Nach dir nur Erinnerung - Jay Lahinch - E-Book
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Nach dir nur Erinnerung E-Book

Jay Lahinch

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Beschreibung

Liebe oder Leben – wie würdest du dich entscheiden? Luna und Lennon sind seit ihrer Kindheit unzertrennlich. Doch als ihr bester Freund viel zu jung bei einem Unfall stirbt, ist für sie nichts mehr von Bedeutung. Nach diesem traumatischen Erlebnis hört sie auf zu sprechen und verzweifelt beinahe an diesem schweren Verlust. Doch auf magische Weise ist es ihr möglich, Lennon noch einmal zu sehen. Während sie allmählich erkennt, dass sie ihn in Wahrheit geliebt hat, verliert sie immer mehr den Bezug zur Realität. Und dann ist da Kris, der ihr zeigt, dass sie in ihrer Hilflosigkeit nicht allein ist und das Leben trotz Schmerz und Trauer lebenswert ist. Eine schwerwiegende Entscheidung steht ihr bevor, denn sie kann auf Dauer nur auf einer der beiden Seiten bleiben. Wird sie Lennon jemals loslassen und die Stille damit durchbrechen können? Ein gefühlvoller Roman über Verlust und die große Lücke, die geliebte Menschen in unseren Herzen hinterlassen – für Fans von John Green und Cecilia Ahern

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Veröffentlichungsjahr: 2026

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Über dieses Buch:

 

eBook-Lizenzausgabe Januar 2026

Copyright © der Originalausgabe 2023 Bookapi Verlag, Kappenzipfel 4, 89312 Günzburg

Copyright © der Lizenzausgabe 2025 dotbooks GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Marie Grasshoff

eBook-Herstellung: dotbooks GmbH unter Verwendung von IGP (cdr)

 

ISBN 978-3-69076-182-6

 

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dotbooks ist ein Verlagslabel der dotbooks GmbH, einem Unternehmen der Egmont-Gruppe. Egmont ist Dänemarks größter Medienkonzern und gehört der Egmont-Stiftung, die jährlich Kinder aus schwierigen Verhältnissen mit fast 13,4 Millionen Euro unterstützt: www.egmont.com/support-children-and-young-people . Danke, dass Sie mit dem Kauf dieses eBooks dazu beitragen!

 

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Liebe Leserin, lieber Leser, wir freuen uns, dass Sie sich für dieses eBook entschieden haben. Bitte beachten Sie, dass Sie damit gemäß § 31 des Urheberrechtsgesetzes ausschließlich ein Leserecht erworben haben: Sie dürfen dieses eBook – anders als ein gedrucktes Buch – nicht verleihen, verkaufen, in anderer Form weitergeben oder Dritten zugänglich machen. Die unerlaubte Verbreitung von eBooks ist – wie der illegale Download von Musikdateien und Videos – untersagt und kein Freundschaftsdienst oder Bagatelldelikt, sondern Diebstahl geistigen Eigentums, mit dem Sie sich strafbar machen und der Autorin oder dem Autor finanziellen Schaden zufügen. Bei Fragen können Sie sich jederzeit direkt an uns wenden: [email protected] . Mit herzlichem Gruß: das Team des dotbooks-Verlags

 

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Bei diesem Roman handelt es sich um ein rein fiktives Werk, das vor dem Hintergrund einer bestimmten Zeit spielt oder geschrieben wurde – und als solches Dokument seiner Zeit von uns ohne nachträgliche Eingriffe neu veröffentlicht wird. In diesem eBook begegnen Sie daher möglicherweise Begrifflichkeiten, Weltanschauungen und Verhaltensweisen, die wir heute als unzeitgemäß oder diskriminierend verstehen. Diese Fiktion spiegelt nicht automatisch die Überzeugungen des Verlags wider oder die heutige Überzeugung der Autorinnen und Autoren, da sich diese seit der Erstveröffentlichung verändert haben können. Es ist außerdem möglich, dass dieses eBook Themenschilderungen enthält, die als belastend oder triggernd empfunden werden können. Bei genaueren Fragen zum Inhalt wenden Sie sich bitte an [email protected] .

 

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Jay Lahinch

Nach dir nur Erinnerung

Roman

 

Für Dich

Und vor allem für einen letzten Blick in deine Augen. Für ein letztes Mal das Blau darin zu studieren, sich alles daran – alles an dir – für die restliche Ewigkeit einzuprägen. Für noch einmal in deiner Nähe zu sein – fühlen, dass du da bist. Für eine letzte Umarmung und dafür, dass ich mich geirrt habe.

Dafür, dass dein Verlust kaum in Worte zu fassen ist, sind es dennoch so unzählig viele geworden. Und ich kann nur hoffen, dass sie irgendwo dort einen Platz finden, wo du jetzt bist. Diese Geschichte ist für dich und all diejenigen, die immer diese eine Tür suchen werden.

Prolog

 

Und der Letzte macht das Licht aus.

Es ist dunkel um mich herum, als ich endlich bemerke, dass ich die Letzte gewesen bin. Und dass trotzdem irgendwer vor mir das Licht ausgeknipst hat. Mein Licht.

In der Luft liegt ein leises Summen, das über mich hinwegzufliegen scheint. Der Gedanke, wenn man es so nennen kann, erinnert mich an eine vergangene Zeit, in der sich die Vögel in den Himmel erhoben und ihre Schwingen ausgebreitet haben. Es ist eine Reihe von blass verschwommenen Bildern, die gemeinsam mit dem Surren zu mir herüberschwappen. Nach und nach fügen sich Puzzleteile zusammen, die erst mühsam erstellt werden müssen. Ich fühle mich schwer, als könnte ich mich nie mehr bewegen. Als wäre bereits alles zu Ende. Die letzten Lebenszeichen vibrieren vor Angst in mir. Erschrocken versuche ich, die Augen zu öffnen, doch das Murmeln um mich herum wird nur unangenehm laut, dröhnt in meinen Ohren und die Anstrengung siegt letztendlich erfolgreich über mich.

Luna, sage ich mir still in meinem Inneren. Bist du … bist du tot? Die Panik erfüllt mich plötzlich von Kopf bis Fuß, als ich begreife, dass ich nur noch mit mir selbst sprechen kann. Schwarze Leere, ein Summen und meine eigenen Gedanken im Ohr. Sonst ist da nichts mehr. Einsamkeit hüllt mich ein wie ein dichter Nebelschleier. Wenn dort noch irgendwo graue Zellen in meinem Kopf sind, dann benötige ich sie so dringend wie noch nie. Und zwar jetzt sofort. Ich kann mich nicht an einen Tod erinnern. Nicht an einen schrecklichen Mord oder an einen tragischen Unfall. In mir ist alles so kahl, als hätte man einen Wald gerodet oder einen Stapel wichtiger Akten verbrannt. Doch die Dunkelheit kann mir nichts erklären, mir keine Fragen beantworten. Stille. Meine Gedanken kreisen und dabei bekomme ich keinen zu fassen.

Luna, du kannst jetzt nicht sterben, flüstert es in mir.

Dafür hast du nun gerade wirklich keine Zeit.

Ich nicke bildlich gesprochen vor mich hin, als würde ich mich von einer sehr weisen Person belehren

lassen. Aber hier bin nur ich selbst. Na los, wach auf!, versuche ich mich selbst zu ermahnen. Erneut will ich meine Augen öffnen oder einen Arm heben, doch nichts dergleichen geschieht. Es ist zu schwer und vielleicht schon zu spät. Ich … Ich kann nicht … Meine Gedanken klingen hilflos und verzweifelt.

Hör auf damit! Ein energischer Ton zuckt durch mich hindurch. Du musst da hinaus – ins Leben. Du kannst jetzt nicht sterben, verstanden? Nicht jetzt und nicht hier.Nicht heute.Wer soll denneinesTagesdeine

Geschichte zu Papier bringen, wenn du dich jetzt einfach im Dunkeln verkriechst?Wer soll in ein paar Jahren noch über dich reden,wenn du so leicht aufgibst?

Wäre ich am Leben gewesen, hätte ich wie ein

kleines, hilfloses Mädchen geweint. Doch mein Verstand würde mich nicht in den Arm nehmen und trösten. Wie ein wütender Lehrer zeigt er mit dem Finger auf mich und macht mich nieder, denn er kennt meine Schwächen. Was soll Lennon denn von dir denken?

Ja, verdammt, er kennt sie wirklich. Ich halte die Zeit mit meinen bloßen Händen an und starre ins Nichts. Len. Irgendwo da draußen ist jemand, der an meinem Grab trauern wird, weil er weiß, dass ich eigentlich kein schlechter Mensch gewesen bin. Irgendwo da draußen wartet Lennon.

Als ich meine Augen aufschlage, sind sie mit Tränen gefüllt, und ich begreife, dass Menschen es nur schaffen, zurückzukommen, wenn es etwas im Leben gibt, für dass es sich zu leben lohnt.

Kämpfen, Luna!, sage ich mir in Gedanken und schnappe nach Luft. Denn ich habe wirklich keine Zeit zu sterben.

Wie ein geheimes Versprechen schleicht sich dieses Vorhaben in meinen Kopf und es scheint, als würde jemand das Licht anknipsen und mich zurückholen wollen. Lebe, damit du deinem Verstand eines späten Abends sagen kannst, dass du alles getan hast, was du tun musstest. Und Lennon wird da sein. Er wird immer da sein. Denn er war es vom ersten Moment an.

Kapitel 1

Heute, Jetzt & Hier

 

Wo soll ich denn Trost suchen, in dieser endlos weiten Welt? Und wo soll ich dich finden, wenn du einfach nicht mehr da bist? Sie versuchen, mich mit warmen Worten zu trösten, und sagen, du seist nicht gegangen, sondern nur in einen anderen Raum getreten. Aber ich suche und suche, doch finde keine Tür. Wo soll ich diesen Raum finden, wenn nicht bei dir?

Ich hebe den Blick und sehe mich in diesem alt‐vertrauten Zimmer um, das sich mittlerweile fremd und vollkommen leer anfühlt. Als wäre es mit blassgrauer Farbe überschüttet worden. Als wäre die gesamte Welt damit überschüttet worden. Stattdessen ist die Welt da draußen wie zuvor auch. Voller Menschen, voller Gespräche und auch voller Lachen. Erfüllt von Freude und Feierlichkeiten. Nur ich scheine nicht mehr Teil dieses Universums zu sein, seit du gegangen bist – in diesen mysteriösen Raum nebenan, der gleichzeitig so unfassbar weit entfernt ist. Mein Universum besteht nur noch aus den ruhelosen Gedanken, die mich um den Verstand bringen und nachts vom Schlaf fernhalten.

Und während ich die Außenwelt meide, ist es in mir dennoch nicht still. Im Gegenteil. Meine innere Verzweiflung erscheint mir lauter denn je.

»Luna? Ich habe nach dir gerufen, hast du mich denn nicht gehört? Samika ist da, sie möchte dich besuchen.« Vorsichtig streckt meine Mutter den Kopf durch die geöffnete Tür und wartet lange, zähe Augenblicke, ob ich reagieren würde. Sie erwartet immer noch meine Worte, denn seit dem Unfall bin ich nicht mehr in der Lage zu sprechen. Ich nicke ihr als Antwort einfach zu.

Meine beste Freundin betritt kurz darauf das Zimmer. Sie lächelt ein unechtes, erzwungenes Lächeln. »Hey … Danke, dass ich reinkommen darf. Ist es okay, wenn ich mich zu dir setze?«, fragt sie. Sie deutet auf den Platz neben meinem Bett, in dem ich liege und an die Decke starre. Dahin, wo eigentlich der Himmel sein müsste – der Ort, an dem du jetzt bist.

Weil ich nicht widerspreche oder den Kopf schüttle, gesellt sie sich zu mir. Schweigend sieht sie sich in meinem Zimmer um, findet keine Stelle, worauf ihr Blick ruhen könnte, so nervös scheint sie innerlich zu sein. Aber was soll sie auch tun, was soll sie sagen, bei jemandem, der schweigt? Wir waren so vertraut miteinander, so nah. Außerdem ist Samika eine ganz andere Persönlichkeit, als ich es in letzter Zeit bin: Energiegeladen und mutig, sodass unsere Freundschaft aus vielen einzigartigen Erlebnissen besteht. Auch ich war einmal laut, bevor ich leise wurde.

Damals, als du noch hier warst und mein Leben aus all den einzigartigen Momenten mit dir bestand. Heute bist du nicht mehr da und hinterlässt eine Leere, von der die Leute sagen, sie existiere nur bei einem Liebespaar, das seit Jahrzehnten vereint war. Doch das waren wir nie. Wir waren kein Paar und trotzdem seit zwanzig Jahren Seite an Seite. Und deshalb vermisse ich dich in aller Unendlichkeit – an jedem verdammten Tag.

»Luna, es … tut mir so furchtbar leid und es gibt

nichts, was ich sagen könnte, um es annähernd zu mildern oder gar erträglich zu machen.« Samika sieht mich an, aber ich weiche ihren grünen Augen aus.

Hunderte, vielleicht auch Tausende typische Phrasen fallen mir plötzlich ein, die Menschen verwenden, um zu beschreiben, wie sich Herzschmerz anfühlt. Dass es zerbricht, zerreißt oder auch in Flammen aufgeht, weil der Schmerz so unerträglich in der Brust brennt. Ich höre sie all diese Sachen sagen und dennoch verstehen sie es nicht. Sie verstehen nicht, wie es ist, dich zu verlieren, Lennon.

Samika berührt meine Hand ganz sacht und vorsichtig, als könnte ich unter ihrer Berührung zu Staub zerfallen. Und für einen Moment wünschte ich, es wäre möglich. Als winzige Staubpartikel durch das gesamte Universum zu schweben und so lange umherzuirren, bis ich dich in all dieser Unendlichkeit finden würde. Stattdessen steigen Tränen in meine Augen und es schmerzt so sehr, dass ich nicht einmal mehr das Weinen ertragen kann. Mein ersticktes Schluchzen veranlasst Samika sogar dazu, mich in ihre Arme zu ziehen. Trost, denke ich. Von irgendwoher müsste nun das beruhigende Gefühl von Geborgenheit zu mir herüber gleiten, das mich in einen warmen Nebel oder Zuckerwatte hüllt. Aber da ist nur der Verlust, der wie ein schwarzes Loch an der Stelle prangt, an der eigentlich mein Herz sein müsste.

Nachdem Samika mein Zimmer wieder verlassen hat, höre ich sie durch die geschlossene Tür mit meiner Mutter im Flur sprechen. Dass sie sich wirklich Sorgen machen, aber alles gut werde. Dass irgendwann immer alles gut werde. Eine Pause der Verzweiflung. Nur dieses Mal vielleicht nicht mehr. Dass sie einfach nicht mehr weiterwissen.

Ich schließe die Augen, als müsste ich sie dadurch nicht mehr hören. Aber dein Verlust ist überall, als würde ich ihn mit jedem Atemzug einatmen und in mir aufnehmen. Als wollte die Welt mich dazu zwingen, dass ich es endlich wahrhabe. Doch du fehlst, Lennon, und ich glaube, nie wieder an etwas anderes denken zu können. Unsere Geschichte besteht aus so vielen Erinnerungen, an die ich mich klammere, als könnten sie mit dir in den Himmel steigen und für immer verloren gehen. Dabei habe ich gleichzeitig Angst, dass mir das nicht gelingen wird – alle einzelnen Momente als Erinnerungen zu wahren. Es sind so viele und jeder davon ist wertvoller als die Bodenschätze dieser Welt. Für mich, Len. Für mich sind sie das. Aber nur für mich ist dieser Verlust auch so untragbar schwer. So sehr, dass ich glaube, irgendwie mit dir gestorben zu sein. Als wäre ich gar nicht mehr hier oder Teil dieser Realität.

Langsam setze ich mich auf und sehe mich um.

Betrachte die Fotos, die über meinem Bett an einer Lichterkette hängen. Sehe die Farbkleckse auf dem schönen Holzboden, als wir meine Wände gestrichen haben, ohne den Boden abzudecken. Überall hast du Spuren hinterlassen, um nicht in Vergessenheit zu geraten. Aber nirgendwo sind so viele wie in meinem Herzen.

Die Zeit zieht vorüber wie Autos, die ineinander verschwimmen, wenn man auf eine Autobahn starrt. Noch immer bin ich hier, in meinem Zimmer, auf dieser Welt. Wo ich glaubte, mich selbst mit dir verloren zu haben, erkenne ich, dass es nicht wahr ist. Dass es die höchste Strafe ist, zurückgeblieben zu sein. Stattdessen müsste ich es als Geschenk sehen, dem Universum für seine Güte danken, dass es mich am Leben gelassen hat. Dankbarkeit, Glück und Lebensfreude – diese Emotionen sollten mich nun ausmachen und nicht die gegenteiligen.

Lennon, ich bin nicht dankbar dafür, dass ich dich verloren habe, dass zwanzig gemeinsame Jahre jetzt beendet sind, nur weil irgendein Schicksal das beschlossen hat, ohne uns überhaupt zu fragen. Ich ertrage es nicht, hier zu sein, hier zu sitzen, zu stehen oder einfach nur zu existieren, während du dein Leben gelassen hast. Plötzlich und zum ersten Mal überkommt mich

der Drang zu rennen. So lange, bis ich ein Ziel erreicht oder meine Vergangenheit mich wieder eingeholt hätte, wie es so schön heißt. Denn meine Vergangenheit würde bedeuten, dass du wieder bei mir wärst. Du warst immer da, solange ich zurückdenken

kann. Es gab nie etwas anderes als uns.

 

Ich stehe auf und gehe zur Zimmertür. Zaghaft spüre ich in den Moment hinein, als meine Hand die Klinke berührt und mir etwas eröffnet, das wie eine ferne Galaxie scheint, die sich außerhalb meines Zimmers befindet. Seit ich aus dem Krankenhaus entlassen wurde, habe ich meine Zeit, mein Leben im oberen Stockwerk unseres kleinen Hauses verbracht. Neben meinem Schlafzimmer liegen noch ein Bad und eine kleine Dachluke, durch die wir auf die Sterne geblickt haben. Seitdem ich hier bin, habe ich die Luke gemieden, als wäre sie schuld an allem, was passiert ist. Ich habe nicht ein einziges Mal nachgesehen, ob die Sterne, die wir damals über Stunden betrachtet haben, überhaupt noch da sind.

Mit nackten Füßen, einer Jogginghose und einem übergroßen grauen T-Shirt, das irgendwann einmal Len gehört hat, tapse ich die Treppe nach unten. Schritt für Schritt kostet es mich Überwindung, in die Realität außerhalb des Dachbodens zurückzukehren, denn eigentlich will ich dort nie wieder hin. Was ist die Welt denn noch ohne dich?

Meine Mutter ist gerade in der Küche und trocknet Geschirr ab. Deutlich höre ich das Klirren von Glas, das sie abstellt und in die Schränke räumt. Für einen Augenblick möchte ich etwas sagen, ihr zurufen. Möchte ihr erklären, dass ich für eine Weile nach draußen gehe, weil ich rennen muss, um diesem Schmerz zu entfliehen. Ich will ihr tatsächlich etwas sagen, nur einen einzigen Ton. Doch wahrscheinlich hast du all meine Worte mit dir genommen.

Ohne Abschied ziehe ich die Tür hinter mir zu und stehe mitten im Mai barfuß vor unserem Haus. Ich blicke mit müden Augen und vermutlich zerzausten Haaren dem Wohngebiet am Park entgegen und atme ein. Atme aus. Spüre, wie meine Füße auf dem Gras stehen. Dann beginne ich zu rennen, bevor meine Mutter zur Tür eilen und mich zurückholen kann.

Die Luft ist kühl, doch es ist angenehm frühlingshaft. Das Grün am Boden, an den Bäumen und an beiden Seiten, die an mir vorbeifliegen. Ich hätte nicht gedacht, dass ich es noch kann, aber es ist wie Fahrrad fahren, man verlernt es womöglich nie. Denn ich laufe diesen Weg entlang, setze einen Fuß vor den anderen, als hätte ich nicht Wochen im Bett verbracht. Hinter mir liegt mein Zuhause – Teil eines Wohngebiets mit kreischenden Kindern und manchmal auch Hundegebell. Vor mir befindet sich diese Parkanlage mit einem Teich und schönen Blüten, um die Welt in ihrem Glauben zu lassen, alles sei ganz wunderbar. Meine Lunge ist überfordert von meiner plötzlichen körperlichen Aktivität, die ich in den letzten Wochen gemieden habe. Sportler sagen, dass man bereits nach drei Wochen seine Kondition verliere, und ich frage mich, wie viel Kondition ich eingebüßt habe, wo ich doch nie eine hatte. Dennoch ist es schön, endlich etwas anderes zu denken, als an die Leere und das schwarze Loch in meinem Inneren.

Meine Gedanken schweifen an den Bäumen entlang wie der frische Wind, der mich antreibt, weiter und schneller zu laufen. Und ich renne, als hätte ich ein Ziel. Vielleicht ist auch der Weg das Ziel, so wie die Menschen es immer behaupten. Aber es ist, als hätte ich eine Aufgabe, einen Sinn für meine bloße Existenz, die mich von innen heraus zerfrisst. Frauen schieben ihre Kinderwagen vor sich her, drehen ihre Runden im Park und sehen mich mit irritierten Blicken an. Ob ich verrückt wirke, wie ich da an ihnen vorbeirenne?

Barfuß, in Jogginghose und … Ich kann mir in etwa vorstellen, wie ich aussehe. Meine matten dunkelblonden Haare, die mir bis an die unteren Rippen reichen. Mein blasses, ungeschminktes Gesicht, das seit Wochen nicht in die Sonne geblickt hat, müde und mit dunklen Schatten unter den Augen. Vielleicht sind da noch immer dieser blaugrüne Bluterguss und die Überreste der Naht an meinem Jochbein. Meine äußere Erscheinung entspricht nicht der, in der ich normalerweise das Haus verlasse. Es ist merkwürdig, wenn die Leute dich zum ersten Mal so sehen, wie du wirklich bist. Ganz ohne Maske, ohne diesen Schutz der Oberflächlichkeit. Aber es ist mir egal, denn ich laufe über den Grasstreifen im Park, umrunde den trüben Tümpel, in dem ein paar Enten um etwas Brot streiten. Ich habe nicht darüber nachgedacht, wohin ich möchte, aber ich bin fast dankbar für die bloße Vorstellung, dass es irgendwo anders besser sein könnte. Doch das wird es nicht, selbst wenn ich bis ans andere Ende der Welt laufen würde. Es wird nie mehr werden, wie es einst gewesen ist.

Ich erkenne allmählich die Fragen in ihren Blicken. Ganz besonders diese eine Frage, ob ich tatsächlich verrückt geworden bin. Niemand Fremdes spricht mich an, aber ihre Blicke sagen alles. Ich habe den Verstand verloren und mittlerweile brennt meine Lunge stärker als mein Herz. Ich verlangsame mein Tempo und betrachte ein älteres Ehepaar auf einer Bank, das den Enten Brot zuwirft. Es ist nicht aufzuhalten, dieses Gefühl in meinem Inneren, das gemeinsam mit den Tränen aufsteigt.

 

Wir werden niemals alt auf einer Parkbank sitzen und über die gemeinsamen Geschichten reden, dabei habe ich mir das immer so vorgestellt. Ich dachte, uns gehöre die Ewigkeit. Wir sind zufälligerweise am selben Tag geboren, seit dem ersten Tag gemeinsam auf dieser Erde. Es war naiv zu glauben, dass wir auch gemeinsam gehen würden, ich weiß. Aber, Lennon, du warst immer da, seit ich denken kann und bereits davor. Wir haben unsere Kindheit geteilt, aber nicht die Zukunft. Und es ist und bleibt unvorstellbar, dass du einfach nicht mehr da bist. Eine Unbegreiflichkeit, die ich abblocke, wann immer jemand versucht, mich daran zu erinnern. Nur dass mich niemand daran erinnern muss. Dein Verlust ist allgegenwärtig.

Mit erschöpften Schritten kehre ich zum Haus

zurück, stumme Tränen sickern über mein Gesicht, verschwinden im T-Shirt oder auf dem Asphalt der Straße. Von Weitem nehme ich eine Gestalt wahr. Jemand rennt, ruft und winkt mit den Armen. Es ist meine Mutter in all ihrer Fassungslosigkeit, wie ich einfach das Haus verlassen konnte. Wo ich mich doch seit Wochen kaum bewege, nicht spreche und schon gar nicht nach draußen gehe. Sie umarmt mich mit einer solch unerwarteten Wucht wie der Aufprall des Autos, der uns getrennt hat.

»Wo wolltest du denn hin?«, fragt meine Mutter aufgelöst. »Du hast doch nicht einmal Schuhe an!«

 

Genau, denke ich. Meine Welt ist dem Untergang geweiht, ich habe meinen Halt verloren und kann die Enge meiner Gedanken nicht mehr ertragen. Aber das Schlimmste in den Augen der anderen ist, dass ich dabei gar keine Schuhe trage.

 

***

 

Zurück im Haus brüht meine Mutter einen Tee auf, setzt sich zu mir an den Tisch und betrachtet mich ratlos. Sie schiebt mir die dampfende Tasse fast schon aufdringlich näher hin, als würde ich dadurch endlich zu sprechen beginnen. Aber ich kann nicht. Keines dieser Worte, die ich denke, kann nach außen gelangen. Als würde sich mein Herz an alles klammern, das ich besitze. An jedes Wort, an jeden Gedanken. Nichts sollte mehr fortgehen. Ich kann nicht sprechen, bin ein gefallener Vogel in einem Käfig aus Seide. Es wäre so leicht, sie zu durchbrechen, einfach die Worte zu sagen, die in meinen Gedanken kreisen. Man hat mir die Flügel, die Beine und das Herz gebrochen, sodass ich in meiner inneren Bewegungslosigkeit stärker gefangen bin als im schwächsten Käfig dieser Welt.

»Der Tee wird dir guttun. Wir sollten nämlich ein paar Dinge besprechen.«

 

Das klingt überhaupt nicht gut und gar nicht nach den Themen, die ich hören möchte. Wenn ich denn überhaupt etwas hören will. Zaghaft lege ich beide Hände um die warme Tasse. Allein diese Beteiligung am Leben scheint meiner Mutter fürs Erste zu reichen und sie atmet tief ein. Währenddessen betrachte ich ihr Gesicht und die Sommersprossen darauf, die ich wohl von ihr geerbt habe. Ihre Haare sind jedoch deutlich dunkler als die meinen und gerade lang genug, damit sie sich die Strähnen hinter das Ohr streichen kann.

»Grandma wurde in ein Pflegeheim verlegt, während du … im Krankenhaus warst. Es geht ihr gut und sie wird sich schon bald daran gewöhnen. Aber sie ist nicht mehr in der Lage, sich um sich selbst zu kümmern.« Sie lässt mir einen Moment, falls ich ein paar Worte hinzufügen möchte.

Wie vertraut mir diese Situation erscheint, dabei empfinde ich meine Grandma in der sehr viel glücklicheren Lage. Seit Jahren kämpft sie bereits mit der Demenz, die immer deutlicher hervortritt. Was ich einst für einen Fluch hielt, halte ich heute für den Hauch eines Geschenks.

»Ich brauche deine Hilfe, denn wir müssen ihr Haus innerhalb weniger Tage räumen. Eine Aufgabe wird dir helfen, sagt Mr. Cerson.« Sie sieht mich ermutigend an.

 

Aber ich spreche nicht mit dem Therapeuten, den meine Mutter nach dem Unfall aufgesucht hat, was ihre größte Hoffnung zerstört hat. Ich kann mit niemandem mehr sprechen, denn egal, was ich sage, keiner würde es verstehen, keiner die tatsächliche Bedeutung erkennen. Niemand kann das fühlen, was ich jetzt fühle. Keiner wird nachvollziehen, wie es mir geht. Nicht einmal Mr. Cerson, denn er hat dich nicht verloren, Len. Er hat womöglich nie jemanden verloren, warum also soll er auch nur annähernd begreifen können, was in mir vorgeht?

Da ich bis auf heute das Haus nicht verlassen habe, kommt er jede Woche für das einstündige Therapiegespräch zu uns. Dann sitzen wir alle im Wohnzimmer um einen kleinen Tisch, halten Teetassen in unseren Händen und warten darauf, dass Mr. Cerson spricht. Er redet und redet, füllt mein Schweigen und hilft damit meiner Mutter, sich nicht ganz so verloren zu fühlen. Sie trägt schwer an meiner Stille. Sie wartet auf meine Worte wie eine Dürre auf den Regen. Und gemeinsam mit Mr. Cerson hofft sie, irgendwann einen Punkt zu treffen, an dem ich bereit bin, mich zu beteiligen. An dem ich mich öffne und all die Verletzlichkeit nach außen lasse.

Aber das kann ich nicht, Lennon. Denn meine Verletzlichkeit bist du und das allein ist alles, was ich noch von dir habe. Ich kann dich nicht gehen lassen, auch wenn du schon längst und unwiderruflich fort bist.

»Wir werden morgen schon damit anfangen,

Luna.« Meine Mutter holt mich damit aus meinen Gedanken. »Es ist ein Container bestellt und dein Vater hat Kartons besorgt, damit wir alles aussortieren können, was Grandma in Zukunft nicht mehr braucht. Das wird viel Arbeit, aber es wird uns guttun«, erklärt sie und versucht zu lächeln.

Ja, ganz bestimmt wird es das, denke ich schmerzlich. Meine Grandma vergisst die Teile ihres Lebens und wir werfen den Rest davon in einen Transporter, der auch das letzte bisschen zerstören wird.

 

***

 

Am nächsten Morgen muss ich der Welt tatsächlich erneut gegenübertreten, ihr mein wahres Gesicht zeigen. Die anderen Helfer vor dem Haus meiner Grandma grüßen meine Eltern mit einer Freundlichkeit, die mit einem Blick auf mein Gesicht erstirbt. Als würden die Narbe und die blaugrüne Verfärbung meine Geschichte in klaren Großbuchstaben erzählen. Meine Mutter betonte, dass ich mit niemandem sprechen müsse – als würde das etwas an meinem Schweigen ändern. Als hätte ich das tatsächlich vorgehabt. Alle scheinen einen Plan zu verfolgen, eine mir fremde und unsichtbare Struktur.

Während mein Vater seine Freunde bittet, die Möbel nach draußen zu bringen und zu verladen, hält mir meine Mutter einen großen Karton entgegen. »Würdest du bitte auf dem Dachboden all das einräumen, was Grandma behalten wollen würde?« Es ist keine Anweisung, sondern eine Frage, damit ich die Chance erhalte, zu antworten.

Ich nicke ihr kaum merklich zu, greife nach dem Karton und krieche die schmale Treppe nach oben. Vor mir erstreckt sich der düstere, von Spinnenweben durchzogene Dachboden und wartet darauf, dass ich zwischen Wichtigkeit und Müll entscheide. Ausgerechnet ich, die versucht, sich an alles zu klammern, das das Leben ihr noch gibt. Irgendwo auf einen kleinen staubigen Fleck setze ich mich zu Boden und lasse meinen Blick über die Habseligkeiten einer alten Frau gleiten. Ein kaputter Lampenschirm, unzählige Kisten und irgendwo vernehme ich das Rascheln und Huschen einer Maus. Doch es ekelt mich nicht an, es lässt mich auch nicht aufschrecken. Es ist einfach nur da – so wie ich.

 

Die erste Kiste ist voll alter Unterlagen. Blasse Schrift auf vergilbtem Papier. Kontoauszüge aus einem gefühlt anderen Jahrhundert, als von Online-Banking noch niemals die Rede war. Irgendwann ertaste ich ein kleines Büchlein und nehme es heraus. Es hat gerade mal die Größe meiner Hand und ist mit Blumen und alten Mustern verziert. Als ich es aufschlage, fällt mir sofort die perfekt geschwungene Schrift auf. Sauber und klar, als hätte sie jemand mit größter Sorgfalt aufs Papier gebracht. Auf dem unteren Rand einer jeden Seite steht der Name meiner Grandma. Sie muss also noch jung gewesen sein, als ihre Hände noch nicht zittrig vom Alter waren. Interessiert blättere ich auf die erste Seite und lese ihre Worte aus einer anderen Zeit.

 

Glaubwürdigkeit

Keiner würde mir glauben können, was hier geschrieben steht. Dass ein Tor existiert – so schmal wie ein Türspalt nur. In einem Fensterrahmen aus Zeit, der mit der Sonne wächst und schwindet. So hölzern, alt und hoch wie eine Himmelsleiter empor. Du kannst es nicht sehen, nicht wissen, wenn du nicht dort standest. Dein Herz von Traurigkeit schwer, im Schatten der Welt, gegenüber der Sonne. Manchmal trennt uns nur noch das Unscheinbare von der Liebe – doch Zeit und Ort sind entscheidend. Aber es ist wahr, es ist vorhanden. Niemand könnte dem jemals Glauben schenken. Dieses Geheimnis, das größte, das ich je tragen werde, zu verraten, würde die Welt mitsamt dem Himmel in ein endloses Ungleichgewicht stürzen. Also wahre ich, was ich weiß, denn keiner würde mir glauben können.

 

Ich lese ihre Worte und versuche zu begreifen, was sie damit beschreiben wollte. Ein Ereignis in Worten eingefangen. Schnell schiebe ich das kleine Buch in meine Handtasche und beschließe innerlich, Grandma im Pflegeheim danach zu fragen. Im selben Moment schrecke ich vor mir und diesem Gedanken zurück. Fragen. Das beinhaltet dieses schwere Sprechen, das Formulieren von Worten und Empfindungen. Von Gedanken. Ich seufze. Es fühlt sich an wie die schwerste Überwindung, obwohl es all die Jahre wie von selbst funktionierte. Dennoch faszinieren mich die Worte meiner Grandma zu sehr, um es zu ignorieren. Was hat sie damit gemeint? Und warum wünsche ich, ich könnte es verstehen? Warum fühlen sich ihre alten Worte tröstlicher an als die heutigen meiner Familie?

Dein Herz von Traurigkeit so schwer. Manchmal trennt uns nur noch das Unscheinbare von der Liebe … Ich schüttle den Kopf. Ich habe Lennon nicht auf diese Art und Weise geliebt. Es war eine viel innigere Verbindung, von der ich sicher war, sie könnte es mit der Welt aufnehmen. Ich lebte mein Leben lang in der Gewissheit, dass nichts uns trennen würde. Doch so sehr habe ich mich geirrt.

Gegen alle Wahrscheinlichkeit zieht der Tag allmählich vorüber und als die Dämmerung über das Haus hereinbricht, holt meine Mutter mich vom Dachboden und erzählt mir von der erfolgreichen Arbeit, die alle Helfer geleistet haben. Wir haben das Haus, das ein gesamtes Leben beinhaltet hat, an nur einem Tag leer und trostlos zurückgelassen. Keine Möbel mehr, nur noch kahle Wände. Alles ist so verdammt vergänglich. Ich taste nach dem kleinen Buch in meiner Tasche. Es tut gut, etwas zu retten, das ansonsten ebenso dem Untergang des Verlustes geweiht wäre, wie ich es bin.

Kapitel 2

Damals, Gestern & Vorbei

 

Seine blaugrauen Augen betrachten mich abwartend, während ich noch immer in meiner Entscheidung gefangen bin. Selbst der Kellner mustert mich bereits ungeduldig und wartet gebannt auf eine Antwort. Er steht nun bereits zum dritten Mal an unserem Tisch, um die Bestellung entgegenzunehmen.

»Sie nimmt eine Pizza … Nummer achtundvierzig. Vielen Dank für Ihre Geduld«, höre ich Lennon sagen, ohne dass ich protestieren kann.

Der Kellner notiert es erleichtert, wenn auch mit einem irritierten Blick, und verlässt unseren Tisch. Meine Mundwinkel zucken, heben sich und letztendlich grinse ich Lennon an. »Ich hätte mich doch gleich entschieden«, entgegne ich und versuche da‐

bei nicht zu lachen.

 

»Das hättest du nicht und das wissen wir beide!« Len zieht eine Grimasse und streckt mir die Zunge heraus. »Dabei wusste ich bereits von Anfang an, dass du am Ende sowieso dasselbe wie immer bestellst.«

Dagegen kann ich tatsächlich nicht argumentieren, denn Lennon hat recht. Altbewährtes ist für mich eine Sicherheit, auf die ich gerne zurückgreife.

»Also?«, frage ich, um vom Thema abzulenken.

»Wie läuft dein Studium?«

Er mustert mich mit seinen unergründlichen Augen einen viel zu langen Moment, in dem sich eine nachdenkliche Falte auf seiner Stirn bildet. »Ich will nicht wirklich über das Studium reden. Aber wahrscheinlich lässt du sowieso nicht locker, oder?« Er seufzt.

»Wenigstens nur ein paar Infos!«, bitte ich mit einem Grinsen, das er schnell erwidert.

»Ich habe es befürchtet … aber okay. Das Studium läuft gut. Vielleicht würde es sogar noch besser laufen, wenn wir mit den Jungs nicht ständig feiern würden, aber danach hast du nicht gefragt. Und es gibt da jemanden in meinem Kurs …« Lennon hält kurz inne und ich warte gespannt, dass er fortfährt.

»Du solltest mal deine Augen sehen! Als könnte ich all deine Fragen wie aus einem offenen Buch lesen!«

»Dann lies doch«, necke ich ihn und muss sofort lachen.

»Warum wollt ihr Frauen immer sofort alles wissen«, murmelt Len, bevor er tatsächlich mit der Sprache herausrückt.

Sie ist blond, witzig, intelligent und anscheinend schon bald seine feste Freundin. Und obwohl mir niemand glauben würde, freue ich mich sehr für ihn. Da ist keine Eifersucht in meinem Herzen, keine unterschwellige Wut. Es gibt kein Gift, das unsere Verbindung zerstören kann, davon bin ich überzeugt. Ich will doch, dass er sein Glück findet. Mehr als jede andere vermutlich. Aber innerlich hofft ein winzig kleiner Teil von mir, dass dieses neue Mädchen ihm am Ende nicht das Herz brechen wird.

Als der Kellner uns die Pizzen bringt, wandeln sich die Themen in alte Geschichten. Eine Tradition, von der niemand mehr weiß, wie sie ursprünglich begonnen hat. Der erste Sonntag eines Monats ist der Abend, an dem wir Pizza essen, als wollten wir auf die kommenden vier Wochen anstoßen. Der Inhaber, ein Italiener mittleren Alters, kennt uns bereits und grüßt uns stets lautstark und voller Euphorie. Ich erinnere mich an eine Zeit, als er uns Kerzen und rote Rosen auf den Tisch stellte. Beim ersten Mal kicherten wir darüber, doch als es wieder und wieder geschah, wurde der Mann deutlicher.

»Du kannst das Mädchen doch nicht jeden Monat zum Essen ausführen, ohne sie dann zu küssen!« Verwunderung und beinahe Empörung lagen damals in seiner Stimme. Dazu dieser Blick, der uns musterte, als gäbe es irgendwo eine winzig kleine geheime Geste, die uns doch als Paar verraten würde.

Doch die gibt es nicht und gab es nie.

Kapitel 3

Heute, Jetzt & Hier

 

»Luna! Wie schön, dass du hier bist!«, ruft meine Grandma mir begeistert entgegen, als ich ihr Zimmer im Pflegeheim betrete. Ich umarme sie zur Begrüßung und überlege immer noch krampfhaft, wie ich dieses »Gespräch« führen soll. Grandma sieht mich an, ich räuspere mich sehr deutlich und zeige auf meinen Hals. Anschließend ziehe ich einen Notizblock und einen Stift aus der Tasche.

»Oh, bist du krank? Du solltest Tee mit Honig trinken, dann wird deine Stimme bald besser werden …« Sie deutet auf den Stuhl neben ihrem Bett und lächelt mich tröstlich an.

Was für eine schöne Vorstellung. Ja, ich fühle mich krank, mehr als die eigentlichen Verletzungen vom Unfall, die nicht mit ein wenig Honigtee geheilt werden können. Es sind diese inneren Wunden, die noch immer bluten. Aber die Vorstellung, dass eine Tasse Tee auch all meine Trauer heilen könnte, ist schön. Grandma scheinen die Blutergüsse und Verfärbungen kaum aufzufallen oder sie hat bereits vergessen, dass ich dem Tod nur knapp von der Schippe gesprungen bin. Meine Mutter hat es ihr sicherlich erzählt, aber die Demenz greift ungefragt um sich.

Wie friedlich, denke ich, auch wenn es unfair ist. Wie einfach es wäre, wenn sich all diese quälenden Gedanken und Erinnerungen aus meinem Kopf entfernen würden. Denn wenn ich nichts mehr von dir wüsste, Lennon, würde es mir nicht tagtäglich das Herz

vor Verlust zerreißen. Dabei will ich dich in keinster Weise vergessen – im Gegenteil. Ich will jedes Bruchstück, jede Scherbe von dir aufsammeln und in mir zusammenfügen, damit du nicht verschwinden kannst. Damit du zumindest in meinem zerstörten Herzen für immer bist.

»Es ist schön, dass du mich besuchen kommst!

Ich bin nämlich so einsam hier, niemand kommt zu Besuch, um mit mir zu reden. Aber morgen gehe ich schon nach Hause, weißt du.«

Ich weiß, dass es nicht so ist. Dass meine Mutter sie täglich besucht, sich zwei Stunden Zeit dafür nimmt, um bei ihr zu sein, und dass sie morgen gewiss nicht zurückdarf. Denn sie wird von nun an hier wohnen, ihr restliches Leben in diesem Heim verbringen. Ich könnte ihr sagen, dass wir gerade ihr ganzes Haus leer räumen und alles in einen riesigen Container geschmissen haben. Aber ich werde sie nicht mit der Realität konfrontieren. Denn die Wahrheit ist grausam und wir beide versuchen, ihr zu entfliehen – jede von uns auf eine andere und doch ähnlich tröstliche Weise.

Langsam nehme ich das winzige Buch aus meiner Tasche und halte es meiner Grandma hin. Sie sieht es überrascht an und dann leuchten ihre Augen etwas heller auf. »Das hast du gefunden?« Sie nimmt es in ihre alten faltigen Hände, schlägt die vergilbten Seiten auf. In ihrer Stimme liegt nur der Hauch einer Frage, als wäre sie insgeheim froh, dass es überhaupt noch existiert. Als wäre nicht entscheidend, wo oder wer es gefunden hat. Noch immer befürchte ich, dass auch diese Erinnerungen bereits in Vergessenheit geraten sind.

»Es ist schon lange her«, sagt sie.

Ich bin erleichtert, dass sie spricht, dass sie diese große Leere in meinem Inneren füllt. Es scheint sie nicht zu stören, dass ich kein einziges Wort über die Lippen bekomme, dass mir der Unfall die Stimme und das Herz geraubt hat. Es tut gut, dass sie für uns beide spricht. Das gibt mir das Gefühl, nicht vollkommen unfähig zu sein – nicht die zu sein, die meiner Mutter und dem Therapeuten das Leben und die Arbeit erschwert.

»Ich liebte noch einen anderen Mann, bevor ich deinen Großvater heiratete.« Diese Worte fallen so plötzlich, so ungefragt in den Raum und überrollen mich in meiner Ahnungslosigkeit. Meine Großeltern haben früh zusammengefunden und ebenso bald geheiratet, wie es für die damalige Zeit eben üblich war. »Unsere Liebe hatte keine Chance, er war bereits verheiratet und ich verlobt. Wir konnten nicht zusammen sein, obwohl sich unsere Herzen nichts sehnlicher wünschten«, flüstert sie und streicht dabei gedankenvoll über den Einband, als wäre sie in alte Erinnerungen zurückgewandert.

»Er starb schon bald nach meiner Hochzeit mit deinem Großvater. Ich habe ihn zu dieser Zeit immer noch geliebt. Und wo man nach einer Heirat Liebesglück und Freude erwartete, brach es mir das Herz.« Grandma sieht traurig auf, doch ich bin mir nicht sicher, ob sie mich überhaupt wahrnimmt. So sehr ist sie in ihrer eigenen Geschichte versunken.

»Ich habe beide Männer geliebt und mit den Jahren sind dein Großvater und ich ein stabiles Team geworden. Er hat mich gut behandelt, mir ein besseres Leben ermöglicht. Aber mein Herz war längst vergeben. Und ich erhielt es niemals mehr zurück. Niemand erlaubte mir zu trauern – einer jungen, frisch verheirateten Frau. Es gab andere Verpflichtungen, denen ich gerecht zu werden hatte. Doch ich fand einen Platz für meine Traurigkeit. Außerhalb der Stadt an einem hohen Baum, an dem eine Schaukel befestigt war. Ich ging dorthin, um Abstand zu gewinnen und Nähe zu finden. Es war der perfekte Ort, um eine verlorene Liebe zu betrauern.« Sie holt tief Luft, als spürte sie einen alten, niemals verheilten Schmerz.

Ich rutsche mit dem Stuhl etwas näher an ihr Bett, deute ihr an umzublättern, bis sie die Seite mit der Überschrift »Glaubwürdigkeit« erreicht. Fragend tippe ich auf die Zeilen. Grandma beginnt zu lesen. Leise spricht sie die Worte mit. »Keiner würde mir glauben können, was hier geschrieben steht. Dass ein Tor existiert – so schmal wie ein Türspalt nur. In einem Fensterrahmen aus Zeit, der mit der Sonne wächst und schwindet. So hölzern, alt und hoch wie eine Himmelsleiter empor. Du kannst es nicht sehen, nicht wissen, wenn du nicht dort standest. Dein Herz von Traurigkeit schwer, im Schatten der Welt, gegenüber der Sonne. Manchmal trennt uns nur noch das Unscheinbare von der Liebe – doch Zeit und Ort sind entscheidend. Aber es ist wahr, es ist vorhanden. Niemand könnte dem jemals Glauben schenken. Dieses Geheimnis, das größte, das ich je tragen werde, zu verraten, würde die Welt mitsamt dem Himmel in ein endloses Ungleichgewicht stürzen. Also wahre ich, was ich weiß, denn keiner würde mir glauben können.«

Fragend hebe ich die Hände und sie scheint mich zu verstehen.

»Was ich damit gemeint habe, willst du wissen?« Sie zuckt mit den Schultern. »Das weiß ich nicht mehr.«

Dumpfe Traurigkeit überschattet ihre Worte. Ob der Nebel der Vergesslichkeit diese Zeit bereits eingehüllt hat? Dennoch habe ich sehr gehofft, sie könnte sich daran erinnern.

»Wann immer ich in dieses Buch geschrieben habe, saß ich dort auf dieser Schaukel und habe an ihn gedacht. Habe versucht, ihm noch einmal zu sagen, wie sehr ich ihn liebe«, flüstert sie mit schmerzvoller Stimme und klappt das Buch wieder zu. »Mehr kann ich dir nicht sagen, Luna. Irgendwann endet einfach alles in Vergessenheit. Jede einzelne Erinnerung. Alles.«

Ihre Worte lassen mir den Atem stocken, treffen mich wie ein Baseballschläger ins Gesicht. Nein, denke ich. Bitte nicht. Nicht Lennon. Nicht die Erinnerungen. Sie sind das Einzige, was ich noch von ihm habe.

»Du solltest nicht traurig sein, Luna. Du hast doch noch dein ganzes Leben vor dir.« Grandma sieht mich an, als wollte sie mir Mut zusprechen. Sie weiß nichts mehr von dem Unfall, als weigerte sich ihr Kopf, dieses Ereignis aufzufassen. Sie weiß nicht, dass »dein ganzes Leben noch vor dir« für mich momentan wie die höchste Strafe klingt, oder dass ich vor zwei Wochen fast mein Leben bei einem Autounfall verloren hätte.

Ein tiefer Schmerz sticht mir zwischen die Lungenflügel, sodass ich kurzzeitig kaum atmen kann. Aber ich habe mein Leben nicht dort auf der regennassen Straße verloren – es war Lennon, der diesen Preis bezahlt hat. Ich war nur stiller Zuschauer und habe rein gar nichts gegen diesen schweren Verlust unternommen. Das Klirren der Fensterscheibe, der langsame Moment, in dem die Glassplitter in alle Richtungen flogen, kehren zurück in meine Gedanken. Ich sehe plötzlich, ganz ungebeten, die Bilder vor mir, die ich nicht wahrhaben will. Es ist dunkel, irgendwo quietschen Reifen und Regen prasselt auf das Auto. Schnell schüttle ich den Kopf, verjage die Erinnerungen und versuche, auch gegen den Schmerz in meiner Brust anzukämpfen. Doch all das scheint zwecklos.

»Geht es dir nicht gut?«, fragt Grandma und holt mich damit aus dieser dunklen Abwärtsspirale. Nach Luft japsend blicke ich zu ihr auf. Mitgefühl liegt in ihren Augen, auch wenn sie nichts von meiner aktuellen Situation versteht. Und obwohl sie mir eine Frage gestellt hat, habe ich nicht das Gefühl, dass sie Worte von mir erwartet. Sie hat mein Schweigen akzeptiert, wo die anderen versuchen, es mir hartnäckig auszutreiben. Ich schüttle erneut den Kopf und versuche dennoch, den Blickkontakt zu halten, um nicht wieder in diesen Flashback abzurutschen.

»Hier. Nimm das wieder mit. Besuche die alte Eiche außerhalb des Stadtparks, dort, wo eine kleine Brücke über den Bach führt, und ich hoffe, dass die Schaukel noch immer dort ist. Es ist ein Platz, der Trost spendet, und ich bin sicher, dass du dort Zuflucht finden kannst. Auch wenn es nur kurze Zeiten sind, so helfen sie enorm, kaputte Herzen zu heilen.« Lange schauen wir einander an, als sollte ich mir diese Worte ganz genau einprägen.

Kurz darauf seufzt Grandma und beschwert sich genervt, dass sie diese Woche schon zum dritten Mal kein Mittagessen erhalten habe. Demenz ist etwas furchtbar Unzufriedenes, stelle ich fest. Sie nimmt einem die Sicherheit im Leben. Denn wenn erst einmal das Leben in Vergessenheit geraten ist, auf was kann man dann noch vertrauen? Erschrocken über meinen Gedanken zucke ich zusammen und bereue meinen anfänglichen Neid. All die Erinnerungen an Lennon zu vergessen, wäre ebenso furchtbar wie der Schmerz und die Trauer, die ich aktuell verspüre. Sie aus meinem Gedächtnis zu entfernen, wäre kein Geschenk. Denn auf was soll ich noch vertrauen, Len, wenn das, was mir in meinem Leben immer Sicherheit gegeben hat, plötzlich fehlt?

 

***