Musstu wissen, weißdu! - Stephan Serin - E-Book

Musstu wissen, weißdu! E-Book

Stephan Serin

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Beschreibung

«Nuri. Hier steht: Beurteile, ob die Herrschaft Ludwigs XIV. aus der Sicht eines Bauern gerecht war! Sag mal bitte in eigenen Worten, was du zu tun hast!» «Weiß nisch. Was habisch zu tun?» «Du sollst dir die Aufgabe durchlesen. Und mir dann erklären, was du machen sollst.» «Die Aufgabe durschlesen.» «Und, was sollst du machen?» «Aufgabe durschlesen.» «Und was steht drin in der Aufgabe?» «Beurteile, ob die Herrschaft Ludwig … aus den Bauern gerecht war!» «In eigenen Worten sollst du es sagen.» «Sag isch doch.» «Du liest nur vor.» «Kann nisch anders sagen.» «Los, versuch es!» «Urteilen die Herrschaften. Sehen die Bauern Ludwig gerescht.» «Nuri! Was meinst du? Ich versteh nisch.» «Escht!? Herr Serin. Sie verstehen nisch? Krass. Ich dachte, Sie Lehrer.» Mit großer Selbstironie erzählt Stephan Serin von seinen absurden Erlebnissen aus dem Katastrophengebiet Schule: abenteuerliche Spickversuche, bemerkenswerte Entschuldigungen, unvergessene Wandertage oder der nervenaufreibende Versuch, die eigene Autorität zu wahren, geben genügend Anlass zu kuriosen Geschichten. Der ganz normale Alltag eines unerschrockenen Lehrers – witzig und intelligent!

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Seitenzahl: 286

Veröffentlichungsjahr: 2012

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Stephan Serin

Musstu wissen, weißdu!

Neues aus den Niederungen deutscher Klassenzimmer

 

 

 

Über dieses Buch

«Nuri. Hier steht: Beurteile, ob die Herrschaft Ludwigs XIV. aus der Sicht eines Bauern gerecht war! Sag mal bitte in eigenen Worten, was du zu tun hast!»

«Weiß nisch. Was habisch zu tun?»

«Du sollst dir die Aufgabe durchlesen. Und mir dann erklären, was du machen sollst.»

«Die Aufgabe durschlesen.»

«Und, was sollst du machen?»

«Aufgabe durschlesen.»

«Und was steht drin in der Aufgabe?»

«Beurteile, ob die Herrschaft Ludwig … aus den Bauern gerecht war!»

«In eigenen Worten sollst du es sagen.»

«Sag isch doch.»

«Du liest nur vor.»

«Kann nisch anders sagen.»

«Los, versuch es!»

«Urteilen die Herrschaften. Sehen die Bauern Ludwig gerescht.»

«Nuri! Was meinst du? Ich versteh nisch.»

«Escht!? Herr Serin. Sie verstehen nisch? Krass. Ich dachte, Sie Lehrer.»

 

Mit großer Selbstironie erzählt Stephan Serin von seinen absurden Erlebnissen aus dem Katastrophengebiet Schule: abenteuerliche Spickversuche, bemerkenswerte Entschuldigungen, unvergessene Wandertage oder der nervenaufreibende Versuch, die eigene Autorität zu wahren, geben genügend Anlass zu kuriosen Geschichten. Der ganz normale Alltag eines unerschrockenen Lehrers – witzig und intelligent!

Impressum

Rowohlt Digitalbuch, veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, April 2012

Copyright © 2012 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg

Illustrationen im Innenteil Ulrich Scheel

Redaktion Regina Carstensen

Umschlaggestaltung ZERO Werbeagentur, München

(Umschlagillustration: Ulrich Scheel)

ISBN Buchausgabe 978-3-499-62813-9 (1. Auflage 2012)

ISBN Digitalbuch 978-3-644-46131-4

www.rowohlt-digitalbuch.de

 

Schrift Droid Serif Copyright © 2007 by Google Corporation

Schrift Open Sans Copyright © by Steve Matteson, Ascender Corp

 

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt, jede Verwertung bedarf der Genehmigung des Verlages.

 

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Alle angegebenen Seitenzahlen beziehen sich auf die Printausgabe.

 

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www.rowohlt.de

Für sehr viele

Vorwort

Als ich das erste Mal als Lehrer vor Berliner Schüler trat, blies mir sofort ein rauer Wind ins Gesicht. Viele der Jugendlichen waren notorische Schwänzer, Kriegsflüchtlinge, Opfer von häuslicher Gewalt, Mitglieder von Gangs, Drogendealer, schwanger oder alles zusammen. Aufgrund meiner Herkunft aus der ehemaligen DDR, meiner bescheidenen 168 Zentimeter sowie meiner Klumpfüße wurde ich von ihnen abgelehnt und abwechselnd als «Ossi», «Nabelküsser» oder «Behindie» verspottet. Um mir ihren Respekt zu verdienen, fing ich an, lockere Klamotten zu tragen und ihnen neben meinen regulären Stunden Unterricht in Kampfsport zu erteilen. In dem Fach Geschichte analysierte ich – dabei das Curriculum, die inhaltlichen Vorgaben, völlig ignorierend – mit ihnen Texte von Bushido, um sie für Poesie zu öffnen. Ich lud sie zum Eis ein und begleitete sie zum Jugendamt, zum Frauenarzt und zum Jobcenter. Aber vor allen Dingen nahm ich sie als Menschen ernst und liebte jeden von ihnen, auch die, die mich mobbten. So wurden wir schließlich richtige Freunde. Statt sich wie früher zu prügeln, verarbeiteten die Jugendlichen ihre Frustrationen nunmehr in wunderbaren Gedichten. Vorher in absoluter Opposition zu den gesellschaftlichen Erwartungen, beabsichtigten meine Schüler auf einmal, entgegen ihren ursprünglichen Plänen, nach der Schule eine Arbeit anzunehmen und vielleicht sogar die deutsche Staatsangehörigkeit zu beantragen. Gemeinsam mit ihnen gründete ich zudem eine Hilfsorganisation, durch deren Wirken ein afghanisches Mädchen aus der Parallelklasse in letzter Sekunde vor der Abschiebung in ihre Heimat gerettet und die Zwangsheirat einer Vierzehnjährigen verhindert wurde. Leider musste ich mich von meiner Klasse bald wieder verabschieden, denn mein Unterrichtspraktikum an ihrer Schule endete nach sechs Wochen – und es ging für mich zurück an die Uni. Mein begonnenes Werk konnte ich nicht fortsetzen.

Wer auf den kommenden Seiten eine vergleichbare Heldensaga erwartet, den wird Musstu wissen, weißdu! mit Sicherheit enttäuschen. Denn in diesem Buch erzählt kein Lehrer davon, wie leicht ihm alles von der Hand geht, wie sehr er seinen Beruf und alle Schüler liebt. Stattdessen handeln die fünfunddreißig Kapitel – in den meisten schildere ich Erlebnisse, die ich innerhalb eines halben Jahres (Januar bis Juni 2011) an einer Sekundarschule[a] in Berlin hatte, in einigen wenigen berichte ich aber auch über vorher gemachte Erfahrungen an anderen pädagogischen Einrichtungen – von den täglichen, unverschuldeten oder selbstverschuldeten Missgeschicken und unkalkulierbaren Herausforderungen, die die Arbeit mit Jugendlichen mit sich bringt. Natürlich sind die Erlebnisse dabei bisweilen stark fiktionalisiert, zugespitzt und auf eine überschaubare Anzahl von Figuren reduziert. Dahinter steht jedoch keineswegs die Absicht, Schüler, Pädagogen oder die Schule an sich zu diffamieren. Es sollen auch mitnichten die vielen positiven Momente negiert werden, die man als Lehrer in seinem Beruf unbestreitbar hat. Nur rühmen sich eben heutzutage schon genug Menschen öffentlich ihrer Erfolge. Dabei ist Scheitern eigentlich viel spannender und amüsanter als jeder strahlende und mühelose Triumph.

 

Der Autor

1Endlich eine Mail

Sehr geehrte Damen und Herren,

die Stauffenberg-Oberschule besetzt zum kommenden Halbjahr eine Stelle für Französisch und Geschichte. Hiermit laden wir Sie herzlich zu einem Bewerbungsgespräch am 28. 06. 11 um 8.30 Uhr ein. Bitte bestätigen Sie uns Ihr Erscheinen. Mit freundlichen Grüßen, die Schulleitung.

Erst halte ich die Einladung für einen Spam. Zwei Jahre hatte sich schließlich niemand bei mir gemeldet. Zwei Jahre, in denen ich mich mit verschiedenen Vertretungslehrerjobs und einer Beschäftigung an einer Privatschule über Wasser gehalten habe, ignorierte mich die Senatsverwaltung für Bildung, Wissenschaft und Forschung bei jeder Einstellungsrunde geflissentlich. Doch die Stauffenberg-Oberschule gibt es wirklich, das kann kein Spam sein. Es handelt sich hier um ein Gymnasium im gutbürgerlichen Zehlendorf. Vor acht Monaten habe ich sogar schon mal eine unbeantwortete Initiativbewerbung dort hingeschickt.

Ich bin sofort angespannt. Jetzt nur keinen Fehler machen! Wenn ich mir diese Möglichkeit auf eine Festanstellung durch die Lappen gehen lasse, werde ich vielleicht wieder vierundzwanzig Monate auf die nächste Chance warten müssen. Schon ein einziges falsches Wort in meiner Antwort-E-Mail kann einen schlechten Eindruck hinterlassen und alles zunichtemachen. Aber wie sieht die perfekte Bestätigung aus? Sachlich-funktional? Oder soll ich eher hervorheben, wie viel mir an dieser Stelle liegt? Oder besser doch pokern, um zu vermitteln, nicht auf die Arbeit angewiesen zu sein, noch andere Angebote zu haben?

Wenn davon auszugehen ist, dass jede persönliche Färbung, jeder Anflug von Emotionalität angreifbar macht, dann wäre vielleicht folgende Antwort ratsam:

Sehr geehrter Direktor/sehr geehrte Direktorin,

die Stauffenberg-Oberschule besetzt zum kommenden Halbjahr eine Stelle für Französisch und Geschichte. Zusammen mit anderen sehr geehrten Damen und Herren wurde ich herzlich zu einem Bewerbungsgespräch am 28. 06. 11 um 8.30 Uhr eingeladen. Ich wurde gebeten, mein Erscheinen zu bestätigen. Hiermit bestätige ich mein Erscheinen. Bitte bestätigen Sie mir, dass Sie meine Bestätigung erhalten haben. Mit freundlichen Grüßen, ein sehr geehrter Herr/eine sehr geehrte Dame.

Dieses Schreiben ist maschinell erstellt und auch ohne Unterschrift gültig.

Aber möglicherweise erwartet man gerade, dass der Bewerber bereits in der Zusage deutlich macht, wie sehr er die Stelle will. Dann sollte ich besser meine ganze Leidenschaft in die Waagschale werfen und den Direktor persönlich ansprechen, dessen Namen ich auf der Homepage der Schule finde:

Lieber Herr Doktor Menz,

juhu, super, großartig, bombastisch, gigantisch! Das waren die ersten Gedanken, die mir durch den Kopf schossen, als ich Ihre Einladung las. Ich konnte es zunächst gar nicht glauben. Es war zu schön, um wahr zu sein. Endlich werde ich mal eingeladen, nach zwei Jahren. Und dann auch noch von Ihnen. Ihre Schule ist nämlich zufällig meine absolute Lieblingsschule in Deutschland. Schon vor der Maueröffnung, als ich noch im Osten lebte, war es ein Traum von mir, irgendwann einmal in Zehlendorf am Stauffenberg-Gymnasium zu unterrichten. Und nun bin ich meinem Traum einen großen Schritt näher. Wahnsinn! Natürlich komme ich zum Bewerbungsgespräch, egal zu welcher Zeit, egal bei welchem Wetter. Ich werde vor Ihrer Tür stehen. Aber bitte, bitte, bitte, nehmen Sie mich! Ich flehe Sie an! Ich brauche diesen Job. Ich will schließlich mal Kinder haben und eine Freundin. Ich weiß nicht, was ich tue, wenn ich die Stelle nicht erhalte. Ich verspreche Ihnen auch, meine in den letzten zwei Jahren aus beruflicher Perspektivlosigkeit entstandene Spielsucht wieder in den Griff zu bekommen. Damit Sie sehen, dass ich es ernst meine, schicke ich Ihnen ein Foto von mir mit für die Ahnengalerie der Schule.

Ich freue mich auf Sie,

Ihr Stephan Serin

Allerdings spricht die kühle, unpersönliche Art, in der die Einladung verfasst ist, dafür, dass so viel Herzblut in der Antwort schnell nach hinten losgehen kann. Offenbar ist sich Herr Doktor Menz sicher, einen geeigneten Kandidaten zu finden, und hält es nicht für nötig, um ihn zu werben. Da würde er mir zu großen Enthusiasmus möglicherweise als pure Verzweiflung auslegen. Ist es nicht so, dass sich auf dem Arbeitsmarkt diejenigen am besten verkaufen, die gekonnt zum Ausdruck bringen, eine Stelle gar nicht zu wollen, weil diese unter ihrem Niveau ist? Wäre unter dieser Prämisse nicht vorgespieltes Desinteresse am vielversprechendsten?

Sehr geehrte Schulleitung,

grundsätzlich habe ich kein Problem damit, bei Ihnen zu einem Vorstellungsgespräch anzutanzen. Ich sage mal: Anhören kann man es sich ja, was die andere Seite so zu bieten hat. Allerdings startet unsere Liaison unter denkbar schlechten Vorzeichen. Ich empfinde es doch als ziemlich kränkend, dass Sie es nicht für nötig erachten, mich in der E-Mail mit meinem Namen anzureden. Genauso schlimm ist es, dass Sie hinter meinem Rücken offenbar noch mit anderen Kandidaten in Verhandlung stehen. Oder wie muss ich das «Sehr geehrte Damen und Herren» verstehen? Ich deute das als Misstrauensbekundung meiner Person gegenüber. Unter diesen Voraussetzungen sehe ich mich nicht imstande, am 28. Juni zu Ihnen nach Zehlendorf zu kommen und dafür an der Rathenau-Sekundarschule in Marzahn zu fehlen, an der ich noch bis zum 29. Juni Vertretungslehrer bin. Sie sehen, ich habe noch andere berufliche Optionen. Ich brauche Ihr Angebot nicht. Dennoch bin ich bereit, Ihnen, sofern Sie mir in einer weiteren E-Mail deutlich machen, dass Sie mich wirklich wollen und sich für Ihr zweifelhaftes Vorgehen entschuldigen, eine zweite Chance zu gewähren. Allerdings müssten wir dann für das Vorstellungsgespräch einen Ersatztermin finden. Tragen Sie sich dazu bitte in meinen Kalender bei doodle ein. Den Link schicke ich Ihnen mit.

Mit freundlichen Grüßen,

Stephan Serin

Mmmmmh, das ist vielleicht doch zu dick aufgetragen. Herr Doktor Menz wird wissen, dass seine Schulleiterkollegen den Bewerbern mit den Fächern Französisch und Geschichte nicht gerade nachlaufen. Und vermutlich ist er überdies im Bilde, dass ich seit Beendigung meines Referendariats ohne feste Anstellung bin. Verdammt! So eine Antwortmail ist auch wirklich schwierig. Alle Fassungen erscheinen mir irgendwie ungeeignet. Ich entscheide mich schließlich für eine Mischung aus Variante 1 und 2. Begeistert bin ich nicht, aber immerhin mache ich mit ihr wohl auch nichts falsch.

Sehr geehrte Schulleitung,

hiermit bestätige ich meine Teilnahme zum Bewerbungsgespräch am 28. 06. 11. Vielen Dank für die Einladung.

Mit freundlichen Grüßen,

Stephan Serin

Jetzt kann ich nur hoffen und warten. Vor allem im Warten bin ich mittlerweile ziemlich gut.

November 2010, Kevin-Prince-Boateng-Sekundarschule, Wedding, Hofaufsicht am Ausgang zur Straße

Zwei Siebtklässler wollen das Schulgelände verlassen.

Ich: Stehen geblieben! Ihr müsst auf dem Hof bleiben!

Siebtklässler 1: Wir ham Schluss! Wir gehn nach Hause.

Ich: Ohne Schultasche, oder wie?

Siebtklässler 2: Isch komm imma ohne Tasche in Schule.

2Don’t smile before Christmas!

«Aufstehen! Los!» Mein Ton war gewollt militärisch-schneidig. Denn vor mir lauerten fünfundzwanzig unbekannte Schüler darauf, dass ich ihnen als neuer Lehrer eine Schwäche offenbarte. Der erste Moment war entscheidend. Davon hing ab, welchen Stand ich bei den Dreizehn- und Vierzehnjährigen zukünftig haben würde. Bei der 8a handelte es sich, so hatte mir Jonas, der Referendar gesteckt, um die Problemklasse des gesamten achten Jahrgangs. In ihr befanden sich fast ausschließlich Schüler, die mit einer Hauptschulempfehlung an die Rathenau-Sekundarschule gekommen waren. Die Schulleitung hatte sich dazu entschlossen, die schwächsten Lerner in einer Klasse zu konzentrieren und so von den Jungen und Mädchen mit Real- und Gymnasialempfehlung zu separieren. Der Grund war klar: um mit Letzteren richtigen Unterricht machen zu können.

Als nicht mehr ganz unbedarfter Vertretungslehrer wusste ich, wie viel vom ersten Eindruck abhing. Ich würde nicht den Fehler machen, den Jonas bei seinem ersten Auftritt in der 8a begangen hatte. Da hatte jemand von ihm wissen wollen: «Sind Sie sehr streng?» Jonas’ Antwort hätte unglücklicher nicht sein können: «Nee. Eigentlich eher locker.» Der Junge hatte daraufhin seine Sachen gepackt und den Raum verlassen. Unter diesem Fauxpas litt die Autorität des Referendars bis heute. Er hätte dem Typen für seine Frage besser gleich eine Sechs gegeben, um deutlich zu machen, wer hier der Boss war. Oder ihm entgegnet: «Ich bin kein strenger Lehrer, sondern ein nachdenklicher Lehrer.» Das hätte die Jugendlichen wenigstens verwirrt. Aber zumindest musste man Jonas zugutehalten, dass er durchhielt. Vier Lehrer hatte die Klasse immerhin schon in den Burnout getrieben – wovon ich Nutznießer war, da ich einen von ihnen vertrat.

Selbstverständlich gab es fatalere Auftritte als den von Jonas: «Guten Tag! Mein Name ist Sauerbaum-Korge. Ich bin die neue Geschichtsreferendarin. Das ist das erste Mal, dass ich alleine unterrichte. Deshalb kann es sein, dass ich einige Sachen nicht so gut hinbekomme. Ich bin auch ziemlich aufgeregt. Bitte habt dafür Verständnis! Ich werde meinerseits versuchen, euch gegenüber nachsichtig zu sein.» Oder zur Begrüßung die Gitarre herauszuholen, um Morning Has Broken von Cat Stevens anzustimmen und sich damit als softer Hippie zu outen. Oder vor die Klasse zu treten mit: «Guten Tag, mein Name ist Geil. Mir wäre es jedoch lieber, wenn ihr mich Thomas nennt.» Bei einem solchen Nachnamen sollte man vor Beginn einer Lehrertätigkeit schnell heiraten oder, sofern sich niemand dafür findet, ihn den Schülern gegenüber besser verschweigen: «Guten Tag, mein Name ist Herr G. Mehr müsst ihr nicht über mich wissen.» Ratsam ist dies schon deshalb, um die Phantasie der Jugendlichen nicht zu beflügeln: «Herr Geil, warum schauen Sie mich immer an. Wie geil sind Sie denn heute?» Und um nicht zynisch zu erscheinen, wenn man eine Klausur, für die man eine Sechs vergeben hat, mit «Geil» abzeichnet.

Denke ich an meine eigene Schulzeit zurück, fallen mir vor allem zwei Lehrer ein, bei denen wir durchweg gespurt haben: so bei meinem Biolehrer Herrn Schulz und bei meinem Mathelehrer Herrn Hardt. Betrat Herr Schulz den Raum, musterte er uns über seine Halbrandbrille hinweg und schob sie dabei etwas weiter nach vorne in Richtung seiner leicht geröteten Nasenspitze. Dann wartete er, bis sich die Unruhe gelegt hatte, um nacheinander auf Nikon, Sven, Bülent und mich zu deuten: «Du! Du! Du! Und du! Ihr werdet am Ende des Schuljahres alle eine Fünf im Zeugnis haben.» Er hatte uns nie zuvor gesehen, geschweige denn, dass er wusste, auf wen er gezeigt hatte, aber er sollte recht behalten. Wir hatten tatsächlich alle eine Fünf im Zeugnis. Bis auf Sven, der hatte eine Sechs.

Der erste Auftritt von Herrn Hardt in unserer Klasse war nicht weniger denkwürdig. Er eröffnete die Stunde, noch bevor er seinen Namen nannte, mit einem trocken erzählten Witz: Fritzchen kommt ins Schlafzimmer und sieht, wie Mami stöhnend auf Papa reitet. «Was macht ihr denn da?» Mama antwortet: «Ich massiere Papa gerade den Bauch weg!» Meint Fritzchen: «Das bringt doch nichts! Jeden Donnerstag kommt die Nachbarin und bläst ihn wieder auf!» Er hatte mit dieser platten Zote genau unseren Achte-Klasse-Humor getroffen. Wir bekamen uns fast nicht mehr ein. Seine schweinische Anekdote machte umso mehr Eindruck, als sie im völligen Gegensatz stand zur gravitätischen Erscheinung von Herrn Hardt. Er bewegte sich langsam, war groß gewachsen, schlank, hatte einen kahlen Kopf, einen ins Rötliche tendierenden gestutzten Schnurrbart und eine ausgesprochen tiefe Stimme. Er wirkte eher wie ein General denn wie ein Pädagoge. Als wir uns wieder beruhigt hatten, meinte er: «Mein Name ist Hardt – und ich garantiere euch, dass ihr in meinem Unterricht nie wieder etwas zu lachen habt, zu weinen dafür aber umso mehr.» Er hatte nicht zu viel versprochen. Jede Stunde bei ihm hatten meine Klassenkameraden und ich Angst, von ihm nach vorne an die Tafel geholt und dort wegen unserer Wissenslücken in nicht enden wollenden Verhören erniedrigt zu werden.

Natürlich hatte ich, meine beiden Lehrer vor Augen, im Prinzip schon zu Beginn meines Referendariats gewusst, dass man mit einer harten Hand langfristig die Schüler besser im Griff hatte, als wenn man den Kumpel gab. Auch ich kannte die Devise Don’t smile before Christmas, die jeder Lehrer bei einer zum Schuljahresbeginn neu übernommenen Klasse beachten sollte, wollte er nicht seine Autorität verspielen. Nur scheiterte ich permanent an der Umsetzung. Weil ich spätestens im September immer im Beisein der Schüler bereits über irgendwas Blödes lachen musste. Weil ich als blutjunger Referendar wie Jonas hoffte, sie vielleicht doch als Mensch, mit Vertrauen und Nachsicht, erreichen zu können. Und weil ich mir ihre Sympathien nicht verspielen durfte. Schließlich sollten sie mich nicht im Stich lassen, wenn meine Ausbilder meinen Unterricht inspizieren kamen. Bauchschmerzen und Tabletten waren die Folge meiner empathischen Art, denn die Jugendlichen tanzten mir bald auf der Nase herum. Doch selbst als ich am Ende versuchte, auf streng zu schalten, merkte ich selten eine Verbesserung. Zwar war hin und wieder zu hören: «Oh nee! Herr Serin. Scheiße. Der schreibt so viel Test. Der ist voll fies.» Aber solche Erfolge waren rar gesät.

Stattdessen vergeigte ich noch viele erste Momente mit neuen Klassen. Zunächst im Herbst 2009 am Zehlendorfer Monet-Gymnasium, meiner ersten Wirkungsstätte als Vertretungslehrer. In einer Hommage an Herrn Schulz drohte ich dort wahllos Schülern einer zehnten Klasse, sie würden auf dem Zeugnis eine Fünf von mir erhalten. Ich blieb im Ganzen nur zwei Monate an der Schule, und den Jugendlichen war von Anfang an klar: Nie und nimmer würde ich mein Vorhaben umsetzen können. Ich schaffte es nicht einmal, vor meinem Abgang alle Namen der Klasse zu lernen, weil die Jungen und Mädchen vor jeder Stunde andere Namensschilder vor sich auf den Platz stellten. Dann, im Frühjahr 2010, gab ich an der Hellersdorfer Fried-Gesamtschule vor einer neunten Klasse den Witz von Fritzchens sich liebenden Eltern zum Besten. Leider musste ich dabei die ganze Zeit kichern. Die Pointe ging völlig in meinem Lachen unter. Da wäre es absurd gewesen, ihnen im Anschluss zu drohen, dies sei ihr letzter Spaß bei mir gewesen.

An der privaten Arthur-Schnitzler-Schule, wo ich danach beschäftigt war, ließ ich in einem Kurs gleich in der ersten Stunde einen Test schreiben. Ich blieb nicht lange an dieser Einrichtung. Mehrere Schüler gaben mir am Ende den Rat, in einer neuen Lerngruppe zunächst etwas aus dem eigenen Leben zu erzählen, um eine Beziehung aufzubauen. Ich malte mir aus, wie das aussehen könnte: «Guten Tag, ich bin der Stephan und um die dreißig. Ich bin also nur wenig älter als Sie. Leider kam ich mit Klumpfüßen auf die Welt, sodass ich mehrmals operiert werden musste, viel Gips trug und erst mit fünf Jahren laufen lernte. Meine Eltern schickten mich anfangs auf eine Schule für Behinderte. Noch heute habe ich wegen meiner klumpfußbedingten dünnen Waden und wegen meiner Rückenverkrümmung Komplexe, weshalb ich nie kurze Hosen trage und nur ungern das T-Shirt ablege. Zum Glück hatte ich mit Melanie eine verständnisvolle Freundin, die mich trotz meiner körperlichen Unzulänglichkeiten achtete und schätzte. Sie hat mich wenige Wochen vor dem Ende meines Referendariats verlassen. Ich hänge immer noch an ihr. Hier ist ein Foto von ihr und mir von unserem letzten Urlaub auf Malle. Wir gingen oft an Nacktbadestrände.» Da konnte ich den Jugendlichen ja gleich mitteilen, in welcher Sauna man mich am Sonntagnachmittag antreffen konnte, oder ihnen verraten, welchen Beleidigungen ich früher ausgesetzt war.

Auch an der Kevin-Prince-Boateng-Sekundarschule im Wedding, an der ich bis Weihnachten 2010 unterrichtete, waren meine obligatorischen Misserfolge nicht ausgeblieben:

«Guten Tag, mein Name ist Serin. Ich werde euch so lange in Geschichte unterrichten, bis eure Lehrerin wieder da ist.»

«Sind Sie streng?»

«Ja!»

«Oh, schade!», riefen mehrere türkische Mädchen.

Augenblicklich untermauerte ich meine Behauptung: «Ich fange erst an, wenn Ruhe ist. Alles, was wir jetzt an Minuten verlieren, holen wir in der Pause nach. Ich stoppe die Zeit.»

Die Schüler quatschten trotzdem weiter, durchsetzt mit Einwürfen wie: «Ey, bei neue Lehrer muss man ruhisch sein. Musstu wissen, weißdu!»

«Selber ruhig!»

«Was bist du? Bitch?»

«Soll isch mal kommen?»

«Ey, dis is strenger Lehrer.»

«Ruhe. Der is sonst traurisch.»

«Ey, wie heißen Sie noch mal?»

«Wieiescheiße? Serin! Habiesch schon gesagt», imitierte ich ihren Jargon. «Wir machen länger. Ieschhab Zeit heute nach achter Stunde», erinnerte ich sie.

«Ischauch.»

«Ischnisch.»

Wahrscheinlich störte es sie nicht, den Unterricht in der Pause nachzuholen, da sie sowieso keinen Unterschied zwischen Unterricht und Pause machten.

Bei der 8a an der Rathenau-Sekundarschule in Marzahn schienen die Dinge für mich anders zu liegen. Herr Warner, der stellvertretende Schulleiter, gab sich sehr zuversichtlich, dass der Kollege ernster erkrankt sei und ich bis zu den Sommerferien würde bleiben können. Ich würde mit der 8a wohl sechs Monate zu tun haben – länger als je zuvor mit einer Klasse seit dem Referendariat. Ich hatte allen Grund, mir sofort Respekt zu verschaffen.

So brüllte ich also «Aufstehen! Los!» in besagt militärisch-schneidigem Ton ins Plenum. Die Schüler würden sich erst wieder setzen dürfen, wenn Ruhe war. Da ich gerade von einem Englisch unterrichtenden Kollegen den Hinweis bekommen hatte, Anweisungen in der Fremdsprache seien wirkungsvoller, hatte ich diesen Befehl auf Französisch erteilt: «Levez-vous! Allez!» Da die Jungen und Mädchen der 8a aber gar kein Französisch hatten, wurde ich auch nicht verstanden. Alle blieben sitzen. Ich musste meine Aufforderung auf Deutsch wiederholen: «Alle aufstehen! Los!»

Zu meiner Erleichterung erhob sich die Klasse, ohne zu protestieren, wenn auch zögerlich. Ein Junge in einem weißen Londsdale-Sweater und mit einem schwarzen Basecap auf dem Kopf ermahnte einen seiner Mitschüler: «Ey, Enrico! Herr Serin hat gesagt: ‹Aufstehen!›»

Der Angesprochene, ein etwas schmächtiger dunkelhaariger Junge mit Brille, saß im Rollstuhl. Ich hatte ihn bisher übersehen. Die Klasse brach sofort in Gelächter aus. Und zu meiner Schande konnte ich mir ebenfalls ein Grinsen nicht verkneifen. Zwar drehte ich mich schnell weg, aber einigen Jugendlichen war der Fehltritt nicht entgangen. Scheiße, scheiße, scheiße! Ich hatte mit dieser Entgleisung als Vorbild versagt. Vermutlich hatte ich zudem Enrico verletzt. Aber was hätte ich stattdessen äußern sollen? «Alle bis auf einen aufstehen! Los!» Oder: «Alle aufstehen, außer du da im Rollstuhl! Du kannst sitzen bleiben. Aber bitte gerade sitzen.» Oder: «Versuch einfach so weit aufzustehen, wie du kannst.» Ich musste meinen Ausrutscher ausbügeln: «’tschuldigung. War nicht so gemeint. Ich bin auch behindert. Hier!» Ich deutete auf meine Füße. Mist! Ich hatte meinen Einstieg schon wieder vergeigt.

Mai 2011, Rathenau-Sekundarschule, Marzahn, Gesamtkonferenz in der Mensa

Frau Stöcher (Schulleiterin): Von der Senatsverwaltung ist ein Schreiben gekommen, in dem sie darauf hinweist, dass sie jetzt bei Facebook ist.

Herr Specht: Und, wie viele Freunde hat sie?

Lang anhaltendes Gelächter unter den Kollegen.

3Nichts als Gespenster

Melanie rief an. Am 27. Mai 2009, das Datum sollte ich nicht so schnell vergessen, hatte sie mich verlassen. Nun war Ende September. Seit den drei Monaten unserer Trennung hatten wir uns zweimal gesprochen. Einmal war ich unangekündigt vorbeigefahren, um ihr vorzuwerfen, wie ungerecht es von ihr sei, mir den Laufpass gegeben zu haben: «Das ist wirklich unterstes Teenagerniveau. Bloß weil ich im Referendariat schwach und oft krank war und wir kaum Sex hatten. Hättest du mich auch verlassen, wenn ich Krebs bekommen hätte? Das ist herzlos. Das ist sozialdarwinistisch. Die Schwachen, Armen und Kranken werden aussortiert.» Sie hatte diese Vorwürfe als lächerlich abgetan. Später hatte ich trotz dieses Streits telefonisch vorgefühlt, ob vielleicht noch was zu machen wäre – sie fehlte mir einfach zu sehr. Abends konnte ich nicht einschlafen, und wenn es mir doch gelang, träumte ich von ihr. Aber auch bei diesem zweiten Anlauf holte ich mir eine Abfuhr.

Warum also jetzt dieses Telefonat? Hatte sie ihre Meinung geändert? Wollte sie mir doch eine zweite Chance geben? Oder wollte sie mir ihr Beileid aussprechen, weil Guido Westerwelle Außenminister einer schwarz-gelben Koalition wurde? Auf keinen Fall durfte ich den Eindruck vermitteln, als hätte ich nur auf einen Anruf von ihr gewartet. Es war nie gut, wenn man verzweifelt wirkte. Das schwächte die Verhandlungsposition. Ich musste derjenige sein, der die Bedingungen diktierte. Sie musste um mich werben. Schließlich hatte ich als Verlassener meine Würde zu verteidigen. Ich heuchelte Gleichgültigkeit, war kurz angebunden:

«Tut mir leid, aber ich bin gerade auf dem Sprung. Könntest du es vielleicht in den nächsten Tagen noch mal versuchen?»

«Ich rufe nur an», sagte Melanie, «weil du noch mein Buch Nichts als Gespenster von Judith Herrmann hast.»

«Ich?»

«Du hattest es dir geborgt.»

Falsch. Ich hatte es mir borgen müssen. Oft genug hatte sie mir vorgehalten, mich nicht für die Musik, die sie höre, die Filme, die sie gern schaue, und die Bücher, die sie lese, zu interessieren. Schließlich hatte ich so ein schlechtes Gewissen, dass ich sie darum bat, mir Nichts als Gespenster auszuleihen. Den Erzählband hatte ich neben ihrem Bett bemerkt.

«Ich bin aber bislang nicht ganz durch», log ich, denn ich hatte ihn verlegt, ohne einen Blick hineingeworfen zu haben.

«Red keinen Quatsch! Du hast nicht mal den Klappentext gelesen.»

«Das stimmt doch gar nicht! Woher willst du das wissen?»

«Ich kenn dich doch. Als wir noch zusammen waren, lag es die ganze Zeit in irgendeiner Ecke.» In irgendeiner Ecke. Aha! Aber in welcher? Vielleicht sollte ich meine Ex danach fragen. In dieser Ecke musste es weiterhin sein.

«Damals hatte ich keine Zeit, Bücher zu lesen. Jetzt tue ich das wieder. Und mit Nichts als Gespenster bin ich schon ziemlich weit. Frag mich doch, worum es geht.» So kleinlich würde sie nicht sein und meine Kenntnisse überprüfen wollen.

«Okay. Wie heißt der Liebhaber der Erzählerin in der Geschichte Ruth?»

«In der Geschichte Ruth? Willst du jetzt wirklich ein Quiz mit mir veranstalten?» Ich hatte keinen blassen Schimmer, wie der Name von diesem Typen war. Aber einen laufenden Computer und Google. Mit leisen Fingerspitzen tippte ich:

J … U … D … I … T … H …

Gleichzeitig versuchte ich, Melanie hinzuhalten: «Findest du es nicht ein bisschen albern, mich abzufragen?»

H … E … R … R …

«Wieso? Hast du doch selbst vorgeschlagen», erwiderte Melanie schnippisch.

M … A … N … N …

«Dennoch – nie hätte ich dir … hätte, äh …»

R … U … T … H

«Sag mal, schreibst du gerade was am Computer?», stutzte Melanie.

«Nein.» Vehement wies ich den Verdacht von mir.

«Natürlich schreibst du! Das höre ich doch ganz genau. Das hast du früher auch immer gemacht, wenn wir miteinander telefonierten. Toll! Danke! So wichtig ist dir also ein Gespräch mit mir.»

«Das ist mir sehr wichtig, Mensch! Ich wollte nur nachgucken, wie der blöde Typ aus der Judith-Herrmann-Geschichte heißt.»

«Von wegen gelesen. Wusste ich’s doch. Typisch!» Sie klang nicht gerade verwundert, aber trotzdem enttäuscht.

«Bis zur Erzählung Ruth bin ich noch nicht gekommen», verteidigte ich mich.

«Das ist die erste im Buch.»

«Du hast die Sachen, die ich dir geliehen habe, auch nicht immer gelesen», ging ich zum Gegenangriff über.

«Meinst du den Erotik-Comic?», spottete sie. «Tut mir leid, dass ich mich für deine sexuellen Phantasien nicht genauso erwärmt habe wie du.» Sie spielte auf Le Déclic von Milo Manara an, einem Südtiroler Comicautor. Dabei hatte ich ihr ausführlich erklärt, dass seine Arbeit selbst von seriösen Kritikern gelobt wurde. Aber sie vertrat die Ansicht, in den Feuilletonredaktionen säßen sowieso nur notgeile alte Männer.

«Immerhin ist es auf Französisch!» Ich variierte meine Fürsprache für Le Déclic.

Am anderen Ende der Leitung hörte ich Melanie lachen.

Dann sagte ich: «Außerdem hast du nicht einmal Wir können ja Freunde bleiben von Mawil gelesen.»

«Interessiert mich eben nicht, zu erfahren, warum ein Typ es nicht schafft, Mädchen ins Bett zu bekommen. Den Comic hast du mir sowieso nur geschenkt, weil du ihn selbst lesen wolltest.»

«Gar nicht.»

«Egal. Ich will nicht streiten. Könntest du mir das Buch schicken?»

«Schicken?», blaffte ich, tief in meinem Inneren verletzt. «Habe ich eine Krankheit, wegen der man mich nicht persönlich treffen darf?»

«Jetzt sei doch nicht albern. Du weißt, wie es beim letzten Mal gelaufen ist. Ein Treffen macht alles nur komplizierter.» Sie klang dabei fast fürsorglich.

In diesem Moment erinnerte ich mich an mein Vorhaben, dass ich derjenige sein wollte, der die Bedingungen diktierte. Diesen Anspruch wollte ich nicht aufgeben, wenngleich es augenblicklich nicht darum ging, ob wir wieder zusammenkamen, sondern nur um die Modalitäten einer Buchübergabe. Aber auch in scheinbar kleinen Dingen musste die Würde behauptet werden.

«Ich kann mir das Porto nicht leisten, da ich nur Vertretungslehrer bin und von heute auf morgen wieder arbeitslos sein kann.» Eine blödere Ausrede konnte mir kaum einfallen.

«Ist das wirklich dein Ernst? Du verarschst mich», stöhnte Melanie genervt.

«Nein.»

«Und was heißt das konkret?»

«Dass ich dir in absehbarer Zeit Judith Herrmann nicht schicken kann. Ich hab zudem andere Prioritäten, als zur Post zu rennen und Bücher zu versenden.» Und ich ließ weiter meine Muskeln spielen, damit sie begriff, dass ich nicht schwach und gefügig war. «Du kannst gern vorbeikommen und dir Nichts als Gespenster abholen. Ansonsten musst du dich gedulden, bis ich eine unbefristete Stelle gefunden habe.»

«Dann behalt es eben!» Ohne sich zu verabschieden, legte sie auf. Scheiße! Was hatte ich denn jetzt wieder falsch gemacht? Es war doch richtig, sich nicht alles bieten zu lassen. Selbstachtung galt auch für mich. Wahrscheinlich hätte ich das mit der unbefristeten Stelle nicht sagen dürfen. Dadurch wusste sie sofort, dass sie ewig auf das Buch warten konnte. Ebenso hätte ich besser einen neutraleren Ort als meine Wohnung vorschlagen sollen. Pokern war nicht meine Stärke. Jetzt würde ich mich doch wieder bei ihr melden müssen.

September 2010, Oktober 2010, Arthur-Schnitzler-Privatschule, Geschichte, 11. Klasse

Ich: Legen Sie die BZ weg! Wir haben jetzt Unterricht.

Leon: Ich les ja den Politikteil.

Ich: Toll! Und steht was drin?

Leon: Gibt fünf Euro mehr Hartz IV.

Ich: Na, ein Glück, sag ich mal. Da brauchen Sie sich in der Schule ja gar nicht mehr anzustrengen.

4«Du musst besser schreiben, das ist scheiße!»

«Ey, lassen Sie mich los! Ich bin nicht schwul», blökte mich Burt an, den ich an seinem grauen Kapuzensweater hielt, damit er mir Enricos Arbeitsblatt gab. Wütend versuchte er, sich zu befreien. Dabei hatte ihn die bald zu Ende gehende Ethikunterrichtsstunde dafür sensibilisieren sollen, dass sich Differenzen auch friedlich beilegen ließen. Doch das Austragen von Konflikten in zivilisierter Form gehörte nicht zu seinen Stärken. Seine Mitschüler waren, davon hatte ich mich oft genug überzeugen können, darin nicht besser. In der 8a setzte man eher auf Beleidigungen:

«Ey, bist du schwul, oder was? Gib mir ein’ Stift!»

«Ey, fass mich nicht an, du Homofürst!»

«Ey, du Knecht, weg da!»

«Ey, warum sitzt du hier? Du Hurensohn! Soll ich deine Mutter ficken?»

«Ey, was laberst du da?! Spuck mal nicht so, du Jude!»

Das waren nur einige O-Töne, mit denen sich die Jungen und Mädchen seit Januar 2011 beschimpften, seit ich an der Rathenau-Sekundarschule war. Jetzt war Anfang Februar. Und auch ich wurde regelmäßig Adressat ihrer Verbalinjurien. Wenn es um Beleidigungen ging, war ich für sie einer von ihnen.

Das war auch der Grund, warum ich in Ethik, jenem Fach, in dem ich die Schüler neben Geschichte unterrichtete, an diesem Morgen eine Einheit zum Thema Kommunikationsregeln begonnen hatte. Sie sollten lernen, wie man Misserfolge und Enttäuschungen besser artikulierte. Niemand schien den Jugendlichen beigebracht zu haben, dass man bei seinem Gegenüber mehr erreichte, wenn man sich an bestimmte Konventionen hielt, statt den anderen einfach nur anzupöbeln.

Eine Schmähung wie «Du bist voll eklig, du Schwein!» ruft beim Empfänger der Botschaft nur Abwehrreflexe und Aggressionen hervor, weil dieser sich angegriffen fühlt. Sinnvoller ist es daher, die Nachricht in vier Elemente zu zerlegen. Erstes Element ist die Beschreibung des Verhaltens/Auftretens, das einen stört. Zweites Element: das Gefühl, das dieses Verhalten/Auftreten bei einem selbst auslöst. Drittes Element: die Folgen, die dieses Verhalten/Auftreten für einen hat, und letztes: Welche Verhaltensänderung man sich wünscht. Unter Beachtung dieser Vorgaben ist eine Formulierung wie «Du bist voll eklig, du Schwein!» gleich viel weniger beleidigend, denn man würde nun stattdessen sagen: «Du riechst für mich sehr unangenehm. Mich macht das wütend, weil ich so die ganze Zeit nicht durch die Nase atmen kann. Ich möchte gern, dass du dich öfter wäschst und deine Kleidung regelmäßig wechselst.» Eine solche Umschreibung ist nicht verletzend, und der Gesprächspartner erhält zugleich eine konstruktive Anleitung, wie er zukünftig zwischenmenschliche Spannungen vermeiden kann.

Konnte ich ein solches Vorgehen meinen Schülern verständlich machen, so meine Hoffnung, würden sie vielleicht friedlich agieren, sich gegenseitig respektieren, Fremdes als gleichwertig achten und über die Notwendigkeit gemeinsamer Werte für den Zusammenhalt der Gesellschaft nachdenken. Das jedenfalls wurde im Fach Ethik angestrebt. Doch bis dahin war es noch ein weiter Weg.

Allein die Erläuterung der vier Aspekte einer beleidigungsfreien Nachricht hatte mich immense Kraft gekostet. Statt der ursprünglich geplanten fünf brauchte ich dafür zwanzig Minuten. Permanent musste ich gegen einen Geräuschpegel ankämpfen, der in etwa dem eines Motörhead-Konzerts vergleichbar