystiker und Philosoph. Er gehörte in den mystischen Kreis von Königin Elisabet I. von England und war damit auch ein Zeitgenosse von John Dee, Michael Maier und Kaiser Rudolf II. von Hessen-Kassel. Die Theosophen nennen ihn einen der ihren, ebenso wie die Rosenkreuzer. Fest steht, dass er nach dem Tod von Michael Maier als Großmeister die Leitung eines damaligen Ordens übernahm, der sich zu den Rosenkreuzern bekannte. So wundert es auch nicht wenig, wenn sich sein Roman Nova Atlantis liest, als sei es ein Gründungsprotokoll eines Rosenkreuzer Ordens. Bacon geht in seinem Werk von dem versunkenen Atlantis als Tatsache aus. Nach dessen Untergang sei die fiktive Südseeinsel Bensalem (Sohn des Friedens) zur Heimat einiger Atlanter geworden; diese hätten dann dort das Neue Atlantis errichtet.

Am Ende dieser einführenden Worte sei der Leser aufgefordert, sich nach der Lektüre dieses Buches selbst an die Quellen zu begeben und den Genuss zu finden, überlieferte Texte der Civitas Dei zu lesen und darüber zu kontemplieren. Als Anregung dazu eignen sich einige wenige Worte von Francis Bacon, in denen er metaphorisch das Haus Salomonis beschreibt: „Ihr werdet sehen, meine lieben Freunde, dass unter den Taten jenes Königs eine besonders hervorsticht. Es handelt sich um die Gründung oder Einrichtung eines gewissen Ordens oder einer Gesellschaft, die wir das Haus Salomonis nennen. Es ist dies, sage ich euch, unserer Meinung nach die großartigste Gründung aller derartigen auf der Erde und eine große Leuchte unseres Landes. Dieses Haus ist der Erforschung und Betrachtung der Werke und Geschöpfe Gottes geweiht. Einige glauben, dass sein Name, wenn auch ein wenig verändert, von dem Gründer herrühre und man eigentlich >Haus Solamonas< sagen müsse, aber selbst die authentischen Archive haben es so geschrieben, wie es jetzt im täglichen Gespräch genannt wird. Daher glaube ich, dass sein Name von jenem König der Israeliten herstammt, der bei euch berühmt, aber auch bei uns nicht unbekannt ist. Wir besitzen nämlich bestimmte Teile seiner Werke, die man bei euch vermisst.“

Gabriele Quinque, Frankfurt am Main, Mai 2023

Auf der Suche nach dem „Unmöglichen“

Der Arbeitskreis für politische Philosophie an der Universität Regensburg suchte für eine Seminararbeit vier talentierte Studenten, die wie Archäologen literarische Grabungen in ganz verschiedenen Epochen bis hin zur Antike durchführen sollten. Es ging darum, bedeutsame Staatsideen, genau genommen Staatsutopien, zu untersuchen. Spürsinn und ein hohes Maß an Einfühlungsvermögen waren nötig, um besondere philosophische und weltanschauliche Momente sichtbar zu machen. Die Funde sollten möglichst ungefärbt ans Tageslicht befördert und gleichzeitig Stellungnahmen dazu abgegeben werden. Neunundsechzig Bewerber sprachen innerhalb von zwei Monaten bei der Seminarleitung vor; und endlich hatte man vier geeignete Kandidaten ausgewählt.

Der Erste war Roberto Canetti aus Padua. Er hatte bereits drei Semester antike Philosophie absolviert, sprach gut deutsch und zeigte sich im Bewerbungsgespräch sehr versiert. Dann Andreas Haller aus Nürnberg. Auf seinem Bewerbungsbogen hatte die auswählende Kommission unterstrichen: biographische Sonderstudien über Personen des frühen und hohen Mittelalters. William Lowe aus Cambridge wiederum studierte Germanistik und hatte sich schon mit geistes- und kulturgeschichtlichen Arbeiten hervorgetan. Und dann war da noch Jacques Bivour aus Lyon, der antike Quellentexte aus der Zeit des frühen Christentums untersucht und auch über die griechischen Vorsokratiker gearbeitet hatte.

All das überzeugte die Seminarleitung, und so trafen die vier Studenten im Frühjahr 2005 in Regensburg ein. Da sie kunsthistorisch besonders interessiert waren, wussten sie natürlich, dass Regensburg vom Beginn der Neuzeit über das Mittelalter bis zurück in die römische Antike viel zu bieten hatte. Der unmittelbare Betreuer der Seminararbeit, Erich von Hutten, war ein humorvoller Mann und sagte bei der Begrüßung seiner vier Qualifikanten: „Sie werden schon sehen, die Anfänge der Philosophie und Wissenschaft, die in ihr Thema hineinspielen - beginnend im alten Griechenland - werden sehr spannend für Sie sein. Aber achten Sie darauf, dass Sie nicht alles ausschließlich durch die Brille unserer modernen Zeit betrachten. Sie müssen wieder in die damaligen Zeitumstände eintauchen, damit keine oberflächliche Journalistik entsteht.“

Und um zu zeigen, wie leicht man auf Ab- und Irrwege gelangen kann, zitierte er aus Goethes Faust:

Wer will was Lebendiges erkennen und beschreiben,

sucht erst den Geist heraus zu treiben,

dann hat er die Teile in seiner Hand,

fehlt leider nur das geistige Band.

„Bedenken Sie immer bei Ihren Schürfarbeiten zu den Staatsutopien, wie man es nicht machen soll! Auch dazu steht etwas im Faust:

Verzeiht! Es ist ein groß Ergetzen,

sich in den Geist der Zeiten zu versetzen,

zu schauen, wie vor uns ein weiser Mann gedacht,

und wir‘s dann so herrlich weit gebracht.

Mein Freund, die Zeiten der Vergangenheit

sind uns ein Buch mit sieben Siegeln.

Was ihr den Geist der Zeiten heißt,

das ist im Grund der Herren eigner Geist,

in dem die Zeiten sich bespiegeln!

Ich schlage vor, Sie denken darüber immer wieder gut nach, dann werden Sie den rechten Weg von Station zu Station schon finden. Versteigen Sie sich also nicht!“

Mit diesen Worten und guten Ratschlägen waren die Vier in die graue Wirklichkeit entlassen.

Brainstorming unter den Holunderbüschen

William hatte besonderes Glück, denn er fand in der Vorstadt von Regensburg, in Stadtamhof, direkt an der Steinernen Donaubrücke gegenüber der Altstadt, eine Bleibe in einem schon länger leer stehenden ehemaligen Maleratelier. Dieses lag in der dritten Etage eines Hauses aus dem 19. Jahrhundert. Das Atelier war zur Hälfte wie ein Wintergarten mit Glas versehen. Man konnte das Grundstück durch ein altes schmiedeeisernes Tor und einen kleinen Vorgarten betreten. Die Vermieterin, Frau Kammermeier, eine alte Regensburgerin, war sehr freundlich und hatte nichts dagegen, dass sich die vier Kommilitonen regelmäßig zum Gespräch bei William trafen. Sie gestattete auch, dass sie sich gelegentlich im Garten aufhielten. Denn dort gab es eine mit Holunderbüschen überwucherte Ecke, wo ein kleiner Holztisch und rund herum mehrere Klappstühle standen. An diesem gemütlichen Platz durfte das „Kleeblatt“ sitzen. Wenn die Abendsonne golden strahlte, war es sehr romantisch dort, und man konnte wie auf einem Scherenschnitt das alte Regensburg sehen, das mit seinen Geschlechtertürmen, den Domtürmen und Mauern ein prächtiges Panorama abgab. „Philosophenecke“ nannten die Freunde bald ihr lauschiges Plätzchen unter den Holundersträuchern.

Die anderen drei jungen Männer wohnten in der Altstadt: Roberto „standesgemäß“ in der Wahlenstraße nahe beim neunstöckigen „Goldenen Turm“. Dort besaßen im Mittelalter die ehemaligen italienischen Kaufleute - Welsche wurden sie im Volksmund genannt - ihre Warenhäuser. Daher rührt der heutige Name Wahlenstraße. Jacques fand etwas Romantisches mit Innenhof in der ehemaligen Gesandtenstraße am Bismarckplatz, und Andreas zog vorerst zu einem Studienfreund, der hinter dem alten Rathaus nahe beim Kepler-Museum zwei kleine Zimmer bewohnte.

An einem Mittwoch im April trafen sie sich zum ersten Mal in Williams Maleratelier. Es begann mit einer Art Brainstorming, das vor allem auch dem persönlichen Kennenlernen diente. Eine Reihe von Gesichtspunkten wurde zusammengetragen, die beim Gespräch mit der Seminarleitung eine Rolle gespielt hatten. Roberto sagte: „Wir sollten uns auch mit dem in der Umgangssprache gebräuchlichen Modeadjektiv „utopisch“ auseinandersetzen. Vielleicht führt uns das weiter, wenn wir die Staatsutopien betrachten!“ Aber dieser Vorschlag war wenig ergiebig, denn die Runde befand: Die Floskel „das ist ja utopisch“ habe mit den Staatsutopien so gut wie gar nichts zu tun; man denke dabei eher an Begriffe wie „weltfremd“, „realitätsfern“, „irgendwie übersteigert“.

Andreas brachte die kurze Diskussion auf den Punkt: „Es wäre utopisch, wenn zum Beispiel Politiker im Wahlkampf versprächen: ,Unter unserer Flagge gibt es in einem Vierteljahr überhaupt keine Arbeitslosen mehr‘.“

Die drei anderen lächelten amüsiert. „Woher kommt eigentlich die Bezeichnung Utopia?“, fragte William. „Das kommt aus dem Griechischen und heißt soviel wie Nicht-Ort, also ein Gebiet, das in unserer Welt scheinbar nicht vorhanden ist“, gab Andreas zur Antwort. Natürlich, mit einer geographischen Vorstellung hat die Bezeichnung „Utopia“ wohl nur im übertragenen Sinn etwas zu tun. Darin waren sich alle einig. Vielmehr weise „Utopia“ eher auf Idealvorstellungen einer wünschenswerten Gesellschaft hin. Man könne also von utopischen Idealen sprechen, die die Menschen entsprechend ihrer Zeit als erstrebenswert empfinden. „Das hängt wohl auch mit der gesellschaftlichen Stellung der einzelnen Stände zusammen“, sagte Jacques. „Ich denke da zum Beispiel an den Versuch unseres Dritten Standes in Frankreich. Dieser wollte im 18. Jahrhundert die Leibeigenschaft abschütteln und ganz allgemein den Menschenrechten zum Durchbruch verhelfen. Es ging also überwiegend um Veränderungen im Äußeren. Darüber werden wir sicher noch sprechen.“ „Ja, das ist ein gutes Thema“, entgegneten die anderen Freunde. „Denn der Soll-Ist-Zustand in der Zeit der so genannten Französischen Revolution war etwas ganz Besonderes und zwar nicht nur in Frankreich.“

Da schmunzelte William. Er hatte erst kürzlich einen Freund in Altomünster im Altbayerischen besucht. Dieser Freund hatte ihn zu einer Autofahrt mit dem Ausflugsziel Schloss Unterwittelsbach bei Aichach eingeladen. Kaiserin Sissi hatte dort ihre Kindheit und Jugend verbracht.

An einer unübersichtlichen Stelle begegnete den beiden ein Motorradfahrer, der ihnen den Weg in der Kurve abschnitt. Er musste stark bremsen, und auch die Ausflügler im Auto hielten an. Im ersten Schrecken überschüttete der Motorradfahrer die Freunde mit einer wahren Schimpfkanonade, obwohl er allen Grund gehabt hätte, sich zu entschuldigen. William verstand die altbayerischen Kraftausdrücke nicht. Sein Freund Hans dolmetschte später, was da zu hören gewesen war. Mehr noch, Hans konnte sogar den Ursprung des Schimpfwortes genau erklären, und das war sehr aufschlussreich. Es ging um das erniedrigende Schimpfwort „Du g‘scherter Kerl, du g‘scherter!“. Genau das gehörte in die Zeit der mittelalterlichen Ständeordnung. Da waren zum Beispiel die einfachen, armen Leute. Sie lebten in Altbayern überwiegend als Leibeigene der Klöster oder des Adels. Diese Leute mussten öfter zur Schere greifen, denn sie waren so unfrei, dass sie nicht einmal ihre Haartracht selbst bestimmen durften. Langes gepflegtes Haar war nur den privilegierten Adeligen gestattet. Und so erkannte man Leibeigene nicht nur an ihrer ärmlichen Kleidung, sondern auch am kurz abgeschnittenen Haupthaar, das meist einen recht struppigen Eindruck machte. Den niederen Stand gab es über Jahrhunderte letztlich überall in Europa bis hin in die Neuzeit, nicht nur in Frankreich. Schulbildung hatten diese Menschen natürlich keine, denn das gab es damals noch nicht. Sie waren in einen ausgebeuteten Stand hineingeboren, den man als unmündig, unwissend und „geschert“ bezeichnete. Aus der Sicht der Betroffenen war die Maxime des damaligen Frankreichs - Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit - eine Utopie, an die die wenigsten von ihnen glaubten. Die meisten nahmen alles, wie man sagt, gottergeben hin.

So war die Unterhaltung über die Utopie unter den vier Studenten lebhaft in Gang gekommen. Sie wollten nicht unbedingt chronologisch vorgehen. Die Lebendigkeit des Gesprächs und die momentanen Einfälle aus dem Stegreif sollten den Vorrang haben. Am Ende eines jeden Treffens würde sich dann das Thema der nächsten Zusammenkunft von selbst herausschälen.

Auf etwas einigten sich die Vier allerdings schon jetzt: Es sei klar, dass eine Utopie neben der eventuellen Realität vor allem etwas mit Philosophie zu tun habe. Eine solche Philosophie müsse jedoch immer daran gemessen werden, ob und wieweit sie ihren Niederschlag im praktischen Leben finde. Denn sonst sei sie - was die Seminararbeit betraf - sinnlos.

Ein weiterer Gedanke schien nach dem Gespräch mit der Seminarleitung wichtig. Andreas brachte ihn auf den Punkt: „Jede Utopie will die Welt neu beginnen!“

Doch dabei fiel den Freunden ein, dass das nur für die „positiven Utopien“ galt. Denn unter den Utopisten hatte es auch Schwarzseher gegeben, beziehungsweise solche, die den Lauf der allgemeinen Entwicklung der Menschheit nur abwärts gerichtet sahen und mit ihrer Art von Vorahnung gleichsam das Feld der Anti-Utopien bereiteten, also etwas, vor dem man sich durchaus fürchten konnte.

„Wer möchte sich denn auf ein bestimmtes Thema für das nächste Mal vorbereiten?“, fragte William bei der Verabschiedung. Spontan meldete sich Jacques. „Habt ihr schon mal etwas von meinem Landsmann Louis Sebastian Mercier gehört? Ich besitze, glaube ich, eine alte Beschreibung seiner Idealvorstellung über Staat und Gesellschaft. Der Titel fällt mir im Moment nicht ein.“

Alle waren mit diesem Vorschlag einverstanden.

Louis Sebastian Mercier

Man traf sich an einem Mittwoch Anfang Mai. Es war noch ein wenig zu kühl für den Garten, sodass die Freunde lieber im Maleratelier Platz nahmen. „Also, ich habe mein geistiges Fernrohr mitgebracht, und wir schauen da in das vorrevolutionäre Frankreich des 18. Jahrhunderts“, sagte Jacques. „Was sehen wir? Es gärt und brodelt in der Gesellschaft. Die Bürger des Dritten Standes entwickeln mehr und mehr bürgerliches Bewusstsein. Neben dem gemeinschaftlichen Streben findet man auch so etwas wie einen individuellen Ansatz für ein noch utopisches Ideal im Privaten. Mercier war einer, der das stark empfand und vor allem auch literarisch zu Papier bringen konnte.“

Ein Traum bis in das Jahr 2440

„Er unternahm mit seinen Wunschvorstellungen eine Zeitreise in das Jahr 2440“, fuhr Jacques fort. „Das heißt, er eilte im Traum seiner Zeit ganze 700 Jahre voraus und wachte erst im Jahre 2440 wieder auf. Aber er kannte aus dem realen Leben nur die prickelnde und unruhige vorrevolutionäre Zeit. Da herrschte noch die privilegierte Gesellschaft von König, Adel und hohem Klerus. 1771 erzählte Mercier über einen aufgeweckten Bürger von Paris - das war er natürlich selbst - und wie dieser recht verwundert nach 700 Jahren erwacht und feststellt, dass so gut wie alle Ideale der Aufklärung jetzt ganz selbstverständlich zum täglichen Leben gehören. Das schreckliche Gefängnis, die Bastille, und die Willkür des Königshofes sind niedergerissen beziehungsweise hinweggefegt. Leibeigenschaft und Feudalsystem sind abgeschafft. Eine moderne Justizreform hat jede Willkür beendet, und das Volk kann geordnet nach den Regeln der Aufklärung und Toleranz leben, denn die Stände überall im Land haben die gesetzgebende Macht übernommen.“

„Und wie ist das mit der Religion und den Monarchen?“, wollten die Freunde wissen. „Nun, Mercier lebte und träumte ganz im Geiste der Aufklärung. Den Wegfall der Monarchie als Herrschaftsprinzip konnte er sich noch nicht vorstellen. Aber der Monarch des Jahres 2440 war ein gütiger Mann, der auf die Einhaltung der Gesetze zum Wohle seines Volkes achtete. Und die Religion hatte eine merkwürdige Verwandlung durchgemacht. Sie war vollkommen rational ausgerichtet. Alles Unmoralische aus Kunst und Literatur war verbannt. Im gesellschaftlichen Leben dominierten die Tugendideale. Entsprechend gerecht war auch die Arbeit im Volk verteilt. Aber die Freizeit war stark beschnitten. Sie sollte der notwendigen Erholung für die Arbeitskraft dienen und auch der Aus- und Weiterbildung. Denn eine Schulbildung gab es damals noch nicht oder sie lag im Argen.“

William meldete sich zu Wort. „Wenn man es ganz genau nimmt, dann handelt es sich gar nicht um einen ganz neuen Staatsentwurf. Mercier beschreibt eigentlich nur Ideen für eine Reform, die in seiner Zeit aktuell waren. Er glaubte schlichtweg an die Entwicklungsmöglichkeiten einer Zivilisation, in der Moral und Ordnung herrschen.“ Jacques nickte zustimmend. „Wisst ihr, als ich durch mein geistiges Fernrohr blickte, sah ich über den Häuptern der Bürger so etwas wie eine Wolke aus Zufriedenheit, die alles in Watte packte. Innere Veränderungen oder gar die Geburt eines seelisch freien Menschentyps nahm ich nicht wahr. Auch beschlich mich das Gefühl, dass erfüllte Sehnsüchte sehr bald an ihre Grenzen stoßen, und ich sah eine Art Sackgasse vor mir. Eine wünschenswerte höhere Utopie ist das sicher nicht!“

„Was meinst du mit Sackgasse?“ fragte Roberto.

„Ich glaube an eine vollkommene innere Revolution“, erwiderte Jacques, „sonst geht es nicht weiter. Mercier hat zwar mit seiner Traumerzählung einen genialen Zeitsprung gewagt, aber er hat dabei keinen Quantensprung in eine höhere Atmosphäre getan, in der Geist, Seele und Körper in ein neues Verhältnis zueinander treten.“

Andreas empfand in diesem Moment deutlich, wie sich eine bestimmte Stimmung langsam in der Runde ausbreiten wollte. Irgendwie befanden sich die Vier auf ihrem Erkundungsweg in einem langen dunklen Tunnel, aber zwei von ihnen sahen von ferne schon ein Licht am Ausgang. Alle waren sehr nachdenklich, als sie sich nach diesem Auftakt verabschiedeten.

Dante Alighieri

Am nächsten Tag sahen sich die Freunde beim Mittagessen in der Mensa. Roberto zeigte sich spendabel und lud alle danach zu einer Tasse Cappuccino ein, was sie begeistert annahmen. Dann sagte Roberto: „Wir haben gestern vergessen, ein Thema für die nächste Besprechung festzulegen. Ich habe da einen Vorschlag. Seht euch einmal den Anschlag am Schwarzen Brett an, ganz links an der Wand.“

Dort hing die Einladung zu einer neuen Ausstellung im Thon-Dittmer-Palais mit dem Titel „Illustrationen zur ,Divina Commedia‘ von Dante.“ Gleichzeitig zog Roberto stolz eine italienische 2-Euro-Münze aus der Tasche und zeigte auf die Rückseite mit dem lorbeerbekränzten Profil von Dante Alighieri.

Ein goldener Schimmer über dem Abendland

Diese Münze mit dem Dante-Profil weckte die Aufmerksamkeit der Freunde, und Roberto entwickelte einen Plan: „Ich habe mir überlegt, dass Dante sehr gut zu unserem Seminarthema passen könnte.“ Da schauten sich die Freunde fragend an. Roberto merkte es, ließ sich aber nicht von seiner Idee abbringen. Er dachte an das Gespräch über Mercier. Genau genommen reichte Dantes Anliegen viel tiefer. Man konnte fast sagen, es war das genaue Gegenteil von Mercier: Es lag auf einer anderen Ebene. Dante ging es um die aktive Umsetzung, ja um die Umwendung der gesamten Lebensspur. Er ging der Frage nach, welche Einstellung im Leben nötig ist, damit mitten im irdischen Dasein im einzelnen Menschen ein völlig neuer Mensch entstehen kann. Mercier hoffte, dass sich in unserer Welt die Belange der Menschen durch Reformen ändern lassen, ohne dass dabei ein geistiger Umsturz beziehungsweise ein Neuanfang nötig wäre. Dante hingegen sah eine Vision, die in dieser Welt zunächst nicht anzutreffen ist. Dennoch empfand er die Möglichkeit ihrer konkreten Realisierung.

Roberto bedachte dies gut und sagte dann: „Ich schlage euch vor, wir gehen morgen zusammen in die Ausstellung. Natürlich habe ich über Dante schon zu Hause in Padua in der Oberstufe des Gymnasiums so manches gehört. Unser Lehrer Umberto war ein glühender Verehrer ,seines‘ Dante und konnte auch manch Hintergründiges vermitteln. Bestimmt wusste er viel mehr, als wir Schüler begreifen konnten. Ich bin mir sicher, die Ausstellung wird für uns alle ein Erlebnis werden. Da müssen wir uns ein wenig Zeit nehmen. Ein italienischer Sammler mit Namen Riccardo Risto, der heute in Zürich lebt, hat weltweit Drucke und Illustrationen zur ,Divina Commedia‘ aus vielen Jahrhunderten gesammelt.“

Die Freunde waren einverstanden und trafen sich schon um 12.30 Uhr am nächsten Tag am Haidplatz vor dem Justitia-Brunnen.

Sie staunten nicht wenig, als sie den herrlichen doppelgeschossigen Arkadenhof aus der Renaissance sahen. Die aus istrischem Kalkstein gefertigten Säulen und Arkadenbögen strahlten in blendendem Weiß.

Die Freunde setzten sich auf eine einladende Bank unter den Arkadenlauben und hörten Roberto zu, als er aus dem Stegreif aus der Vita des Dante erzählte. „Der Name Dante ist“, so begann er, „eine Kurzform von ,Durante‘, der ,Ausdauernde‘. Dantes Lebensweg war wirklich so, dass er sich nie entmutigen ließ, auch wenn ihn das Schicksal mehr als einmal hart traf. Das ist übrigens einer der Gründe, weshalb ich ihn als Utopisten betrachte.

Ich habe auch schon mal eine Vorbesichtigung zur heutigen Ausstellung gemacht. Unser Seminarbetreuer, Herr von Hutten, bat uns ja, genau zu überlegen, was einen Menschen zum Utopisten machen kann. Einiges haben wir schon besprochen. Wie wird man also Utopist?

Am Beispiel von Mercier waren wir ja zu der Auffassung gekommen, dass dieser die irdische Atmosphäre nicht verließ und eben nur zur Gilde der Weltverbesserer gezählt werden kann. Er sah und suchte Reformen, aber er wollte die Welt nicht von Grund auf neu beginnen. Eine gewisse Nahtstelle müssen wir aber suchen. Wie war das bei Dante? Fest steht, dass dieser ehrgeizige und gebildete Mann mehrere Schlüsselerlebnisse hatte, ehe er eine völlige Kehrtwende in seinem Leben vollzog. Es gibt wohl drei Ereignisse, die dazu beigetragen haben.

Erstens war da seine unerfüllte Liebe zu einem gebildeten, sehr hübschen Mädchen mit Namen Beatrice Portinari. Sie wurde von ihren Eltern einem älteren Bankier zur Frau versprochen. Aber viel schmerzlicher als die Heirat berührte Dante der plötzliche Tod des Mädchens.

Verlust spielte also schon früh in seinem Leben eine Rolle. Außerdem war er bereits sehr jung Vollwaise und musste sich mit erst achtzehn Jahren als Familienoberhaupt bewähren.

Er wurde 1265 in Florenz geboren und stammte aus niederem, unvermögendem Adel. Ab 1277 war er ein gelehriger Schüler in der berühmten Dominikanerschule von Florenz. Dort lernte er die scholastische Denkart kennen. Bei den Franziskanern wiederum beeindruckte ihn, wie sehr das Gemüt durch die Mystik an seelischer Tiefe gewinnen kann. Beides sollte in der ,Divina Commedia‘ später einen beachtlichen Raum einnehmen. Nach dem Studium Universale in Bologna ging er in seine Heimatstadt Florenz zurück und widmete sich der Politik. Schon nach kurzer Zeit tat er sich als geschickter Verhandlungsführer und Redner in der Guelfen-Partei hervor. Deshalb wählte man ihn 1296 in den ,Rat der Hundert‘.

Neben dem Dante-Portrait am Eingang habt ihr eine Namensliste gesehen, in der die Namen der Bürgermeister von Florenz vermerkt sind. Auch Dantes Name findet sich dort im Jahr 1300, er hatte also eine mehr als steile politische Karriere gemacht. Um diese Zeit brodelten in Florenz die Parteienkämpfe. Dante setzte sich vehement für die Unabhängigkeit der Stadt Florenz gegenüber der wachsenden Einflussnahme der römischen Kurie in der Toskana ein. Bald wurde er ein politisches Opfer, als er gerade in dieser Angelegenheit zu Verhandlungen in Rom weilte. Denn nun nahte sich der zweite Schicksalsschlag, der für seinen weiteren Lebensweg bestimmend wurde.

Man hatte ihn kurzerhand von Seiten der Gegner bezichtigt, an einer Wahlfälschung beteiligt zu sein. Er wurde verbannt und später sogar für vogelfrei erklärt. Nie wieder konnte er in sein geliebtes Florenz zurückkehren. Das schmerzte ihn zeitlebens. Aber er verfolgte noch ein weiteres Ziel: Er wollte die zerstrittenen Städte zur Großtoskana vereinigen und diese Impulse, wenn möglich, auf ganz Italien ausdehnen. Das gelang, wie wir wissen, erst Jahrhunderte später Garibaldi. Der dritte und entscheidende Schlag traf Dante, als Kaiser Heinrich VII. mit seinem Heer Florenz belagerte. Da er Herr und Kaiser war, begehrte er Einlass in diese bedeutende Stadt seines Reiches. Er wollte seine Provinzen in Italien besuchen und Streitereien schlichten, also forderte er Loyalität. Dante erhoffte sich von diesem Heerzug die allerletzte Chance, um wieder nach Hause zurückkehren zu können. Da starb unerwartet der Kaiser bei der Belagerung, und das Söldnerheer zerstreute sich in alle Winde.“

William bemerkte nachdenklich: „Roberto, deine Erzählung erinnert mich an ein Wort aus der Freimaurerei. Da heißt es, dreimal müsse sich der Mensch in ganz entscheidenden Situationen seines Lebens bewähren, ehe er sein inneres Meisterstück abliefern kann. Bei Dante war das zunächst der frühe Tod der Eltern zusammen mit dem Verlust seiner Jugendliebe, dann die harte Verbannung aus Florenz, und endlich zerrann seine letzte Hoffnung, als der Kaiser starb.“

„In der Tat, mit Freimaurerei habe ich das noch gar nicht in Verbindung gebracht“, antwortete Roberto, „aber der Gedanke ist tatsächlich interessant. Nach dem Tod des Kaisers arbeitete Dante nur noch an der Fertigstellung der ,Divina Commedia‘, deren Konturen er freilich schon früher angelegt hatte. Er lieferte zwar keinen Staatsentwurf und es kam auch keine Einigung zur Großtoskana zustande - dieses Vorhaben war zu utopisch für seine Zeit -, aber in der ,Divina Commedia‘ steckt dennoch eine besondere Form von Utopie. Das können wir jetzt gleich anhand verschiedener Illustrationen in der Ausstellung studieren.“

Damit machten sie sich auf den Weg zur Dante-Ausstellung im Thon-Dittmer-Palais.

In sechs Räumen und einem großen Vortragssaal waren auf Tischen, in Vitrinen und auf Ständern Buchausgaben von Dante und kunstvolle Illustrationen und Drucke ausgebreitet. Die Freunde konnten sich nicht satt genug sehen an dieser Pracht aus sechs Jahrhunderten. Roberto hatte eine Lupe mitgebracht, damit man auf den Miniaturen die Details genauer betrachten konnte. „Wo geht es los?“, fragte Jacques.

Roberto zeigte auf ein farbiges Seitenportrait aus dem Barghello in Florenz. Da war Dante zusammen mit seinem Privatlehrer Brunetto Latini im Profil zu sehen. Dieser geheimnisvolle Mann an Dantes Seite hatte das gleiche Schicksal der Verbannung erlitten. Während einer politischen Mission als Gesandter von Florenz am Hof des spanischen Königs Alfonso X. in Toledo war es zum Umsturz in Florenz gekommen, und Latini musste für einige Zeit im Exil bleiben. In dieser Zeit schrieb er all seine geistigen Eindrücke in dem Werk „Tesoretto“ nieder. Daraus schöpfte später Dante für seine „Divina Commedia“.

Die drei Machthaber der Welt

Andreas verwies während des Rundganges in der Ausstellung auf eine Tafel aus dem Dante-Saal des Casino Massimo in Rom. Die Freunde sahen eine sehr bewegte Szene, die vornehmlich in abgestuften Rottönen gehalten war: Dante im weiten karminroten Mantel, etwas geduckt, in einem unzugänglichen Wald. Er wehrt mit einer schützenden Armbewegung drei Bestien ab, einen Löwen, eine Wölfin und einen gescheckten Luchs. Da kommt ihm unerwartet der spätrömische Dichter Vergil, lorbeerbekränzt und in einen hellen Umhang gekleidet, zu Hilfe.

Roberto erklärte, dass dies die Schlüsselszene sei, die in vielen Metamorphosen und Bildern immer wieder auftauchen werde. Die einkreisenden Tiere versinnbildlichten den vorläufigen Seelenzustand des Menschen. Die Habsucht mit ihren vielen Schattierungen im Gewand der Wölfin, der Stolz in Gestalt des Löwen und die vielen Formen von Äußerlichkeit und Sinnenlust in der Gestalt des Luchses. Roberto vertiefte das Geschaute, indem er auf den dichten, dornigen Wald hinwies, Sinnbild jeglichen Irrtums im Leben.

Der Wanderer Dante wird sich seiner Lebensverirrung allmählich bewusst. Es ist Nacht, aber der Morgen graut schon. Dante steht in der Lebensmitte und hat genügend Erfahrung gesammelt, um das Leben von einer neuen Warte aus zu sehen. Er sehnt sich danach, die schier ausweglose Situation hinter sich zu lassen und in einem anderen Dasein aufzugehen.

„Aber wer erkennt das im eigenen Leben schon so messerscharf?“ fragte Andreas. „Genau das ist es, was Dante sagen will“, antwortete Roberto. „Kommt, gehen wir zur nächsten Darstellung, dem Programm der ,Divina Commedia‘. Da seht ihr Dante im Jahre 1465 mit Lorbeerkranz im Dom von Florenz. Mit der Linken zeigt er dem Betrachter das offene Buch seines Lebenswerkes, das links oben als Zeichen der Wahrheit ein Siegel trägt. Mit der ausladenden Rechten verweist er auf eine nicht enden wollende Schar nackter elender Gestalten, die, angeführt von Dämonen mit einer Fahne, unentrinnbar in die Tiefe geführt werden. Seitlich hinter Dante erhebt sich terrassenförmig ein Berg. Man sieht Menschengruppen, die sich in einer nach oben verjüngenden Spirale einen felsigen Weg hinaufquälen; und dann über dem Ganzen die sich ausbreitenden Himmelssphären mit ihren Planeten und Kreisbahnen. Dem Betrachter soll dabei ein neues Licht aufgehen. Schon früher, in seinem ,Gastmahl, hatte Dante seinen Lesern eine Art Rätsel aufgegeben, indem er sagte: ,Das wird das neue Licht sein, die neue Sonne, die da aufgehen wird, wo die alte untergeht‘.“ Roberto erklärte: „Dreimal sieben Sphären menschlichen Verhaltens müssen erkannt und durchmessen werden. Die ,Divina Commedia‘ ist genau so gegliedert, wie es auch im Menschen und im Kosmos aussieht oder aussehen könnte. Im Inferno, im Purgatorio und im Paradiso kann man das nach und nach erleben.“

Alles dreht sich nur im Kreise

Die Freunde standen vor der Ehrentafel zur „Divina Commedia“, die sie ganz in ihren Bann zog. Roberto war so recht in Fahrt gekommen und berichtete weiter: „Unser Gymnasiallehrer Umberto in Padua, wir nannten ihn immer nur bei seinem Vornamen, hat einmal gesagt: ,Der Weg des Menschen verläuft auf geniale Weise durch den Kosmos in einer großen Spirale ohne Bruch“ „So sollte es vielleicht sein“, entgegnete William. „Tatsächlich dreht sich das Leben aber doch vor allem im Kreise. Ich meine, das Unerledigte wird immer wieder mit ins Grab genommen.“

Andreas erkannte bei der Betrachtung des Ehrenbildes, dass Dante ganz offenbar mit seiner Dreigliederung von Inferno, Purgatorio und Paradiso ein besonderes geistiges Gesetz freigelegt hatte. Dieses betraf vor allem auch die Ansicht vom so genannten Fegefeuer. Denn im allgemeinen Verständnis des Mittelalters kamen die Seelen nach dem Tod dort hin. Deshalb hatten die Menschen unaussprechliche Angst vor dem Tod. Es hieß, die Seelen würden im Fegefeuer durch vielerlei feurige Qualen für ihre Begierden und Leidenschaften bestraft. Alle Vergehen im täglichen Leben in Gedanken, Worten und Werken zögen solche Qualen nach sich. Deshalb sollte die Kirche durch Fürbitte und Ablass helfen, die Seele aus dieser Schmach zu retten, denn sie konnte angeblich erst nachdem das Fegefeuer überstanden war in den Himmel aufgenommen werden. So einfach sah Dante das jedoch nicht. Er glaubte nicht an eine mehr oder weniger automatische Reinigung.

Reinigung und Läuterung durch das Leben

An dieser Stelle hob Roberto einen entscheidenden Punkt hervor: „Dante löste diese quälende Vorstellung auf und verwies stattdessen auf den ,Berg der Läuterung‘ als eine notwendige aktive Brücke zwischen zwei absolut getrennten Welten von Inferno und Paradiso. Mitten im Leben sollte sich der Mensch zeitlebens läutern und reinigen. Das konnte keine Amtskirche für ihn tun.“

William fragte noch einmal genauer nach der Religiosität Dantes. Aber die Antwort war nicht einfach. Dante war zwar religiös, sogar tief religiös, aber seine Vorstellungen deckten sich in vielen Punkten nicht mit den herkömmlichen Vorstellungen der Kirche. Mündigkeit, Unterscheidungskraft und konkrete Antworten mitten im Leben waren das alles Entscheidende für Dante.

„Deshalb stieg er unter Anleitung eines kundigen Führers zuerst in das Inferno. Denn das Inferno ist seine eigene ihm bislang nicht genügend bekannte Lebenssituation. Das Inferno ist aber auch, kollektiv gesehen, unser jetziges Weltgetriebe, das uns allenthalben umgibt und einkerkert. Zu Dantes Zeiten war das genauso, und heute ist es immer noch so“, bekräftigte Roberto. Jacques erinnerte in diesem Zusammenhang an die Dante-Illustration von Gustave Dore zum Thema „Hass“. Ganz unten im Inferno sehen Dante und Vergil plötzlich tief im Eis versunkene Seelen, die nur noch mit dem Kopf aus der Eisfläche herausschauen, so sehr sind sie durch ihren Hass erstarrt und vom Geist der Liebe isoliert.

„Hass ist wohl der schlechteste Verbündete für eine Begegnung mit dem Geist“, sagte Jacques nachdenklich. „Letztlich war Dantes Religiosität im Kern spirituell und damit von überkonfessioneller Art. Dante fand die geistige Richtschnur vor allem in den spirituellen Strömungen der vorchristlichen Zeit. Man kann das aus der ,Divina Commedia‘ immer wieder herauslesen. Denn jeder ihrer drei Teile beginnt mit dem Blick auf einen der Großen aus vorchristlicher Zeit. Da ist Vergil gleich zu Beginn des Eingangsgesanges im Wald der Irrungen, da ist aber auch der Wächter Cato, ein altrömischer Stoiker, am Gestade und Fuß des Läuterungsberges. Vergil und Dante unterwerfen sich seinen Anordnungen, als sie aus der Tiefe der Inferno-Spirale den Läuterungsberg besteigen wollen. Besonders eindrucksvoll ist die später folgende Szene, als wiederum Vergil Dante ganz oben auf dem Läuterungsberg freispricht und in allen weltlichen und geistig-religiösen Angelegenheiten für mündig erklärt.“

In der Ausstellung sahen die Freunde ein faszinierendes farbiges Aquarell von Salvador Dali, das die anschließende Szene aus der Commedia illustrierte. Man sieht nicht etwa einen Priester, der Dante eine Absolution erteilt, dieser erhält vielmehr die Krone und auch die Mitra, die Bischofsmütze, aus der Hand des Vergil.

Roberto erwähnte dazu: „Unser Lehrer Umberto machte im Unterricht einmal eine leise Bemerkung und nahm dabei auf Goethe und seinen Faust II Bezug: ,Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen.‘ Vielleicht verdankte Goethe ja diese Einsicht seinen subtilen Dante-Studien. Habt ihr bemerkt, dass die ,Commedia‘ auch eine Art Selbsterlösung mit Hilfe höherer Kräfte lehrt? Schrittweise werden die latenten geistigen Möglichkeiten im Menschen entbunden. Umberto hatte damals eilig hinzugesetzt: ,Im geistigen Marshimmel, im Paradiso, und an verschiedenen anderen Stellen sieht man alle geistig frei gewordenen Wesen in einem mächtigen Lichtkreuz vereinigt, um Christus zu dienen.‘ “

Was die Kirche betrifft, so war Dante ihr gegenüber keineswegs ablehnend gesinnt, aber er hatte einen anderen „Staatsentwurf “ im Sinn. In seinem Werk „De Monarchia“ plädierte er für eine strenge Gewaltenteilung zwischen Kurie und Kaiser. Deshalb stand diese Betrachtung später auf dem Vatikanischen Index der verbotenen Bücher.

Bei vielen Darstellungen verweilten die Freunde sehr lange und diskutierten eifrig über das Geschaute. Zum Schluss setzten sie sich noch zu einer Tasse Kaffee am Haidplatz nieder.

Jacques fragte: „Dante, ein positiver Utopist?“ Ein unbedingtes und vorbehaltloses „Ja“ kam aus aller Munde. Die Vier waren sich einig, dass Dante ganz offensichtlich die „Schöpfung von Grund auf neu beginnen ließ“. Dabei zielte er offenbar auf die innere Veränderungsfähigkeit des Einzelnen. Für Dante war und blieb der Mensch immer königlicher Herkunft, nicht ein König als äußerer Herrscher, sondern als ein vom Geist geleiteter königlicher Selbstbeherrscher auf dem Gebiet der Seele.

Jede reife Seele sucht die kosmische Rose

Dieses Thema ließ die Freunde nicht los. Und Roberto hatte dazu eine Überraschung parat. Er zog aus seiner Aktentasche für jeden von ihnen ein bedrucktes Blatt Papier und las beim Austeilen etwas über den Sinn der „Commedia“ vor. Dante hatte diese Gedanken in einem Brief an seinen großen Gönner im Exil, Cangrande della Scala in Verona, geschrieben. Der Sinn der „Commedia“ sei, „die Menschen bereits in diesem Leben aus dem Zustand des Elends zu dem der Harmonie und des ewigen Glückes zu führen“. Andreas reflektierte diese Verheißung mit einem Wort aus dem Neuen Testament: „Wisst ihr nicht, dass ihr ein Tempel Gottes seid, der in euch ist, und dass ihr euch nicht selbst gehört? Verherrlicht dann Gott in eurem Leibe.“

Die Ausstellung hatte die Freunde tief bewegt, und als sie nach Hause gingen, kamen sie zu der Überzeugung, Dante habe innerlich immer zur reinen Lehre und Liebe des Urchristentums geneigt. Dieses Urchristentum sah er als eine lückenlose klare Fortsetzung aller vorchristlichen geistigen Bemühungen der Menschheit. Im Paradiso hatte er der kosmischen Rose auf einzigartige Weise Ausdruck verliehen. Und der Maler Dore hatte dazu die Himmelsrose gestaltet, die in der Ausstellung gezeigt wurde.

Beatrice war für Dante die himmlische Fügung und auch Führung, die ihn durch alle geweihten Sphären im Paradiso leitete. Sie hatte den Führer Vergil als geistige Führerin abgelöst und Dante schließlich zur himmlischen Rose geführt, in der er das Mysterium der kosmischen Einheit der Liebe erkennen durfte.

Franz von Assisi

Frau Kammermeier, die Vermieterin von Williams Maleratelier, war eine kleine, eher rundliche Frau mit einem durch und durch gütigen Wesen. Sie hatte ihre vier „Philosophen“, wie sie die Studenten nannte, schon nach kurzer Zeit ins Herz geschlossen. Und heute war ein besonderer Tag, nämlich Sommersonnenwende.

Für Frau Kammermeier war es sogar ein besonderer Tag in doppeltem Sinn, denn sie feierte ihren 72. Geburtstag. Sie hatte ihr graues Haar sorgfältig in der Mitte gescheitelt und rundherum einen Zopfkranz geflochten. Aus ihrem Kleiderschrank hatte sie ihr schönstes Dirndl mit Spitzenstola ausgesucht, das sie nur an hohen Festtagen trug.

Es war Hochsommer, und die Freunde kamen schon um 11 Uhr bei herrlichem Wetter in der vertrauten Philosophenecke zusammen. Um diese Zeit läuteten die Domglocken, und der leise Wind trug den Klang weithin über die Donau.

Da kam Frau Kammermeier in ihrer Festtagstracht zu den vier Studenten und stellte einen bauchigen Keramikkrug mit einem Strauß bunter Sommerblumen auf den Tisch. Auf dem Krug waren drei prächtige Sonnenblumen abgebildet. Das alles passte genau zu einem Tag, an dem die Sonne als Beherrscherin des Himmels alles überstrahlte.

Die Freunde ahnten natürlich nichts vom Ehrentag der Frau Kammermeier. Aber sie erfuhren es wenig später, als der Mieter aus der ersten Etage auf seinen Stock gestützt zum Gratulieren in den Garten kam. Ein wenig verlegen, aber doch sehr herzlich, schlossen sich die Studenten den Glückwünschen des älteren Herrn an. Frau Kammermeier wiederum wollte „ihre Philosophen“ nicht stören, strahlte aber übers ganze Gesicht, als sie sah, wie sehr sich die vier über den Blumenstrauß freuten. Diese entschlossen sich sofort, am Nachmittag für Frau Kammermeier ein passendes Geschenk in der Altstadt zu besorgen. Aber das war noch nicht alles, was sich an diesem Tag an sonnigen Dingen ereignete: Andreas war an der Reihe mit dem Thema, „der Sonnenstaat“ des Tommaso Campanella.

Er hatte für das Gespräch eine humorvolle Idee entwickelt. Denn alles, was er zum Thema herausgefunden hatte, wollte er der Reihe nach so darstellen, als wenn er es „life“ und aktuell durch ein virtuelles Fernrohr sähe.

Erwartungsvoll schauten ihn die Freunde an. Er erhöhte die Spannung, indem er den linken Arm etwas erhoben ausstreckte und Daumen und Zeigefinger zu einem Ring geschlossen wie ein Okular ans rechte Auge führte. „Blicken wir wieder einmal durch unser geistiges Fernrohr. Unser Blick wandert in die Ferne ganz nach Süden, nach Kalabrien an die Stiefelspitze Italiens.“

Der Sonnengesang - eine Hymne auf die Liebe

Etwa in der Höhe Roms hielt das Fernrohr plötzlich an und wandte sich wie von magischen Kräften gelenkt nach Osten, nach Umbrien, genauer gesagt nach Assisi. Und Andreas kommentierte: „Im Moment sehe ich in Umbrien nur das Kloster des ehrwürdigen Franz von Assisi mit seinem kleinen Glockenturm. Das hat eine spezielle Bedeutung für uns.“ Bei diesen Worten zeigte er auf die leuchtenden Sonnenblumen, die den Keramikkrug zierten.

„Heute geht es in unserem Gespräch um die Sonne, die zentrale unsichtbare Sonne, die mit ihren Gesetzen alles beherrscht und regelt. Ihr kennt doch sicher den wunderbaren ,Sonnengesang‘ des Franz von Assisi. Das ist eine spirituelle Hymne an die strahlende, wärmende Sonne. Sie stammt aus der Zeit, als die Kirche bereits starken Einfluss auf den neuen Orden genommen hatte, was dazu führte, dass manche der Brüder das echte spirituelle Anliegen ihres Ordens vernachlässigten. Ihr wisst schon: Verwaltung, Einfluss und Machtausübung. Ich habe für uns einen Auszug aus dem Sonnengesang mitgebracht, ein herrliches Lob auf die Sonne.“

Andreas legte ein antiquarisches Büchlein über Franz von Assisi auf den Tisch und schlug die entsprechende Seite mit dem eingelegten Lesezeichen auf. Da stand: „Gelobt seist du, Herr, mit allen Wesen, die du geschaffen, der edlen Herrin von allen, Schwester Sonne, die uns den

Tag heraufführt und Licht mit ihren Strahlen spendet, gar prächtig in mächtigem Glanze. Dein Gleichnis ist sie, Erhabener! “