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Zwischen 1934 und 1944 trafen sich Mussolini und Hitler insgesamt siebzehnmal – öfter als jedes andere Duo westlicher Staatschefs der damaligen Zeit. Die beiden Diktatoren sandten einander Glückwunschtelegramme zum Geburtstag, Hitler gratulierte Mussolini regelmäßig zum Jahrestag des »Marsches auf Rom«. Obwohl sie sich persönlich nicht ausstehen konnten, gelang ihnen die Inszenierung einer Freundschaft. Sie sollte nach außen Einheit und Macht demonstrieren und nach innen Volksnähe vermitteln.
Entlang der wichtigsten Begegnungen – von den pompösen Staatsempfängen der Anfangszeit bis zum letzten Treffen am 20. Juli 1944 in der Wolfsschanze – zeichnet Christian Goeschel die wechselvolle Geschichte dieser folgenreichen »Freundschaft« nach. Er untersucht die diplomatischen Taktiken und propagandistischen Techniken und wirft ein neues Licht auf die zerstörerische Allianz zwischen dem faschistischen Italien und Nazi-Deutschland. Am Prototyp choreographierter Diktatorenfreundschaft im Zeitalter der Massenmedien zeigt dieses Buch, was geschehen kann, wenn im Feld der Politik Performance und Macht miteinander verschmelzen.
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Seitenzahl: 809
Veröffentlichungsjahr: 2019
Christian Goeschel
Mussolini und Hitler
Die Inszenierung einer faschistischen Allianz
Aus dem Englischen von Ulrike Bischoff
Suhrkamp
Einleitung
I
II
III
1 In Mussolinis Schatten 1922-1933
I
II
III
IV
V
VI
2 Die erste Begegnung Juni 1934
I
II
III
IV
V
3 Das zweite Treffen September 1937
I
II
III
IV
V
VI
VII
4 Hitler am Zug Mai 1938
I
II
III
IV
V
VI
VII
VIII
5 Auf dem Weg in den Krieg 1938-1939
I
II
III
IV
V
VI
VII
6 Kein Zurück mehr 1939-1941
I
II
III
IV
V
VI
VII
VIII
Bildteil
IX
7 In den Abgrund 1941-1943
I
II
III
IV
V
VI
VII
VIII
IX
X
8 Endspiel 1943-1945
I
II
III
IV
V
VI
VII
Schluss
Danksagung
Abkürzungen
Bibliographie
Verzeichnis der Abbildungen und Nachweise
Namenregister
Anmerkungen
Am 20. Juli 1944 detonierte in der Wolfsschanze, Adolf Hitlers Hauptquartier in Ostpreußen, eine Bombe. Der nationalsozialistische »Führer« kam mit leichten Verletzungen davon. Der erste Gast, den Hitler noch am selben Nachmittag empfing, war Benito Mussolini. Im Laufe des vorangegangenen Jahres war der Duce entmachtet, inhaftiert und von den Nazis befreit worden. Zu dieser Zeit war er Staats- und Regierungschef der Sozialrepublik Italien, eines formal unabhängigen, in Wirklichkeit jedoch von Deutschland kontrollierten Staates in Nord- und Mittelitalien. Ein Jahr zuvor, im Juli 1943, waren die Alliierten in Sizilien gelandet. Mittlerweile, nur einen Monat nach der Landung der Alliierten in der Normandie, erschien ein Sieg der Nationalsozialisten immer unwahrscheinlicher.
Die beiden Staatschefs inspizierten die Überreste der Holzbaracke, in der die Bombe detoniert war. Obwohl Hitler gerade erst ein Attentat überlebt hatte, hatte er die deutsche Politik offenbar fest im Griff und genoss die volle Unterstützung seines italienischen Freundes, Verbündeten und ideologischen Weggefährten. Es sollte die letzte der insgesamt siebzehn Begegnungen der beiden Diktatoren werden. Sie hatten sich öfter und mit weitaus mehr öffentlichem Wirbel getroffen als andere Paare westlicher Staatschefs in der Zwischenkriegszeit und während des Zweiten Weltkriegs.1
Was zog Hitler und Mussolini zueinander hin? Waren es lediglich die Erfordernisse eines wichtigen Militärbündnisses? War es eine außerordentliche ideologische Affinität zwischen zwei faschistischen Diktatoren und den von ihnen geführten Bewegungen, die im Gefolge des Ersten Weltkriegs entstanden und fest entschlossen waren, die Vereinbarungen des Versailler Vertrags rückgängig zu machen und Gebiete zu erobern?2 Oder war es Freundschaft, eine tiefe persönliche Zuneigung auf der Grundlage ähnlicher Biographien? Bis heute sind Interpretationen dieser Beziehung von ihrer Darstellung in der amerikanischen Populärkultur überschattet, vor allem von Charlie Chaplins Film Der große Diktator (1940), der Mussolini und Hitler als eitle, aufgeblasene und eifersüchtige Rivalen lächerlich machte und sich über die bombastische faschistische und nationalsozialistische Propaganda mokierte. Diese Beziehung fand ihren Niederschlag auch in anderen zeitgenössischen Äußerungen wie Carson Robinsons Country-Hits »Mussolini's Letter to Hitler« und »Hitler's Reply to Mussolini«, erschienen in den USA 1942, als es so aussah, als würden die Achsenmächte den Krieg gewinnen. Der Songtext stellt Mussolini als Idioten und Opportunisten dar, der dennoch für Hitler nützlich ist – ein Bild, das sich bis heute in der Populärkultur gehalten hat.
In diesem Buch untersuche ich eine Beziehung, der damals wie auch seither ein entscheidender Anteil an der Zerstörung der Wilson'schen Zwischenkriegsordnung und der Verursachung des Zweiten Weltkriegs zugeschrieben wurde. Dabei werde ich einige der zentralen Deutungsprobleme ansprechen, die sich stellen, wenn man die persönliche Beziehung politischer Führungskräfte und die Rolle des Diktators in der Diplomatie erforscht. Die Geschichte zwischen Mussolini und Hitler ist zum Teil die einer Freundschaft – auch wenn sie konstruiert und von Belastungen und Ungleichheiten sowie auf beiden Seiten von einer Mischung aus Bewunderung und Neid geprägt war. Es ist auch eine Geschichte, die ein Spannungsverhältnis von Mythos und Wirklichkeit offenbart. Und zudem eine, die tiefgreifende Konsequenzen für die europäische Geschichte der dreißiger und vierziger Jahre hatte.3
Dieses Buch ist weder eine Biographie noch eine Studie zu den »parallelen Leben« der beiden Diktatoren, vielmehr untersucht es ihre Beziehung, deren Darstellung und deren politische Gesamtbedeutung. Indem ich den Fokus auf die zeitgenössische Darstellung ihrer Beziehung lege, überprüfe ich die – imaginäre, konstruierte und reale – Macht Mussolinis und Hitlers, Außenpolitik zu prägen und zu lenken. Allerdings schließe ich mich nicht der traditionellen Interpretation an, dass die Intentionen der Diktatoren die Politik beherrschten. Hitler musste im nationalsozialistischen politischen System, in dem Partei- und Staatsfunktionäre »dem Führer entgegenarbeiteten«, nur selten unmittelbare Anweisungen geben. Mussolinis Stellung als Diktator war wesentlich schwächer als die Hitlers, da der Duce Rücksicht auf die vom altgedienten König Viktor Emanuel III. dominierte Monarchie sowie auf den Vatikan und den »unfehlbaren« Papst nehmen musste, obgleich beide Institutionen dem faschistischen Regime über die längste Zeit seiner Existenz hinweg breite Unterstützung angedeihen ließen.4
Auf den ersten Blick hatten die beiden Diktatoren vieles gemeinsam. Beide stammten aus relativ bescheidenen, provinziellen Verhältnissen. Beide waren charismatisch. Beide kamen mit einer Mischung aus politischer Gewalt und scheinbar legalen Mitteln in einer bürgerkriegsähnlichen Atmosphäre an die Macht und beherrschten ihr Land. Beide betonten ständig ihre Männlichkeit und ihren Militarismus.5 Beide versprachen, die Massen zu einen und ihr Land zu einer Weltmacht zu machen. Beide herrschten durch eine Kombination von Gewalt und einem scheinbaren »Konsens« der Bevölkerung. Beide waren skrupellos und fest entschlossen, durch Krieg und Eroberung eine nach ihrer Ansicht neue Ordnung zu etablieren. Beide verfolgten eine auf Krieg ausgerichtete Innen- und Außenpolitik, die sich jedoch angesichts der drastisch unterschiedlichen Wirtschaftsleistung ihrer Länder und ihrer unterschiedlichen politischen Kultur anders entwickelte. Ihre Beziehung war nicht nur von persönlicher Rivalität geprägt, sondern auch von äußerst unterschiedlichen nationalen Kontexten, in denen beide operierten. Hitlers Ideologie, in deren Zentrum der Antisemitismus und die Eroberung von Lebensraum in Osteuropa standen, war in ihrer Fokussierung wesentlich expliziter und radikaler als die Mussolinis.6 Es ist klar, dass Antisemitismus für Hitler und die Nationalsozialisten im Mittelpunkt stand und zum Holocaust führte, während in Italien der einheimische Rassismus, der auf einer in den Kolonien praktizierten rassistischen Ausgrenzung beruhte, sich erst stärker ausprägte, als sich die Beziehungen zwischen Faschisten und Nationalsozialisten in den mittleren bis ausgehenden dreißiger Jahren festigten.
Gleichzeitig hatte die Beziehung zwischen Hitler und Mussolini etwas durchaus Unwahrscheinliches, da sie die Tatsache kaschierte, dass beide ohne Freunde und voller Misstrauen waren. Mussolini gab sich als Familienmensch, während Hitler sich als Mann stilisierte, der sich voll und ganz dem deutschen Volk widmete. Im Ersten Weltkrieg, den Deutschland verloren hatte, hatten sie auf gegnerischen Seiten gekämpft. Italien hatte den Krieg zumindest offiziell gewonnen, allerdings herrschte dort Unzufriedenheit über den angeblich »verstümmelten Sieg« (vittoria mutilata): Die Alliierten gestanden Italien nur einen Teil, nicht alle Gebiete zu, die man dem Land versprochen hatte, als es nach dem Verlassen des Dreibundes mit Deutschland und Österreich-Ungarn aufseiten der Alliierten in den Krieg eingetreten war. Sowohl in Italien als auch in Deutschland gab es starke nationale Stereotype gegen die jeweils andere Nation, verstärkt durch die italienisch-deutsche Feindschaft im Ersten Weltkrieg, die viele Deutsche veranlasste, die Italiener als Verräter zu sehen.
Die Geschichte Mussolinis und Hitlers ist am besten als Zweckbündnis und politisch konstruierte Beziehung zu verstehen und weniger als ideologisch unausweichlicher Pakt oder als echte Freundschaft, obwohl zwischen ihnen zweifellos eine gewisse ideologische Affinität bestand, etwa im Streben nach einer neuen Ordnung, im Glauben an politische Gewalt und an die transformative Kraft des Krieges sowie in der Verachtung der liberalen Demokratie. Für beide Diktatoren und ihre Regime war diese Beziehung zweckmäßig und diente der Stärkung ihrer eigenen Macht – eine Erkenntnis, die keineswegs im Widerspruch zu der Vorstellung steht, dass es ideologische Parallelen gab. In einer Zeit, in der die Interpretation des Zweiten Weltkriegs sich zuweilen einseitig den osteuropäischen »Bloodlands« zuwendet – eine Auslegung, die entscheidende Unterschiede zwischen den Regimen Stalins und Hitlers potenziell verwischt –, soll dieses Buch als Erinnerung dienen, dass Italien in fataler Folge der italienisch-deutschen Verstrickungen 1943 zum Kriegsschauplatz wurde und etwas erlebte, das manche als Bürgerkrieg bezeichnet haben.7
Mussolinis Diktatur war keine Comedy-Show eines tollpatschigen Clowns. Vielmehr dienten er und sein Regime in den zwanziger und frühen dreißiger Jahren als strategisches Vorbild für den Aufstieg Hitlers und des Nationalsozialismus. Italien befand sich spätestens seit der Äthiopieninvasion 1935 bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 nahezu ununterbrochen im Krieg und setzte das gesamte Repertoire der Gewalt ein, einschließlich einer extrem brutalen Kriegführung auf dem Balkan und in Afrika. Kürzlich wurde sogar die These vertreten, die rassistischen Praktiken der Faschisten in Italiens afrikanischen Kolonien hätten tiefgreifenden Einfluss auf die brutale Rassenordnung der Nationalsozialisten in Osteuropa während des Zweiten Weltkriegs gehabt. Diese Interpretation untermauert die Notwendigkeit, die Verstrickungen von Faschisten und Nationalsozialisten eingehend zu erforschen, läuft aber auch Gefahr, den größeren Kontext des gesamten europäischen Imperialismus und den Einfluss auszublenden, den er auf die Ausprägung der beispiellosen Brutalität und das Ausmaß des rassistischen Eroberungs- und Vernichtungskrieges der Nationalsozialisten hatte.8
Anfangs suchte Hitler den Kontakt zu Mussolini, nicht umgekehrt, denn der Duce war ursprünglich die treibende Kraft hinter dem Bestreben, der Politik und Diplomatie der Zwischenkriegszeit eine Neuausrichtung zu geben. Hitler sah in ihm eine entschlossene Führungspersönlichkeit, die Italien und sein angeblich schwaches, degeneriertes Volk vor der Linken gerettet und in eine mächtige Diktatur verwandelt hatte. Diese idealistische Sicht war nachhaltig vom faschistischen Duce-Kult beeinflusst.9 Nach Hitlers Ernennung zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 blieben die italienisch-deutschen Beziehungen angespannt. Das lag nicht zuletzt daran, dass Hitler seine Macht auf Österreich ausweiten wollte, dessen Souveränität vom faschistischen Italien garantiert wurde. Doch schon bald änderte sich das Verhältnis der beiden Staatschefs dramatisch. Hitlers schnelle Konsolidierung des Dritten Reiches und eine Reihe erstaunlicher außenpolitischer Erfolge, vor allem die Remilitarisierung des Rheinlands im März 1936, verwiesen Mussolini auf den zweiten Rang. Nach der italienischen Besetzung Äthiopiens, den nachfolgenden Sanktionen des Völkerbundes gegen Italien und im Zuge des Spanischen Bürgerkriegs entspannen sich zunehmende Verknüpfungen zwischen der Politik Italiens und der Deutschlands. Mussolini, der wie seine liberalkonservativen Vorgänger auf einer Großmachtstellung Italiens in Europa bestand, sah in einem Bündnis mit dem nun mächtigeren Deutschland eine Möglichkeit, das Prestige seines Landes zu heben und das faschistische Projekt, Italien in einen totalitären Staat zu verwandeln, strategisch zu untermauern.10 Je stärker Hitler wurde, umso mehr fühlte sich Mussolini, ein äußerst eitler Mann, durch dessen Bewunderung geschmeichelt.11 Insgesamt verfolgte Mussolini das Ziel, das geopolitisch schwache Italien zur dominierenden Macht im Mittelmeerraum zu machen und Lebensraum (spazio vitale) zu erobern. Seine Proklamation der Achse Rom–Berlin im November 1936 signalisierte diesen Wandel, obwohl der Duce, dem offenbar an Italiens Prestige ebenso viel lag wie an einer ideologisch begründeten und erwünschten Verbindung zum Dritten Reich, bis in die späten dreißiger Jahre weiterhin zu behaupten versuchte, Italien sei das »Zünglein an der Waage« (peso determinante) im Verhältnis von Frankreich und Großbritannien einerseits und Deutschland andererseits.
Schon seit den frühen zwanziger Jahren strebte Hitler ein Bündnis mit Mussolinis Italien und mit Großbritannien an, da er hoffte, es werde den Erzfeind Frankreich schwächen. Im Gegensatz zu Mussolini, der sich wie ein elder statesman benahm und seine diplomatische Flexibilität bewahren wollte, war Hitler wesentlich stärker an einem solchen Bündnis interessiert, aber sein Ersuchen stieß in Italien zunächst auf taube Ohren, bis der Äthiopienkrieg und der Spanische Bürgerkrieg eine entscheidende Wende bewirkten. Mit Mussolinis Deutschlandbesuch 1937 begann in der italienischen und der deutschen Propaganda eine wirkmächtige Zurschaustellung von Einheit und Freundschaft, die das Verhältnis zwischen Mussolini und Hitler als stärkstes Emblem der entstehenden italienisch-deutschen Allianz untermauerte.
Viele Kommentatoren haben diese Beziehung als von Anfang an zum Scheitern verurteilt abgetan, weil sie von gegenseitigem Misstrauen geprägt war, die Staatschefs, ihre Berater wie auch die breite Bevölkerung nationale Stereotype hegten, es während des Krieges an strategischer Koordination mangelte und Italien im Zweiten Weltkrieg desaströse militärische Leistungen zeigte. Aber ab den späten dreißiger Jahren intensivierten sich die politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Verbindungen zwischen Italien und Deutschland. Die Vorstellung, die Freundschaft der Diktatoren spiegele sich im Verhältnis ihrer Völker wider, entwickelte sich bald zu einer derart erfolgreichen Darstellung, dass sie viele nationale und internationale Beobachter wie auch die Staatschefs selbst glauben ließ, die Allianz zwischen Italien und Deutschland und die Idee einer neuen Ordnung auf der Grundlage von Eroberung und Unterwerfung seien wesentlich tragfähiger, als sie es tatsächlich waren.12
Dieses Buch sieht die Beziehung zwischen Mussolini und Hitler als ein wirkmächtiges Beispiel, wie Performance und Darstellung – beides zentrale Merkmale der Umsetzung faschistischer und nationalsozialistischer Politik – eine politische Dynamik entfalten können, eine Frage, die auch für andere historische Kontexte relevant ist. Vor allem untersuche ich die faschistisch-nationalsozialistische Zurschaustellung von Einheit und Freundschaft, die sich in Begegnungen, Korrespondenzen und anderen Handlungen manifestierte und eine unmittelbare politische Bedeutung erlangte. Mussolinis Deutschlandbesuch 1937 und Hitlers triumphaler Italienbesuch 1938 dienten ebendem Zweck, eine solche Einheit und Freundschaft zu demonstrieren; sie waren als Ausdruck des faschistischen und nationalsozialistischen Strebens nach einer neuen Ordnung in Europa gedacht, die jene vom Völkerbund repräsentierte liberal-internationalistische Ordnung der Ära nach 1919 ersetzen sollte. Doch hinter den Kulissen waren die gewaltigen Propagandainszenierungen immer von Spannungen begleitet. Es war keineswegs Zufall, dass ein förmliches Militärbündnis, der Stahlpakt, erst im Mai 1939 unterzeichnet wurde und dass Italien erst im Juni 1940 aufseiten Deutschlands in den Zweiten Weltkrieg eintrat. Nachdem Italiens militärische Fehlschläge Mussolinis Hoffnungen auf einen »Parallelkrieg« im Mittelmeerraum zunichtegemacht hatten, schränkte die Abhängigkeit von Hitler den Handlungsspielraum des Duce immer weiter ein, bis er im Juli 1943 schließlich abgesetzt wurde, beide Länder verheerende Niederlagen erlitten und die beiden Diktatoren im April 1945 starben. Dennoch gelang es den wirkmächtigen Zurschaustellungen der Einigkeit, auch wenn sie nach 1940 gedämpfter erfolgten, in der Regel, Spannungen zu kaschieren. Insofern waren Mussolinis und Hitlers Zusammenkünfte mehr als »bloße« Propagandaveranstaltungen. Vielmehr werde ich aufbauend auf dem vom Kultursoziologen Jeffrey C. Alexander entwickelten Konzept der »sozialen Performance« darlegen, dass die zur Schau gestellte Freundschaft eine machtvolle politische Dynamik entfaltete, die unmittelbaren Einfluss auf die europäische Politik hatte. Die Wahrnehmung, dass eine angeblich tiefe ideologische Affinität der beiden Regime und ihrer Führer zu einer Umgestaltung der Weltordnung führen würde, prägte sowohl ihre Beziehung als auch die internationalen Reaktionen. Obwohl zwischen den beiden Regimen und ihren Führern einige ideologische Differenzen bestanden, hielten viele Zeitgenossen in Italien und Deutschland, aber auch im Ausland diese Allianz für eine Bedrohung, da sie glaubten, sie sei von einer gemeinsamen Ideologie getragen.13
Vor diesem Hintergrund verfolgt meine Studie zum Verhältnis zwischen Mussolini und Hitler, eingebettet in den größeren Kontext der italienisch-deutschen Beziehungen und der diplomatischen Kultur, zwei Hauptziele: Erstens lege ich dar, dass die Allianz zwischen dem faschistischen Italien und dem nationalsozialistischen Deutschland erheblich komplexer war, als in Schriften aus jüngerer Zeit angenommen wird, in denen das Bündnis als mehr oder weniger durch eine gemeinsame Ideologie und erfolgreiche Kooperation motiviert gesehen wird.14 Durchgängig prägten Zufall, strategische Spannungen und nationale Stereotype diese Beziehung. Eine seltsame Mischung aus Reziprozität und Feindseligkeit, Ambivalenz und Bewunderung kennzeichnete sowohl das persönliche Verhältnis zwischen Mussolini und Hitler als auch das zwischen dem faschistischen Italien und dem nationalsozialistischen Deutschland.
Zweitens zeige ich, dass wir nicht einmal im Ansatz begreifen können, was der Faschismus war, wenn wir nicht die politische Beziehung der beiden wichtigsten faschistischen Staatsmänner in ihrem größeren Kontext untersuchen. Die Geschichte der Beziehung zwischen Mussolini und Hitler hilft, die zahlreichen Widersprüche, die innerhalb des Faschismus existierten, aufzudecken.15 Statt einen theoretischen Ansatz zu verfolgen, der den Theorien von Wissenschaftlern wie Roger Griffin und Roger Eatwell zum »faschistischen Minimum« und einem »Konsens in Faschismusstudien« entspricht, aber die Komplexitäten, Ambiguitäten und Spannungen in der archetypischen faschistischen Verbindung zwischen Mussolini und Hitler zu verzerren droht, wähle ich eine andere Herangehensweise.16
Inspiriert von Arbeiten zu Ritualen, Zeremonien, Emotionen, Gesten und anderen soziokulturellen Aspekten der Diplomatie, die zum Zustandekommen politischer Ergebnisse beitragen, untersuche ich die Beziehung zwischen Mussolini und Hitler anhand der Dialektik nationaler Interessen, Emotionen und Ideologien. Tagebücher, Korrespondenzen und scheinbar triviale Aspekte der Politik wie Kleiderordnungen, Grußformeln und Orte der Begegnung spielen für unser Verständnis dieser Beziehung eine Rolle. Auf diese Weise wird die umfassendere Bedeutung dieser Verbindung deutlich.17
Die Beziehung zwischen Mussolini und Hitler war ein Prototyp faschistischer Diplomatie. Auf den ersten Blick mag dieser Begriff wie ein Widerspruch in sich erscheinen, denn immerhin handelte es sich um zwei Staatschefs, die aus der förmlichen Diplomatie heraustreten und ihr eigenes faschistisches Netzwerk internationaler politischer Verhandlungen und Repräsentation aufbauen wollten. Aber Hinweise aus jüngeren Arbeiten zur Kulturgeschichte der Diplomatie machen deutlich, welche Bedeutung den Repräsentationsaspekten in der Beziehung zwischen Mussolini und Hitler zukam. Als Ausgangspunkt nehme ich Arbeiten, die persönliche Begegnungen anderer Politiker des 20. Jahrhunderts untersucht, dabei aber den Schwerpunkt vor allem auf die politischen Entscheidungsprozesse bei solchen Gipfeltreffen gelegt haben; dagegen betone ich, soweit die Quellen es erlauben, den Darstellungsaspekt ihrer Treffen, die wesentliche Instrumente faschistischer und nationalsozialistischer Herrschaft waren und schon bald politische Bedeutung erlangten.18
Beide Diktatoren stützten sich durchweg in unterschiedlichem Maße auf die Dienste versierter Diplomaten, aber ihre Beziehung basierte auf einer anderen Vorstellung und Praxis von Diplomatie, in der Hitler und Mussolini Entscheidungen fällten, häufig ohne die Diplomatieexperten zu konsultieren – ein Politikstil, der heutigen Lesern bekannt vorkommen mag. Diese unbürokratische, unfachmännische Art der Diplomatie entwickelte eine gefährliche Eigendynamik und führte Europa 1939 in den Krieg. Hitlers und Mussolinis Diplomatiestil, der massiv auf öffentlich inszenierte persönliche Begegnungen und Kontakte zur Masse setzte, spiegelte die Entschlossenheit ihrer Regime wider, die Regelungen des Versailler Vertrags aufzuheben und durch eine neue Ordnung zu ersetzen. Außerhalb Italiens erlebte Südeuropa in den zwanziger Jahren den Aufstieg rechter Diktaturen in Spanien und Portugal, und es ist durchaus kein Zufall, dass auch andere rechtsextreme europäische Staatschefs wie die Diktatoren António de Oliveira Salazar in Portugal und Francisco Franco in Spanien stark auf persönliche Begegnungen setzten.19 Selbstverständlich waren persönliche Treffen von Staatschefs nichts völlig Neues in der diplomatischen Praxis. Im Laufe der Jahrhunderte hatte sich nach und nach ein Protokoll für Staatsbesuche entwickelt, das man im langen 19. Jahrhundert verfeinert hatte, dabei ging es weitgehend um Repräsentation und nicht um inhaltliche politische Gespräche.20
Mussolinis und Hitlers Treffen waren Projektionen ihrer Haltung, die Wilson'sche Nachkriegsordnung aggressiv infrage zu stellen. Das faschistische und das nationalsozialistische Regime setzten sich über unterschwellige Spannungen hinweg, um ein machtvolles Bild der Einigkeit zu verbreiten, einer Einigkeit, symbolisiert durch die Treffen der befreundeten Diktatoren inmitten ihrer Völker – angeblich im Gegensatz zu westlichen Staatsmännern, die laut faschistischer und nationalsozialistischer Propaganda Geheimallianzen, Geheimverhandlungen und Geheimdiplomatie bevorzugten, also eine Form internationaler Beziehungen, die nach Ansicht vieler Zeitgenossen zu den Ursachen des Ersten Weltkriegs beigetragen hatte.21 Obwohl bei diesen Treffen in Wirklichkeit kaum wichtige strategische oder politische Entscheidungen fielen, inszenierten das faschistische und das nationalsozialistische Regime und ihre Stäbe sie als Kampfansage an die vorgeblich vernunftgeleitete politische Kultur des liberalen Internationalismus, der angeblich die zwanziger Jahre dominiert hatte.22
Zumindest öffentlich schienen Mussolini und Hitler zunehmend die Kontrolle über die Diplomatie zurückzugewinnen, indem sie sich in persönlichen Begegnungen präsentierten, die von den Propagandaapparaten ihrer Regime inszeniert und von den Massenmedien verbreitet wurden. Der Stil ihrer Treffen war vor allem in der Anfangsphase von einer Mischung aus traditionellem diplomatischem Protokoll und neuen Formen der Repräsentation, Verhandlung und Performance geprägt, die die Massen als wichtige Teilnehmer einbezogen. Vier wesentliche Merkmale dieses faschistischen Gepränges fallen auf.
Das Erste sind die politischen Auswirkungen der emotiven Politik der Mussolini-Hitler-Beziehung sowie die diversen Strategien, mit denen deutsche und italienische Funktionäre, Journalisten, Politiker und natürlich die beiden Regierungschefs selbst ihre angebliche Freundschaft konstruierten und darstellten. Ihre Freundschaftsgesten etwa bei Begrüßungen, die Verleihung von Orden und Auszeichnungen sowie der Austausch freundschaftlicher Briefe waren Teil dieser spektakulären Konstruktion und wurden von ihren Propagandaapparaten ab den späten dreißiger Jahren als Sinnbild der Freundschaft zwischen dem deutschen und dem italienischen Volk präsentiert. Das Bild der Kameradschaft zwischen den beiden ehemaligen Gefreiten, die aus einfachen Verhältnissen an die Staatsspitze aufgestiegen waren, entsprach vor allem einer faschistischen und nationalsozialistischen Strategie, die Massen anzusprechen. Die faschistische und nationalsozialistische Darstellung und Konstruktion der Mussolini-Hitler-Beziehung als Freundschaft übersetzte sich in eine persönliche, gefühlsbetonte Form der Diplomatie, die jene bei der Pariser Friedenskonferenz etablierte, angeblich rationale Ordnung infrage stellte. Aber diese Interpretation der Nachkriegsordnung von 1919 war eine Vereinfachung zu Propagandazwecken, denn auch die Nachkriegsära war geprägt von großen Persönlichkeiten und deren persönlichen Beziehungen, vor allem von den großen vier bei der Pariser Friedenskonferenz: dem britischen Premierminister David Lloyd George, dem französischen Ministerpräsidenten Georges Clemenceau, dem US-Präsidenten Woodrow Wilson und dem italienischen Ministerpräsidenten Vittorio Orlando.23
Da Italien und Deutschland auch zu anderen Ländern enge Kontakte pflegten, war ein italienisch-deutsches Bündnis keineswegs unausweichlich. Daher verbreiteten die italienische und die deutsche Propaganda den Eindruck, die Diktatorenfreundschaft schaffe starke Bindungen auch in der gesamten italienischen und deutschen Bevölkerung. Diese Inszenierungen veränderten sich mit der Zeit in ihrem Umfang und ihrer Intensität und spiegelten die sich wandelnden Beziehungen zwischen Italien und Deutschland wider. Ein wichtiger Aspekt der Treffen Mussolinis und Hitlers war, dass beide Diktatoren glaubten, Geschichte zu schreiben, eine Botschaft, die von ihrer Propaganda verstärkt wurde.
Zweitens posierten Mussolini und Hitler als Freunde, geeint durch eine gemeinsame Ideologie und das gemeinsame Ziel, die angebliche Hegemonie der »plutokratischen Demokratien« Großbritannien und Frankreich infrage zu stellen – Länder, die nach Ansicht der Diktatoren territorialen Expansionen im Weg standen. Allerdings erklärten nationalsozialistische und faschistische Kommentatoren diese gemeinsame Ideologie nicht genauer, weil die ideologischen Parallelen weitgehend oberflächlich blieben, auch wenn beiden Regimen der Wunsch gemeinsam war, Territorien zu erobern und die Wilson'sche Ordnung zu zerstören. Ihr Bestreben, die Regeln moderner Diplomatie in einer Zeit der Massenpolitik und Massenpropaganda umzugestalten, spiegelte symbolisch ihr aggressives, kämpferisches Wesen wider. Auch bei anderen Staatschefs – vor allem bei Churchill und Roosevelt, die bald zu ihren beiden Hauptrivalen wurden – gab es eine allmähliche Verlagerung hin zu persönlichen Gipfeltreffen, aber die Allianz zwischen Mussolini und Hitler war nicht nur die wichtigste Alternative zur »special relationship« zwischen Großbritannien und den Vereinigten Staaten, sondern war auch insofern wegweisend, als sie die Beziehung auf der Führungsebene als Ausdruck gemeinsamer geopolitischer Bestrebungen und als Erweiterung des von beiden Regimen gepflegten Führerkults nutzte.24 Eine neue Kultur der persönlichen Begegnungen selbstbewusster faschistischer Staatschefs, die als Widerspiegelung ihrer angeblichen Allmacht auf traditionelle Diplomatie verzichten konnten, sollte die diplomatische Kultur der Zwischenkriegszeit ersetzen, vor allem den Internationalismus der Ära nach 1919, der sich im Völkerbund manifestierte und von Hitler und Mussolini gleichermaßen verachtet wurde. Auf diese Weise symbolisierten Mussolinis und Hitlers Treffen die Bestrebungen der beiden wichtigsten faschistischen Regime, gemeinsam auf eine neue Ordnung in Europa hinzuarbeiten. Diese Kooperation war politisch von weitaus größerer Bedeutung als die anderer, kleinerer faschistischer Bewegungen und Institutionen Europas, die in jüngster Zeit erneute historiografische Aufmerksamkeit erfahren haben. Auch wenn Italiens Krieg alles andere als erfolgreich verlief, hatten damals viele den Eindruck, die Achsenmächte könnten eine neue Ordnung herbeiführen – bis die Alliierten 1942/43 eindeutig die Oberhand gewannen. Doch trotz der offenkundigen Kooperation Italiens und Deutschlands blieb die Ausgestaltung der neuen Ordnung umstritten, da beide Regime weiterhin um Dominanz und Einfluss konkurrierten.25
Die Beziehung zwischen den Diktatoren basierte auf einer ideologischen Affinität, die darauf abzielte, Gebiete zu erobern, die Massen zu einen und, im Gegensatz zum sowjetischen Diktator Josef Stalin, die alten Eliten anzusprechen. Während ihrer gesamten Existenz spiegelte sie jedoch unterschiedliche strategische Herangehensweisen wider. Tatsächlich ist es schwierig, wenngleich nicht unmöglich, den Charakter dieser Beziehung aufzuschlüsseln, da Hitler wie auch und besonders Mussolini dazu neigten, ihre Meinung über den anderen je nach den Umständen zu ändern.
Drittens bietet es sich an, auf der Grundlage dieser Erkenntnisse über die Bedeutung persönlicher Faktoren für die Schaffung und Pflege transnationaler Beziehungen nachzudenken. Abgesehen vom Verhältnis zwischen Churchill und Roosevelt, das sich als liberal-demokratisches Pendant zu der bereits etablierten Verbindung zwischen Mussolini und Hitler herausbildete, besaß keine andere Beziehung zwischen zwei westlichen Staatschefs in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine so große politische Bedeutung wie der Pakt dieser beiden Diktatoren.26
Viertens werde ich die spektakuläre Konstruktion der Mussolini-Hitler-Beziehung durch das faschistische und das nationalsozialistische Regime untersuchen. Eine in diesem Zusammenhang wichtige Frage lautet, wer über die Ausgestaltung dieser Beziehung entschied. Sicher waren es die Diktatoren, die keineswegs immer einer Meinung waren und vor allem ständig ihre Ansicht darüber änderten, wie ihr Verhältnis beschaffen war oder sein sollte, aber auch ihre Stäbe waren daran beteiligt. Ihre Beziehung beruhte zu einem Großteil auf Show und der Demonstration nationaler und internationaler Macht, vor allem durch Zeremonien und Rituale während ihrer siebzehn persönlichen Treffen. Die italienische und die deutsche Bevölkerung und das internationale Publikum erlebten diese Beziehung weitgehend vermittelt durch Propaganda und Rituale, durch die sie auch nach dem Zweiten Weltkrieg in Erinnerung blieb. Daher untersuche ich im vorliegenden Buch die Organisation der siebzehn Treffen und analysiere, wie sich die Inszenierung dieser Ereignisse im Laufe der Zeit veränderte. So musste Deutschland Italien nach einer Reihe militärischer Rückschläge 1940/41 Militärhilfe leisten. Die Verlagerung in der Hierarchie spiegelte sich in der Tatsache wider, dass Hitler sich während des Krieges nur zweimal nach Italien begab, während Mussolini mit seiner Entourage zu nahezu sämtlichen übrigen Begegnungen nach Deutschland reiste.
Neben der Ebene der Performance und der hohen Politik befasse ich mich auch mit den politischen und öffentlichen Reaktionen auf diese Treffen. Wirkmächtige Propagandabilder von Mussolini und Hitler, die sich unters Volk mischen, legen zumindest bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs den Schluss nahe, dass bei der Mehrheit der Italiener und Deutschen eine breite Unterstützung für diese Allianz bestand. Beide Regime setzten in diesen Spektakeln stark auf die Einbeziehung der Massen als Ausdruck eines gemeinsamen Willens der Völker, die geschlossen hinter ihren Führern stünden.27 Die faschistische und nationalsozialistische Propaganda inszenierte einige Treffen Hitlers und Mussolinis als Symbol der affektiven Bande zwischen den Diktatoren wie auch zwischen dem italienischen und dem deutschen Volk, die im Ersten Weltkrieg gegeneinander gekämpft hatten. In Wirklichkeit schufen beide Regime die Bilder begeisterter Massen, die ihre Führer feierten, durch Zwang und Terror, aber in gewissem Maße auch durch Bestechung, indem sie Menschen beispielsweise einen freien Tag gaben, damit sie an diesen Spektakeln teilnahmen.28 In dieser Hinsicht untersucht das vorliegende Buch eingehend das Spannungsverhältnis zwischen den Propagandadarstellungen der Zustimmung zum italienisch-deutschen Bündnis und der komplexeren Wirklichkeit vorherrschender, stärker werdender nationaler Stereotype, die das Verhältnis zwischen Mussolini und Hitler erheblich belasteten.29 Trotz aller Inszenierungen, die aus diesem Verhältnis einen politisch höchst effektiven, sich selbst perpetuierenden Mythos für das heimische wie auch für das weltweite Publikum machten, war es die ganze Zeit über durchzogen von Missverständnissen, manchen absurden Szenen und wachsenden Spannungen.
Erstaunlicherweise hat kein Historiker die Beziehung zwischen Mussolini und Hitler je umfassend untersucht, obwohl die Forschungen zu anderen Aspekten des italienisch-deutschen Bündnisses in jüngster Zeit stark zugenommen haben und eine Fülle neuer Arbeiten über die beiden Diktatoren entstanden sind.30 Ein Meilenstein in der Interpretation der Mussolini-Hitler-Beziehung war Frederick W. Deakins Studie zu ihrer »brutalen Freundschaft« von 1962: Sie unterstrich die zentrale Bedeutung dieser Beziehung für die politischen und militärischen Entscheidungen, die das deutsche und das italienische Regime während des Krieges trafen, und basierte auf italienischen und deutschen Originaldokumenten, die von den Alliierten beschlagnahmt wurden. Allerdings legte sie den Schwerpunkt auf die Endphase des Krieges von 1943 bis 1945, daher fiel die Schilderung des entscheidenden Aufbaus der Mussolini-Hitler-Beziehung dürftig aus.31 Unter dem Einfluss der transnationalen Geschichtsschreibung sind in den letzten Jahren zahlreiche recht unterschiedliche Schriften entstanden, die eine Einstufung des Achsenbündnisses als völligen Fehlschlag infrage stellen und betonen, dass sich die italienisch-deutschen Netzwerke auf politischem, wirtschaftlichem und kulturellem Gebiet ab den ausgehenden dreißiger Jahren intensivierten und eine starke bilaterale Beziehung zwischen den beiden faschistischen Diktaturen schufen.32
Einige erhebliche historiographische und politische Faktoren hielten Wissenschaftler seit Deakin zurück, diese Beziehung zu erforschen, da sich der Hauptfokus der Historiker von der politischen und diplomatischen Geschichte in den siebziger Jahren auf die Sozialgeschichte und in den neunziger Jahren auf die Kulturgeschichte verlagerte. Vor allem aber vertraten manche seit den neunziger Jahren und mit der Entwicklung, die den Holocaust in den Mittelpunkt der öffentlichen Erinnerung ans Dritte Reich rückte, die Auffassung, das nationalsozialistische Deutschland sei ein einzigartiger rassistischer Staat gewesen, der durch Hitlers charismatische Herrschaft zusammengehalten worden sei und sich nicht mit anderen Diktaturen wie dem faschistischen Italien oder der Sowjetunion unter Stalin vergleichen lasse.33
Wenn es schon vielen Historikern des nationalsozialistischen Deutschland generell widerstrebt, das Dritte Reich in einem größeren europäischen Kontext zu untersuchen, so sind ihre Kollegen, die sich mit dem faschistischen Italien befassen, vielfach noch weniger geneigt, andere Diktaturen mit dem faschistischen ventennio zu vergleichen. Ein Grund dafür ist, dass Mussolinis Herrschaft in der öffentlichen italienischen Erinnerung an den Faschismus weitgehend als eine relativ milde Diktatur gilt, besonders verglichen mit der Brutalität des NS-Regimes. Auch wenn viele italienische Historiker diese problematische Sicht schon lange verworfen haben, ist sie in der italienischen Öffentlichkeit nach wie vor verbreitet. Sie wurde erstmals bei Kriegsende von politischen und intellektuellen Eliten Italiens artikuliert, um das Land von jeglicher Verbindung zum Dritten Reich zu distanzieren. Renzo De Felice, der Autor der umfassendsten Biographie des Duce und Italiens wohl einflussreichster Historiker der Nachkriegszeit, wies ebenfalls jegliche bedeutsamen Parallelen zwischen Mussolinis Italien und Hitlers Deutschland zurück. Nach seiner Auffassung war das nationalsozialistische Deutschland eine rassistische Diktatur, die für den Holocaust verantwortlich war, was für das faschistische Italien nicht gelte. Dabei ignorierte De Felice das Ausmaß italienischer Gräueltaten auf dem Balkan und in Afrika oder spielte es jedenfalls erheblich herunter.34
Eng verknüpft mit der Interpretation des faschistischen Italien als relativ »milden« Regimes ist das Stereotyp des »braven Italieners« im Gegensatz zum »bösen Deutschen«. Nach Mussolinis Sturz wurde diese Vorstellung zum festen Bestandteil der diplomatischen und offiziellen politischen Strategie Italiens, das Land vom nationalsozialistischen Deutschland abzugrenzen und seine Mitschuld am Krieg zu leugnen; das lag nicht zuletzt an der fortdauernden Präsenz politischer Eliten, die dem faschistischen Regime gedient hatten. Auch die alliierten Siegermächte förderten solche Ansichten, teils weil die Briten und Amerikaner Italien vor dem Griff der Kommunisten bewahren wollten, aber auch weil die Sowjetunion der Kommunistischen Partei innerhalb des italienischen Wahlsystems Legitimität verschaffen wollte. Der gemeinsame Nenner dieser Geschichtsversion war, die Achse Italien–Deutschland sei ein Ergebnis der Machenschaften des machthungrigen Mussolini und des tyrannischen Hitler gewesen. So war angeblich die überwältigende Mehrzahl der Italiener besonders von 1943 bis 1945 gegen den Faschismus – auch wenn sie keinen Widerstand leisteten –, im krassen Gegensatz zur Masse der Deutschen, die Hitler bis 1945 blindlings folgten.35 So tendenziös solche Ansichten auch sind, prägten sie in Italien doch die populäre Erinnerung an die Beziehungen zwischen Faschisten und Nationalsozialisten, wenngleich klar ist, dass auch das faschistische Italien einen extrem brutalen und skrupellosen Krieg führte, der oft völkermörderische Züge besaß, etwa beim Einsatz von Giftgas in Afrika – auch wenn dies nie das gleiche Ausmaß erreichte wie bei den Deutschen.36
Die Geschichte der Beziehung zwischen Mussolini und Hitler nur auf der Basis italienischer und deutscher Quellen zu erzählen, wäre zu einseitig. Denn ihr Verhältnis, das wirkmächtigste Symbol der italienisch-deutschen Beziehungen, erwuchs nicht nur aus ideologischen Parallelen zwischen Faschismus und Nationalsozialismus, sondern auch aus den außenpolitischen Spannungen der Zwischenkriegszeit. Daher ziehe ich diplomatische und mediale Quellen der westlichen Großmächte – also Frankreichs, Großbritanniens und der USA – hinzu, die meine Schilderung der Beziehung zwischen Mussolini und Hitler in einen größeren internationalen Kontext einzuordnen helfen.37
Die große Bandbreite der von mir verwendeten Quellen spiegelt die politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Blickwinkel wider, die ich in diesem Buch einnehme. Die kürzlich abgeschlossene Veröffentlichung der einschlägigen diplomatischen Dokumente Italiens aus der Zeit des Faschismus hat meine Arbeit erheblich erleichtert, obwohl ich mir der potenziellen politischen Tendenzen in der Zusammenstellung dieser und anderer Quellenausgaben durchaus bewusst bin, darunter auch der nach 1945 von zwei faschistischen Sympathisanten herausgegebenen Opera Omnia Mussolinis.38 Aus diesem Grund habe ich viel Zeit in den Nationalarchiven Deutschlands, Großbritanniens und Italiens sowie in den Archiven der Außenministerien verbracht und habe die offiziellen Dokumentenausgaben um Unterlagen der Botschaften in Rom und Berlin, die Memoiren von Diplomaten und andere Materialien ergänzt. Zudem habe ich Quellen berücksichtigt, die in Hinblick auf mein Schwerpunktthema bislang noch nicht gänzlich ausgeschöpft wurden, wie Unterlagen der Propagandaministerien, Flugschriften, Fotografien und die kürzlich abgeschlossene Edition der Tagebücher des Reichspropagandaministers Joseph Goebbels, die einzigartige Einblicke in Hitlers wechselnde Einstellung zu Mussolini bieten.39 In Ermangelung einer hinreichend kritischen Ausgabe der Tagebücher Galeazzo Cianos, des Schwiegersohns Mussolinis und italienischen Außenministers von 1936 bis 1943, habe ich die italienische Ausgabe verwendet, die den Originaltagebüchern am nächsten kommt.40 Außerdem habe ich die Korrespondenz zwischen Mussolini und Hitler hinzugezogen, die, obwohl sie ein wichtiger Bestandteil der zur Schau gestellten Einigkeit und Freundschaft war, nie vollständig veröffentlicht wurde, was vielleicht die Gleichgültigkeit der Diplomatiegeschichtsschreibung gegenüber den scheinbar trivialen persönlichen Aspekten der Beziehung dieser beiden Männer widerspiegelt. So waren die Geburtstagstelegramme, die die beiden austauschten, und Hitlers regelmäßige Telegramme an Mussolini zum Jahrestag des »Marschs auf Rom« keine bloßen Belanglosigkeiten, sondern höchst symbolträchtige Korrespondenzen, die belegen, wie sorgfältig beide darauf bedacht waren, ihre Wertschätzung füreinander zu demonstrieren.
Dieses Buch erzählt die Geschichte der Beziehung zwischen Mussolini und Hitler von ihren Anfängen nach dem Ersten Weltkrieg bis zu ihrem Sturz und Tod im Jahr 1945. Diese persönliche und öffentlich zur Schau gestellte Beziehung war von maßgeblicher Bedeutung für den Aufbau des verhängnisvollen faschistisch-nationalsozialistischen Bündnisses während des Zweiten Weltkriegs. Die Verflechtungen und Wechselbeziehungen zwischen dem faschistischen Italien und dem nationalsozialistischen Deutschland änderten den Lauf der europäischen Geschichte im 20. Jahrhundert. Die Allianz dieser beiden Männer führte zu beispielloser Zerstörung und zum totalen Krieg. Die außergewöhnlichen Mittel, durch die diese Beziehung entstand, funktionierte und schließlich zusammenbrach, sind das Thema der nun folgenden Seiten.
Nach der deutschen Novemberrevolution 1918 und der Gründung der Weimarer Republik war München eine Brutstätte des politischen Extremismus. Von hier aus wollten Hitler und die Nationalsozialisten, eine von vielen rechtsextremen Randgruppen, Anfang der zwanziger Jahre die Macht in Deutschland erobern. Ihr Ziel war es, Deutschland von den Juden zu »säubern« und »Lebensraum« in Osteuropa zu schaffen. Um ihr nationales und internationales Ansehen zu stärken, streckten die Nationalsozialisten ihre Fühler zu den italienischen Faschisten aus, die Mussolini im März 1919 offiziell als nationale Bewegung in dem festen Entschluss gegründet hatte, Italiens angeblichen »verstümmelten Sieg« (vittoria mutilata) im Ersten Weltkrieg zu rächen und Italien zu einer Großmacht zu machen. Es ist bemerkenswert, dass die Initiative von den Nationalsozialisten, nicht von den Faschisten ausging, da es ein Schlaglicht auf die damalige Bedeutungslosigkeit der Nationalsozialisten und auf die Tatsache wirft, dass die italienischen Faschisten die offiziell erste faschistische Gruppierung der Welt waren. Während Mussolini sich auf die Eroberung der Macht vorbereitete, schickte Hitler im September 1922 den zwielichtigen Kurt Lüdecke zu dem Faschistenführer nach Mailand. Mussolini wollte allgemein gute Beziehungen zur europäischen Rechten pflegen, um Italiens Einfluss zu stärken. Daher empfing er Lüdecke, der ein Empfehlungsschreiben von Hitlers berühmtestem Unterstützer, General Erich Ludendorff, bei sich hatte.1 Damals hörte Mussolini Hitlers Namen vermutlich zum ersten Mal. Im März 1922 hatte Mussolini Deutschland besucht, da er vermutete, es werde schon bald wieder zu einer europäischen Großmacht aufsteigen, aber Hitler war zu dieser Zeit viel zu unbedeutend für ihn. Stattdessen hatte er Beziehungen zu einer Reihe politisch vielversprechenderer Organisationen und Gruppierungen geknüpft, besonders zur Reichswehr und dem paramilitärischen Veteranenbund Stahlhelm. Wegen seiner Prominenz als aufsteigender Stern der italienischen Politik empfingen ihn auch führende Politiker wie der Außenminister Walther Rathenau, der Parteivorsitzende der liberalen Deutschen Volkspartei (DVP) Gustav Stresemann und sogar Reichskanzler Joseph Wirth von der katholischen Zentrumspartei.2
Nachdem Mussolini Ende Oktober 1922 nach dem Marsch auf Rom das Amt des italienischen Ministerpräsidenten angetreten und zugleich die Leitung des Außenministeriums übernommen hatte, empfing er Lüdecke nicht mehr, weil es seine offiziellen Beziehungen zur deutschen Regierung untergraben hätte, obwohl das Auswärtige Amt Lüdecke in einer Korrespondenz mit den bayerischen Behörden, die die aufkommende nationalsozialistische Partei im Auge behielten, als unbedeutende Figur abgetan hatte. Entgegen dem faschistischen Mythos hatte die Demonstration faschistischer Stärke während des Marschs auf Rom allein nicht genügt, um Mussolini an die Macht zu bringen. Vielmehr war es König Viktor Emanuel III., der ihn zum Regierungschef einer Koalitionsregierung ernannte. Die Kombination aus faschistischer Gewalt und einem scheinbar geordneten, konstitutionellen Machtwechsel war bemerkenswert. Mussolini konnte zu Recht für sich beanspruchen, der erste faschistische Regierungschef Europas zu sein, und es sollte noch geraume Zeit dauern, bis er mehr über den Chef der Nationalsozialisten erfuhr.3
Es ist lohnend, sich mit Hitlers Ansicht über die aufkommende faschistische Regierung Italiens zu befassen. Einige Tage nach Mussolinis Ernennung erklärte Hitler einem rechten Aktivisten: »Man nennt uns deutsche Faschisten. Ich will nicht untersuchen, wieweit dieser Vergleich stimmt. Aber die unbedingte Vaterlandsliebe, den Willen, die Arbeiterschaft aus den Klauen der Internationale zu reißen, und den frischen kameradschaftlichen Frontgeist haben wir mit den Faschisten gemein.«4
Hier versuchte Hitler die Nationalsozialisten zu legitimieren und bekannt zu machen, indem er auf den offenkundigen politischen Erfolg der italienischen Faschisten hinwies, die in ganz Europa wegen ihrer brutalen Gewalt gegen die italienische Linke bei manchen berühmt-berüchtigt geworden waren. Dass Hitler auf den faschistischen Zug aufsprang, war insofern überraschend, als in Deutschland Vorurteile gegen den ehemaligen Feind im Ersten Weltkrieg verbreitet waren. Italiener galten weithin als unzuverlässig, heimtückisch und undiszipliniert. Daher vermied Hitler allzu direkte Assoziationen mit Italien, die potenzielle Anhänger der Nationalsozialisten hätte abschrecken können. Vielmehr ließ er durchblicken, die ultranationalistischen deutschen Nationalsozialisten seien keine bloßen Nachahmer der italienischen Faschisten. Es waren also nicht bloß ideologische Ähnlichkeiten, sondern strategische Erwägungen, die Hitler veranlassten, auf die italienischen Faschisten hinzuweisen und sich mit Mussolini zu vergleichen. Verbindungen zu Mussolinis Italien zu pflegen war für Hitler ein Mittel, die Nationalsozialisten in Deutschland zu legitimieren und zu fördern, während für Mussolini Kontakte zu Hitler und den Nationalsozialisten eine Möglichkeit darstellten, seine Rolle als Doyen des europäischen Faschismus zu unterstreichen und die Macht Italiens auszuweiten.5
Auch bei vielen anderen Gelegenheiten brachte der nationalsozialistische Führer seine Bewunderung für den Duce zum Ausdruck. Aber Hitler war keineswegs der einzige rechte deutsche Politiker, der Mussolini solche Reverenz erwies.6 Nach dem Marsch auf Rom verwendeten bayerische Zeitungen die neue politische Terminologie, die italienische Faschisten eingeführt hatten. Sie brachten Berichte über die »bayerischen Faschisten« und ihren Führer Hitler, den »deutschen Mussolini«.7 Bezeichnenderweise sahen nicht nur Rechte in Deutschland, sondern auch britische Diplomaten und Zeitungen Hitler schon bald als »deutschen Mussolini«. Solche Hinweise als oberflächlich abzutun hieße, das Wesentliche zu übersehen, da sie den verbreiteten Reiz widerspiegelten, der für die deutsche Rechte von Mussolinis aufkommendem Regime ausging: Offenbar gelang ihm ein idealer Pakt der antikommunistischen Faschisten mit den traditionellen Institutionen, vor allem mit dem italienischen Staat und der Monarchie, eine politische Konstellation, die Ordnung und Stabilität in das angebliche gesellschaftliche und politische Chaos der Nachkriegszeit bringen würde. Ein Jahr nach dem Marsch auf Rom gab Hitler diese Stimmung in einem Interview vom 2. Oktober 1923 mit der konservativen Zeitung Daily Mail wieder: »Wenn Deutschland ein deutscher Mussolini gegeben würde«, erklärte er, »würde das Volk auf die Knie fallen und ihn mehr verehren, als Mussolini je verehrt wurde.«8
Auch während der beispiellosen Krisen von 1923, der Hyperinflation und der französisch-belgischen Besetzung des Ruhrgebiets hielt Hitler implizit an der Überzeugung fest, Deutsche seien Italienern überlegen. Er behauptete, das deutsche Volk sei sogar empfänglicher für einen Diktator, der noch stärker wäre als der Duce. Hitler strebte ein antifranzösisches Bündnis mit Italien an, um damit einen Keil zwischen diese ehemaligen Verbündeten (beide ständige Mitglieder des Völkerbundrats) zu treiben, die Deutschland im Ersten Weltkrieg besiegt hatten.9
Allerdings verstand Hitler nicht, dass Mussolinis Herrschaft in Italien alles andere als absolut war. Entgegen dem Eindruck, den die faschistische Propaganda nährte, war Mussolini kein starker Diktator. In Wirklichkeit musste der Duce zumindest bis zur Unterzeichnung der Lateranverträge mit der katholischen Kirche 1929 seine Macht noch konsolidieren und sich in ständigen Verhandlungen mit der konservativen Monarchie und Staatsbürokratie einerseits und mit radikalen Kräften innerhalb der faschistischen Partei andererseits, die gefordert hatten, den Staat unter Parteikontrolle zu bringen, um eine zuweilen heikle Balance bemühen.10 Nach und nach trugen Hitlers Hinweise auf das faschistische Italien und auf Mussolini dazu bei, die Nationalsozialisten über ihre Anhängerschaft hinaus in weiten Teilen der Gesellschaft zu legitimieren. Vielen in Deutschland und anderen europäischen Ländern erschien das aufkommende faschistische Regime als Kompromiss zwischen der neuen extremen Rechten und den traditionellen Eliten, vor allem der Monarchie, und somit als schlagkräftige Waffe gegen die Linke, nachdem die bolschewistische und andere linke Revolutionen im europäischen Bürgertum erhebliches Unbehagen und Furcht ausgelöst hatten.
Auch andere rechte Kommentatoren in Deutschland hoben den Marsch auf Rom als Vorbild für Deutschland hervor. Arthur Moeller van den Bruck, der Intellektuelle, der den Begriff »Drittes Reich« prägte, vertrat 1922 in seinem Essay »Italia docet«, es sei lediglich eine Frage der Zeit, bis der Faschismus, eine Bewegung der Jungen, in Deutschland an die Macht käme. Im Gegensatz zu den meisten Deutschen lobte Moeller van den Bruck damit Italien als Vorbild, wie das Land es bereits im 19. Jahrhundert gewesen sei, als Deutschland Italien bei der Schaffung der nationalen Einheit gefolgt sei. Aber einige Monate später änderte er seine Meinung und lehnte den italienischen Faschismus als reaktionär ab – ein Spiegel ambivalenter Einstellungen zu Italien, die für die meisten Deutschen typisch waren. Hier ist außerdem anzumerken, dass nicht alle deutschen Rechten, die sich aktiv für den italienischen Faschismus interessierten, den Nationalsozialismus unterstützten.11
Was Mussolinis Wahrnehmung Hitlers und der Nationalsozialisten angeht, so war eine starke Beziehung alles andere als unausweichlich. Am 17. November 1922, nur Wochen nach Mussolinis Ernennung zum Ministerpräsidenten, berichtete Adolfo Tedaldi ihm von separatistischen Kräften in Bayern. Tedaldi war der italienische Delegierte beim Interalliierten Hohen Ausschuß für die Rheinlande, der nach dem Versailler Vertrag als Aufsichtsbehörde für die Besatzung des Rheinlands geschaffen wurde. Diese separatistischen Tendenzen beunruhigten die italienische Regierung, die entschlossen war, Südtirol unter Kontrolle zu halten. Dieses Gebiet an der österreichischen Grenze, das in Italien Alto Adige genannt wurde, hatte eine deutschsprachige Bevölkerungsmehrheit und hatte schon lange auf der Annexionsagenda italienischer Irredentisten gestanden, die Ansprüche auf ihrer Ansicht nach zu Italien gehörige Territorien erhoben. Im Rahmen der Nachkriegsregelungen war Südtirol unter italienische Herrschaft gekommen, was zu massivem Unmut seitens der nichtitalienischen Bevölkerung und deutscher Nationalisten geführt hatte. In seinem ausführlichen Bericht widmete Tedaldi »Hittler« viel Raum. Die falsche Namensschreibung zeugte davon, wie unbekannt der Führer der Nationalsozialisten war. Da Hitler kein Interesse daran hatte, Südtirol unter deutsche Herrschaft zu bringen, erwähnte Tedaldi ihn in seinem Bericht an den Duce ausdrücklich. Er ließ keinen Zweifel daran, dass Hitler ein großer Redner sei und ein von den Faschisten übernommenes Programm verfolge: wieder Ordnung herzustellen und die Linke zu zerschlagen. Hitler brenne darauf, mit den italienischen Faschisten in unmittelbaren Kontakt zu treten und »Anweisungen und Ratschläge für das weitere Vorgehen« zu erhalten.12 Man sollte Tedaldis Bericht allerdings nicht überbewerten, denn Mussolini pflegte als Europas erster faschistischer Regierungschef auch gute Beziehungen zu anderen rechten Gruppen in ganz Europa, die damals größere Bedeutung besaßen. Ein wesentlich wichtigerer Bewunderer Mussolinis war Miguel Primo de Rivera, der im September 1923 durch einen Putsch in Spanien an die Macht gekommen war. Zwei Monate später erklärte König Alfonso XIII., der gemeinsam mit seinem neuen Ministerpräsidenten Rom besuchte, gegenüber König Viktor Emanuel III., Primo de Rivera sei »sein Mussolini«. Primo de Rivera sprach sogar davon, Spanien trete in die Fußstapfen Italiens, und somit bot sich das Mittelmeerland mit seinem anscheinend ideologisch verwandten Regime als besser geeigneter Verbündeter Italiens an.13
Weder die Nationalsozialisten noch Deutschland standen für Mussolini 1923 im Zentrum seiner Aufmerksamkeit, da er gerade zu seiner ersten aggressiven außenpolitischen Tat ansetzte. Italien besetzte die strategisch wichtige griechische Insel Korfu. Obwohl die Italiener letztlich wieder abziehen mussten, war der Korfu-Zwischenfall für Mussolini ein großer Erfolg, denn er stärkte sein Prestige im In- und Ausland. Da die Krise zudem von der Pariser Botschafterkonferenz und nicht von den offiziellen Gremien des Völkerbundes gelöst wurde, entlarvte sie den Völkerbund als ineffektiv. Obwohl Italien als ständiges Mitglied des Völkerbundrates darin eine prominente Rolle spielte, verabscheute der kriegslüsterne Mussolini die Organisation, da zu ihren Hauptzielen die Erhaltung der 1919 geschaffenen Ordnung und des Friedens durch internationale Verhandlungen gehörte. Dennoch blieb Italien aus Prestigegründen und zur Stärkung seines internationalen Einflusses führendes Mitglied des Bundes. Bei der Besetzung des Ruhrgebiets zog Mussolini sämtliche Register europäischer Diplomatie. Aus Sorge um die von Italien benötigten Kohlelieferungen aus dem Ruhrgebiet schickte er keine italienischen Truppen. Ziel seines geschickten Manövers war es, die Stellung Italiens zu verbessern. Damit setzte er in gewisser Weise die Außenpolitik der liberalkonservativen Vorgängerregierungen fort, unter denen die meisten italienischen Diplomaten bereits gedient hatten. Mussolini ging es in seiner Außenpolitik jedoch nicht nur um Bluffs und Manöver, sondern auch um Angriffe auf die Wilson'sche Ordnung des liberalen Internationalismus, wie der Korfu-Zwischenfall belegte.14
Hitler verfolgte weiter seine Strategie, an Legitimität zu gewinnen, indem er die Nähe zum italienischen Faschismus hervorhob. Allerdings blieben seine Hinweise auf den Faschismus vage, was vermuten lässt, dass ihn weniger dessen Ideologie als solche als vielmehr die faschistische Methode der Machtergreifung und -konsolidierung reizte.15 Ein Interview, das der faschistische Journalist Leo Negrelli im Oktober 1923 mit Hitler führte, kam einer impliziten Anerkennung gleich, dass dieser innerhalb der deutschen extremen Rechten zunehmend an Bedeutung gewann. Hitler, der vermutlich hoffte, Mussolini werde den Artikel lesen, erklärte, bald werde der Tag einer deutschen Revolution kommen, und lobte Mussolinis entschlossene politische Strategie, das angebliche politische Chaos in Italien zu überwinden.16 Einige Tage später sprach Hitler mit einem Journalisten der profaschistischen Tageszeitung L'Epoca und erneuerte sein Versprechen, die Südtirolfrage werde den guten Beziehungen zwischen Italien und Deutschland nicht im Wege stehen. Diese Erklärung war innerhalb der deutschen Rechten äußerst umstritten. Viele Rechte waren der Ansicht, dass Hitler damit Südtirol einem guten Verhältnis zu Mussolinis Italien opfere. Mussolinis Unterstützung zu gewinnen sollte den Nationalsozialisten kurzfristig helfen, bekannt zu werden und an die Macht zu kommen, und langfristig zu einem Militärbündnis mit dem faschistischen Italien führen.17
Hitlers Einstellung zur Südtirolfrage warf ein Schlaglicht auf Spannungen, die innerhalb der nationalsozialistischen Bewegung über seine proitalienische Strategie herrschten. Hans Frank, ein nationalsozialistischer Jurist, trat 1926 aus Protest gegen Hitlers Aufgabe deutscher Ansprüche auf Südtirol aus der Partei aus.18 Doch Hitlers Haltung zu Südtirol war kompromisslos, und wiederholt verteidigte er sie sogar öffentlich, was zeigt, dass er bereit war, nationalistische Prinzipien, ein Kernstück nationalsozialistischer Ideologie, strategischen Erwägungen zu opfern. Für diesen Entschluss führte er Gründe an: In seinem 1928 geschriebenen Zweiten Buch, das zu seinen Lebzeiten nicht veröffentlicht wurde, bezeichnete er Italien als Deutschlands natürlichen Verbündeten gegen Frankreich, da es ebenfalls entschlossen war, den Versailler Vertrag zu revidieren und sein Territorium auszuweiten. Dieser Fall bestätigt, dass es bei Hitlers Werben um Mussolini nicht nur um Ideologie, sondern auch um Strategie ging.19
Wenn der Faschismus damals einen unmittelbaren Einfluss auf die aufkeimende nationalsozialistische Bewegung hatte, so bestand er in Hitlers Bewunderung für die von der faschistischen Propaganda vermittelte Vereinfachung der faschistischen Strategie zur Machtergreifung.20 Am 9. November 1923, fünf Jahre nach Ausrufung der deutschen Republik und mitten in der Hyperinflation, versuchten Hitler und die Nationalsozialisten zusammen mit Nationalkonservativen durch den sogenannten Bürgerbräu-Putsch in München die Macht zu ergreifen. Laut den Nationalsozialisten war dieser Putsch in gewissem Maße vom Marsch auf Rom inspiriert, in Wirklichkeit gab es jedoch nur wenige Parallelen: Zur Zeit des Marsches auf Rom waren die Faschisten bereits eine Massenbewegung, während die Nationalsozialisten damals noch weitgehend auf Bayern beschränkt waren und keine starke nationale Kraft darstellten. Den Nationalsozialisten diente der Marsch auf Rom als Gründungsmythos und wurde zum Symbol für die erfolgreiche Machtergreifung, nachdem es den Faschisten in Italien gelungen war, ihn zu einer mächtigen Legende zu erheben. Tatsächlich enthält das Hauptarchiv der NSDAP viele Zeitungsausschnitte und andere Publikationen über den Marsch auf Rom und den italienischen Faschismus. Daher tauchten der italienische Faschismus und der Marsch auf Rom selbst im offiziellen Parteigedächtnis als Vorbild der Nationalsozialisten auf.21
In dieser Zeit versuchten die Nationalsozialisten sich auch durch Berufung auf ausgewählte zeitgenössische Diktaturen, vor allem auf die Türkei unter Atatürk, Legitimität zu verschaffen. Das Besondere an Hitlers Bezugnahme auf charismatische ausländische Führer bestand darin, dass die Nationalsozialisten nicht einfach die politische Strategie dieser ausländischen Regime imitieren wollten, sondern mit diesen Hinweisen auch ihre eigenen Machtansprüche zu legitimieren versuchten. Der Bürgerbräu-Putsch schlug zwar fehl und endete mit Hitlers Inhaftierung, aber er machte ihn und die Nationalsozialisten in ganz Deutschland und Europa berühmt-berüchtigt. Der Faschismus inspirierte die Nationalsozialisten also nicht nur in ihrer Methode der Machtergreifung, sondern auch als Mittel, selbst im Fall des Scheiterns öffentliche Aufmerksamkeit zu erregen.22
Mussolinis Zeitung Il Popolo d'Italia zögerte nicht, sich über Hitlers Putschversuch als eine »Karikatur des italienischen Faschismus« lustig zu machen. Nichtsdestotrotz lag darin eine halboffizielle Anerkennung der Nationalsozialisten durch die Faschisten.23 Nach dem gescheiterten Putschversuch wurde Hitler vor Gericht gestellt. Er nutzte den Prozess als Propagandaplattform, die ihm und den Nationalsozialisten aus der Bedeutungslosigkeit zu politischer Berühmtheit verhalf. Die Neugründung der NSDAP 1925 nach Hitlers vorzeitiger Haftentlassung fiel zeitlich mit Mussolinis Proklamation der Diktatur im Januar desselben Jahres und seinem zunehmend härteren Vorgehen gegen die politische Opposition, besonders gegen die Linke, zusammen. So wurde der aufkeimende Mussolini-Mythos für die deutsche Rechte noch attraktiver. Da gab es diesen charismatischen, skrupellosen Führer, der das unbändige Italien mit eiserner Hand regierte, zugleich aber scheinbar die Autorität des italienischen Staates und der Monarchie respektierte. Dieser in Büchern, Zeitungsartikeln und Bildern propagierte Duce-Kult wirkte sich allmählich zum Vorteil der Nationalsozialisten aus, da er sie für konservative Wähler attraktiv zu machen half.24
Hitler selbst artikulierte diesen nationalsozialistischen Mussolini-Kult im zweiten Band seines autobiographischen Werkes Mein Kampf, das er 1926 veröffentlichte. Darin würdigte er Mussolini als harten, antimarxistischen und patriotischen Führer, der den Internationalismus bekämpfte – ein Hinweis auf beider geringschätzige Meinung über den Völkerbund.25
Nahezu unmittelbar nach seiner Haftentlassung Ende 1924 bat Hitler angeblich um eine Zusammenkunft mit Mussolini. Aber dessen Haltung gegenüber Hitler blieb zurückhaltend: Einerseits erhielten einige führende Nationalsozialisten wie Hermann Göring, ein Fliegerass im Weltkrieg mit guten Verbindungen zum deutschen Adel, effektiv Asyl in Italien, was die Grundlage für freundschaftliche Beziehungen zu den Nationalsozialisten schuf, falls sie zu einer großen Partei heranwachsen sollten; andererseits hielt Mussolini als Staatsmann Abstand zur nationalsozialistischen Bewegung, da sie einen Sturz der deutschen Regierung anstrebte, zu der Italien offizielle Beziehungen pflegte. Anfangs willigte Mussolini in ein Treffen mit Hitler ein, verschob es dann aber auf unbestimmte Zeit.26
Mussolinis Schwanken verstärkte Hitlers Bewunderung für ihn nur noch. Er bat um signierte Fotos des Duce, um sie in der Parteizentrale aufzuhängen, wo sie die Nationalsozialisten nach seinem Dafürhalten als sichtbares Zeichen der angeblichen Verbindung zu den Faschisten weiter legitimieren würden. Mussolini weigerte sich, diese Bitte auch nur zur Kenntnis zu nehmen, da er die offiziellen Beziehungen zur deutschen Regierung nicht gefährden wollte. Nicht einmal das schmälerte Hitlers Begeisterung für den Duce.27
Doch trotz all dieser Inspiration und Bewunderung war der ideologische Einfluss des Faschismus auf den Nationalsozialismus in Wirklichkeit recht gering. Die nationalsozialistische Ideologie war bereits im Parteiprogramm von 1920, dessen Schwerpunkt der Antisemitismus bildete, formuliert worden, also bevor Hitler und die Nationalsozialisten Interesse an Mussolini und seinen Faschisten bekundet hatten. Manche führenden Nationalsozialisten kritisierten den Faschismus sogar. So war der führende nationalsozialistische Ideologe Alfred Rosenberg zwar voller Bewunderung über den Ultranationalismus des italienischen Faschismus, beklagte aber dessen Mangel an Antisemitismus. Damit offenbarte er gewisse Spannungen in der Haltung der nationalsozialistischen Bewegung zum Faschismus.28 Im Gegensatz zu Rosenberg waren andere eifrig bedacht, enge ideologische Parallelen zwischen Nationalsozialismus und Faschismus zu ziehen. Göring schrieb 1926 aus dem italienischen Exil eine Reihe von Artikeln für die nationalsozialistische Tageszeitung Völkischer Beobachter. Da er den Nationalsozialisten Legitimität verleihen wollte, verglich er sie mit den Faschisten und unterstrich ihre ideologischen Übereinstimmungen: politische Gewalt sowie den Hass auf den Versailler Vertrag und auf die parlamentarische Demokratie. Zudem behauptete er, beide Bewegungen seien antisemitisch. Das war allerdings weit hergeholt: Starke antisemitische Tendenzen traten im faschistischen Regime erst wesentlich später zutage und spielten in der faschistischen Ideologie keine so zentrale Rolle wie in der nationalsozialistischen Doktrin.29
Je schwächer die Weimarer Republik wirkte, umso expliziter stellte die deutsche Rechte Mussolinis Herrschaft als eine Alternative für Deutschland dar. Ausschlaggebend war, dass Mussolinis Reiz weit über den Sympathisantenkreis der Nationalsozialisten hinausreichte. Unter der Führung des männlichen, autoritären und harten Duce, dessen Propagandaapparat einen über Italien hinaus wirkmächtigen Kult um ihn entwickelte, erschien sein Regime eingebunden in die traditionellen italienischen Eliten wie Monarchie, Armee und katholische Kirche. Obwohl diese Darstellung nur wenig mit dem komplexen, spannungsgeladenen Charakter der faschistischen Herrschaft in Italien zu tun hatte, gewann Mussolinis Regime allgemein für die Rechte in Deutschland zunehmend an Attraktivität als Bollwerk gegen die Linke, und zwar nicht nur für die Nationalsozialisten, sondern auch für den paramilitärischen Stahlhelm oder für Persönlichkeiten wie Konrad Adenauer, der Mitglied der katholischen Zentrumspartei und Oberbürgermeister der Stadt Köln war.30 Eine Unterstützung der Nationalsozialisten durch die Faschisten war daher alles andere als unausweichlich, und Mussolinis Haltung gegenüber Hitler blieb unklar.31 Zudem hatte die finanzielle und sonstige Unterstützung durch die Faschisten für die Nationalsozialisten in den zwanziger Jahren keineswegs eine so große Bedeutung, wie manche Beobachter später behaupteten. Auf Reichsebene blieb die NSDAP gemessen an der Zahl ihrer Reichstagssitze eine Randgruppe.32
Untersuchen wir nun eingehender, wie das faschistische Modell der Machtsicherung Hitler und die Nationalsozialisten im zunehmend fragilen Kontext der Weimarer Republik inspirierte. Besonders beeinflusste sie die Doppelstrategie der Faschisten bei der Machtergreifung: Zum einen schürten sie extreme Gewalt gegen die Linke, zum anderen strebten sie durch anscheinend legale politische Aktivitäten nach der Macht. Der zweite Aspekt, auf augenscheinlich legalem Weg an die Macht zu gelangen, war für Hitler nach der Wiedergründung der NSDAP 1925 und seiner Haftentlassung besonders wichtig. Diese Taktik erschien tragfähig, um sich die Unterstützung der Mittelschicht zu sichern, die angesichts der empfundenen Gefahr von links auf Recht und Ordnung bedacht war.33
Trotz aller Bezugnahmen auf das, was sie als Mussolinis Strategie ansahen, schnitten die Nationalsozialisten bei der Reichstagswahl 1928 schlecht ab. Aus diplomatischen Gründen lehnte Mussolini nach wie vor Hitlers Gesuche um eine Zusammenkunft ab. Um in Kontakt zu bleiben, hielten andere faschistische Vertreter außerhalb offizieller Kanäle Verbindung zum NSDAP-Vorsitzenden. So traf Hitler 1928 Senator Ettore Tolomei, der wie viele italienische Nationalisten schon vor dem Ersten Weltkrieg für eine Italianisierung Südtirols eingetreten war und nun für die verpflichtende Einführung des Italienischen auch für die deutschsprachige Bevölkerungsmehrheit in Südtirol verantwortlich war, die bei den meisten Deutschen auf vehemente Ablehnung stieß. Hitler und Tolomei trafen sich heimlich im Haus eines italienischen Geschäftsmanns in München. In einem Bericht an den Duce lobte Tolomei Hitler als talentierten Politiker, der uneingeschränkt akzeptiere, dass Südtirol zu Italien gehöre. Über Österreich, das viele Deutsche und Österreicher mit dem Reich vereint sehen wollten, äußerte Hitler Tolomei gegenüber sich vorsichtiger, da er wusste, dass Mussolini die Alpenrepublik als Pufferstaat zwischen Italien und Deutschland sah. Erneut bat er um ein Treffen mit Mussolini, fügte allerdings höflich hinzu, eine solche Begegnung sei gegenwärtig vielleicht nicht opportun. Über Mussolinis Reaktion auf Tolomeis Bericht ist nichts bekannt; es ist jedoch klar, dass Hitler sich bei Mussolini einschmeicheln wollte.34
Hitlers Flirt mit dem Faschismus führte innerhalb der deutschen Rechten zu vielen Kontroversen und sogar zu einem Prozess.35 Hitler, vertreten durch Hans Frank, der mittlerweile wieder in die NSDAP eingetreten war, verklagte den rechten Politiker Albrecht von Graefe, weil er in einem Zeitungsartikel behauptet hatte, der NSDAP-Vorsitzende habe »in seinem Mussolinirausch« als Gegenleistung für heimliche finanzielle Zuwendungen Mussolinis deutsche Ansprüche auf Südtirol geopfert.36 Dieser Artikel brachte Hitler auf die Palme. Der Vorwurf heimlicher italienischer Parteispenden bereitete ihm wegen der starken antiitalienischen Vorurteile in Deutschland Sorgen. Aber die Beklagten konnten ihre Behauptungen nicht belegen und wurden verurteilt, weil sie nicht beweisen konnten, dass die Nationalsozialisten Geld aus Italien bekommen hatten. Damit war die Sache jedoch noch nicht beendet. Im Februar 1930 präsentierten die Beklagten einen neuen Zeugen, den Journalisten Werner Abel. Hitler, der mit anderen rechten Parteien um die Führungsrolle in der deutschen Rechten konkurrierte, bestritt erneut vehement, Zahlungen aus Italien erhalten zu haben. Der Prozess ging durch mehrere Instanzen, bis Abel schließlich im Juni 1932 zu einer Haftstrafe verurteilt wurde. Das Auswärtige Amt, das über Italiens Einmischung in die deutsche Innenpolitik beunruhigt war, und faschistische Journalisten in Italien verfolgten das Verfahren aufmerksam. Gleichzeitig präsentierten italienische Zeitungsberichte Hitler, dessen Einfluss ständig wuchs, als kommenden Führer in Deutschland und zogen Parallelen zum raschen Aufstieg Mussolinis; der Prozess und die öffentliche Aufmerksamkeit, die er erregte, wirkten sich also zu Hitlers Vorteil aus.37
Unterdessen zerfiel die Weimarer Republik während der Weltwirtschaftskrise zunehmend. Nachdem die große Koalition zerbrochen war, gab es ab Ende März 1930 keine Regierung mehr, die sich auf eine Parlamentsmehrheit stützen konnte. Stattdessen regierte Heinrich Brünings Kabinett auf der Grundlage von Artikel 48 der Weimarer Verfassung, der dem Reichspräsidenten weitreichende Befugnisse in Notsituationen einräumte. Mussolini witterte die Chance auf eine profaschistische deutsche Regierung, auch wenn er öffentlich bestritt, den Faschismus im Ausland zu verbreiten – eine Strategie, die er seit der Konsolidierung seiner Herrschaft vor allem verfolgte, um Italiens Einfluss zu stärken.38 Da er gute Beziehungen zur deutschen Regierung pflegen wollte, bekräftigte er im Mai 1930 in einem Interview mit dem deutsch-jüdischen Journalisten Theodor Wolff, der Faschismus sei kein »Exportartikel«.39 Gleichzeitig wies er den italienischen Generalkonsul in München Giovanni Capasso Torre di Caprara an, Hitler auf den Zahn zu fühlen. Am 20. Juni 1930 berichtete Capasso dem Duce von seinem Geheimtreffen mit dem NSDAP-Vorsitzenden. Hitler hätte Mussolini gelobt und seine Haltung zu Südtirol bekräftigt. Außerdem hätte er prophezeit, die Nationalsozialisten würden schon bald in Deutschland an die Macht kommen.40
Der erste größere Wendepunkt in der Beziehung zwischen Mussolini und Hitler war die Reichstagswahl im September 1930, bei der die Nationalsozialisten einen erstaunlichen Erfolg erzielten, der sie der Macht näher brachte. Sie konnten die Zahl ihrer Sitze von 12 auf 107 erhöhen, also fast verzehnfachen, und stellten damit die zweitgrößte Fraktion. Mussolini sah im Zusammenbruch der Demokratie und im Rechtsruck der Politik in Deutschland eine günstige Gelegenheit, den italienischen Einfluss auf die dortige Politik zu verstärken.41 Die Zeitschrift Gerarchia (»Hierarchie«), ein Flaggschiff der Faschisten, schrieb zum Durchbruch der Nationalsozialisten bei den Wahlen im September 1930: »Die faschistische Idee macht Fortschritte in der Welt«, und buchte damit den Erfolg der Nationalsozialisten auf das Konto Mussolinis gut. Auch der Völkische Beobachter stellte heraus, dass Mussolini den nationalsozialistischen Wahlerfolg angeblich höchstpersönlich gutgeheißen habe; mit dem Hinweis auf das italienische faschistische Vorbild wollte die Zeitung die Nationalsozialisten legitimieren.42
Es war durchaus kein Zufall, dass Mussolini nach diesem Wahlerfolg anfing, die Nationalsozialisten stärker zu unterstützen. Zugleich blieb seine Haltung zu Hitler jedoch zwiespältig. Bezeichnenderweise nutzte er für seine Unterstützung Mittelsmänner außerhalb diplomatischer Kanäle, da eine unmittelbare Förderung der Nationalsozialisten zu diplomatischen Verwicklungen mit der deutschen Regierung und womöglich zu einer Entfremdung von Frankreich und Großbritannien geführt hätte. Mussolinis Ambivalenz gegenüber Hitler war typisch für seine Außenpolitik, mit der er Italien, das seit Gründung des Nationalstaats den Status einer Großmacht anstrebte, zumindest offiziell auf gleicher Distanz zu Frankreich, Großbritannien und Deutschland halten wollte und Bündnisse anstrebte, die dann die Machtverhältnisse in Europa prägen sollten. Mussolinis indirekter Flirt mit Hitler und anderen rechtsextremen Kräften in ganz Europa war somit Bestandteil der italienischen Strategie, seinen internationalen Einfluss zu stärken. Zu den wichtigen Kontaktpersonen gehörten Prinz Philipp von Hessen, Schwiegersohn König Viktor Emanuels III., der wie viele Mitglieder des deutschen Hochadels seit 1930 NSDAP-Mitglied war, und vor allem der mysteriöse Major Giuseppe Renzetti, der Leiter der italienischen Handelskammer in Deutschland. Renzetti besaß gute Beziehungen zur politischen und gesellschaftlichen Elite in Berlin und wurde Mussolinis unmittelbarer Verbindungsmann zu Hitler außerhalb diplomatischer Kanäle. Nach der Reichstagswahl 1930 begann Renzetti, der anfangs gute Kontakte zum promonarchistischen Wehrverband Stahlhelm gepflegt hatte, Hitler und die Nationalsozialisten zu unterstützen. Damals wurde Mussolini allmählich klar, dass eine nationalsozialistische Machtübernahme in Italiens Interesse sein könnte.43
Mussolinis Unterstützung für die Nationalsozialisten spiegelte sich in einer wachsenden Zahl von Interviews mit Hitler wider, die in italienischen Zeitungen erschienen und ihm halfen, sein internationales Profil zu schärfen; den Lesern vermittelten sie den Eindruck, das faschistische Italien unterstütze eine nationalsozialistische Regierung, die in Mussolinis Schuld stünde. Als Führer einer Massenbewegung nutzte Hitler ebenso wie andere moderne Politiker Zeitungsinterviews, um seine politischen Ansichten zu kommunizieren. Da Hitler aber im Gegensatz zu Mussolini nicht über offizielle diplomatische Netzwerke verfügte, machte er häufig Gebrauch von Interviews als Kommunikationsstrategie, um seine internationale Stellung aufzuwerten. Schauen wir uns eingehender sein Interview mit Pietro Solari an, das am 29. September 1930, zwei Wochen nach dem nationalsozialistischen Wahlerfolg, in der Turiner Zeitung Gazzetta del Popolo erschien. Darin lobte Hitler erneut den Duce und wiederholte, das Schicksal der deutschsprachigen Bevölkerungsmehrheit in Südtirol dürfe einem guten italienisch-deutschen Verhältnis nicht im Wege stehen.44 In diesen Interviews hob er aber auch Unterschiede zwischen Faschismus und Nationalsozialismus hervor. So betonte er in einem Gespräch mit Mussolinis Tageszeitung Il Popolo d'Italia
