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Parag Khanna

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Beschreibung

In diesem Buch eröffnet uns Parag Khanna, indisch-amerikanischer Politikwissenschaftler und in Singapur lebender Vordenker, einen anderen, neuen Blick auf die Welt. Er bringt Geschichte, Politik und die natürlichen Lebensbedingungen des Menschen, die sich gerade rasant verändern, zusammen und leitet daraus Voraussagen für die Zukunft ab. Seine Grundthese: Die Menschheit wird sich in den nächsten Jahrzehnten neu auf der Erde verteilen (müssen). Gebiete, die bislang von der Natur bevorzugt wurden, drohen unbewohnbar zu werden; alte Industrieregionen, die Millionen von Menschen angezogen haben, werden veröden, neue Zentren entstehen. All dies wird nicht auf ein Land beschränkt sein, sondern zum weltweiten Phänomen. Die Gründe, die Khanna für riesige Migrationsströme über die Kontinente hinweg sieht, sind vielfältig: von demographischen Schieflagen und unterschiedlichen Modernisierungsgeschwindigkeiten über Klimaveränderungen bis zu sich neu verteilenden Arbeitsmöglichkeiten. Die Menschen werden, ob aus Zwang oder freiwillig, in kaum vorstellbarer Weise «on the move» sein. Faktenreich, mit anschaulichen Beispielen und überzeugendem Zahlenmaterial entwirft Khanna die «Zivilisation 3.0», in der Mobilität unser aller Schicksal, ja die Signatur der Zeit sein wird.

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Seitenzahl: 526

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Parag Khanna

Move

Das Zeitalter der Migration

 

 

Aus dem Englischen von Norbert Juraschitz und Karsten Petersen

 

Über dieses Buch

In diesem Buch eröffnet uns Parag Khanna, indisch-amerikanischer Politikwissenschaftler und in Singapur lebender Vordenker, einen anderen, neuen Blick auf die Welt. Er bringt Geschichte, Politik und die natürlichen Lebensbedingungen des Menschen, die sich gerade rasant verändern, zusammen und leitet daraus Voraussagen für die Zukunft ab. Seine Grundthese: Die Menschheit wird sich in den nächsten Jahrzehnten neu auf der Erde verteilen (müssen). Gebiete, die bislang von der Natur bevorzugt wurden, drohen unbewohnbar zu werden; alte Industrieregionen, die Millionen von Menschen angezogen haben, werden veröden, neue Zentren entstehen. All dies wird nicht auf ein Land beschränkt sein, sondern zum weltweiten Phänomen. Die Gründe, die Khanna für riesige Migrationsströme über die Kontinente hinweg sieht, sind vielfältig: von demographischen Schieflagen und unterschiedlichen Modernisierungsgeschwindigkeiten über Klimaveränderungen bis zu sich neu verteilenden Arbeitsmöglichkeiten. Die Menschen werden, ob aus Zwang oder freiwillig, in kaum vorstellbarer Weise «on the move» sein. Faktenreich, mit anschaulichen Beispielen und überzeugendem Zahlenmaterial entwirft Khanna die «Zivilisation 3.0», in der Mobilität unser aller Schicksal, ja die Signatur der Zeit sein wird.

Vita

Parag Khanna, geboren 1977 in Kanpur (Indien), ist Politikwissenschaftler, Strategieberater und Publizist. Er arbeitete u.a. für den Council on Foreign Relations, das Weltwirtschaftsforum und als außenpolitischer Berater der Präsidentschaftskampagne von Barack Obama. Khanna ist CNN-Experte für Globalisierung und Geopolitik, regelmäßig veröffentlicht er Artikel und Essays in Zeitungen wie der «New York Times», der «Washington Post» und der «Financial Times». 2019 erschien «Unsere asiatische Zukunft», das zum «Spiegel»-Bestseller wurde. Heute lebt Khanna mit seiner Familie in Singapur, wo er mehrere Jahre an der Nationaluniversität lehrte.

Impressum

Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Hamburg, April 2021

Copyright © 2021 by Rowohlt · Berlin Verlag GmbH, Berlin

Die britische Ausgabe erscheint im Herbst 2021 im Verlag Weidenfeld & Nicolson, London, die amerikanische Ausgabe im Verlag Scribner, New York.

Copyright © 2021 by Parag Khanna

Copyright © 2021 by Hybrid Reality Pte. Ltd

Covergestaltung Frank Ortmann

Coverabbildung iStock; Shutterstock

ISBN 978-3-644-00935-6

 

Schrift Droid Serif Copyright © 2007 by Google Corporation

Schrift Open Sans Copyright © by Steve Matteson, Ascender Corp

 

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www.rowohlt.de

Im Gedenken an David Held

Wissenschaftler, Mentor, Kosmopolit

Vorwort

Der April 2020 wird für alle Zeiten als der Monat in Erinnerung bleiben, in dem die Welt stillstand. Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit hat beinahe die gesamte Weltbevölkerung ein und dieselbe Maßnahme durchgeführt: den großen Lockdown. So gut wie alle Büros und Geschäfte waren geschlossen, Straßen und Parks wie leergefegt. Autos, Züge und Flugzeuge saßen nutzlos fest. Ziegen, Rehe, Füchse, Wildschweine, Enten, Kängurus und sogar Pinguine streunten munter durch sonst geschäftige Städte, von Edinburgh und Paris bis nach Kapstadt und Canberra. Die Zeitschrift The Economist fasste das alles mit einem einzigen Wort zusammen: «Geschlossen».

Der weltweite Lockdown forderte von Milliarden Menschen auf der ganzen Welt einen schmerzlichen Tribut. Mehr als eine Million fielen dem Coronavirus zum Opfer, manche Überlebende[1] werden womöglich für den Rest ihres Lebens an Spätfolgen leiden. Die Arbeitsplätze von über drei Milliarden Menschen waren lahmgelegt; Hunderte Millionen von Menschen verloren praktisch von heute auf morgen ihre Arbeit. Das Einfrieren der Lieferketten schuf Engpässe bei chirurgischen Masken, Lebensmittel verrotteten auf den Bauernhöfen, und die internationale Schifffahrt stand still. Millionen Menschen sind womöglich an Hunger und Unterernährung gestorben. Weltweit saßen 90 Prozent der Schüler zu Hause, viele hatten weder eine geeignete Internetverbindung noch Bücher oder gar Lehrer.

Der Lockdown hat auch die Weltwirtschaft in die Knie gezwungen. Unzählige Unternehmen, von Fluglinien über Autohändler bis hin zu Ladengeschäften und Restaurants, mussten Insolvenz anmelden. Die Ölförderung überstieg so sehr die Nachfrage, dass der Preis zeitweise ins Negative fiel. Die größten internationalen Veranstaltungen, etwa die Olympischen Spiele und die World Expo, wurden verschoben. Mehr als die Hälfte der Länder beantragte beim Internationalen Währungsfonds (IWF) Notkredite, während Dutzende darüber hinaus auf eine Aussetzung der Schuldenzahlungen angewiesen waren. Um den Rückgang der Wirtschaft zu bekämpfen, der das Ausmaß der Weltwirtschaftskrise von 1929 bei weitem überstieg, entfachten Zentralbanken und Staatskassen einen regelrechten Geld-Tsunami: knapp 10 Billionen Dollar an Darlehen für Unternehmen, Zuschüsse für Familien und andere Maßnahmen, um die Wirtschaft anzukurbeln.

Die vielleicht größte Ironie des Lockdowns liegt in der Tatsache, wie selbstverständlich die beinahe reibungslose weltweite Mobilität für uns geworden ist. Das Jahr 2019 war ein Rekordjahr für den Tourismus, mit weltweit über 1,5 Milliarden internationalen Flugreisenden – die bislang höchste Zahl. Mehr als 275 Millionen Menschen wurden als internationale Migranten bezeichnet, von indischen Bauarbeitern und philippinischen Kindermädchen in Dubai bis hin zu amerikanischen leitenden Angestellten und Englischlehrern in ganz Asien – ebenfalls ein Rekord. Und dann hörte alles auf.

Der Lockdown sorgte für eine plötzliche Neuordnung der Weltbevölkerung. Aus jedem Winkel der Welt kehrten Touristen, Studenten und im Ausland lebende Bürger in das Land ihrer Geburt oder Nationalität zurück. Europäische Länder schickten Flugzeuge nach Afrika und Lateinamerika, um ihre Staatsbürger ins Land zurückzuholen. Asiatische Studierende besorgten sich One-Way-Tickets, um aus den USA, Großbritannien oder Australien nach Hause zurückzukehren. Über 200000 indische Arbeiter wurden aus Golf-Ländern wie Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten ausgeflogen. Diese beispiellose Rückführung von Menschen setzte künstlich Aufenthaltsort und Staatsbürgerschaft neu ins Verhältnis. Wohl zum ersten Mal seit Menschengedenken war fast die ganze Weltbevölkerung «zu Hause».

Wie geht es weiter? Werden die Menschen zu Hause bleiben, dorthin zurückkehren, wo sie vor Beginn der Pandemie waren, oder sich ein neues Ziel suchen? Wir können schon deshalb nicht davon ausgehen, dass der Weltzustand vor Covid-19 wiederhergestellt wird, weil ein so großer Teil unseres privaten und beruflichen Lebens ebenso wie Gesellschaft, Wirtschaft und Regierung auf Mobilität angewiesen sind: unsere Bewegung innerhalb der Städte und von einer zur anderen, national wie international. Ein gewaltiger Anteil der Weltwirtschaft und der globalen Lieferketten funktioniert nur dann, wenn Menschen mobil sein dürfen. Wenn man auf dem Fahrrad aufhört zu treten, kippt es irgendwann um. Unsere Zivilisation ist dieses Fahrrad. Und wir werden eifrig treten.

Revolutionäre Momente wirken sich über Jahrzehnte hinweg aus. Die Geschichte ist voller seismischer, weltweiter Störungen: Pandemien und Seuchen, Kriege und Völkermorde, Hungersnöte und Vulkanausbrüche. Und immer wieder nach großen Katastrophen zwingt uns unser Überlebensinstinkt, den Ort zu wechseln.

Die Menschheit tritt derzeit das umfassendste Experiment an, das sie jemals an sich selbst durchgeführt hat: Nachdem sich die Pandemie zurückgezogen hat, werden Grenzen wieder geöffnet, und Menschen sind wieder unterwegs. Welche Orte werden sie verlassen, und wo werden sie versuchen, sich neu anzusiedeln? Wo sollte die Menschheit überhaupt leben? Wie kommen wir alle am besten mit dem unendlich komplexen Wechselspiel von politischen Unruhen und Wirtschaftskrisen, technologischen Innovationen und Klimawandel, demographischen Ungleichheiten und pandemischer Paranoia zurecht? Die Antwort auf diese Fragen lässt sich in einem Wort zusammenfassen: Mobilität.

Die Weltkarte der Menschheit ist nicht für alle Zeiten festgelegt; sie ist es heute nicht, und sie war es nie gewesen. In diesem Buch möchte ich Szenarien radikaler Veränderungen in unserer geographischen Zukunft durchspielen – auch was Ihren eigenen Ort auf der nächsten Weltkarte der Menschheit angeht.

Einleitung:Wo werden Sie im Jahr 2050 leben?

Anfang der 2010er Jahre stellten mein Freund und Kollege Greg Lindsay und ich uns die Frage: «Wo werden wir im Jahr 2050 leben?» Die Antwort könnte einfach lauten: in hochtechnisierten städtischen Umgebungen. Aber in welchen? Manche von ihnen werden Opfer einer räuberischen Regierung und der Überwachung von Unternehmen sein, während andere es den Bewohnern gestatten werden, eine gewisse Privatsphäre zu bewahren. Manche werden in Regionen liegen, die vom Klimawandel relativ unberührt bleiben, während andere inzwischen möglicherweise bereits untergegangen sind. Manche Gebiete werden einen blühenden Dienstleistungssektor und eine lebendige Kultur haben, wohingegen andere zu «Fabrikstädten» degradiert werden, wie es etliche in ganz Michigan gibt, deren Geschäftsmodell nicht an die moderne Zeit angepasst wurde. Als wir die Welt nach Regionen durchforsteten, die gut gegen den Klimawandel gewappnet sind und sich einer fortschrittlichen Regierung rühmen können, schlossen wir korrupte, autoritäre Staaten ebenso aus wie Regionen, die unter einem Anstieg des Meeresspiegels zu leiden haben werden. Wir konzentrierten uns auf Orte mit reichlicher Trinkwasserversorgung, die Talente für künftige Industriebetriebe anlocken könnten. Wir einigten uns auf … Michigan.

Im größeren Rahmen wurde für uns deutlich, dass ein «neuer Norden» entsteht, eine Ansammlung von Regionen wie das Gebiet um die Großen Seen oder auch Skandinavien, die massiv in erneuerbare Energien, Lebensmittelproduktion und wirtschaftliche Diversifizierung investieren. Nicht allzu lange nachdem der Hurrikan Sandy im Jahr 2012 überstanden war, zogen Greg und seine Familie aus New York City nach Montreal.

Dieses scheinbar simple Gedankenexperiment birgt einige wertvolle Lektionen. Zunächst einmal ist es, wie schon die Baseball-Legende Yogi Berra wusste, schwierig, Vorhersagen zu treffen – vor allem über die Zukunft. Eine weitere Erkenntnis lautet, dass Orte, die gestern verlassen wurden, schon morgen wiederbelebt werden können. Die Städte des sogenannten Rust Belt, also des «Rostgürtels» (nach den vor sich hin rostenden Fahrzeugen und Maschinen), um die Großen Seen stehen mittlerweile emblematisch für eine verheerende Zerstörung: Michigan verliert gegenwärtig jedes Jahr doppelt so viele Einwohner, wie es hinzugewinnt (womit es auch Sitze im Repräsentantenhaus verliert). Dabei könnte Detroit durchaus der große Immobilienmarkt von morgen sein, nichts weniger als eine Klimaoase. Es gibt bereits Anzeichen für ein Comeback der Stadt mit ihren kleinen Bahnen, Kunstmuseen, Luxushotels, der schicken Mode und den üppigen arabischen und asiatischen Speisen. Im Herzen von Detroit gibt es jetzt einen städtischen Sandstrand, wo sich junge Berufstätige zum Essen und Trinken treffen. Industriebetriebe statten Michigans Fabriken neu aus, um Elektroautos in Serie zu produzieren. Als Nächstes kommen womöglich Werke für den 3D-Druck des modularen Wohnungsbaus. Innerhalb von ein paar Jahrzehnten werden sich die US-amerikanisch-kanadischen Beziehungen womöglich so weiterentwickeln, dass Detroit zum Mittelpunkt in einem nahtlosen, blühenden Korridor von Chicago bis Toronto wird.

Das entgegengesetzte Extrem könnte Hongkong sein, eine florierende Weltstadt, die von Beijing arg in die Zange genommen wird. Auch nach der Rückgabe Hongkongs an China im Jahr 1997 blieb die Stadt Asiens führende kapitalistische Drehscheibe – samt allen Vorzügen des Zugangs zum riesigen Markt Festlandchinas, wenn auch mit einigen Einschränkungen der demokratischen Freiheiten. Zwei Jahrzehnte später ist Hongkong ein Schlachtfeld zwischen der einheimischen Jugend, die ihre Freiheit liebt, und einer chinesischen Regierung, die eine bedingungslose Beachtung des nationalen Sicherheitsgesetzes fordert. Lange vor 2047, dem offiziellen Datum, das für die Eingliederung Hongkongs in Festlandchina festgesetzt wurde, wird ein Großteil der dynamischen Jugend der Stadt den Kampf aufgegeben und die eigenen Talente anderswo eingebracht haben, abgelöst von Millionen gefügiger Festlandchinesen.

Die Prognose, welche Orte in den kommenden Jahrzehnten aufblühen oder aber scheitern werden, erfordert einen umfassenden Blick auf die politischen, ökonomischen, technologischen, sozialen und ökologischen Faktoren, die Vorhersage, wie sich diese Faktoren miteinander verbinden werden, und die Entwicklung von Szenarien, die aufzeigen, wie jede der Regionen sich an dieses unendlich komplexe Beziehungsgeflecht anpassen wird. Etliche Wendungen stehen uns noch bevor: heute Lockdown, morgen Massenmigration; heute populistische Demokratie, morgen datengestütztes Regieren; heute nationale Identität, morgen globale Solidarität – und an manchen Orten gerade umgekehrt oder im steten Wechsel zwischen den Gegensätzen. Unter Umständen wird man nicht wissen, ob man den richtigen Schritt – oder die richtigen Schritte – getan hat, bis das Jahr 2050 schließlich da ist.

1. KapitelMobilität ist Schicksal

«Eine Spezies von Migranten, die letztlich damit zufrieden ist, eine Spezies von Migranten zu sein. In meinen Augen ist das ein Ziel, das zu verfolgen sich lohnt.»

Mohsin Hamid

Geographie ist, was wir daraus machen

Fragen Sie mal jemanden, der oder die zwischen 1990 und 2005 an der Georgetown’s School of Foreign Service in Washington, D.C., das Examen abgelegt hat, an welchen Kurs er oder sie sich ihr Leben lang erinnern wird. Die Augen werden aufleuchten, der Mund verzieht sich zu einem Grinsen, und nur ein Wort wird fallen: «Karten». Ein Kurs, für den es nur einen Credit-Punkt gab und keine Noten (außer bestanden/nicht bestanden), wurde schnell so legendär, dass Studierende alles andere beiseiteließen, um ihn zu belegen. Schon bald schlossen sich Hunderte weiterer Studierender an, die einfach nur zuhören wollten, sodass jedes Jahr ein größerer Lesesaal benötigt wurde. Und der ganze Aufwand, nur um die Vorlesungen des mürrischen Dr. Charles Pirtle live zu erleben – ein Feuerwerk wissenswerter Fakten über jedes einzelne Land, jede Hauptstadt, jedes Gewässer, jede Gebirgskette und jeden Grenzkonflikt auf Erden. Im Jahr 2005 führte die Zeitschrift Newsweek den Kurs «Map of the Modern World», also «Karte der heutigen Welt», auf ihrer Liste der «College-Kurse für Masochisten». Wir konnten nicht genug davon kriegen.

Dr. Pirtle verfolgte zwei hehre Ziele: gegen die geographische Ignoranz anzukämpfen und, ebenso wichtig, aufzuzeigen, dass die Weltkarte ein immer wieder neues Zusammentreffen von Umweltschutz, Politik, Technologie und Demographie ist. Ihm habe ich es zu verdanken, dass Prognosen und die Visualisierung des komplexen Wechselspiels dieser Kräfte zu meiner beruflichen Leidenschaft wurden. Immerhin war die Methode, wie Geographie in den 1990er Jahren an der Highschool unterrichtet wurde, nicht sonderlich erhellend. Damals umfasste der Unterricht im Wesentlichen Erdkunde (hauptsächlich Geologie; kein Wort vom Klimawandel), dazu ging es immer wieder um Staatsgrenzen. Für die meisten Studierenden beschränkt sich das Studium der Geographie leider auf diese politische Geographie, als seien die im Grunde willkürlichen Linien auf unseren Landkarten völlig unveränderbar. In Wirklichkeit sind Staaten durchlässige Behälter, die von den Strömen der Menschen und Ressourcen in ihrem Innern wie nach außen hin geformt werden. Was wäre ein Staat denn ohne sie?

In diesem Buch geht es um die Geographie, die uns am stärksten betrifft: die Humangeographie. Die Humangeographie untersucht, wie wir Menschen über die 150 Millionen Quadratkilometer Land auf sechs Kontinenten verteilt sind. Stellen Sie es sich wie Klimatologie vor: eine profunde Wissenschaft über das Verhältnis, in dem wir zueinander und zu dem Planeten stehen. Humangeographie fasst brandheiße Themen wie Demographie (die Alters- und Geschlechterverteilung von Bevölkerungen) und Migration (die Mobilität der Menschen) zusammen, reicht aber noch tiefer bis in unsere ethnographische Zusammensetzung und sogar unsere genetische Anpassung an eine sich verändernde Umgebung. Klimaflüchtlinge und Wirtschaftsmigranten, gemischte Ehen und sogar die Evolution – dies alles fließt in unsere sich rasch entwickelnde Humangeographie ein.

Warum ist Humangeographie gerade heute so wichtig? Weil unserer Spezies eine harte Zeit bevorsteht und wir bestimmte geographische Gegebenheiten nicht länger als selbstverständlich annehmen können. Unsere Zukunft hängt ab von der Wechselwirkung elementarer Schichten wie der natürlichen Geographie (der Ursprung von Nahrung, Wasser, Energie und Bodenschätzen), der politischen Geographie (territoriale Grenzen, die Staaten demarkieren) und der ökonomischen Geographie (Infrastruktur und Industriezweige). Sie zählen zu den Hauptkräften, die in den vergangenen Jahrtausenden unsere Humangeographie bestimmt haben – und umgekehrt hat unsere Humangeographie diese Schichten geformt.

Tatsächlich waren die Rückkoppelungseffekte zwischen diesen Schichten nie zuvor so heftig und komplex. Die menschliche ökonomische Aktivität hat die Entwaldung und den industriellen Ausstoß von Emissionen beschleunigt, die für die globale Erwärmung, den Anstieg des Meeresspiegels und massive Dürren verantwortlich sind. Vier der wichtigsten amerikanischen Städte sind in höchster Gefahr: New York City und Miami könnten ertrinken, Los Angeles hingegen geht früher oder später das Wasser aus, und San Francisco wird von Waldbränden erstickt. Die gleichen Kettenreaktionen, unter denen in den USA Millionen Menschen zu leiden haben, treffen auch Milliarden in Asien. Man führe sich einmal vor Augen: Asiens spektakulärer wirtschaftlicher Aufstieg in den letzten Jahrzehnten wurde von Bevölkerungswachstum, Urbanisierung und Industrialisierung in einem halsbrecherischen Tempo vorangetrieben. Und alle drei ließen den Ausstoß von Emissionen in die Höhe schnellen. Das hat zu einem Anstieg des Meeresspiegels beigetragen, der die geschäftigen Bevölkerungen der Mega-Küstenstädte am Pazifik und am Indischen Ozean gefährdet. Somit beschleunigt der Aufstieg Asiens zugleich das Versinken Asiens – was immer mehr Asiaten dazu veranlassen wird, über Grenzen zu flüchten, was wiederum Konflikte um Ressourcen auslöst. Wir treiben das System an, dann treibt das System uns an.

Unsere geographischen Schichten sind erheblich aus dem Gleichgewicht geraten. Wir haben in Nordamerika und Europa reiche Länder mit 300 Millionen alten Menschen, Tendenz steigend, und einer verfallenden Infrastruktur – aber grob geschätzt zwei Milliarden junge, untätig dasitzende Menschen in Lateinamerika, im Nahen Osten und in Asien, die imstande wären, sich um die Alten zu kümmern und den Dienstleistungssektor in Gang zu halten. Wir haben unendlich viele Hektar an nutzbarem Ackerland im praktisch menschenleeren Kanada und in Russland, während Millionen mittelloser afrikanischer Bauern durch Dürren von ihrem Land vertrieben werden. Es gibt Länder mit bewährten politischen Systemen, aber wenig Staatsbürgern, wie Finnland und Neuseeland, während Hunderte von Millionen Menschen unter despotischen Regimen leiden oder in armseligen Flüchtlingslagern leben.

Ist es da ein Wunder, dass derzeit Rekordzahlen an Menschen in Bewegung sind?

Kindern des 20. Jahrhunderts werden diese Redensarten womöglich vertraut sein: «Geographie ist Schicksal» und «Demographie ist Schicksal». Die erste deutet an, dass unser Los von unserem Wohnort und den Ressourcen, die er besitzt, bestimmt wird; die zweite, dass unser Los vor allen Dingen von der Größe und der Altersstruktur der Bevölkerung abhängt. Zusammengenommen geben sie uns zu verstehen, dass wir dort, wo wir sind, festsitzen; mit ein wenig Glück ist es ein vernünftig bevölkertes und ressourcenreiches Land. Sollten wir weiterhin an einen derartigen Determinismus und eine solche geographische Apartheid glauben? Natürlich nicht.

Die meiste Zeit über haben wir passiv beobachtet, wie sich die Humangeographie entwickelt, und die Karte der Welt sowie die Verteilung der Menschheit für selbstverständlich gehalten. Das wird nicht länger ausreichen. Vielmehr müssen wir aktiv unsere Regionen neu ausrichten. Wir müssen Menschen und Technologien über die ganze Welt verschieben, um für das Wohl der Menschheit zu sorgen und den Ressourcenverbrauch zu verringern. Massenmigrationen sind unvermeidlich, und sie sind, heute mehr denn je, unerlässlich. Das Gleiche gilt für massive Baumaßnahmen, um lebenswerte Orte bewohnbar zu machen (oder zu halten). Wenn wir es richtig anstellen, können wir unsere Überlebenschancen als Spezies erhöhen, die schwächelnden Volkswirtschaften wieder ankurbeln und eine vernünftigere Karte für unsere Zivilisation zeichnen. Geographie ist nicht Schicksal. Geographie ist das, was wir daraus machen.

In meinem Buch Connectography aus dem Jahr 2016 habe ich ein drittes Axiom vorgeschlagen, um den Lauf der globalen Zivilisation zu erklären: «Vernetzung ist Schicksal.» Unsere gigantischen Infrastrukturnetze – ein mechanisches Exoskelett aus Schienen, Stromleitungen, Internetkabeln und vielem mehr – ermöglichen die rasche Bewegung von Menschen, Waren, Dienstleistungen, Kapital, Technologie und Ideen über den ganzen Globus. Es ist an der Zeit, sie wieder zu nutzen. Vernetzung und Mobilität sind komplementär – zwei Seiten einer Medaille. Ein vierter Grundsatz kristallisiert sich heraus: Mobilität ist Schicksal.

In den kommenden Jahrzehnten werden womöglich ganze Regionen der Welt, die heute überbevölkert sind, von Menschen verlassen, während manche entvölkerte Gebiete massiv an Bevölkerung zulegen und zu neuen Zentren der Zivilisation werden könnten. Wer das Glück hat, an einem Ort zu leben, den er oder sie nicht verlassen muss, hat gute Chancen, irgendwann Migranten über den Weg zu laufen. In Anlehnung an Lenin könnte man sagen: «Es mag sein, dass du dich nicht für Migration interessierst, aber die Migration interessiert sich für dich.»

Die Welt von morgen ist nicht nur voller mobiler Menschen, sondern wird geradezu durch die Mobilität von allem definiert. Jeder wird ein Mobiltelefon besitzen, was bedeutet, dass Kommunikation, Internet, medizinischer Rat, Finanzen und vieles mehr überall verfügbar sind; kein Mensch wird noch zu einer «Bank» gehen. Sowohl die Arbeit als auch das Studium spielen sich online ab; die Zahl der digitalen Nomaden wird schlagartig anwachsen. Immer mehr Menschen leben in mobilen Häusern und anderen beweglichen Unterkünften. Sogar «feste» Vermögenswerte sind mehr und mehr austauschbar. Wir können Häuser mit dem 3D-Drucker bauen, Fabriken und Krankenhäuser an jedem Ort errichten, aus der Sonne oder anderen erneuerbaren Quellen Strom gewinnen und uns von Drohnen alles bringen lassen, was wir brauchen. Wenn wir uns bewegen, bewegt sich die Lieferkette mit. Aus ökonomischer Sicht können Arbeit und Kapital unablässig in neue Länder wechseln und so neue Regionen der Produktivität schaffen. Die Vorstellung unserer künftigen Mobilität ist die Linse, durch die wir unsere künftige Zivilisation betrachten müssen.

Sind Sie bereit, sich zu bewegen? Ist Ihr leibliches Wohl aufgrund von politischen und wirtschaftlichen Krisen, technologischen Schwierigkeiten oder Klimawandel in Gefahr? Wären die Rahmenbedingungen für Sie und Ihre Familie anderswo besser? Was hält Sie davon ab, dorthin zu gehen? Wo immer es sein mag, machen Sie sich auf. Die Schwierigkeiten werden nicht aufhören. Für Milliarden Menschen wird bald nichts normaler sein als stetige Mobilität. Bewegung kann zum Selbstzweck werden: Man bewegt sich nicht einfach, sondern ist ständig in Bewegung. Doch vielleicht werden wir, während wir uns bewegen, auf neue Weise entdecken, was es heißt, ein Mensch zu sein.

Die Weltbevölkerung liegt aktuell bei knapp unter acht Milliarden. Fast fünf Milliarden leben in Asien, eine Milliarde in Afrika, 750 Millionen in Europa, 600 Millionen in Nordamerika und 425 Millionen in Südamerika.

Migration bildet Nationen

Der größte Teil der Menschheit hat niemals eine Staatsgrenze überschritten. Noch heute verbringen die meisten Menschen ihr ganzes Leben in dem Land, in dem sie geboren wurden – was nicht unbedingt bedeutet, dass sie deshalb keine Migranten wären. Menschen zu zählen, die Grenzen überqueren, ist eine unzureichende und verzerrende Methode, Migration zu erfassen. Laut der Internationalen Organisation für Migration (IOM) migrieren etwa dreimal so viele Menschen innerhalb des Landes wie länderübergreifend.[1] Enthalten sind bei Ersteren auch diejenigen, denen nichts anderes übrig bleibt, als sich selbst zu entwurzeln: schätzungsweise 40 Millionen intern vertriebener Menschen (IDPs für «internally displaced people»), hauptsächlich wegen politischer Gewalt, aber auch wegen des Klimawandels, die buchstäblich gezwungen waren, im eigenen Land den Wohnort zu verlassen. Die Geschichte von mobilen Menschen handelt ebenso von diesen Migranten wie vom internationalen Jetset.

Die wohl größte Migration der Menschheitsgeschichte überhaupt spielt sich seit Jahrzehnten schlicht aufgrund der Urbanisierung innerhalb der Länder ab. Noch im Jahr 1960 lebte nur eine Milliarde Menschen in Städten; heute liegt die Zahl bei über fünf Milliarden. Für die große Mehrheit der Bevölkerung bringt der Umzug vom Land in die Stadt erhebliche Veränderungen in der eigenen Lebenserfahrung mit sich, von der Bildung über die Arbeit bis hin zur Gesundheitsversorgung.[2] Der Zustrom von Arbeitskräften in die chinesischen Küstenstädte begleitete nicht nur den Aufstieg Chinas zu einer wirtschaftlichen Supermacht – er war der Motor. China hat mehr innere Migranten, als die ganze Welt an Migranten hat. Ein solcher Prozess ist auch in Indien bereits weit fortgeschritten, wo Jugendliche nach Delhi, Bangalore, Hyderabad und in andere aufstrebende Wirtschaftszentren strömen. Nichts davon taucht in den Statistiken zur internationalen Migration auf, dennoch zählt dieser Trend aufgrund der höheren Löhne und der Rücküberweisungen an Familien auf dem Land zu den wichtigsten Treibern des Wirtschaftswachstums. Man braucht keine Grenze zu überqueren, um die Macht der Migration zu spüren.

Die Urbanisierung schürt jedoch auch die internationale Migration. Wie der deutsche Geograph Ernst Georg Ravenstein vor mehr als einem Jahrhundert bemerkte, nutzen Menschen die großen Städte als Sprungbrett für Chancen im Ausland.[3] Das unaufhaltsame Wachstum der knapp 50 Megastädte der Welt (jener mit mehr als 10 Millionen Einwohnern) und die Unmenge an Städten in der zweiten Reihe lassen darauf schließen, dass ungefähr eine weitere Milliarde Menschen im kommenden Jahrzehnt in Städte umziehen wird. Man kann davon ausgehen, dass viele davon kommen, um sich einen Pass zu verschaffen.

Migration ist menschlich

Die Geschichte der Menschheit beginnt mit einem Schritt. Die ersten aufrecht gehenden Geschöpfe setzten vor knapp zwei Millionen Jahren ihren Fuß auf afrikanischen Boden und überschritten irgendwann in der Region zwischen dem heutigen Roten Meer und der Sinai-Halbinsel eine Landbrücke nach Eurasien. Im Laufe unzähliger Jahrtausende vermischten sich unsere protomenschlichen Vorfahren untereinander, und allmählich – vor etwa 300000 Jahren – kristallisierte sich eine einzigartige Spezies heraus, homo sapiens. Paläontologen gehen davon aus, dass vor 135000 bis 90000 Jahren eine schwere Dürre in Afrika den homo sapiens dazu bewegte, nach Europa vorzudringen. Im Gegensatz zu ihrem dortigen Rivalen, dem Neandertaler, konnte der homo sapiens mit seinem leichteren, aufrechteren Körper auf der Jagd und beim Sammeln von Nahrung mit seinen Werkzeugen aus Knochen (später Stein) größere Entfernungen zurücklegen. Der erste Mensch hängte seine Rivalen durch Geschwindigkeit und Ausdauer ab.

Es heißt, Sprache sei ein Hauptunterscheidungsmerkmal zwischen Menschen und anderen Primaten. Aber warum haben wir überhaupt sprechen gelernt? Weil wir kommunizieren mussten, während wir auf der Jagd mehrere hundert Kilometer zurücklegten. Linguisten glauben, dass sich menschliche Sprachen vor rund 100000 Jahren entwickelten, und zwar keineswegs zufällig, sondern aufgrund der verstärkten Interaktion des migrierenden homo sapiens. Klimatische Einflüsse wie die letzte Eiszeit vor 25000 Jahren trieben Menschen durch ganz Sibirien und über die Landbrücke durch die Beringsee nach Nordamerika. Als die nördlichen Breiten vor knapp über 11000 Jahren wiederum bewohnbar wurden, brachten verstärkte eurasische Wanderungsbewegungen die ganze indoeuropäische Sprachfamilie hervor, die heute drei Milliarden Sprecher vorweisen kann.

Große Migrationen ziehen sich durch die gesamte dokumentierte Geschichte und durch unsere ältesten Mythologien. Laut der hebräischen Bibel ertrugen die Juden unter den ägyptischen Pharaonen eine lange Phase der Sklaverei, bis ein großer Exodus sie auf wundersame Weise durch den Sinai wieder in das Land ihrer Vorfahren in Kanaan führte. Der deutsche Begriff «Völkerwanderung» hat sich allgemein für die ersten Jahrhunderte nach Christi Geburt durchgesetzt, in denen Germanen-, Slawen- und Hunnenstämme in das Gebiet des zerfallenden Römischen Reiches eindrangen. Die ersten Anhänger des Propheten Mohammed suchten, weil sie in Mekka verfolgt wurden, in dem afrikanischen Königreich Abessinien Zuflucht, bevor sie zu missionarischen Eroberern wurden, die Kalifate gründeten und bis nach Südostasien Anhänger bekehrten. Angeblich behaupten bis zu 10 Prozent der asiatischen Männer zwischen dem Kaspischen Meer und dem Pazifik von sich, sie würden direkt von Dschingis Khan abstammen. Das liegt nicht zuletzt daran, dass die Mongolen nomadische und polygame Eroberer waren, die mit einheimischen Stämmen gemischte Ehen schlossen.

Der Schwarze Tod im 14. Jahrhundert kostete schätzungsweise hundert Millionen Menschen das Leben und führte zur Zersplitterung des riesigen Mongolenreiches. In Europa zogen Bauern und Arbeiter an Orte, wo die Böden ertragreicher waren, und in Städte, wo die Löhne wegen des Mangels an Arbeitskräften stiegen. Bis zu 90 Prozent der Bevölkerung mancher arabischer Gebiete verließen ihre von der Pest heimgesuchten Dörfer und flohen in die Städte. Während der darauffolgenden, jahrhundertelang andauernden Kleinen Eiszeit zwangen vorrückende Gletscher und schwere Missernten die Bevölkerungen in Europa, sicheres Ackerland zu suchen. Darüber hinaus regten die klimatischen Verhältnisse die Portugiesen und Niederländer an, sich der Schifffahrt über die Meere zu widmen, was deren weltweite koloniale Expansion förderte. In Zuge der Industriellen Revolution zogen Millionen von Bauern zur Fabrikarbeit in die Städte, und die Dampfschiffe und Eisenbahnen beförderten Millionen Arbeiter, Sklaven und Verbrecher durch das ganze Britische Empire, hauptsächlich über den Atlantik nach Nordamerika.

Die Wanderungsbewegungen der Kolonialzeit waren sowohl freiwillig als auch unfreiwillig. Die englische Einwanderung zur Gründung von Kolonien in Amerika begann Ende des 16. Jahrhunderts. Während des gesamten 17. Jahrhunderts stießen zu diesen ersten Siedlern Pilger auf der Suche nach Gewinnmöglichkeiten sowie Puritaner und Quäker, die nach Religionsfreiheit suchten. Mitte des 19. Jahrhunderts trieb allein die Große Hungersnot in Irland 1,5 Millionen Menschen (40 Prozent der Bevölkerung) dazu, das Land zu verlassen und in die USA zu reisen, gefolgt von mehreren Millionen Italienern, die der Armut auf dem Land entfliehen wollten. Im Laufe der 400 Jahre des transatlantischen Sklavenhandels wurden schätzungsweise 13 Millionen Afrikaner nach Nordamerika, in die Karibik oder nach Südamerika verschleppt. In Asien transportierten das britische und das portugiesische Kolonialreich Millionen malaysischer und indischer Händler über den Indischen Ozean. Die mehr als tausendjährige chinesische Emigration unter den Dynastien der Tang, Ming und Qing auf die malaysische Halbinsel und nach Sumatra trug maßgeblich dazu bei, dass sich Südostasien zu der multiethnischen Region entwickelte, die es heute ist.

Das 19. Jahrhundert wird gemeinhin wegen der ethnonationalen Bewegungen, die sich gegen die dynastischen Imperien Europas auflehnten, als das «Zeitalter des Nationalismus» bezeichnet. Es war jedoch auch das Zeitalter der Massenmigrationen, denn die Industrielle Revolution schuf eine gewaltige Nachfrage nach Arbeitskräften für die Industrie ebenso wie für die Landschaft: 60 Millionen Europäer strömten nach Amerika, mehrere Millionen Inder wurden von einer britischen Kolonie zur anderen verbracht, und Millionen Ostasiaten breiteten sich über den ganzen Pazifik bis nach Nord- und Südamerika aus. Der Nationalismus feierte auch im 20. Jahrhundert enorme Erfolge, als die Entkolonialisierungsbewegungen den europäischen Weltreichen ein Ende setzten und Dutzende neuer Länder hervorbrachten. Aber auch wenn das Ende des Zweiten Weltkrieges und des Kolonialismus einen großen Teil der Weltkarte neu festlegte, beruhigte es doch nicht die Weltbevölkerung. Millionen von Flüchtlingen zogen aus Ost- nach Westeuropa sowie aus Europa nach Amerika. Sowohl vor als auch nach dem Holocaust flohen Hunderttausende von Juden aus Europa nach Übersee und nach Palästina, wo nach der Gründung des Staates Israel 1948 noch mehr ankamen. Die Teilung von Indien und Pakistan im Jahr 1947 zwang Schätzungen zufolge 20 Millionen Hindus, Muslime und Sikhs, den Ort zu verlassen – noch heute wohl die größte Massenmigration der Menschheitsgeschichte.

Über postkoloniale Verbindungen gelangten Millionen von Indern und Pakistani nach England sowie Vietnamesen, Algerier und Marokkaner nach Frankreich. In den Nachkriegsjahrzehnten sorgten ein massiver Arbeitskräftemangel in Europa und eine hohe Arbeitslosigkeit in der Türkei dafür, dass in mehreren Wellen türkische «Gastarbeiter» nach Deutschland und in seine kleineren Nachbarländer kamen. In den Vereinigten Staaten hob der Immigration Act, das Einwanderungsgesetz, von 1965 Quoten für die nationale Herkunft der Einwanderer auf, was zu einer verstärkten Einwanderung von Latinos aus der Karibik und Mittelamerika und von Asiaten aus China, Indien, Vietnam und anderswo führte.

Die letzten Jahrzehnte haben weitere Anreize für Migration geliefert. Bürgerkriege und das Scheitern von Staaten haben beträchtliche Flüchtlingswellen ausgelöst, von Afghanistan in den 1980er Jahren bis hin zu Millionen von Irakern und Syrern heute. Obwohl die Sowjetunion bereits vor gut dreißig Jahren zerfiel, bilden die jährlich fast 25 Millionen Menschen, die bis heute zwischen den postsowjetischen Ländern Osteuropas und bis nach Zentralasien umziehen, die größte Gruppe von Migranten. Der Erdöl-Boom am Persischen Golf führte Millionen von Südasiaten nach Saudi-Arabien, in die Vereinigten Arabischen Emirate und die benachbarten Länder. Migranten bauen heute physisch einige der modernsten Staaten auf. Umzuziehen und etwas aufzubauen waren schon immer die tragenden Säulen dessen, was es heißt, Mensch zu sein.

Die Migrationen der letzten 100000 Jahre führten die Menschen aus Afrika heraus und auf jeden Kontinent, wo sie sich verstärkt entlang der Küsten und Flüsse niederließen. Wohin werden wir in den nächsten hundert oder tausend Jahren ziehen?

Was Mobilität bedeutet

Mobilität ist ein Konzept, das Materielles und Philosophisches miteinander verbindet. Während immer mehr Menschen in Bewegung sind, wird es unerlässlich, sich Fragen zu stellen wie: Warum ziehen wir um? Was sagt das über unsere Bedürfnisse und Wünsche aus? Ferner gilt es, politische und juristische Fragen auszuloten: Wer darf überhaupt umziehen? Welchen Beschränkungen unterliegen wir, wenn wir den Ort wechseln, sei es im eigenen Land oder international, und warum? Zu guter Letzt stellen sich auch normative Fragen: Wohin sollen die Menschen gehen? Wie sieht die optimale Verteilung der Bevölkerung über den Globus aus?

Mobilität ist zudem eine nicht fassbare, spirituelle Erfahrung. Halten Sie einmal inne und achten Sie darauf, wie uns unsere Anatomie ganz automatisch trägt. Bewegung regt die Kreativität an, den Prozess der Beobachtung, wie sich verschiedene Lebensweisen miteinander vermischen. Philosophen wie John Dewey meditierten über die ästhetische Erfahrung, sich frei sowohl in der Natur als auch im sozialen Milieu zu bewegen, und plädierten eloquent dafür, dass erst diese Bewegung und Interaktion dem Leben einen Sinn verleihe. Walter Benjamin reflektierte ein Jahrzehnt lang über die Bedeutung der mit Glas überdachten Arkaden, die im Paris des 19. Jahrhunderts gebaut wurden, und über die schlendernden Flaneure, die davon angelockt wurden. Sich bewegen heißt frei sein.

Migranten halten den Laden in Schwung

Im Laufe des vergangenen halben Jahrhunderts haben sich Regierungen Summen in der Größenordnung von 250 Billionen Dollar (mehr als das Dreifache der weltweiten Wirtschaftsleistung) geliehen, um von der Infrastruktur bis hin zu Pensionen sämtliche staatlichen Maßnahmen zu finanzieren. Auf diese Weise wurde die moderne Zivilisation, wie wir sie kennen, finanziert. Dennoch droht alternden Gesellschaften eine endlose wirtschaftliche Stagnation, wenn sie nicht Migranten und Investoren anlocken, eine reale Geschäftstätigkeit generieren und die Steuereinnahmen steigern. Ohne jüngere Generationen, die Häuser, Schulen, Krankenhäuser, Bürogebäude, Restaurants, Hotels, Einkaufscenter, Museen, Touristenattraktionen, Stadien und andere Einrichtungen nutzen, steht ein großer Teil der entwickelten Welt am Rand einer Deflation – mit Ausnahme jener Orte, die erfolgreich neue Einwohner anlocken.

Viele sind der Meinung, Protektionismus, Populismus und die Pandemie bedeuteten, dass wir bereits den Höhepunkt der Migration erreicht hätten. Ende des 19. Jahrhunderts stellten internationale Migranten ganze 14 Prozent der Menschheit, rund 225 Millionen aus einer Gesamtbevölkerung von 1,6 Milliarden. Heute, ein Jahrhundert nachdem der Erste Weltkrieg und die Spanische Grippe die Migrationswellen kappten, haben wir eine etwas höhere Zahl an Migranten, die allerdings einem weit geringeren Anteil (3 Prozent) einer viel größeren Weltbevölkerung (bald acht Milliarden) entspricht. Dennoch versteckt sich hinter den heutigen Zahlen eine weit beeindruckendere Leistung, denn sie sind weder auf das Britische Empire mit seinen kolonialen Untertanen zurückzuführen noch auf die verzweifelte Emigration von Europäern und Chinesen. Vielmehr stehen sie für eine in erster Linie freiwillige Bewegung von Menschen zwischen knapp zweihundert souveränen Staaten. Langfristig haben sich der Wunsch nach Ortsveränderung und die Nachfrage nach Menschen gegen alle Hindernisse durchgesetzt.

Zudem ist die heutige Masse an internationalen Migranten vielleicht die einflussreichste Gruppe auf der Welt (von den Superreichen einmal abgesehen). Wenn man sie in einem Staat zusammenzöge, überträfen sie zahlenmäßig alle Länder außer Indien, China und den Vereinigten Staaten. Unter den Religionen haben nur das Christentum, der Islam und der Hinduismus mehr Anhänger. Ganz ähnlich wie in einem großen Land oder innerhalb einer Konfession teilen Migranten nicht die gleiche Weltanschauung – ausgenommen den Glauben an den Nutzen der Mobilität. Bei dem derzeitigen Anteil von 3 Prozent an der Weltbevölkerung stellen Migranten beinahe 10 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung (nur knapp weniger als China oder die USA), die knapp 550 Milliarden Dollar an jährlichen grenzüberschreitenden Überweisungen mitgerechnet, die im Jahr 2019 getätigt wurden. (Diese Zahl übertrifft auch die gesamten Zahlungen an Auslandshilfe, die seit 1980 bei rund hundert Milliarden Dollar jährlich stagnieren.)

Leider ist es für Menschen weit schwieriger, Grenzen zu überschreiten, als für Kapital. Länder sind (relativ) offen für die freie Bewegung von Waren und Kapital, für die von Menschen hingegen nicht. Migration zählt zu den wichtigsten und heikelsten Feldern der Souveränität: Die Kontrolle darüber, wer das eigene Staatsgebiet betritt und verlässt, zählt zu den ursprünglichen Zwecken von Grenzen und fällt noch immer in den Zuständigkeitsbereich der Regierungen. Die Vereinigten Staaten haben massive Beschränkungen im Hinblick darauf eingeführt, wie und wo Migranten Asyl beantragen können, sodass diese de facto von der mexikanischen Grenze ferngehalten werden. Hinzu kommen die Einschränkung der Kettenwanderung und der Fachkräfteprogramme wie das H-1B-Visum. Australien hat im Dschungel von Papua-Neuguinea Einwanderungszentren eingerichtet, die inzwischen halbdauerhafte Auffanglager geworden sind. Italien und andere südeuropäische Länder bezahlen libysche Milizen dafür, dass sie Migranten daran hindern, das Mittelmeer zu überqueren. Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte garantiert keinem Menschen das Recht, in einem anderen Land zu wohnen – darüber entscheidet allein das Aufnahmeland.

Wir besitzen keinen verbindlichen, weltweiten gesetzlichen Rahmen für Migration – und werden wohl nie einen haben. Doch folgen die Menschenströme tief verwurzelten regionalen Mustern, die von Familiengeschichten, ökonomischen Bedürfnissen und kulturellen Vorlieben geprägt wurden. Die Hälfte aller Ausländer in den USA sind Mexikaner oder Lateinamerikaner; Mitglieder der Europäischen Union genießen beinahe völlige Bewegungsfreiheit und weitere Privilegien in anderen Mitgliedsländern; Südostasien hat weitgehend offene Grenzen, und die meisten grenzüberschreitenden Migranten kommen aus der Region sowie aus China und Indien. Wir verwenden Begriffe wie «Einheimischer» und «Ausländer», um nach Nationalität zu unterscheiden, doch in Wirklichkeit ist unsere Welt eine Ansammlung von regionalen Mischungen.

Die größten Menschenströme auf der Welt verlaufen nicht von «Süden» nach «Norden», sondern innerhalb dieser organischen Regionen, wobei die ehemalige Sowjetunion, die sich von Osteuropa bis nach Zentralasien erstreckt, mit 25 Millionen Menschen jährlich den größten Pool an Migranten stellt; darauf folgt die Wanderungsbewegung von hauptsächlich Latinos in Nord- und Mittelamerika (20 Millionen), Schwarzafrikanern innerhalb ganz Afrikas (15 Millionen), Südasiaten in die Golfländer (15 Millionen), EU-Bürgern innerhalb der EU (12 Millionen), Arabern und Nordafrikanern innerhalb des Nahen Ostens (10 Millionen), Osteuropäern nach Westeuropa (10 Millionen), Südostasiaten innerhalb der ASEAN-Staaten (knapp unter 10 Millionen) und zu guter Letzt den nicht ganz 10 Millionen Arabern und Nordafrikanern, die nach Europa ziehen.[1]

Die meisten Migrationen finden innerhalb von Regionen oder zwischen benachbarten Regionen statt. Die höchste Zahl an Migranten verzeichnen immer noch die ehemaligen Sowjetrepubliken Russlands, Osteuropas und Zentralasiens, gefolgt von den Golfstaaten mit ihren südasiatischen Bevölkerungsanteilen.

Die Zahl der Menschen, die innerhalb der Regionen umziehen, übertrifft folglich bei weitem die Bewegung über Hemisphären hinweg. Die Zweiteilung der Menschheit in den «Norden» (Nordamerika und Eurasien) und den «Süden» hat weiterhin Bestand. 5,5 Milliarden Menschen leben auf Kontinenten mit akzeptablen Aussichten, während 2,5 Milliarden weder einen Plan noch eine Chance haben, aus ihren Verhältnissen auszubrechen. Die meisten Migranten kommen nicht sonderlich weit – noch nicht.

Mit den Füßen abstimmen

Das bevorstehende Zeitalter der Massenmigration wird nicht einfach die bisherigen Migrationen fortsetzen, sondern sie beschleunigen. Der Strudel der Menschheit wird sich noch schneller drehen, weil jede einzelne Kraft, die unsere Humangeographie bestimmt, an Intensität gewinnt:

 

Demographie: starke Ungleichgewichte zwischen einem alternden Norden und einem jungen Süden, der dem Norden die erforderlichen Arbeitskräfte zur Verfügung stellen kann.

 

Politik: Flüchtlinge und Asylsuchende aus Bürgerkriegsregionen und gescheiterten Staaten; dazu all jene, die vor ethnischer Verfolgung, Tyrannei oder Populismus fliehen.

 

Wirtschaft: Migranten auf der Suche nach einer Aufstiegschance; im Zuge des Outsourcings entlassene Arbeiter oder Angestellte, die nach der Finanzkrise gezwungen sind, vorzeitig in den Ruhestand zu gehen.

 

Technologie: Automatisierung der Industrie, Wegfall von Arbeitsplätzen in Produktion und Logistik; zugleich machen Algorithmen und KI auch Arbeitsplätze von Fachkräften überflüssig.

 

Klima: langfristige Phänomene wie steigende Temperaturen und Meeresspiegel, aber auch sinkende Grundwasserspiegel sowie saisonale Naturkatastrophen wie Überflutungen und Wirbelstürme.

 

Tagtäglich verstärken sich diese parallel auf der ganzen Welt zu beobachtenden Trends gegenseitig – so sehr, dass sich ihre Beziehung in Form einer Gleichung darstellen lässt:

Und doch ist das Zusammenspiel dieser Variablen komplex und unvorhersehbar. Pandemien fordern binnen weniger Jahre Millionen Menschenleben. Der Klimawandel wirkt sich vergleichbar aus, allerdings kumulativ, über Dürreperioden und andere Naturkatastrophen. Beide steigern die wirtschaftliche und soziale Unsicherheit, die wiederum die Geburtenrate senkt. Das Gleiche gilt für Finanzkrisen und die Automatisierung der Arbeit, die ebenfalls Menschen auf der Suche nach einem Verdienst und einem finanzierbaren Leben zum Umzug zwingen. Jeder der Faktoren treibt die Migration an, einzeln und zusammengenommen.

Wenn sämtliche treibenden Kräfte zusammenwirken, könnten die kommenden Jahrzehnte Milliarden Menschen in Bewegung erleben, die von Süden nach Norden, von der Küste ins Binnenland, von niedrigen in höhere Regionen, von überteuerten in bezahlbare Wohnungen, von gescheiterten in stabile Gesellschaften umziehen. Die Pandemie und ihr Nachspiel werden diese bereits bestehenden Trends noch verstärken. Um das klarzustellen: Der Lockdown wegen des Coronavirus sorgte für eine überraschende Pause in der seit Jahrzehnten zunehmenden Umsiedlungsbewegung – aber er wurde künstlich herbeigeführt und wird sich nur vorübergehend auswirken. Immerhin veranlasste er die Menschen überall dazu zu überdenken, wo sie leben, und nach besseren Optionen Ausschau zu halten. Menschen verlassen «rote Zonen» mit unzureichender Gesundheitsversorgung und ziehen in «grüne Zonen» mit besserem Gesundheitssystem oder in «blaue Zonen», die eine bessere Widerstandsfähigkeit gegen den Klimawandel bieten. Wir sind alle auf der Suche nach der richtigen Kombination aus Längen- und Breitengrad.

Die Zukunft der menschlichen Mobilität weist in nur eine Richtung: immer mehr. Während die Weltbevölkerung im 20. Jahrhundert dramatisch wuchs, entsprach die steigende Zahl internationaler Migranten durchweg einem Anteil von etwa 3 Prozent. Doch jetzt stagniert der Nenner, weil sich unsere Bevölkerung einem Höchststand nähert. Was ist mit dem Zähler? Wie könnte die Welt aussehen, wenn der Anteil der internationalen Migranten auf 10, 20 Prozent oder noch höher steigt?

Gewiss, es gibt Milliarden Menschen, die in den Ländern sterben werden, in denen sie zur Welt gekommen sind. Nehmen wir einmal an, über die Hälfte der Menschen in den bevölkerungsreichsten Ländern will ihr Zuhause nicht verlassen, weil sie zu sesshaft, alt, gebrechlich, nicht bereit oder anderswo nicht willkommen ist. Das heißt, dass mindestens eine Milliarde Inder, eine Milliarde Chinesen, 700 Millionen Afrikaner, 200 Millionen Brasilianer, ebenso viele Indonesier, hundert Millionen Pakistani und eine weitere Milliarde anderer Menschen geographisch gesehen unbeweglich bleiben. Damit bleiben immer noch 4 Milliarden Menschen, die sowohl darauf erpicht als auch imstande sind, den Ort zu wechseln.

So gut wie alle Mitglieder dieser 4 Milliarden sind jung. Mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung ist in den drei Jahrzehnten seit dem Ende des Kalten Krieges auf die Welt gekommen. Dazu gehört der größte Teil der Jahrtausenderjahrgänge oder Millennials (Generation Y) und die gesamte Generation Z. Häufig ist die Rede von einer Welt, die immer älter wird, aber momentan ist die Welt eher jung als alt – und der Hauptgrund dafür, dass die Menschheit statistisch gesehen altert, ist der Umstand, dass die heutigen jungen Menschen kaum Kinder bekommen. Wenn wir von «den Menschen» reden, ist es also falsch, sich einen Yuppie-Haushalt der Mittelschicht mit doppeltem Einkommen und zwei Kindern in irgendeinem Vorort vorzustellen. Das trifft weder auf Amerika noch auf Europa, China oder anderswo zu. Die größte Kategorie der Menschen auf der Welt wird am besten als junge, alleinstehende, kinderlose und am Existenzminimum krebsende Stadtbewohner beschrieben. Wer sich nicht dazu zählt, ist in der Minderheit.

Auch wenn man kein Asiate ist, ist man definitiv in der Minderheit. Asien stellt nicht nur 60 Prozent der Weltbevölkerung (gegenüber lediglich 25 Prozent für Nordamerika und Europa zusammen), sondern so gut wie alle Länder mit der höchsten Zahl an jungen Menschen auf der Welt. China und Indien haben beide für sich genommen mehr Millennials, als die Vereinigten Staaten oder Europa Menschen haben. In den letzten Jahren verblieben etwa zwei Drittel der asiatischen Migranten innerhalb der Region; sollten sich aber die demographischen Ungleichgewichte im Westen weiter verschärfen, werden Asiaten weltweit immer stärker nachgefragt werden. Derzeit leben noch mehr Chinesen außerhalb Chinas als Inder außerhalb Indiens, aber schon bald wird es zum Rollentausch kommen: Während Chinas Bevölkerung in Kürze zurückgehen wird, ist die Bevölkerung Indiens viel jünger und wächst weiter – und da ganz Südasien (einschließlich Pakistan und Bangladesch) viel ärmer ist als China, wird die Jugend eine viel stärkere Motivation haben, ihr Land zu verlassen. Geopolitisch gesehen wird die Welt allem Anschein nach immer gelber, doch demographisch betrachtet wird sie fraglos braun.

Woher sie auch kommen, die heutigen jungen Männer und Frauen sind die größte und physisch wie digital mobilste Generation der Menschheitsgeschichte. Wohin sie gehen, wie sie leben und was sie heute tun, verrät uns, welche gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Modelle morgen vorherrschen – und welche scheitern werden. Länder, die heute ihre Staatsbürger verlieren, werden mit großer Wahrscheinlichkeit morgen eingehen. Hingegen werden Länder, die heute junge Leute anziehen, morgen aufblühen. Um die Zukunft zu erkennen, müssen wir somit der nächsten Generation folgen.

Was werden die nächsten drei Jahrzehnte für diejenigen bereithalten, die heute unter dreißig sind? Welche geopolitischen, ökonomischen, technologischen, sozialen und ökologischen Rahmenbedingungen erwarten sie? Wohin werden sie ziehen? Welche Gesellschaften werden im 21. Jahrhundert die Gewinner und welche die Verlierer sein?

Diese großen Fragen unserer Zeit werden beantwortet, wenn junge Leute mit den Füßen abstimmen.

Das Überleben der Mobilen

Die geburtenstarken Jahrgänge des vergangenen Jahrhunderts kennen zumeist noch die «Atomkriegsuhr» des Kalten Krieges, die vor der bevorstehenden atomaren Vernichtung warnte; Wissenschaftler rückten den Zeiger je nach aktuellen geopolitischen Spannungen mal näher zur Zwölf hin, mal weiter weg. Der heutigen Jugend ist hingegen die «Klimawandeluhr» viel vertrauter, die den Countdown bis zu dem Zeitpunkt anzeigt, an dem die durchschnittliche Erdtemperatur um zwei Grad Celsius angestiegen ist. Wie der Klimaaktivist Bill McKibben schreibt: «Es ist viel zu spät, um die globale Erwärmung zu stoppen, doch die kommenden zehn Jahre sind vielleicht unsere letzte Chance, das Chaos zu begrenzen.»[1] Man kann wohl davon ausgehen, dass es uns nicht gelingen wird, das Chaos zu begrenzen. Philosophen wie Roy Scranton sind deshalb überzeugt, dass wir «zu sterben lernen» müssen. Nur tun wir das natürlich nicht. Deshalb lautet die viel interessantere Frage: Was tun wir, um zu überleben?

Das Klima ist die ursprüngliche treibende Kraft des Migrationsgeschehens. Die ersten Menschen siedelten sich in der Nähe von Flüssen und Küsten in den gemäßigten Breiten an; als wir lernten, das Feuer zu beherrschen, robuste Unterkünfte zu bauen und Grundwasser zu suchen, waren wir imstande, uns weiter auszubreiten. Noch während der größte Teil der Menschheit auf dem Land blieb und Ackerbau betrieb, wurden Städte zu Zentren des Wirtschaftswachstums, die mit Ackerbauregionen über Infrastruktur und Märkte verbunden waren. Doch der massive Ressourcenverbrauch und der ungebremste Klimawandel machen immer größere Landstriche der Erde unbewohnbar. Im vergangenen Jahrzehnt erlebten wir rasant steigende Kohlendioxidemissionen, sengende Temperaturen und eine Eisschmelze im Rekordtempo.

Es gibt viele Möglichkeiten, die Hitze zu bekämpfen und sich vom Meer zurückzuziehen – aber ohne Trinkwasser ist ein Überleben unmöglich. Die antiken Hochkulturen am Nil, an Euphrat und Tigris, am Indus und am Gelben Fluss stützten sich allesamt auf Bewässerungssysteme. Heute leben zwei Drittel der Weltbevölkerung in der Nähe von Flüssen, und die Landwirtschaft verbraucht 70 Prozent des trinkbaren Wassers. Bei dem immer schneller sinkenden Grundwasserspiegel und zurückgehenden Niederschlägen trocknen Flüsse jedoch aus, was wiederum Menschen zwingt, sich ein neues Zuhause zu suchen. Von Brasilien über Afrika bis nach Indien haben Bauern schon jetzt Jahr für Jahr mit Missernten zu kämpfen. Menschen, die an ihre Scholle gebunden sind, häufen über Generationen Schulden an, begehen Selbstmord, flüchten in Städte oder schließen sich den Scharen an, die ohne gültige Dokumente Staatsgrenzen überschreiten. Eine Saison ohne Regen genügt, um Bauern und Stadtbewohner dazu zu drängen, in fruchtbarere und wasserreichere Gebiete zu ziehen.

Die Verfügbarkeit von Trinkwasser wird Prognosen zufolge in den nächsten beiden Jahrzehnten in so gut wie allen Weltregionen abnehmen. Der Nahe und Mittlere Osten und Nordafrika sowie der Süden der Vereinigten Staaten und Ostaustralien zählen zu den am stärksten betroffenen Regionen.

Der Begriff «Anthropozän» vermittelte anfangs ein trügerisches Gefühl der Kontrolle über die Natur, doch wurde schnell deutlich, dass er einen Rückkoppelungseffekt bezeichnet, in dessen Verlauf unsere Zerstörung der Natur zu einem sechsten Massensterben der Arten führen wird – eventuell sogar unserer eigenen. Der Umwelthistoriker der Georgetown University J.R. McNeill hat diese «große Beschleunigung» der Verknüpfung Mensch-Technologie-Natur systematisch dokumentiert. Selbst wenn einige der derzeit ambitioniertesten Vorschläge sofort umgesetzt würden – ein Stopp der gesamten Stromerzeugung mit Kohle, die Ersetzung fossiler Energie durch Atom-, Wasser-, Wind- und Sonnenenergie sowie die Anpflanzung von einer Billion Bäume in ganz Russland, Kanada, Australien, Brasilien und den USA –, hätten die in der Atmosphäre bereits angesammelten Treibhausgase künftig möglicherweise einen noch gravierenderen Einfluss auf das planetare Leben als schon jetzt. Für Milliarden Menschen käme es dem Selbstmord gleich, würden sie am angestammten Ort bleiben. Politische Souveränität ist erst seit drei Jahrhunderten ein prägendes Merkmal unserer Geographie – unsere Meere aber werden noch etliche Jahrhunderte lang steigen. Jeder möge sich selbst fragen, welche Kraft am Ende den Ausschlag gibt.

Das Klima schert sich nicht um politische Grenzen, und auch die Menschen werden immer lautstärker fordern, sie zu überwinden. Die derzeit 50 Millionen Klimaflüchtlinge übertreffen zahlenmäßig bereits die politischen. Laut der US-amerikanischen National Academy of Sciences könnte ein Anstieg der Temperatur um ein weiteres Grad 200 Millionen Menschen aus der «Klimanische» vertreiben, an die wir uns gewöhnt haben.[2] Ein Anstieg um zwei weitere Grade könnte bedeuten, dass eine Milliarde oder noch mehr Menschen zu Klimaflüchtlingen werden. Die Auswirkungen des Klimawandels zu lindern scheint kaum noch möglich, und die wenigsten werden in ihrer Heimat bleiben und abwarten, bis das Worst-Case-Szenario eingetreten ist. Wir werden gezwungen sein, uns anzupassen – und für die meisten Menschen wird Anpassung gleichbedeutend sein mit einem Ortswechsel. Arme mittelamerikanische Bauern, die bei einem Zyklon ihr ganzes Hab und Gut verlieren oder Afrikaner, deren Lebensgrundlage durch eine Dürre zerstört wird, nehmen einfach, was ihnen geblieben ist, und ziehen nach Norden. Wenn Reiche bei einem Waldbrand ihr Haus oder bei einem Wirbelsturm eine Jacht verlieren, investieren sie in Land und Schutzbunker im Landesinneren und in höheren Regionen oder in Norwegen und Neuseeland. Für die Reichen ebenso wie für die Armen lautet die Strategie: den Ort wechseln.

Die geographischen Bedingungen für die Ansiedlung von Menschen verändern sich, wenn die Temperaturen steigen. Schwarz gekennzeichnete Regionen werden tägliche Durchschnittstemperaturen über 30° Celsius haben und bis zum Jahr 2070 oder früher unbewohnbar werden. Hellere Regionen werden im Laufe der Zeit bewohnbarer werden.

Von Robotern verdrängt

Roboter und Algorithmen ersetzen Menschen nicht nur auf dem Arbeitsmarkt, sie verdrängen uns auch physisch. In den Vereinigten Staaten hat eine Kombination von Outsourcing und Automatisierung Stellen für Industriearbeiter vernichtet und diese dazu gezwungen, auf der Suche nach neuen Jobs in günstigere Wohngegenden zu ziehen. Asiatische Arbeiter waren die Hauptnutznießer dieser Verlagerungen von Lieferketten, insbesondere die Arbeiter in Chinas Fabrikstädten an der Küste. Dabei investiert kein Land mehr in den Ausbau der Industrieroboter, zig Millionen chinesische Arbeiter wurden bereits in die freie Kurzzeitbeschäftigung der Gig-Economy oder kurz Gigonomy verdrängt.

Covid-19 wird weltweit die Automatisierungsbemühungen beschleunigen, um die Abhängigkeit von krankheitsanfälligen Menschen zu senken. Das wiederum zieht eine höhere Arbeitslosigkeit, also mehr Menschen mit sinkendem Lebensstandard und dem Zwang zum Wohnortswechsel nach sich. In den Vereinigten Staaten könnten bis zu drei Millionen Lastwagenfahrer ihre Arbeit an autonome Fahrzeuge verlieren und zwei Millionen Immobilienmakler an sogenannte «Proptech Apps» (Property Technology), also Apps zur Vermittlung von Grundbesitz. Die Lagerhäuser von Amazon werden sich irgendwann ohne Personal selbst verwalten. Selbst die Verlegung der Produktion von China nach Nordamerika wird mehr Arbeit für Roboter als für Menschen schaffen. Wanderarbeiter werden immer weiter ziehen müssen. Man denke nur an die fünf Millionen illegale Migranten, die auf amerikanischen Farmen und in Fleischverarbeitungsfabriken arbeiteten und während des Corona-Lockdowns auf einmal als «systemrelevante Arbeitskräfte» bezeichnet wurden. Dabei erkrankten viele derer, die sich abrackerten, damit es weiterhin Schweinefleisch und Geflügel in den Läden zu kaufen gibt, an Covid-19. Dennoch werden diese unbesungenen Helden nicht belohnt – im Gegenteil, sie werden wegrationalisiert. Unternehmen wie FarmWise in den USA und Deepfield Robotics in Deutschland produzieren Maschinen, die Unkraut jäten, Pflanzen säen und Gemüse, Obst und andere Feldfrüchte ernten können. Latino-Landarbeiter können ebenso gut gleich nach Kanada weiterziehen, um dort bei dem Ausbau der Landwirtschaft zu helfen – und in Europa die Rumänen nach Russland.

Sollte die Automatisierung nicht ein Leben der Vergnügungen mit sich bringen, in dem sich die Menschen auf kreative Aufgaben konzentrieren, ihre Kinder aufziehen und den eigenen Garten pflegen? In der Theorie und Fiktion, ja. Doch in der Wirklichkeit bietet kein einziges Land ein so großzügiges Grundeinkommen, dass ein derart sorgenfreies Leben möglich wäre, und nur wenige Menschen besitzen nicht automatisierbare Fertigkeiten. Unsereiner braucht immer noch einen Job. Viele Sektoren werden geschlossen sein, ehe die heutige Jugend auch nur den Arbeitsmarkt betritt. Man braucht nicht darauf dazu hoffen, irgendwann 5G-Telekommunikationsnetze oder Solarpaneele aufzustellen, wenn das alles schon erledigt ist. Und in Kürze werden auf Baustellen und in Werften Cyborg-Exoskelette Einzug halten, die es ermöglichen, das Zehn- bis Fünfzehnfache des üblichen Gewichts zu heben. Unzähligen wichtigen Sektoren der Weltwirtschaft, von der Erziehung über die Gastronomie bis zum Einzelhandel, steht die Digitalisierung noch bevor – aber sie wird kommen. Laut einer Schätzung werden mindestens 375 Millionen Menschen aufgrund von künstlicher Intelligenz und Automatisierung die «Berufsgruppe» wechseln müssen. Wird sich ihr neuer Job am gleichen Ort befinden wie ihr alter? Wohl kaum.

Der Wettlauf gegen die Maschinen bedeutet so viel wie das Überleben der Reichsten, und arme Arbeiter fungieren so lange als Zahnrädchen in der Herstellung, Logistik oder im Einzelhandel, bis sie verzichtbar sind. Programmierer, Webdesign-Entwickler, Experten für Cyber-Sicherheit und andere Fachkräfte mit erstklassigen Fertigkeiten sind Robotern und Algorithmen weiterhin einen Schritt voraus, weil sie diese entwerfen; andere hingegen müssen an Orte flüchten, wo man den Menschen noch nicht die Jobs weggenommen hat. Auf der anderen Seite wollen junge Menschen aber auch nicht wie Roboter arbeiten. In Frankreich werden kleine Dorfbäckereien durch halbautomatisierte Lebensmittelläden und sogar Baguette-Automaten ersetzt. Junge Leute haben ohnehin keine Lust, um 3 Uhr morgens aufzustehen, um Brot zu backen. Also ziehen sie um.

Wenn Länder die Roboter von Unternehmen besteuern und die Erträge umverteilen würden, könnten sie zu gerechteren Wohlfahrtsstaaten werden, ohne dass sie eine größere Bevölkerung bräuchten. Gegenwärtig könnten jedoch allenfalls Deutschland und Japan den politischen Willen zu einem derartigen Schritt aufbringen, ohne massenhaftes Outsourcing zu provozieren. So oder so bleiben sie Migrationsmagneten. Die heutigen jungen Leute strömen in Länder, Staaten und Städte, wo noch Menschen in den Medien, der Bildung, Technologie, Medizin, Logistik, Unterhaltung, im Einzelhandel und in anderen Berufen füreinander arbeiten.[1] Laut der Small Business Administration (SBA), der amerikanischen Behörde für Kleinunternehmer, sind die Bundesstaaten, in denen diese Sektoren wachsen, die gleichen Staaten, in denen auch die Bevölkerung wächst: North und South Carolina, Oregon und Washington, Virginia, Georgia, Utah, Colorado, Kalifornien und Texas.[2] Was lernen wir daraus? Folgen wir den Leuten.

Quantenmenschen

Im Laufe der letzten zwei Jahrzehnte landeten Millionen Amerikaner, die den Rostgürtel von Michigan, Pennsylvania, Ohio und anderen Staaten im Norden verließen, am Ende fast schon zwangsläufig in Kalifornien. Seit 2015 hat Kalifornien jedoch zunehmend Bewohner verloren, in erster Linie an die steuerlich günstigeren Staaten Texas und Arizona. Dabei leidet der gesamte Südwesten der USA unter immer stärkeren Hitzewellen, Wassermangel und einer unsicheren Einwanderungspolitik. Trotz der Popularität von Las Vegas, Phoenix und Tucson könnten große Landstriche der dicht besiedelten Wüstenregionen Amerikas durchaus unbewohnbar werden – und jene, die aus dem Gebiet um die Großen Seen geflüchtet sind, könnten schon früher dorthin zurückkehren, als sie glauben.

Am Ende wieder dort zu landen, wo man gestartet ist, scheint ein ziemlich sinnloser Kreislauf. Über einen gewissen Zeithorizont hinweg können wir dennoch die Logik, die sich dahinter verbirgt, steuern. Nehmen wir ein anderes Beispiel: Die Entscheidung der Briten für den Brexit im Jahr 2016 schreckte Unternehmen und Investitionen ab, und britische Talente zogen mit ihren Fertigkeiten und ihrem Geld nach Kanada, Portugal, in die Niederlande, die Schweiz, nach Schweden und in ein halbes Dutzend anderer Länder. Aber Großbritannien hat eine gebildete Bevölkerung, eine große Volkswirtschaft, reichlich Trinkwasser und wird, sobald sich der Klimawandel beschleunigt, weit besser als die meisten Teile der Welt dastehen. Folglich kehren diejenigen, die der Brexit vertrieben hat, womöglich trotz Brexit wieder zurück – samt einer neuen Welle von Migranten, die von einer vernünftigeren Regierung angeworben wurden.

Die Humangeographie verliert an Kontur. Als die Weltbevölkerung im 19. und 20. Jahrhundert noch rasch wuchs, konnte man an Sandkörner denken, die durch eine Sanduhr rieseln, sich über den ganzen Boden ausbreiten und einen anschwellenden Hügel der Menschheit bilden. Da der Anstieg der Weltbevölkerung jedoch abflacht und die Menschen ständig in Bewegung sind, erleben wir einen Phasensprung, wie wenn Materie von fest zu flüssig und schließlich gasförmig wird: Moleküle erhitzen sich und lösen sich voneinander, dabei vibrieren sie immer schneller. Man könnte sogar sagen, dass es sich bei Menschen wie bei den Teilchen der Quantenphysik verhält: Wir können nur entweder ihre Geschwindigkeit oder ihren Ort bestimmen, nicht aber beides (auch Heisenbergsche Unschärferelation genannt). Wir leben in einer Quantenwelt. Mobilität ist unser Schicksal, weil komplexe Verhältnisse unsere Realität sind. In komplexen Systemen können sich Dinge an Ordnungen halten, sie ergeben jedoch nicht unbedingt eine Ordnung. Jede Anpassung, die wir vornehmen, löst neue Rückkoppelungseffekte aus und führt uns in neue Richtungen. Die unbeabsichtigten Konsequenzen, die sich daraus ergeben, sind im Rückblick logisch, aber im Voraus kaum vorherzusagen.

In der realen Welt heißt das, sosehr wir uns auch optimal eingerichtete Verhältnisse wünschen mögen – eine feste Verteilung der Menschen samt Wasser, Nahrung, guter Regierung und ökonomischer Aktivität –: Das komplexe Wechselspiel zwischen demographischen Ungleichgewichten, politischen Unruhen, ökonomischer Verdrängung, technologischen Störungen und dem Klimawandel wird es uns nicht gestatten, auf Dauer an irgendeinem Ort zu bleiben. Vielmehr verstärken sich diese Megatrends zuweilen gegenseitig und heben sich ein andermal gegenseitig auf, sodass Jo-Jo-Effekte entstehen, die keine linearen Prognosen zulassen. Eliten wie hochbezahlte digitale Nomaden und Milliardäre mit mehreren Pässen sind ebenso Teil der diversen globalen Demographie von Quantenmenschen wie das philippinische Kindermädchen und der indische Bauarbeiter.

Wie können wir wissen, welche Orte in den kommenden Jahren Menschen hinzugewinnen und welche sie verlieren werden? Manche Regionen haben generell schlechte Chancen: Es gibt dort zu wenig junge Menschen, sie sind politisch zu unsicher, wirtschaftlich nicht konkurrenzfähig und ökologisch anfällig. Das sind die Regionen, aus denen alle flüchten wollen. Am anderen Ende des Spektrums finden sich Orte, die sämtliche Vorzüge aufweisen: robuste demographische und politische Verhältnisse, blühende Volkswirtschaften, fortschrittliche Industrien und ökologische Stabilität. Zu diesen Regionen wird es alle hinziehen. Der größte Teil der Welt liegt irgendwo dazwischen. Das Problem ist: Wie immer wir ein Land heute beschreiben würden, es könnte schon morgen falsch sein. Welcher Raum kann sich schon seiner Stabilität sicher sein, wenn so viele Neuankömmlinge herbeiströmen, dass deren eigene Erwünschtheit ihn wiederum destabilisiert? Genau das ist in den Augen mancher Leute bereits in Europa und den Vereinigten Staaten passiert; Kanada könnte das nächste Land sein.

Ebendieses Zusammentreffen von Megatrends über längere Zeit macht die Zukunft so schwer vorhersehbar. Ungewissheit ist jedoch kein Grund, stehen zu bleiben. Im Gegenteil, sie ist genau der Grund, weshalb sich so viele Menschen auf den Weg machen – um bald darauf festzustellen, dass sie immer wieder umziehen. Mobilität ist unsere Antwort auf Ungewissheit: die Flucht vor etwas, das wir nicht bekämpfen können. Deshalb erwartet uns eher eine Quantenzukunft als ein ständiger Ortswechsel. Wir können allenfalls auf ein dynamisches Gleichgewicht zwischen den Regionen hoffen, das es erlaubt, uns ungefährdet anzupassen und von einer in die andere Region zu wechseln. Die Zukunft ist ein bewegliches Ziel – und wir auch.

Eine Zukunft, vier Szenarien

Ich bin kein Tagträumer, aber auf einer langen Wanderung falle ich manchmal in einen leichten Trancezustand. Mein Verstand driftet dann in Visionen einer sich selbst erhaltenden Welt, in der disparate Gemeinschaften auf dem ganzen Erdball frei und friedlich über alle möglichen Varianten der Vernetzung miteinander interagieren. Leider sind wir von diesem Szenario derzeit noch weit entfernt. Bei einer sehr geringen Koordination der globalen Wirtschaft, der Migrationsbewegungen oder mit Blick auf den Klimawandel entwickelt sich unsere künftige Humangeographie eher nach dem Zufallsprinzip als nach einem Plan. Eine solche Unsicherheit lässt keine verlässlichen Prognosen über das zu, was uns bevorsteht. Stattdessen müssen wir eine breite Palette von Szenarien für die verschiedenen Kombinationen aus Mobilität, Regierung, Technologie und Gemeinschaft ausarbeiten.

Vier mögliche Szenarien für die Zukunft, die wahrscheinlich alle zur gleichen Zeit in verschiedenen Teilen der Welt eintreffen werden.

Es folgen vier Szenarien unserer Zukunft, wie sie sich entlang der Achsen von Migration und Nachhaltigkeit entfalten könnten. Die Variante oben links, «Regionale Festungen», ähnelt am stärksten dem heutigen Status quo. Investitionen in saubere Energien werden aufgestockt, aber die Migration ist eingeschränkt. Die reichen Länder des Nordens sind viel zu sehr mit ihrer eigenen Widerstandsfähigkeit gegen den Klimawandel beschäftigt, um mittellosen Regionen zu helfen. Zwar unterstützen sie selektiv nachhaltige Landwirtschaft oder andere Überlebensmaßnahmen in verarmten Regionen, hauptsächlich aber um die Menschen dort dazu zu bewegen, sich von ihnen fernzuhalten. Nordamerika, Europa und Nordostasien wandeln sich allmählich zu geschlossenen Systemen mit beschränkter Interaktion. Allerdings könnten sie bei Bedarf auch koordiniert vorgehen, etwa um den Zustrom aus ärmeren Regionen zu begrenzen, oder wie in George Orwells 1984 ständig gegeneinander Krieg um Ideologie, Technologie und Ressourcen führen.

Ein weiteres Szenario mit wenig Migration weist in Richtung eines «Neuen Mittelalters», in dem sich die Regionen noch stärker voneinander absondern und niemand mehr größere Summen in Nachhaltigkeit investiert. In dieser Abwärtsspirale konfiszieren Militärs gewaltsam Energieressourcen, Wasservorräte und bewohnbare Habitate von den Bürgern oder über Grenzen hinweg. Ein großer Anteil der Weltbevölkerung stirbt bei wellenartig auftretenden Naturkatastrophen und von Menschen verantworteten Ökoziden. Die Überlebenden sammeln sich in technokratischen, feudalen Stadtregionen, die Bündnisse ähnlich der mittelalterlichen Hanse schließen, um eine reichhaltige Versorgung für ihre Bewohner zu garantieren. Eine derartige Landschaft ist bereits in zahlreichen Filmen gezeigt worden, von Hunger Games bis hin zu Mad Max; nimmt man noch Killerroboter hinzu, landet man bei Terminator.

In beiden Szenarien mit wenig Migration geht es der Weltbevölkerung insgesamt eindeutig nicht besser. Der Klimawandel mag sich in einer Welt regionaler Festungen nicht ganz so verheerend auswirken, aber selbst mit Scharen an Robotern dürfte ein massiver Mangel an jungen Arbeitskräften bestehen, die benötigt werden, um unsere Volkswirtschaften zu erhalten, unsere Gesellschaften zu erneuern und ein angenehmeres Leben zu führen. Sollten wir gar auf ein Neues Mittelalter zutreiben, dann ist die Welt bestenfalls viel weniger als die Summe ihrer Teile – schlimmstenfalls auf dem besten Weg zur Vernichtung der Menschheit.

Gehen wir zu dem Quadranten rechts unten über, so finden wir eine Welt vor, die ebenso sehr außerstande ist, Bemühungen um Nachhaltigkeit zu koordinieren, allerdings weit mehr «Barbaren ante portas» aufweist. Der Klimawandel schadet der Weltwirtschaft; es brechen «Wasserkriege» um wasserreiche Gegenden aus, und Scharen von Migranten machen sich in bewohnbare Regionen auf, wobei der massive Zustrom die Habitate verdirbt und die politische Stabilität gefährdet. Die Reichen erwerben für sich und ihre Gefolgsleute Klimaoasen und errichten bewehrte Gräben um sie. Der Science-Fiction-Katastrophenfilm