München 38 - Christian Goeschel - E-Book

München 38 E-Book

Christian Goeschel

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Beschreibung

München 38 steht als Chiffre für Appeasement gegenüber Aggressoren. Denn auf der Münchner Konferenz gaben die Westmächte den Drohungen Hitlers nach und überließen ihm das Sudetenland. Knapp ein Jahr später begann dennoch der Zweite Weltkrieg. Daniel Hedinger und Christian Goeschel liefern eine dichte Beschreibung der drei Tage, an denen die Welt am Scheideweg stand, und fragen, was uns die Geschichte der Münchner Konferenz heute noch zu sagen hat, wo die damaligen Ereignisse wieder bedrückend aktuell erscheinen.

In den letzten Septembertagen des Jahres 1938 lag Krieg in der Luft. Die Konferenz in München, der Hauptstadt der NS-Bewegung, war ein letzter, verzweifelter Versuch Frankreichs und Großbritanniens, den Frieden in Europa und damit der Welt zu retten. München ist seitdem ein globaler Erinnerungsort. Doch wurde er bislang zu sehr aus einer rein europäischen Perspektive betrachtet. Dies übersieht die globalen Kontexte der Konferenz, ihre globalen Ursachen und Auswirkungen. Der Aufstieg des Faschismus hatte bereits 1931 zur japanischen Invasion der Mandschurei, 1935 zum italienischen Angriffskrieg auf Äthiopien und 1936 zum Spanischen Bürgerkrieg geführt und die bestehende Weltordnung in Frage gestellt. Erst vor diesem Hintergrund konnte Hitler seine Expansion vorantreiben. Die Welt reagierte auf die Ereignisse von München und zog ihre Lehren daraus. Und so schwächte das Zurückweichen vor Hitler nicht nur in Europa die demokratischen Abwehrkräfte im Inneren und ermunterte die aggressiven Mächte zu weiterer Expansion.

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Veröffentlichungsjahr: 2026

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Titel

Christian Goeschel • Daniel Hedinger

München 38

Die Welt am Scheideweg

C.H.Beck

Übersicht

Cover

Inhalt

Textbeginn

Inhalt

Titel

Inhalt

Widmung

Prolog: Appeasement, München, 1938

I. Mittwoch, 28. September 1938. Am Rande des Krieges

Die Stunde Null

II

III

IV

V

Der Sommer, die Krisen und das Ende einer Ära

II

III

IV

V

Ausweg in letzter Sekunde

II

III

II. Donnerstag, 29. September 1938. Das faschistische Spektakel

Reise in die Höhle des Löwen

II

III

Der lange Weg in den Abgrund

II

III

Mitternächtliche Einigung

II

III

III. Freitag, 30. September 1938. Ein böses Erwachen

«Frieden für unsere Zeit»?

II

III

Das letzte oder das erste Opfer?

II

III

IV

Appeasement am Ende

II

III

Epilog: München und kein Ende

Danksagung und Notiz zur Sprache

Anmerkungen

Einleitung Appeasement, München, 1938

I. Mittwoch, 28. September 1938. Am Rande des Krieges

II. Donnerstag, 29. September 1938. Das faschistische Spektakel

III. Freitag, 30. September 1938. Ein bitteres Erwachen

Epilog «München» und kein Ende

Bibliographie

Archivquellen

Quelleneditionen

Zeitungen und Zeitschriften

Veröffentlichte Quellen

Sekundärliteratur

Abbildungsnachweis

Personenverzeichnis

Karten

Zum Buch

Vita

Impressum

Widmung

Unseren Eltern

Prolog

Appeasement, München, 1938

Monate der ständigen und steigenden Kriegsangst». So erinnerte sich Stefan Zweig, der österreichische Schriftsteller, an das Jahr 1938, als er im britischen Exil war.[1] Im September schließlich stand die Welt am Scheideweg. Seit Wochen hatte sich die Krise um die Tschechoslowakei beinahe täglich verschärft. Denn Hitler war auf Kriegskurs und beanspruchte strategisch und wirtschaftlich bedeutsame Gebiete, das sogenannte Sudetenland. Dort lebte eine deutschsprachige Bevölkerung, die nun, wie die Österreicher ein halbes Jahr zuvor, «heim ins Reich» sollte. Hitlers Forderungen waren im Monatsverlauf immer exzessiver geworden. Mittlerweile drohte das nationalsozialistische Deutschland der Tschechoslowakei ganz unverhohlen mit Einmarsch und Krieg. Falls Frankreich und Großbritannien dem noch jungen Land, einem Produkt des Friedens von 1918 und neben der Schweiz die letzte verbliebene wirkliche Demokratie in Mitteleuropa, zur Seite sprängen – und danach sah es gegen Ende September 1938 aus – würde aus einem lokalen Konflikt unvermeidlich ein erneuter Weltkrieg.

In den Wochen und Monaten zuvor hatten die französischen und britischen Regierungen, angetrieben von Premierminister Neville Chamberlain, ihre Bemühungen intensiviert, Hitler durch Zugeständnisse zu beschwichtigen und doch noch zum Einlenken zu bringen. Diese Politik, in Verruf geraten als Appeasement, erreichte in den letzten Septembertagen in München, auf einer Konferenz, die keine 24 Stunden dauerte, ihren Höhepunkt. Spätestens als ziemlich genau ein Jahr danach der Zweite Weltkrieg in Europa ausbrach, war klar, dass die Politik des Appeasements spektakulär gescheitert war. So kurz der eigentliche Münchner Moment auch gedauert haben mag, als so langfristig erwiesen sich seine Folgen und Nachgeschichte.

Appeasement, München, 1938 sind drei Schlagworte, die heute wieder Konjunktur haben. Der Grund dafür liegt auf der Hand: Wir durchleben gegenwärtig erneut eine Krise der Demokratie, begleitet vom Aufstieg rechtsautoritärer und populistischer Kräfte. Und wir sind erneut mit Diktaturen konfrontiert, die ihren Einflussbereich aggressiv zu erweitern suchen. Der damit einhergehende Verfall einer regelbasierten internationalen Ordnung und die aktuellen Konflikte und Kriege, sei es im Nahen Osten oder in der Ukraine, erinnern an die dunkelsten Stunden der späten 1930er Jahre. Just in München auf der dortigen Sicherheitskonferenz warnte am 19. Februar 2022 der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj eindringlich vor dem «Appeasement» Russlands und seinen möglichen fatalen Folgen. Fünf Tage später griff Russland die Ukraine an.[2]

Appeasement bezeichnet eine diplomatische Strategie, durch Kompromisse und Verhandlungen Streitigkeiten aus dem Weg zu räumen, um Krieg zu vermeiden.[3] Oftmals wird der Begriff, dessen Wurzeln wohl im französischen «l’apaisement» liegen,[4] als «Beschwichtigung» ins Deutsche übersetzt. So weit, so harmlos. Und tatsächlich war Appeasement, als das Wort nach Ende des Ersten Weltkriegs langsam in Gebrauch kam, nicht negativ konnotiert. So erklärte der britische Premierminister David Lloyd George 1922 ganz unverfänglich, dass das «Appeasement Europas» sein «Hauptziel» sei.[5]

In der Tat kann es gute Gründe dafür geben, Kompromisse zu schließen, um Konflikte zu entschärfen. Damit eine solche Politik erfolgreich sein kann, muss aber das Gegenüber überhaupt Interesse haben an einem Kompromiss. Wesentlich ist daher die Frage, welche Motive denjenigen antreiben, mit dem man den Ausgleich sucht. Sie entscheidet über Gelingen oder Scheitern. Die Münchner Konferenz von 1938 hat auch deshalb die Politik des Appeasements so nachhaltig diskreditiert, weil der britische Premierminister sich Illusionen machte über Hitlers Absichten und Ziele. Als Chamberlains Irrtum offensichtlich wurde, war es zu spät.

Auch in den aktuellen Debatten um die Ukraine lässt sich dieser Zusammenhang beobachten: Die einen fordern Waffenlieferungen, weil Putin nur auf Druck und Stärke reagiere; eine Beschwichtigungspolitik werde ihn nicht zum Einlenken bringen, sondern seinen Appetit nur anstacheln. Die anderen glauben an die Verhandlungsbereitschaft Putins, sehen Waffenlieferungen kritisch und meinen, den Konflikt entschärfen zu können, indem sie dem Kreml Zugeständnisse machen. Dem Vorwurf des Appeasement versuchen sie sich zu entwinden, indem sie betonen, dass heute nicht gleich 1938 und Putin nicht gleich Hitler sei.

Welche Einschätzung Putins plausibler ist, kann dieses Buch nicht klären. Wohl aber kann es zeigen, was auch heute auf dem Spiel steht, wenn man sich irrt und sich über die Motive seines Gegenübers täuscht; wenn man einen aggressiven Diktator fälschlicherweise für verhandlungsbereit hält und ihn durch Zugeständnisse zu beschwichtigen sucht. Denn Chamberlains Appeasementpolitik gegenüber einem imperial ausgreifenden Regime machte dieses nicht friedfertiger. Ganz im Gegenteil: Hitler nahm die Beschwichtigungspolitik als Zeichen der Schwäche wahr und fühlte sich zu immer weiter gehenden Forderungen ermutigt. Und nicht nur Hitler: Andere expansiv orientierte Mächte, allen voran Italien und Japan, beobachteten das Geschehen sehr genau, so wie auch Hitler den Umgang der Westmächte mit diesen sehr wohl wahrgenommen hatte. Auch dies ist eine Parallele zur Gegenwart, sind doch heute die Konfliktherde in Asien und Europa erneut eng verwoben.

Die Geschichte der Münchner Konferenz und des Appeasement, an der sich Generationen von Historikern abgearbeitet haben, ist bislang vor allem als Showdown zwischen Hitler und Chamberlain geschrieben worden; als ein Kampf zwischen Deutschland und Großbritannien; zwischen Faschismus und Demokratie.[6] Damit einher ging eine geographische und zeitliche Verengung, die das Phänomen zu einer rein europäischen Geschichte machte. Doch die Herausforderung, auf welche die Politik des Appeasement reagierte, war eine globale, und sie ging nicht allein von Deutschland aus. Denn jahrelang hatte der Aufbau der Achse Berlin-Rom-Tokio Großbritannien und Frankreich unter enormen Druck gesetzt. Immer stärker sahen sie ihre Imperien von den expandierenden Mächten bedroht und von antikolonialen Bewegungen herausgefordert. Appeasement war zunächst ein Versuch, den imperialen Status quo gegen die Expansionspolitik Japans und Italiens aufrechtzuerhalten. Die Beschwichtigungspolitik gegenüber Deutschland wiederum, die 1938 im Münchner Moment ihren Höhepunkt fand, hatte dann selbst wieder globale Folgen und strahlte unmittelbar auf andere Weltregionen aus.

Anders als frühere Darstellungen bezieht unser Buch daher die globalen Kontexte und den imperialen Nexus des Appeasement der 1930er Jahre explizit mit ein. Die Perspektive geht daher weit über den Horizont europäischer Politik hinaus und öffnet sich dabei auch bislang im Zusammenhang mit Appeasement kaum berücksichtigten Stimmen aus aller Welt: Zu ihnen zählen der amerikanische Botschafter in London Joseph Kennedy und sein Sohn, der spätere Präsident John F. Kennedy, ebenso wie antikoloniale Aktivisten wie Mahatma Gandhi, der spätere indische Ministerpräsident Jawaharlal Nehru und der Vordenker des Panafrikanismus, George Padmore. Aber auch Journalistinnen oder Politikerinnen wie die Amerikanerin Martha Gellhorn oder die Schweizerin Annemarie Schwarzenbach gehören dazu. Und natürlich finden sich europäische Politiker wie Chamberlain, sein Rivale Winston Churchill, Hitler, Mussolini sowie der französische Premierminister Édouard Daladier unter den Hauptdarstellern der auf den folgenden Seiten erzählten Geschichte; aber eben auch außereuropäische Größen, wie Chiang Kai-shek oder der japanische Ministerpräsident Konoe Fumimaro. Wie wir sehen werden, unterschieden sich ihre Positionen und Einstellungen zu den Vorgängen rund um den Münchner Moment grundlegend. Doch eines war ihnen allen gemein: Die politischen Entscheidungen, die sie in diesen Tagen treffen und die Positionen, die sie einnehmen würden, sollten sie ein Leben lang begleiten.

I.

Mittwoch, 28. September 1938. Am Rande des Krieges

Die Stunde Null

Die Stunde Null war gekommen».[1] Dieser Gedanke begleitete Jawaharlal Nehru, als er am 28. September 1938 kurz nach 14 Uhr ins britische Unterhaus lief. Die nächsten zwei, drei Stunden würden über Krieg und Frieden entscheiden, dessen war sich der Unabhängigkeitskämpfer und spätere Premierminister Indiens sicher. Nur wenige Minuten zuvor war Hitlers Ultimatum an die tschechoslowakische Republik unbeantwortet verstrichen. Die deutsche Mobilisierung würde nun jeden Moment erfolgen. Mit dem Einmarsch in die Tschechoslowakei war stündlich zu rechnen. Doch nicht nur für Nehru schien der Kriegsausbruch unmittelbar bevorzustehen. Auch Harold Nicolson, ein Abgeordneter und ehemaliger Diplomat, der ebenfalls zu Fuß ins Unterhaus eilte, ging davon aus, dass die Wehrmacht noch am Abend die tschechische Grenze überschreiten würde.[2]

Wie knapp ein Vierteljahrhundert zuvor, im Sommer 1914, zeichnete sich eine Kaskade gegenseitiger Kriegserklärungen europäischer Mächte ab. Denn während der letzten Tage hatten sich die Fronten verhärtet, war die Lage nochmals eskaliert. Die französische Regierung hatte nach längerem Zögern endlich klargestellt, dass sie im Falle eines deutschen Einfalls in die Tschechoslowakei ihre Armeen marschieren lassen würde. Und der britische Premierminister Neville Chamberlain hatte seinem französischen Amtskollegen Daladier zugesichert, dass Großbritannien und sein Empire an Frankreichs Seite in den Krieg eintreten würden.[3] Am Morgen des 28. Septembers stand man daher am Rande eines neuen Weltkriegs. In düsterer Vorahnung hatten Journalisten für den Tag bereits einen Namen gefunden: «schwarzer Mittwoch».[4]

Immer schriller hatte Adolf Hitler in den letzten Wochen gefordert, dass die tschechoslowakischen Streitkräfte die deutschsprachigen Gebiete räumten. Seine Gegenspieler in den westlichen Demokratien waren ihm Schritt um Schritt entgegengekommen, nur um festzustellen, dass seine Forderungen stets anmaßender, seine Drohungen unverhohlener wurden. Dabei hatte sich der Führer in den letzten Tagen oft erratisch verhalten, Aufmarschpläne, Deadlines und Ultimaten immer wieder nach Lust und Laune geändert – nicht zuletzt zur Verzweiflung seiner eigenen Generäle. Offensichtlich wollte sich Hitler lange nicht festlegen. Niemand, selbst in den eigenen Reihen und in der Wehrmacht, konnte daher genau wissen, wann und wie losgeschlagen würde. Wahrscheinlich wusste das Hitler im Monatsverlauf nicht einmal selbst. Vielmehr ließ er sich, wie im Rausch, zu immer radikaleren Forderungen hinreißen: Falls die tschechische Regierung nicht bis zum 28. September um 14 Uhr nachgäbe, würden die deutschen Truppen marschieren, lautete nun sein letztes Ultimatum.[5]

Am Vormittag des 28. September sprach nichts dafür, dass die tschechoslowakische Seite auf die deutschen Forderungen eingehen würde. Zumal sie erst am Vorabend, wenige Stunden zuvor, über die Briten von Hitlers letztem Ultimatum erfahren hatte und daher kaum Zeit hatte zu reagieren. Gleichzeitig war ihre Neigung, vor den deutschen Forderungen zu kapitulieren, merklich gesunken, nachdem die Westmächte ihre Unterstützung zugesichert hatten. Eine friedliche Lösung der Krise schien damit so gut wie ausgeschlossen. In den letzten Tagen war zudem in Großbritannien und auch Frankreich ein Stimmungsumschwung unübersehbar geworden.[6] Des ewigen Hin und Her müde, hatten viele in beiden Ländern damit begonnen, sich trotz aller zu erwartenden bitteren Konsequenzen von der Politik des Appeasements abzuwenden. Dies war der Stand der Dinge, von dem auch die weite Welt erfahren hatte und der sie, nachdem Hitlers Frist nun unbeantwortet verstrichen war, in unerträgliche Spannung versetzte.

Dass Hitler bereit war, Ernst zu machen, daran konnte kein Zweifel bestehen: Am 24. September 1938 hatte Ernst Woermann, Leiter der politischen Abteilung des Auswärtigen Amts, vom deutschen Gesandten in Prag einen Stadtplan angefordert. Markiert darin war das Botschaftsviertel, das es vor den geplanten deutschen Luftangriffen zu schützen galt. Um den Druck auf die Prager Regierung weiter zu erhöhen, ordnete Joachim von Ribbentrop tags darauf an, dass Reichsdeutsche, insbesondere Frauen und Kinder, die Tschechoslowakei so schnell wie möglich gen Deutschland zu verlassen hätten.[7] Der Reichsaußenminister legte großes Gewicht darauf, innerhalb der nationalsozialistischen Führungsriege als der entschlossenste Unterstützer des Kriegs zu gelten.[8]

«Der Frieden kann nur noch durch ein Wunder bewahrt bleiben», hielt der Staatssekretär im Auswärtigen Amt, Ernst von Weizsäcker, fest.[9] Und Ulrich von Hassell, der Anfang des Jahres als deutscher Botschafter in Rom abberufen worden war, dem Regime ablehnend gegenüberstand und ihm später zum Opfer fallen sollte, empfand die Lage als «fast hoffnungslos».[10] Gleichzeitig bezifferte der französische Botschafter in Berlin, André François-Poncet, die Aussichten auf Krieg mit 90 Prozent.[11] Doch eigentlich ging es zu diesem Zeitpunkt gar nicht mehr um Grundsätzliches, was bei aller Tragik der Situation auch eine gewisse Absurdität verlieh. Der Unterschied der Positionen bestand nur im formalen Vorgehen und dem Zeitplan. Die Westmächte beharrten auf einer geordneten Übergabe der «sudetendeutschen» Gebiete unter internationaler Beobachtung, die Deutschen wollten es sofort und ohne fremde Einmischung. Hassell notierte dazu verzweifelt: «Obwohl die Tschechen den Engländern und Franzosen grundsätzlich die Abtretung der deutschen Gebiete an uns zugesagt haben, stehen wir am Rande des Krieges, des Weltkrieges, weil unsere Forderungen bezüglich der Prozedur […] den Westmächten, schon aus Prestigegründen, unannehmbar sind.»[12]

Auch auf der anderen Seite des Kanals schwanden die Hoffnungen auf Frieden stündlich. Alexander Cadogan, der ständige Unterstaatssekretär des britischen Außenministeriums, hatte bereits am Vortag einen «schrecklichen Nachmittag», den «schlimmsten, den ich je erlebt habe».[13] Zu dem Zeitpunkt sah das britische Außenministerium die Lage bereits als «hoffnungslos» an.[14] Und in China schrieb Chiang Kai-shek, der Führer der Kuomintang, an diesem Mittwoch, dem 28. September, in sein Tagebuch, dass «Europa sich bereits im Kriegszustand» befände.[15] Voller Anspannung erwartete er, was der Tag bringen würde. Aber nicht nur Diplomaten und Politiker weltweit waren sich des Ernstes der Lage bewusst. So hoffnungslos erschien die Situation, dass der Daily Gleaner im fernen Jamaika gleichentags den wahrscheinlichen Kriegsausbruch in Europa auf seiner Titelseite vermeldete.[16]

Vor diesem Hintergrund hatte Chamberlain für Mittwoch um 14.45 Uhr das Unterhaus einberufen lassen. Der einzige Programmpunkt war eine «Erklärung zur internationalen Lage», eine Rede an Nation und Empire also, um Rechenschaft abzulegen und Klarheit zu schaffen. «Die Sitzung wird von äußerster Wichtigkeit sein», hieß es in der Einladung an die Parlamentarier, die sich eher wie eine Vorladung las.[17] Sich der Bedeutung der Stunde bewusst, kündigten weltweit Zeitungen die Rede im Unterhaus auf ihren Frontseiten an. So versprach etwa der Buenos Aires Herald seinen vornehmlich britischen Lesern «dramatische Szenen in Westminster».[18] Die Zeitgenossen konnten gar nicht anders, als sich an die Katastrophe vor fast einem Vierteljahrhundert erinnert zu fühlen: Anfang August 1914 hatte der Premierminister H. H. Asquith im Unterhaus die wenige Stunden zuvor erfolgte britische Kriegserklärung an Deutschland öffentlichkeitswirksam bekannt gegeben. Die Geschichte drohte sich nun zu wiederholen. «Die heutige Situation in Großbritannien ist so gefährlich wie seit 1914 nicht mehr», warnte etwa die chinesische Dagongbao die Rede Chamberlains zusammenfassend.[19] Selbst der nicht zu Übertreibungen neigende Schweizer Gesandte Charles Rudolphe Paravicini sprach in seinem Bericht nach Bern von einem seit Ausbruch des Ersten Weltkriegs nie mehr dagewesenen erschütternden Spektakel.[20] Und Stefan Zweig fühlte sich an «jene Augenblicke des Juli 1914» erinnert, «mit dem fürchterlichen, nervenzerstörenden Warten auf das Ja oder Nein».[21]

Trotz aller Agitation und Aggression des Berliner Diktators schien es vielen Zeitgenossen noch immer so, als würde letztendlich der Premierminister Großbritanniens das Schicksal der Welt in den Händen halten. Das mochte insofern richtig sein, als erst der Eintritt Großbritanniens und Frankreichs mit ihren Imperien aus einem europäischen einen globalen Konflikt machen konnte, der mit einem Schlag große Teile der Menschheit betreffen würde. Voller Spannung erwartete daher die Weltöffentlichkeit Chamberlains Ansprache.

Die Tatsache, dass die Briten und Franzosen ihre Kolonien ungefragt in den Krieg mit einbringen konnten, hatte der ganzen Krise von Beginn an eine globale Dimension verliehen. Aus diesem kolonialen Kontext erhielten die Appeaser nun Unterstützung. So war am Morgen des 28. September in der angesehenen liberalen Zeitung Manchester Guardian ein gemeinsamer Friedensappell von Pazifisten, Sozialisten und antikolonialen Aktivisten erschienen. In der gegenwärtigen Krise, so hieß es in dem Aufruf, gehe es nicht nur um die Tschechoslowakei, so wie es 1914 nicht nur um Belgien gegangen sei. Die ungleiche globale Verteilung von Macht und Reichtum und der britische «Wirtschafts-Imperialismus» seien vielmehr die eigentliche Ursache des bevorstehenden Krieges, der nur durch Kooperation und soziale Gerechtigkeit verhindert werden könne. Ein Krieg würde bloß ein imperialistisches System gegen ein anderes stellen. Unter den Unterzeichnern befanden sich der Schriftsteller George Orwell, der Politiker Fenner Brockway und George Padmore, der Vordenker des Panafrikanismus, – alle drei gehörten zum linken politischen Spektrum.[22] Wenige Tage zuvor, am 25. September, war Padmores Manifesto Against War erschienen, das sich an «alle Afrikaner, Menschen afrikanischer Abstammung und alle kolonisierten Völker auf der ganzen Welt» richtete. Denn diese, so Padmore, würden im kommenden Krieg verheizt werden, um die imperiale Weltordnung zu erhalten. Es gehe Großbritannien und Frankreich gar nicht um die Freiheit der Tschechoslowakei, sondern bloß darum, ihre Kolonialreiche gegen Hitler zu verteidigen. Seine Haltung wies jedoch eine gewisse Zwiespältigkeit auf: Zwar sei er gegen den Krieg, doch böte Europas Krise «den Schwarzen überall» auf der Welt die Chance zur Unabhängigkeit.[23] Antikoloniale und nichtweiße Stimmen waren in den Wochen der «tschechoslowakischen Krise» allgegenwärtig, wurden jedoch sowohl von den Entscheidungsträgern in London, Berlin und Paris als auch danach von der Forschung in aller Regel schlicht übersehen.

II

Die Krise, die die Welt im September 1938 in Atem hielt, hatte eine lange Vorgeschichte. Nach 1918 und dem Zerfall der Vielvölkerimperien wie dem Russischen, dem Osmanischen und dem Habsburgerreich beanspruchten Volksgruppen ihre eigenen Nationalstaaten, ganz im Sinne des von US-Präsident Woodrow Wilson geforderten Rechts auf nationale Selbstbestimmung. Die Pariser Vorortverträge von 1919–20 regelten die Aufsplitterung des Habsburger Reichs in mehrere Nationalstaaten.[24] Weit verbreitet war in Deutschland die Ansicht, wissenschaftlich in der sogenannten Ostforschung legitimiert, dass den deutschsprachigen Bewohnern der Tschechoslowakei und anderer Länder in Osteuropa wie Polen das Recht auf nationale Selbstbestimmung vorenthalten würde.[25]

Entsprechend leicht fiel es Hitler, seine Ansprüche auf Teile der Tschechoslowakei mit dem Recht auf nationale Selbstbestimmung der «Sudetendeutschen» zu begründen. Vor 1918 war jedoch recht selten vom «Sudetenland» die Rede gewesen. Außerdem waren die «Sudetendeutschen» keineswegs eine homogene ethnische Gruppe. Zudem waren sie Untertanen des Habsburger Reiches gewesen, und nicht des 1871 gegründeten deutschen Nationalstaats. Nach 1918 bildete sich, aufbauend auf deutsch-nationalistische Strömungen vor 1914, eine «sudetendeutsche» Identität heraus. Nur einen Tag nach Ausrufung der tschechoslowakischen Republik am 28. Oktober 1918 proklamierten deutschsprachige Gruppen die Gründung Deutschböhmens und dessen Anschluss an Deutschösterreich. Daraus wurde jedoch nichts. Schon bald sahen sich die Deutschsprachigen in der Tschechoslowakei im Hintertreffen, war doch der neue Staat, der zwar umfassende Minderheitenrechte garantierte, die Republik der Tschechen und Slowaken. Die deutschsprachigen Bewohner waren zur Minderheit geworden und glaubten sich diskriminiert, obwohl ihre Kinder oftmals deutschsprachige Schulen besuchen konnten. Parteien, die die deutschsprachige Bevölkerung vertraten, durften in Kommunal- und landesweiten Wahlen kandidieren. Von systematischer Diskriminierung kann daher keine Rede sein. Allerdings verstärkte sich unter dem Eindruck der Weltwirtschaftskrise das Gefühl, Bürger zweiter Klasse zu sein.[26] Denn die Krise traf viele deutschsprachige Bewohner besonders hart. Viele waren von Massenarbeitslosigkeit betroffen, die auch nach der wirtschaftlichen Erholung in den tschechischsprachigen Gebieten 1936 andauerte. Im Frühjahr 1938 schließlich nährte der Anschluss Österreichs unter den «Sudetendeutschen» die Hoffnung, auch bald «heim ins Reich» gebracht zu werden, und gab der zunehmend gewalttätigen Sudetendeutschen Partei (SdP) beträchtlichen Rückenwind. Bei den Kommunalwahlen von Mitte 1938 erhielt die SdP über 85 Prozent der Stimmen der deutschsprachigen Bevölkerung der Tschechoslowakei. Die Prager Regierung zeigte sich gegenüber der SdP nachgiebig, nicht zuletzt auf Druck Großbritanniens und Frankreichs, und bot ein Nationalitätenstatut an, allerdings keine autonomen Gebiete.[27]

Über die genaue Zahl der deutschsprachigen Einwohner und anderer Minderheiten in der Tschechoslowakei herrscht nach wie vor eine gewisse Unklarheit. Laut offiziellen, aber nicht unproblematischen Zensusdaten von 1930, bei denen die Muttersprache zugrunde lag, gab es rund 14 Millionen Staatsbürger. Darunter waren etwa 9,7 Millionen Tschechoslowaken, 550.000 Ruthenen bzw. Ukrainer, 3,2 Millionen Deutsche, 690.000 Magyaren und 81.000 Polen. Muttersprache war zu dem Zeitpunkt jedoch ein stark politisierter Begriff, denn viele Bewohner waren mehrsprachig. Ebenso politisiert war die nationale Identität. Doch verfestigten sich diese Zuschreibungen in nationalistischen und NS-Kreisen als eindeutige ethnisch-rassische Kategorien.[28]

Für Hitler, seit seiner Zeit in Wien vor dem Ersten Weltkrieg von Hass auf die Tschechen besessen, war die Tschechoslowakei mit ihren beträchtlichen Waffenarsenalen ein zentraler Teil seines Plans, im Osten Lebensraum zu erobern.[29] Hitler glaubte die Zeit nicht auf seiner Seite. Denn er sorgte sich um seine Gesundheit; gleichzeitig sah er die Aufrüstung Frankreichs und Großbritanniens, durch die das Reich seinen Vorsprung zu verspielen drohte. 1938 war Hitler Deutschlands unbestrittener charismatischer Führer, der die verschiedenen gesellschaftlichen, politischen und militärischen Institutionen des Regimes mitsamt ihrem Personal eng an sich band. Wirkungsvolle Opposition war in diesem System unmöglich, auch wenn in der Wehrmacht vereinzelt Widerworte gegen die riskanten Angriffspläne auf die Tschechoslowakei zu hören waren.

Bereits vor dem Anschluss Österreichs Mitte Märzhatte Hitler am 20. Februar 1938 in einer Rede vor dem Reichstag die Rückkehr der «10 Millionen» Deutschen außerhalb der Reichsgrenzen gefordert und somit die Stimmung angeheizt. Hitlers Rede war ein Zeichen für die Radikalisierung der Innen- und Außenpolitik und erfolgte kurz nach dem Austausch der Wehrmachtsführung und der Leitung des Auswärtigen Amts. Zufall war es nicht, dass Hitler in seiner Rede die diplomatische Anerkennung Mandschukuos, des von Japan errichteten Satellitenstaates in China, erwähnte und gegen den Völkerbund hetzte.[30] Zunehmende Hasspropaganda gegen die Tschechoslowakei spiegelte sich in zahlreichen Publikationen, teils ordinär, teils wissenschaftlich verbrämt, des Jahres 1938 wider. So beklagte der Geopolitiker Karl Haushofer, ein führender Japan-Experte und seit längerem Berater der Nationalsozialisten in dieser Hinsicht, in einem Geleitwort das Schicksal «verknechteter dreieinhalb Millionen Deutscher und Millionen anderer Volksgruppen» in der Tschechoslowakei.[31] In einem vom NS-Publizisten Friedrich Heiss herausgegebenen Sammelband wurde noch schärfer gehetzt: «Die Tschecho-Slowakei ist im Leben Europas nach dem großen Kriege mehr als ein Fehler, sie ist ein Verbrechen.»[32] Neben dem Absprechen der politisch-historischen Legitimität der Tschechoslowakei und der vermeintlichen Unterdrückung der Sudetendeutschen stellte die deutsche Propaganda die angebliche bolschewistische Bedrohung heraus, die sich aus dem Beistandspakt von 1935 zwischen der Sowjetunion und der Tschechoslowakei ergebe. So verstieg sich Karl Vietz zur Behauptung: «Moskau hilft Prag bei der Unterdrückung von 7 Millionen nichttschechischer Menschen.»[33]

Nach dem Anschluss konkretisierte sich Hitlers Entscheidung, die wirtschaftlich bedeutenden Grenzregionen der Tschechoslowakei – mitsamt ihren Befestigungsanlagen und ihrer beträchtlichen Rüstungsindustrie – zu annektieren. Die Tschechoslowakei war nun von drei Seiten vom Reich eingekesselt. Nach einer Unterredung mit Hitler notierte Goebbels am 20. März 1938 in seinem Tagebuch: «Dann Studium der Landkarte: zuerst kommt nun Tschechei dran. Das teilen wir mit den Polen und Ungarn. Und zwar rigoros bei nächster Gelegenheit.»[34]

Die Deutschen waren einer permanenten anti-tschechischen NS-Propaganda ausgesetzt. Laut einem Stimmungsbericht von Mai 1938 der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands im Exil (SOPADE), die sich im Frühjahr 1938 angesichts der Krise von Prag nach Paris abgesetzt hatte, glaubten viele Deutsche, dass die «Sudetendeutschen» Opfer tschechoslowakischer Unterdrückung seien und kein Deutsch sprechen dürften. Die Gefahr, dass ein Konflikt mit der von vielen Deutschen als «Liliputanerstaat» verspotteten Tschechoslowakei zu einem Weltkrieg führen könnte, sah im Reich zunächst jedoch kaum jemand, denn Frankreich und Großbritannien hätten sich dem Anschluss ja auch nicht in den Weg gestellt.[35]

Bereits 1937 hatte die Wehrmachtsführung den «Fall Grün» ausgearbeitet, der einen blitzartigen Angriff auf die Tschechoslowakei vorsah. Doch führende Militärs wie etwa General Ludwig Beck, aber auch hochrangige Nazis wie Hermann Göring sprachen sich gegen einen Krieg zu diesem Zeitpunkt aus. Sie bevorzugten die Strategie der schrittweisen Annexion der Tschechoslowakei. Denn Deutschlands Volkswirtschaft war noch nicht für einen Krieg mit Großbritannien und Frankreich gerüstet. Auch das Reichsfinanzministerium warnte 1938 vor einem unmittelbaren Krieg, der Deutschlands Kreditwürdigkeit auf den Weltmärkten und damit der Aufrüstung einen empfindlichen Dämpfer versetzen würde.[36]

Der Führer der Sudetendeutschen Partei, Konrad Henlein, wurde zu Hitlers Komplizen. Im April 1938 hielt Henlein in Karlsbad eine Brandrede, in der er sich als Führer einer von der tschechoslowakischen Regierung verfolgten und infolge der Weltwirtschaftskrise verarmten Minderheit ausgab. Der Kongress der Sudetendeutschen Partei verabschiedete das Karlsbader Programm, das Hitlers Handschrift trug und beträchtliche, von Prag nicht erfüllbare Autonomierechte einforderte. Stets verneinte Henlein auf internationaler Bühne, ein Nationalsozialist zu sein, doch war er eindeutig antisemitisch und antibolschewistisch eingestellt. Dennoch, oder vielleicht gerade deswegen, beeindruckte Henlein Mitte Mai bei einem kurzen Besuch in London viele konservative britische Politiker, denen an einem Ausgleich mit dem Dritten Reich gelegen war. Selbst Churchill zeigte sich nach seinem Treffen mit Henlein optimistisch, dass dessen Autonomiebestrebungen ohne Annexion durch Deutschland gelöst werden könnten. Insbesondere Henleins antisowjetische Ansichten bildeten hier eine Schnittmenge.[37]

Am 21. und 22. Mai 1938, kurz nach dem triumphalen Staatsbesuch Hitlers in Italien, bei dem Mussolini dem Führer seine Unterstützung bei der Durchsetzung der deutschen Ansprüche auf das «Sudetenland» zugesichert hatte,[38] eskalierte die Krise. Auslöser war, dass die Prager Regierung nach Erhalt falscher Informationen über angebliche deutsche Truppenbewegungen an der deutsch-tschechoslowakischen Grenze am 19. und 20. Mai eine Teilmobilisierung angeordnet hatte. Die SOPADE berichtete im Mai 1938 aus Sachsen, dass die Bevölkerung in Grenznähe nervös sei und einen baldigen Krieg erwarte, der «kein Spaziergang und nicht von kurzer Dauer sein wird».[39] Einige leerten angeblich ihre Bankkonten und horteten Essen. Im Gegensatz zum großen Enthusiasmus des deutschen Volkes für den Anschluss im März 1938 gab es jedoch nun Kriegsangst, wie selbst Berichte des Sicherheitsdienstes der SS nahelegen. Letztere, Ende 1938 verfasst, sahen in der Mai-Krise den Beginn einer «Kriegspsychose, die erst durch das Münchener Abkommen beendet wurde».[40]

Im Mai hatte sich die Krise, nachdem es zu keinen deutschen Truppenbewegungen gekommen war, nochmals beilegen lassen.[41] Doch die britische Regierung zog ihre Lehren. London teilte Paris mit, sich nicht zu sehr auf britische Unterstützung für das Bündnis mit der Tschechoslowakei zu verlassen. Chamberlains Regierung setzte jetzt noch mehr auf Appeasement, überschätzte aber auch seit der Mai-Krise ihren Einfluss in Mitteleuropa.[42] Entscheidend jedoch war, dass Hitler sich in der Weltpresse bloßgestellt sah, nachdem Deutschland nichts unternommen hatte. Seine Entscheidung, gegen den von ihm verachteten demokratischen Vielvölkerstaat militärisch vorzugehen, wurde durch die Mai-Krise nur noch bekräftigt. Denn Hitler erwartete, dass Frankreich und Großbritannien nicht eingreifen würden.[43] Es musste nun alles schnell gehen. Am 30. Mai 1938 befahl der Führer, dass am 1. Oktober 1938 loszuschlagen sei.[44]

III

Nehru musste sich beeilen und sich seinen Weg durch die Massen bahnen, wollte er noch rechtzeitig im Unterhaus eintreffen. Denn die Straßen des Londoner Regierungsviertels waren überfüllt. Die Aufregung, Anspannung und Sorgen waren den Gesichtern abzulesen, so Nehru.[45] Die Polizei gab ihr Bestes, schmale Fahrspuren für den Verkehr freizuhalten. Viele drohten sich inmitten des Chaos dennoch zu verspäten. Darunter auch Harold Nicolson und Botschafter Joseph Kennedy. Letzterem erschienen die wartenden Menschen «still und ernst».[46] Laut Nicolson starrten die Massen die Abgeordneten und Würdenträger, die nun an ihnen vorbei hasteten, in erster Linie fragend an.[47] Doch eine Antwort darauf, ob bereits morgen Krieg herrschen werde, hatten auch sie nicht.

Mit solchen Massenansammlungen konnte es schon bald vorbei sein. Gerüchte kursierten, dass im Kriegsfall die Bombardierung der britischen Hauptstadt noch am Abend einsetzen werde.[48] Laut einer Schätzung der Royal Air Force waren bei 60 Tagen Luftangriffen auf Großbritannien 600.000 Tote und doppelt so viele Verletzte zu erwarten.[49] Solche Horrorszenarien versetzten nicht nur die Öffentlichkeit in Angst und Schrecken, sondern hatten auch die Entscheidungen der letzten Wochen geprägt. Sie sollten sich als völlig überzogen erweisen. Während des «Blitzes» starben zwischen September und Dezember 1940 23.767 Menschen und 85.000 wurden verletzt. Wie viel zu hoch die Schätzungen ausgefallen waren, zeigt sich auch darin, dass während des gesamten Zweiten Weltkriegs Großbritannien weniger als eine halbe Million Tote zu beklagen hatte. Dazu kam: 1938 waren die Deutschen noch gar nicht in der Lage, eine substanzielle Luftkampagne gegen Großbritannien zu führen.[50] Zwei Jahre später sollte das schon ganz anders aussehen. Doch von all dem konnten die Menschen auf der Straße nichts wissen. Denn die Geheimdienste hatten versagt und die Gefährdung durch deutsche Bomber völlig überbewertet. Grundannahme von Chamberlains Regierung war daher, dass ein Krieg gegen Deutschland selbstmörderisch sei, solange Großbritannien keine große Bomberflotte zur Abschreckung zur Verfügung habe.[51]

Entscheidend mitverantwortlich für diese folgenschweren Fehleinschätzungen zeichnete der amerikanische Flugpionier Charles Lindbergh. In den Wochen zuvor war er quer durch Europa gereist und hatte auch Deutschland und die Tschechoslowakei besucht. Dabei hatten ihn seine schon länger gehegten Sympathien für Faschismus und Antisemitismus jeglichen Urteilsvermögens beraubt. Von nationalsozialistischer Propaganda verblendet notierte er in sein Tagebuch: «Man ist gezwungen, die Schlussfolgerung zu ziehen, dass die deutsche Luftflotte stärker ist als die aller anderen europäischen Länder zusammen. […] Es ist Selbstmord. Die Gelegenheit, die Ausdehnung der deutschen Kontrolle nach Osten zu stoppen, ist seit Jahren verstrichen.»[52] Zurück in Paris und London wurde Lindbergh nicht müde, seine pessimistische Einschätzung der Lage vor Regierungsmitgliedern, Politikern und Diplomaten auszubreiten. Das Problem war: Sein Wort wog schwer, galt er doch als der weltweit führende Luftfahrtexperte. Die Panik in manchen Aufzeichnungen belegt die verheerende Wirkung, die von ihm in den entscheidenden Wochen der Krise ausging. So berichtete der britische Botschafter Eric Phipps Mitte September seiner Regierung aus Paris, dass Lindberghs Bericht die Franzosen höchst erschreckt habe. Daladier habe gesagt, dass es eine Eskalation des Konflikts angesichts derartiger Schwäche der Westmächte um jeden Preis zu vermeiden gelte.[53]

In Großbritannien wiederum stieß Lindbergh bei Kriegsgegnern und Appeasern jeglicher couleur mit seiner Einschätzung, dass London den Deutschen «gänzlich ausgeliefert» sei, auf offene Ohren.[54] Lindbergh glaubte, aus innerer Überzeugung zu handeln. Am 23. September notierte er in sein Tagebuch: «Wenn Frankreich und England Deutschland nun angreifen, wird das Ergebnis chaotisch sein und kann leicht zur Zerstörung der Demokratien führen.»[55] Nicht nur das: Ein erneuter Krieg werde auch das Ende der «europäischen Zivilisation» bringen. Dieser Punkt war für ihn ausschlaggebend. Als bekennender Rassist fürchtete Lindbergh eine Schwächung der «weißen Rasse» weit mehr noch als den Tod der westlichen Demokratien. Einen erneuten europäischen Großkrieg gelte es daher um jeden Preis zu vermeiden.

Ende September kumulierten somit in London die Ängste vor einem kommenden Luftkrieg. Doch die britische Hauptstadt war beileibe nicht der einzige Ort, an dem Panik herrschte. Die Egyptian Gazette berichtete just am 28. September von intensiven Vorbereitungen gegen Luftangriffe in Kairo.[56] In Accra wiederum, der Hauptstadt der britischen Kronkolonie Goldküste, dem heutigen Ghana, setzten die Behörden aus Angst vor Bombardierungen für den 29. September eine einstündige Verdunkelungsübung an. Der West African Pilot schrieb tags darauf über das ebenso «einzigartige» wie «aufregende» Ereignis, das zum «ersten Mal in der Geschichte der Goldküste die Hauptstadt der Kolonie in völlige Dunkelheit getaucht» habe.[57]

Im französischen Indochina wiederum bezeichnete die Zeitung L’effort indochinois am Morgen des 28. September den Krieg als «unmittelbar bevorstehend, unvermeidlich».[58] Hier gingen die französischen Behörden davon aus, dass auf einen Kriegsausbruch in Europa japanische Bombardierungen von Saigon und Hanoi folgen würden. Ein solches Szenario war keineswegs aus der Luft gegriffen, hatte doch die japanische Armee in den letzten Tagen den Luftraum Indochinas immer wieder verletzt: Allein am 22. September waren 20 japanische Maschinen über verschiedenen Städten der Region aufgetaucht.[59] Folgerichtig verordneten die Behörden auch hier Verdunkelungen. Zeitgleich erwartete man Angriffe auf die französischen Konzessionen in China. Die Angst vor einem japanischen Überfall war daher in Frankreichs Kolonien im Fernen Osten während der letzten Septembertage 1938 so groß wie nie zuvor. Auf Hilfe aus Paris war jedoch nicht zu hoffen, lag doch das Augenmerk der französischen Regierung schon des Längeren ganz auf der Verteidigung der Westgrenze gegen Deutschland.

Die Angst vor Luftangriffen war in den Tagen vor der Münchner Konferenz also ein globales Phänomen. Dies lässt sich nicht zuletzt damit erklären, dass der strategische Luftkrieg koloniale Wurzeln hatte.[60] Kurz vor Beginn des Ersten Weltkriegs hatte der Italiener Giulio Gavotti in Libyen erstmals Bomben aus einem Flugzeug abgeworfen. Während des Krieges war es dann vor allem durch deutsche Luftschiffe zu Bombardements von Städten wie London gekommen. Nach 1918 waren Bomber hauptsächlich im kolonialen Raum zum Einsatz gelangt. Europäische Mächte nutzten diese für die Zivilbevölkerung besonders verheerende neue Waffe zur Bekämpfung von Aufständen im Nahen Osten, aber auch in Afrika und Ostasien. Vor dem Hintergrund der außerhalb Europas gesammelten Gewalterfahrungen setzte sich in der Zwischenkriegszeit die Erkenntnis durch, dass «der Bomber […] immer durchkommen» werde. Der Premierminister dieser Jahre, Stanley Baldwin, hatte diese Devise Ende 1932 im Unterhaus verkündet.[61]

Zu dem Zeitpunkt waren Bombenkriege für zahllose Kolonisierte bereits zur bitteren Realität geworden, was wiederum zeigt, dass die Vorstellung einer «Zwischenkriegszeit» weitgehend ein eurozentrisches Konstrukt ist. Denn im imperialen Kontext waren Krieg und Gewalt nach 1918 allgegenwärtig geblieben, auch wenn es sich hierbei um lokale Konflikte handelte. Ab den frühen Dreißigerjahren kam es dann zu einer Reihe von Luftangriffen auf Großstädte, die die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit erregten. Zunächst wiederum im Kontext imperialer Kriege in China und Äthiopien, danach im Spanischen Bürgerkrieg. Im September 1938 war die Angst vor verheerenden Bombardierungen westlicher Hauptstädte daher unter der Bevölkerung des alten Kontinents weit verbreitet.[62]

Unterlagen der Mass Observation, eines 1937 gegründeten Projekts zur Ergründung des Alltagslebens, vermitteln ein Bild von der Stimmungslage in Großbritannien. Berichterstatter, gewöhnlich aus der Mittelschicht, stellten Beobachtungen zum Alltagsleben an. So notierte eine 37-jährige Hausfrau am 28. September im Londoner Vorort Cricklewood, dass die Leute angesichts der bedrückenden Atmosphäre höchstens noch gezwungen lächelten. Besonders Schulkinder, die mit Ranzen für ihre geplante Evakuierung aufs Land bepackt waren, erhaschten mitleidsvolle Blicke. An einer Bushaltestelle bezeichnete eine ältere Frau, deren Söhne Reservisten waren, Hitler als Teufel und betonte, dass sie nicht an den Ernstfall denken mochte. In einem Bus zeigten sich andere betont optimistisch.[63] Doch Kriegsangst dominierte auch die Berichte einer weiteren Teilnehmerin des Mass Observation-Projekts aus dem Westen Londons vom 28. September: Ein 26-jähriger Verlagsmitarbeiter gab zu Protokoll, er erwarte den Kriegsbeginn am Samstag, also am 1. Oktober. Und ein 25-jähriger Büroangestellter hatte bereits seine Kinder aufs Land geschickt.[64] Vor diesem Hintergrund war es um die mentale Gesundheit in Großbritannien nicht gut bestellt, wie Psychologen, Psychiater und Psychoanalytiker in diesen Tagen festhielten. Ärzte diagnostizierten gar eine Krisenkehle («crisis throat») bei einigen Patienten, denen die Krise buchstäblich die Sprache verschlagen hatte.[65]

Das alles hinterließ seine Spuren im Stadtbild von London. Michael Morris, auch bekannt als Lord Killanin, war ein junger Starjournalist der Daily Mail und Mitglied des Oberhauses. Eindringlich berichtete er von der angespannten Lage. Er beobachtete das fieberhafte Ausheben von Schützengräben und Luftschutzbunkern in Londons Parks, das Befüllen von Sandsäcken, das Errichten von Flakbatterien im Hyde Park und Verdunklungsmaßnahmen.[66] Der Daily Gleaner in Jamaika brachte die Stimmung in der britischen Hauptstadt auf den Punkt: «Keep Calm and Dig».[67] «Ruhig bleiben und graben» war auch das Motto in anderen britischen Großstädten wie Manchester, wo die Vorbereitungen für den Ernstfall ebenfalls auf Hochtouren liefen.[68]

Überall wurden nun Gasmasken verteilt, zunächst vor allem an Schulkinder. Zu den Empfängern von Masken zählten in London aber auch einige unserer Protagonisten wie Nehru und Lindbergh.[69] Am 25. September, dem «Gas Mask Sunday», verteilten Freiwillige im ganzen Land Hunderttausende von Masken.[70] Die Angst vor Gasangriffen war groß: Die auf europäischen Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs erprobten Vernichtungswaffen waren in der Zwischenkriegszeit ebenfalls wiederholt zur kolonialen Herrschaftssicherung eingesetzt worden, so etwa durch spanische Truppen während des Rifkriegs (1921–1926), durch Verbände des faschistischen Italien im zweiten Italienisch-Libyschen Krieg (1923–1932) und im 1935 begonnenen italienischen Angriffskrieg gegen Äthiopien.[71] Mit den Luftangriffen drohte nun auch auf europäischem Boden der Einsatz von Giftgas gegen die Zivilbevölkerung im großen Maßstab.

Eine Familie in einem Londoner Vorort erhält im September 1938 ihre Gasmasken.

Nicht nur Kinder wurden aus den Städten evakuiert. Seit Tagen waren Hotels und andere Unterkünfte auf dem Land mit Städtern ausgebucht, die sich aus Angst vor deutschen Angriffen abgesetzt hatten. Evakuierungen hatten selbst an weit entlegenen Orten begonnen: In der französischen Konzession im chinesischen Tientsin war wenige Stunden zuvor Panik ausgebrochen und die Lage beinahe außer Kontrolle geraten, als das französische Militär überstürzt die Evakuierung angeordnet hatte.[72] Die meisten amerikanischen Staatsbürger wiederum, die noch in Großbritannien weilten, wollten das Land so schnell wie möglich verlassen.[73] Bevor er sich ins Unterhaus begab, hatte Botschafter Kennedy am Morgen seine Frau Rose angerufen, die in Schottland in den Ferien weilte. Er bat sie, sofort zurückzukommen. Man müsse die Kinder so schnell wie möglich in die USA bringen. Schiffsplätze waren in den letzten Tagen immer rarer geworden. Am Mittwoch standen Tausende auf den Wartelisten. Dies galt nicht nur für die Verbindung in die USA: Am 28. September berichtete die Egyptian Gazette, dass Landsleute, die schnellstmöglich nach Hause wollten, weder Schiffs- noch Flugtickets bekämen.[74] Für Monate sei alles ausgebucht, betroffen war selbst die Ehefrau von Hassan Sabry Pasha, dem ägyptischen Verteidigungsminister und früheren Botschafter in London, die mit ihren Kindern aus der britischen Hauptstadt fliehen wollte. Kennedy hingegen konnte sich sicher sein, dass es für seine Familie noch Plätze gäbe. Schließlich war er derjenige, der die Evakuierung seit Tagen koordinierte. Auch am Vormittag des 28. bemühte er sich weiter darum, Schiffe über britische Häfen umleiten zu lassen, um amerikanische Staatsbürger aufzunehmen.

IV

Einer, dem es hingegen nicht schnell genug gehen konnte, nach London zurückzukommen, war Henry «Chips» Channon, ein Befürworter des Appeasements und schillernder konservativer Unterhausabgeordneter. Doch er hatte eine weite Anreise: Eine Woche zuvor hatte er sich noch in den Ferien befunden, auf dem Balkan bei seinem Freund, dem Prinzregenten Paul von Jugoslawien. Was er in den nächsten Tagen durchlebte, war eine regelrechte Odyssee. Am Samstag, dem 24. September, erfuhr er von der Sondersitzung des Unterhauses. Gleichentags forderte ihn das Foreign Office auf, so schnell wie möglich nach London zurückzukehren.[75] Channon war gebürtiger Amerikaner, doch nach seiner Heirat mit Lady Honor Guinness, der Erbin des gleichnamigen Bierkonzerns, eingebürgerter Brite, der nun als Parliamentary Private Secretary im Foreign Office tätig war. Der Prinzregent stellte ihm ein Flugzeug zur Verfügung. Doch Channon zögerte: Wäre es nicht angenehmer, in Jugoslawien zu bleiben, bei Paul, «sicher und glücklich»?[76] Nach drei Tagen des Hin und Her war für ihn am Dienstagmorgen, dem 27. September, die Zeit abgelaufen. An Fliegen war bereits nicht mehr zu denken. Überstürzt brach er mit dem Orient-Express auf.[77] Die Route führte durch Italien, und diese war nun riskant, konnte das Land doch Großbritannien jeden Moment den Krieg erklären. Auf seinem Weg durch mögliches Feindesland war ihm den ganzen Tag höchst mulmig zumute, und umso glücklicher war er, als er endlich gegen Mitternacht die Schweizer Grenze überquerte. Nun blieben ihm nur noch gut 12 Stunden, um London zu erreichen. Durch die Nacht ging es weiter nach Paris.

Die Stadt, in der Channon am Mittwochmorgen eintraf, befand sich in hellem Aufruhr.[78] Alle Straßen, die aus Paris führten, waren gestaut. Übers Wochenende waren 14 Divisionen kurzfristig mobilisiert worden – etwa 700.000 Soldaten standen im ganzen Land bereit.[79] Die Truppen wurden zu ihren Frontstellungen im Nordwesten gebracht. Zudem waren Hunderttausende Zivilisten in den letzten Tagen aus der Hauptstadt aufs Land geflohen. An die Zurückgebliebenen verteilten Concierges Sand, um Brände nach deutschen Bombardierungen bekämpfen zu können. Wegen mangelnder Vorbereitung der Behörden herrschte überall Chaos. In einem für die Stimmung in Paris sinnbildlichen Akt war die weiße Straßenbeleuchtung durch blaue Glühlampen ersetzt worden. Nun erschien die Stadt des Lichtes mit ihren verdunkelten Straßen ungewohnt fahl. Doch der Pariser Polizeipräfekt warnte, dass die blaue Beleuchtung für deutsche Flugzeuge noch zu sichtbar sei. Gleichzeitig beschwerten sich aus ganz Frankreich Präfekten über den Mangel an Gasmasken. In ihrer Angst wandten sich viele Franzosen der Religion zu: Im politisch heftig polarisierten Land kam es zu verstärkten Pilgerfahrten und Massengebeten.

Am 28. September hielt Premierminister Édouard Daladier von der linksliberalen «Republikanischen, Radikalen und Radikal-Sozialistischen Partei» eine kurze Rede im Rundfunk, in der er den kürzlich mobilisierten Truppen dankte und seine Entschlossenheit betonte, den Frieden und gleichzeitig Frankreichs Interessen zu wahren.[80] In Wahrheit war die Einstellung der französischen Regierung zur Sudetenkrise gespalten. Zwar war Daladier, der Weltkriegsveteran, ein Verfechter der Aufrüstung und einer robusten Haltung gegenüber Hitler, doch wusste er, dass Frankreich Deutschland in Sachen Kriegsbereitschaft hinterherhinkte. Außenminister Georges Bonnet hingegen drängte darauf, Hitlers Forderungen zu erfüllen. Beide wollten einen Krieg vermeiden. Zudem war klar, dass Chamberlain keine große Neigung verspürte, aus dem 1925 in Locarno unterzeichneten Vertrag über gegenseitige Garantien zwischen Frankreich und der Tschechoslowakei militärische Konsequenzen zu ziehen und Frankreich im Kriegsfall beizustehen.[81]

Menschen sitzen in der Tschechoslowakei auf gepackten Koffern. Fotografie von Annemarie Schwarzenbach aus dem Jahr 1938.

Aus Angst vor Bombardierungen herrschte auch in Prag in der Nacht auf Mittwoch Verdunkelung. Staatspräsident Edvard Beneš war vorsichtshalber in ein sicheres Quartier außerhalb der Stadt gebracht worden, wo er für ein paar Stunden Nachtruhe in einem Stuhl fand.[82] Gleichzeitig herrschte in großen Teilen der Bevölkerung wilde Entschlossenheit: Vor fünf Tagen war die Mobilisierung erfolgt, nun harrte man angespannt, aber couragiert der Entscheidung. An der Grenze standen rund eineinhalb Millionen tschechoslowakische Soldaten bereit, laut Churchill in der «stärksten Festungslinie in Europa».[83] In Prag war der Vormittag des 28. durch hektische Beratungen der Regierung geprägt. Nach Wochen der Krise waren alle Beteiligten mittlerweile völlig erschöpft. Der Presseattaché des Außenministeriums, František Kubka, beschrieb am Mittwoch Beneš’ Erscheinung: «Ich habe noch nie einen so erschütterten Mann gesehen! Er konnte sich kaum noch auf den Beinen halten. […] Er sah völlig gebrochen aus.»[84]

Während der letzten Septembertage wurde es immer schwieriger, Prag von außen überhaupt noch zu erreichen. Einer, der unbedingt dorthin wollte, war der junge US-Diplomat George F. Kennan, der seinen Dienst in der amerikanischen Botschaft in Prag anzutreten hatte. Von England kommend befand er sich am 28. auf einem Schiff, das ihn nach Hamburg hätte bringen sollen. Doch es kam nicht weiter als nach Le Havre, wo es umgeleitet wurde, um nach England zurückzukehren und dort amerikanische Flüchtende aufzunehmen.[85] Kennan schaffte es spät abends gerade noch per Zug bis nach Paris. Zu dem Zeitpunkt hatten die Amerikaner ihre diplomatische Vertretung in Prag schon geschlossen. Doch das hielt Kennan nicht davon ab, seine Reise in den kommenden Tagen hartnäckig fortzusetzen.

Weitere Aufnahme aus dem Nachlass von Annemarie Schwarzenbach, die einen verletzten tschechoslowakischen Soldaten im September 1938 in Prag zeigt.

Andere hingegen versuchten aus der tschechoslowakischen Hauptstadt nur noch rauszukommen: Die junge Schweizer Journalistin, Schriftstellerin und Fotografin Annemarie Schwarzenbach befand sich seit ein paar Wochen in Prag. Sie wollte, wie so viele andere Journalisten auch, vor Ort nach Hause berichten. Doch nun rieten sämtliche ausländischen Gesandtschaften ihren Schutzbefohlenen zur Abreise. Für Schweizerinnen und Schweizer kam sogar ein Sonderflugzeug der Swissair.[86] Schwarzenbach blieb an diesem Mittwoch nur noch, in höchster Eile und letzter Minute alles zu packen. Ein Schnappschuss zeigt sie mit einem Stapel von Manuskripten und Fotografien auf dem Boden der Prager Altstadt kniend.[87] Fast hätte, so Schwarzenbach, diese Aufnahme dem befreundeten Fotografen seine Kamera gekostet. Denn seit der Mobilisierung war jegliches Fotografieren in Prag strengstens verboten.

Die Kaskaden von Mobilisierungen der letzten Tage stießen in der ganzen Welt auf große Anteilnahme, galten sie doch als eine Art Fieberkurve für den Verlauf der Krise. Zeitungen wie etwa die Hindustan Times meldeten die weltweiten Mobilisierungszahlen auf Tagesbasis.[88] Nun hatte die Mobilisierungswelle auch die Kolonien erreicht: Am 28. brachen eine indische Infanteriebrigade und ein mechanisiertes Feldartillerieregiment nach Ägypten auf.[89] Da diese Verstärkung aber 18 Tage brauchte, um das Mittelmeer zu erreichen, sah man sich in Ägypten vorerst auf sich selbst gestellt. Die britischen Truppen, die bereits vor Ort waren, bezogen noch am Mittwoch bei Mersa Matruh Frontstellungen, um den italienischen Truppenbewegungen der letzten Tage zu begegnen.[90] Gleichzeitig wurden auch in Alexandria und Kairo Gasmasken ausgegeben und Luftabwehrgeschütze aufgestellt.[91] Dabei war es primär Marineminister Duff Cooper und Robert Vansittart, dem ehemaligen permanenten Untersekretär des Außenministeriums, zu verdanken, dass die Verteidigung Ägyptens noch vor der allgemeinen Mobilisierung der britischen Flotte, die just an diesem Morgen des 28. erfolgte, verstärkt worden war.[92]

In der Schweiz wiederum waren seit dem 26. September die Grenzen teilweise geschlossen, da der Bundesrat davon ausging, dass das Land innerhalb weniger Stunden von kriegführenden Parteien umgeben sein würde. Gerade die Schweizer Kriegsvorbereitungen stießen global auf Interesse. Denn allen Beobachtern war klar, dass nun auch neutrale und scheinbar unbeteiligte europäische Staaten mit einem unmittelbar bevorstehenden Kriegsausbruch rechneten. Le Nouvelliste aus Indochina etwa berichtete ausführlich und höchst besorgt über eine angebliche Schweizer Mobilisierung.[93] Und die algerische Wochenzeitung Le Progrès de Guelma meldete, dass die «ganze Schweiz in Waffen» stehe.[94] Doch dies war Panikmache, denn ganz so weit war es noch nicht. In Wirklichkeit zögerte der Bundesrat mit einem Mobilisierungsbefehl. Er fürchte die «Beunruhigung der Bevölkerung durch ein Aufgebot» und damit einhergehende «wirtschaftliche Störungen».[95] Ein Bericht von Hans Frick, einem hohen Militär und späteren Proponenten des Réduit national, das die Verteidigung der Schweiz in Rückzugsgebieten in den Alpen vorsah, beklagte einige Tage später, «dass der Bundesrat [sich] am kritischen 28. September mit dem Aufgebot der Alarmdetachemente begnügt habe» und die Schweiz damit schlechter vorbereitet gewesen sei als sämtliche umliegenden Länder.

Geblendet von faschistischer Propaganda ahnten jedoch wenige in den Demokratien, dass auch bei den Achsenmächten keineswegs Kriegsbegeisterung herrschte. Obwohl es seit 1933 einer militaristischen Propaganda ausgesetzt war, gab es im deutschen Volk in den Tagen vor der Münchner Konferenz wenig Enthusiasmus für einen Krieg, wie der Sicherheitsdienst der SS frustriert konstatierte. In Berichten der SOPADE, die ablehnende Haltung der Bevölkerung gegenüber dem Regime betonend, war gar von Kriegsangst die Rede.[96] Auch der Schriftsteller und Drehbuchautor Erich Ebermayer sah in Berlin mittags am 28. September «nur vermieste Gesichter». Ebermayer hielt in seinem Tagebuch fest, dass keiner den Krieg wolle, «aber viele wollen die Sudeten».[97] Eine derartige schizophrene Haltung war kennzeichnend für die faschistischen Staaten. Imperiale Expansion und außenpolitische Erfolge waren höchst populär, während ein erneuter Großkrieg auf Ablehnung stieß. Im Laufe der Dreißigerjahre zeigte sich dieses Phänomen auch in Italien und Japan, deren Gesellschaften 1938 bereits durch jüngste Kriegserfahrungen geprägt waren. In Deutschland wurden zu diesem Zeitpunkt die Anspannung und Kriegsangst bisweilen noch durch die Hoffnung im Zaum gehalten, dass Hitler seine territorialen Forderungen auch diesmal ohne Krieg werde durchsetzen können.