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Wie beeinflussen die Gründungsmythen der USA unsere politische Gegenwart? Für das innen- und außenpolitische Handeln der USA im 21. Jahrhundert spielt der Rückbezug auf die Unabhängigkeitserklärung von 1776 und der Mythos vom amerikanischen »Freiheitsstreben« eine zentrale Rolle. Dies gilt einmal mehr seit dem erneuten Amtsantritt von Donald Trump, der das Land seitdem grundlegend verändert. Aber ging es den Gründervätern wirklich nur um Freiheit, Liberalität und Menschenrechte? Und welche Folgen zeitigt dieser Mythos in einer Gegenwart politischer Extreme und gesellschaftlicher Spaltung? Der Historiker Hiram Kümper analysiert die Gründungsgeschichte und das Politikverständnis der USA, die ihren »way of live« spätestens seit dem 19. Jahrhundert in die Welt exportierten. Dem Heldenepos vom »Freiheitsstreben« einer Gruppe weißer Männer setzt er eine vielgestaltige Erzählung vom Kampf um politische Partizipation, um die Beteiligung an Macht und »Fleischtöpfen« entgegen. So kommen auch jene Millionen Schwarze in den Blick, die als versklavte Menschen jahrhundertelang um ihre Freiheit betrogen worden, auf deren Rücken die USA aber erst zu der Großmacht wurden, die sie heute sind.
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Veröffentlichungsjahr: 2026
Mythos 1776
HIRAM KÜMPER, geboren 1981 in Bochum, ist Professor für Geschichte des Spätmittelalters und der Frühen Neuzeit und hat die Carl-Theodor-Stiftungsprofessur an der Universität Mannheim inne. Bei Propyläen erschien sein vielbesprochenes Buch Der Traum vom Ehrbaren Kaufmann über das mittelalterliche Handelsnetzwerk der Hanse.
Selbstbestimmung, Gleichheit und unveräußerliche Rechte: Die Unabhängigkeitserklärung von 1776 gilt zu Recht als Meilenstein der US-amerikanischen Geschichte. Doch wie passen ihre grundlegenden Werte mit der Wirklichkeit zusammen? Der Historiker Hiram Kümper analysiert den Gründungsmythos und das Politikverständnis der USA, die ihren »way of life« spätestens seit dem 19. Jahrhundert in die Welt exportierten. Dem Heldenepos vom »Freiheitsstreben« einer Gruppe weißer Männer setzt er eine vielgestaltige Erzählung vom Kampf um politische Partizipation, um die Beteiligung an der Macht und an den »Fleischtöpfen« entgegen. So kommen auch jene in den Blick, die die Kosten dieses Selbstbewusstseins trugen: Millionen versklavte Schwarze, Indigene und andere Menschen, die Amerika groß machten, während ihre eigenen Spielräume klein blieben.
Hiram Kümper
Traum und Erwachen der amerikanischen Nation
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ISBN 978-3-8437-3816-3
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Das Buch
Titelseite
Impressum
Warum es uns so schwerfällt, die
USA
zu begreifen – oder schlicht: Einleitung
Drei Szenen und ein Traum
Die DNA einer gespaltenen Nation
Die produktive Kraft des Widerspruchs
Wie neu ist eigentlich Neuengland? Die Kolonien und ihr Mutterland
Angekommen: ein neues Leben am Rande des Atlantiks
Stabilisierung der kolonialen Verhältnisse
Kolonialreiche im Wettbewerb: Frankreich und Britannien im Kampf um die und gegen die Indigenen
»No taxation without representation«: Kollision im Koloniallabor
Der wirklich erste Weltkrieg – ein Siebenjähriger Krieg, der länger als sieben Jahre dauerte
Von Paris nach Boston: das Empire zwischen Victory und Krise
Auf einen Tee in Boston: Es eskaliert
Der Winter vor dem Sturm: der erste Kontinentalkongress
Der Krieg: kein amerikanischer Sieg, sondern eine britische Niederlage
Vom Olivenzweig zur Unabhängigkeit: Der letzte Vermittlungsversuch wird ausgeschlagen
1776 als Kippjahr: von New Yorks Desaster zur Rettung am Delaware
1777–1778: Saratoga als britisches Eigentor und die Internationalisierung des Krieges
1779–1781: Südgambit, Zermürbung – und der maritime Augenblick
1782–1783: Der Frieden und seine Folgen
Drei Wahrheiten und ein Wendepunkt – oder: Die Architektur des Widerspruchs
Zwischen Staatenbund und Bundesstaat: Eine junge Nation rückt zusammen – nicht immer freiwillig
Demokratie als real disease und Träumerei, pretty impracticable
Der große Kompromiss: Balance zwischen Mehrheit und Minderheit, Zentrum und Peripherie
Exportmodell und Projektionsfläche: die US-Verfassung in der Welt
Demokratie zwischen Ordo und Libertas
Welchen Preis hat Happiness? – oder: Das prekäre Bündnis von Freiheit und Eigentum
Reichtum, Arbeit und Republik: die Grundlagen des amerikanischen Verteilungsdenkens in der frühen Nation
Tariffs, tariffs, tariffs – oder: Wie finanziert man einen jungen Staat?
Die Credibility der Neuen: Verlässlichkeit und Zahlungsfähigkeit nach innen und außen
Markt und Macht: der Aufstieg der Corporations
Kapitalismus the american way – Pfadabhängigkeiten und europäische Verständnishürden
Manifest Destiny – oder: Wie eine Kolonie zur Weltmacht wird
Prekäre Sicherheit und kontinentale Vision
Home of the brave: Frontier, Gewalt und Männlichkeit
Gründung als Ideologie: Mythen und Ursprünge
Vom Kontinent zum Imperium
Von der Einsamkeit einer Weltmacht
History Wars: 1776 im Horizont der Ära Trump
Dank
Quellen und Literatur
Quellen
Literatur
Anmerkungen
Social Media
Vorablesen.de
Cover
Titelseite
Inhalt
Warum es uns so schwerfällt, die USA zu begreifen – oder schlicht: Einleitung
Für I.Es wird auch wieder besser.Muss es doch.Drüben und im Rest der Welt.
Elizabeth Eckford und der Menschenmob in Little Rock am 4. September 1957.
Ein junges Mädchen im weißen Kleid. Stehend, wartend. Geradezu stoisch scheint sie hinter ihrer großen Sonnenbrille dreinzuschauen. Aber das Foto stellt keine Situation dar, der sich mit Gleichgültigkeit begegnen ließe. Es zeigt einen Mob in einer ländlichen Mittelstadt im tiefsten Arkansas Mitte der 1950er-Jahre. Und es zeigt das Erbe einer zutiefst widersprüchlichen Gesellschaft. Im Vordergrund des Fotos sehen wir Elizabeth Eckford, fünfzehn Jahre alt, an ihrem ersten Schultag an der Little Rock Central High.1 Mit frisch gestärkter Bluse, neuen Schuhen, die sie sich extra für den ersten Schultag aufgehoben hat, und einer Tasche voller gespitzter Bleistifte und leerer Hefte – Symbole der Hoffnung auf einen Neubeginn. Sie ahnt nicht, dass die übrigen acht Schwarzen Jugendlichen, die gemeinsam mit ihr erstmals die Central High School in Little Rock betreten wollen, sich an einem anderen Ort getroffen haben. Sie ist allein, als sie den Bus verlässt – und einer tobenden Menschenmenge gegenübersteht.
»Lyncht sie! Lyncht die Negerin!«, schreit es aus Dutzenden weißer Gesichter, manche entstellt von Wut. Mütter halten ihre Kinder hoch, damit sie das Spektakel sehen können, Gleichaltrige bespucken sie. Vor dem Eingang zur Schule stehen Soldaten der Nationalgarde – nicht, um Elizabeth zu schützen, sondern um ihr den Weg zu versperren. Als sie versucht, an den Gardisten vorbeizugehen, kreuzen sie ihre Gewehre. Umzingelt vom Mob hört sie Rufe wie »Zurück nach Afrika!«. Schließlich flüchtet Liz sich zu einer Bushaltestelle, wo sich die weiße Aktivistin Grace Lorch schützend neben sie setzt, bis der Bus kommt. Es ist nicht Grace’ erster Akt von Zivilcourage – aber wohl der bedeutendste.2
Liz und die anderen acht Jugendlichen, sechs Mädchen und drei Jungs, kommen größtenteils aus gutem Haus, sind Söhne und Töchter von Ärzten, Lehrern, Juristen – sie haben in den Augen der wütenden Menge nur einen gemeinsamen Makel: Sie sind Schwarz.
Entgegen der Vermutung, die der Name nahelegen könnte, ist Little Rock auch Mitte der 1950er-Jahre schon nicht nur die Haupt-, sondern auch die größte Stadt im Natural State, wie sich Arkansas stolz selbst nennt – was freilich nicht viel heißen will. Arkansas ist ein Staat der Felder und Kleinstädte. Aber immerhin: Gerade eben hat Little Rock die Einwohnerzahl von 100 000 geknackt. Die Schwarze Bevölkerung macht allerdings einen verschwindend geringen Anteil daran aus – und lediglich für einen Bruchteil von ihnen ist ein High-School-Abschluss möglich. Gerade einmal 517 junge Schwarze kommen in der Alterskohorte zum Schulstart 1957 für die Zulassung an der Central High infrage, nur 80 melden sich zu den Aufnahmeprüfungen an, neun bestehen sie. Jene neun. Die Little Rock Nine, wie sie schon bald in der Presse heißen werden.
Trotzdem gründet sich eine eigene Mothers’ League of Central High School, eine Liga besorgter weißer Mütter, die den Untergang der US-amerikanischen Kultur wittern, wenn ihre Kinder nun gemeinsam mit Schwarzen unterrichtet werden sollten.3 Nur etwa ein Fünftel der rund 165 Mitglieder hat überhaupt Kinder an der Central High. Aber sie wollen nicht akzeptieren, dass die Rassentrennung an öffentlichen Schulen vom Supreme Court 1954 als inherently unequal und unconstitutional aufgehoben worden ist.4 Dagegen haben sie erfolglos geklagt. Aber sie schaffen es, einen wichtigen Mann auf ihre Seite zu ziehen: Gouverneur Orval Faubus. Er ist es, der an diesem Morgen die Nationalgarde von Arkansas geschickt hat, um den Zugang zur Schule zu versperren. Gegen eine höchstrichterliche Entscheidung.5
In Washington verfolgt Präsident Dwight D. Eisenhower die Szenen mit wachsender Unruhe. Der General, der die USA durch den Zweiten Weltkrieg geführt hat, zögert zunächst, in die Angelegenheiten eines Bundesstaates einzugreifen. Das macht ein amerikanischer Präsident nicht.6 Oder jedenfalls: Er machte es damals nicht. Es gehörte sich nicht.7 Doch die Bilder aus Little Rock gehen um die Welt – und die Sowjetunion nutzt sie propagandistisch, um die Glaubwürdigkeit des »Anführers der freien Welt« infrage zu stellen.
Drei Wochen später, am 24. September, sendet Eisenhower schließlich die 101. Luftlandedivision nach Little Rock, die Screaming Eagles – dieselben Fallschirmjäger, die in der Normandie gelandet waren, um Europa vom Faschismus zu befreien. Nun eskortieren sie neun afroamerikanische Teenager durch einen Mob wütender weißer Amerikaner zur Schule. Unübersehbare Ironie der Geschichte: Die Befreier Europas müssen nun amerikanische Kinder vor anderen Amerikanern schützen.
»Wenn du mit dem Bajonett eines Fallschirmjägers im Rücken zur Schule gehst«, erinnert sich Melba Pattillo Beals, eine der Little Rock Nine, später, »dann weißt du, dass es nicht einfach nur um Bildung geht. Es geht darum, wer wir als Nation sind. Es geht um die Seele Amerikas.«8
Präsident Ronald Reagan bei seiner Antrittsrede am 20. Januar 1981.
Library of Congress/Image Archive
Um nichts weniger als die Seele Amerikas soll es auch im Frühjahr des Jahres 1981 gehen. Ein strahlend kalter Wintertag, an dem Amerika einen machtvollen Wechsel erlebt: Vor dem Kapitol steht Ronald Reagan, der frisch vereidigte 40. Präsident der Vereinigten Staaten, und blickt hinab auf die Menschenmenge. In seiner Antrittsrede spricht er Sätze, die wie ein Paukenschlag klingen: »In dieser gegenwärtigen Krise ist die Regierung nicht die Lösung unseres Problems; die Regierung ist das Problem.«9
Die Worte hallen über die National Mall, begleitet vom Applaus konservativer Anhänger. Hier steht ein neuer Präsident, zwar mit politischer Erfahrung als ehemaliger Gouverneur von Kalifornien, bekannt geworden aber vor allem als beliebter Schauspieler in Hollywood-Schmonzetten und als Fernseh-Moderator. Mit sonnigem Lächeln und fester Stimme verkündet dieser neue Präsident, was vor ihm kaum jemand zu sagen wagte: Der Staat solle sich zurückziehen, Platz machen für den freien Markt und den Selfmademan. Nach Jahren der Inflation, Arbeitslosigkeit und Selbstzweifel verspricht Reagan den Morning in America – eine Wiedergeburt des amerikanischen Traums durch Steuersenkungen, Deregulierung und den Glauben, dass Wohlstand von oben nach unten »trickelt«. Denn trickle down, das ist eines der großen Versprechen neoklassischer Wirtschaftspolitik. Und das mag sich tatsächlich auch hier und da einmal nachweisen lassen – aber eigentlich fast immer bestenfalls auf gesamtgesellschaftlicher Ebene, wovon man dann individuell mitunter ziemlich wenig merken mag.10
Während Reagan spricht, steht in Sichtweite das ehrwürdige Washington Monument, Symbol für die Dauer der Republik. Doch in den Straßen der Hauptstadt weht ein neuer Zeitgeist: Wall-Street-Broker und Unternehmer jubeln über die angekündigten Steuersenkungen, während sich Gewerkschafter und Sozialarbeiter sorgenvoll fragen, was aus den Schwachen in diesem neuen Amerika wird.
Nur wenige Monate später, im August 1981, unterzeichnet Reagan das größte Steuersenkungsgesetz der US-Geschichte, den Economic Recovery Tax Act.11 Champagnerkorken knallen in den Chefetagen, während zeitgleich Tausende entlassene Stahlarbeiter im Rust Belt um ihre Zukunft bangen. Nur wenige Tage zuvor hat Reagan einen Streik der staatlichen Fluglotsen für illegal erklärt, daraufhin Tausende von ihnen kurzerhand entlassen und ihre Gewerkschaft zerschlagen – ein Fanal gegen die Macht der Arbeitnehmer. Der Beginn des Neoliberalismus ist kein abruptes Ereignis, sondern ein Stimmungsumschwung: vom »Wir« zurück zum »Ich«.
Reagans wirtschaftspolitisches Programm bündelte vier zentrale Leitlinien: drastische Steuersenkungen, Deregulierung, eine straffe Geldpolitik der Federal Reserve und eine massive Aufrüstung im militärischen Bereich. Es wurde bewusst als Bruch mit dem Nachkriegs-Konsens inszeniert, der in den 1970er-Jahren angesichts von Stagflation und Ölkrisen an Legitimität eingebüßt hatte. Indem Reagan die staatliche Umverteilung als Kern des Problems brandmarkte, übersetzte er neue ökonomische Theoriebildung und dezidierte Politikentwürfe konservativer Think Tanks in politische Praxis – mit weitreichenden Folgen für die US-amerikanische Gesellschaftsordnung.12
Die unmittelbaren Effekte dieser »Reaganomics« waren ambivalent: Während Kapitalmärkte und wohlhabende Schichten von den Steuererleichterungen profitierten und das Wirtschaftswachstum ab Mitte der 1980er-Jahre wieder anzog, stiegen Haushaltsdefizit und Staatsverschuldung in bisher unbekannte Höhen. Gleichzeitig verschärfte sich die soziale Ungleichheit, da Arbeitslosigkeit und Armut insbesondere in den industriell geprägten Regionen zunahmen. Der ökonomische Erfolg wurde nicht gleichmäßig verteilt, sondern polarisierte die Gesellschaft entlang neuer Bruchlinien. »Reaganomics« steht damit paradigmatisch für eine ökonomische Zeitenwende, in der die Deregulierung des Marktes über den sozialen Ausgleich gestellt und ein neoliberales Wirtschaftsmodell als neue Norm etabliert wurde – ein Modell, das gerade in unseren Tagen in vielen Staaten, nicht zuletzt auch in der Bundesrepublik, wieder Aufwind erfährt. Aber schon in jenen Januartagen des Jahres 1981 lässt sich »Reaganomics« nicht isoliert betrachten, sondern steht im Kontext einer transatlantischen Wende, die nahezu zeitgleich im Thatcherismus Großbritanniens ihren Ausdruck fand.13 Beide Regierungen verband die Überzeugung, dass wirtschaftliche Dynamik nur durch die Zurückdrängung staatlicher Intervention und den Abbau kollektiver Sicherungssysteme entfesselt werden könne. Während Thatcher die Macht der Gewerkschaften in den Kohle- und Stahlrevieren brechen ließ, setzte Reagan mit der Zerschlagung der Fluglotsengewerkschaft ein ähnlich symbolträchtiges Signal. Zusammen prägten sie den Kern des neoliberalen Projekts, das sich in den folgenden Jahrzehnten global durchsetzte: Privatisierung öffentlicher Güter, Liberalisierung internationaler Kapitalflüsse und die Durchsetzung eines weltweiten Wettbewerbsregimes, das die Spielräume nationalstaatlicher Sozialpolitik zunehmend einschränkte.
US-Grenzbeamte feuern Tränengas auf Migranten am Grenzzaun von San Ysidro, Kalifornien, 25. November 2018.
picture alliance/Reuters/Kim Kyung-Hoon
Eine graue Hügellandschaft, ein hoher Zaun, Stacheldraht. Auf der einen Seite: Familien aus Honduras, Guatemala, El Salvador. Männer mit schweren Rucksäcken, Frauen mit Kindern auf den Armen, Jugendliche mit Pappschildern. Die meisten der Ankommenden strahlen Hoffnung und Erschöpfung zugleich aus. Wochenlang sind sie zu Fuß unterwegs gewesen – der Caravan, wie sie in den Medien genannt werden. Ihr Ziel: die Grenze zu den Vereinigten Staaten, San Ysidro, Kalifornien, der Übergang zwischen Tijuana und San Diego, der meistfrequentierte Grenzübergang der Welt.14
Auf der anderen Seite: schwer bewaffnete Beamte der US Border Patrol, Soldaten in Kampfmontur, Fahrzeuge mit Blaulicht. Als eine Gruppe von Migranten sich dem Zaun nähert, fallen Schüsse mit Tränengasgranaten. Die Kamera klickt. Weiße Rauchschwaden vernebeln die Szene teilweise, Mütter fliehen hustend mit ihren Kindern auf dem Arm, Kleinkinder in Windeln schreien. Die Bilder gehen in Echtzeit um die Welt: Tränengas gegen Familien auf der Suche nach Schutz.
Präsident Trump hat den Strom der Migranten schon im Vorfeld auf Twitter und in öffentlichen Reden als invasion dargestellt und Tausende Soldaten zur Grenzsicherung entsandt; er droht sogar mit einer kompletten Schließung der Grenze.15 Er macht deutlich, auf wessen Seite er im Konflikt um die Bedeutung der Hispanos und insbesondere der mexikanischen Emigrantinnen und Emigranten für die amerikanische Gesellschaft steht, der gerade in den letzten Jahren immer schärfer geführt wurde.16 »Ich bin nur aus einem Grund hierher gekommen«, sagte Maria Meza, die Mutter im Bildvordergrund, damals der Nachrichtenagentur Reuters, »und zwar weil es in Honduras viel Gewalt gibt … Wenn sie die Grenze schließen, bitte ich Gott, dass man uns hier in Tijuana oder in einem anderen Land die Türen öffnet, damit ich mit meinen Kindern überleben kann.«17
Schon seit Beginn der 2000er-Jahre ist die Migrationspolitik der USA immer stärker von sicherheitspolitischen Überlegungen, ökonomischen Interessen und innenpolitischen Polarisierungen geprägt.18 Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 verschob sich der Fokus von Einwanderungspolitik hin zu Fragen der nationalen Sicherheit: Mit dem Patriot Act und der Gründung des Department of Homeland Security 2002 rückte die Kontrolle von Grenzen und Visa in den Vordergrund. Zugleich gewann die Debatte über Menschen ohne regulären Aufenthaltsstatus an Schärfe. Unter Präsident George W. Bush gab es Versuche, umfassende Reformen durchzusetzen, die einerseits eine strengere Grenzsicherung, andererseits eine Art Regularisierung für bereits im Land lebende Migrantinnen und Migranten vorsahen – border enforcement und earned legalization waren die Schlüsselbegriffe.19 Diese Initiativen scheiterten jedoch am Widerstand im Kongress – nicht so sehr das border enforcement, natürlich, wohl aber die earned legalization; und das, obwohl die Forderung, man müsse sich die Einbürgerung erst verdienen, eigentlich gut in die neoliberale Agenda der Konservativen dieser Zeit passte. Aber es überwog das Misstrauen. Stattdessen setzte sich ein stärker repressiver Ansatz durch, insbesondere durch den Ausbau der Grenzüberwachung und die Ausweitung von Abschiebungen.
Unter Barack Obama verschärfte sich die Spannung zwischen restriktiven Maßnahmen und humanitären Reformbestrebungen.20 Einerseits erreichte die Zahl der Abschiebungen zwischen 2009 und 2016 einen historischen Höchststand, andererseits versuchte die Regierung, über präsidentielle Erlasse wie die Deferred Action for Childhood Arrivals (DACA, 2012) zumindest jungen Migrantinnen und Migranten ohne legalen Status, die als Kinder in die USA gekommen waren, Schutz vor Abschiebung zu gewähren. Ein weiterreichendes Programm, die DAPA (Deferred Action for Parents of Americans and Lawful Permanent Residents), die Obama 2014 ebenfalls als Executive Order, also als Präsidialerlass, ankündigte, scheiterte jedoch vor Gericht. Mit der Trump-Wahl 2016 verschob sich die Migrationspolitik dann endgültig stärker in Richtung Restriktion: Maßnahmen wie das Einreiseverbot für Menschen aus bestimmten Ländern mit mehrheitlich muslimischer Bevölkerung (travel ban), die geplante Mauer an der Südgrenze sowie eine restriktivere Visapolitik verdeutlichten den sicherheits- und identitätspolitischen Kurs der Regierung, der die Gesellschaft immer stärker spaltete.21
Für Trumps Anhänger bestätigte die Eskalation im November die Warnungen ihres donnernden Idols: Sie sahen die Grenze permanent durch angeblich durchweg kriminelle Migranten bedroht, die Grenzbeamten als Verteidiger des Vaterlandes gegen deren Anstürme. Andere – zunehmend auch Republikaner, eigentlich also Parteifreunde des Präsidenten – waren bestürzt über den Tränengaseinsatz gegen unbewaffnete Familien. Besonders die Bilder kleiner Kinder, die panisch vor dem Gas flohen, sorgten weltweit für Entsetzen.22 Die einen feierten den starken Staat, die anderen prangerten die Pervertierung eines Landes an, das sich einst als Zufluchtsort der Verfolgten verstand. Zwischen America First und dem Motto, das die Freiheitsstatue auf Coney Island den Ankommenden seit 1886 entgegenhielt, Give me your tired, your poor, klaffte fortan ein Abgrund, der tiefer kaum sein konnte.
Die Szenen aus Little Rock, Washington D. C., und San Ysidro sind als Episoden der jüngeren amerikanischen Geschichte vollständig voneinander losgelöst – und sind es auch wieder nicht. Sie stehen für ein Muster, das tief in das Erbgut der Vereinigten Staaten eingeschrieben ist. Denn schon die Debatten und Grundsatzdokumente zwischen Unabhängigkeit und Verfassungsgebung verbanden unbegrenzte Hoffnung mit tiefem Misstrauen, universale Freiheitsversprechen mit systematischem Ausschluss. Dieser innere Widerspruch – Gleichheit für alle und Privilegien für wenige, radikale Individualität und gleichzeitig radikale Unterordnung des Individuums unter das gemeine Beste – wurde im Laufe der Jahrhunderte immer wieder neu überformt, gedeutet und ausgetragen. In der Bürgerrechtsbewegung ebenso wie im neoliberalen Umbau der 1980er-Jahre oder in den erbitterten Kämpfen um Migration und Zugehörigkeit an der Grenze zu Mexiko zeigt sich: Die amerikanische Identität ist von Beginn an durch eine Spannung geprägt, die nicht überwunden, sondern fortgeschrieben wurde. Das Selbstverständnis der Nation gründet sich auf eben diesen Konflikt – er ist die DNA, die das politische und gesellschaftliche Leben der Vereinigten Staaten bis heute strukturiert.
Little Rock war kein isoliertes Ereignis, war kein Versehen und war keine Entgleisung, die vom Rest Amerikas mit Schrecken zur Kenntnis genommen wurde. Es war Ausdruck einer Spannung, die von Beginn an im Fundament der Vereinigten Staaten angelegt war. Thomas Jefferson schrieb 1776 all men are created equal – und hielt gleichzeitig höchstpersönlich über 600 Menschen in Sklaverei.23
Diese tiefe Widersprüchlichkeit atmen auch seine knapp zehn Jahre später zunächst privat in Frankreich publizierten »Notes on the State of Virginia« von 1785.24 Darin zeichnet er die Institution der Sklaverei einerseits als moralisches Übel und fürchtet ihre zerstörerischen Folgen für die junge Republik: »Ja, ich zittere um mein Land, wenn ich daran denke, dass Gott gerecht ist, dass seine Gerechtigkeit nicht ewig schlummern kann.« Er erkennt durchaus, dass die Sklaverei die menschliche Natur selbst korrumpiere, indem sie Herr und Versklavten gleichermaßen moralisch deformiert: The man must be a prodigy who can retain his manners and morals undepraved by such circumstances. Andererseits bleibt er weit davon entfernt, eine konsequente Abschaffung zu fordern. Vielmehr sieht Jefferson in der gleichberechtigten Koexistenz von Schwarzen und Weißen ein unlösbares Problem und vermutet – selbst wenn: as a suspicion only – mit ziemlich offenem Rassismus, eingekleidet in die angebliche Wissenschaftlichkeit allgemeiner Beobachtungen aus der natural history, Schwarze seien schlicht »den weißen [Menschen] in ihren körperlichen und geistigen Gaben unterlegen«. Aus dieser vermeintlichen »Unterschiedlichkeit« zieht Jefferson die politische Konsequenz, dass eine Befreiung der Sklaven zwar theoretisch möglich, ihre Gleichberechtigung in der Gesellschaft aber unvorstellbar sei: When freed, he – also der Sklave – is to be removed beyond the reach of mixture. Geradezu prophetisch nahm er damit die Segregation des 19. und 20. Jahrhunderts vorweg, die der rechtlichen Befreiung nichts mehr entgegensetzen konnte, eine Vermischung mit der weißen Dominanzgesellschaft jedoch zu unterbinden suchte. Für seine Zeit selbst enthüllt sich Jeffersons Denken als zutiefst paradox – und leider gar nicht untypisch: zwischen moralischer Unruhe über die Sklaverei und der Weigerung, daraus wirklich Konsequenzen zu ziehen. 1787 schufen die Verfassungsväter in Philadelphia einen Kompromiss der Mittelklasse und Besitzenden, eine Regierung, die auf Zustimmung der Regierten beruhte, während sie Frauen, Afroamerikaner, Indigene und Besitzlose ausschlossen.25
Dieser Widerspruch zwischen Ideal und Wirklichkeit ist kein Anfängerfehler, den spätere Generationen korrigiert hätten. Er ist der Antrieb der amerikanischen Geschichte. Dieser Widerspruch steckt hinter den großen Konflikten: Sklaverei und Bürgerkrieg, Reconstruction und Jim Crow, New Deal und Bürgerrechtsbewegung bis hin zu Black Lives Matter. Immer wieder geht es um dieselbe Frage: Wer gehört wirklich zu We the People? Wessen Stimme wird gehört? Wer darf die Früchte der Freiheit ernten? Wenn der bedeutende Schwarze Historiker und Journalist W. E. B. Du Bois schon 1903 prophezeite, dass »das wesentliche Problem des 20. Jahrhunderts« die color-line sein werde,26 hat sich das in den USA bisher leider auch für das 21. noch bewahrheitet.27
Während das Erbe der Unterdrückung und des Ausschlusses bis weit in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts öffentlich systematisch marginalisiert wurde, knüpfte Reagans neoliberale, regierungskritische Rhetorik bei seinem Amtsantritt im Januar 1981 ganz explizit an tief verwurzelte Traditionen der amerikanischen Republik an. Die Betonung individueller Selbstverantwortung, das Misstrauen gegenüber einer übergriffigen Zentralregierung und die Idealisierung des Self-made-Mannes wurden schon damals eng verknüpft mit der Generation der Gründerväter, die Freiheit primär als Abwehrrecht gegen Eingriffe der Regierung definierten. Insofern war »Reaganomics« nicht nur eine ökonomische Strategie der 1980er-Jahre, sondern auch eine bewusste Rekodierung des nationalen Selbstbildes: Die Rückbesinnung auf eine republikanische Mythologie der Freiheit wurde in den Dienst einer neoliberalen Globalisierung gestellt. Darin liegt die eigentliche Dialektik dieser Politik – sie verband die Traditionen der frühen Republik mit den Dynamiken eines globalisierten Kapitalismus und formte so ein widersprüchliches Narrativ von amerikanischer Identität im späten 20. Jahrhundert.
Und Trumps Migrationsdesaster? Es führte die uralte Spannung des amerikanischen Selbstverständnisses in ein grelles, seiner Präsidentschaft angemessenes Schlaglicht. Schon die Gründergeneration war gespalten, wie sehr sie ihre mal ganz individuell-konkrete, mal familiär-historische Herkunft mit in ihre neue Gegenwart integrierten. Aber sie waren sich einig darin, dass ihre Anwesenheit in diesem Land, das historisch nicht das ihre war, der eigentliche historische Segen Amerikas sei. Zuzug, Erfolg und Wachstum wurden früh Teil des nationalen Mythos, Ausdruck des Versprechens von Aufstiegschancen und individueller Freiheit. Im 19. Jahrhundert wuchs die amerikanische Gesellschaft durch Wellen von Einwanderern aus Irland, Deutschland, später Süd- und Osteuropa – die Vereinigten Staaten wurden zur klassischen Einwanderungsgesellschaft. Doch mit Beginn des 20. Jahrhunderts kippte die Stimmung: Nativistische Bewegungen gewannen an Einfluss, Quotenregelungen schlossen ganze Gruppen aus, und das Ideal der offenen Türen wurde zunehmend von der Angst vor »Überfremdung« verdrängt. Seither verläuft die Geschichte der US-Migrationspolitik zwischen diesen beiden Polen – zwischen der Selbstvergewisserung als Nation der Einwanderer und dem Drang, Zugehörigkeit exklusiv zu definieren.
Dabei spielt auch das Verhältnis zwischen Staat und Individuum eine immer größere Rolle – und die Frage, wer den öffentlichen Ton angibt, wer sich als »Stimme des Volkes« begreift. Die gescheiterten Obama-Reformen zum Schutz migrantischer Minderheiten beispielsweise hätten einerseits Schutz für bestimmte Gruppen geboten, wurden aber andererseits – und durchaus nicht nur von Konservativen – rechtlich als Ausdruck erweiterter exekutiver Durchsetzungsgewalt gedeutet,28 was auf ein tief, ja sehr tief verwurzeltes Misstrauen gegenüber gesamtstaatlicher Einflussnahme stieß, das uns in diesem Buch immer wieder beschäftigen wird. In Little Rock beanspruchte Gouverneur Faubus, im Namen des Volkes die staatliche Ordnung gegen unrechtmäßige Eingriffe der Bundesregierung zu bewahren, während genau diese Bundesregierung ihrerseits betonte, die Verfassung durchsetzen und Minderheitenrechte schützen zu müssen. Und Reagan stellte 1981 das government, also die staatliche Bürokratie selbst ins Zentrum der Kritik und begründete damit eine Politik, die individuelle Freiheit über kollektive Verantwortung stellte, um »die Hindernisse zu beseitigen, die unsere Wirtschaft gebremst und die Produktivität verringert haben« – mit direktem Rückbezug auf Joseph Warren, Präsident des Kongresses von Massachusetts, who might have been one of the greatest among the Founding Fathers.29
Und damit deutet sich schon an, was die drei eingangs gezeichneten Szenen und die dahinterstehenden Konflikte noch gemeinsam haben. Absolut diametrale Positionen berufen sich in diesen Konflikten grundsätzlich und mitunter auf eine für europäische Leserschaft geradezu befremdlich emphatische Weise auf ein- und dieselben Quellen: die Gründergeneration und ihre Dokumente. Sie alle nehmen auf einen vermeintlichen American Creed der ersten Jahre Bezug, auf den Willen und die Lebensleistung der Gründerväter. Die eine Seite liest in der Unabhängigkeitserklärung das universale Versprechen von Gleichheit, die andere betont in der Verfassung die Rechte der Einzelstaaten und das Misstrauen gegenüber zentralstaatlicher Macht. Das ist ein Verfassungspatriotismus, der manch bundesrepublikanische Politiker neidisch machen könnte. Es ist aber auch ein Mythos, der offene Flanken für Interpretationen und Populismus bietet. Denn ganz gleich aus welcher Richtung: Wer in den USA politisch gehört werden will, muss Jefferson, Madison und die Verfassung auf seiner Seite wissen – und gerät damit zwangsläufig in die Spannung, die seit der Gründung in die DNA der Nation eingeschrieben ist.30 Und um genau diesen Widerspruch geht es in diesem Buch.
Aber ist dieser Widerspruch ein Geburtsfehler? Auf den ersten Blick möchte man das meinen. Müsste der Gegensatz zwischen Gründungsidealen und Realpolitik nicht so lange Reibung erzeugen, bis er die amerikanische Gesellschaft zerstört hat? Erstaunlicherweise ist das bekanntermaßen nicht der Fall gewesen. Im Gegenteil: Die USA haben sich von einer ziemlich heterogenen Gruppe britischer Kolonien zu einer der politisch und wirtschaftlich einflussreichsten Nationen der Moderne entwickelt – und zu einem Exportweltmeister, nicht nur in Sachen Coca-Cola, Levi’s oder Marlboro, sondern von Kultur: von Werten, Einstellungen und Lebensweisen.31 Wie passt das zusammen?
Genau diese Frage hat sich vor ziemlich genau einem halben Jahrhundert auch der 2008 verstorbene Harvard-Politologe Samuel P. Huntington gestellt. In Deutschland, wie überhaupt außerhalb der USA, kennt man den streitbaren Konservativen vor allem wegen seiner 1996 erschienenen und fast sofort in Dutzende Sprachen übersetzten Analyse vom »Clash of Civilizations«.32 Darin argumentiert Huntington, dass die dominanten Konfliktlinien in der Welt nach dem Kalten Krieg nicht mehr ideologisch oder ökonomisch, sondern kulturell-zivilisatorisch verlaufen. Nationalstaaten bleiben wichtig, doch die Fault Lines, die Bruchlinien zwischen Großzivilisationen würden zukünftig die Weltpolitik prägen. Als solche Großzivilisationen oder Kulturräume identifiziert er zum Beispiel den Westen, den »sinischen« Kulturraum mit dem Kernstaat China, den »orthodoxen« mit dem Kernstaat Russland, den »hinduistischen« mit Indien und so weiter. Dass Zivilisationen einen oder mehrere »Kernstaaten« (core states) haben – der Westen zum Beispiel gleich mehrere: die USA, Frankreich, Deutschland … –, ist wichtig für Huntingtons Theorie. Eine immer bedeutsamer werdende Zivilisation hat nämlich seiner Beobachtung nach keinen: die islamische. Und das ist in seinen Augen gefährlich. Denn es macht die Moderation der vielen Bruchlinienkonflikte umso schwieriger.
Huntingtons »Kampf der Kulturen« ist bald nach Erscheinen heftig kritisiert worden. Denn natürlich ist sein Weltmodell ein ziemlich holzschnittartiges, man kann geradezu sagen: ein fundamentalistisches.33 Nun könnten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler das noch als eine legitim vereinfachende Typenbildung, eine Heuristik auf dem Weg zu Detailstudien anerkennen, die erst durch Differenzierung am empirischen Beispiel fruchtbar wird. Man könnte einzelnen Zivilisationsbeschreibungen wie der ebenso berühmten wie unsinnigen Überspitzung »Der Islam hat blutige Grenzen«34 widersprechen und trotzdem das Modell weiterdenken. Gefährlicher als solche Triggersätze sind aber eigentlich die Schlüsse, die man aus der Grundthese zu ziehen versucht hat: dass nämlich geradezu zwangsläufig die befriedende Position der Kernstaaten gestärkt werden müsse, der letztlich die Entscheidung zwischen Eskalation durch Unterstützung einzelner Konfliktpartner an den Fault Lines oder Deeskalation durch Verweigerung obliege. Und dass dort, wo die Kernstaaten der einen Zivilisation sich dieser Funktion verweigern oder es schlicht keine gibt, eben die zivilisatorischen Nachbarn eingreifen müssen. Kurz: Es legitimiert weltpolizeiliche Ideen oder legt sie jedenfalls sehr nahe. Was das heißen kann, wurde durch die Geschehnisse von 9/11 und den dadurch losgetretenen »Krieg gegen den Terror« deutlich, als für viele Huntingtons Thesen geradezu prophetisch in Erfüllung gegangen zu sein schienen. Aber selbst wenn man nicht geneigt ist, 9/11 als grausamen Ausdruck eines historisch geradezu zwangsläufig eskalierenden Konflikts sehen zu wollen – und dafür gibt es jede Menge gute Gründe –, ist Huntingtons Beschreibung doch noch immer eines: ein eindrücklicher Ausdruck US-amerikanischen Selbst- und Weltverständnisses.
Es gibt aber noch eine zweite Analyse aus Huntingtons Feder – niemanden wird wundern, wenn ich sage: und nicht bloß eine –, die für unser Anliegen in diesem Buch noch viel bedeutsamer ist. Fünfzehn Jahre vor dem Clash nämlich hat Huntington mit »The Promise of Disharmony« (1981) eine Analyse der wiederkehrenden inneren Konflikte der amerikanischen Gesellschaft vorgelegt, die einerseits ausnehmend scharfsichtig in der Beschreibung und andererseits genauso bestechend wie problematisch in ihrer historischen Thesenbildung ist. Dieses Buch ist nie übersetzt worden. Leider, muss man sagen. Denn es hält viele kluge Beobachtungen bereit, die gerade für das Nachdenken über die Entwicklungen der letzten Jahre sehr anregend sein können.
Huntington beginnt nicht in Philadelphia, sondern im Harvard Yard: Es ist der Juni 1969, Redner, Transparente, Campusbesetzungen. Seine Diagnose lautet: Was hier eruptiv hervorbricht, ist kein Zufall, sondern ein Muster. Die Vereinigten Staaten sind – so sein Leitbegriff – eine disharmonic polity: gegründet auf einen außergewöhnlich normativen American Creed, tief verwurzelten Glauben an Freiheit, Gleichheit, Individualismus, Rechtsstaatlichkeit, Demokratie, der unaufhörlich als Maßstab an die Institutionen angelegt wird und gerade deshalb immer wieder Enttäuschung, Protest und Reform mobilisiert. Diese Ideale sind nicht Beiwerk, sondern die Grundlage nationaler Identität – seit dem 4. Juli 1776 legitimiert sich politische Herrschaft in Amerika durch die Berufung auf Prinzipien, nicht auf Dynastie, Ethnie oder Kirche.
Huntingtons Argument ist dreifach und auf den ersten Blick ziemlich bestechend: erstens seien die Ideale in den USA radikaler formuliert und breiter geteilt als anderswo; zweitens enthalte jener American Creed ein tief sitzendes Misstrauen gegenüber Macht, eine Skepsis gegenüber hierarchischen, autoritativen Strukturen und insbesondere gegenüber dem Staat als Träger konzentrierter Macht; drittens schwanke die Intensität des Glaubens an diesen Creed zyklisch – mal eher latent, mal ausgesprochen leidenschaftlich – und erzeuge so Wellen moralischer Mobilisierung, die er creedal passion periods nennt: erstens die Revolutionsära, um die es in diesem Buch geht; zweitens die Transformation der jungen Republik in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts in die sogenannte Jacksonian Democracy; drittens die Ära des Progressivismus um die Jahrhundertwende; und viertens die 1960er- bis Mitte der 1970er-Jahre, also, kurz gesagt: seine eigene Gegenwart. Ihnen allen ist gemeinsam, dass sie von einer starken moralischen Empörung getragen waren, die nicht nur Missstände anprangerte, sondern auch tiefgreifende Reformen forderte; dass sie das politische System unter erheblichen Druck setzten, seine Institutionen, Verfahren und Machtverteilungen neu auszutarieren; und dass sie jeweils zugleich integrativ und spaltend wirkten – integrativ, insofern sie den American Creed bekräftigten, spaltend, insofern sie Konflikte verschärften und alte Ordnungen infrage stellten.
Im Zentrum von Huntingtons Erklärung steht dieser Gap, die Kluft zwischen Creed und Autorität, die er als zentrales kulturelles Erbe der USA beschreibt. Schon die Verfassung von 1787/89 sei ein Versuch gewesen, das Freiheitsversprechen (We the People) mit dauerhaften Machtbegrenzungen (Gewaltenteilung, Föderalismus, indirekte Wahlen, richterliche Unabhängigkeit) zu verknüpfen – ein Arrangement, das Stabilität schafft, aber eben nie restlos mit dem normativen Anspruch zusammenfällt. Diese systematische Unvollständigkeit produziert kognitive Dissonanz: In ruhigen Zeiten wird sie wegerklärt oder überdeckt; in Zeiten erhöhter moralischer Sensibilität – wenn neue Generationen, neue Gruppen, neue Öffentlichkeiten den Maßstab wieder ernst nehmen – wird sie zum Skandalon. Dann fordern Bewegungen die Rückkehr zu den ursprünglichen Prinzipien ein, delegitimieren Big Government, Big Business oder Machines, und übersetzen soziale Konflikte in die Sprache der Gründerdokumente – von Jacksons Kampf gegen die Nationalbank bis zu Martin Luther Kings Rückgriff auf Jeffersons Gleichheitssatz.
Diese Dynamik beschreibt Huntington aber eben nicht als amerikanische Pathologie, sondern als absolut produktiven Zyklus. In den creedal passion periods steigt, so könnte man sagen, die normative Temperatur: Moralische Rhetorik verdrängt das rationalisierende Aufrechnen von Interessen, die Medien machen »die Lücke« sichtbar, Partizipation und neue Organisationsformen haben Hochkonjunktur, Institutionen werden reformiert – und verlieren dabei, paradoxerweise, einen Teil ihrer Autorität. Danach folgt die Abkühlung: Zynismus, Müdigkeit, Re-Institutionalisierung – bis die nächste Generation den Maßstab erneut aufruft. Huntington nennt das ein promise of disharmony. Die Ideale können nicht erfüllt, aber auch nicht aufgegeben werden – ihre Unerfüllbarkeit ist der Motor zyklischer Erneuerung.
Methodisch grenzt Huntington sich damit von reinen Struktur- oder Klassenmodellen ab: Weder die progressive Klassenkampferzählung noch die reine Pluralismus- oder Konsensschule erklärt ihm zufolge, warum amerikanische Politik in bestimmten Momenten in moralische Sprache, Delegitimierung und Reformdrang kippt – und zwar im Namen ein und derselben Gründungsideale. Damit kann er zeigen, dass der amerikanische Gap nicht (nur) an größerer Ungleichheit, sondern an höherer normativer Fallhöhe liegt. In vielen europäischen Ordnungen balancieren Traditionen von Differenz, Hierarchie und »Staat« Autorität anders aus; in nichtwestlichen Kontexten legitimiert Ideologie eher Macht, als dass sie sie angreift. In den USA hingegen ist Ideologie das Instrument der Kritik an Macht – der Creed liefert das Vokabular, mit dem sich Bürger gegen ihre Institutionen wenden. Zugleich verweist Huntington auf die kulturellen Quellen dieser Konstellation: die puritanische Ethik, Gewissensansprüche, die Praxis freiwilliger Verbände und Gemeinwesen, das eigentlich tief sitzende Misstrauen gegen stehende Heere und zentrale Bürokratien – kurz: ein religiös aufgeladener, zivilgesellschaftlich getriebener Argwohn gegen verdichtete Autorität.
Huntingtons Vorgehen ist durchaus sensibel für Zeitmaßstäbe, und trotzdem werden gerade Historikerinnen und Historiker immer wieder ein Kribbeln des Widerspruchs verspüren, wenn er seine Modellbildung historisch vorantreibt. Aber sein Modell hat auch eine verführerische Suggestivkraft: Mit großer Eleganz beschreibt er Generationsrhythmen von 50 oder 60 Jahren, in denen sich Alterskohorten, Medienregime und Organisationsformen so überlagern, dass moralische Intensität sprunghaft zunimmt. Er achtet auf institutionelle Stoßdämpfer (Föderalismus, Gerichte, Parteien), die die Kluft zeitweise moderieren, ohne sie zu schließen. Und er insistiert darauf, dass ökonomische Konflikte zwar Auslöser sein können, politisch aber fast immer ideologisch artikuliert werden: Nicht Klassenkampf, sondern »Rückkehr zu den Prinzipien« ist die bevorzugte Grammatik amerikanischer Proteste – vom Moneypower-Topos der 1830er bis zu New Politics um 1970. Selbst wenn man diesem Modell im Detail noch manche Differenzierung beistellen möchte, ist es in seiner idealtypischen Beschreibung ausgesprochen anregend – und das übrigens nicht nur für die Geschichte der USA.
Normativ ist Huntington ausgesprochen klar: Er bejaht die Disharmony. Nicht weil er an politischer Romantik Gefallen fände, sondern weil er die Alternative für destruktiv hält: Entweder die restlose Erfüllung dieser Ideale – das freilich dürfte selbst dem idealistischsten Geist schlicht unmöglich scheinen – oder deren Aufgabe, was wiederum zu einem unmittelbaren Identitätsverlust führte. Das amerikanische Projekt lebt gerade davon, dass Ideale und Institutionen nicht zur Deckung kommen. In dieser Differenz liegt die Energie, die immer wieder Freiheits- und Gleichheitsfortschritte erzwingt – um den Preis zyklischer Überhitzung, Delegitimierungsschüben und politischer Erschöpfung. So erklärt sich, warum die Szenen von Little Rock, Washington 1981 und San Ysidro nicht Exzesse am Rand, sondern Stationen im Takt einer politischen Kultur sind, die ihre Gegenwart am eigenen Gründungsmythos misst – und deshalb immer wieder neu darüber streitet, »wer wir sind« und wer zu We the People gehört.
Für das Folgende heißt das: Wenn wir die Revolution, Verfassung und frühe Republik nicht nur als Ursprung, sondern als Matrix dieses Konflikts lesen – als bewusste Institutionalisierung eines nie ganz zu schließenden Spalts –, dann können wir die späteren Überhitzungen, Reformen und Rückschläge als Variation über ein Thema begreifen. Mythos 1776 ist dann keine Hymne auf erfüllte Verheißungen, sondern die Geschichte eines Landes, das gelernt hat, aus unerfüllbaren Idealen politische Energie zu gewinnen – und das damit lebt, dass gerade die Treue zu seinen Prinzipien immer wieder Zweifel an seinen Institutionen nährt.
Wer den Mythos 1776 verstehen will, darf aber nicht beim Paukenschlag der Unabhängigkeit einsetzen. Die Linien, die sich in Revolution und Verfassung kreuzten, waren längst gezogen: in der Vielfalt der Kolonien, in ihren religiösen Gegensätzen, in ihrem wirtschaftlichen Gefälle, in den politischen Routinen unter imperialer Aufsicht. Die Revolution war kein plötzlicher Aufbruch, sondern die Zuspitzung einer langen Erfahrung von Freiheit und Abhängigkeit zugleich. Es war dieser Hintergrund, auf dem die Generation der »Gründerväter« jene merkwürdige Architektur der Widersprüchlichkeit entwarf, in der Disharmony Problem und Versprechen zugleich sein kann. Um diesen Hintergrund wird es im folgenden Kapitel gehen.
Als im Frühjahr 1607 eine kleine Schar englischer Abenteurer und Händler an der Mündung des James River landete, ahnte niemand, welch weitreichende Geschichte mit diesen armseligen Hütten im Sumpfland von Virginia beginnen sollte. Hunger, Krankheit und die menschenfeindliche Umgebung bestimmten den Alltag der Siedler, und mehr als einmal stand Jamestown am Rande des Untergangs. Doch mit der Einführung des Tabakanbaus gelang ein Durchbruch, der die Kolonie in den Strom atlantischer Handelsbeziehungen hineinriss. Von hier aus nahm eine Entwicklung ihren Anfang, die über anderthalb Jahrhunderte hinweg eine bunte, widersprüchliche und zunehmend selbstbewusste Gesellschaft hervorbrachte – die britischen Kolonien Nordamerikas. Um diese etwas mehr als 150 Jahre ihres Wachstums, ihres Aufblühens und ihres Zusammenwachsens im Angesicht britischer Kolonialpolitik wird es in diesem Kapitel gehen. Zugleich wird aber deutlich werden, wie unterschiedlich die Startpunkte, natürlichen Gegebenheiten und Lebensbedingungen in den Kolonien waren. Das wiederum ist wichtig, um zu verstehen, welches Erbe, welche Hypotheken und manchmal eben auch welchen Ballast sie in das neue Miteinander mitbrachten – und welche Konzessionen dadurch der Gründergeneration der Vereinigten Staaten nötig erschienen.
Die ersten Siedler aus England, die im Frühjahr 1607 an der Küste Nordamerikas landeten, waren keine frommen Pilger oder bäuerlichen Familien, sondern in erster Linie junge Männer – Abenteurer, Händler, Handwerker und einige wenige Gentlemen, also Angehörige des Landadels, der Gentry –, die im Auftrag der London Company unterwegs waren.35 Sie hatten die Überfahrt über den Atlantik gewagt, weil die englische Krone und private Investoren in den fernen Kolonien Reichtum und Machtgewinne erwarteten. Edelmetalle, Handelswaren, ein Zugang zu den Schätzen der Neuen Welt – all das versprach die Gründung einer Pflanzung in Virginia, benannt nach der jungfräulichen Königin Elisabeth. Für die einzelnen Siedler bedeutete die Fahrt vor allem die Hoffnung auf eine zweite Chance: auf sozialen Aufstieg, auf Land, das in England unerreichbar war, auf Entkommen aus Armut, Schulden oder Perspektivlosigkeit.
Ihre Ankunft war von einer Mischung aus Erschöpfung, Erwartung und Unsicherheit geprägt.36 Nach monatelanger Überfahrt betraten sie eine Landschaft, die ihnen zugleich reich und unnahbar erschien: dichte Wälder, weite Flussläufe, feuchtes Sumpfland und ein Klima, das sie noch nicht kannten. Mit an Bord waren Werkzeuge, Saatgut, Handelswaren, aber auch Waffen – Zeichen dafür, dass sie davon ausgingen, zugleich bauen, pflanzen, handeln und kämpfen zu müssen –, eine Annahme, die sich später durchaus bewahrheitete, aber es vielleicht nicht hätte müssen: »Warum solltet ihr uns mit Gewalt nehmen, was ihr durch Liebe haben könnt? Warum solltet ihr uns vernichten, die wir euch mit Nahrung versorgen?«, fragte 1609 Powhatan, Oberhaupt der 32 indigene Stämme umfassenden Algonkin-Konföderation, Captain John Smith.37 Noch heute stehen die Namen Powhatan und Smith für die dramatischen ersten Begegnungen zwischen den neuen Siedlern und den indigenen Völkern Nordamerikas. Powhatan war der Vater von Pocahontas, deren Name durch Romane und Filme, nicht zuletzt das gleichnamige Disney-Movie, weltbekannt wurde. Der Legende nach soll sie Captain Smith das Leben gerettet haben – ein Bild, das seither als Sinnbild für die Hoffnung auf Verständigung zwischen zwei Welten fortlebt, auch wenn die Geschichte selbst wohl weit komplexer war.38 Die Siedler jedenfalls ließen sich von solchen Momenten des Friedens kaum leiten: Ihre kleinen Siedlungen bestanden anfangs nur aus hastig errichteten Baracken aus Holz – und wurden bald zu gut befestigten kleinen Forts mit hölzernen Palisaden.
Das Bild dieser ersten Ankunft ist das einer Gesellschaft im Übergang: einerseits geprägt von den Ambitionen eines expandierenden Königreichs, das in Konkurrenz zu Spanien und den Niederlanden den Atlantik für sich gewinnen wollte, andererseits getragen von Individuen, die wenig mehr mitbrachten als ihre Körperkraft, ihren Mut und die Hoffnung auf eine bessere Zukunft. In diesem Augenblick, an den Ufern des James River, begann nicht nur ein riskantes Siedlungsunternehmen, sondern auch eine Geschichte, deren Tragweite die Beteiligten unmöglich überblicken konnten.
Die ganz frühe Geschichte Virginias ist die Geschichte eines ziemlich unwahrscheinlichen Überlebens. Hunger, Krankheit und feindliche Überfälle prägten die Anfangsjahre. Erst mit dem Tabak begann die Kolonie, sich auf ein tragfähiges Fundament zu stellen. Seit 1612 gelang es, eine Sorte von Nicotiana tabacum zu kultivieren, die in Europa besonders begehrt war. Der Tabak wurde zu jener Währung, die Land, Arbeit und soziale Stellung neu definierte. Bald war er nicht nur Exportgut, sondern auch Zahlungsmittel im inneren Verkehr der Kolonie.
Das System der sogenannten Headrights, einer Landzuweisung von 50 Acre, also etwa einem Viertelquadratkilometer, an jene, die die Passage über den Atlantik finanzierten, führte zu einer ersten Verteilung von Eigentum, die eng an die Nachfrage nach Tabak gebunden war.39 Weil der Anbau arbeitsintensiv war, brauchte man Menschen, die bereit waren, mit harter Disziplin zu arbeiten. Diese Rolle füllten zunächst die sogenannten Indentured Servants aus – junge Männer und Frauen aus England, die ihre Überfahrt mit mehrjährigen Arbeitsverträgen bezahlten.40 Wer diese Jahre überstand, konnte Land erhalten und selbst Pflanzer werden. So entstand für einige Jahrzehnte ein bemerkenswerter sozialer Aufstiegskorridor, der die Gesellschaft offener machte, als es die europäische Herkunft erwarten ließ.
Doch dieser Aufstieg war hart erkämpft und von Unsicherheit begleitet. Die Sterblichkeit war hoch, Epidemien rafften ganze Familien hinweg, und die Abhängigkeit vom Weltmarkt ließ die Preise schwanken. Die Spannungen zwischen Eliten und Neuankömmlingen entluden sich in Konflikten, von denen die Bacon’s Rebellion 1676 der sichtbarste war.41 Unter der Führung des Plantagenbesitzers Nathaniel Bacon erhob sich eine Koalition aus unzufriedenen Kleinbauern, ehemaligen Dienern und Grenzsiedlern gegen die Regierung in Jamestown. Es war eine Revolte gegen hohe Steuern, ungleiche Landverteilung und die Politik gegenüber den Indigenen. Der Aufstand endete in Chaos und Zerstörung, zeigte aber, wie fragil das koloniale Gefüge war. Nachdem Bacon 1676 an der Ruhr verstorben war, schlug die Krone den Aufstand in kürzester Zeit und mit äußerster Härte nieder. Es folgte eine merkliche Stärkung der Kolonialregierung – so merklich, dass der Historiker Stephen Saunders Webb vom »End of American Independence« (für ziemlich genau die nächsten hundert Jahre) sprechen konnte.42
Schon im August 1619 waren erstmals 20 and odd Afrikaner mit einem Sklavenschiff in Point Comfort, Virginia, angekommen, zunächst noch in rechtlich unklarer Stellung, oft wohl ähnlich behandelt wie europäische Diener.43 Doch allmählich verdichteten sich die Unterschiede. Im Laufe des Jahrhunderts entwickelte sich ein Rechtssystem, das Menschen afrikanischer Herkunft erblich zu Sklaven machte. Was als pragmatische Lösung in Zeiten des Arbeitskräftemangels begann, wurde zur strukturellen Grundlage der Plantagenwirtschaft. Die Chesapeake-Region wandelte sich so zu einer Gesellschaft, in der Wohlstand, Landbesitz und politische Teilhabe immer enger mit der Ausbeutung versklavter Arbeitskräfte verbunden waren.
Die Expansion nach Westen und Süden ging Hand in Hand mit Gewalt gegenüber den indigenen Bevölkerungen. Anfangs kann man in den Quellen hier und da durchaus noch Interesse, ja geradezu Faszination für die very witty and ingenious people finden.44 Aber bald schon schlug das gegenseitige Verhältnis in spannungsreiches Gegeneinander bis hin zur offenen Gewalt um. Schon 1622 und erneut 1644 kam es zu massiven Überfällen, auf die die Kolonisten mit grausamen Gegenschlägen reagierten.45 Ganze Regionen wurden verwüstet, und die Siedlungsgrenze verschob sich Stück für Stück zulasten der Indigenen. Diese Grenzkonflikte verschmolzen mit ökonomischen und sozialen Spannungen, sodass Virginia in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts von inneren wie äußeren Auseinandersetzungen geprägt war.
Und doch: Aus den Krisen erwuchs eine erstaunliche Beständigkeit. Die General Assembly, 1619 erstmals einberufen und von den Siedlern frei gewählt, blieb auch unter wechselnden königlichen Eingriffen das institutionelle Herzstück der Kolonie: Sie beriet die Gouverneure, legte Abgaben und Steuern fest und konnte auch lokale Gesetze in gewissem Rahmen selbst beschließen.46 Der Tabak machte Virginia zum wichtigen Glied im atlantischen Handelssystem, und die Einbettung in die Strukturen des Empires schuf Spielräume für eine politische Kultur, die lokale Interessen selbstbewusst vertrat. Am Ende des Jahrhunderts war Virginia keine fragile Randkolonie mehr, sondern ein stabiler Teil des englischen Weltreichs – ein Land der Plantagen, geprägt von Ungleichheit, aber auch von einer tiefen Erfahrung politischer Teilhabe.
Im Norden entstand seit 1620 eine ganz andere Gesellschaft. Die Pilgerväter von Plymouth und die Puritaner, die wenige Jahre später die Massachusetts Bay Colony gründeten, traten nicht mit kommerziellen, sondern mit religiösen Zielen an. Sie verstanden sich als Gemeinschaft der Auserwählten, die einen Bund mit Gott geschlossen hatte. Die Kolonie war nicht nur eine politische Neugründung, sondern ein Heilsexperiment. Das Leben sollte in allen seinen Dimensionen nach dem Willen Gottes geordnet werden.47
Diese religiöse Grundlegung prägte die Institutionen. Jede Town, also jede Gemeinde, war zugleich kirchliche und politische Einheit. Die Gemeindeversammlung, das Town Meeting, entschied über Landverteilung, Abgaben, Schule und lokale Ordnung. Die Kirchen wurden nach kongregationalistischem Prinzip organisiert, das heißt, jede Gemeinde wählte ihre Ältesten selbst und war in hohem Maße autonom. Damit verschmolz religiöse Selbstdisziplin mit politischer Teilhabe – und schuf eine erstaunlich stabile Gesellschaft. Fast das gesamte 17. Jahrhundert über blieb Neuengland weitgehend frei von religiösen Unruhen.48
Neuengland war jedoch nicht nur ein Hort religiöser Strenge und erstaunlicher sozialer Kohäsion, sondern in anderer Hinsicht auch eine ausgesprochen dynamische Gesellschaft. Der Boden war karg, der Winter hart – und trotzdem führten Landwirtschaft, Viehzucht und bald auch Handwerk und Handel zu wachsendem Wohlstand. Schon früh entstanden Netzwerke über den Atlantik: Salzfisch nach Europa und in die Karibik, Holz, Pelze und Getreide als Exportgüter.49
Die unterschiedlichen Lebensumstände der Farmer und Fischer Neuenglands, die diesen Boom hervorbrachten, haben es in den 1990er-Jahren sogar bis nach Hollywood geschafft: In dem berühmten Film »Good Will Hunting« greift Will Hunting, gespielt von Starschauspieler Matt Damon, die Äußerung des sich selbst überschätzenden Doktoranden Clark auf, der Historiker Wood unterschätze »drastisch den Einfluss sozialer Unterschiede, die auf Reichtum – insbesondere auf vererbtem Reichtum – basieren.« Darauf Will: You got that from Vickers, ›Work in Essex County‹, page 98, right? Yeah, I read that too. Were you going to plagiarize the whole thing for us? – Tatsächlich bleibt Daniel Vickers’ preisgekrönte Studie bis heute eines der eindringlichsten Porträts frühkolonialer Wirtschafts- und Lebensweisen.50
Auch demografisch war Neuengland die vitalste Region: Während in Virginia lange hohe Sterblichkeit herrschte, wuchsen die puritanischen Gemeinden durch natürliche Vermehrung. Familien waren zahlreich, die Siedlungen dicht, die Alphabetisierung hoch.51
Die Beziehung zu den indigenen Nachbarn war von Anfang an ambivalent. Handelskontakte wechselten mit Misstrauen und Gewalt. Der Pequot-Krieg von 1636/37, die erste langfristige Auseinandersetzung zwischen Siedlern und Indigenen, die über einzelne Gefechte hinausging, zeigte, dass religiöser Eifer und ökonomisches Interesse ein explosives Gemisch sein konnten.52 Mit militärischer Übermacht und Hilfe verbündeter Stämme wurden die Pequot nahezu ausgelöscht – ein frühes Beispiel für den Vernichtungskrieg in Neuengland.53
Vier Jahrzehnte später kam es im King Philip’s War zu einem erneuten Flächenbrand. Unter der Führung von Häuptling Metacomet, von den Engländern King Philip genannt, erhoben sich zahlreiche Stämme gegen die koloniale Expansion.54 Die Kämpfe waren brutal, die Verluste enorm. Dazu trugen aufseiten der Siedler auch viel gelesene Berichte über Gräueltaten der Indigenen bei. Mary Rowlandson, 1637 im englischen Somerset geboren und um die Jahrhundertmitte nach Massachusetts ausgewandert, wurde 1676 im Zuge der Kampfhandlungen von Indigenen entführt und verfasste darüber nach ihrer Freilassung eine ausführliche »True History« – ein literarisch natürlich massiv überformtes, aber auch sehr eindringliches Zeitdokument, das mit seinen vier Auflagen (eine erschienen in London, drei in Boston/Massachusetts) bereits im Erscheinungsjahr 1682 im Übrigen wohl der erste genuin nordamerikanische Bestseller wurde. Den Überfall auf Lancaster am 10. Februar 1676 schildert sie so: »Mehrere Häuser brannten, und der Rauch stieg zum Himmel auf. In einem Haus wurden fünf Personen gefangen genommen. Der Vater, die Mutter und ein Säugling wurden erschlagen, die beiden anderen wurden lebendig weggeführt. … Ein weiterer [Mann] wurde beim Weglaufen angeschossen und verwundet und fiel zu Boden; er flehte sie um sein Leben an und versprach ihnen Geld …, aber sie hörten nicht auf ihn, sondern schlugen ihm den Schädel ein, zogen ihn nackt aus und schlitzten ihm den Bauch auf. … So brannten und zerstörten diese mörderischen Schurken alles, was sich ihnen in den Weg stellte.«55 Den indigenen Siedlungen und Camps erging es keinen Deut besser – nur schrieb Rowlandson darüber nichts.
Was nicht nur sie, sondern auch die spätere Geschichtsschreibung in der Regel systematisch aussparte, waren die Perspektiven und Handlungen der Indigenen, zumal der indigenen Frauen, die diesen Krieg leiteten und prägten. Weetamoo, Häuptling der Pocasset, war nicht bloße Kampfgefährtin des legendären Metacomet (»King Philip«), sondern eigenständige Kommandeurin, die ihre eigenen Truppen befehligte und strategische Entscheidungen traf. Während die englische Siedlerin Rowlandson ihre Ängste und Traumata artikulierte – und damit die europäische Leserschaft erreichte –, orchestrierte Weetamoo Taktiken, die eben jene Siedler bedrängten, denen Rowlandson Sympathien entgegenbrachte. Nach ihrer Flucht über den Fluss führte Weetamoo ihre Flüchtlingskolonne von Frauen und Kindern durch die Sümpfe und formte später Allianzen mit den Nipmuc – militärisch und politisch effektive Strategien eines Gemeinwesens unter existenzieller Bedrohung. Die englischen Chronisten ehrten sie nur mit ihrer Dekapitation: Nach ihrem Tod durch Ertrinken wurde ihr Kopf als Trophäe auf der Befestigung in Taunton aufgepfählt – eine koloniale Praktik der Entwürdigung, die tiefer als jede bloße Kriegshandlung zeigte, was die englischen Siedler zu erreichen suchten: die physische Vernichtung der Möglichkeit indigener Autorität.56
Am Ende des King Philip’s War stand die fast vollständige Zerschlagung indigener Selbstständigkeit in der Region. Die Historikerin Jill Lepore hat den King Philip’s War als einen Wendepunkt gedeutet, an dem sich nicht nur die Machtverhältnisse, sondern auch das Selbstverständnis der englischen Kolonisten wandelte. Sie beschreibt den Konflikt als »Wettstreit der Wunden und ihrer Deutung« – ein Krieg, der ebenso mit Worten wie mit Waffen geführt wurde. Indem die Siedler das Erlebte aufschrieben, veröffentlichten und erinnerten, formten sie eine gemeinsame Erzählung, die ihre kulturelle Identität festigte und sie scharf von den »Wilden« abgrenzte. So entstand, argumentiert Lepore, im Ringen um Gewalt und Bedeutung ein frühes Bewusstsein dessen, was es hieß, »amerikanisch« zu sein – definiert zugleich durch Überlegenheit und Verletzung, durch Zivilisierung und Verrohung.57
Die Beziehungen der Siedler zum Mutterland blieben konfliktreich. Die Puritaner verteidigten ihre Charter mit Nachdruck, doch die Krone drängte auf engere Kontrolle. In den 1680er-Jahren wurde das Dominion of New England errichtet, ein Versuch, die verschiedenen Kolonien unter einen königlichen Gouverneur zu stellen und ihre Selbstverwaltung einzuschränken.58 Der Widerstand war massiv, und mit der Glorreichen Revolution in England zerbrach das Konstrukt wieder. 1691 erhielt Massachusetts ein neues Charter, das zwar einige Freiheiten beschnitt, aber die grundlegenden Selbstverwaltungsrechte bestätigte.
Neuengland am Ende des 17. Jahrhunderts war somit eine Gesellschaft der Spannung: zwischen religiösem Anspruch und weltlicher Realität, zwischen Selbstverwaltung und königlicher Kontrolle, zwischen friedlicher Nachbarschaft und Vernichtungskrieg. Es war eine Kultur, die Bildung, Schriftlichkeit und Gemeindeordnung hochschätzte, und doch blieb sie von inneren Konflikten, wie den Hexenprozessen von Salem 1692, nicht verschont.59 Dennoch hatte Neuengland sich als eigenständiger, vitaler Teil der englischen Welt etabliert – getragen von seiner besonderen Mischung aus religiösem Ernst, wirtschaftlicher Dynamik und politischer Selbstbehauptung.
Zwischen den puritanischen Gemeinden Neuenglands und den Plantagen Virginias entwickelte sich ein drittes Modell: die niederländische Kolonie Nieuw Nederland.60 Sie entstand aus dem Handelsinteresse der Niederländischen Westindien-Kompanie, die sich im frühen 17. Jahrhundert die Flüsse Hudson und Delaware als Zugang zum Pelzhandel mit den Indigenen sicherte. Nieuw Amsterdam, das spätere New York, war weniger eine bäuerliche Siedlung als eine Hafen- und Handelsstadt, ein Umschlagplatz für Waren und Kulturen.
Von Beginn an war Nieuw Nederland von Vielfalt geprägt. Niederländer, Flamen, Skandinavier, Deutsche und später auch Engländer siedelten dort; zudem lebten dort Juden, Hugenotten und auch früh schon freie Schwarze.61 Diese Vielfalt war nicht Ausdruck von Toleranz im modernen Sinn, sondern Resultat ökonomischer Logik: Wer Handel treiben wollte, musste Vielfalt akzeptieren. Die rechtliche Ordnung der Kolonie war hybrid – teils nach niederländischem Recht, teils nach Kompanieinteressen gestaltet.
Die Struktur der Kolonie blieb jedoch schwach. Die großen Landzuweisungen an sogenannte Patroons führten nicht zu stabiler Besiedlung, und die Westindische Kompanie konnte nur begrenzt Sicherheit garantieren. Kriege gegen die Indigenen in den 1640er-Jahren erschütterten die Kolonie, interne Konflikte zwischen Gouverneuren und Siedlern taten ihr Übriges.
1664 griff England militärisch zu und übernahm Nieuw Nederland fast ohne Blutvergießen.62 Aus Nieuw Amsterdam wurde New York, und die Region wurde Teil des englischen Imperiums – allerdings mit ökonomischen Privilegien, etwa Ausnahmen von den Navigation Acts, die schon unter den Kapitulationsbedingungen (den Artykelen van ’t overgaen van Nieuw-Nederlandt) festgehalten wurden.63 Auch die niederländischen Einflüsse und Traditionen verschwanden nicht sofort. Die Vielfalt der Religionen, Sprachen und sozialen Formen blieb bestehen und bestimmte die mittleren Kolonien auch im 18. Jahrhundert.
New York entwickelte sich zu einem Knotenpunkt atlantischer Netzwerke. Sklavenhandel, Pelzhandel, Getreideexporte – all das verband sich hier. Gleichzeitig entstanden neue Konflikte.64 1689 erhoben sich Kaufleute und Milizionäre in der sogenannten Leisler-Rebellion gegen die lokale Elite und gegen königliche Eingriffe.65 Der Aufstand wurde niedergeschlagen, aber er zeigte, wie fragil die Balance zwischen Stadt und Land, zwischen Krone und Kolonisten war.
Die mittleren Kolonien – New York, New Jersey, später Pennsylvania – entwickelten so politisch, ökonomisch und kulturell eine ganz besondere Form: weniger religiös geschlossen als Neuengland, weniger auf Plantagen und Monokultur fixiert als Virginia. Hier entstand ein Raum, der für die Vielfalt und Widersprüchlichkeit der englischen Kolonialgesellschaft exemplarisch stand: eine Region der Märkte, der ethnischen Pluralität und der politischen Experimente.
Die Rückkehr der Stuarts auf den englischen Thron 1660 markierte auch für die Kolonien eine neue Phase.66 Mit der Restauration versuchte die Krone, Ordnung in ihr atlantisches Reich zu bringen. Die Navigation Acts von 1660, 1663 und 1673 banden die Kolonien enger an den englischen Handel: Tabak und andere enumerated goods durften nur über englische Häfen ausgeführt werden, Importe mussten über England laufen. Ziel war es, die Profite im Empire zu halten und den niederländischen Einfluss zurückzudrängen.67
Für die Kolonisten hatte dies ambivalente Folgen. Einerseits erhielten sie Schutz durch die englische Flotte und gesicherte Absatzmärkte. Andererseits bedeutete es höhere Kosten, Abhängigkeit von englischen Zwischenhändlern und stärkere Einmischung in ihre Angelegenheiten. Schmuggel, Umgehung der Vorschriften und ständige Konflikte mit Zollbeamten wurden zum Bestandteil des kolonialen Alltags.
Nach der Konsolidierung der englischen Monarchie in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts stand die Frage im Zentrum, wie die weit auseinanderliegenden Kolonien in Nordamerika und der Karibik dauerhaft in die Ordnung des Empire eingebunden werden konnten. Dabei erwies sich die politische und rechtliche Vielfalt der Siedlungen als Stärke wie auch als Problem. Während London auf Kontrolle und wirtschaftliche Integration drängte, hatten viele Kolonien Formen der Selbstverwaltung entwickelt, die tief in die politischen Kulturen vor Ort eingewurzelt waren.
Die sogenannten Chartered Colonies gingen aus königlichen Privilegien hervor, die privaten Gesellschaften oder Körperschaften weitgehende Rechte übertrugen. Massachusetts Bay (1629) und Connecticut (1662) sind prominente Beispiele.68 Das Charter verlieh den Siedlern die Möglichkeit, Generalversammlungen einzurichten und Gouverneure selbst zu bestimmen. In der Praxis bedeutete dies eine starke Autonomie gegenüber der Krone. Der Souverän behielt sich zwar formell die Oberhoheit vor, doch war der Handlungsspielraum Londons begrenzt. Massachusetts etwa entwickelte ein stark puritanisches Gemeinwesen, das eigene Münzen prägte und Gesetze erließ, die in scharfem Kontrast zum englischen Recht standen. Es verlor 1684 kurzzeitig sein Charter, erhielt aber nach der Glorious Revolution im englischen Mutterland 1691 ein neues – mit deutlichen Einschränkungen.69 Damit war ein Muster gesetzt: Die Kolonien behielten Selbstverwaltung, doch im Rahmen königlicher Oberaufsicht.
Daneben existierten die Eigentümer- oder Proprietary Colonies. Hier übertrug der König einem oder mehreren Eigentümern das Recht, Land zu verwalten, Steuern zu erheben und Institutionen einzurichten. Die Geschichte von Maryland (seit 1632 unter der Familie Calvert) oder Pennsylvania (seit 1681 unter William Penn) zeigt, wie solche Kolonien als halb private Herrschaftsgebilde entstanden. Die Eigentümer erhielten fast feudale Befugnisse, mussten aber theoretisch die Interessen des Königs wahren. Praktisch herrschte auch hier beträchtliche Eigenständigkeit. So nutzte William Penn seine Vollmachten, um eine Kolonie auf der Basis religiöser Toleranz und Quäker-Prinzipien zu etablieren.
