Mystik des Lebensalters - Mahamudra Hauke Messerschmidt - E-Book

Mystik des Lebensalters E-Book

Mahamudra Hauke Messerschmidt

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Beschreibung

Relikte einer berührenden Zeit. Die Texte aus dem OSHO Manjusha Meditationszentrum entstanden in einer Ashram - ähnlichen Atmosphäre unter der Leitung von Mahamudra Hauke Messerschmidt. In meisterlicher Art gab sie ihr Wissen und ihre Weisheit an uns Schüler weiter - ein Wissen welches nicht verloren gehen sollte und im 21. Jahrhundert dringender gebraucht wird als jemals zuvor.

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Seitenzahl: 360

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Biografie Mahamudra – Hauke Messerschmidt

Geboren 9.8.1944 während der letzten Kriegsmonate in eine Zeit des Zerfalls des Nazi-Regimes und der Großangriffe der Aliierten auf Hamburg

Vater Jurist, Beamter; Mutter Lehrerin

Kindheit als zweites von sieben Kindern, aufgewachsen im Hamburger Stadtgebiet

Erlebnisse des verlorenen Krieges, Mangel und Gewalt

Jugend in der Zeit des Aufbaus. Überintelligenz und Unangepasstheit an das System, eine Rebellin

Frühe Ehe mit 16 Jahren, 2 Kinder aus dieser Ehe, Ehemann Lehrer und Autodidakt. Tod nach 7 Jahren

Selbstausbildung in Programmierung von Software und Beginn einer Computerkarriere, eigene Firma mit Dienstleistungen

Mit 36 Jahren Auflösung der Firma und Beginn des spirituellen Lebens. Sannyas, Reise nach Indien, eine Tochter kommt mit

Leben in England mit neuem Lebensgefährten Dharma

Gründung eines Osho-Zentrums in Wales, Sannyas Kids School in Poona, später Osho Manjusha im Erzgebirge

Hier Lehren von Meditation und meditativer Lebenshaltung. Arbeit mit Menschen an frühkindlichen Traumata und sexuellem Missbrauch

Aufbau und Leben in einer Kommune. Leben und Lehren in einer Zeit des spirituellen/religiösen Hasses und Arbeit an dessen Bewältigung. Lehren durch Handeln

Am 17. Mai 2006 verließ Mahamudra ihren Körper

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

0-10 Jahre - Einführung und Kindheit

10-20 Jahre - Suche nach der Persönlichkeit

20-30 Jahre - Teststart auf dem Lebensweg

30-40 Jahre - Volle Kraft voraus

40-50 Jahre - Finde deine Seele

50-60 Jahre - Lebensraum Spiritualität

60-70 Jahre - Mut zur Authentizität

70-80 Jahre - Tod und Wiedergeburt im Geist

80-90 Jahre - Kindische und unschuldige Weisheit

90-100 Jahre - Mondphase, neutraler Beobachter

100-110 Jahre - Freude und Geben im Sein

110-120 Jahre - Der Körper geht, es bleibt das Bewusstsein

Vorwort

„So macht man das hier“, waren ihre Worte, als ich mich von unserem ersten Kennenlern- und Businessgespräch von ihr verabschieden wollte und nicht wusste, was nun die richtige Form dafür sein sollte.

Ein Handschlag erschien mir absolut unpassend. Ich war ratlos, aber jung und frech und sie nahm mich in die Arme und zog mich an ihren großen, weichen Körper und drückte mich, umarmte mich, so dass mir fast schwindlig dabei wurde.

Das Gefühl, ihr Duft und ihre Aura waren unbeschreiblich – es war ganz sicher schon um mich geschehen und ich hatte keine Ahnung, dass sich mein Leben ab sofort und ohne „Rückfahrschein“ verändern sollte.

Ein Jahr später zog ich mit Mitte/Ende 20 ein in Ihre Commune und blieb dort bis zum Schluss. Also genauer gesagt noch 19 Monate nachdem sie ihren Körper dann verlassen hatte. Im Januar 2008 verließ ich den Platz, den sie geschaffen hatte und meine Gedanken sind noch immer oft bei ihr und den vielen Wundern, die sie für uns kreieren konnte.

Das Wort „Commune“ trifft nicht ansatzweise dass, was ich erlebt hatte in den 8 Jahren und vielen kleinen Ewigkeiten, die ich bei ihr auf ihrem Platz zu Gast sein durfte. Ein Teil der Gemeinschaft mit allen Freuden, Pflichten und Konflikten.

Irgendwann nannte ich es „klein Indien“ – weil alles war so anders, so farbenfroh und voller Düfte, voller Tanz und Lachen, die vielen Umarmungen und beinahe unendlich viele Freunde. Immer hatten wir Projekte und der Tag war oft von früh um 6 bis nachts um 11 voll angefüllt mit Aufgaben, Projekten und Genüssen.

Müßiggang wurde jetzt nicht gerade unterstützt – gab’s keine Anweisung von „oben“, so hielten wir uns gegenseitig gut auf Trab.

Ich war einer ihrer beiden Leibärzte gewesen und wir waren beide mehr als hilflos angesichts der Tatsache, dass sie uns sozusagen unter den Händen wegstarb und wir sie niemals retten konnten. In den schwersten Stunden hat sie mir Trost gespendet, anstatt ich ihr.

Auch meine Sichtweise als Arzt wurde durch das Krankheits- und Gesundheitsverständnis der Commune-Jahre nachhaltig geprägt. Inzwischen bin ich mir ganz sicher, dass ich meine fachlichen Defizite aus den Jahren 2005/2006 überwunden und ausgebügelt habe. Jede Krankheit ist im Grunde heilbar, aber ein Reisender kann halt nicht aufgehalten werden.

Nachdem es also durchaus die Möglichkeit für uns Menschen gibt, nicht nur 80 oder 90 Jahre bei klarem Kopf und gesundem Körper auf der Erde zu erleben, sondern wirklich 120 Jahre alt zu werden (manche Ärzte und Anthropologen sprechen von 140 und mehr Jahren als potentielle Lebensspanne), halte ich die Zeit nun für gekommen, diesen Schatz aus der Zeit des Osho Manjusha der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen.

Was nützen einem denn die Jahre, wenn man nicht mehr weiß, wie man sie füllen soll und mein Beruf als Hausarzt hat mir sehr sehr viele alte Menschen gezeigt, die in der Einsamkeit der Wohnung oder des Pflegeheims ein Leben führten, was man keinem Tiere zumuten oder wünschen würde.

Die „Mystik des Lebensalters“ ist ein spiritueller mit den jungen Jahren genauso klug und weise umzugehen, wie mit den „besten Jahren“ oder einem hohen Alter. Das Buch ist für ältere Menschen genauso geeignet, wie für junge Eltern oder Teenager.

Es ist ein Schatz.

0-10 Jahre Einführung und Kindheit

Days mit Mahamudra

am 17. Januar 2005

zum Thema Mystik des Lebensalters

0-10 Jahre„Einführung und Kindheit“

Ich begrüße euch heute Abend zum „Days“ und ich hoffe, ihr habt trotz allem was läuft oder auch nicht läuft, einen guten Abend. Was auch immer die Gründe sind, es gibt Zeiten, da läuft nicht so viel. Dann gibt es andere Zeiten, da sieht es so aus, als ob alles läuft und man freut sich und denkt: „Ja, aber jetzt funktioniert wieder etwas“, und das ist dann auch schon wieder vorbei.

Egal, was auch immer der Rahmen ist, heute ist ein besonderer und wichtiger Abend. Das Besondere und Wichtige ist nicht nur, dass Days ist – das ist toll – aber noch besonderer ist, dass heute ein neuer Themenzyklus anfängt. Und dieser Themenzyklus ist ein ganz wichtiger Zyklus. Deswegen habe ich mich auch sehr gequält, diesen Zyklus hier einzuführen. Die Widerstände sind groß, aber die Unterstützung auch.

Die Mystik des Lebensalters. Ich möchte heute erst einmal in dieses Thema allgemein einführen. Warum ist es so wichtig? Und was hat es mit uns zu tun? Mit jedem von uns?

Einige von euch haben ja vielleicht schon ein bisschen davon wahrgenommen, dass auch offiziell, öffentlich die Frage des Alters immer brisanter wird. Zum Beispiel wenn man jung ist, dann ist alles okay. Wenn man dann älter wird, muss man kucken, dass man jung bleibt, und wenn es dann gar nicht mehr anders geht, ist es besser, man versteckt sich hinter irgendeiner Krankheit, als dass man versucht, noch mit den Jungen mitzuhalten, was sowieso nicht mehr geht.

Das ist in kurzen Worten unser gesellschaftlicher Stand. Er betrifft natürlich nicht so sehr mich, denn für mich fängt noch einmal eine neue Runde an. Eigentlich betrifft es auch nicht euch, aber wer sich selber aufgibt, den betrifft es eben.

In unserer Gesellschaft sind wir dabei, eine lange Phase der Lebensspanne zu verändern. Bis zur jetzigen Zeit war es durchaus normal, sechzig oder fünfundsechzig zu werden oder ein bisschen darüber hinaus. Dann war man aber schon alt, gebrechlich und geneigt – mehr oder weniger geneigt – abzudanken. Es gab auch genügend andere, Jüngere, die die Plätze einnehmen wollten. Heutzutage ist das nicht mehr so. Es gibt nicht mehr genug Junge und wir stehen vor einem Zeitpunkt der Überalterung in unserer Gesellschaft.

Das muss sich jeder klar machen – noch kucken wir geflissentlich weg – was das eigentlich bedeutet. Es bedeutet nicht nur, dass wir die Rentenbeiträge nicht mehr tragen können, die dann die Älteren ableben, es bedeutet vor allen Dingen, dass diejenigen, die im Rentenalter sind, in unserer Gesellschaft keine Aufgabe mehr haben.

So, wie wir uns jetzt formiert haben, ist es sehr schwierig für jemanden schon ab fünfzig, aber spätestens ab sechzig, einen Platz zu finden, wo er oder sie sich entsprechend umsetzen kann. Wo nicht nur ein Arbeitsplatz da ist, sondern auch eine Bedeutung, ein Lebensinhalt angeboten wird.

Ich will hier jetzt nicht mit Statistiken um mich werfen – schon aus dem Grund, weil ich sie nicht habe – aber es gibt natürlich diese Statistiken, die besagen, innerhalb der nächsten zehn bis fünfzehn Jahre werden die Älteren so viel mehr Raum einnehmen, dass wir ganz massive Probleme bekommen.

Das Problem sind nicht nur die Jüngeren, die Jugendlichen, die nichts gelernt haben, das Problem sind die Alten, die sehr wohl etwas gelernt haben und die sich abgeschoben fühlen. Diejenigen, die in ihrem Leben sehr viel an unverarbeiteten Dingen angesammelt haben, die sich gefreut oder gedacht haben, ihr Lebensabend wird das Paradies sein, wo sie ihre Wünsche ausleben können, und sich jetzt darum betrogen fühlen.

Das heißt, diese Alten – und das ist jetzt schon so – sind mit einer Menge Hass und Wut belastet. Das sind nicht die lieben Alten. Viele, die sich in den Altersheimen oder in den Krankenhäusern aufhalten, dort leben oder auch vegetieren, haben diesen Platz aus Rache eingenommen. Dann soll doch diese Gesellschaft mal sehen, wie sie ohne sie auskommt, und sie auch entsprechend versorgen.

Es ist ein großer Konflikt. Aus diesem Grund habe ich dieses Thema des Lebensalters hervorgeholt und ich möchte jetzt schon darüber reden, dass wir unsere Sichtweise verändern müssen, denn auch euch trifft es. Jeden trifft es. Das Altern ist ein natürlicher Prozess. Egal, ob man mogelt und schummelt – die Zahlen addieren sich auf. Irgendwann gehört man nicht mehr zu den Jungen. Jedes Jahr geht es eine Nummer höher.

Es geht darum zu verstehen – nicht dass unsere Gesellschaft sich nur ändern muss und wir vielleicht für diese armen Alten noch ein paar Aufgaben finden müssen – es geht darum zu verstehen, dass wir unsere Gesamtsichtweise enorm ändern müssen. Diejenigen, die jetzt sechzig sind, können sich schon mal darauf gefasst machen, dass es nix mit Feierabend ist. Auch die, die siebzig sind, haben noch genug Energie und dürfen sich noch gar nicht fallen lassen, aber die Art der Tätigkeit ist vielleicht eine andere.

Wir haben ja noch nicht einmal gelernt, was die Werte sein könnten, die diese Älteren haben könnten, weil wir so in unseren körpergebundenen Jugendlichkeitswahn involviert sind. Es hat etwas mit Körperglauben zu tun. Es hat etwas mit Unbewusstheit und Instinktgelenktheit zu tun, dass wir bis jetzt diesen Schritt noch nicht gemacht haben, uns anzugucken, was die Bedeutung ist.

Ein Körper in sich, der instinktgebunden gelebt wird, ist nach einem Zeitraum von sechzig, siebzig Jahren abgenutzt. Aber nicht ein Geist. Nicht ein Verstand. Und schon gar nicht ein Bewusstsein. Das ist die Voraussetzung, um sich später mit neuen Möglichkeiten auseinander zu setzen. Die Voraussetzung zu verstehen, dass wir mehr sind als nur unser Körper. Erst danach werden uns Ideen kommen, was das denn bedeuten könnte.

Deswegen werde ich auch übers Jahr hin, wenn ich mich langsam die Leiter hocharbeite, jeden Monat zehn Jahre mehr… – Die ersten sechzig kenne ich ja zum Glück schon ganz gut, bei den anderen muss ich dann ein bisschen kucken. Aber ihr kennt es ja auch nicht besser, also wird es schon irgendwie zusammenkommen. – Ich werde mich mit euch diese hundertzwanzig Jahre, diese Lebensleiter hocharbeiten, damit so etwas wie ein Nachdenken über das Problem und ein erstes Verständnis entsteht.

Damit man auch begreift, es nützt gar nichts, Arbeitsgruppen zu bilden oder Perlen aufzuziehen oder was auch immer dazu gehört. Was nötig ist, ist, daran zu arbeiten und besser zu verstehen, dass wir gerade einen Bewusstseinssprung machen, wir Menschen.

Oder jedenfalls hoffe ich, dass wir jetzt einen Bewusstseinssprung machen und uns nicht nur gegenseitig die Köpfe einschlagen, und dass dieser Bewusstseinssprung uns helfen wird, das Problem zu bewältigen.

Natürlich kann es trotzdem passieren, dass wieder viele Kinder geboren werden und dass das Verhältnis sich etwas mehr einpendelt. Das ist nicht, worum es geht. Das, worum es geht, ist zu verstehen, dass wir bis jetzt, trotz allem, was wir an Bewusstsein und Meditation zu haben uns einbilden, noch immer so körpergebunden leben. Wir als Kollektiv Mensch.

So hat dann jedes Alter, jeder Zehn-Jahres-Sprung seine tiefe Bedeutung. Es ist auch gut, sich das klar zu machen und nicht nur einfach in den Tag hineinzuleben. In jeder Altersstufe gibt es andere Wichtigkeiten, gibt es andere Stärken und Schwächen. Schwerpunkte. Es heißt nicht, dass man diese Dinge leben muss und gerade diese Dinge, aber es heißt sehr wohl, dass diese Themen, die dann angesprochen werden, eben auch als große Lebenseinladung da sein werden. Es ist gut, ein bisschen zu wissen, was die Stärken und Schwächen des Alters sind, in dem man gerade ist. Wenn man zum Beispiel etwas versäumt hat zu lernen oder zu leben, hat man nur einen begrenzten Zeitraum, um das noch nachzuholen und dann ist es für dieses Leben vorbei. Das sind die Schwächen.

Gleichzeitig ist es aber auch so, dass man noch für einen längeren Zeitraum, nachdem die erste Chance eigentlich versäumt ist, mit anderen Qualitäten wettmachen kann und trotzdem noch Dinge entwickeln kann, die man vorher nicht entwickelt hatte.

Wir brauchen ein Bewusstsein, ein Verständnis davon, dass sich der Körper auch an unserem Geist orientieren kann und nicht umgekehrt, der Geist in diesem Körper nur so lange wohnen kann, wie der Körper dazu bereit ist. Wir brauchen eine neue Ausrichtung und neue Erfahrungen um zu verstehen, dass wer seine Probleme löst, wer für sich sorgt, wer sein Verständnis für seinen Körper weiterentwickelt – und das ist eine geistige Leistung – auch länger einen guten Körper haben wird. Gut genug, um noch einmal sechzig Jahre zu halten.

Ihr müsst nicht denken, dass ich das jetzt alles für euch mache, die an deren sechzig Jahre – die sind für mich. Vielleicht, das weiß ich nicht.

Wir brauchen neue Lernmöglichkeiten, um wirklich zu begreifen, dass wir der Herr der Situationen sind. Nicht das Ego, so wie wir das jetzt fälschlicherweise als Missverständnis eben ständig tun. „Mind over matter“ (Anm.: Geist über Materie) bedeutet nicht das Ego, von dem aus man alles beherrschen kann. Es bedeutet die Fähigkeit, mit dem geistigen Auge in ein tiefes materielles Verständnis einzudringen. So tief, dass man verstehen kann, was die Funktion und die Zusammensetzung sind. Was dieses Material braucht. Und dieses Material ist auch das lebendige Material. Der Körper.

Dafür müssen wir lernen, eine objektivere Sichtweise einzunehmen. Das bedeutet nicht, nur drin zu sein in seinem instinktgebundenen Lebensweg, wo man nicht genau weiß, weswegen man Dinge tut oder auch nicht tut. Es ist ja auch nicht wichtig – man versteht es sowieso nicht. Am Ende kommt etwas heraus, was das Leben ist.

Das reicht dann nicht mehr. Es ist wichtig oder es wird wichtig zu reflektieren, und nicht nur im Sinne von Analyse zu reflektieren, sondern im Sinne von objektiver Sichtweise. Es wird wichtig zu hinterfragen, warum die Dinge sich so abspielen, wie sie sich abspielen. Nicht nur einfach zu agieren, wie ein Ping-Pong-Ball hin und her und die Schuld, den Hass zu verteilen und manchmal auch die Freude.

Es ist wichtig, statt zu urteilen zu fragen, zu hinterfragen. Das wäre der erste Schritt zur Erkenntnis. Leider ist es sehr schwierig, solch eine Haltung zu entwickeln, denn ohne dass man es merkt, ist das Urteil da. Es wird auch wichtig sein, mehr Fähigkeiten zur Rezeptivität im Mind zu haben, zu lernen zuzuhören, zu unterscheiden, ob es Blabla ist, was man sich gerade reinzieht oder etwas Wichtiges, was den anderen wirklich betrifft.

Wenn es nichts Besonderes ist, im Sinne von keinem Anliegen des anderen, muss man auch nicht zuhören, kann man auch aufstehen und weggehen. Aber wenn es ein Anliegen ist, dann kann ein Lernprozess stattfinden, ein Austausch.

Und dafür ist Zuhören wichtig. Heutzutage kann fast keiner zuhören. Selbst hier, wenn ich versuche so eindringlich über diese wirklich wichtigen menschlichen Punkte zu sprechen, ist es sehr schwer, dabei zu bleiben und nicht wegzudriften.

Es ist auch wichtig, enorm wichtig und enorm schwer, sich einmal selbst zuzuhören, was man da jeden Tag für einen Unsinn von sich gibt. Womit man seine Umgebung beglückt und warum die Leute sich dann nicht freuen, wenn ihnen so etwas widerfährt. Warum sie es nicht dankbar aufnehmen und sich anhören. Vielleicht, weil nichts Anhörenswertes darin war, was man gerade gesagt hat. Aber wer lässt das schon bei sich selbst zu?

Es ist wichtig, rezeptiv zu werden. Dazu gehört auch, die Geschwindigkeit wieder etwas herunterzuschrauben und ein bisschen weniger zu agieren, ein bisschen weniger zu handeln. Nicht sich in die Ecke zu setzen und nichts zu tun, in die Depression zu gehen, beleidigt zu sein – was auch immer so die Lieblingsbeschäftigungen sind – sondern aufzuhören zu agieren, immer dann zu agieren, wenn es etwas brenzlig wird.

Agieren bedeutet, sich immer dann, wenn ein Problem auftaucht, schnell einer Tätigkeit hinzugeben. Für manche ist das sehr extrem so. Das sind dann die so genannten Workaholics. Aber auch für andere.

Agieren ist mehr als nur bestimmte Tätigkeiten Ausführen. Agieren ist auch Interaktion miteinander, zum Beispiel sich in ein Drama zu begeben, seine Emotionen auszuspielen, den Raum mit seinen persönlichen Problemen zu füllen.

Solange man das tut, wird man nicht zuhören können. Wird man nicht objektiv sein können. Wird man nur sechzig und dann ist Schluss. Denn dieses Agieren kommt aus dem gesammelten Unbewussten, mit dem man sich nicht die Mühe gemacht hat, es einmal aufzuräumen und Müll rauszuschmeißen.

Es ist wichtig zu lernen, seine Bedürfnisse nicht ständig und zwanghaft auszuagieren. Man muss auch mal verzichten können. Es ist nicht jeden Tag Weihnachten, wenn man als Dreijähriger unterm Christbaum sitzt und alles regnet auf einen herunter. Es gibt Zeiten, in denen es einfach nicht ansteht, sich seine Bedürfnisse zu befriedigen. Und das ist durchaus keine Katastrophe. Daran stirbt niemand. Es ist eher so etwas wie Befreiung, wenn man merkt, man kann auch leben, ohne dass die Bedürfnisse direkt befriedigt werden. Es ist ein Gefühl von Freiheit.

Dann kommt noch etwas und: ah ja, jetzt kann man wieder etwas tun, das ist jetzt einfacher, nämlich die Schulung der Erkenntnisebene. Das ist etwas, was heutzutage auch sehr viel passiert, zum Beispiel mit Quiz-Shows, Computerspielen. Das sollte man ruhig machen, da sollte man nicht darüber stehen. Immerhin hält es den Mind in Gang. Oder wer das nicht will, wer nicht vorm Bildschirm sitzen will, der kann sich auch ein Puzzle kaufen und seine elementaren Fähigkeiten trainieren.

Aber wichtig ist, seinen Mind nicht verrotten zu lassen. Wenn man ihn verrotten lässt, dann ist ab einem bestimmten Alter wirklich der Ofen aus und man sitzt da in seinem dementen Zustand und muss sich die Windeln einlegen lassen. Die Windeln sind so ein tolles Symbol, deswegen werde ich das jetzt oft sagen. Denn wer möchte schon in diesen Windeln herumlaufen und nicht mehr in der Lage sein sich auszudrücken, und wenn er sich ausdrückt, versteht kein Mensch, was er eigentlich sagen will. Es mag ja ganz witzig sein für die Umgebung und die Leute können auch ihre Witze darüber machen – aber es ist so respektlos, so würdelos. Das empfindet ja auch jeder.

Das war, was ich grundsätzlich sagen wollte. Es hat sehr viel Zeit in Anspruch genommen. Das ist es, worum es geht in diesem Jahr. So ein kleines bisschen hoffe ich, dass ich herübergebracht habe – später kann man das ja noch mal nachlesen oder noch mal nachhören – wie wichtig dieses Thema ist. Für jeden von uns. Und dass sich niemand davor verstecken kann.

Es gibt nur eine Möglichkeit dem auszuweichen: indem man vor sechzig krank wird und stirbt. Die Freiheit hat man natürlich immer, das ist überhaupt kein Problem. Da kann man wiedergeboren werden und dann wundert man sich, wieso die anderen das alle gelernt haben und man selber nicht. Aber zumindest hat man die Möglichkeit, dann noch einmal von vorne anzufangen.

Mir ist es wirklich ein großes Herzensanliegen, dass ich nicht alleine alt werde. Das ist der ganz egoistische Grund, weswegen ich hier sitze und über dieses Thema spreche. Ich meine, ich habe ja noch Devanshu, der ist ja schon siebzig, dann habe ich noch Sahaja, der ist auch schon ein bisschen älter. Der bleibt mir ja jetzt noch dreißig oder fünfundzwanzig Jahre erhalten, ein bisschen was ist ja schon abgelebt. Also ein paar sind schon noch da, aber … Ja, nun strengt euch an, damit ihr noch mithaltet! Wie soll ich das sonst machen?

Damit kommen wir jetzt zum Thema des Abends

Das Thema des Abends fängt an mit der Kindheit, dem Alter von null bis zehn. Beginnen wir also mit der Zeugung. Das ist spannend, weil natürlich jeder weiß, er ist einmal gezeugt worden, sonst wärt ihr nicht hier, aber niemand kann sich daran erinnern. Manche haben vielleicht einmal Bilder oder Eindrücke gehabt. Aber weil man sich nicht richtig erinnern kann, kann man auch die Bedeutung nicht verstehen. Es hängt vom Bewusstsein ab, was diesen Moment der Zeugung wirklich ausmacht. Wenn man bewusst ist, dann kann man wählen. Wenn man unbewusst ist, wird man hineingezogen. Aber in jedem Fall – egal ob man gewählt hat oder ob man in eine Lebenssituation hineingezogen worden ist – verändert sich plötzlich die Wahrnehmung.

Die Weite des möglichen Bewusstseins, des körperlosen Zustandes verengt sich in einen körperlichen Zustand, der sofort instinktgesteuert ist. Eine Zelle, dann zwei, dann vier und so weiter, alles will wachsen und sich vermehren.

Diese Zellen enthalten schon Qualitäten, die Qualitäten der Eltern, die zum einen als Begrenzung und zum anderen aber auch als Erweiterung, als neue Erfahrungen darauf warten, dass sich etwas öffnet, dass diese neue Seele diese Zellen in Besitz nimmt und mit ihren eigenen Erfahrungen prägt.

Das ist der Moment der Zeugung. Jeder hat immer einen Grund – Grund, nicht bewusste Entscheidung, aber Grund – warum er gerade in diese Situation hineingeboren wird.

Danach durchleben wir neun Monate in wunderbarer oder auch nicht so wunderbarer Symbiose. Egal, was passiert, die Symbiose hat immer etwas Schönes, Kosiges. Und manche lassen niemals los. Für den Rest ihres Lebens war diese Symbiose mit der Mutter so wunderbar, in der Erinnerung, und alles danach so schrottig, dass sie nur und immer wieder in der Symbiose leben wollen. Etwas anderes geht nicht.

Natürlich ist es ein bisschen eng da drin, in der Gebärmutter. Das weiß man aber am Anfang noch nicht und erst im Laufe der Monate wird es immer enger. Dafür erweitert sich aber die Wahrnehmung. Ich kann euch versichern, man nimmt alles wahr, was auch die Mutter wahrnimmt. Auf eine bestimmte, dumpfe Art und Weise.

Alle Erfahrungen sind gemeinsame Erfahrungen. Auch die Mutter hat sich während dieser Zeit verändert und einen großen Teil der Erfahrungen dieser heranwachsenden Seele in sich aufgenommen. Manchmal ergibt das große Konflikte und manchmal entsteht daraus auch ein dickes Ego, wenn man als Mutter nicht realisiert, das sind die Qualitäten meines Kindes und nicht meine eigenen.

Umgekehrt kann auch für das Kind so etwas entstehen. Mit einer düsteren Vergangenheit kriegt es die Chance einer liebevollen Mutter – unglaublich – und schon denkt es, es sei seine eigene Liebe. Die Liebe ist trotzdem noch zu lernen. Das ist auch das Problem der Symbiose. In der Symbiose ist noch keine eigene Identität.

Eine tiefe Gemeinsamkeit, ein tiefes gemeinsames Erleben, das ist, was diese neun Monate sind. Auch wenn sehr viel Unbewusstheit mit im Spiel ist, kann sie trotzdem sehr harmonisch sein und sehr mit Freude gefüllt. Auch wenn erst heute wieder daran gedacht wird, dass auch ein heranwachendes Kind die Eindrücke als sehr prägend empfindet, die von außen kommen.

Man muss nicht denken, nur weil man da im Bauch ist, kann man nicht hören, was drumherum passiert. Man hört alles – ein bisschen dumpf – aber man hört alles. Und man erlebt alles. Auf eine ganz bestimmte, instinktive Art und Weise sogar viel schärfer und klarer als später, wenn der Mind sich als Kontrollinstrument dazwischen geschaltet hat. Man nimmt genau wahr, ob die Eltern fies sind oder liebevoll, wo die Ungerechtigkeit liegt, wo die Konflikte sind, wie die Geschwister sind und viele Dinge mehr.

Genau kann man es wahrnehmen. Je nach Bewusstsein vergisst man es wieder, aber die Wahrnehmung ist da. Das sind jetzt nicht Geschichten, sondern man muss sich das einmal klar machen, dass man schon unendlich viel erlebt hat, wenn man nach neun Monaten endlich aus diesem Bauch heraus kommt. So viel Intensives.

Da kommt natürlich dazu, dass das Baby, das ungeborene Baby immer weiter wächst und zur Belastung wird. Die Mutter ist nicht immer glücklich in ihrem Zustand der Überbelastung. Die letzten ein bis zwei Monate sind wirklich furchtbar. Wenn man ehrlich ist, gibt es da keine Diskussion. Man muss sich bewegen, man muss etwas tun, man hat auch Verpflichtungen, aber eigentlich kann man nicht. Der Körper ist bis zum Geht-nicht-Mehr überlastet.

Auch wenn man sein Kind sehr liebt, ist trotzdem ein gewisser Unmut da. Eigentlich möchte man es jetzt endlich einmal loswerden, damit wieder der Normalzustand eintreten kann. Das kann manches Kind als Feindseligkeit erleben. Obwohl es nicht wirklich das ist. Es ist der natürliche Vorgang, dass dann auch wirklich aus dieser ach so glückseligen Symbiose eine Trennung wird und dass die Trennung, oder der erste Schritt der Trennung, auch vollzogen wird, nämlich die Geburt.

Wenn das Baby nicht wachsen würde, wäre kein Grund da, sich jemals zu trennen. Gemeinsam könnte man für immer mit seinem dicken Bauch leben. Nie wäre man alleine. Man könnte seinen Lover in seinem Bauch haben und schon hätte man eine ewige Beziehung. So könnte man sein Karma vielleicht abarbeiten. Aber die Natur ist eben so – das Baby wächst und wächst. Es wird immer schwerer und es kommt zum Punkt der Unerträglichkeit.

Nicht nur für die Mutter, auch für das Kind. Es gibt keinen Raum mehr sich zu bewegen und die Einsicht entsteht, dass es Zeit ist, die Lebensumstände zu verändern. Mal umzuziehen, mal auszuziehen. Das tut einem gut. Wenn man sich jetzt nicht trennen würde, würden beide sterben, sowohl die Mutter, als auch das Kind.

So ist es aber, dass die Zeit der Wehen beginnt. Die Wehen bedeuten die körperliche Reaktion, die instinktive Reaktion der Mutter, ihr Kind jetzt mal rauszuschmeißen. Genauso wie später, wenn die Kinder dann erwachsen sind und man sie endlich einmal loswerden und nicht mehr die Wäsche für sie waschen will, die Kinder aber nicht gehen wollen, dann sollte man auch diese Zeit etwas mehr wie eine Geburt gestalten.

Die Wehen fangen an und es wird noch enger. Das Noch-Enger entsteht natürlich aus den Kontraktionen – die Gebärmutter zieht sich zusammen und dehnt sich und zieht sich zusammen, damit das Kind sich in den Geburtskanal bewegt. Für viele ist der Geburtsvorgang eine dramatische Erfahrung. Dafür gibt es keinen natürlichen Grund, sondern es ist ein Zivilisationsdefekt.

Die Frauen, die die Kinder gebären, treten in die Phase der Geburt ein, sind aber verspannt. Das heißt, auf der einen Seite schieben sie ihr Kind hinaus und auf der anderen Seite können sie sich nicht öffnen, um es wirklich loszulassen. Ein Problem, das wir schon seit längerer Zeit haben und das nicht besser geworden ist. Deshalb auch so viele Kaiserschnitte.

Die Verspannung des Unterleibs, die sich aus ganz anderen Gründen ergibt, zum Beispiel Traumatisierung, lässt sich nicht plötzlich öffnen. So wird zwar von der einen Seite geschoben, aber auf der anderen Seite ist keine Öffnung da. Das ist so, als ob man das Baby gegen die Wand schiebt und da sollte sich eine Tür öffnen, aber die Tür öffnet sich nicht.

Deshalb ist der Geburtsvorgang immer ein großes Drama und eine große Kraftanstrengung. Es ist niemandes Schuld, es ist so, wie es ist. Später wird man sich daran erinnern – in gewisser Weise – dass es nicht einfach war. So wird dann auch das Leben. So wie der Eintritt in seine körperliche Individualität, so wird auch das Leben immer von gewissen Problemen bestimmt sein.

Der Geburtsvorgang hat eine große Bedeutung. Noch bezeichnen wir es als symbolisch. Symbolisch bedeutet, was auch immer an dramatischen Erfahrungen passiert, wird sich im Leben wiederholen und wird sich auch erst einmal als Lebensmuster tief in das eigene Innere einprägen. Es ist die erste Erfahrung, die wir in unserem Abnabelungsprozess machen.

Es ist die erste Erfahrung, die wir machen beim Eintritt in unsere eigene Individualität, in unsere Unabhängigkeit. Deshalb hat es eine so große Bedeutung, auch wenn wir hinterher wieder alles vergessen haben. Es ist tief in uns aufgezeichnet und jede Zelle in uns – in einem Moment, in dem noch alles so offen ist – jede Zelle wird diese Information tragen.

Nichtsdestotrotz wird man ja mal geboren. Offensichtlich sind viele geboren worden, nämlich alle, die hier sitzen, ausgerüstet mit den unbewussten und bewussten Lebenswünschen der Eltern, mit einem starken Instinkt zu überleben, in dieses Leben und in einen Körper einzutreten und mit einem Test, ob man auch wirklich leben will, nämlich ob man die Gebärmutter verlassen und sich schon mal ein Stück abnabeln kann.

Wenn man das alles geschafft hat, ist man null. Null Jahre, aber man ist schon mal geboren. Das ist viel, auch wenn man sich nicht erinnert. Man muss sich auch nicht unbedingt erinnern. Ich möchte nur einmal darauf hinweisen, wie viel das ist, wie viel schon passiert ist.

Kein Wunder, dass diese kleinen Säuglinge so verknüppelt aussehen, die Augen zumachen und niemanden ankucken. Man muss sich erst einmal erholen von dem, was man da gerade als Schock seines Lebens hinter sich gebracht hat. Dann allmählich wird es besser.

Man muss wissen, dass neugeborene Babys zwar abgenabelt werden und neue Nahrungsquellen benötigen, dass aber auch schon eine gewisse Selbstständigkeit da ist und dass es gut ist, selbstständig zu sein. Es dauert ein paar Tage, bis die Anpassung da ist, das Vertrauen wächst, dass sie jetzt nicht völlig alleingelassen sind.

Der Schock, aus der Symbiose in ein getrenntes Leben einzutreten, ist groß. Es muss erst einmal das Vertrauen wachsen, dass man in seiner Hilflosigkeit auch versorgt wird. Manche werden ja auch nicht versorgt. Es ist nicht selbstverständlich, dass man versorgt wird. Manche werden ja auch gar nicht geliebt. Es ist nicht selbstverständlich, dass man geliebt wird.

So befindet sich solch ein Baby noch ein bisschen im neugeborenen, im Dämmerzustand, was die körperliche Wahrnehmung betrifft, aber ansonsten mit einer scharfen, instinktiven Wahrnehmung der Situation. Und immer darauf warten, klappt es denn mit dem Überleben oder nicht.

Manchmal weiß man schon, die Mutter ist sehr liebevoll – immerhin hat man neun Monate mit ihr verbracht. Aber es ist nicht immer so. Gerade der Geburtsschock bringt manche neue Erkenntnisse.

Aber wie auch immer, in den ersten Lebenstagen beginnt dann die Manifestation. Alles normalisiert sich ein bisschen. Man lernt – „man“ heißt, dieses kleine hilflose Baby lernt – nicht mehr ganz so hilflos zu sein. Erkenntnisse und Erfahrungen werden gemacht, wie man auch für sich selbst sorgen kann. Und wie man zum Beispiel die Umgebung auf sich aufmerksam machen kann. Wie man seine Versorgung erzwingen kann. Manche brauchen nur ein oder zwei Tage, um ihre gesamte Umgebung zu kontrollieren.

Viele von euch haben sicher schon die Erfahrung gemacht, wie es mit so einem kleinen, nervigen Bündel ist, wenn es Bedürfnisse hat, die es nicht mitteilen, die man aber auch nicht erahnen kann. Man würde ja alles tun, wenn man nur mal wieder seine Ruhe kriegt. Aber was soll man tun, wenn man nicht weiß, was alles ist?

Es dauert nur eine kurze Zeit und ein Baby lernt zu überleben. Es lernt, im Laufe der Monate sich mehr zu bewegen, seinen Körper zu beherrschen und seine Umgebung zu erforschen. Innerhalb eines Jahres beginnt es laufen zu lernen und die ersten Worte werden gesprochen.

Nur in diesem ersten Lebensjahr finden enorme Lernprozesse statt, an die sich kaum einer erinnern kann. Den ganzen Tag ist dieses kleine Kind dabei zu lernen, von morgens bis abends zu lernen, wie es mit seiner Umgebung besser fertig wird. Wie es besser überleben und wie es besser Kontakt machen kann. Bis dann irgendwann auch die Sprache einsetzt.

Es lernt auf den Emotionen der Umgebung zu spielen und menschliche Reaktionen auszutesten. Es lernt Wünsche zu haben und sie erfüllt zu bekommen. Es lernt, mit den Gefühlen, mit dem Klopfen am Herzen sein Leben zu sichern.

Dann, so nach drei bis vier Jahren, ist diese erste intensive Lernphase vorbei und es gibt eine Zeit, eine neue Zeit der Abnabelung, allgemein bekannt als Trotzalter. Sehr beliebt, denn jetzt hat unser kleines Süßes genug Techniken gelernt, Techniken, wie es überleben und wie es mit seiner Umgebung fertig werden kann.

Es erfolgt eine emotionale Abnabelung. Stattdessen beginnt der Mind sich zu entwickeln und damit die Fähigkeit zu einem Ego: Ich will! Zum einen sind diese kleinen Kinder, bevor das Ego sich entwickelt, so unendlich niedlich, so unendlich herzberührend, mit riesigen, unschuldigen Augen. Aber hinter diesen riesigen, unschuldigen Augen verbergen sich riesige, unschuldige Wünsche, die sich in dem Moment, in dem die emotionale Abnabelung passiert, in ein Ego umsetzen, manifestieren.

So manch einer erinnert sich vielleicht an die Zeit. Denn viele haben Erinnerungen an diese Zeit, in der sie noch klein waren, aber nicht mehr ganz so klein, und als sie angefangen haben, für ihre eigenen Dinge zu gehen, dafür zu kämpfen. Als die Eltern nicht mehr immer „Ja“ gesagt haben und nicht mehr immer alles so niedlich war. Wo der Beginn des Missbrauchs ist, wenn so etwas stattgefunden hat, aus der Mischung zwischen Provokation und Hilflosigkeit. Zum einen die Unschuld und zum anderen die neue Manifestation.

Eine wichtige Zeit der Umstellung, in der auch die Eltern oft nicht wissen, wie sie Grenzen setzen können, ohne das neue Ego, das notwendigerweise heranwachsen muss, zu verletzen. In der sie zum einen unterstützen, aber zum anderen auch Grenzen ohne Ende setzen müssen. Liebevoll. Und das „Liebevoll“ geht nur dann, wenn Liebe da ist.

Wie auch immer, auch der Konflikt geht vorbei und alles wird ein bisschen ruhiger. Es entsteht eine Zeit des Lernens. Eine Möglichkeit des Lernens, des geistigen Lernens. Zum ersten Mal ist das Kind in der Lage, seinen Mind zu entwickeln.

Zwischen vier und sieben Jahren ist die Lernkapazität eines Kindes enorm. Je nachdem, wie die Zeit vorher war und je nachdem, wie die Eltern sind, könnte dieses Kind große Sprünge machen. Oder auch nicht. Eine Zeit, in der man sich als Kind immer gewünscht hat, mit seinen Eltern zu sein und von seinen Eltern gefördert zu werden. In der man viel Spielzeug braucht und viele Möglichkeiten. In der man so gerne mit dem Vater diese und mit der Mutter jene Dinge unternimmt und, wenn man nur einen von den beiden hat, immer zu kurz kommt.

Die schönste Zeit, die Kindheit. Denn danach, so wie es bei uns ist, beginnt die Schule. Während einem vielleicht noch erzählt worden ist: „Hier hast du deine Schultüte, das ist ganz toll“… Am ersten Tag sind ja vielleicht noch die Süßigkeiten da, aber danach gibt es nicht jeden Tag eine Schultüte, sondern nur noch: „Hast du deine Hausaufgaben gemacht?“ und „Wieso hast du schon wieder eine Fünf geschrieben?“

Auch das ist notwendig. Es ist eine Zeit der geistigen Abnabelung. Wieder ein Heraustreten aus einer Symbiose, nämlich der Symbiose mit den Eltern. Ein neues Ausrichten an einer neuen Umgebung. Jetzt sind die Lehrer da, die Erzieher, völlig andere Menschen. Unberechenbar, weil aus einem neuen Erfahrungsbereich. Nicht so leicht manipulierbar. Man muss wieder viel lernen. Nicht nur was die Schule betrifft, sondern auch was die Manipulation betrifft.

So bringt man dann die nächsten drei Jahre noch damit zu, sich etwas Wissen anzueignen und für das Leben viel zu lernen. So will ich es einmal nennen. Immer noch eine einfache Zeit. Einfach, weil man anpassungsfähig ist. Weil man lernwillig ist. Weil man noch nicht egoistisch ist. Natürlich ist man immer egoistisch, jedes Kind ist egoistisch und auch zu Recht. Aber noch nicht in dem Sinne, dass man sich völlig abschneidet von dem, was die Umgebung einem geben will.

Bis zum Alter von zehn Jahren will man lernen. Egal, was für Erfahrungen man schon gemacht hat und egal, wo man überall blockiert ist. Man will lernen. Das prägt diese ersten zehn Jahre des Lebens. Nie wieder wird man so gut lernen können wie in dieser Zeit.

Manche haben schon solche Erfahrungen gemacht, dass in ihrem Leben Lernblockaden da sind. Das wäre schön, wenn es nicht so wäre. Andererseits aber hat auch das seinen Sinn. Denn wenn man einen Bereich ausgrenzt, kann man in einem anderen umso mehr Lernerfahrungen hineintun.

Die ersten zehn Jahre des Lebens sind die, in denen man nichts anderes tut als lernen. Lernen für sich selbst. Danach wird schon alles anders.

10-20 Jahre Suche nach der Persönlichkeit

Days mit Mahamudra

am 26. Februar 2005

zum Thema Mystik des Lebensalters

10-20 Jahre„Suche nach der Persönlichkeit“

Ich begrüße euch mal wieder zum „Days“ und freue mich auch, dass ihr so zahlreich erschienen seid – zahlreich und vollzählig – und hoffe, dass ihr heute Abend viel lernt. Denn heute Abend beschäftigen wir uns mit der Pubertät, einem Alter, aus dem die meisten noch gar nicht herausgewachsen sind und manche noch nicht einmal hineingekommen.

Umso mehr lohnt es sich dann auch zuzuhören und sich mit dieser Altersstufe zu beschäftigen, die wir eigentlich alle schon hinter uns haben sollten – außer Surabaya, die ist noch mittendrin, kann sich noch etwas leisten. Vor allen Dingen kann sie noch wissen, sich noch einmal erinnern und aufmerksam werden, was alles für sie noch wichtig ist in dieser Zeit. Natürlich auch Jagran, der kleine Jagran, der nun gerade der Pubertät entwachsen ist, kann sich daran erinnern und aufmerksam werden, was er alles versäumt hat. Was er noch nachholen kann in gewisser Weise, wenn das Alter noch so nah ist.

Mystik des Lebensalters bedeutet: jedes Alter hat seine besondere Bedeutung und zwar in ganz tiefer Weise. Wenn es vorbei ist, dann ist es auch wirklich vorbei. Ich mache diese Serie, damit man sich ein bisschen bewusst wird, wie das Leben vorbeifließt, wie man mit dem Leben fließt und welche Bedeutung die Zeiten haben, in denen man sich befindet und die noch kommen. Deshalb ist es eben auch sehr hilfreich – gerade wenn man meditiert – ein bisschen zu wissen über die Bedeutung der unterschiedlichen Altersstufen, die wir ja alle durchleben - hoffentlich noch bis zum Ende.

Wie auch immer. Wir sind noch am Anfang. Die ersten zehn Jahre haben wir hinter uns und wir sind jetzt bei den zweiten zehn Jahren von zehn bis zwanzig, die man die Zeit der Pubertät nennt. Eine Zeit der Suche nach der eigenen Persönlichkeit. Selbst, wenn man nicht danach sucht, wird sie einen finden. Dann wird sie einen suchen und einen auch finden. In dieser Zeit werden viele Dinge geprägt, die einen dann für den Rest des Lebens begleiten – und zwar mehr, als man immer denkt, als man sich vorstellt.

Theoretisch und vielleicht auch aus der eigenen Erfahrung wissen wir so ein bisschen über Pubertätsfragen. Wer selber Kinder hat, kann es nicht vermeiden, auch etwas darüber zu wissen. Meistens ist es aber nur eine Zeit, der man als außenstehender Erwachsener oder sogar Elternteil mit Ratlosigkeit begegnet, obwohl man selbst doch auch diese Zeit durchlebt hat.

Zu Beginn, mehr zum Anfang der Zeit, ist das Leben geprägt von der Suche nach neuen Leitbildern, denn die alten sind erfahren und auch gelebt, und nicht mehr ausreichend. Neue Leitbilder sind die Helden, die einen in die Zukunft tragen können. Diejenigen, die das Ego ausmachen, die eine Begeisterung in einem wecken, die einen führen können, im positiven, wie im negativen Sinn. Deshalb ist es auch gerade in dieser Zeit so besonders einfach, die Heranwachsenden in bestimmte Richtungen zu führen, zu verführen, denn die Erfahrungen sind noch nicht da, um zu hinterfragen, wie richtig und wie berechtigt diese Leitbilder wirklich sind.

Trotzdem muss jeder seine eigenen Erfahrungen machen. Idealerweise läuft es dann so ab, dass während die Kinder die Erfahrungen machen und die Eltern sich die Haare raufen, man dennoch als Erwachsener die Verantwortung hat, ein bisschen zu leiten, ohne die Erfahrung wegzunehmen. Etwas sehr Schwieriges, eine schwierige Zeit.

Man selbst erlebt es als Jugendlicher oft so, dass die Begeisterung für das Abenteuer leben immer wieder kollidiert mit der Engstirnigkeit der Erwachsenen, die einem den Spaß nicht gönnen wollen und gegen die man dann umso mehr kämpfen muss. Trotzdem ist die Verantwortung da, manche Situationen eben nicht eskalieren zu lassen – für die Erwachsenen, zum Beispiel die Eltern, aber auch andere. Ein Kind, ein Jugendlicher, ein Heranwachsender wird niemals begreifen, warum seine Umgebung ihm Grenzen setzt.

So ist die Zeit zwischen zehn und zwanzig eine Zeit des Ausprobierens und der Kriege – der Kleinkriege. Man wird immer wieder erleben, dass zum einen im Äußeren die Dinge, die man leben will, durch die herkömmlichen und auch anerzogenen Ideale behindert werden, kein Verständnis da ist und eine Begrenzung der Begeisterung, mit der man sich doch so lebendig fühlen würde. Dass man sich immer beschnitten fühlt, für jede „Freiheit“ kämpfen muss, und kein Genuss in dieser Zeit liegen kann, in der man so viel Freiheit empfinden und erleben könnte. Und dass zum anderen auch im Inneren die Kämpfe zwischen den anerzogenen Idealen, die man schon akzeptiert hat, und dem Wunsch nach Freibrechen davon stattfinden.

Viele – das ist, was ich meine mit „die immer noch in der Pubertät sind“ – viele kommen aus diesen Kämpfen niemals mehr heraus. Sie schwanken hin und her zwischen dem Akzeptieren-Wollen und dem Wunsch nach Frei-Sein. Mit dieser Energie gehen wir in das Leben. Mit einem ständigen Hin und Her im Mind, einer ständigen Spaltung und einer Bereitschaft zur Auseinandersetzung.

Das an sich ist nicht negativ. Es gibt uns die Möglichkeit – auch wenn dieses Alter schon lange vorbei ist – immer wieder Dinge zu hinterfragen. Vielleicht auf eine etwas pubertäre Art und Weise.

Aber auch, sie zu bekämpfen und nicht alles so zu lassen, wie es ist. Denn gerade in unserer Zeit des Umbruchs sind Veränderungen und Hinterfragen notwendig. Der Mut dazu, Neuerungen einzuführen und das Alte, Bequeme aber Verstaubte, Sichere aber Stagnierte über Bord zu werfen. Diejenigen, die sich als Rebellen empfinden, sind in gewisser Weise auch diejenigen, die noch in der Pubertät sitzen. Was man nicht unbedingt als negativ bewerten muss.

Trotz alledem ist es gut, wenn man weiß, aus welcher Zeit die Kämpfe kommen, wann man diese Verhaltensweisen gelernt hat, und vielleicht ein bisschen bewusster damit umgeht, wenn man Widerstand leistet. Und dass man vielleicht etwas mehr die Verantwortung übernimmt. Ein Heranwachsender in der Pubertät hat das Recht, sich daneben zu benehmen, ein Erwachsener nicht mehr.

Ein anderer wichtiger Punkt in dieser Zeit ist das Sich-Öffnen der Sexenergie. Das Verbinden von starken Emotionen aus dem Bauch mit der Sexenergie und auch mit dem Herzen. Das Sich-Entwickeln von Leidenschaft, von Verliebtsein, von Anziehung, von ersten Beziehungen, Erfahrungen mit Partnern, kleinen Freundschaften, großem Liebeskummer. Die Kraft all dieser Erfahrungen, die Stärken. Die innere Unausgeglichenheit, die einen begleitet, wenn man durch solche Erfahrungen geht, generell das Neuland von Liebe und auch von Macht.

Während bis dahin das Leben zwar Auseinandersetzungen hatte, aber immer noch in einem gewissen gleichförmigen Rahmen, wird durch die Entwicklung der Sexenergie und das Leben-Wollen von Sex eine völlig neue Qualität erlebt – erschreckend, beängstigend und auch unendlich schön.

Besonders die Verknüpfung von Liebe und Macht, die Fähigkeit, das gerade erfahrene Alleinsein – wenn man anfängt, mit der Umgebung zu kämpfen – zu überbrücken, indem man sich bindet, das Vertrauen, die Intimität und die Enttäuschung, der Missbrauch, tiefe menschliche Erfahrungen, die das Leben zu einer Achterbahnfahrt machen. Nichts ist so beeindruckend und dominierend, wie die Erfahrung von Liebe, Macht und Sex in der Pubertät.