Die Tränenrebellin - Jay Lahinch - E-Book

Die Tränenrebellin E-Book

Jay Lahinch

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Beschreibung

Auf welcher Seite wirst du stehen, wenn alles, was du bisher kanntest, in sich zusammenbricht?« Nach ihrer ereignisreichen Flucht fassen Nava, Jayden und Nate den Entschluss, in die Einzige Stadt zurückzukehren, um die Insel vor dem Untergang zu bewahren. Denn die Tränenmeere drohen, alles unter sich zu begraben, falls das Gleichgewicht der Elemente nicht wiederhergestellt wird. Gemeinsam planen sie eine Rebellion, um die Seelenlosen zu heilen und für eine gerechte Zukunft der Mädchen zu kämpfen. Doch als sie Marenna erreichen, fordert das Schicksal sie erneut heraus. Nun liegt es an Nava, herauszufinden, ob die Legenden um das Königliche Festland wahr sind und was sie mit der Tränenmagie tatsächlich bewirken kann. Im Finale der zauberhaften Fantasy-Dilogie kämpfen Nava, Jayden und Nate um das Schicksal der Einzigen Stadt – für alle Fans von Marah Woolf und Jennifer L. Armentrout.

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Seitenzahl: 380

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Über dieses Buch:

 

eBook-Lizenzausgabe November 2025

Copyright © der Originalausgabe 2020, Bookapi Verlag ek. K., Kappenzipfel 4, 89312 Günzburg

Copyright © der Lizenzausgabe 2025 dotbooks GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Nina Prömer

eBook-Herstellung: dotbooks GmbH unter Verwendung von IGP (cdr)

 

ISBN 978-3-69076-531-2

 

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Jay Lahinch

Die Tränenrebellin

Roman

 

»Für Alle, die das Licht in der Dunkelheit suchen«

 

Prolog

~ Nava ~

 

Je tiefer und trostloser die Trauer

in der Dunkelheit, desto heller wird dir das Licht erscheinen, wenn du es mit eigenen Augen erblickst.

Hohe Wellen brachen an der Magie, die sie bebend umgab. Ein Zittern fuhr durch das Silberglas, das diesen Ort von der Erde trennte. Ellice betrachtete es mit einem Stirnrunzeln. Aufgestaute Energie tobte in dem Gewässer der Wut und drängte weiterhin nach außen.

Noch hatte sich vieles nicht verändert, doch der Kern, der Ursprung des Seins, hatte einen Wandel erfahren, dessen war sich die alte Erdenfrau sicher. Die Menschenkinder waren dem scheinbar Unmöglichen entgegengetreten, um es mit ihrem Mut herauszufordern. Und was zuerst nur zur Rettung ihres Bruders bestimmt war, konnte nun eine Revolution für die ganze Stadt bedeuten. Denn Trauer, Wut und Schmerz waren Emotionen, die die Menschheit auch weiterhin begleiten würden. Niemand vermochte es, diese auszulöschen, zu vernichten. Aber man musste ihnen einen gewissen Einhalt gebieten. Deshalb hatte Taramea Nava einen Anteil ihrer Magie überlassen – mit einem Lächeln erinnerte sich Ellice daran zurück. Auch die Tränenkönigin hatte Potenzial, Stärke und vor allem Mut in diesem Mädchen gesehen. Ihr Schicksal schien schwer gewesen zu sein, doch sie war für Größeres bestimmt. In ihrer Bestimmung lag die Freiheit der Einzigen Stadt und vielleicht auch weit darüber hinaus. Es war keine einfache Aufgabe, doch die Erdenfrau wusste, dass Nava bereit war, diese einzigartige Herausforderung anzunehmen. Sie hatte bewiesen, dass sie die Tiefe ihrer Trauer in Stärke für große Taten wandeln konnte. Ellice hoffte sehr und legte allen Glauben in das Mädchen, dass es dies wieder schaffen würde.

Ein Lufthauch zog durch die Ebene zwischen den Welten.

»Lya?«, fragte Ellice zögerlich, doch niemand antwortete ihr. Kein Wolkenmädchen materialisierte sich neben ihr. Die Wellen schmetterten weiterhin gegen die Magie und der Boden unter ihren Füßen vibrierte erneut. Etwas passierte hier oben, etwas geschah, was sie, die Elemente, nicht selbst beeinflussten. Und es ließ die Erdenfrau nervös werden. Denn wenn eines die größte Furcht war, so war es die Angst vor der Ungewissheit.

Kapitel 1

~ Nava ~

 

Es gibt keinen Weg,

der dich nicht irgendwann dorthin führt,

wo dein Herz zu Hause ist.

 

Das gleißende Sonnenlicht brannte erbarmungslos auf unsere Haut nieder, während wir den Gebirgspass von Mar überquerten. Es gab keine Bäume, die uns Schatten spendeten. Auch unsere Vorräte an Wasser hatten sich rasch dem Ende geneigt, seit wir das Meer der Hoffnung verlassen hatten, um uns auf den Heimweg nach Marenna zu begeben. Heimat, dachte ich. Wie konnte eine so abscheuliche Stadt eine solch wertvolle Bezeichnung tragen? Trotzdem kehrten wir nun dorthin zurück, woher wir einst geflohen waren.

»Und ihr seid euch sicher, dass die Höhle in dieser Richtung lag?«, fragte Nate neben mir und seufzte unter der erdrückenden Hitze.

Den Klang seiner Stimme hatte ich so lange vermisst, dass sich jedes seiner Worte wie die schönste Melodie für mich anhörte. Heute sprach er so selbstverständlich mit mir, als hätte es diese lange Stille zwischen uns nie gegeben. Dabei hatten sich die letzten Tage stärker als alles andere in mir eingeprägt. Das würden sie für alle Ewigkeit. Nie mehr würde ich diese Zeit vergessen können.

Nachdem unsere Eltern verstorben waren, war Nate der vollkommenen Stille erlegen gewesen. Solch seelenlose Menschen wurden vom Hohen Rat, dem Gesetz in Marenna, in die Gefangenschaft für Unzurechenbare verbannt. An einen Ort, von dem die Menschen sagten, dass man von dort nicht entkommen könne. Man ließ uns in dem Glauben, dass sie die Gefangenen dort, wo Schwärze und Kälte alles verschlang, hinter Gitterstäben in Gruppen zusammendrängten, ohne sie weiter zu beachten. Erst vor ein paar Jahren waren die Gerüchte entstanden, dass man einigen heimlich den Kopf vom Hals trenne, weil es für all die seelenlosen Menschen nicht mehr genug Platz in einem Gefängnis gebe. Als ich diese Vermutung zum ersten Mal gehört hatte, lief es mir kalt den Rücken hinunter. Ich erinnerte mich noch sehr genau an dieses beängstigende Gefühl in meinem Herzen, als auch Nate dorthin abgeschoben werden sollte, nachdem meiner Zwangsheirat mit Tyler, dem Sohn von Madame Patrice, vom Hohen Rat zugestimmt worden war. Durch diese beiden Entschlüsse wuchs mein Fluchtversuch zu einem wahrhaftigen Plan heran, bei dem Jayden uns, wie vom Schicksal gesandt, half.

Auf unserer Reise durch die Wüste hatten wir Zuflucht vor den Aeringos und den uns folgenden Wachen gesucht und waren dabei auf einen unterirdischen See gestoßen.

Anschließend hatten wir den Goldenen Wald erreicht und in der darauffolgenden Nacht war sie uns zum ersten Mal begegnet: Taramea, die Königin des Wassers und damit unweigerlich auch der Milliarden geweinten Tränen. Diese machten es der Tränenkönigin beinahe unmöglich, ihrer Aufgabe, über das Wasser zu herrschen, gerecht zu werden.

Sie hatte mir von ihrem einzigen Sohn Kalia erzählt, ein Kind der Magie, ein Prinz, dessen Seele in Nates Körper gefangen gewesen war.

Mit wild klopfendem Herzen dachte ich an ihre Vereinbarung zurück, der ich kaum hatte zustimmen wollen. Meinen Zwillingsbruder bei ihr in einem gläsernen Sarg aus Eis zurückzulassen, in der Angst, ihn nie mehr wiederzusehen. Doch ich vertraute auf Jayden und seine Zuversicht gegenüber dem Schicksal. Als hätte er von Anfang an gewusst, dass sich diese lange Reise am Ende lohnen würde. Doch wir hatten das Ziel noch nicht erreicht. Es fühlte sich vielmehr wie ein neuer Anfang an.

Taramea hatte mir einen Teil ihrer Magie überlassen und noch immer konnte ich den Klang der traurigen Melodie vernehmen, die mich an die Aeringos erinnerte. Also hatten wir uns auf die Suche nach den Tränen begeben, die meinen Bruder zurückbringen und auch Kalia retten sollten. Auf unserem weiteren Weg waren wir der Gemeinschaft der Salia begegnet. Geflohene aus der Einzigen Stadt, die bereits seit Jahren in der Wildnis von Mar überlebten.

Am Schluss erhofften wir, von den Königinnen der Elemente gemeinsam mit meinem Bruder am Meer der Hoffnung erwartet zu werden. Stattdessen trafen wir auf Tyler, der Jayden zu einem unberechenbaren Kampf herausforderte und ihm ein Messer durch die Brust jagte. Allein bei diesem Gedanken, bei der bloßen Erinnerung daran, schmerzte mein Herz und Tränen bebten unter der Oberfläche. Wie sehr ich nur wünschte, diesen Augenblick zu vergessen, nie wieder daran denken zu müssen. Doch umso überwältigender war es, dass er durch die magische Hilfe der Aeringos überleben konnte.

Jetzt erst fiel mein Blick wieder auf Nate. »Die Gemeinschaft der Salia lebt sehr verborgen. Hätte Mia uns in dieser Nacht nicht gefunden, hätten wir die Höhle wahrscheinlich nie entdeckt«, gab ich zur Antwort und betrachtete ihn einen Moment länger als gewöhnlich.

Sein Haar leuchtete in der Sonne, als hätte jemand flüssiges Kupfer mit schimmerndem Gold vermischt. Erschöpft lächelte er mich an und ich erwiderte es, ohne auch nur einen Augenblick darüber nachzudenken. Nates Rettung war ein Wunder, an das niemand außer mir geglaubt hatte, und es fiel mir immer noch schwer, zu begreifen, wie all das möglich geworden war. Dass wir am Ende unserer unglaublichen Reise, fernab der Stadtmauern, entgegen jeder unbegreiflichen Magie dieser verfluchten Insel, inmitten von unzähligen Tränen meinen Zwillingsbruder aus seinem Schweigen zurückgeholt hatten.

»Wir werden sie finden. Jayden hat genau dieses Wissen unserer Welt jahrelang studiert. Er wird ganz bestimmt schon bald einen Hinweis auf die Höhle finden. Da bin ich mir sicher.« Dankbar blickte ich zu Jayden, der einige Meter vor uns ging und die Felsen untersuchte.

Er war zu so viel mehr geworden, als ich es mir bei unserer ersten Begegnung jemals hätte vorstellen können. Und nur er wusste, dass alles, was ich über unsere einzigartige Reise erzählen würde – all diese Wunder und Rätsel – der Wahrheit entsprach. Denn nur er hatte dasselbe gesehen und erlebt wie ich. Niemand sonst könnte begreifen, was hier draußen vor sich gegangen war.

»Und Mia ist die Schwester von Tyler … an den du verheiratet werden solltest, richtig?« Noch immer fiel es Nate unheimlich schwer, all die zusammengetragenen Informationen der letzten Tage zu verstehen. Seit dem Tod unserer Eltern, als er seine Seele vorübergehend verloren hatte, fehlten ihm die Ereignisse in seiner Erinnerung, obwohl er uns auf dieser Reise ständig begleitet hatte.

»Genau genommen ist sie seine Halbschwester. Sie weiß jedoch noch nichts von den Traditionen in Marenna oder ihrem Bruder, der diese Ungerechtigkeit unterstützt. Ich wünschte, Mia könnte seine Ansicht eines Tages ändern«, sagte ich.

Nate schnaubte. »Und ich wünschte, dieser Tyler wäre tot«, zischte er ungewöhnlich wütend, während er die Hände zu Fäusten ballte.

»Nate! Wir wissen nicht, was mit ihm passiert ist, als die Magie ihn übermannt hat. Und selbst wenn es der letzte Mensch ist, dem ich je wieder begegnen möchte, so wünsche niemals jemandem den Tod. Niemandem.« Ich holte tief Luft und Nate tat es mir gleich. Seine Verkrampfung löste sich augenblicklich. Immer wieder ertappte ich mich bei dem Versuch, mir einzureden, dass Tyler noch am Leben war. Aber in meinem Inneren schlummerte eine leise Gewissheit, dass er diesen Tag am Meer nicht überlebt hatte.

»Entschuldige, Nava«, fügte er daraufhin etwas leiser hinzu. »Ich kann nur immer noch nicht glauben, dass all das passiert ist und ich dich nicht davor schützen konnte.«

»Ich weiß, Nate. Ich weiß. Deshalb habe ich dich beschützt, als du es nicht konntest. Und ich würde es jederzeit wieder tun.« Wir lächelten uns an und ich versprach mir innerlich, mir seinen Gesichtsausdruck in diesem Moment für immer einzuprägen. Denn das Leuchten seiner so strahlend blauen Augen war endlich wieder zurückgekehrt und ich würde erneut alles dafür geben, dass es nie wieder verschwand.

Flimmernde Hitze schwebte zwischen den Bergen, die wir allmählich kraftlos zu bewältigen versuchten. Das nachtblaue Kleid meiner Mutter hatte auf unserer Reise sehr gelitten und klebte inzwischen verschwitzt an meinem Rücken. Ich hoffte, Jayden würde hier im Gebirge eine Quelle oder einen kleinen Bachlauf ausfindig machen können, damit wir unsere schmerzenden Glieder abkühlen und unsere Kleider waschen konnten. Noch nie zuvor war ich in meinem Leben tagelang durch die Wildnis gewandert und besaß dafür auch nicht das richtige Schuhwerk. Blasen brannten an meinen Füßen und Schweiß tropfte von meiner Stirn. Diese Reise zehrte enorm an unseren Kräften und verlangte uns einiges ab.

Als Jayden und ich vor weniger als einer Woche ebenfalls einen Weg durch dieses Gebirge gesucht hatten, waren wir getrieben von Ansporn und Eile unterwegs gewesen. Doch obwohl es auf dieser eigenartigen Insel keine Jahreszeiten gab, schien es einen heftigen Temperaturanstieg gegeben zu haben, der uns den Rückweg deutlich erschwerte. Als wäre etwas ins Ungleichgewicht geraten – als hätte sich etwas verändert.

Nachdem wir uns von Taramea und den anderen Königinnen der Elemente verabschiedet hatten, begannen Nates Fragen, die wir in den darauffolgenden zwei Tagen ständig beantwortet hatten. So vieles war geschehen und nichts davon hatte seine Seele erreicht. Noch immer konnte ich seine Verwirrung verstehen, als wir ihm sagten, dass wir uns mittlerweile auf der anderen Seite der Insel befanden – obwohl uns die Stadt seit Jahren und Generationen in dem Glauben gelassen hatte, dass ein Leben außerhalb der Mauern nicht möglich sei.

Und dennoch war es das und in Gedanken ließ ich diese Zeit langsam Revue passieren. Als Jayden und ich die beiden Pekkos in der Großen Weite an die Aeringos und ihre Klagelieder verloren hatten. Unsere Suche nach den letzten Tränen, die uns am Ende für unseren Mut belohnten. Und auch Jaydens Worte sowie seinen plötzlichen Kuss, als er mich zu seiner Zukünftigen wählen wollte. Seither hatten wir nicht mehr darüber gesprochen und vermutlich war es uns beiden unangenehm, in Nates Begleitung ein Gespräch zu diesem Thema zu beginnen. Aber auch ohne jegliche Worte wussten wir, dass sich auf diesem Abenteuer etwas zwischen uns geschlichen hatte, das inzwischen nicht mehr wegzudenken war. Denn an all den Tagen, an denen ich gefürchtet hatte, Jayden möge nach seiner offiziellen Exkursion ohne Nate und mich in die Stadt zurückkehren, hatte ich mich in ihm getäuscht. Nun würden wir gemeinsam die Tore von Marenna passieren. Und es würde für große Aufruhr sorgen, dessen waren wir uns auch ohne jede Absprache bewusst.

 

***

 

Ein weiterer Tag verging, in dem wir durch das Gebirge irrten und der gnadenlosen Hitze ausgeliefert waren. Hunger und Durst quälten uns und hin und wieder ließ uns der Schrei eines Kualaras in der Ferne erschrocken zusammenzucken. Meine Gedanken waren aufgrund der Erschöpfung inzwischen träge und ich hoffte, wir würden endlich einen kühlen Ort oder eine winzige Wasserquelle finden.

Weshalb sich die Salia mit grauem Schlamm tarnten, wurde uns jetzt deutlich bewusst, als wir in der Ferne die dunklen Umrisse der Eulenbären erkennen konnten. Ihr helles Kreischen hallte zwischen den Felswänden wider, während wir uns schnell in eine Kuhle im steinernen Boden duckten.

»Nicht … bewegen«, hauchte Jayden uns zu und keuchte unter der Angst sowie der körperlichen Anstrengung. Bitte, dachte ich insgeheim. Lass es das nicht gewesen sein. Denn wir alle besaßen nicht mehr die notwendige Kraft, um gegen die Tiere anzukämpfen. Nicht einmal, um einen Sprint auf Leben und Tod einzulegen.

Entgegen Jaydens Anweisung, sich vollkommen ruhig zu verhalten, da die Kualaras sehr viel besser hören als sehen konnten, begann Nate mit den Fingern im Geröll etwas beiseite zu schieben. Fragend sah ich meinen Zwillingsbruder an, mein Verstand war zu erschöpft, um seinen Gedankengang nachzuvollziehen. Jayden wollte gerade etwas sagen, da blickte Nate auf, seine Stimme leiser als ein Flüstern.

»Das Wasser bitte.«

Jaydens Blick wechselte zu mir, denn unsere Wasservorräte waren auf ein Minimum reduziert. Wir besaßen kaum noch etwas und tranken nur noch, wenn es sich nicht mehr vermeiden ließ. Doch wie lange könnten wir so weitermachen? Ich wusste nicht, welches Ende das bessere wäre – die Kualaras oder der extreme Wassermangel.

Nate ließ ein wenig Wasser in eine Mulde im Geröll tropfen und ich schreckte auf, um nach seiner Hand zu greifen. Er erkannte die Verwirrung in meinem Gesicht.

»Es ist nur sehr wenig, aber vielleicht reicht es gerade so, um zu überleben.« Er nahm etwas Dreck heraus und wir verstanden seine Idee. Wieder ertönte das Kreischen in der Ferne und ich zuckte zusammen.

Ich dankte Nate von ganzem Herzen, dass er all die neuen Zusammenhänge, die wir ihm in den letzten Tagen unserer Reise erzählt hatten, so schnell verstanden und verinnerlicht hatte.

Sein Einfall war gleichzeitig der winzige Funke Hoffnung, der uns letztendlich überleben ließ.

 

***

 

Nachdem wir den Kualaras mit rasendem Herzschlag entkommen waren, schleppten wir uns anschließend von Erschöpfung geplagt weiter.

Erst als Jayden die Höhle der Salia nach ein paar weiteren Stunden tatsächlich fand, überkam mich eine endlose Erleichterung, die mir die tonnenschwere Last von den Schultern nahm und mich endlich wieder befreit aufatmen ließ. Ich konnte nicht sagen, seit wie vielen Tagen wir nun auf dieser Insel herumirrten und diese erneut überqueren wollten. Ein zweites Mal versuchten wir das anscheinend Unmögliche. Auch wenn mir die Rückkehr inzwischen so viel schwerer erschien als unsere ursprüngliche Flucht aus der Stadt.

Jayden und ich waren uns direkt nach unserem Aufbruch einig gewesen, die Salia erneut aufzusuchen. Tieja hatte uns schließlich angeboten, dass wir jederzeit den Schutz der Geflohenen erhalten würden. Doch da war inzwischen so viel mehr. Denn wir benötigten Hilfe, wenn wir nach Marenna zurückkehren und etwas verändern wollten. Zu dritt wäre es uns schließlich kaum möglich, eine ganze Stadt neu zu ordnen und ihre Traditionen in andere Bahnen zu lenken. Die einzige Unterstützung, auf die wir hoffentlich zählen konnten, war die Gemeinschaft der Salia. Doch würden sie wirklich nach so langer Zeit in eine Stadt zurückkehren, die für sie nur Verrat und Tod bedeutete?

Ich seufzte und Jayden blickte mir entgegen. Wie auch damals, als wir mitten in der Nacht durch die Große Weite fliehen mussten – geplagt von Erschöpfung, Müdigkeit und verfolgt von der Angst, erwischt zu werden. Er kam zu mir und schloss mich für einen Moment in die Arme. Lange genug, um mir kurzzeitig das Gefühl zu geben, dass auch dieses Mal alles gut werden würde. Seine direkte Nähe gab mir neuen Halt. Vertrauen schwang in seiner Berührung mit. Liebe. Und das, obwohl Nate unmittelbar ein paar Meter von uns entfernt stand. Er wandte den Blick jedoch ab, als wäre es ihm unangenehm, diesen fast schon innigen Moment mitzuerleben. Wenige Sekunden später löste er sich bereits wieder von mir und betrat den vorderen Teil des Höhleneingangs, der dahinter viel weiter in die Tiefe führte. Ich stimmte eine traurige Melodie an, die Nate irritiert wahrnahm.

 

»Der Ruf der Aeringos«, erklärte ich.

Jayden sah dagegen mit einem verständnisvollen Lächeln auf mich zurück.

Dieses einzigartige und ruhige Lied hatte Taramea mich gelehrt und war gleichzeitig das Wiedererkennungszeichen der Salia. Es war die Melodie der Traurigkeit, die nachts in magentafarbenen Schlieren über der Wüste lag.

Zu diesen leisen Tönen lösten sich blaue Magiepunkte aus meinen Händen und schwebten dicht um mich herum. Mit entsetztem Blick starrte Nate mich an, denn dieses Funkeln hatte er bisher nur in meinen Augen gesehen. Ebenso zeigte sich auch Jaydens Magie in violetten Punkten, die sich mit meiner zu einem wirren Muster verband. Eine innere Selbstverständlichkeit hatte die Furcht vor der uns einst so fremden Magie ersetzt.

»Wie kann das sein … und … und warum …?«, begann Nate, doch ein Geräusch aus der Höhle unterbrach ihn augenblicklich.

Mik erschien und hatte wie auch bei unserer ersten Begegnung eine kleine Laterne mit dem ewig brennenden Feuer bei sich. Er trug ein altes, ausgeblichenes Hemd und graue Farbe bedeckte seine Arme. Ich glaubte sogar etwas davon in seinen kurzen hellbraunen Haaren zu erkennen, die wirr von seinem Kopf abstanden. Mit zusammengekniffenen Augen sah er uns entgegen, bereit, jeden Eindringling sofort zu vertreiben. Mit den Sekunden, die verstrichen, konnte man beinahe beobachten, wie die Anspannung allmählich in ihm nachließ.

»Ihr?!«, fragte der ältere Mann, als hätte er mit unserem Anblick nicht mehr gerechnet. Im ersten Moment wusste ich kaum, wie ich mich verhalten sollte, denn in meiner Vorstellung war da immer Tieja gewesen, die uns überschwänglich in die Arme schließen würde. Miks mürrische Art dagegen hatte ich nicht sonderlich vermisst.

»Hallo, Mik«, sagte Jayden dennoch freundlich und zog die violetten Magiepunkte in sich zurück. »Unsere Aufgabe am Meer der Hoffnung ist vollbracht und wir erbitten ein Gespräch mit Euch und Tieja. Es ist sehr wichtig.«

Skeptische Blicke musterten uns voller Misstrauen. Mik schien eine ganze Weile darüber nachzudenken und sein Augenmerk blieb letztendlich an Nate haften. »Was ist mit ihm? Ihn hattet ihr das letzte Mal nicht dabei.« Er deutete mit der Laterne in die Richtung meines Bruders.

Obwohl wir alle erschöpft waren und uns nach einer ausgiebigen Pause in der kühlen Tiefe der Höhle sehnten, konnte ich ihn verstehen. Von seinen Entscheidungen hing der Schutz einer Gemeinschaft aus Geflohenen ab. Er allein trug die Verantwortung für ihre Leben.

»Nate ist mein Zwillingsbruder. Wir konnten ihn retten und ich muss dringend mit Tieja darüber sprechen.«

Es war vermutlich nicht die Erklärung, die sich Mik erhofft hatte. Dennoch ließ er von uns ab, bedeutete uns, ihm zu folgen, und kehrte in die Höhle zurück. Nate sah mich fragend an und ich glaubte, hätte er eine andere Wahl gehabt, als mir zu vertrauen, hätte er lieber einen anderen Plan vorgeschlagen. Er schien diesem mürrischen, alten Mann nicht über den Weg zu trauen.

»Tieja wird uns helfen«, flüsterte ich ihm zu, während ich es kaum erwarten konnte, die liebevolle Frau wieder in meiner Nähe zu wissen und ihr von all dem zu berichten, was am Meer der Hoffnung vorgefallen war.

Tiejas kleine Gestalt flackerte im bläulichen Licht des Ewigen Feuers, das sich in einer Laterne in der Mitte der kuppelartigen Höhle befand, die uns zu allen Seiten mit grauen Steinwänden umgab. Ich erinnerte mich daran, dass im hinteren Teil, der dort im Dunkeln verborgen lag, die schmalen Gänge zu den Schlafplätzen der Salia führten, doch dies hier war der zentrale Treffpunkt der Gemeinschaft.

Ihre braunen, freundlichen Augen fanden sofort die meinen. Ein Lächeln breitete sich auf Tiejas Gesicht aus und sie kam direkt auf mich zu. »Ihr seid früher zurückgekehrt, als ich es jemals für möglich gehalten hatte!« Sie umarmte mich etwas zu stürmisch für unsere kurze Bekanntschaft.

Trotzdem freute ich mich sehr, sie und Mia wiederzusehen, denn sie waren viel stärker mit meinem Schicksal verwoben, als ich es mir anfangs hatte eingestehen wollen. »Es ist schön, dich wiederzusehen, Tieja. Ich muss unbedingt mit dir sprechen«, sagte ich zu ihr.

Meine letzten Worte gingen beinahe in Mias lautem Ruf unter. »Nava!« Und dann rannte dieses noch so junge Mädchen mit offenen Armen auf mich zu, sodass mich der Vergleich mit seinem Halbbruder Tyler erneut schmerzte. In ihrer Unterschiedlichkeit prallten Welten aufeinander und ich fürchtete mich innerlich sehr davor, dass nur eine dieser Welten weiter bestehen konnte.

»Hallo, Mia«, flüsterte ich, während sie mich überschwänglich in die Arme schloss.

Jayden und Nate begrüßten die beiden Frauen dagegen in freundlicher Distanz. Nur ein paar Salia standen etwas abseits vom Schein des blauen Feuers, sodass ich nur wenig erkannte. Die Frauen unter ihnen trugen einfache Kleider, die nicht mit denen aus Marenna zu vergleichen waren. Aufgrund der grauen Farbe in ihren Gesichtern war es schwer zu erahnen, wie alt sie waren.

»Ich wusste nicht, dass du zurückkommen würdest!« Mias Augen leuchteten mir freudig entgegen. Sie war so unschuldig, so voller kindlicher Energie. Es war kaum vorstellbar, dass, wenn sie in Marenna aufgewachsen wäre, bereits in fünf Jahren an einen fremden Mann verheiratet werden würde.

»Wir hatten eine anstrengende Reise ans Meer und eine schwere Prüfung zu bestehen. Wir brauchen eine Pause, bevor wir nach Hause zurückkehren können«, versuchte ich ihr zu erklären. Dabei bemerkte ich erst im Anschluss, wie sich alle Blicke auf mich richteten.

Mik hatte seine Haltung verändert und mir war nicht entgangen, wie er sich zwischen uns und den Höhleneingang schob. Auch Tiejas Stirn legte sich irritiert in Falten, während Nate ebenfalls die Anspannung spürte und seine Miene für mich Bände sprach.

»Nava …?«, begann mein Zwillingsbruder zögernd, um mich auf die kritische Situation hinzuweisen, als drohte uns Gefahr.

Doch ich hob die Hand, um ihn zu unterbrechen. »Entschuldigt, wir werden alles erklären.«

Trotzdem regte sich niemand und keiner wagte es vorerst, mich nach den Gründen zu fragen. »Ihr solltet euch ausruhen, wenn eure Reise so schwer war, wie du sagst. Wie auch beim letzten Mal könnt ihr in einer der Gruben für heute Nacht unterkommen und euch stärken, bis ihr wieder zu Kräften gekommen seid. Erst dann werden wir über den weiteren Weg sprechen. Einverstanden?« Tieja blickte fragend in die Runde und verharrte bei ihrem Mann, der sie grimmig musterte.

»Du vertraust ihnen nach wie vor, obwohl sie zur Einzigen Stadt zurückkehren werden? Fürchtest du nicht, dass sie unser Versteck verraten?« Seine laute und bebende Stimme hallte für einen Augenblick nach und brachte mit diesen Worten die tatsächliche Anspannung zum Ausdruck.

»Sie sind Geflohene aus der Stadt ebenso wie wir, und sie bitten um unseren Schutz. Also werden sie unsere Gäste sein, wie sie es auch beim letzten Mal waren.« Tieja deutete uns, ihr zu folgen, ohne weitere Worte an ihren Mann zu richten oder ihre eigenen Bedenken zu äußern. Ich meinte noch, ein abfälliges Schnauben aus Miks Richtung zu hören.

»Danke«, sagte ich leise an sie gewandt. Obwohl sie mich nicht direkt ansah, erahnte ich ein Lächeln auf ihrem Gesicht.

Die Gruben, wie sie es nannten, waren Vertiefungen in der kühlen Erde, die mit Stoffen ausgelegt worden waren. Sie waren durch kleine Gänge voneinander getrennt, sodass ich mir vorstellen konnte, wie die jeweiligen Familien in eigenen Gruben lebten und dort schliefen. Dankbar legten wir unsere Gepäckstücke ab und obwohl ich unbedingt so bald wie möglich mit Tieja unter vier Augen reden wollte, ließ ich mich auf eine der Decken sinken. Wann hatte ich in den letzten Tagen überhaupt die Möglichkeit gehabt, die Ereignisse zu verarbeiten? Nach allem, was passiert war, auch nur einen Moment lang anzukommen?

Mia reichte uns auf grauen Schieferplatten etwas zu essen und Getränke in kleinen Gefäßen. Voller Dankbarkeit nahmen wir es in unserem erschöpften Schweigen an, und während wir aßen, wich Mia nicht von meiner Seite. Nate gab ein erleichtertes Stöhnen von sich, als er den ersten Bissen zu sich nahm. Mein Blick huschte zu Jayden, der sein Gefäß gierig leer trank. Ja, die letzten Tage waren hart gewesen und wir alle dankbar, dass wir nun endlich hier waren.

»Bist du denn immer noch traurig?«, fragte Mia mich irgendwann.

Ich musste darüber schmunzeln. Manche Menschen müssen die Traurigkeit tragen, damit viele andere glücklich sein können. So hatte ihre Mutter es ihr erklärt, nachdem die blauen Magiepunkte um mich herumgetanzt waren. Wieder betrachtete ich ihr hübsches und junges Gesicht, das so wenig Ähnlichkeit mit dem von Tyler aufwies.

Ich fragte mich, wie sie reagieren würde, falls sie von ihm erfuhr. Doch ich wollte mir nicht vorstellen, ihr von dem Tod ihres Halbbruders zu erzählen, der am Meer der Hoffnung der Magie erlegen war. Ich schluckte. Es war nicht fair, doch womöglich wäre es erträglicher, ihr niemals von Tyler zu berichten. »Nein, das bin ich fast nicht mehr«, sagte ich mit einem liebevollen Blick zu Nate und Jayden. »Aber in Marenna sind es noch sehr viele.«

»Könnt ihr mir davon erzählen? Wie ist denn diese Einzige Stadt?« Mit großen Augen sah sie mich erwartungsvoll an. Obwohl wir erschöpft und müde waren, wollte ich auf ihr Interesse und ihre Neugier antworten. Doch es fiel mir so schwer, Worte für das Geschehen innerhalb der Mauern zu finden, ohne ihre Vorstellung wie ein Kartenhaus in sich zusammenfallen zu lassen. Ich wollte ihr nicht von Ungerechtigkeit und Unterdrückung berichten – nicht von den unzähligen Mädchen, die sich das Leben nahmen, und auch nicht von der Gefangenschaft für Unzurechenbare.

»Mia, bitte geh zu deinem Vater und hilf ihm, die Vorräte aufzuräumen, ja?« Tieja trat in das schwache Licht der Gruben und starrte uns voller Fragen entgegen. Ohne zu widersprechen, nickte Mia sofort und erhob sich eilig. Mit einem letzten Blick auf mich, den ich mit einem Lächeln erwiderte, verschwand sie aus dem hinteren Teil der Höhle.

»Tieja …« Auch ich erhob mich augenblicklich und trat ihr einen kurzen Schritt entgegen. »Es tut mir leid, wir wollten keinen Ärger provozieren. Es ist nur … ich benötige dringend deinen Rat.« Ich sah sie bittend an.

Ihre Augen wurden größer, fragender. »Meinen Rat? Euch verfolgt eine Magie, die ich nicht kenne und ein Funkeln in euren Augen, das ich noch nie zuvor gesehen habe. Ihr seid am verfluchten Meer gewesen und mit einem Jungen zurückgekehrt, der dir ohne Zweifel gleicht. Ich weiß nicht, was hier vor sich geht oder welcher Prüfung ihr euch unterzogen habt, um dies überhaupt möglich zu machen. Und ich weiß erst recht nicht, weshalb ihr zurück in diese verdammte Stadt wollt. Und da bittest du um meinen Rat?«

Ich verstand ihre Zweifel, all ihre Fragen, die für sie keinen Sinn ergaben. Diese Unruhe in ihren Gedanken, weil so viel in dieser Welt geschah, das wir nicht verstehen konnten, bevor wir es nicht mit eigenen Augen erblickten.

Jayden und Nate blieben stumm hinter meinem Rücken in der Grube sitzen. Es schien mir, als hätten auch sie den Atem angehalten und warteten sehnsüchtig darauf, dass ich auf Tiejas Fragen Antworten parat hatte. Doch es gab keine. Ich hatte nur unsere Geschichte, die unwirklicher war als alles, das man uns in Marenna je gelehrt hatte.

»Ich werde dir die Wahrheit erzählen, nicht mehr und nicht weniger als das. Und egal wie verrückt oder wahnsinnig es dir vorkommen mag, bitte ich dich, mir zu glauben. Es ist die Wahrheit – das, was wir außerhalb der Stadt erlebt haben.« Meine Stimme klang trotz der inneren Nervosität erstaunlich selbstsicher. »Als wir aus der Stadt geflohen sind, wurde Jayden in der Großen Weite von einem der Aeringos berührt, als sie unsere Pekkos angriffen. Seitdem trägt er dieses Schimmern in seinen Augen und einen Teil ihrer Magie, auch wenn wir nicht wissen, was es für ihn bedeutet. Ich hatte furchtbare Angst, es könnte ihm den Verstand rauben, so wie man es von den Aeringos behauptet. Doch das ist bis heute nicht geschehen.« Für einen Moment warf ich einen Blick zu ihm zurück und betrachtete sein vertrautes Gesicht. Schnell unterdrückte ich all die Sorge, die ich um ihn in der unterirdischen Höhle verspürt hatte, damit meine Magiepunkte nicht wieder ausbrechen würden.

»Er trägt also die Magie der Aeringos?«, fragte Tieja.

Ich bestätigte es mit einem Nicken. »Wir wissen noch immer nicht, was das zu bedeuten hat. Aber bevor wir die Gemeinschaft der Salia zum ersten Mal erreichten, begegneten wir außerdem noch jemand anderem auf unserer Reise.« Ich holte tief Luft und wusste nicht, wie ich die folgenden Personen glaubwürdig vermitteln sollte.

»Es gibt drei Königinnen«, sprach Nate plötzlich aus dem Hintergrund. »Die drei Königinnen der Elemente – Erde, Wasser und Luft. Der Grundstein unserer Welt. Egal wie unglaubwürdig es für Euch klingen mag, Madame Tieja, es ist wahr. Diese Insel mit ihrer gesamten Magie wird von der Magie dieser Königinnen zusammengehalten. Sie sind nicht wie wir, sie sind … ebenfalls magisch.« Während Nate sprach, betrachtete ich die Veränderung auf Tiejas Gesicht, in dem sich nun noch viel mehr Fragen spiegelten.

»Von ihnen habe ich meine Magie erhalten.« Ich schloss die Augen, fühlte in mein Inneres und konnte dort die Trauer finden, die mich auf meinen Weg begleitet hatte, auch wenn sie nun viel kontrollierter war. Langsam begannen die Magiepunkte um mich herum zu schweben, immer mehr zu werden und mich beinahe einzuhüllen. Ich spürte die kleinen blauen Lichtpunkte auf meiner Haut glitzern.

»Aber das ist unmöglich«, hauchte Tieja.

Ich öffnete die Augen wieder, um sie anzusehen. »Es ist, wie du gesagt hattest: Die Magie der Traurigen. Ursprünglich die des Wassers, jedoch hat die Trauer mit unendlichen Tränen die Hand über dieses Element übernommen.« Für jemanden, der es nicht mit eigenen Augen gesehen hatte, musste diese Geschichte wie ein Märchen, eine alte Legende klingen, und meine Hoffnung, Tieja würde mich verstehen und uns in die Stadt begleiten, schwand langsam dahin.

»Tränen haben das Element Wasser übernommen?« Tieja zog eine Augenbraue nach oben und musterte mich skeptisch, als hätte ich mir zu heftig den Kopf angeschlagen und würde nun merkwürdige Dinge von mir geben.

»Was Nava sagen wollte, ist … dass wir zurück nach Marenna müssen, um all die Menschen aus der Gefangenschaft für Unzurechenbare zu befreien«, sagte Jayden plötzlich und seine Stimme klang dabei gewohnt ruhig und sachlich. »All diese, die in Marenna für seelenlos gehalten werden, können gerettet werden. Ebenso wie Navas Bruder.« Er deutete auf Nate und gab ihm zu verstehen, ihm zu Tieja zu folgen.

»Ist das wahr?«, flüsterte sie und wich zuerst erschrocken zurück. »Dass man die Unzurechenbaren retten kann?« Ihre Stimme trug die Furcht der Unwissenheit in sich und dennoch einen Funken glimmender Hoffnung. Sie schien sich aus ihrer Zeit in der Stadt noch an diese Gefangenschaft zu erinnern.

»Ja, mit dieser Magie, die Jayden und mir auf den Weg gegeben wurde, wird es uns hoffentlich möglich sein, die Menschen aus der Gefangenschaft und zudem unzählige Mädchen vor der Zwangsheirat zu retten«, sagte ich. »Mädchen wie Mia«, fügte ich mit Nachdruck und flehendem Blick hinzu.

»Aber das ist unmöglich!«, entfuhr es Tieja laut.

Ich hatte für einen Moment die Befürchtung, dass es die anderen in der Höhle aufhorchen ließ.

»Ihr seid zu dritt und wollt eine gesamte Stadt verändern?« Ihre Frage schwebte lange Sekunden zwischen uns, denn genau das war auch die Frage, die in unseren Herzen unbeantwortet blieb, da niemand es gewagt hatte, sie laut auszusprechen.

»Wir müssen es versuchen«, bat ich leise und streckte meine Hand vorsichtig nach ihr aus. »Tieja, erinnerst du dich an unser Geheimnis?«

Ich musste es nicht näher erläutern, denn sie verstand mich sofort. Sie erinnerte sich daran, dass ich ursprünglich an Miks erstgeborenen Sohn verheiratet werden sollte – unter der Herrschaft von Madame Patrice, die Frau, die Mik und Tieja wegen Mia den Tod an den Hals wünschte. Mit traurigem Blick nickte sie.

»Ich bitte euch, mit uns zu kommen. Mit in die Einzige Stadt, um gegen jahrelange Ungerechtigkeit und Unterdrückung anzukämpfen, die Frauen wie uns das Leben zur Hölle macht. Nicht alle jungen Mädchen haben die Möglichkeit, wie Mia aufzuwachsen. Behütet und beschützt vor den alten Traditionen eines noch viel älteren Mannes, der zwar den höchsten Titel der Stadt, aber auch all den dazugehörigen Hass der Menschen trägt. Indem wir die Tränen zu den Unzurechenbaren zurückbringen und die Mädchen von der Zwangsheirat befreien, werden die Tränenmeere ruhiger und wieder kontrollierbar werden. Nur so können wir die Insel vor ihrem Untergang bewahren, bevor das Ungleichgewicht der Elemente sie zerstören und unter sich begraben wird.« Ich gab ihr einen Moment, um diese Worte ankommen zu lassen. »Das hier ist eine Zuflucht, aber es ist nicht euer Zuhause«, sagte ich zum Schluss.

Jayden legte mir seine Hand auf die Schulter. »Ihr solltet in Ruhe darüber nachdenken«, schlug er freundlich vor, weil sie von all den Informationen eingeschüchtert wirkte.

Tieja nahm einen tiefen Atemzug, bevor sie zu sprechen begann. »Eure Magie mag wahr sein ebenso eure eigenartige Geschichte. Doch selbst wenn ich eure Hoffnung auf ein besseres Leben in der Stadt teilen würde, so erwartet uns in Marenna alle der Tod.« Keiner rührte sich, keiner wagte es, auf diese heftige Befürchtung zu reagieren. Ja, in den Augen des Majors waren wir Verräter – Flüchtige, die sich seinen Gesetzen entzogen und widersetzt hatten. Wir hatten unsere Bestimmung verweigert und gegen die Entscheidung des Hohen Rates gehandelt.

»Tieja hat recht«, antwortete Jayden. »Für unser Vergehen verlangt der Major sicherlich die Todesstrafe.«

Nate seufzte leise neben ihm auf. »Es ist nicht besonders klug, in einer taktischen Verhandlung zu erwähnen, dass einem bei Mithilfe der Tod erwartet. So erhalten wir keine Verbündeten für unser Vorhaben, die Stadt zu befreien.«

Jaydens Mundwinkel hoben sich zu einem amüsierten Lächeln.

»In der Tat, Nate. In Zukunft überlasse ich die Ansprache vor Verbündeten besser dir.«

Unsere Blicke richteten sich auf Nate.

»Also, was schlägst du vor?«, fragte ich meinen Bruder.

Er schien nur sehr kurz über eine Antwort nachzudenken.

»Es sind so viele Menschen, die innerlich gegen diese Stadt rebellieren. Nur wenn wir genügend miteinander verbünden, haben wir eine Chance, den Major und den Hohen Rat zu stürzen. Aber sie brauchen jemanden, der anfängt und hilft, sie anzuführen.« Er blickte hinüber zu Tieja. »Die Gemeinschaft der Salia wäre der Beginn von etwas Großem. Außerdem haben wir nicht vor, auf dem offensichtlichen Weg in die Stadt zurückzukehren.«

»Seit dreizehn Jahren leben wir hier draußen, abseits dieser scheußlichen Stadt, die vermutlich nicht einmal mehr von unserer Existenz weiß. Wir leben hier im Schutz der Insel und Mia wird in Freiheit aufwachsen können.« Tieja stemmte ihre aschgrau bemalten Hände in die Hüften. Nur ihr Gesicht war frei von der Farbe.

»Es ist dieselbe Ungerechtigkeit, die euch verbannt hat, gegen die auch wir nun ankämpfen werden. Unzählige Mädchen wie Mia sterben Jahr für Jahr, Tag um Tag. Und an einem davon war es meine Schwester«, hörte ich Jayden neben mir sagen und obwohl seine Stimme bebte, konnte ich die Entschlossenheit darin hören.

Nate zog scharf die Luft ein, denn das war eine der Informationen, von denen er noch nicht erfahren hatte. Auch Tieja ließ ihre Arme sinken.

»Der Major wird schon bald seine stärksten Krieger und mächtigsten Ehrenhäuser auf die Erkundung des Festlandes schicken. Das ist der ideale Zeitpunkt für uns. Auch wenn der Major selbst nicht die Insel verlassen sollte, so ist er nur ein alter und schwacher Mann …«

»Es ist uns nicht möglich, die verfluchte Insel zu verlassen oder gar zum Festland zurückzukehren! Jeder weiß das!«, stieß Tieja aufgebracht aus. »Die Kriege haben das Festland damals zerstört und seitdem lastet ein schwerer Fluch auf dem Gewässer zwischen uns und dem Königlichen …«

Jayden ging einen Schritt auf sie zu. »Man predigt den Menschen auch seit Jahren, das Leben außerhalb der Mauern werde zum sofortigen Tod führen. Dass niemandem es möglich sei, die Große Weite zu überqueren. Und dennoch lebt ihr seit dreizehn Jahren in einem Gebirge, von dem in Marenna noch niemand je gehört hat. Nur wir haben gesehen, dass sich viel mehr Magie in all dem verbirgt, als die Menschen es wissen. Und wir tragen diese Magie mit einer Aufgabe. Wir können nicht tatenlos zusehen und zahlreiche Menschen ihrem aussichtslosen Schicksal überlassen, während wir die Möglichkeit haben, uns zusammenzuschließen. Eine Gemeinschaft aus Geflohenen, Gefangene, die ihrer Seele beraubt wurden, und eine Organisation von Mädchen im Untergrund, die ihr Leben verabscheuen. Wenn das kein Potenzial hat, gegen den Major anzutreten und ihn mit dem Hohen Rat herauszufordern …« Jayden machte eine bedeutsame Pause und wir alle warteten einen Moment ab, ließen seine Worte wirken, die wie Funken auf uns herabfielen, weil sich in seiner Aufregung die violetten Magiepunkte um ihn herum verteilt hatten.

Ich berührte vorsichtig seine Hand und auch die Magie zuckte zusammen. Unsere Blicke kreuzten sich und ich hatte das Gefühl, etwas in unserem Inneren beruhigte sich, gab dieser unvorstellbaren Aufregung nach. Unsere Herzen waren eins, das konnte ich in diesem Moment ganz deutlich spüren, auch wenn wir seit dem Kuss noch nicht die Chance hatten, über unsere Gefühle zu sprechen. Nun wandte ich das Wort an die kleinere Frau. »Tieja, ich bitte euch mit allem, was in meiner Macht steht, mit uns in die Stadt zu kommen, und ich verspreche, eure Leben mit meiner Magie zu verteidigen, so sehr es mir möglich ist. An diesem einen Tag, als ich das Ehrenhaus verließ, um Leute um ihre Gelder zu bestehlen, hatte ich einen Entschluss gefasst. Den Entschluss, für meinen Bruder zu kämpfen, über meine eigenen Grenzen hinaus. Doch nun habe ich eine viel größere Aufgabe erhalten, eine Bestimmung, all diese Menschen zu retten, die ebenfalls auf Hilfe angewiesen sind. Und das sind in Marenna so viele, dass niemand sie zählen kann. Deshalb brauchen wir Unterstützung. Wir brauchen euch, damit das Leid in dieser Stadt endlich ein Ende nimmt und die Insel vor dem Untergang bewahrt werden kann!« Meine Worte klangen so schwer wie einst die Trauer, die mich erdrückt hatte. Ich sah Tieja an, flehend aber auch voller Ehrlichkeit. Ob sie spüren konnte, dass ich bereit war, diese Herausforderung anzunehmen?

»In Zukunft solltet ihr sie sprechen lassen, wenn ihr Verbündete von eurem Vorhaben überzeugen wollt.« Tieja lächelte Jayden und Nate kurz zu. Etwas in ihren Augen flackerte kaum merklich auf, als sich ihr Blick wieder auf mich richtete. »Ich werde mit Mik sprechen und ihr solltet euch jetzt ausruhen. Scheinbar habt ihr wirklich sehr viel erlebt.« Damit wandte sie sich ab, verschwand in der Dunkelheit der restlichen Höhle und ließ uns bei den Gruben zurück.

Meine angespannten Schultern gaben nach und als ich mich umdrehte, blickten Nate und Jayden mir erwartungsvoll, beinahe andächtig entgegen.

»Vielleicht werde ich mich niemals daran gewöhnen, wie erwachsen du doch geworden bist. Und an diese seltsame Magie, die dich seitdem umgibt.« Nates Mundwinkel hob sich zu einem schiefen Lächeln und Jayden griff ein wenig stolz, wie es mir schien, nach meiner Hand, während auch um ihn die violette Magie flimmerte.

Kapitel 2

~ Mia ~

 

Fürchte dich nicht vor dem Unbekannten,

denn vielleicht fürchtet es sich auch vor dir.

 

Ein Huschen weckte mich später in der Nacht. Wie ein zu schneller Luftzug, ein minimales Geräusch, das außer mir niemand wahrzunehmen schien.

»Nava«, flüsterte etwas sanfter als der Wind. »Nava!«

Ich schlug die Augen auf, blickte in die Dunkelheit der Gruben und lauschte für den Bruchteil einer Sekunde dem ruhigen Atem von Nate und Jayden. Ein Knacken ertönte so schwach hinter mir, dass ich es nur vernahm, weil wir seit Wochen auf der Flucht waren und jedes kleinste Geräusch entscheidend sein konnte. Um der Dunkelheit Einhalt zu gebieten, horchte ich in mein Innerstes, in diesen Wirbel aus Emotionen und Trauer hinein. Vorsichtig versuchte ich, nur wenige Magiepunkte aufflimmern zu lassen. Es gelang mir gerade genug, um etwas zu erkennen, aber niemanden aufzuwecken.

Mias winzige gräuliche Gestalt hockte am Eingang der Gruben und blickte mir mit faszinierten Augen und offenem Mund entgegen. Kurz darauf winkte sie mich zu sich und huschte weiter. Kaum war ich aufgestanden, bemerkte ich die Kälte innerhalb der Gruben und warf mir das Cape über die Schultern.

Während ich ihr folgte, war ich bemüht, ebenso leichtfüßig und still über den erdigen Boden zu schleichen wie sie, ohne dass Jayden wach wurde, der so nah neben mir schlief. Er wirkte so friedlich im blauen Schein meiner Magie und am liebsten wollte ich ihm eine Haarsträhne zurückstreichen, die ihm ins Gesicht gefallen war. Ich konnte mich nicht erinnern, wann ich ihn einmal entspannt gesehen hatte. Seit wie vielen Tagen befanden wir uns eigentlich auf der Flucht? Wann war die ständige Angst, entdeckt zu werden, ein gewohnter Begleiter geworden?

Im Gang zu den Gruben war es kühl und der Boden unter meinen nackten Füßen wurde allmählich steiniger. Ich wollte Mias Namen leise rufen, unterließ es aber, um nicht auf mich aufmerksam zu machen.

Stattdessen fand ich zurück zum großen Hohlraum, in dem wir zur Begrüßung gestanden hatten und ein kleines Ewiges Feuer in Miks rostiger Laterne brannte. Die verschiedenen Blautöne mischten sich ineinander und schimmerten an den Höhlenwänden. Ich atmete hörbar auf, nachdem ich weit genug von den anderen entfernt war. Obwohl ich mitten in der Nacht aufgeschreckt war, fühlte ich mich überraschend ruhig. Ich hatte das Gefühl, wir waren hier ein wenig mehr in Sicherheit als überall sonst auf der Insel. Würden wir uns jemals wieder in Sicherheit wiegen können?

Wieder erhaschte ich aus dem Augenwinkel eine Bewegung. Mia war scheinbar zum Höhlenausgang verschwunden und ich folgte ihr sofort. »Mia«, hauchte ich.

Doch das Mädchen schien nicht warten zu wollen. Der Boden veränderte sich vom erdigen Untergrund zu rauem Gestein, dennoch schien Mia ihr Tempo kaum zu verändern. Letztendlich trat ich aus der Höhle nach draußen in einen violetten Schein, der fast die ganze Welt eingenommen hatte. Die Aeringos. Mia lehnte an einer Felswand gegenüber der Höhle und kicherte mir leise zu. Die Gemeinschaft der Salia lag verborgen in einem erhöhten Berg des Gebirges, sodass man vor dem Höhleneingang auf die Felsen und den weiten Himmel mit den Farben der Aeringos blicken konnte. Mit einem Schmunzeln trat ich zu ihr und setzte mich neben sie. »Hey«, flüsterte ich. »Schleichst du immer so spät nach draußen?«

»Manchmal«, antwortete sie mit einem schelmischen Grinsen. »Ich will mich schließlich gar nicht vor der Insel verstecken.«

Ihre Worte trafen etwas in mir, das zu beben begann. Ich erinnerte mich an Tiejas Worte, all die Geheimnisse vor Mia zu wahren. Sie versuchte seit Jahren ihre Tochter vor dem Grauen der Einzigen Stadt zu beschützen. Doch ich verstand auch Mia: Wie sollte sie etwas fürchten, das sie nicht kannte?

»Wirst du wirklich zur Stadt zurückkehren, Nava?« Mit großen, fragenden Augen blickte sie mich an.

Ich wollte sie in die Arme schließen und ihr sagen, dass ich nicht fortgehen würde, wie zu einer kleinen Schwester, die ich nicht hatte und dennoch niemals im Stich lassen wollte. Am liebsten wollte ich ihr all die Fragen nehmen und sie vor der Wahrheit schützen. Doch war das überhaupt möglich? Konnte man uns Menschen vor der Wahrheit beschützen, wenn sie doch so offensichtlich vor uns lag? »Weißt du, Mia, wir alle bekommen eine Aufgabe in unserem Leben gestellt. Entscheidend ist, ob wir sie auch erkennen und wie wir sie letztendlich bewältigen. Jeder von uns kann etwas ändern. Wir müssen es nur tun.«

Sie schien jedes meiner Worte wie ein Schwamm aufzusaugen und beobachtete mich konzentriert, während ich sprach. Als bedeuteten meine Worte mehr als Gold für sie. »Und was ist deine Aufgabe?«