Mut zur Patchwork-Familie - Inga Bethke-Brenken - E-Book

Mut zur Patchwork-Familie E-Book

Inga Bethke-Brenken

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Beschreibung

Wir sind eine Familie! Wer sich nach einer Trennung auf einen neuen Partner einlässt, traut sich was. Wer sich auf eine neue Familie einlässt, braucht eine gehörige Portion Mut - und häufig guten Rat. Dieses Buch gibt praktische Hilfestellung für brenzlige Situationen im Alltag einer Patchwork-Familie. Wie lassen sich die komplexen Familienbeziehungen gestalten, damit sie für Eltern und Kinder ein Gewinn werden? Wie kann man schwierige Verhaltensmuster im Zusammenleben erkennen und verändern? Wo findet man notfalls Unterstützung? Einfühlsam beschreiben die Autoren die besondere Situation von Patchwork-Familien. Sie zeigen, wie Eltern die anfängliche Begeisterung erhalten und in Phasen von Unsicherheit den Familienzusammenhalt stärken und neues Vertrauen schaffen können.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Inga Bethke-Brenken, Paar- und Familientherapeutin, Beratungslehrerin, Leitung der Abteilung Lehrertraining am Hamburger Landesinstitut für Lehrerbildung, und Dr. Günter Brenken, Wirtschaftsingenieur, Manager, Paar- und Familientherapeut, Supervisor, Dozent in der Erwachsenenbildung, leiteten zusammen Seminare zu Themen wie Familien- und Paarberatung, Konflikttraining sowie Perspektiven im Ruhestand. Sie leben in einer Patchwork-Familie mit zwei erwachsenen Kindern.

Von den Autoren außerdem im Ernst Reinhardt Verlag erhältlich: „Aufbruch in den Ruhestand. Anleitung zum Gestalten und Genießen“ (ISBN 978-3-497-02150-5).

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über <http://dnb.d-nb.de> abrufbar.

ISBN 978-3-497-61427-1 (PDF-E-Book)

ISBN 978-3-497-61428-8 (EPUB)

© 2020 by Ernst Reinhardt, GmbH & Co KG, Verlag, München

Dieses Werk, einschließlich aller seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne schriftliche Zustimmung der Ernst Reinhardt GmbH & Co KG, München, unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen in andere Sprachen, Mikroverfilmungen und für die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Reihenkonzeption Umschlag: Oliver Linke, Hohenschäftlarn

Covermotiv: © Infinite XX – Fotolia.com

Satz: Arnold & Domnick, Leipzig

Ernst Reinhardt Verlag, Kemnatenstr. 46, D-80639 München

Net: www.reinhardt-verlag.de E-Mail: [email protected]

Inhalt

Vorwort

1 Patchwork-Familien, eine besondere Form der Familiengemeinschaft

1.1 Ja, wir werden es schaffen!

1.2 Was ist das Neue an diesen Familien?

1.3 Von der Restfamilie zur Patchwork-Familie

2 Paar sein und Eltern werden

2.1 Welchen „Rucksack“ bringen die Partner mit?

2.2 Verhalten der Partner in Stress-Situationen

2.3 Das Paar formt die neue Familie

2.4 Als Patchwork-Vater aufgenommen werden

2.5 Einbeziehen des außen lebenden Vaters

2.6 Vorschlag für einen Elternpakt

2.7 Kommunikation in der Patchwork-Familie

3 Die Kinder auf dem Weg in die neue Familie

3.1 Unterschiedliche Entwicklungsstufen der Kinder

3.2 Welchen „Rucksack“ bringen die Kinder mit?

3.3 Sich einstellen auf die neue Familiensituation

3.4 Stolpersteine auf dem Weg der Kinder in die Patchwork-Familie

3.5 Kontakt der Kinder zum außen lebenden Vater

4 Entwicklungsphasen einer Patchwork-Familie

4.1 Kennenlernen und Eingewöhnen (Forming-Phase)

4.2 Konflikte wahrnehmen und akzeptieren (Storming-Phase)

4.3 Verabredungen treffen und einhalten (Norming-Phase)

4.4 Vertrauen und Zusammenhalt erleben (Performing-Phase)

4.5 Ablösung und Trennung (Separating-Phase)

4.6 Wenn Schwierigkeiten wachsen

5 Komplexe Patchwork-Familien – größere Herausforderungen

5.1 Kinder des Patchwork-Vaters kommen zu Besuch

5.2 Geburt eines Kindes in der Patchwork-Familie

5.3 Der außen lebende Vater erwartet ein Kind

5.4 Zwei Restfamilien ziehen zusammen

5.5 Kontakte zwischen Geschwistern verschiedener Herkunft

5.6 Die Patchwork-Mutter wird nicht anerkannt

5.7 Großeltern leiden mit

5.8 Gemeinsames Wohnen planen

6 Für eine stärkende Stimmung sorgen

6.1 Das Konzept der Resilienz

6.2 Uns selbst und unsere Umwelt akzeptieren

6.3 Eine optimistische Lebenseinstellung bewahren

6.4 Lösungen für eine verbesserte Lebensweise finden

6.5 Soziale Bindungen pflegen

7 Mut zur Patchwork-Familie

Literatur

Übersicht: Übungen zur Kommunikation

Internetadressen

Sachregister

Vorwort

Patchwork-Arbeiten bestehen aus vielen einzelnen Flicken. Sie werden zu einem Ganzen durch das Zusammenfügen dieser Flicken. Oft unscheinbare Nähte geben den Halt. Genauso wie in der Patchwork-Familie. Wer näht? Die Eltern werden dies tun, vorsichtig und doch wirkungsvoll, optimistisch mit Akzeptanz der gegebenen Umstände. Das ist nicht ganz einfach, aber machbar. Stolpersteine tauchen auf. Der Hinweis darauf soll nicht dazu führen, dass Patchwork-Eltern zu Bedenkenträgern werden, sondern fordert sie zu Achtsamkeit bei ihrem persönlichen Handeln auf. Gewinnen Sie Zuversicht und Tatkraft für die Erfüllung Ihres neuen Lebensziels, eine Patchwork-Familie aufzubauen.

Wir Autoren haben es auch geschafft, Höhen und Tiefen zum Trotz. Die gemeinsame Familientherapieausbildung hat uns über manche Stolpersteine gehoben. Sie ist zugleich durch die Zusammenarbeit in Beratungen und Kursen ein wichtiger Teil unserer Gemeinsamkeit geworden.

Unsere Sichtweise auf das Gelingen von Patchwork-Familien ist geprägt von der integrativen, systemischen Paar- und Familientherapie – über fünf Jahre vermittelt von Professor Kirschenbaum, USA, und seinem deutschen Team. Ergänzt wurde diese Ausbildung durch eine intensive Einführung in die Denk- und Arbeitsweise der lösungsorientierten Kurzzeittherapie durch Professor de Shazer und seine Frau Insoo Kim Berg, USA. Beide Therapieformen setzen auf die zügige Lösung von Problemen bei gleichzeitiger Stärkung der persönlichen Ressourcen und Befindlichkeit. Damit ist unser Buch positiv auf die Bewältigung der manchmal komplexen Probleme einer Patchwork-Familie ausgerichtet: Resilientes Denken und Verhalten unterstützt diesen Prozess, setzt auf Akzeptanz der persönlichen Lebensumstände und ist verbunden mit realistischem Optimismus zur Lösung der familiären Fragen. Beides, Akzeptanz und Optimismus, sollen die verunsicherten Kinder in die neue Patchwork-Familie begleiten.

Diese Sichtweise versuchen wir vor allem Patchwork-Eltern als Vorbilder der Kinder zu vermitteln. Denn sie sind in hohem Maße verantwortlich für die Prägung des Familienlebens. Insbesondere beeinflussen sie die Stimmung unter den Familienmitgliedern. Das gilt nicht nur für den Umgang mit den Verlustängsten direkt nach der Trennung, sondern auch für ermutigende Aktivitäten ausgerichtet auf die neue Familienzukunft. Mit der Entscheidung für eine Patchwork-Familie übernehmen Eltern gleichzeitig besondere Verantwortung für das Gelingen dieser Familienform im Interesse eines persönlichen Wachstums ihrer Kinder. Durch einen Erziehungsstil, der die Kinder als Individuen ernst nimmt, der ihnen Mitsprache einräumt und Jugendliche als gleichberechtigt ansieht.

Wir schreiben dieses Buch für Betroffene, aber auch für Berater, die regelmäßig mit diesen Themen in Kontakt kommen. Das Buch soll die Besonderheiten von Patchwork-Familien mit ihrer Dynamik wiedergeben. Wir haben den pragmatischen Teil des Alltagslebens dieser Familien untersucht und Ideen für die Weiterentwicklung als Rüstzeug zur Orientierung gefunden.

Die Dynamik in der Patchwork-Familie wird von drei Seiten betrachtet: Das Funktionieren des Zusammenspiels der beteiligten Rollen und ihrer Tücken ist Thema in den Kapiteln 2, 3 und 5. In Kapitel 4 wird die wechselhafte Entwicklung von Patchwork-Familien in fünf Phasen vorgestellt. Und schließlich werden vier Grundhaltungen empfohlen, um die Stimmung in der Familie aufzuhellen. Ergänzend sind Anregungen und Übungen als Stichwortgeber in den Text eingefügt, damit Betroffene Auswege aus verworrenen Situationen finden können.

Wir wurden von Klienten, von durch Trennung betroffene Freunde und Bekannte beim Schreiben unseres Buches unterstützt. Aus zahlreichen Patchwork-Familien erhielten wir Ideen und konnten Beispiele sammeln, die von uns allerdings anonymisiert wurden. Wir erfuhren, wie schwierige Situationen gemeinsam gemeistert wurden und neue Perspektiven entwickelt werden konnten. Dankbar sind wir für ermutigende Empfehlungen, die uns von Patchwork-Paaren gegeben wurden und die wir hinten veröffentlichen.

Besonders herzlich möchten wir Thyra Stodollik danken, die als Paar- und Familienberaterin zahlreiche Hinweise zum Text gegeben und uns wohlwollend kritisch begleitet hat. Schließlich wurden wir wieder von unserer Lektorin, Frau Landersdorfer, sehr umsichtig betreut.

Inga Bethke-Brenken und Günter Brenken

Hamburg, Sommer 2020

1Patchwork-Familien, eine besondere Form der Familiengemeinschaft

1.1 Ja, wir werden es schaffen!

Wir starten mit einem Beispiel:

Sie – alleinerziehend – zwei Kinder – geschieden

Er – keine Kinder – geschieden

„Ich bin frisch verliebt, alles ist so aufregend, ich fühle mich energiegeladen wie in früheren Zeiten!“ schwärmt eine junge, alleinerziehende Mutter. Gleichzeitig ist sie verunsichert: „Was werden meine Kinder dazu sagen? Ob sie meinen neuen Freund mögen? Werden sie sich mit ihm anfreunden können? Werden sie ihn sogar als Vaterfigur akzeptieren?“ Mütterliche Sehnsüchte und Befürchtungen bestimmen die Startbereitschaft in die Familienkonstellation der Patchwork-Familie.

Der neue Partner weiß nicht so recht: „Ich bin vernarrt in diese Frau, aber werden mich die Kinder als Vater annehmen? Will ich überhaupt mit Kindern leben? Soll ich es wagen, mit Frau und Kindern zusammenzuziehen?“

Nicht nur Freude über die neue Liebe zueinander, sondern auch Skepsis begleitet dieses frisch verliebte Paar. Ihr Verhältnis ist sicherlich anders als das zu Beginn einer unbeschwerten, kinderlosen Paarbeziehung. In Patchwork-Familien spürt jeder Partner die problematische familiäre Vergangenheit des anderen mit der nervigen Trennung, mit den enttäuschten Kindern und mit dem „bösen“ Expartner bzw. außen lebenden Vater.

Und was wird der leibliche Vater denken, der als Expartner und Teil der Erstfamilie im Hintergrund bleibt? „Schön, dass meine Ex jemanden gefunden hat, das wird unseren Umgang mit den Kindern erleichtern!“ Es könnte aber auch anders sein: „Muss sie die Kinder noch durch einen neuen Lebensgefährten irritieren? Wird er überhaupt die ganze Familiensituation mittragen? Werde ich ihn als Konkurrenten in meiner Vaterrolle empfinden?“

Schließlich gehören noch Großeltern zur Familie: „Hoffentlich ist das eine Entlastung für unsere Tochter / Schwiegertochter und vielleicht auch für uns!“ Oder aber auch: „Nach den Wirren von Trennung und Scheidung wäre es besser, wenn erstmal Ruhe in der Familie einkehrt. Wieso konfrontiert die Mutter diese armen Kinder jetzt noch mit einem neuen Mann?“

Das sind unkalkulierbare Signale. Viele Alleinerziehende belassen es deswegen lieber bei ihrer Familienkonstellation als „Restfamilie“. Andere ziehen trotzdem die Gründung einer Patchwork-Familie vor. Ihnen mag es darum gehen, einen Partner zur Seite zu haben, der bei Schwierigkeiten und Tiefen in der Familie unterstützend wirkt, der Verlässlichkeit garantiert. Der ein Männervorbild sein könnte, der den Kindern zusammen mit der Partnerin ein Vorbild für Partnerschaft bietet und mit allen gemeinsame Freuden und Leiden teilt.

» Aufbruch in die Patchwork-Familie

„Wir werden das schon schaffen“, sagen sich viele Alleinerziehende. „Den Streit und das Chaos in der Vergangenheit haben wir gut überstanden, jetzt trauen wir uns zu, wieder eine echte Familie zu werden.“ Aber ganz so einfach wird es nicht gehen. Es reicht nicht aus, wenn die Mutter denkt: „Ich bin ja schon erfahren und weiß, wie eine Familie funktioniert.“ Vielleicht sagt sich der neue Partner: „Ich hab ja schließlich auch in einer Familie gelebt – als Sohn meiner Eltern. Ich weiß, wie ich ein guter Familienvater werden kann.“ Doch die gesellschaftliche Realität ist erschreckend: Über die Hälfte der Patchwork-Paare trennen sich wieder. Unabhängig von dem Trennungsschmerz der Erwachsenen fühlen sich die betroffenen Kinder dann erneut einer Verunsicherung und weiteren Trennungserfahrung ausgesetzt.

Wieso scheitert die Mehrheit solcher neu zusammengesetzten Familien? Die meisten Paare meinen, dass das Leben in einer Patchwork-Familie dem in einer üblichen Erstfamilie entspreche. Vieles ist sicher gleich oder ähnlich: die Unterstützung der Kinder, deren Erziehung, die Verlässlichkeit der Eltern. Doch jetzt gelten besondere Bedingungen: Durch den plötzlichen Eintritt des Patchwork-Vaters in die Restfamilie entsteht eine völlig neue Situation. Die Kinder sind überrascht, sie befürchten eine Konkurrenz zum Vater. Der Partner der Mutter soll jetzt zu einer Familie gehören, die für sich inzwischen funktioniert. Wird er aufgenommen werden? Persönliche Initiative und Überzeugungsarbeit der Mutter werden erforderlich sein.

Der Prozess des Aufbaus einer üblichen, „normalen“ Familie zieht sich in der Regel über mehrere Jahre hin. Jetzt in der Patchwork-Familie passiert fast alles auf einmal: Es entfallen die Flitterwochen für das Paar, weil sie sofort als Eltern gefordert sind. Die Rollen in der Familie sind plötzlich unklar, es gibt Widerstände gegen mögliche Veränderungen: Darf der neue Vater, der Patchwork-Vater, überhaupt in die Erziehung eingreifen? Sehen die Großeltern jetzt die Enkel weiterhin regelmäßig? Und nicht zuletzt fragt sich der leibliche Vater, ob er in dieser neuen Familie noch gebraucht wird oder ob sich die Kinder ihm langsam entziehen werden.

Intensive Kontakte werden erforderlich: Mit den Kindern muss über die Rolle des neuen Partners der Mutter gesprochen werden. Inwieweit soll er auch eine Erzieherrolle übernehmen? Sie müssen Erfahrungen mit ihm sammeln: Welche besonderen Qualitäten bringt er mit? Wie soll der bisherige Kontakt zum leiblichen Vater weitergeführt werden? Wie lässt sich eine konfliktfreie Kommunikation zwischen den Expartnern ermöglichen? Wie viel Zeit bleibt dem Patchwork-Paar, seine Liebe zu pflegen?

» Es ist zu schaffen

Hier ein Beispiel für besondere Herausforderungen:

Wir haben eine Patchwork-Familie begleitet, die zu scheitern drohte. Anlass für unsere Beratung war, dass der älteste Sohn (11 Jahre alt) ständig nachts einnässte. Die ersten Beratungsgespräche fanden im Wohnzimmer der Familie statt. Anwesend waren die Mutter Helga, der Patchwork-Vater Helmut und der Sohn bzw. Klient Kai sowie das gemeinsame Baby der Patchwork-Eltern, Tochter Lena. Die Eltern erzählten unverblümt von Höhen und Tiefen ihres familiären Zusammenlebens. Kai trug dazu auch bei, insbesondere berichtete er über seine regelmäßigen, guten Kontakte zu seinem leiblichen Vater und seine interessanten Unternehmungen mit den neuen Eltern. Wir hatten das Gefühl, dass er seinen Patchwork-Vater als Freund und Helfer anerkennen konnte. Auffällig waren zwei Dinge:

1. Der Patchwork-Vater Helmut wurde bei Streit zwischen dem Paar häufiger von der Mutter für mehrere Tage in seine alte Wohnung verbannt.

2. Das Paar hatte in der engen Wohnung und mit dem ständig laufenden Fernseher nur sehr begrenzt Raum für den Austausch persönlicher Erlebnisse oder Aussprachen.

Nachdem wir mit Kai ein paar Maßnahmen zur Kontrolle seiner Einnässzeiten verabredet hatten, besprachen wir ab der dritten Sitzung die oben genannten Auffälligkeiten von Kai allein mit dem Paar. Wir erörterten Lösungsmöglichkeiten für weniger Streit und besseres Miteinander-Reden der Eltern. Wir deuteten an, dass Kai in der neuen Familiensituation sicherlich gestärkt würde, wenn er sie beide in ihrer Partnerschaft konfliktfreier erleben könnte. Dann wäre die Gefahr gebannt, dass alte Trennungsängste wieder aufleben. Das Paar schlug vor, dass es sich einmal wöchentlich zu einem gemeinsamen Abend in der benachbarten Pizzeria treffen könnte, um ungestört Zeit allein für sich zu verbringen. Kai würde voraussichtlich bereit sein, an diesen Abenden auf das Baby aufzupassen.

Der Erfolg zeigte sich bald: In der sechsten Sitzung (also zehn Wochen später) berichteten die Erwachsenen übereinstimmend, dass Kai inzwischen nicht mehr einnässte. Sie selbst könnten geduldiger miteinander reden und sich abstimmen. Die Treffen in der Pizzeria wären reine Erholung. Nach zwei weiteren Beratungssitzungen erfuhren wir, dass die Patchwork-Eltern inzwischen in der Familie deutlich gelassener und vertrauensvoller zusammenlebten. Sie teilten uns ihren mutigen Entschluss mit, heiraten zu wollen.

Wir haben bewusst ein Beispiel für die Weiterentwicklung der Partnerschaft gewählt: Der nachts einnässende Sohn reagierte erstaunlich schnell auf die veränderte Familienatmosphäre, auf die harmonischere Partnerschaft, er spürte plötzlich eine neue für ihn notwendige Nestwärme.

Sie sehen, Probleme lassen sich lösen. Dafür brauchen alle Beteiligten Geduld. Voneinander Lernen ist angesagt, insbesondere werden auch die Eltern von den Kindern lernen.

» Die Patchwork-Familie: Personen und Begriffe

Wir wollen uns schließlich noch mit dem Begriff Stieffamilie, Stiefmutter, Stiefvater auseinandersetzen. Die Vorsilbe „Stief-“ ist belastet. Ob sie einmal einen positiven und vertrauten Beiklang annimmt oder ein weniger belastender Begriff sich durchsetzen wird, ist offen. „Stief-“ ist verwandt mit dem englischen „step“, was beraubt, verwaist, abgestumpft bedeutet, es wird in unserer Gesellschaft mit „vernachlässigt“ übersetzt. Auseinandersetzungen, Verlust, Trauer scheinen eine Stieffamilie zu prägen (Krähenbühl et al. 2007, 86 f). Negative Assoziationen wie böse, lieblos, ungerecht, hart, falsch werden verstärkt durch das grausame Bild der Stiefmutter in Märchen, in denen Flucht als einziger Ausweg erscheint:

■ Schneewittchen hatte es nach dem Tod ihrer Mutter mit einer Stiefmutter zu tun, die ihr nach dem Leben trachtete.

■ Aschenputtels Mutter verstarb sehr früh, sie wurde von Stiefmutter und Stiefschwestern unwürdig behandelt.

■ Hänsel und Gretel werden von beiden Eltern, nicht nur von der bösen Stiefmutter allein, in den Wald gedrängt, damit sie verschwinden und verhungern.

Anders werden die Begriffe Stiefmutter und Stiefvater in Frankreich benutzt: Dort geht es um „belle mère“ (wörtl. „schöne“ Mutter) oder „beau père“ (wörtl. „schöner“ Vater), um positiv besetzte Bilder.

Ermutigung und Optimismus, eine Stieffamilie aufzubauen, verbreitet ausnahmsweise der alte Hollywoodfilm „Hausboot“: In diesem gewinnt ein verwitweter Vater mit seinen zwei Söhnen und seiner Tochter eine Frau dazu, die neue Mutter zu werden. Die Vier heißen sie fröhlich in ihrer Runde willkommen.

In unseren Befragungen wehrten sich alle 35 Patchwork-Eltern gegen die Begriffe Stieffamilie, Stiefmutter und Stiefvater. Sie lehnen die Bezeichnungen ab, weil sie darin einen negativen Beiklang hören. Sie haben positiv erlebt, wie eine neue Familie entstehen kann und wollen diese Erfahrung nicht mit einer negativen Assoziation verbinden. Wir haben uns deshalb zur Benutzung folgender Namen entschieden:

■Patchwork-Familie: Uns selbst ist der Begriff Patchwork-Familie vertrauter und angenehmer als „Stieffamilie“. Er trifft auch die heutige Situation mit den vielfältig zusammengesetzten Familienformen genauer. Mit „Patchwork“ verbindet man etwas Zusammengewürfeltes, gern etwas Buntes, sei es ein Flickenteppich oder eine originelle Decke. Die Aussicht auf Erneuerung, Besonderheit und Wärme sind unsere Assoziationen. Und nicht zuletzt ist dieser Begriff inzwischen in unserer Gesellschaft üblich und bekannt.

■ Die ursprüngliche Familie wird Erstfamilie oder Kernfamilie genannt, die aus der Trennung hervorgehende Familie wird als Restfamilie bezeichnet.

■Patchwork-Eltern oder Patchwork-Paar: Damit werden die früher alleinerziehende Mutter oder der alleinerziehende Vater mit ihrem neuen Partner / mit seiner neuen Partnerin in der Patchwork-Familie bezeichnet. Wir machen keinen Unterschied, ob das Paar verheiratet oder unverheiratet zusammenlebt.

■Leibliche Eltern: Hier meinen wir das getrennte bzw. geschiedene Paar der Erstfamilie. Wir sprechen bei der von uns später vorgestellten Modellfamilie von der Mutter und dem außen lebenden Vater als den erziehungsberechtigten Eltern.

■Stiefvater und Stiefmutter: Diese Begriffe wurden bei unseren Interviews für den alltäglichen Sprachgebrauch besonders engagiert abgelehnt. Stattdessen werden Bezeichnungen wie Patchwork-Vater oder Patchwork-Mutter, sozialer Vater oder soziale Mutter oder seltener Co-Vater / Co-Mutter oder Zweitvater / Zweitmutter benutzt. Üblich ist in vielen Familien, dass diese Personen mit ihrem Vornamen angeredet werden. Wir haben uns entschieden, im Text die Begriffe Patchwork-Vater oder Patchwork-Mutter oder auch ihre Ersatzbegriffe zu verwenden. Die Bezeichnungen Stiefvater / -mutter werden nur in Sonderfällen benutzt.

■ Die in der Patchwork-Familie lebenden Kinder werden als Kinder bezeichnet. Die außen lebenden Kinder des Patchwork-Vaters oder der Patchwork-Mutter nennen wir Gastkinder.

■Patchwork-Großeltern: Wir bezeichnen damit die Eltern der Patchwork-Mutter oder des Patchwork-Vaters.

1.2 Was ist das Neue an diesen Familien?

Die einfachste Patchwork-Familienform und zugleich die häufigste Variante ist das Zusammengehen einer Restfamilie bestehend aus Mutter und ihren Kindern mit einem bisher allein lebenden oder geschiedenen Mann ohne Kinder. Das in Abbildung 1 dargestellte Strukturschema soll die Vernetzung der einzelnen Familienmitglieder verdeutlichen. Es wird unterschieden zwischen Partner- und Elternebene. Beim getrennt lebenden Paar besteht die Verbindung also nur noch über die Elternebene zu den Kindern. Die Anbindung des Patchwork-Vaters an die Kinder ist gestrichelt gezeichnet, weil er nur eine soziale Elternfunktion hat.

Wir werden unsere Darstellung erst einmal auf diesen engeren Personenkreis beschränken, um die typischen Themen und grundlegenden Probleme, die Patchwork-Familien berühren, gezielter zum Ausdruck bringen zu können. Zu unserem „Modell“ einer einfachen Patchwork-Familie gehören dementsprechend

1. die geschiedene oder alleinerziehende Mutter, die die soziale Fürsorge für die Kinder hat,

2.der Patchwork-Vater, dessen erste Beziehung auseinandergegangen ist und der als Lebensgefährte der Mutter zu seiner neuen Rolle ernannt wird,

3. die Kinder der Mutter aus erster Beziehung oder Ehe, die mit beiden zusammenleben. Der Sohn ist elf Jahre alt, die Tochter sieben,

4. der leibliche Vater, der außen lebt, einen mehr oder weniger regelmäßigen Kontakt zu den Kindern pflegt und mit einer neuen Partnerin zusammenwohnt. Er ist als erziehungsberechtigter Vater der Kinder mit der Patchwork-Familie verbunden.

Abb. 1: Struktur einer einfachen Patchwork-Familie

Es gibt vielfältige Konstruktionen von Patchwork-Familien. Eine Variante ist das Zusammengehen von zwei Restfamilien, wie in Abbildung 2 dargestellt (später auch als Abb. 9).

Noch verwirrender wird es, wenn der Patchwork-Vater aus einer früheren Beziehung ein Kind hat, das aber in einer anderen Patchwork-Familie lebt. Verwirrender wird es deswegen, weil der Kreis der Verwandten, die sich um diese Patchwork-Familie schart, immer größer und unübersichtlicher wird. Auf diese komplexen Patchwork-Familien werden wir in Kapitel 5 näher eingehen.

Abb. 2:Zwei Restfamilien werden zu einer Patchwork-Familie

Jeder von uns hat Vorstellungen, wie „normale“ Familien funktionieren. Was genau ist das Besondere an Patchwork-Familien? Klar ist:

■ Die Mitglieder der Restfamilie (also nach Auszug des Expartners) haben das Auseinanderbrechen einer Partnerschaft und eine Veränderung der Eltern-Kind-Beziehung durchgemacht. Sie mussten eine zweite Familienkonstellation erfahren. Sie sollen nun eine dritte Familienform, die Patchwork-Familie, erleben. (Der Verlust eines Elternteils durch Tod sprengt den Rahmen unseres Buches, die Themen und Probleme sind aber weitgehend identisch.)

■ Der Vater der Kinder wohnt inzwischen außerhalb der Patchwork-Familie.

■ Die Beziehungen der Mitglieder der Restfamilie untereinander sind älter als die gegenwärtige Paarbeziehung.

■ Die Kinder haben sich den Patchwork-Vater nicht ausgesucht.

■ Der für die Kinder noch fremde Besucher soll aus Sicht der Mutter ein geschätzter sozialer Vater werden.

■ Der Patchwork-Vater bringt ein anderes Verhalten und unterschiedliche Familienregeln mit, als der Expartner bzw. der leibliche Vater sie verkörperte.

Und nicht zuletzt führte immer ein Zerwürfnis des Elternpaares zur Trennung und damit zu einer Krise, die die Kinder ebenso betrifft wie ihre Eltern. Gefühle von Trauer und Alleingelassensein, von Verraten- und Verletztwerden empfinden die Kinder. Die räumliche Trennung vom leiblichen Vater und seine Besuche bei ihm schmerzen wie eine offene Wunde, weil die wieder aufflammenden Hoffnungen der Kinder auf eine erneute Annäherung der Eltern ständig enttäuscht werden. Wichtig ist wahrzunehmen, dass sich in der Patchwork-Familie drei zeitlich unterschiedliche Vorstellungen von Familie kreuzen:

■ Die Kinder wollen in der Vergangenheit verharren, sie wünschen sich ihren Vater zurück oder zumindest die kleinere Restfamilie.

■ Die Mutter will von der Vergangenheit loskommen und steht für die Gegenwart als Alleinerziehende und für die Zukunft als Patchwork-Familie.

■ Und der neue Patchwork-Vater denkt an die Zukunft dieser Familie, daran, dass er eine Familie gewinnt.

Für jeden lässt sich Verständnis aufbringen, jede Wunschvorstellung ist für sich genommen berechtigt. Kinder, Mutter und Patchwork-Vater unterscheiden sich in ihren Phantasien, wie Familie sein oder werden soll. Jede einzelne Vorstellung ist von entsprechenden Gefühlen und unterschiedlichem Verhalten gegenüber den einzelnen Familienmitgliedern begleitet.

1.3 Von der Restfamilie zur Patchwork-Familie

Wie jede Erstfamilie macht die Patchwork-Familie Schritt für Schritt eine Entwicklung in ihren zwischenmenschlichen Beziehungen durch. Das bezieht sich nicht allein auf den Patchwork-Vater, ebenso wächst die Restfamilie in die Familie des neuen Partners hinein. Alle mit der Familie eng verbundenen Verwandten geraten in eine neue mehr oder weniger enge Beziehung zueinander, was auch den außen lebenden Vater einbezieht. Der Kern der Familie macht eine Entwicklung durch, die wir in verschiedene Phasen unterteilen werden.

Bevor die Patchwork-Familie jedoch durch gemeinsames Zusammenwohnen startet, werden wir erst einmal zwei besondere Vorphasen betrachten: Zunächst die Zeit der Restfamilie (alleinerziehende Mutter mit den Kindern) und danach die Kennenlern- und Prüfungsphase des Paares.

» Phase der Restfamilie

Table of Contents

Cover

Impressum

Inhalt

Vorwort

1 Patchwork-Familien, eine besondere Form der Familiengemeinschaft

1.1 Ja, wir werden es schaffen!

1.2 Was ist das Neue an diesen Familien?

1.3 Von der Restfamilie zur Patchwork-Familie

2 Paar sein und Eltern werden

2.1 Welchen „Rucksack“ bringen die Partner mit?

2.2 Verhalten der Partner in Stress-Situationen

2.3 Das Paar formt die neue Familie

2.4 Als Patchwork-Vater aufgenommen werden

2.5 Einbeziehen des außen lebenden Vaters

2.6 Vorschlag für einen Elternpakt

2.7 Kommunikation in der Patchwork-Familie

3 Die Kinder auf dem Weg in die neue Familie

3.1 Unterschiedliche Entwicklungsstufen der Kinder

3.2 Welchen „Rucksack“ bringen die Kinder mit?

3.3 Sich einstellen auf die neue Familiensituation

3.4 Stolpersteine auf dem Weg der Kinder in die Patchwork-Familie

3.5 Kontakt der Kinder zum außen lebenden Vater

4 Entwicklungsphasen einer Patchwork-Familie

4.1 Kennenlernen und Eingewöhnen (Forming-Phase)

4.2 Konflikte wahrnehmen und akzeptieren (Storming-Phase)

4.3 Verabredungen treffen und einhalten (Norming-Phase)

4.4 Vertrauen und Zusammenhalt erleben (Performing-Phase)

4.5 Ablösung und Trennung (Separating-Phase)

4.6 Wenn Schwierigkeiten wachsen

5 Komplexe Patchwork-Familien – größere Herausforderungen

5.1 Kinder des Patchwork-Vaters kommen zu Besuch

5.2 Geburt eines Kindes in der Patchwork-Familie

5.3 Der außen lebende Vater erwartet ein Kind

5.4 Zwei Restfamilien ziehen zusammen

5.5 Kontakte zwischen Geschwistern verschiedener Herkunft

5.6 Die Patchwork-Mutter wird nicht anerkannt

5.7 Großeltern leiden mit

5.8 Gemeinsames Wohnen planen

6 Für eine stärkende Stimmung sorgen

6.1 Das Konzept der Resilienz

6.2 Uns selbst und unsere Umwelt akzeptieren

6.3 Eine optimistische Lebenseinstellung bewahren

6.4 Lösungen für eine verbesserte Lebensweise finden

6.5 Soziale Bindungen pflegen

7 Mut zur Patchwork-Familie

Literatur

Übersicht: Übungen zur Kommunikation

Internetadressen

Sachregister

Anzeigen

Rückseite

Guide

Cover

Impressum

Inhalt

Vorwort

1 Patchwork-Familien, eine besondere Form der Familiengemeinschaft

1.1 Ja, wir werden es schaffen!

1.2 Was ist das Neue an diesen Familien?

1.3 Von der Restfamilie zur Patchwork-Familie

2 Paar sein und Eltern werden

2.1 Welchen „Rucksack“ bringen die Partner mit?

2.2 Verhalten der Partner in Stress-Situationen

2.3 Das Paar formt die neue Familie

2.4 Als Patchwork-Vater aufgenommen werden

2.5 Einbeziehen des außen lebenden Vaters

2.6 Vorschlag für einen Elternpakt

2.7 Kommunikation in der Patchwork-Familie

3 Die Kinder auf dem Weg in die neue Familie

3.1 Unterschiedliche Entwicklungsstufen der Kinder

3.2 Welchen „Rucksack“ bringen die Kinder mit?

3.3 Sich einstellen auf die neue Familiensituation

3.4 Stolpersteine auf dem Weg der Kinder in die Patchwork-Familie

3.5 Kontakt der Kinder zum außen lebenden Vater

4 Entwicklungsphasen einer Patchwork-Familie

4.1 Kennenlernen und Eingewöhnen (Forming-Phase)

4.2 Konflikte wahrnehmen und akzeptieren (Storming-Phase)

4.3 Verabredungen treffen und einhalten (Norming-Phase)

4.4 Vertrauen und Zusammenhalt erleben (Performing-Phase)

4.5 Ablösung und Trennung (Separating-Phase)

4.6 Wenn Schwierigkeiten wachsen

5 Komplexe Patchwork-Familien – größere Herausforderungen

5.1 Kinder des Patchwork-Vaters kommen zu Besuch

5.2 Geburt eines Kindes in der Patchwork-Familie

5.3 Der außen lebende Vater erwartet ein Kind

5.4 Zwei Restfamilien ziehen zusammen

5.5 Kontakte zwischen Geschwistern verschiedener Herkunft

5.6 Die Patchwork-Mutter wird nicht anerkannt

5.7 Großeltern leiden mit

5.8 Gemeinsames Wohnen planen

6 Für eine stärkende Stimmung sorgen

6.1 Das Konzept der Resilienz

6.2 Uns selbst und unsere Umwelt akzeptieren

6.3 Eine optimistische Lebenseinstellung bewahren

6.4 Lösungen für eine verbesserte Lebensweise finden

6.5 Soziale Bindungen pflegen

7 Mut zur Patchwork-Familie

Literatur

Übersicht: Übungen zur Kommunikation

Internetadressen

Sachregister

Anzeigen

Rückseite