My Pleasure! - Claudia Hunt - E-Book

My Pleasure! E-Book

Claudia Hunt

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Beschreibung

Easy peasy lemon squeezy

Was hat es mit den drei Kreuzchen am Ende einer SMS auf sich? Wofür benötigt man in London eine Oyster Card oder was haben Austern mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu tun? Wie bereitet man eine perfekte Tasse Tee zu? Und welche Kriterien muss man erfüllen, um einen englischen Thronfolger zu heiraten? Wer den »British way of life« kennenlernen möchte, erfährt in diesem Buch allerlei Erstaunliches über Land und Leute und bringt ganz nebenbei sein Englisch auf Vordermann. Ein Streifzug durch die Besonderheiten der englischen Sprache und Kultur mit historischen Ausflügen, kleinen Anekdoten und dem ein oder anderen Griff in die englische Kuriositätenkiste. You can‘t wait? Great!

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Seitenzahl: 223

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Der nächste England-Urlaub steht ins Haus, und Sie wollen Ihr Englisch aufpeppen? Dabei noch Erstaunliches über Land und Leute erfahren – die Londoner U-Bahn, die drei Kreuzchen am Ende einer SMS oder wie man auf Englisch niest? Und wenn Sie dann noch herausfinden möchten, ob Sie persönlich einen englischen Thronfolger heiraten dürften, ist dieses charmante Büchlein genau das Richtige für Sie.

Eine Reise durch die Besonderheiten der englischen Sprache und Kultur mit historischen Ausflügen, kleinen Anekdoten und dem ein oder anderen Griff in die englische Kuriositätenkiste.

CLAUDIA HUNT

My Pleasure!

Englisch, wie esnicht im Schulbuch steht

WILHELM HEYNE VERLAGMÜNCHEN

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Copyright © 2019 by Wilhelm Heyne Verlag, München,in der Verlagsgruppe Random House GmbH,Neumarkter Straße 28, 81673 München

Redaktion: Katy Albrecht

Umschlaggestaltung: Nele Schütz Design, München

Umschlagillustration: Margit Memminger/Nele Schütz Designunter Verwendung von shutterstock/CKP1001

Satz: Schaber Datentechnik, Austria

ISBN: 978-3-641-23032-6V002

www.heyne.de

Für meine Eltern

Inhalt

My dear reader!

1 Let it rain!

oder

Ein verheerender Jahrhundertnebel, eine aufmüpfige Prinzessin und eine Flasche Gift

2 Jewish hugs and Christian kisses

oder

Von Tischmanieren und Küsschensitten

3 Toilets, loos and water tanks for Russia

oder

Wie man Literaturnobelpreisträger wird und nebenbei auch noch einen Krieg gewinnt

4 Baubles, scoops and German toys

oder

Die weihnachtlichen Freuden des jungen Werthers

5 One latte, please!

oder

Von Morphium und anderen Substanzen, die es heute nicht zum Frühstück gibt

6 Trains in drains

oder

Was Shakespeare mit Londons Transportsystem zu tun hat

7 How to sail through an exam

oder

Was wir schon immer über Nerds und Geeks wissen wollten

8 Hosanna!

oder

Von einem heiligen Mann, acht heiligen Tagen und einer schier unfassbaren Menge heiliger Hosen

9 What’s for pudding?

oder

Von kräftigen Männern und wuchtigen Damen

10 The heir and the spare

oder

Spieglein, Spieglein an der Wand, wessen Arbeitsplatz ist der sicherste im ganzen Land?

11 Defend your religion, fidei defensor!

oder

Warum Prinz George eine Muslimin heiraten dürfte und vielleicht sogar eine Katholikin

12 MIF or TIF? That is the question!

oder

George Orwell nimmt uns eine schwierige Entscheidung ab

Wortschatz – Vocabulary

Dank

Quellen und Literaturempfehlungen

My dear reader!

Wer würde sich nicht gerne einmal nach England entführen lassen, um britische Alltagskultur hautnah zu erleben, Kurioses über Land und Leute zu erfahren und ganz nebenbei die Sprachkenntnisse auf Vordermann zu bringen?

Wir könnten gemeinsam nach London fahren und während wir die Stadt erkunden, ließe es sich hervorragend über Gott und die Welt plaudern, we could chat about anything and everything: Cats and cakes, toilets and water closets, Churchill and Shakespeare, how to make a perfect cup of tea and much, much more! Nebenbei würden wir nicht nur Redewendungen und Begriffe aus der Schulzeit wiederholen, sondern uns auf unterhaltsame Weise mit zusätzlichem Wissensschatz bereichern, wie man ihn in keinem Lehrbuch findet. Wie wär’s? Would you fancy a little trip like that?

You can’t wait? Great! Let’s begin …

1   Let it rain!

oder

Ein verheerender Jahrhundertnebel, eine aufmüpfige Prinzessin und eine Flasche Gift

Ich quartiere uns am besten in Kentish Town ein, einem zentral gelegenen Stadtteil Londons mit guter Verkehrsanbindung. Hier habe ich viele Jahre gelebt und kenne mich bestens aus. Gleich bei der U-Bahn-Haltestelle gibt es eine besonders hübsche Straße, eine der ältesten in der Gegend. Sie stammt aus einer Zeit, bevor die Mode aufkam, jedem einzelnen britischen Reihenhäuschen einen Erker zu verpassen. Die putzigen Häuser mit ihren flachen Fassaden und den großen Fenstern sind in den herrlichsten Pastellfarben gestrichen, ähnlich wie die Häuser vieler englischer Küstenstädtchen aus dem 18. Jahrhundert. In welches wollen wir einziehen: In das gelbe gleich hier zur Linken oder lieber in das fliederfarbene dort drüben? In das grüne an der Ecke oder das himmelblaue mit der Palme im Vorgarten?

Ob da wirklich ein Haus mit einer Palme steht? Mitten im nördlichen London? Das ist nicht zu glauben? You’re not buying that? Doch, doch, da wächst eine. Und sie erfreut sich bester Gesundheit. Der Golfstrom macht es möglich. Tatsache. I’m not making it up.

In das himmelblaue mit dem exotischen Vorgartenflair wollen wir einziehen? Sehr gerne! That’s fine by me!

Und welches Wetter hätten wir denn gern? You want it to be foggy? You’re kidding. Das war wohl ein Witz. Aus welcher Schublade stammt denn dieses verstaubte Wetterklischee? Ich finde, dichte Nebelschwaden sollten wir uns für eine gemeinsame Zeitreise ins frühe Industriezeitalter aufheben, als tatsächlich noch Unmengen Rauch den städtischen Schornsteinen entwich und für dementsprechend schlechte Sichtverhältnisse sorgte.

Any other suggestions, irgendwelche anderen Vorschläge?

You want it to be »raining cats and dogs« instead? Gerne! Lassen wir es in Strömen regnen, und sei es nur, um diesen schönen englischen Ausdruck zu zelebrieren. Allerdings möchte ich bei dieser Gelegenheit betonen, dass London keineswegs zu einem außergewöhnlich regenreichen Pflaster gehört! Städte wie Miami, Orlando, Rio de Janeiro, Sydney und auch meine Heimat München verzeichnen allesamt mehr Regentage pro Jahr als die britische Metropole. Das fand ich heraus, als ich vor vielen Jahren eine Wette gegen meinen Freund George verlor. Darf ich diese Geschichte kurz erzählen, bevor wir den geplanten Wolkenbruch auslösen?

Es fing damit an, dass mein englischer Gast an einem Fensterrahmen in meiner Münchner Wohnung lehnte und frustriert nach draußen blickte. »This place is just as bad as Manchester, isn’t it!«, klagte er angesichts der endlosen Regenfluten an jenem tristen Frühlingstag, zugegebenermaßen bereits dem dritten in Folge. »Isn’t it« war in diesem Kontext nicht als Frage zu verstehen, sondern als Bekräftigung seiner Aussage. Ich verstand seinen Verdruss angesichts unseres wortwörtlich ins Wasser gefallenen Urlaubs.

»Actually, Munich is even worse than Manchester«, legte George nach kurzer Überlegung nach (»actually«: »eigentlich«, »um ehrlich zu sein«, »tatsächlich«).

»No, it’s not!«, lachte ich (und dachte: »Wie absurd!«), denn Manchester ist bei den Briten aufgrund seiner äußerst ungünstigen Witterung als »rainy city« bekannt. So kam es zu unserer Wette, to our bet. Es folgte eine eifrige Recherche in diversen Wetterstatistiken, die für Manchester eine durchschnittliche jährliche Niederschlagsmenge, an average annual rainfall, von 810 Millimetern ergab. Noch beeindruckender las sich jedoch Münchens Regenquote. Sie lag bei sage und schreibe 966 Millimetern. Nebenbei warfen wir nun auch noch ein Auge auf die Niederschlagsmenge, die Georges Heimatstadt London aufzuweisen hatte. Es waren lediglich schlappe 595 Millimeter. So there you are, bitte schön, das sind die Fakten, that’s the facts. Natürlich können sich Münchens 966 Millimeter nicht mit dem jährlichen Regenfall von 4500 Millimetern messen, den die Schotten über sich ergehen lassen müssen, aber von Schottland war ja leider nicht die Rede gewesen.

Die Laune meines englischen Freundes, für den es nichts Schöneres auf der Welt gibt als eine Wette zu gewinnen, stieg schlagartig beim Anblick der eben genannten Zahlen.

»I’m glad I don’t have to live in a place with that much precipitation«, sagte er, der Londoner, beschwingt (wenn man sich gerne gewählt ausdrücken möchte, merkt man sich »precipitation« als Alternative zu »rainfall«).

Oh, da sind sie ja schon, die ersten Regentropfen, the first rain drops. Let’s get inside quickly! Beeilung, hurry up, we’re getting wet!

Wunderbar, da sind wir gerade noch einigermaßen trocken in der warmen Stube angekommen. Unsere Jacken hängen wir am besten an der Garderobe auf, let’s leave them on the coat rack. Wie schön, was für ein hübsches Wohnzimmer, what a pretty little sitting room, hier gibt es sogar einen offenen Kamin, a proper fireplace. Die zwei Eimer, the two buckets, die am Boden danebenstehen, sind schon randvoll mit Kohle und Holzscheiten gefüllt, they’re brimful with coal and logs of wood. Was für ein Glück, lucky us! Ein behaglich knisterndes Feuer würde doch hervorragend zu dem bestellten Wetter passen.

Wow, wir haben wahrlich nicht an Fantasie gespart! Wie es draußen herunterprasselt, it’s pouring down like there’s no tomorrow. Ich schüre gleich mal den Kamin an!

Ob ich Lust auf eine Tasse Tee habe, whether I’d like a cup of tea? Was für eine nette Idee! Why don’t you go to the kitchen and make us one while I’m getting busy here?

Vielen Dank für den Tee! Deary me, ist der dünn. Was ist denn da passiert? Ach so, es war nur »skimmed milk« im Kühlschrank, Magermilch. Kein Wunder, dass er so fade schmeckt, no wonder that it tastes so bland. Sobald der Regen nachlässt, ziehen wir los zu einem der kleinen corner shops, einem Tante-Emma-Laden, und besorgen uns eine Tüte Milch mit anständigerem Fettgehalt, semi-skimmed oder full-fat. Oder ganz anders: Wir könnten uns dem veganen Trend anschließen und zu Mandelmilch greifen, we could opt for almond milk. Die rein pflanzliche Ernährungswelle wartet hier in England nämlich mit einer Steigerungsrate von sage und schreibe 360 Prozent über die letzten zehn Jahre auf, with a whopping 360 percent!

Machen wir es uns doch einstweilen auf dem Sofa gemütlich! Let’s get comfortable, oder noch besser: Let’s get comfy, and enjoy the crackling fire.

Um noch einmal auf das Thema »Wetten« zurückzukommen: Es ist schade, dass das große Pferdehindernisrennen, the Grand National, gerade schon vorbei ist. Wir hätten in einem betting shop auf der Kentish Town Road unsere Tipps für die Gewinner abgeben können, um dann stundenlang vor dem Fernseher zu sitzen, sämtliche Kommentare und Prognosen gebannt mitzuverfolgen und während des Rennens nervös an den Nägeln zu kauen. In kultureller Hinsicht wäre das eine ausgesprochen angesagte Beschäftigung gewesen, da Wetten eine Art Nationalsport darstellt und das Grand National, das jeden Frühling in Aintree, Liverpool, stattfindet, als Ereignis von herausragendem Rang gilt. Ein bekannter Sportjournalist drückte es im englischen Radio folgendermaßen aus: »Some love it, some hate it, but everybody knows it. It’s a massive part of British life.« Einmal, so erzählte er, hätten ein paar schlaue Leser seine Zeitung davon in Kenntnis gesetzt, dass er in einem Artikel wiederholt das Wort »definitely« falsch geschrieben habe, und zwar ohne das zweite »e« im Namen des Pferdes Definitly Red. Tatsächlich hieß das Pferd aber so. »The person who registered the horse Definitly Red wasn’t a great speller and had been in a pub at the time«, scherzte der Journalist. Jedenfalls scheint ein gewisser Alkoholkonsum nicht selten der Registrierung von Rennpferden vorauszugehen. Das lässt ein Blick auf weitere Pferdenamen vermuten. To name just a few:

Blaklion, The Last Samuri or Aaim To Prosper.

Ich glaube, ich muss noch ein wenig Kleinholz und Kohle nachlegen, put some more kindling wood and coal into the fire. Übrigens wird hier rauchfrei geheizt, smokeless. Kentish Town ist Teil des riesigen Stadtbezirks Borough of Camden, und der unterliegt dem Clean Air Act von 1993. Wer sich nicht an die Regeln hält und auffällige Mengen Rauch durch seinen Kamin ins Freie ziehen lässt, kann mit einer gesalzenen Strafe von bis zu 1000 Pfund rechnen. Entsprechend selten sieht man schmutzige Rauchwolken im Himmel über London. Die Hauptursache für die enorme Schadstoffbelastung, der sich die Metropole trotzdem ausgesetzt sieht, ist jedoch im Straßenverkehr zu finden. Laut offiziellen Angaben sterben rund 9000 Menschen pro Jahr infolge der dort ausgestoßenen Giftstoffe. Eine Dunstglocke verursachen sie aber in der Regel nicht. Fast siebzig Jahre ist es nun schon her, dass sich der letzte spektakuläre Nebel über die Stadt legte. Er war derart schädlich, dass er als »Killer Fog« in die Geschichte einging. Do you want to learn more about it?

Es begann recht harmlos: Als sich am Freitag, den 5. Dezember 1952, die ersten Schleier sanft über die Stadt legten, nahmen die an regelmäßigen Smog gewöhnten Londoner noch keine allzu große Notiz davon. Man ging weiterhin seinen Geschäften nach und freute sich über die positive Wetterprognose für die kommenden Tage. Erst, als sich in der folgenden Nacht der Nebel zunehmend verdichtete, sahen sich die meisten Städter dazu veranlasst, sich über das Wochenende in den eigenen vier Wänden einzunisten. Allerdings gab es auch einige Menschen, die sich über die schlechten Sichtverhältnisse geradezu freuten. Zu diesem Personenkreis zählte Prinzessin Margaret, deren ausschweifender Lebensstil vom Königshaus vehement missbilligt wurde. An jenem Wochenende stahl sie sich mit einer kleinen Gefolgschaft aus dem Palast, um einer Music Hall Show der Comedians The Crazy Gang beizuwohnen. Margarets Familie hätte wahrscheinlich nichts von diesem Ausflug erfahren, hätten die Lieblingsunterhalter ihres kürzlich verstorbenen Vaters der Prinzessin nicht eine kleine Flasche Champagner zugeworfen – von der Bühne in die sechste Reihe im Parkett, unter dem lauten Beifall des Publikums. Am nächsten Tag war sowohl die gesamte Nation als auch das Königshaus über diese medienwirksame Showeinlage informiert: »Princess sees Crazy Gang. Gift bottle caught«, stand in den Schlagzeilen. Ausführlich vermeldete der Daily Telegraph: »Princess Margaret, sitting in the sixth row of the stalls at the Victoria Palace theatre last night, stretched out her hands and caught a small bottle of Champagne, thrown from the stage by Jimmy Nervo. The catch was loudly applauded.«

Im Übrigen handelte es sich bei den Komödianten keineswegs um niederträchtige Bösewichter, die der lebensfrohen Prinzessin eine Flasche tödlichen Gifts unterjubeln wollten. Aufgepasst: Wenn die Engländer »gift« sagen, meinen sie »Geschenk«, wenn die Deutschen »Gift« sagen, meinen sie »poison«. Eine diesbezügliche Wissenslücke hat für Engländer natürlich gravierendere Folgen als für unsereins: Wenn man eine Flasche Champagner wegwirft, weil man sie von einem Engländer als vermeintliches »Gift« erhalten hat, ist das äußerst schade um die kostbare Flüssigkeit. Freut sich aber ein Angelsachse über eine aus Deutschland stammende Flasche mit der Aufschrift »Gift« und leert sie daraufhin, muss man sich Sorgen um seine Gesundheit machen. Denn, um es mit den Worten der aufgeweckten Alice auszudrücken (derjenigen Alice, die von Lewis Carroll durchs Wunderland geschickt wurde und sich mit Giftflaschen gut auskannte): »It is most certain to disagree with you sooner or later.«

Um diese – ein wenig untertriebene – Aussage zu verstehen, sollte man wissen, dass »disagree« nicht nur »anderer Meinung sein« bedeutet, sondern auch »etwas bekommt mir nicht« bzw. »etwas ist nicht bekömmlich«.

Für die Prinzessin war ihr »gift«-Geschenk wahrscheinlich das letzte Vergnügen, das ihr an jenem Wochenende zuteil wurde. Danach steckte sie mit der restlichen Verwandtschaft im Palast fest, während die Nebeldecke zur größten und dichtesten in der Geschichte des Landes heranwuchs. Ob mit öffentlichen Verkehrsmitteln, mit dem Auto oder zu Fuß, es war nicht mehr daran zu denken, sich in irgendeiner Weise fortzubewegen. In einigen Gegenden, wie zum Beispiel auf der Isle of Dogs, sah man nicht einmal mehr den Boden unter den eigenen Füßen. Sämtliche Kühe auf dem Spitalfields Market im Zentrum Londons verendeten jämmerlich, Tausende von Menschen starben. Die wachgerüttelten Politiker ergriffen damals zahlreiche Maßnahmen, wie den »City of London Act« und diverse »Clean Air Acts«, mit deren Hilfe dem berüchtigten »London Fog« ein und für alle Male ein Ende gesetzt wurde. Bleibt zu hoffen, dass die Ursachen der heutigen Luftverschmutzung bald ähnlich effektiv bekämpft werden. Diese Aufgabe sollten wir aber getrost den zuständigen Behörden überlassen, denn für uns habe ich jetzt etwas ganz anderes geplant: Wie wäre es mit einem kurzen Vokabeltest? Ein bisschen Abfragen hier und da könnte dazu beitragen, dass die vielen wunderbaren Wörter und Ausdrücke, die auf dieser Reise auftauchen, nicht wieder in Vergessenheit geraten. Spricht etwas dagegen, any objections?

Im Gegenteil, quite the contrary? No objections at all? Eine kleine Wiederholung wäre sehr willkommen? Well then, here you are!

Der erste Test

Zu Anfang nur fünf kleine Aufgaben:

1) Wie übersetzt man das englische »gift« ins Deutsche und das deutsche »Gift« ins Englische?

2) Das deutsche »Gift« ist (im Gegensatz zum englischen »gift«) alles andere als »bekömmlich«. Auch diesen Ausdruck würde ich gerne wissen.

3) »Was für ein Glück!« bzw. »Wir Glückspilze!«, »Wir Glücklichen!« – wie sagt man das auf Englisch?

4) Wie hieß noch die gebräuchlichere Alternative zu dem Ausdruck »It’s raining cats and dogs«?

5) Zum Abschluss bitte die Übersetzung für die wunderbare Redewendung »Was das Zeug hält!«

Die ersten Lösungen

Fangen wir mit dem Wetter an: »Es regnet in Strömen« lässt sich mit »it’s pouring« ins Deutsche übertragen, mit oder ohne »down«. Als Merkhilfe könnte der folgende Kinderreim dienen:

It’s raining, it’s pouring,

the old man is snoring.

He went to bed and bumped his head

and couldn’t get up in the morning.

Ein alter Mann hat sich also beim Zubettgehen den Kopf angeschlagen. In der folgenden Nacht regnet es vom Himmel, »was das Zeug hält«, it’s pouring »like there’s no tomorrow«. Der Benommene schläft jedoch tief und schnarcht durch das Unwetter hindurch und kann auch noch am nächsten Tag nicht aufstehen. Darüber freuen sich seit Generationen die englischen Kids. Wie man sieht, sind die Inselbewohner durchaus mit dem beglückenden Gefühl der Schadenfreude vertraut. Trotzdem mangelt es ihnen in ihrer Sprache an einem passenden Begriff. Um nicht ständig auf Umschreibungen angewiesen zu sein (»The experience of enjoyment obtained from the trouble of others«), bedient man sich der deutschen Sprache. »Schadenfreude« heißt deshalb auch in England: »Schadenfreude«. Ebenfalls zur Freude, wenn auch zu einer ganz anders gearteten, dienen »gifts«, auf Deutsch: »Geschenke«. Als »gift« wird übrigens auch die »Gabe« bezeichnet, weil es sich bei ihr um ein individuelles Geschenk handelt, das einem in die Wiege gelegt worden ist. Eine »begabte Person« wird dementsprechend »a gifted person« genannt. Haben wir gerade mal »Glück gehabt«, dann sagen wir: »Lucky us!«. Befinden wir uns dagegen in einem glücklichen Zustand, bezeichnen wir uns als »happy«.

Das deutsche »Gift« lässt sich mit »poison« übersetzen, aber auch mit »toxin« oder, wenn es tierischen Ursprungs ist, mit »venom«. Alle drei sind mit Sicherheit »nicht bekömmlich«: They’re most certain to »disagree« with you.

Das erinnert mich an das Lied »Why does it always rain on me?« der schottischen Band Travis: Sie beginnt und beendet ihr Lied mit eben dieser Frage und macht sich in den knappen fünf Minuten dazwischen auf die Suche nach der Ursache für ihr glückloses Dasein: »Sunny days, where have you gone?«, »Where did the blue skies go?«, »Even when the sun is shining, I can’t avoid the lightning«, »It’s so cold«, »Was it because I lied when I was seventeen?«. Im Internet fand ich eine Aufnahme, in der ein männlicher Zuhörer den Sänger am Ende seiner melancholischen Endlosschleife mit den folgenden Worten auf den Boden der Tatsachen zurückbrachte:

»It’s because you live in fucking Scotland!«

In Anbetracht der durchschnittlichen jährlichen Niederschlagsmenge, die, wie wir herausgefunden haben, in Schottland bei »a whopping 4500 millimetres« liegt, könnte man sagen: He’s got a point.

2   Jewish hugs and Christian kisses

oder

Von Tischmanieren und Küsschensitten

The rain’s still lashing down. You know what that means, was das bedeutet? We’re stuck inside, jedenfalls vorläufig, at least for the time being. But who cares? Was soll’s? Wir müssen nur etwas finden, womit wir uns die Zeit vertreiben können, something to help us pass the time. Wie wär’s mit einem der Gesellschaftsspiele aus dem Regal dort drüben? Die Auswahl ist gar nicht schlecht: Da gäbe es zum Beispiel Pairs oder Ludo. Nie gehört? Quatsch, nonsense, natürlich kennen wir sie! Alle beide! Hinter der englischen Bezeichnung Pairs verbirgt sich nichts anderes als unser deutsches Memory und hinter der Bezeichnung Ludo das Brettspiel »Mensch ärgere dich nicht«. Wir könnten aber auch Scrabble oder Monopoly spielen. Letzteres würde uns in der London-Version erlauben, nicht nur unseren Urlaub hier zu verbringen, sondern ganze Straßenzüge und Bahnhöfe sowie die städtischen Stadtwerke aufzukaufen: Oxford Street, Trafalgar Square, Kings Cross Station or the city’s water works.

Was liegt denn da noch alles? Sind das Postkarten? Unbenutzte auch noch! Mal sehen: Big Ben, Waterloo Bridge, The Houses of Parliament, Hampstead Heath … ist ja toll! Ich kann mich gar nicht erinnern, wann ich zum letzten Mal eine Postkarte verschickt hätte. Wie wär’s, wenn wir unsere deutschen Freunde mit ein paar handgeschriebenen Zeilen überraschen? Einverstanden? Dann machen wir das! Sobald sich der Himmel aufklärt, as soon as the sky’s brightening up, werfen wir sie dann in eine mail box ein. Ich zünde uns noch ein paar hübsche Kerzen an und sorge für geeignete Hintergrundmusik. Wie wär’s mit den Kinks? Wir könnten uns von ihren Betrachtungen des englischen Lifestyles unterhalten lassen! No objections? Hervorragend! Dazu bräuchte ich jetzt nur noch mein Handy. Have you seen it anywhere? Unser Handy wird in England übrigens »phone« genannt, manchmal auch »mobile« oder »mobile phone«, aber niemals und unter keinen Umständen »handy«, mag es auch noch so »handy« bzw. »praktisch« sein. Ah, da ist ja mein phone! Prima! Packen wir’s an, let’s get started!

Da hat sich ja eine Weihnachtskarte unter die Postkarten verirrt, na, so etwas! Normalerweise werden die doch innerhalb der Adventszeit restlos aufgebraucht. In diesem Land schreibt nämlich trotz Digitalzeitalter fast jeder noch jedem eine weihnachtliche Grußkarte: Entweder verschickt man sie oder steckt sie sich gegenseitig im Supermarkt, auf der High Street oder am Arbeitsplatz zu. »We buy more cards per person than any other nation«, verkündet die britische Greeting Card Association auf ihrer Webseite und verweist voller Stolz auf die – trotz Digitalzeitalter – beständig wachsenden Umsatzzahlen, the growing sales figures. Im Winter 2017 erreichten sie ein Rekordhoch von etwa 400 Millionen Pfund.

Auf dieser Karte steht »Happy Xmas«, das klingt ja ziemlich kommerziell prosaisch und gar nicht feierlich, finde ich.

Interessant, dass man beim »X« gleich an weltliche Dinge und Atheisten denkt. So mancher Verfasser einer Weihnachtskarte wählt den Begriff »Xmas« in der Tat, um sich gezielt vom religiösen Hintergrund des Festes abzugrenzen. Kaufhäuser verwenden das Kürzel dagegen liebend gerne für ihre Reklame, weil man das kurze »Xmas« wesentlich effektvoller in der Werbung einsetzen kann als das sperrige »Christmas«: More bang for the buck, mehr Wirkung fürs gleiche Geld, sagt man in den USA. Natürlich bestätigt diese Art von Kommerzialisierung den Verdacht, dass es sich bei »Xmas« um die moderne Erfindung einer materialistischen Gesellschaft handelt. Jedoch weit gefehlt, far from it! Das Kürzel existiert bereits seit mehr als fünfhundert Jahren, und ist der Tatsache geschuldet, dass sich keine geringere Institution als die Kirche selbst ein paar Groschen sparen wollte. Wir schreiben das Jahr 1436, in dem eine großartige Erfindung neue Dimensionen für die Verbreitung von Büchern und Schriften eröffnet: der moderne Buchdruck. Noch muss aber jeder einzelne Buchstabe in mühsamer Arbeit per Hand gesetzt werden und das kostet Geld. Folglich kürzen die Auftraggeber, was das Zeug hält, like there’s no tomorrow. Die Kirche, von jeher an symbolträchtige Kürzel gewöhnt, sieht darin kein Problem. Kurzerhand ersetzt sie »Christ« durch den griechischen Anfangsbuchstaben seines Ursprungswortes »χριστός« (ausgesprochen Christos): »χ«. Das Schicksal Christi ist somit besiegelt, er muss kosteneffektiv abspecken, wo immer sich die Möglichkeit bietet: Ohne dass sich die Aussprache dabei ändert, wird in christlichen Schriften aus »Christmas« – »Xmas«, aus »Christian« – »Xian« und aus »Christianity« – »Xianity«. Wie man sieht, as you can see: Es bleibt mit »Xmas« durchaus christlich!

Es liest sich aber trotzdem so, als hätte jemand alle Christbaumkerzen ausgeblasen und die Heizung abgedreht.

Und was ist mit den »X«en, die ich hier neben meinen Namen gezeichnet habe?

Um ehrlich zu sein, to be honest: Sieht nach Verzierung aus, ohne wirklich hübsch zu sein.

Ich verstehe, I see, you don’t know that these »X«s have a meaning.

Die »X«e haben etwas zu bedeuten?

Aber ja! Jedes »X« steht für einen Kuss, zweimal »X« für zwei Küsse, dreimal »X« für drei und so weiter. Auch diese »X«e sind auf den Sohn Gottes zurückzuführen.

Und wie wurden aus denen Symbole für Küsse?

Wie ja allgemeinhin bekannt ist, setzte in vergangenen Zeiten die Mehrheit der analphabetischen christlichen Bevölkerung ein Ersatzunterschriften-»X« unter wichtige Dokumente. Zur Besiegelung dieser Unterschrift gehörte in der Regel aber auch ein »kiss of faith«, ein »Glaubenskuss«, der mit den Lippen direkt auf das heilige »X« gedrückt wurde. So erklärt man sich den Bezug von »X« und »Kuss«. Die heutige, im englischen Sprachraum verbreitete XXX-Küsschensitte gilt aber gleichermaßen für Atheisten, Christen und Andersgläubige. Und hier gibt es noch diese Variante: XOXO!

Was bedeuten die »O«s?

Offiziell stehen sie für zwei sich schließende Arme, for two hugging arms. »XOXO« ist deshalb im angelsächsischen Sprachraum als »hugs and kisses« bekannt. Der geschichtliche Ursprung dieser »O«s ist aber ungeklärt. Eine Theorie besagt, dass sie von jüdischen Immigranten in Amerika erfunden wurden, als Alternative für das christliche Unterschriften-»X«. Wenn dem so ist, schmücken jüdische Umarmungen und christliche Küsse im fröhlichen Miteinander jeden Tag Millionen Briefe, E-Mails, Postkarten und Handynachrichten. Dabei kann die Anzahl der Umarmungen und Küsse stark variieren. Diese Urlaubsgrüße hier gehen zum Beispiel an eine flüchtige Bekannte. Sie erhält ein einzelnes, durchaus freundliches und wohlgesonnenes X. Meine herzallerliebste Freundin Kila dagegen würde mich wahrscheinlich um ein klärendes Gespräch bitten, wenn ich ihr weniger als XXX zukommen lassen würde.

Oh! Wenn das so ist, male ich jetzt auf meine englischen Postkarten auch entsprechend viele Kreuzchen!

Etwas ganz anderes: Ich bekomme langsam Appetit! Wollen wir die Schreibsachen packen und in die Küche umziehen? Wer weiß, vielleicht hat ja dort jemand eine Mahlzeit für uns vorbereitet.

Sehr gern! Mein Magen knurrt schon.

Von wegen Mahlzeit! Ich hole am besten mal alles raus, was der Kühlschrank zu bieten hat – viel ist es leider nicht, I’m afraid it’s not much: eine Packung grüner Salat, one packet of lettuce, a couple of tomatoes and one avocado. Ein »opulentes Mahl« würde ich das nicht nennen, a »slap-up meal« is something quite different.

Ach, ein knackiger Salat ist doch besser als nichts!

You’re right. It’s better than nothing. Man könnte auch sagen: »It’s better than a slap in the face with a wet fish!« Besser jedenfalls als wenn einem ein nasser Fisch ins Gesicht geklatscht wird …

Und was sehe ich denn da im obersten Kühlfach liegen? Eine Flasche Sekt!

Hier im Regal ist auch noch ein halber Laib Brot, half a loaf of bread.

This is getting so much better than a slap in the face with a wet fish.

Ganz genau, you said it! Dann fange ich jetzt an, die Tomaten zu schnippeln. Wollen wir weiter die Kinks hören?

Gerne!

Dirty old river, must you keep rolling, rolling into the night (…) as long as I gaze on Waterloo Sunset,

I am in paradise …

la la la, la la la …

Ach ja, die Themse und die Waterloo Bridge … Da bin ich immer sehr gerne. Der Ausblick von der Waterloo Bridge ist übrigens jederzeit atemberaubend, truly stunning, nicht nur bei Sonnenuntergang. Das liegt an ihrer günstigen Lage. Eine Biegung im Flussverlauf ermöglicht uns freie Sicht auf die beiden Glanzstücke der neogotischen Architektur: the Palace of Westminster, den Sitz des Parlaments, und Big Ben. Wendet man den Kopf in die entgegengesetzte Richtung, darf man neben der St. Paul’s Cathedral eine ganze Reihe beeindruckender Bauwerke der Moderne bestaunen: the Gherkin, die Gurke, the Cheese Grater, die Käsereibe, the Shard, die Glasscherbe, und zu guter Letzt auch noch den Walkie Talkie. Alle diese imposanten Wolkenkratzer sind in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren entstanden und haben von den Londonern sofort diese Spitznamen bekommen.

Chilly chilly is the evening time, Waterloo sunset’s fine …

Was bedeutet denn »chilly«?