Mütter. Macht. Politik. - Aura-Shirin Riedel - E-Book

Mütter. Macht. Politik. E-Book

Aura-Shirin Riedel

0,0
13,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

"In einer Gesellschaft, die Familien ignoriert, werden Mütter systematisch an den Rand gedrängt. Es braucht engagierte Menschen, die sie wieder in den Mittelpunkt stellen. Genau das bietet das vorliegende Buch. Es zeigt konkrete Lösungsansätze, wie sich die Situation für Mütter in unserer Gesellschaft verbessern lässt. In zehn exklusiven Interviews erklären Verbandssprecherinnen, Expertinnen aus Unternehmen und Wissenschaft sowie Aktivistinnen und Aktivisten, was Mütter brauchen – und vor allem, mit welchen konkreten Schritten ihre Forderungen erreicht werden können. Das ist in dieser Form und so gebündelt einmalig. Ergänzt werden die zehn Interviews durch eine scharfe gesellschaftspolitische Analyse der Stellung von Müttern in Deutschland. Und das in fünf wichtigen Lebensbereichen: Gesundheit, Wohnen, Arbeit, soziale Absicherung sowie Normen und Werte. Dabei stellt sich heraus: Was Mütter stärkt, hilft allen Menschen. LESEPROBE " … Warum wir dieses Buch geschrieben haben. Wir sind Mütter. Und wir haben die Schnauze voll. Vom zehnten Ratgeber, der uns sagt, wie wir unsere Partnerschaft gleichberechtigt gestalten können. Von gut gemeinten Tipps, wie wir uns als Frauen und Mütter in einer männerdominierten Wirtschaft behaupten. Vom ständigen Jonglieren zwischen den Bedürfnissen unserer Kinder und dem, was die Gesellschaft als offensichtlich weit wichtiger erachtet: berufliche Verfügbarkeit, Flexibilität und die Optimierung unseres privaten Lebens. Dieses Buch haben wir um vier Uhr nachts geschrieben und um zehn Uhr morgens, manchmal genau dann, wenn schon wieder der Anruf aus der Kita kam: "Ihr Kind ist krank, bitte holen Sie es ab!" Oder nachdem wir morgens erfahren hatten: Es wird lediglich eine "Notbetreuung" angeboten, wer nicht arbeitet, soll sein Kind bitte zuhause lassen. Mit Arbeit ist dabei nur genau eines gemeint: Die Erwerbstätigkeit außer Haus. Die verlässliche, liebevolle Betreuung unserer Kinder, die täglich damit verbundene Anstrengung und nie enden wollende Verantwortung: Privatsache. Zumindest in einer Gesellschaft, die familiäre Fürsorge genau dazu macht. Als Mütter tragen wir statistisch belegt den weit überwiegenden Teil dieser familiären Verantwortung. Und genau dadurch wirft unsere Situation ein Schlaglicht auf die gesellschaftlichen Missstände, die den Alltag von Menschen, die für andere sorgen, oft nur zu einem machen: anstrengend, erschöpfend – und manchmal kaum zu bewältigen. Wütende Posts in den sozialen Medien und inzwischen auch ganze Bücher berichten davon. Wir möchten mit diesem Buch nicht in ein Lamento einstimmen, wie schlecht es Müttern geht. Mütter sind keine hilflose, homogene und still vor sich hin leidende gesellschaftliche Gruppe. Aber Fakt ist: Wir sind als gesellschaftliche Gruppe aktuell hoch belastet. Wir stehen nicht nur täglich unter Zeitdruck, sondern haben nach der Geburt unserer Kinder allzu oft schlechtere berufliche Chancen und sind ganz real von Altersarmut bedroht. Das alles ist aber nicht "unsere Schuld", etwa, weil wir uns für Kinder entschieden haben. Wir haben uns diese Situation nicht ausgesucht, sondern wurden in sie hineinmanövriert, ohne dass wir eine Wahl hatten. Was uns als Mütter auslaugt und lähmt, sind nicht etwa unsere Kinder, sondern gesellschaftliche Rahmenbedingungen, die sich dringend ändern müssen. Zuvorderst eine Ökonomie, die Familie lediglich als Konsumeinheit begreift. Einfacher gesprochen: Wir tun so, als sprießten Arbeitskräfte einfach aus dem Boden, und machen damit den ökonomischen Mehrwert mütterlicher Arbeit unsichtbar. Gleichzeitig wird überall dort, wo Mütter dem erwerbstätigen Partner oder der erwerbstätigen Partnerin "den Rücken freihalten", indem sie den weit überwiegenden Teil des Tages die Kinder betreuen, das Ungleichgewicht in den Familien zementiert – und letztlich in der Gesellschaft im Ganzen... "

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 209

Veröffentlichungsjahr: 2025

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



SARAH ZÖLLNER

und

AURA-SHIRIN RIEDEL

MÜTTER. MACHT. POLITIK.

Ein Aufruf!

Sachbuch

Magas Verlag: deutsche Erstausgabe (Taschenbuch)

Literki Verlag: dieses E-Book.

Für unsere Mütter.

Für unsere Töchter und Söhne.

„Den Systemwandel den Betroffenen zu überlassen, also den jungen Müttern, pflegenden Angehörigen und Pflegekräften, wird nicht funktionieren.“

Sascha Verlan, Mitinitiator des "Equal Care Day"

„Letztlich ist die Frage: Wofür brauchen wir Ökonomie?

Ökonomie ist kein Selbstzweck. Vielmehr soll etwas erwirtschaftet werden, was uns ein gutes Leben ermöglicht. Was also ist ein gutes Leben?“

Prof. Dr. Bettina Kohlrausch

Mütter, macht Politik!

Warum wir dieses Buch geschrieben haben

Wir sind Mütter. Und wir haben die Schnauze voll. Vom zehnten Ratgeber, der uns sagt, wie wir unsere Partnerschaft gleichberechtigt gestalten können. Von gut gemeinten Tipps, wie wir uns als Frauen und Mütter in einer männerdominierten Wirtschaft behaupten. Vom ständigen Jonglieren zwischen den Bedürfnissen unserer Kinder und dem, was die Gesellschaft als offensichtlich weit wichtiger erachtet: berufliche Verfügbarkeit, Flexibilität und die Optimierung unseres privaten Lebens. Dieses Buch haben wir um vier Uhr nachts geschrieben und um zehn Uhr morgens, manchmal genau dann, wenn schon wieder der Anruf aus der Kita kam: „Ihr Kind ist krank, bitte holen Sie es ab!“ Oder nachdem wir morgens erfahren hatten: Es wird lediglich eine „Notbetreuung“ angeboten, wer nicht arbeitet, soll sein Kind bitte zuhause lassen. Mit Arbeit ist dabei nur genau eines gemeint: Die Erwerbstätigkeit außer Haus. Die verlässliche, liebevolle Betreuung unserer Kinder, die täglich damit verbundene Anstrengung und nie enden wollende Verantwortung: Privatsache. Zumindest in einer Gesellschaft, die familiäre Fürsorge genau dazu macht.

Als Mütter tragen wir statistisch belegt den weit überwiegenden Teil dieser familiären Verantwortung.

Und genau dadurch wirft unsere Situation ein Schlaglicht auf die gesellschaftlichen Missstände, die den Alltag von Menschen, die für andere sorgen, oft nur zu einem machen: anstrengend, erschöpfend – und manchmal kaum zu bewältigen. Wütende Posts in den sozialen Medien und inzwischen auch ganze Bücher berichten davon.

Wir möchten mit diesem Buch nicht in ein Lamento einstimmen, wie schlecht es Müttern geht. Mütter sind keine hilflose, homogene und still vor sich hin leidende gesellschaftliche Gruppe. Aber Fakt ist: Wir sind als gesellschaftliche Gruppe aktuell hoch belastet. Wir stehen nicht nur täglich unter Zeitdruck, sondern haben nach der Geburt unserer Kinder allzu oft schlechtere berufliche Chancen und sind ganz real von Altersarmut bedroht. Das alles ist aber nicht „unsere Schuld“, etwa, weil wir uns für Kinder entschieden haben. Wir haben uns diese Situation nicht ausgesucht, sondern wurden in sie hineinmanövriert, ohne dass wir eine Wahl hatten.

Was uns als Mütter auslaugt und lähmt, sind nicht etwa unsere Kinder, sondern gesellschaftliche Rahmenbedingungen, die sich dringend ändern müssen. Zuvorderst eine Ökonomie, die Familie lediglich als Konsumeinheit begreift. Einfacher gesprochen: Wir tun so, als sprießten Arbeitskräfte einfach aus dem Boden, und machen damit den ökonomischen Mehrwert mütterlicher Arbeit unsichtbar. Gleichzeitig wird überall dort, wo Mütter dem erwerbstätigen Partner oder der erwerbstätigen Partnerin „den Rücken freihalten“, indem sie den weit überwiegenden Teil des Tages die Kinder betreuen, das Ungleichgewicht in den Familien zementiert – und letztlich in der Gesellschaft im Ganzen. Mütter sind nicht nur in Führungspositionen weniger vertreten und haben dadurch weniger Einfluss- und Gestaltungsmöglichkeiten. Sie fehlen darüber hinaus in politischen Gremien, wo wichtige Sitzungen, Diskussionen und Abstimmungen abends stattfinden. Sie fehlen in Hochschulen und Institutionen, wo Arbeitsabläufe eben gerade nicht darauf ausgerichtet sind, neben der Forschung noch für andere zu sorgen. Und natürlich haben wir Mütter im Durchschnitt ganz konkrete Nachteile, was unser Einkommen, unsere beruflichen Aufstiegschancen, überhaupt unsere Lebensqualität betrifft.

Und – tata – natürlich ist das nicht nur unsere Angelegenheit als Mütter. Denn es ist von Bedeutung, ob die weibliche Perspektive – und damit die Perspektive von Menschen, die Fürsorgeverantwortung übernehmen, bei politischen Entscheidungen berücksichtigt wird. Ob bei der Städteplanung mitgedacht wird, was Familien, alte Menschen und Kinder brauchen. Ob Arbeitszeiten und -abläufe so gestaltet sind, dass daneben auch ein gutes Leben als Familie möglich ist. Ob unser Steuersystem Menschen begünstigt, die sich kinderlos für die Ehe entschieden haben – oder Menschen, die unverheiratet, alleinerziehend oder als Wahlverwandte ihren Kindern ein Zuhause geben. Es macht einen Unterschied, ob unser Fokus als Gesellschaft auf immer weiterem wirtschaftlichem Wachstum und der Ausbeutung unserer (menschlichen) Ressourcen liegt – oder wir endlich begreifen, dass ein Leben als Gemeinschaft nicht dauerhaft möglich ist, wenn wir es auf Kosten der Schwächsten leben. Kinder und diejenigen, die für sie sorgen, sind die wichtigste Ressource unserer Gesellschaft. Wir aber behandeln sie als lästiges Extra, das zu funktionieren hat, damit möglichst alles reibungslos weiterläuft; dem wir aber letztlich seine eigentliche Qualität absprechen.

Mütter müssen, so wie unsere Gesellschaft aktuell organisiert ist, an den Rand gedrängt, beruflich benachteiligt und abgewertet werden. Nur wenn wir familiäre Fürsorge als kostenlose und stets verfügbare Ressource behandeln – wie übrigens planetare Ressourcen auch –, erlaubt uns das, sie gnadenlos auszubeuten. Begleitet wird diese strukturelle Abwertung durch eine ideelle Abwertung von Mutterschaft. Denn nur, wenn wir die Leistung von Müttern und Menschen, die für andere täglich sorgen, kleinreden und zur Selbstverständlichkeit machen, können wir überhaupt als Gesellschaft den Raubbau daran rechtfertigen. Wer sich sein „Los“ selbst ausgesucht hat, kann schlecht fordern, dass sich die Rahmenbedingungen, unter denen er oder sie nun lebt, verändern. Das „selbst Schuld“ schwebt über allem und ist letztlich die Ausrede dafür, an genau den Strukturen, die Müttern schaden, nichts zu ändern.

Was also tun? Dummerweise nehmen genau die Rahmenbedingungen, unter denen Mütter leben, vielen von uns schlicht die Kraft, uns gegen sie aufzulehnen.

Gerade mit kleinen Kindern fehlt uns einfach die Zeit und Energie dazu. „Den Systemwandel den Betroffenen zu überlassen, also den jungen Müttern, pflegenden An- gehörigen und Pflegekräften, wird nicht funktionieren“, formuliert es Care-Aktivist Sascha Verlan im Interview mit uns.

Was wir brauchen, sind somit Menschen, die die Kraft aufbringen können, die uns Müttern im Alltag oft fehlt. Die Zeit für zähe Verhandlungen haben. Die ihre Forderungen hartnäckig wiederholen und eben auch politischen Einfluss haben. Wir brauchen Fürsprecher:innen, die für uns Mütter und mit uns Müttern ihre Stimme erheben. All diese Menschen gibt es natürlich. In Institutionen, Verbänden und auch Unternehmen. Aber oft finden sie nur in engen (Fach-) Kreisen Gehör. Unter Menschen, die sich ohnehin bereits einsetzen. Was noch fehlt, sind breite gesellschaftliche Allianzen.

Wir geben Wissenschaftlerinnen, Verbandssprecherinnen, Unternehmerinnen und Aktivistinnen und Aktivisten mit unserem Buch den Raum, die politischen Interessen von Müttern zu vertreten. Auch wer gerade keine Zeit findet, sich in die Themen einzuarbeiten, findet hier alle wichtigen Forderungen auf einen Blick. Den Expert:innen in diesem Buch zuzuhören lohnt sich. Weil sie zeigen: Veränderung ist möglich! Weil sie durch ihre jahrelange Erfahrung genau sagen können, wo es hakt und wie und wo Dinge bereits neu gedacht und gemacht werden.

Eine mütter- und damit menschenfreundliche Gesellschaft ist keine Utopie. Aber wir erreichen sie eben auch nicht „einfach so“. Wer Mütter stärkt, muss Menschen auf die Füße treten. Nämlich genau denen, die aktuell von der kostenlosen „Ressource Mutterschaft“ gut leben. Wir haben es als Mütter satt, uns ausbeuten und in Beruf und sozialem Leben an den Rand drängen zu lassen. Wir wollen mehr: eine Gesellschaft, die tatsächlich inklusiv ist. Die allen Menschen die Chance auf ein gutes und menschenwürdiges Leben gibt. Gerade auch denen, die durch ihre Fürsorge für andere den sozialen Zusammenhalt dieser Gesellschaft sichern.

Wie dieses Buch aufgebaut ist

Gesundheit, Wohnen, Arbeit, soziale Absicherung und gesellschaftliche Werte: Die Aspekte unseres Lebens als Mütter sind vielfältig und hängen doch alle zusammen. In fünf Kapiteln wenden wir uns jedem dieser Bereiche zu. Um die strukturellen Probleme sichtbar zu machen, die uns als Müttern begegnen, haben wir einerseits aktuelle Studien ausgewertet. Damit zeigen wir, dass Mütter nicht persönlich versagen, wenn beispielsweise nicht genug Rente zum Leben übrigbleibt oder sie den Anforderungen des Arbeitsmarktes nicht gerecht werden können. Auf der anderen Seite wollten wir wissen, welche Bedingungen wir als Mütter brauchen, um wirklich gleichberechtigt an der Gesellschaft teilhaben zu können. Dazu haben wir in jedem Kapitel ausführliche Interviews mit Expert:innen geführt, die sich bereits seit Jahren für die Interessen von Müttern und Menschen, die für andere sorgen, einsetzen. Schließlich setzen wir am Ende jedes Teilkapitels Handlungsimpulse für die Politik, aber auch für unsere Leser:innen. Da- mit möchten wir jede und jeden ermutigen, selbst Teil eines strukturellen Wandels zu werden, der die Fürsorge umeinander zum Leitprinzip unserer Gesellschaft macht.

Weil sie eine Grundvoraussetzung für ein gutes Leben ist, beginnen wir mit unserer Gesundheit, zu der für uns als Mütter auch die Geburt unserer Kinder zählt. Über die aktuellen Bedingungen in der Geburtshilfe haben wir mit der Präsidentin des Deutschen Heb- ammenverbands, Ulrike Geppert-Orthofer, gesprochen. Über die gesundheitliche Situation von Müttern und wie wir sie verbessern können haben wir uns mit der Geschäftsführerin des Müttergenesungswerks, Yvonne Bovermann, unterhalten. Im zweiten Kapitel wenden wir uns dem Lebens- und Wohnumfeld von Müttern zu. Dazu haben wir zunächst mit Ute Latzel gesprochen. Sie ist Geschäftsführerin des Mütter- und Familienzentrums Bad Nauheim und Mitglied im Steuerungskreis des Verbands der Mütterzentren. Mit Dr. Mary Dellenbaugh-Losse, einer der führenden Expert:innen für gendergerechte Stadtentwicklung, haben wir uns über eine Stadt- und Raumplanung, die die Bedürfnisse von Familien berücksichtigt, ausgetauscht. Das dritte Kapitel widmen wir dem Thema Beruf und Karriere und fragen nach Bedingungen, die echte Vereinbarkeit ermöglichen. Dazu haben wir ein Interview mit der Vorsitzenden des Verbands berufstätiger Mütter e.V., Cornelia Spachtholz, geführt. Außerdem haben wir die Geschäftsführerin von „Wildling Shoes“, Anna Yona, gefragt, wie ein Unternehmen, das Mütter unterstützt, strukturiert sein muss. Im vierten Kapitel beschäftigen wir uns mit der finanziellen Situation von Müttern. Dazu haben wir ein Gespräch mit Anja Weusthoff und Silke Raab, Vertreterinnen des DGB Frauen, geführt. Außerdem haben wir mit Daniela Jaspers, der Bundesvorsitzenden des Verbands alleinerziehender Mütter und Väter e.V., darüber gesprochen, wie die Armut Alleinerziehender beseitigt werden kann. Im fünften Kapitel nehmen wir die Normen und Werte unserer Gesellschaft in den Blick, die als kultureller Überbau die gesellschaftlichen Bedingungen des Mutterseins bestimmen. Dazu haben wir mit der Soziologin und Direktorin des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts der Hans-Böckler-Stiftung, Prof. Bettina Kohlrausch, gesprochen. Außerdem mit Sascha Verlan, der zusammen mit seiner Frau Almut Schnerring den Equal-Care-Day erfolgreich initiierte.

Im letzten Kapitel fassen wir nochmals alle Erkenntnisse und Forderungen aus den Interviews zusammen und wagen den Ausblick in eine Gesellschaft, die nicht nur Mütter stärkt, sondern alle ihre Mitglieder. Am Ende des Buches haben wir Initiativen und Verbände zusammengetragen, in denen jede und jeder Einzelne politisch aktiv werden und auf diese Weise einen Beitrag leisten kann. Wir wünschen euch als unseren Leser:innen eine spannende und erkenntnisreiche Lektüre!

Gesundheit und Wohlbefinden

„Das „Empowerment“ der Frauen unter der Geburt spielt für den Geburtsverlauf eine bedeutende Rolle.“

Ulrike Geppert-Orthofer

Interview mit Ulrike Geppert- Orthofer, Präsidentin des deutschen Hebammenverbands

Mit Schweißperlen auf der Stirn, unvorstellbaren Schmerzen und viel Dramatik – so angsteinflößend wird Geburt in Film und Fernsehen häufig dargestellt. Am Ende liegt die Frau unter viel Geschrei passiv auf dem Rücken, während ein männlicher Arzt das Kind aus ihr heraus und auf die Welt holt. Diese Vorstellung von Geburt hat sich tief in unserem kollektiven Bewusstsein festgesetzt. Eine von der Mutter selbst geleitete und mit Zeit und Ruhe gestaltete Geburt ist dagegen etwas Besonderes, ja, oft Unmögliches. Warum ist Selbstbestimmung unter der Geburt selbst in einer emanzipierten Gesellschaft ungewöhnlich? Dass wir keine außer- irdischen Wesen sind und zwingend durch eine Frau geboren werden müssen, ist offenbar in Vergessenheit geraten. Anders kann man sich die derzeitige Situation in der Geburtshilfe nicht erklären.

Wir möchten in diesem Kapitel drei Fragen klären:

Wie geht es Müttern in der Geburtshilfe heute?

Was muss sich verändern?

Wo wird Veränderung bereits umgesetzt und welche Schlüsse für die deutsche Geburtshilfe lassen sich daraus ziehen?

Eine „gute“ Geburt, in der die Bedürfnisse von Mutter und Kind berücksichtigt werden, ist nicht nur für Mütter wichtig. Vielmehr hat das Geburtserlebnis lebenslange Auswirkungen auch auf unsere Kinder und die gesamte Familie. Damit ist die Geburt nicht nur Voraussetzung des Lebens überhaupt, sie bildet auch die Grundlage für die psychische und physische Verfassung unserer Gesellschaft. Nehmen wir den gesellschaftlichen Wert einer guten Geburt ernst, dürfen wir sie nicht als individuelle Angelegenheit betrachten. Vielmehr müssen wir uns fragen: unter welchen Bedingungen gebären Frauen heute und wie können wir sie verbessern?

Wir haben eine Frau gefragt, die es wissen muss: Ulrike Geppert-Orthofer ist seit 2017 Präsidentin des Deutschen Hebammenverbandes (DHV). Im Jahr 2021 initiierte ihr Berufsverband gemeinsam mit Eltern und anderen Berufsgruppen das „Zukunftsforum Geburtshilfe“. Hier werden nicht nur künftige Herausforderungen besprochen, sondern auch konkrete Visionen für die Geburtshilfe formuliert. Die frauenzentrierte Geburtshilfe ist kein „Nice-to-have“, sondern die Grundvoraussetzung für eine gute Geburt, erklärt Frau Geppert-Orthofer Ende 2021 im Gespräch. Ziel der Initiative ist es, Antworten auf die grundlegende Frage zu finden: Was ist uns der Beginn des Lebens wert?

Frau Geppert-Orthofer, wie ist die aktuelle Lage in den Kreißsälen aus Hebammensicht?

„Die Versorgungssituation von Frauen in Krankenhäusern ist mancherorts wirklich sehr schwierig. Wir haben 2015 vom Deutschen Hebammenverband eine Studie in Auftrag gegeben, die belegt, dass jede fünfte Frau ihren Freundinnen ihre Geburtsabteilung nicht empfehlen würde, weil sie die Geburtshilfe dort als nicht gut genug bewertet. 2019 gab es zudem ein vom Bundesministerium für Gesundheit in Auftrag gegebenes Gutachten. Dieses hat noch einmal eine deutliche Verschärfung der Lage gezeigt. Und während der Corona-Pandemie ist es noch schwieriger geworden. [...]

Wenn eine Hebamme unter der Geburt gleichzeitig zwei, drei oder vier Frauen betreut, kann sie unter Umständen nicht feststellen, ob eine Notsituation entsteht. Wenn eine Frau beispielsweise beginnt, verstärkt vaginal zu bluten, der Blutzucker des Kindes sinkt oder es gar aufhört zu atmen. Diese Dinge nehme ich nur wahr, wenn ich Zeit habe und wirklich bei der Frau bin. […] Die personale Unterbesetzung belegt auch die IGES-Studie zur stationären Hebammenversorgung aus dem Jahr 2019. Demnach betreuen in einem normalen Dienst 16 Prozent der Hebammen nur eine, 67 Prozent zwei und 16 Prozent drei und mehr Frauen. Bei unterdurchschnittlicher Besetzung betreuen allerdings alle Hebammen mehr als eine Frau. 15 Prozent betreuen zwei Frauen, 51 Prozent drei und ein Drittel vier oder mehr Frauen. Und hierbei sprechen wir von Frauen während der aktiven Geburtsphase! […] Man sagt immer, Grund für diesen Zustand sei der ökonomische Druck – das mag in der akuten Situation so sein. Ich glaube aber vielmehr, dass die Geburtshilfe gesellschaftlich nicht so wertgeschätzt wird, wie es eigentlich der Fall sein sollte.“

Der Hebammenmangel in Kliniken ist nicht neu. Aber welche konkreten Auswirkungen hat das für uns Mütter unter der Geburt? Der Verein Motherhood e.V. hat Geburtsberichte gesammelt von Frauen, die während der Corona-Pandemie ihr Kind bekommen haben.

INFO:

Mother Hood e.V. ist eine Bundeselterninitiative zum Schutz von Mutter und Kind während Schwangerschaft, Geburt und erstem Lebensjahr. Auslöser für die Gründung war ein drohender Mangel freiberuflicher Hebammen im Jahr 2015, dem sich die Initiative entgegenstellen wollte. Mother Hood e.V. ist in ganz Deutschland in Regionalgruppen aktiv. Der Verein ist Mitglied im Netzwerk der Elterninitiativen für Geburtskultur und international vernetzt.

Viele berichten von geradezu erschreckenden Zuständen. Sie wurden während der Eröffnungsphase mit zum Teil starken Wehen allein gelassen, ihre Partner durften den Kreißsaal erst spät oder gar nicht betreten oder mussten unmittelbar nach der Geburt das Krankenhaus wieder verlassen. Die werdenden Mütter wurden zum Teil zu medizinischen Eingriffen genötigt und in ihrer Würde und Integrität als Frau nicht wahrgenommen. Gewalt unter der Geburt ist aber kein Phänomen, das auf die Zeit der Pandemie beschränkt ist. Die Initiative „Roses Revolution“ berichtet von 627 Fällen von Gewalt unter der Geburt in Deutschland allein im Jahr 2021.1 Da die Gewalt im Kreißsaal ein gesellschaftliches Tabu ist und keine Zahlen zu diesem Thema erfasst werden, dürfte die Dunkelziffer weit höher liegen. Acht von zehn Interventionen erfolgten laut Angaben der Betroffenen ohne Zustimmung der werdenden Mutter, jede vierte ohne explizite Aufklärung.

INFO:

Roses Revolution: Der Roses Revolution Day wurde im Jahr 2011 in Spanien von der Geburtsaktivistin Jesusa Ricoy ins Leben gerufen. Seit 2013 gibt es den Aktionstag auch in Deutschland. Die inzwischen als Verein organisierte Initiative setzt sich für eine gewaltfreie Geburtshilfe ein und unterstützt betroffene Familien als erste Anlaufstelle nach erlebter Gewalt während Schwangerschaft, Geburt und/oder im Wochenbett.

Mit der Ausgestaltung der Mutterschaftsrichtlinien, die bezeichnenderweise ohne Beteiligung von Hebammen stetig weiterentwickelt werden, wurde das „Risikofaktorenmodell“ zum vorrangigen Ziel ärztlicher Schwangerenvorsorge.2 Waren es 1975 noch 17 Risikofaktoren, so sind im aktuellen Mutterpass 56 Schwangerschafts- und Geburtsrisiken aufgelistet. Bei fast 80 Prozent der Schwangeren wurden im Jahr 2019 eines oder mehrere Geburts- und/oder Schwangerschaftsrisiken angekreuzt. Während 2009 noch jede vierte Frau als Risikoschwangere eingestuft wurde, war es 2017 bereits jede dritte. Ob die massiv gestiegene Risikobewertung Geburten tatsächlich sicherer macht, ist umstritten. Die Fokussierung auf mögliche Gefahren schürt nicht nur Ängste bei den Schwangeren, die erwiesenermaßen negativen Einfluss auf das Geburtsgeschehen nehmen.3 Sie hat im Klinikalltag auch einen erheblichen Anstieg der Interventionen befördert. Noch bis in die 60er und 70er Jahre war die „begründete Nichtintervention“ die übliche Vorgehensweise in der Geburtshilfe. Dieses Vorgehen wurde allmählich von der medizinischen Vorstellung abgelöst, möglichst frühzeitig zu intervenieren, um jedes Risiko zu vermeiden.4

Der Wechsel der Perspektive von Geburt als einem natürlichen Prozess zu einem pathologischen Zustand hat dazu geführt, dass Frauen kaum noch selbstbestimmt und ohne Fremdeinwirkung gebären können oder dürfen. In Deutschland erleben heute nur rund acht Prozent der gesunden Schwangeren eine Geburt ohne medizinische Eingriffe, also ohne Interventionen wie Wehentropf, Dammschnitt, Saugglocke oder beispielsweise Periduralanästhesie, kurz PDA, eine rückenmarksnahe Narkose.5 Gleichzeitig wird die Wahrscheinlichkeit für eine vaginal-operative Entbindung sowie für einen ungeplanten Kaiserschnitt durch vorangegangene Interventionen – insbesondere Wehenmittelgabe – erhöht.6 Der Kaiserschnitt ist der häufigste operative Eingriff bei Frauen. In Deutschland endet rund jede dritte Geburt mit einem Kaiserschnitt. In den ersten Lockdown-Monaten im Coronajahr 2020 hat sich die Quote noch einmal um rund 3 Prozent erhöht.7 Im Vergleich dazu wurde 1997 nur knapp jedes fünfte Kind mit Kaiserschnitt entbunden. Aktuell über- steigt die Sectiofrequenz in vielen Industrienationen die von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfohlenen zehn bis fünfzehn Prozent.8

INFO:

Die World Health Organisation (WHO) ist eine Sonderorganisation der Vereinten Nationen mit Sitz in Genf. Die Weltgesundheitsorganisation koordiniert das internationale öffentliche Gesundheitswesen. Hauptaufgaben sind die Bekämpfung von Erkrankungen mit Schwerpunkt Infektionskrankheiten sowie die Förderung der Gesundheit der Menschen weltweit. Die WHO wurde 1948 gegründet und zählt heute 194 Mitgliedstaaten.

Zugleich steigen die Ausgaben der Krankenkassen für Geburten seit Jahren. Innerhalb der letzten 16 Jahre haben sie sich nach Berechnungen von Statista fast verdoppelt: von 0,88 Mrd. Euro im Jahr 2005 auf 1,62 Mrd. Euro 20219.

Frau Geppert-Orthofer, müssen sichere Geburten kostenintensiv sein?

„Nein, das müssen sie nicht. Statt auf immer mehr Interventionen zu setzen, sollten wir uns auf das Wesentliche konzentrieren. Natürlich hat das auch mit unserer Rechtsprechung zu tun. Es ist uns in der Tat kein Fall bekannt, in dem jemand verklagt wurde, weil unbegründet oder nicht ausreichend begründet etwas getan wurde. Tatsächlich wurde noch nie ein Arzt, eine Klinik oder eine Hebamme verklagt, weil zu früh oder unnötigerweise ein Kaiserschnitt initiiert wurde. Ist das Kind nach dem Kaiserschnitt gesund, wird gefolgert, man habe gerade noch rechtzeitig gehandelt. Im umgekehrten Fall gibt es aber eben Klagen. Als Berufsstand werden wir für das Risiko, geboren zu werden, in Haftung genommen. Da kann man es niemandem übelnehmen, der sagt: „Lieber etwas zu früh als zu spät eingreifen!“ Die Situation hat sich noch verschärft, seitdem die Sozialversicherungsträger die Pflicht haben, die Verursacher von Schäden in Regress zu nehmen. Auch die Gynäkolog:innen sind davon betroffen, ebenso wie die Kliniken selbst.“

Nicht nur der Verlauf, sondern auch der Zeitpunkt der Geburt wird den Bedürfnissen einer auf Planungssicherheit bedachten Klinik unterworfen. Denn an welchem Tag genau ein Baby zur Welt kommt, kann trotz verbesserter Messungen vorab niemand feststellen. Tatsächlich schwankt der Geburtszeitpunkt um mehrere Wochen und ist von vielen Faktoren abhängig. Die eingeschränkte Planbarkeit der physiologischen Geburt setzt voraus, dass genügend Personal und Räumlichkeiten vorgesehen sind. Doch genau das widerspricht einer effizienten Betriebsführung. Obwohl der errechnete Geburtstermin nur ein Richtwert sein kann, wird bereits nach einer Woche über diesem Zeitpunkt von erhöhtem Risiko gesprochen. Ähnlich ungünstig ist die Lage in den Krankenhäusern für Frauen, deren Wehen früher einsetzen als berechnet. Viele Frühgeborenenstationen weisen einen chronischen Mangel an Kapazitäten auf.10Der geplante Kaiserschnitt ist daher aus Kosten- und Personalgründen ein bevorzugtes Modell für die Kliniken. Etwa jedes zehnte Kind kommt auf diese Weise am Wunschtermin zur Welt.11

Die Defizite in der Geburtshilfe führen inzwischen dazu, dass Personal- und Ausstattungsengpässe in den Kliniken so stark sind, dass Mütter unter Wehen abgewiesen werden müssen. Hiervon sind vor allem Geburtskliniken in Großstädten betroffen, die im Vergleich zu kleineren Kliniken in ländlichen Regionen einen größeren Hebammenmangel haben. Laut IGES-Institut, einem privatwirtschaftlichen Forschungs- und Beratungsinstitut für Infrastruktur und Gesundheit, gaben mehr als ein Drittel der befragten Geburtskliniken an, dass sie im Jahr 2018 mindestens einmal eine Schwangere mit Wehentätigkeit wegen Kapazitätsengpässen nicht aufnehmen konnten. Hochgerechnet für ganz Deutschland waren davon 1,1 Prozent aller Geburten und immerhin knapp 9000 Mütter betroffen.12In der Regel ist mit einer Abweisung die Fahrt in eine weiter entfernte Klinik verbunden. Das bedeutet nicht nur zusätzlichen Stress, sondern auch eine ernsthafte Gefahr für Leib und Leben von Mutter und Kind. Während wir im Zusammenhang mit Corona die überlasteten Krankenhäuser und Kapazitätsengpässe zum Anlass für politische Maßnahmen nahmen, ist diese Situation in der Geburtshilfe bereits seit Jahren bittere Realität, ohne dass die Politik daran besonderes Interesse zeigt.

Frau Geppert-Orthofer, was müsste sich konkret verändern, um die Geburtshilfe zu verbessern?

„Meiner Meinung nach haben wir oft die falschen Qualitätsindikatoren. Wir beziehen uns ausschließlich auf das körperliche Ergebnis, vereinfacht gesagt: „Sind Mutter und Kind gesund und nicht tot?“ Aber gerade weil wir so ein hohes Niveau haben, was unsere Hygiene und den Allgemeinzustand in den Kliniken betrifft, ist bei uns durchaus erwartbar, dass Mutter und Kind die Geburt gut überstehen. Auf Faktoren wie psychische Gesundheit legen wir allerdings zu wenig Wert. Dabei spielt das „Empowerment“ der Frauen unter der Geburt auch für den Geburtsverlauf eine bedeutende Rolle. Das muss bei uns viel mehr berücksichtigt werden. […] Es gibt auch objektiv schwierige Geburtsverläufe, bei denen die Frau hinterher sagt: Ich habe mich wirklich gut aufgehoben gefühlt. Natürlich kann in einer solchen Stresssituation Kommunikation nicht immer super gelingen. Im Anschluss kann man aber vieles heilen, wenn man zum Beispiel sagt: „Es tut mir ehrlich leid, ich hatte die Zeit nicht, Ihnen alles detailliert zu erklären.“ Wichtig ist, dass man den Frauen eine Erklärung gibt, warum etwas vielleicht nicht optimal lief. Aber auch das braucht natürlich Zeit. [...] Betrachtet man das 2017 veröffentlichte Nationale Gesundheitsziel „Gesundheit rund um die Geburt“ der Bundesregierung, sieht man, wie es eigentlich laufen könnte. Das Wissen ist bekannt und dennoch gibt es bis heute keine verbindlichen Standards der Geburtshilfe in den Kliniken.

Als Berufsverband unterscheiden wir zwischen frau- zentrierter und frauenzentrierter Geburtshilfe. Die frauen- zentrierte Geburt betrifft die Rahmenbedingungen, aber in der konkreten Situation geht es um die Frau und ihre Bedürfnisse und die müssen im Mittelpunkt stehen. [...] Daher fordern wir als Deutscher Hebammenverband: Jede Frau bekommt nach der Geburt standardmäßig ein Gespräch angeboten, bei dem die Geburt besprochen wird. Wenn klar ist, da kommt in jedem Fall – also auch bei einer Geburt, die gut verlaufen ist, – die Hebamme, die mich über Stunden betreut hat und wir besprechen diese Erfahrung, hat das auch keinen „Shame and blame“-Charakter. Das würde die Frauen wirklich unterstützen. Daher ist Zeit auch nach der Geburt einfach ein Faktor, den wir nicht ausreichend berücksichtigen. Und das obwohl wir wissen, dass Krankenhäuser, die einen hohen Anspruch an die Geburtshilfe haben im Sinn einer individuellen und hebammengeleiteten Geburtshilfe, dadurch eine höhere Arbeitszufriedenheit erzielen und ihre Stellen auch besetzt bekommen. Wir brauchen also mit Sicherheit mehr Personal, damit eine frau-zentrierte Geburt möglich wird. […] In erster Linie hat der Deutsche Hebammenverband die Forderung, deutlich mehr Hebammen in den Kreißsälen einzusetzen, das heißt, wir brauchen einerseits mehr Ausbildungs- und Studienplätze und andererseits eine Initiative, um aus- geschiedene Hebammen in die Kreißsäle zurückzuholen. Darüber hinaus brauchen wir eine Wertschätzung der physiologischen Geburtshilfe bis hin zu einer 1:1-Betreuung. […] Schließlich fordern wir natürlich auch eine bessere Bezahlung und den Abbau der starren Krankenhaushierarchie, dass also anerkannt wird, dass Ärzt:innen und Hebammen gleichberechtigt zusammenarbeiten müssen.“

Welche Vorbilder hat die Geburtshilfe in Deutschland und was wird bereits getan?

„Ich selbst habe mir vor zwei Jahren die Geburtshilfe in England angesehen. Dort besteht tatsächlich eine 1:1-Betreuung. […] In England, aber auch in Frankreich und in Skandinavien ist während der gesamten Geburt eine Hebamme dabei. Das ist tatsächlich gar nicht schwer zu organisieren: Man hat einfach für jede Frau einen Kreißsaal und in jedem Kreißsaal ist eine Hebamme. Sie verlässt den Raum nur, wenn die Frau alleine sein will. Auch die Dokumentation findet im Gebärraum statt. Die 1:1-Betreuung umzusetzen ist also möglich. […]

Während unseres Besuchs in England haben wir uns den hebammen- und ärztlich geleiteten Kreißsaal angesehen, waren auf der Wöchnerinnen-Station und auf einer Triage-Station und haben immer wieder gefragt, was Hebammen und ärztliche Fachkräfte in verschiedenen Situationen tun würden. Egal, ob wir mit einer Ärztin oder einer Hebamme gesprochen haben, alle Antworten endeten mit dem Zusatz: „Wenn die Frau das möchte.“ Das fand ich beeindruckend.

INFO: