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Wie unsere Töchter wieder Mut schöpfen und zu neuer Lebenskraft finden
Immer mehr Mädchen erleben die Wirklichkeit als bedrohlich und überfordernd. Haben wir eine Welt geschaffen, die für einen Teil unserer Kinder nicht mehr attraktiv ist? Sind wir die falschen Vorbilder? Haben wir keine lebenswerten Perspektiven geschaffen?
Es zeigt sich, dass die Situation für Mädchen schwieriger ist als für Jungen.
Der renommierte Kinder- und Jugendpsychiater Michael Schulte-Markwort identifiziert zahlreiche Gründe, warum gerade Mädchen, die er betreut, ihre Neugier auf das Leben abhandengekommen ist. Seine Erkenntnisse illustriert er anhand von Fallbeispielen. Er richtet den Blick nach vorn, und zeigt Lösungsansätze, die Eltern und Töchtern helfen, Mut zu schöpfen und neue Wege einzuschlagen.
Auswege aus der Mutlosigkeit – Kompetent, informativ, einfühlsam.
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Seitenzahl: 299
Veröffentlichungsjahr: 2022
Inhalt
Immer mehr Mädchen erleben die Wirklichkeit als bedrohlich und überfordernd. Haben wir eine Welt geschaffen, die für einen Teil unserer Kinder nicht mehr attraktiv ist? Sind wir die falschen Vorbilder? Haben wir keine lebenswerten Perspektiven geschaffen? Es zeigt sich, dass die Situation für Mädchen schwieriger ist als für Jungen.
Der renommierte Kinder- und Jugendpsychiater Michael Schulte-Markwort identifiziert zahlreiche Gründe, warum gerade Mädchen, die er betreut, ihre Neugier auf das Leben abhandengekommen ist. Seine Erkenntnisse illustriert er anhand von Fallbeispielen. Er richtet den Blick nach vorn, und zeigt Lösungsansätze, die Eltern und Töchtern helfen, Mut zu schöpfen und neue Wege einzuschlagen.
Autor
Prof. Dr. med. Michael Schulte-Markwort ist Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie. Nach vielen Jahren als Leiter der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie im Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf ist er heute Ärztlicher Direktor der Oberberg Fachklinik Marzipanfabrik sowie Ärztlicher Leiter der Praxis Paidion-Heilkunde für Kinderseelen in Hamburg und Berlin. In zahlreichen Stiftungen und Kuratorien vertritt er die seelischen Rechte von Kindern und Jugendlichen. Durch seine Präsenz in Funk und Fernsehen sowie zahlreiche Vorträge, Publikationen und Bücher ist er einem großen Publikum als Experte bekannt. Michael Schulte-Markwort lebt mit seiner Familie in Hamburg.
Michael
Schulte-Markwort
Mutlose
Mädchen
Ein neues Phänomen besser verstehen
Hilfe für die seelische Gesundheit unserer Töchter
Kösel
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Copyright © 2022 Kösel-Verlag, München,
in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,
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Covergestaltung: zero-media.net, München
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Satz und E-Book Produktion: Satzwerk Huber, Germering
ISBN 978-3-641-28459-6V003
www.koesel.de
Der Mutlosigkeit mancher Mädchenseelen gewidmet
Kinder wachsen von allein,werden aber nicht von allein groß.
Michael Schulte-Markwort
Inhalt
1 Warum dieses Buch?
Wenn Mädchen in ihrer Entwicklung stecken bleiben
Wir brauchen eine breite Diskussion
Making-of: Gebrauchsanweisung für dieses Buch
Ein Wort zum Gendern
2 Mutlose Mädchen – ein neues Phänomen
Das Scheitern am täglichen Laufsteg
Wie lässt sich der Befund einordnen?
Das familiäre Umfeld
Das gesellschaftliche Umfeld
Mutlose Mädchen halten uns einen Spiegel vor
3 Fallgeschichten aus meiner PraxiS1
Emma
Hella
Luisa
Marga
4 Eine detaillierte Interpretation des Befunds
Unfreiheit: gefangen im eigenen Gefängnis
Misstrauen: Wenn die Hoffnung stirbt
Angst als eine Freundin in der Not
Exkurs: Angststörungen
Herabgestimmtheit: lustlos statt traurig
Exkurs: Formen der Depression
Erschöpft oder ausgebrannt?
Mut ist ein Lebenselixier
Mut und genderspezifische Vorurteile
Und was ist mit den Jungen?
Gefahren in der äußeren Welt
Gefahren in der inneren Welt
Desinteresse: eine Strategie gegen Überforderung
Hypersensitivität: ein innerseelischer Zustand?
Neues – eine zweischneidige Dimension unseres Lebens
Pessimismus ist wie eine schwarz gefärbte Brille
Gefühle sind ansteckend
Traumatisierung als mögliche Ursache für Mutlosigkeit
Schule als Lern- und Sozialraum
Vom Risiko, sich zu zeigen
Verstummen: Jedes Wort zeigt schon zu viel
Ambivalenz und der Sprung ins kalte Wasser
Selbstbestrafung – ein sich selbst verstärkender Kreislauf
Ein mutloser Körper ist ein kraftloser Körper
Verwahrlosung: Wenn mutlose Mädchen sich selbst aufgeben
Selbstverletzung: Autoaggression hat Suchtpotenzial
Selbstmordgefährdung: Wenn sich der Teufelskreis verengt
Kranksein als guter Begleiter
Mutlose Mädchen – eine neue Krankheit?
Eine kurze Zusammenfassung des Befunds
5 Biografische Nachforschungen
Gibt es einen Generationenbruch?
Was macht (kleine) Mädchen mutlos?
Sind Mütter keine Vorbilder mehr?
Mütter und Töchter im Dialog
Väter sind zu wenig präsent
Familie kann Halt geben
Geschwister als Rivalen
Unser Schulsystem ist defizitorientiert
Das große Potenzial der Schule
Digitale Welt – Fluch und Segen zugleich
Der Kontakt zu Gleichaltrigen
Sexualität – eine Herausforderung
Regression macht Fortschritte möglich
Der Zeitgeist und unsere historischen Wurzeln
6 Fallbeispiele: WIEGINGESWEITER?
Emma
Luisa
Marga
Eine kurze Reflexion zur Psychotherapie
7 Auswege aus der Mutlosigkeit
Die Basis: Mutlose Mädchen brauchen mehr Raum
Vertrauen als Beziehungselixier
Die besondere Rolle des gesprochenen Wortes
Vom Mut, sich mit Schuldgefühlen auseinanderzusetzen
Das tiefe Bedürfnis, gehalten zu werden
Aushalten heißt »Ich trage dich«
Lieber mal wegschauen statt kontrollieren
Von guten Ideen und wohlmeinenden Ratschlägen
Warum Zwang nicht hilft
Ein Fundament, das trägt
Strategien gegen die Angst
Antidepressiva, Neuroleptika und Co.
Psychotherapie: Auf die Vielfältigkeit kommt es an
Exkurs: Psychodrama
Im Zentrum der Behandlung steht ein Auftrag
Ambulant oder stationär?
Manchmal hilft nur eine Trennung
Paten als zusätzliche Bezugspersonen
Auch mutlose Mädchen brauchen einen Beruf
Wenn gar nichts mehr geht
Alles braucht seine Zeit
Was hilft denn nun?
90 Sätze für Eltern
Schlusswort
Ein kleines Theaterstück
Brief an ein mutloses Mädchen
Hinweise
Dank
Sachregister
1Warum dieses Buch?
Mutlosigkeit ist ein Zustand, den niemand erleben möchte. Weder bei sich noch bei nahestehenden Menschen, schon gar nicht bei den eigenen Kindern. Dieser innere Zustand entsteht, wenn nach vielen Versuchen etwas nicht gelingt. Nach geduldigen neuen Anläufen oder ungeduldigem Dagegen-Anrennen. Der Mut verlässt dann irgendwann jeden Menschen.
Mutlosigkeit ist Entkräftung und erzeugt Pessimismus. Mutlosigkeit ist eine Bremse. Mutlosigkeit ist gemein. Eine Schranke auf dem Weg in das weitere Leben. Oder eine Sackgasse, an deren Ende man umkehren muss – oder stecken bleibt.
Es ist keine angenehme Erkenntnis, mutlos zu sein. Man weiß nie, wie viel man selbst dazu beigetragen hat. Leichter ist es anzuerkennen, dass wir nicht alles können. Oder etwas nicht können. Das lernen Kinder von Beginn an. Sie erleben, dass sie immer mehr können werden – ganz nach dem lebensbestimmenden Motto: »Wenn du erst größer bist …!« Diese Hoffnung lässt sie besser wachsen.
Wenn Mädchen in ihrer Entwicklung stecken bleiben
Die Geschichte der mutlosen Mädchen begann schon vor ein paar Jahren. Es kam schleichend. Immer häufiger saßen wir in unserem Team bei der Supervision zusammen und sahen uns verstärkt damit konfrontiert, dass sich mehrheitlich Mädchen nicht weiterentwickeln und – umgangssprachlich ausgedrückt – stecken bleiben. Patientinnen, die uns sowohl im stationären als auch im ambulanten Kontext ratlos machen. Irgendwann war es dann so weit, dass ich dachte: Das ist ein neues Phänomen.
Die Belastungen unserer Zeit haben dafür gesorgt, dass kollektive emotionale Strukturen zumindest nicht so stabil sind, dass Mutlosigkeit abnehmen kann. Das könnte eine der Hypothesen sein, denen wir nachgehen müssen. Auch in anstrengenden Zeiten sind wir verpflichtet, nichts zu übersehen. Besonders bei unseren Kindern. Allerdings stellt sich die Frage: Wogegen sollten diese Mädchen in ihrem jungen Leben schon angerannt sein? Was sollte sie denn mutlos machen?
Seit vier Jahren behandele ich Anna – sowohl ambulant als auch im Rahmen eines stationären Aufenthalts. Anna ist 17 Jahre alt. Sie hat die Schule abgebrochen und sitzt perspektivlos zu Hause. Anna treibt mich um und lässt mich fast verzweifeln. Alle therapeutischen und auch pharmakologischen Interventionen haben nichts gebracht.
Vordergründig wirkt Anna zwar depressiv und antriebslos, aber letztlich ist das der nachvollziehbare Ausdruck ihres Scheiterns und nicht die primäre Ursache ihres Zustands. Auch für diese Erkenntnis habe ich zu lange gebraucht. Anna fühlt sich – seit ich sie kenne – von der Welt nicht gelockt. Was ursprünglich ängstlich daherkam, hat sich über die Zeit herausgestellt als ein Blick auf die Welt, in der nichts Anziehendes, Interessantes oder Attraktives zu entdecken ist. Einerseits, weil eine innerseelische Angst Anna fesselt. Andererseits, weil es einfach so ist. Es ist wie ein inneres Gesetz. Eine verfestigte Persönlichkeitsstruktur. Es gibt nichts Interessantes da draußen. Die Welt ist langweilig. Abstoßend. Die Welt ist schrecklich und feindlich.
Anna ist nicht traumatisiert. Anna hat liebevolle Eltern, die auch Grenzen setzen können, und einen unauffälligen Bruder. Wir alle zusammen haben keine konkret fassbare Ursache und auch keine eindeutig zuzuordnende Diagnose. Was sich im Inneren von Anna abspielt, findet sich nun auch in der Behandlung wieder. Wir stecken zusammen fest, und ich frage mich: »Anna, was soll ich tun? Du kommst zu jeder unserer Stunden. Du möchtest etwas in deinem Leben verändern. Du bist verzweifelt. Und gleichzeitig kannst du nichts ändern. Du kannst dich nicht verändern. Du änderst gar nichts. Manchmal denke ich: Du willst nichts ändern. Du verweigerst Zufriedenheit und Normalität. Du richtest dich in deiner Mutlosigkeit ein. Du machst mich ärgerlich. Du machst mich ohnmächtig. Du treibst mich um. Bald bin ich auch mutlos. Nein, natürlich nicht. Ich erhole mich von diesen Gedanken schnell wieder und mache weiter mit dir. Ich gebe dich nicht auf.«
Natürlich ist das kein therapeutischer Dialog. Im therapeutischen Dialog habe ich alles versucht. Ich habe verhaltenstherapeutische Interventionen angewendet. Interventionen, mit denen Anna vorsichtig Schritt für Schritt in das Außen kommen sollte. Mit tiefenpsychologischen Deutungen sollte Anna mehr von sich verstehen. Aus Unbewusstem sollte Bewusstes werden, damit Anna sich besser selbst aufnehmen kann. Sich annehmen kann. Das Steuer über sich selbst übernimmt.
Mit großen, stillen Augen hat Anna alles entgegengenommen. Sie hat verschiedene Medikamente ausprobiert. Irgendwann blieb mir nichts anderes übrig, als anzuerkennen, dass auch Psychopharmaka nicht helfen. Ebenso wenig wie meine Psychotherapie.
Jede medizinische Behandlung muss im Kern von einem ausreichenden Optimismus getragen sein. Natürlich gibt es Erkrankungen, die chronifizieren. Krankheiten, die nur begleitet werden können. Krankheiten, bei denen es lediglich um Linderung geht. Sollte ich das bei Anna anerkennen? Je länger ich darüber nachdachte, mit welchem Begriff sich der innerseelische Zustand von Anna am besten beschreiben lässt, desto mehr breitete sich das Wort »Mutlosigkeit« in mir aus.
In die Welt zu gehen und in ihr zu bestehen, erfordert Mut. Nicht den Mut von Heldinnen, aber doch im Rahmen eines ausreichenden Optimismus. Einen Mut, der uns Neues spannend finden lässt. Einen Mut, der Kinder in die Welt trägt und Angst durch bereichernde Aufregung ersetzt. Einen Mut, der Spaß macht.
Anna ist der Prototyp eines mutlosen Mädchens. Eines der Mädchen, die mich dazu gebracht haben, dieses Buch zu schreiben. Dieses Buch setzt meiner eigenen Mutlosigkeit etwas entgegen. Keinen Aktionismus, weil auch der nicht helfen würde. Nachdenken und teilen – das sind die Parameter, die wir in der Psychotherapie jeden Tag pflegen, pflegen müssen. Wir werden unseren Kindern nur gerecht, wenn wir professionell handeln und unseren Patienten innerlich einen Schritt voraus sind. Und wenn es nur ein kleiner Schritt ist.
Bisherige und etablierte psychotherapeutische Strategien scheinen bei mutlosen Mädchen – wie schon gesagt – kaum zu greifen, wenn nicht sogar komplett zu versagen. Manchmal trösten wir uns in unserem Team mit dem Blick auf Mikroveränderungen. Häufiger sitzen wir zusammen und überlegen, was zu denken und zu fühlen ist. Und wie zu handeln ist. Das ist bei den mutlosen Mädchen leichter gesagt, als getan.
In den letzten Jahren ist die Überzeugung gereift, dass verantwortliches Handeln sich nunmehr darin ausdrücken sollte, eine öffentliche Diskussion anzuregen. Und Hilfestellungen zu geben. Mit einem Buch über die mutlosen Mädchen geht es nicht darum, vorschnell eine neue Krankheit auszurufen. Unser Respekt den Kindern gegenüber muss sich darin äußern, dass wir nichts übersehen. Psychische Symptome verändern sich. Die Psyche, die Seele ist immer auch an Veränderungen des Zeitgeistes geknüpft. Und umgekehrt verändert sie den Zeitgeist ihrerseits.
Wenn es zeitlich überdauernde Symptomshifts, also Symptomverschiebungen, bei Kindern und Jugendlichen gibt, so müssen wir darüber informieren. Wir müssen nachdenken und diskutieren. Lösungsvorschläge unterbreiten. Und wieder diskutieren. Vor allem aber müssen wir behandeln und die Erfahrungen teilen. Geteilte Erfahrungen sind gute Erfahrungen. Auch wenn sie im Kern schwierig sind. So können aus guten Erfahrungen neue Ideen entstehen. Neue Ideen sind das Antidot, das Gegengift, gegen Mutlosigkeit.
Wir brauchen eine breite Diskussion
Psychische Auffälligkeiten lassen sich nicht mit mathematischen Maßeinheiten messen und benennen, wie die somatische Medizin dies kann. So sind wir auf Konventionen angewiesen. Konventionen, die wir selbst setzen und beständig reflektieren und überprüfen müssen.
Wenn sich ein Kind von mir, von uns nicht gesehen fühlt oder tatsächlich nicht gesehen wird, gibt es mehrere Möglichkeiten, dies einzuordnen. Es könnte sein, dass ich mich in Bezug auf das innere seelische Leben eines Kindes täusche und falschen Hypothesen nachgehe. Es könnte aber auch sein, dass ein Kind und seine Familie einem starken unbewussten seelischen Widerstand ausgesetzt sind. Einem Widerstand, der es unmöglich macht, meine Hypothesen anzunehmen. Die Reflexion dieser gegenläufigen Dynamik erfordert beständige Wachsamkeit. Keinem Kind ist mit falschen Hypothesen gedient. Keine Familie kann sich letztlich davon verstanden fühlen. Aber: Das vorzeitige Zurückweichen vor unbewussten Widerständen ist krankheitserhaltend. Neue Symptome zu leugnen, kann zur unterlassenen Hilfeleistung werden und Leid übersehen.
Wenn es stimmt, dass der Befund »Mutlosigkeit« auf eine Gruppe von Mädchen zutrifft, müssen wir uns darum kümmern. Einziges Ziel muss es sein, diese Mädchen besser zu verstehen und ihnen wirksam dabei helfen zu können, das Leben als lohnenswerte Herausforderung anzunehmen. Das tiefe subjektive Gefühl von Hilflosigkeit diesen Mädchen gegenüber ist schwer auszuhalten. Fast könnte man auf die Idee von Ansteckung kommen, wenn Mütter und Väter und alle, die mit mutlosen Mädchen zu tun haben, ebenfalls rat- und mutlos werden. Dieser Ansteckungsgefahr möchte ich begegnen.
In den vielen Gesprächen mit Kolleginnen und Kollegen in den letzten Jahren verdichtete sich in mir oft der Eindruck, dass verstärkte Anstrengungen seitens der Therapeuten zu mehr Ineffizienz in der Behandlung führten. Die Therapie drehte sich in einem immer schneller werdenden Kreislauf aus direktiven Anweisungen an die Patientinnen, verzweifelter Geduld und Zeitzugaben. Möglicherweise gibt es Patientinnen, denen wir nicht helfen können. Möglicherweise gehört das Sich-dagegen-Anstemmen zu eigenem Größenwahn und zu Verleugnung.
Je mehr und je tiefer ich mit meinen Kolleginnen und Kollegen in das Thema eingedrungen bin, desto mehr fühlte ich mich ermuntert und aufgefordert, unsere Gedanken und Erfahrungen zusammenzustellen und das Phänomen der mutlosen Mädchen rechtzeitig öffentlich zu machen. Verzweifelten Mädchen und ihren Eltern Hilfestellung zu geben. Wenn es richtig sein sollte, dass die mutlosen Mädchen nicht nur ein kinder- und jugendpsychiatrisches Krankheitsphänomen repräsentieren, sondern darüber hinaus Ausdruck einer neuen unspezifischen Reaktion einer Generation von Mädchen sind, die auf ihre Weise auf die Anforderungen und Rahmenbedingungen unserer aktuellen Welt antworten, so muss diese Diskussion weit über alle fachlichen Kreise hinausgehen.
Sehr viel von dem, was ich niederschreibe, stammt von den jungen Patientinnen selbst. Manches stammt von den Müttern, die ich im Rahmen einer Gruppenpsychotherapie behandele. Das authentische Ringen dieser Mütter um das beste Wohl für ihre Kinder berührt mich immer wieder und trägt zu gemeinsamer intensiver Arbeit und vertieftem Verstehen bei.
Der Transfer aus diesen Müttergruppen zu den Kolleginnen und Kollegen und damit in die Einzelpsychotherapie der Kinder ist hilfreich. Auf diese Weise werden verschiedene Perspektiven zusammengebracht.
In Bezug auf die mutlosen Mädchen hat mir meine Arbeit mit den Müttern geholfen, die Dynamik der Mädchen nicht nur aus deren Sicht zu verstehen. Die Wahrnehmung und der Respekt vor dem doppelten Leid der Kinder und ihrer Mütter schützen vor vorschnellen Zuordnungen, die vereinfacht heißen könnten: »Schreckliche Mädchen« oder »schreckliche Mütter«.
Das Phänomen der Mutlosigkeit gibt es auch bei Jungen, zahlenmäßig allerdings – nach meiner klinischen Einschätzung – deutlich seltener als bei Mädchen. Außerdem ist das Phänomen bei Jungen psychodynamisch anders gelagert. In diesem Buch sollen diese beiden Dynamiken nicht miteinander vermischt werden. Mein Respekt soll ausschließlich der großen Not der Mädchen gelten.
Vielleicht sind die mutlosen Mädchen als Phänomen auch ein Hinweis an Mütter und Väter, unsere Werte und unser Zusammenleben neu zu überdenken. Mutlosigkeit passt so gar nicht in diese Zeit der schillernden Auftritte von Menschen in sozialen Medien. Auftritte, die vermuten lassen, dass der glitzernde Effekt viel verdeckt, verdecken soll und verdecken muss. Dennoch ist längst nicht alles pathologisch, was sich dahinter verbirgt.
Zum Glück sind mehrheitlich alle Kinder, alle Menschen psychisch gesund. Komplette Gesundheit gibt es auch im somatischen Bereich nicht. Psychische Gesundheit wird sich immer aus Lebenszufriedenheit und Unauffälligkeit im Erleben und im Verhalten zusammensetzen. Bei den mutlosen Mädchen sind alle drei Bereiche beeinträchtigt. Diese Mädchen sind nicht gesund, aber sie sollten es uns wert sein. Sie brauchen unseren Respekt und unser Verstehen. Letztlich brauchen sie auch unser Handeln. Wirksames Handeln gelingt am besten auf der Basis einer authentischen, wertschätzenden und zugewandten Haltung.
Making-of: Gebrauchsanweisung für dieses Buch
Wie immer in der Medizin beginnt alles mit einem Befund. Dieser Befund besteht aus Fallgeschichten (Kapitel 3), in denen – nach einer allgemeinen Einführung in dieses neue Phänomen (Kapitel 2) – beispielhaft vier mutlose Mädchen beschrieben werden. Im weiteren Textverlauf werden noch mehr Sätze von Mädchen auftauchen, die einzelne Themen unterstreichen, unterstützen und illustrieren. Die Mädchen aus all diesen Fallbeispielen haben mir erlaubt, ihre Geschichten zu verwenden. Ich habe sie so verfremdet, dass sie von außen nicht zu erkennen sind. Der individuelle und authentische Kern bleibt nacherzählt und einzigartig. Mein Dank gilt diesen Mädchen.
Jeder Befund bedarf einer Interpretation (Kapitel 4). Sie ist der Versuch, die Fallbeispiele auf eine höhere Ebene der Abstraktion zu heben, und bietet die Grundlage für alle weiteren Überlegungen in diesem Kapitel. Diese Überlegungen greifen einzelne Dimensionen von Mutlosigkeit, Mut und seelischer Entwicklung auf. Es geht zum Beispiel um Freiheit, Misstrauen und Angst. Es geht um unsere gefährliche Welt, in der die Mädchen nichts Interessantes finden. Um genderspezifische Vorurteile, Hypersensitivität, Angst vor Neuem, Pessimismus, Ansteckung, Traumatisierung, Schule, Verstummen und Ambivalenz. Und schließlich geht es um Selbstbestrafung, den Körper, Verwahrlosung, Kranksein, Selbstverletzung und Suizidalität.
Wir müssen der Frage nachgehen, ob es sich um eine neue Krankheit handelt. Was hat sich in den letzten Jahren verändert? Warum gibt es diese mutlosen Mädchen? Darüber kommen wir zu der Frage eines Generationenbruchs. In den biografischen Nachforschungen (Kapitel 5) frage ich nach den kleinen Mädchen, den Müttern, den Vätern und den Geschwistern. Die Schule taucht erneut auf. Die digitalen Welten der mutlosen Mädchen müssen uns beschäftigen, die Gleichaltrigen, die Sexualität und die Frage einer Regression.
Die Therapieverläufe (Kapitel 6) greifen die Fallgeschichten vom Anfang wieder auf und zeigen, wie es in der Behandlung der mutlosen Mädchen in diesem Buch weitergegangen ist.
Schließlich geht es um die Auswege aus der Mutlosigkeit (Kapitel 7). Dabei handelt es sich um Hinweise auf Haltungen, Sichtweisen und Interventionen für Eltern und alle, die sich mit mutlosen Mädchen beschäftigen. Es gibt kein Rezeptbuch und keine Patente. Möglicherweise müssen auch chronische Verläufe anerkannt werden. Um möglichst konkret zu sein, greift »Was hilft denn nun?« die Auswege als Hinweise für Eltern und Therapeuten kurz und knapp auf, bevor »90 Sätze für Eltern« allgemeine Tipps und Anregungen zum Umgang mit Kindern geben.
Ein Wort zum Gendern
»Gendern« – ein merkwürdiges Wort. Als Arzt und Psychotherapeut bin ich es gewohnt, das Geschlecht und die geschlechtliche Entwicklung eines Kindes zu berücksichtigen. Immer. In der direkten und im Verlauf vertrauensvollen Begegnung mit einem Kind ist das gar nicht anders vorstellbar. Mein Respekt gilt allen psychischen Entwicklungen und Veränderungen. Unabhängig davon, ob es sich um Gefühle oder Geschlechtlichkeit handelt.
Inhaltlich arbeite ich in der sprechenden Medizin. Dabei kommt es auf jeden Satz und auf jedes Wort an. Das gilt auch, wenn ich es aufschreibe. Mir sind alle Worte wichtig. Worte sind direkter Ausdruck meiner Seele, meines Körpers und meines Kopfes und entfalten im lesenden Gegenüber ihre Wirkung.
Ein * unterbricht den Lesefluss und zerstört Wörter. Meinen Respekt vor Geschlecht und Geschlechtlichkeit drücke ich dadurch aus, dass ich auch in diesem Buch beide Geschlechter berücksichtige. Wer mir unterstellt, dass ich damit Geschlechtlichkeit nicht berücksichtige, versteht mich nicht.
2Mutlose Mädchen – ein neues Phänomen
Seit ich als Kinder- und Jugendpsychiater arbeite und Kinder und Jugendliche ärztlich-psychotherapeutisch begleiten darf, ist mein Erleben bis heute: Die Kids entwickeln sich gut, werden immer zugänglicher, emotional klüger und kompetenter. Allen pessimistischen und defizitorientierten Vorannahmen zum Trotz lautet meine Erfahrung, dass die Kinder noch nie so reflektiert waren wie heute. Sie sind es gewohnt, einbezogen zu sein, gefragt zu werden und Auskunft zu geben. Die Mädchen schneiden bei dieser Beurteilung etwas besser ab als die Jungen, die mehr dem überkommenen Geschlechtsstereotyp entsprechen. Das soll ihre Entwicklung weder übersehen noch kleinreden, aber die Mädchen haben – mit positiv veränderten Vorbildern – mehr Anteil an dieser positiven Bilanz.
Das Scheitern am täglichen Laufsteg
Seit ein paar Jahren gibt es bei einer kleinen Gruppe von Mädchen einen neuen Befund: Sie bleiben in ihrer Entwicklung stecken. Es fängt damit an, dass sie sich zurückziehen. Was schleichend beginnt, endet oft mit einem akuten Schulabsentismus. Oder mit einer übermenschlich erscheinenden Anstrengung. Die Mädchen gehen nicht mehr in ihre Schule, meiden den Ort explizit und ziehen sich noch mehr zurück. Ambulante und stationäre Interventionen greifen nur bedingt. Schnell sind alle Menschen um die Mädchen herum maximal besorgt. Der Rückzug scheint unaufhaltsam.
Im Kontakt imponiert schon bald eine vorherrschende emotionale Dimension: Die Mädchen sind zutiefst mutlos. Sie beschreiben, dass sie nicht wissen, wie sie in die Welt kommen sollen. Noch schlimmer, sie zeichnen eine Welt, an der nichts lockt, nichts zieht oder interessant ist. Ihr Kernsymptom ist Angst. Daraus entwickelt sich eine immense Unfreiheit, die sich immer wieder in Misstrauen äußert oder auch in Trotz umschlägt. Neues wird gemieden. Alles wird einer gefährlichen Welt zugeordnet, der sich diese Mädchen nicht gewachsen fühlen. Ihr sich immer weiter ausbildender Pessimismus zeichnet alles schwarz, und sie verstummen. Schweigen, Zucken mit den Achseln – das ist ihre prominenteste Körperbewegung. Nichts wissen. Nichts sagen.
Ihre Herabgestimmtheit wirkt wie eine Depression oder auch ein Burn-out. Bei genauerem Hinschauen versteht man, dass sie in vielen Situationen überhaupt nicht depressiv oder ausgebrannt sind. Antidepressive Medikamente wirken entsprechend oft zu wenig oder gar nicht. Die Symptomatik wirkt bei anhaltendem Verlauf wie eine Selbstbestrafung. Die mutlosen Mädchen bestrafen sich für sich selbst, für ihr Sosein, für ihr Dasein. Sie hassen sich für ihr Scheitern und können gleichzeitig kaum Hilfe annehmen. Zumindest sind die Angebote innerhalb der Familie unannehmbar und beschämend.
Es gibt Mädchen unter ihnen, die traumatisiert sind, aber dieser seelische Zustand scheint nicht häufiger vorzukommen, als es in unserer kinder- und jugendpsychiatrischen Klientel »normal« ist. Sexueller Missbrauch ist ein Phänomen, das bei kinder- und jugendpsychiatrischen Erkrankungen gehäuft vorkommt. In unserer Diagnostik, in unserer Suche nach Ursachen läuft diese Frage naturgemäß immer mit. Ist das Steckenbleiben mit einem Trauma verknüpft, so ist es wichtig, das Trauma aufzugreifen und aufzuarbeiten. Mutlosigkeit und die Scheu, sich zu zeigen, erklären sich in diesen Fällen unmittelbar. Aber eine große Exhibitionsangst trifft auch auf die nicht traumatisierten mutlosen Mädchen zu.
Im Laufe der Zeit ziehen sich die Mädchen immer weiter zurück. Sie scheitern am täglichen Laufsteg, der durch die sozialen Medien befeuert wird. Die Angst, sich zu zeigen, wird zum Hauptauslöser für ihren Rückzug, der so weit gehen kann, dass auch der eigene Körper nicht mehr wichtig ist. Auch er hat keine Fürsorge verdient – wie die Mädchen selbst. Dann kann er auch verwahrlosen. Dann ist alles egal. Dieser zerstörerische Kreislauf kann schließlich in Selbstverletzungen oder auch suizidalen Krisen enden.
Die Mädchen sind krank. Ihr Kranksein ist irgendwann identitätsstiftend. So paradox es klingt: Die mutlosen Mädchen ziehen ihre reduzierte Lebensenergie aus diesem Gefühl des Scheiterns, der Unfähigkeit und des maximalen Rückzugs von der Welt.
Wie lässt sich der Befund einordnen?
Hier soll auf keinen Fall vorschnell eine neue Krankheit ausgerufen werden. Wir sind es unseren Kindern, den mutlosen Mädchen, schuldig, nichts zu übersehen. Entwicklung in der Medizin bedeutet immer, dass der genauere Blick mehr Phänomene, mehr Symptome und auch mehr Krankheiten zutage fördert. Wenn ein Mikroskop immer leistungsstärker entwickelt wird, dann entdeckt man immer mehr und feinere Strukturen. Sie sind nicht mehr zu übersehen. Ob die Medizin daraus neue Krankheiten macht oder die zu sehenden Phänomene anders zuordnet, ist die verantwortungsvolle Aufgabe jeder neuen Generation von Ärzten und Psychotherapeuten. Hier geht es darum, auf ein Phänomen hinzuweisen und eine Diskussionsgrundlage zu schaffen. Und betroffenen Mädchen und ihren Familien jetzt schon zu helfen.
Wie könnte man die mutlosen Mädchen einordnen? Wie ist es zu verstehen, dass eine kleine Gruppe von Mädchen ausschert und nicht in die erfolgreichen Fußstapfen ihrer Mütter treten möchte?
Es könnte so einfach sein. Ängstliche Mädchen folgen ihren im Leben erfolgreichen Müttern. Nehmen sie sich zum Vorbild und müssen sich keine Sorgen machen. Und genau an dieser Stelle bleiben die Mädchen stecken. Für sie sind ihre Mütter keine Vorbilder. Das ist ein dramatischer Befund. Mütter oder Väter müssen keine Vorbilder sein, wenn in Kindern eigene Bilder von Entwicklungen und Wegen entstanden sind. In diesem Fall sind Eltern Vorbilder, indem sie ein anderes Bild ermöglichen. Aber mutlose Mädchen haben noch keine eigenen Vorstellungen von ihrem Leben. Ihre Entwicklung gerät ins Stocken.
Mutlose Mädchen werden als unauffällige Mädchen beschrieben. Befragt man sie genauer, stellt sich heraus, dass sie schon immer tendenziell ängstlich waren. Sich subjektiv immer angestrengt haben. Bei ihnen wurde Überanpassung mit Freundlichkeit und Unbedarftheit verwechselt. Diese Verwechslung oder Zuschreibung vergrößert die Anstrengung bei den Mädchen.
Natürlich wollen alle Kinder gefallen, uns nicht zur Last fallen und gemocht werden. Wenn ein Kind spürt, dass für das Ängstliche kein Platz ist, versucht es, diesen Zustand nicht spürbar werden zu lassen. Eltern werden sagen: »Wir hätten gar nichts gegen etwas mehr Ängstlichkeit gehabt. Wir lieben sie schon immer so, wie sie ist.« Und wenn es Geschwister gibt: »Wir lieben sie, wie alle anderen Kinder auch.« Möglicherweise mögen die kleinen mutlosen Mädchen ihre ängstliche Disposition auch an sich selbst nicht und machen daraus den inneren Satz: »Mama und Papa wollen bestimmt, dass ich mutiger bin.« Und schon etabliert sich ein Selbstmythos, der mehr oder weniger tatsächlich von den elterlichen Erwartungen befeuert wird.
Die kleinen Mädchen beginnen, gegen ein Gespenst anzuarbeiten, das sie von nun an begleiten wird: »Ich muss mutiger werden, mich mehr trauen.« Oder: »Mama und Papa mögen mich lieber, wenn ich weniger Angst habe.« Mit diesen Sätzen nimmt ein Schicksal seinen Lauf, das Jahr für Jahr mehr in die Mutlosigkeit führt. Es gelingt den Mädchen nicht, sich eine größere innere angstfreie Zone zu schaffen. Der Paddock für das Pony ist eng umzäunt und wächst nicht mit. Im Gegenteil, der Platz für die Seele des Mädchens wird kleiner und enger. Der Zaun aus Angst dagegen wird stärker und größer. Platzmangel und Sicherheit bleiben auf das Engste miteinander verbunden.
Das familiäre Umfeld
Auf der anderen Seite stehen die Mütter, die gute Bedingungen für alle schaffen. Sie sind berufstätig und kümmern sich darüber hinaus um die Kinder, den Haushalt und die Familie. Mütter geben alles. Gehen an Grenzen. Überschreiten manchmal Grenzen. Vielleicht zu oft. Damit zeichnen sie ein Bild von Weiblichkeit und Mütterlichkeit, das prototypisch ist für die Generation der Mütter 2.0. Gekennzeichnet von dem Anspruch, allen Anforderungen an moderne Mutterschaft gerecht zu werden, gestalten sie ein perfektes Bild von sich selbst. Die Anstrengung, die damit verbunden ist, wird wieder weggearbeitet. Bis eine Mutter übrig bleibt, die ihre eigenen Bedürfnisse immer hintanstellt. »Und wo bleiben Sie dabei?« Diese Frage in der Familientherapie wird oft mit einer Mischung aus Ungläubigkeit und Schreck entgegengenommen.
Der daraus entstehende Mutter-Tochter-Dialog ist ebenfalls von Anstrengung geprägt. Die Mädchen strengen sich an, um hinterherzukommen. Die Mütter geben sich alle Mühe, um die Bedürfnisse ihrer Töchter zu erfüllen. Das Drama entsteht dadurch, dass sie sich gegenseitig nicht gerecht werden. Nicht gerecht werden können. In der Beziehung zwischen Mutter und Tochter geschieht ein Übersetzungsfehler mit Folgen. Ein emotionales Mismatch. Das ist ganz ohne Vorwurf gemeint und in Anerkennung einer Verquickung, für die niemand etwas kann.
An dieser Stelle spätestens kommen die Väter ins Spiel, die – physiologisch bedingt – mit neun Monaten Verspätung in die Beziehung zu ihren Kindern einsteigen und diese Verspätung in der Regel auch nicht aufholen. Es ist müßig, darüber nachzudenken, ob der Satz: »Vaterschaft beginnt mit einer Beziehung, Mutterschaft schon neun Monate früher« veränderbar ist. Am Ende steht doch eine biologische Größe. Eine Dimension, die keinen Vater dafür entschuldigt, weiterhin entfernt zu bleiben. Manchmal ist diese relative Entfernung hilfreich. Väter müssen den Rahmen halten und die Mutterschaft schützen. Und sie müssen ihren mutlosen Mädchen als Ausblick in eine gute Männerwelt zur Verfügung stehen.
Wenn leistungsorientierte Männer übersehen, dass ihre Töchter ängstlich-zurückhaltend sind, dann werden sie für die Mädchen schnell unerreichbar. Die Töchter wissen nicht, was sie ihren Vätern bieten können. Sie spüren keinen inneren Wert, der Beachtung finden könnte. Die Väter, immer noch gefangen in dem männlichen Stereotyp, dass Männlichkeit und Emotionalität sich nicht gut vertragen, gehen darüber hinweg. Ohne Zweifel gibt es heute engagierte Väter, dennoch ist in unseren Sprechstunden der Proporz nach wie vor zugunsten der Mütter verschoben.
Das mutlose Mädchen mit seinen Eltern ist nicht allein – eine Familie flankiert das Geschehen. Interessanterweise finden sich in unserer Klientel der mutlosen Mädchen kaum Einzelkinder. Es gibt Geschwister, es gibt eine »normale« Familie. Es gibt vor allem Geschwisterbeispiele, die sich gut entwickeln und unauffällig sind. Unter Geschwistern entsteht nicht selten die unbewusste Konstellation, dass ein Platz, der schon mit einer spezifischen Dynamik belegt ist, nicht kopiert wird. In Abhängigkeit der primären Persönlichkeit der Kinder nimmt beispielsweise ein zweitgeborenes Kind intuitiv nicht den lauten Part des Erstgeborenen ein, sondern wartet ab, schaut zu und wirkt zurückhaltender. Oder umgekehrt. Die Variationen sind so vielfältig, wie Kinder es sind.
Das gesellschaftliche Umfeld
So komplex die unmittelbare Welt der Mädchen ist, so sehr setzt sich dies in die Schulwelt fort. Die Schule ist der soziale Ort, an dem sich alles für die mutlosen Mädchen verdichtet. Sich zeigen zu müssen, sich zu melden, Leistung im Kontakt und in der Konkurrenz zu den Mitschülerinnen und Mitschülern zu erbringen, komprimiert die Dynamik eines primär ängstlich-schüchternen Mädchens. Die Schule als sozialer Ort versagt und bleibt bei Leistungsforderungen, die immer schlechter von den Mädchen beantwortet werden können. Die Aufkündigung des inneren Vertrags mit der Schule ist dann nur noch eine Frage der Zeit.
Die digitalen Welten dagegen sind für die mutlosen Mädchen Fluch und Segen zugleich. Die glitzernde Welt der Likes, der endlosen Laufstege und der atemlosen Entgegennahme von Bildern und Nachrichten aus der persönlichen Welt der anderen beweist jede Sekunde, wie weit entfernt die mutlosen Mädchen davon sind. Und gleichzeitig suggeriert diese Welt Teilhabe. Wer weiß denn schon, welches Foto und welche Nachricht echt sind? Wer weiß, ob aus einem Like nicht in der nächsten Sekunde eine Hasstirade und ein Shitstorm werden? Wenn es gut läuft, dann hilft die digitale Welt den mutlosen Mädchen, den Anschluss nicht ganz zu verlieren. Ein digitaler Kontakt zu anderen ist nicht artifiziell – das sollten sich die Erwachsenen immer vergegenwärtigen. Und Kinder ohne Moralisierung medienkompetent machen. Wenn es schlecht läuft, ist die digitale Welt für die Mädchen ein weiterer Beweis der Niederlage und des Versagens. Bei so viel Glitzer kann kein mutloses Mädchen mithalten.
Hinzu kommt, dass die Bilderflut aller Medien gesteigert sexualisierend ist. Sexualität ist ein Lebensbereich, der bei den mutlosen Mädchen oft ausgeklammert ist. Die direkte körperliche Begegnung mit einem anderen Menschen ist außerhalb jeder Vorstellung. Sexualität wird zum Inbegriff des Ausschlusses und des Ausgeschlossenseins. Sex ist triebhaft, unkontrolliert und direkt und wird für »schmutzig« befunden. Diese Zuschreibung hilft den Mädchen, diesen Bereich auszuklammern und sich nicht zu »beschmutzen«. Und gleichzeitig bedeutet dieses Ausklammern ein Weghalten des Lebens. Die Klammer macht es den Mädchen leichter, sich weiterhin zurückzuhalten. Der Sprung hinüber wäre einfach zu gefährlich.
Dann lieber wieder klein werden. Die Mädchen regredieren und gehen innerseelisch auf eine andere, frühere Stufe der Entwicklung zurück. Das kann hilfreich sein, wenn dies in einer psychotherapeutischen Behandlung geschieht. Dann kann der Rückschritt den Fortschritt einläuten – vorausgesetzt, die Patientinnen halten nicht daran fest und entwickeln keine sogenannte »maligne«, also bösartige, Regression. Regressive emotionale Bewegungen helfen uns, Schwung und Kraft für Weiterentwicklungen zu holen. Einmal noch den Grießbrei löffeln … und dann gestärkt hinaus in die Welt gehen. Das funktioniert aber nur, wenn wir zurückkehren möchten. Die mutlosen Mädchen jedenfalls sind in der Gefahr, die Regression unbewusst dafür zu nutzen, ihren Rückschritt und Stillstand zu untermauern.
Zeitgeist beschreibt eine übergreifende ethisch-moralische Haltung in Gesellschaften. Wir leben in einer Zeit, die durch ein Mehr an Diversifizierung, an Möglichkeiten des Verhaltens und Seins gekennzeichnet ist. So gut es ist, dass vielen Strömungen und Erkenntnissen nachgegangen wird, so sehr bestehen darin zwei Gefahren: zum einen eine Förderung von Beliebigkeit und zum anderen eine Zuspitzung einzelner Haltungen. Der gesellschaftliche Konsens schwindet zwangsläufig, weil mehr möglich ist. Es sei denn, die Grundfeste demokratischer Toleranz steht nicht zur Debatte. Genau das aber wird an einigen Stellen aufgekündigt.
Die Folgen sind moralistische Entwicklungen, die über ihre innere Radikalisierung auf Stabilität hoffen. Die Welt ist dadurch nicht friedlicher geworden. Sensible oder sensitive mutlose Mädchen müssen vor dieser Welt, die andere und mehr Entscheidungen abverlangt, zurückschrecken. An Radikalisierung, an hasserfüllten Kommentaren und an Ausgrenzung kann niemand Interesse haben. Wem der Mut fehlt, wird durch ein Klima, das Werte wie Anerkennung und Respekt nicht mehr unterstützt, stärker als andere zurückgedrängt. Durch Shitstorms hinwegfegt.
Über gute, unaufschiebbare und unabdingbare Entwicklungen des Feminismus und der Gleichberechtigung ist für viele Mütter eine Situation entstanden, in der sie für die Grundlagen der Familie – und damit der Gesellschaft – einstehen. Ein wirkliches Teilen zwischen Müttern und Vätern findet kaum statt. Mütter sind erschöpft. Mutterschaft als zentrale Größe unserer Gesellschaft erfährt keine Wertschätzung. In dieser Lücke finden sich die mutlosen Mädchen nicht wieder. Sie möchten ihren Müttern nicht nacheifern. Sie finden kein Modell, kein Kleidungsstück, das sie gern anziehen möchten.
Mutlose Mädchen halten uns einen Spiegel vor
Die Therapieverläufe zeigen es. Langsame, sehr langsame Entwicklungen fordern Geduld und immer wieder psychotherapeutische Kreativität und das Verteilen auf verschiedene Schultern. Manchmal auch das Schreiben eines Buches. Am Ende – und dieses Ende ist oft nicht mit 18 oder 21 Jahren erreicht – bleibt die Hoffnung. Nicht als für sich stehende, entleerte Dimension, sondern als Haltung, die kleine Schritte sieht, das Große nicht aus dem Blick verliert und nicht aufgibt.
Mutlose Mädchen halten uns einen Spiegel vor, in dem sich unsere Vorbildhaftigkeit verliert. Das ist sehr kränkend. Wir alle möchten zufriedene Kinder. Mädchen, die sich ihren Weg suchen. Mädchen, die uns vielleicht zeigen, was wir ihrer Meinung nach nicht richtig gemacht haben. Wo unser Weg nicht ausreichend bedacht war. Kinder haben nicht den Auftrag, Eltern zu erklären, was sie anders machen können. Kinder sind allerdings prädestiniert dazu, uns das zurückzugeben, was wir ihnen versucht haben mitzugeben. Im besten Fall wird daraus ein Generationendialog, der konstruktiv nach vorn schaut. Mit den mutlosen Mädchen verlieren wir diesen Blick. Wir sollten ihn gemeinsam zurückerobern. Die Einladung steht.
3Fallgeschichten aus meiner Praxis
Emma
Emma ist 15 Jahre alt. Ein hochgewachsenes, ernstes Mädchen, das mich stumm anschaut. Als müsse sie erst einmal überprüfen, was ich für ein Mensch bin. Ich bin nicht der erste Kinder- und Jugendpsychiater, bei dem ihre Eltern sie vorgestellt haben. Auf meine Frage, ob sie freiwillig da sei, schaut sich mich erstaunt an und zuckt mit den Schultern. Ihr schmaler Mund wirkt verschlossen. Wie ein Reißverschluss, der sich verklemmt hat.
In mir entsteht ein Bild einer verletzten Kinderseele, und ich weiß intuitiv, dass ich Geduld haben muss. Wie eine gejagte Seele duckt Emma sich weg, geht mir aus dem Weg, kann sich nicht zeigen oder öffnen. Indem ich erzähle, was für einen Beruf ich habe und was für Kinder und Jugendliche zu mir kommen, gebe ich ihr etwas Zeit. Und so kann sie schließlich auf meine Frage, ob sie denn bei mir richtig sei, mit einem verhaltenen »wahrscheinlich« antworten. Ich freue mich über die leise Öffnung.
Der offizielle Vorstellungsanlass war eine schon vordiagnostizierte Depression. Im Kontakt macht mich von Beginn an nachdenklich, dass bei aller Zurückhaltung von Emma kein wirklich depressiver Affekt spürbar ist. Vielmehr wirkt sie erschrocken, als sei ihr etwas begegnet, das zu einem massiven Rückzug geführt hat. Sie macht einen erschöpften und ratlosen Eindruck. Natürlich denke ich gleich an traumatisierende Erlebnisse, die sie gehabt haben könnte. Später werde ich lernen, dass es dafür keinen Anhaltspunkt gibt. Das Ausmaß des Rückzugs ist allerdings so ausgeprägt, dass ich mir nur schwer vorstellen kann, dass Emma ohne Trauma in diesen Zustand hineingeraten ist.
So bin ich konfrontiert mit einem Mädchen, das im ersten Schritt zwar nicht so schwer zu erreichen ist, aber durch ihre Stummheit, ihre komplett zurückgenommene Mimik und ihr Schulterzucken ohne Blickkontakt in einem inneren Gefängnis verharrt, das nur schwer auszuhalten ist. Gleichzeitig ist auch spürbar, dass jeder Versuch von außen, an der Gefängnistür zu rütteln, geschweige denn Emma dort herauszuziehen, sofort zum Scheitern verurteilt wäre. Ich sitze ihr gegenüber und spüre die Wucht einer innerlich komplett verknoteten Seele. Eine Wucht, die auch mich ratlos werden lässt. Emma wirkt so kraftlos, dass ich nicht die Hoffnung habe, ihr schnell helfen zu können. In einem Teil ihrer Seele ist aber auch eine Verweigerung spürbar. Das ist immerhin lebendig, denke ich. Darin steckt eine Kraft, eine narzisstische Energie, die sich daran misst, wie wichtig es Emma zu sein scheint, dass die Erwachsenen sich kümmern. Das überangepasste Mädchen, das sie lange war, protestiert.
