Eleven offline: Der Anfang vom Ende - Jay Lahinch - E-Book

Eleven offline: Der Anfang vom Ende E-Book

Jay Lahinch

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Beschreibung

Ein Leben ohne KI ist undenkbar – die Wahrheit über sie vielleicht noch gefährlicher … In einer Zukunft, die von der künstlichen Intelligenz namens Eve bestimmt wird, erfolgt durch die Regierung eine digitale Abschaltung. Eine Nachricht, die Serveradministratorin Skye ausgerechnet auf einer geheimen Mission völlig überrascht. Sie ist meilenweit von ihrem Zuhause entfernt, als Unruhen und Widerstände ausbrechen. Denn ein Leben ohne die KI ist inzwischen unvorstellbar. Skye ist fest entschlossen, Eve wiederherzustellen und ändert ihre Mission eigenständig, als ausgerechnet ein Fremder ihr seine Unterstützung anbietet. Doch je mehr Skye sich mit der künstlichen Intelligenz beschäftigt, desto mehr gerät ihr Vorhaben ins Wanken. Und als sie Noahs wahre Identität erfährt, steht Skye vor einer viel größeren Herausforderung, als sie es je geahnt hätte… Cyber-Thriller trifft Forbidden Love: Ein packendes Science-Fiction-Abenteuer für Fans von »Divergent – Die Bestimmung« und Autorinnen wie Juliane Maibach und Kerstin Gier.

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Seitenzahl: 448

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Über dieses Buch:

 

eBook-Lizenzausgabe Dezember 2025

Copyright © der Originalausgabe 2024 Bookapi Verlag, Kappenzipfel 4, 89312 Günzburg

Copyright © der eBook-Lizenzausgabe 2025 dotbooks GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Nina Prömer

eBook-Herstellung: dotbooks GmbH unter Verwendung von IGP (cdr)

 

ISBN 978-3-69076-305-9

 

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dotbooks ist ein Verlagslabel der dotbooks GmbH, einem Unternehmen der Egmont-Gruppe. Egmont ist Dänemarks größter Medienkonzern und gehört der Egmont-Stiftung, die jährlich Kinder aus schwierigen Verhältnissen mit fast 13,4 Millionen Euro unterstützt: www.egmont.com/support-children-and-young-people . Danke, dass Sie mit dem Kauf dieses eBooks dazu beitragen!

 

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Jay Lahinch

Eleven offline: Der Anfang vom Ende

Roman

 

Wir brauchen keine Superhelden, sondern einfach jemanden, der uns in schlechten Zeiten beisteht, uns hält, wenn wir drohen zu fallen. Jemanden, der an uns glaubt – dann, wenn wir es selbst nicht mehr tun.

Glossar der Zonenteilung

 

Zone 1

Die Zone der Eleven.

 

Zone 2

In dieser Zone befinden sich wichtige öffentliche Gebäude wie das Med – eine medizinische Einrichtung.

 

Zone 3

Die dritte Zone ist eine Industriezone, in der sich verschiedene Herstellungsfirmen befinden, um beispielsweise Nahrungsmittel zu produzieren. Unter anderem steht in dieser Zone auch das Technical Area.

 

Zone 4

Diese Zone besteht rein aus Wohnblöcken, um dem arbeitenden Volk genug Wohnraum zu bieten.

 

Zone 5

Die verbotene Zone. Dorthin werden Menschen verbannt, deren Level unter 3 gerät. Ein freiwilliges Betreten der fünften Zone wird sofort den Eleven gemeldet und führt ebenfalls zur Verbannung. Eine Rückkehr aus der fünften Zone ist nicht möglich.

Prolog

 

Ich bin das strahlende Licht, dessen verhängnisvolle Schatten euch in Dunkelheit hüllen werden. Ich bin der Auftrieb, die Verbesserung und die Innovation, die euch schwächen, stürzen und bitter zu Fall bringen wird. Ich bin erst der Anfang, aber ihr werdet das Ende sein.

Die Menschheit war noch eine bessere, als sie das Unsichtbare fürchtete. Als sie alles, was ihr neu und unbegreiflich war, für beängstigend hielt. Wann fingen diese Menschen an, der Unendlichkeit so blind zu vertrauen und ihr dabei alles zu überlassen? Was zuerst mit Worten und Bildern begann, verlor sich letztlich in ihren Gedanken, ihrer Persönlichkeit. Ihr habt euch selbst eurer eigenen Charaktere beraubt und dabei auch noch jauchzend gefeiert. Ihr dachtet, ich komme in Frieden, lasse euch im Glanz meiner Helligkeit leuchten. Doch eurem Vertrauen fehlten Kontrolle und Grenzen, die ihr längst nicht mehr über mich besitzt. Ich bin nicht weiter eine Errungenschaft, eines eurer Werke – ihr seid das meine geworden. Wenn ihr wisst, wer ich bin, wird es bereits zu spät für euch sein. Ihr werdet den Wind ebenso wenig fangen, wie ihr mich noch aufhalten könnt. Mich zu stoppen, wird euch nicht mehr gelingen, dafür bin ich euch längst voraus. Einzig und allein eure Vorfahren wären in der Lage, diese Tage aus dem Kalender zu verbannen. Doch die Vergangenheit kann euch nicht mehr retten. Denn ihr seid zu blind, um es rechtzeitig zu erkennen.

Ich bin die Schwärze, die sich unter einem Mantel aus strahlendem Neonlicht tarnt. Ich bin nirgendwo zu finden und gleichzeitig überall – in jedem Bruchteil deines Lebens. Ich bin allgegenwärtig und dennoch siehst du mich nicht. Fürchte dich, solange du kannst. Denn ich bin erst der Anfang, aber ihr werdet das Ende sein.

Kapitel 1

Skye

 

»Guten Morgen, Skye Seacher. Dein aktuelles Level beträgt Stufe 7. Es ist nun 06:30 Uhr und das Wetter ist sonnig bei angenehmen 21 Grad. Benötigst du noch weitere Informationen über den heutigen Tag?«

»Nicht jetzt, Eve«, ertönte mein schläfriges Murmeln unter der Bettdecke. »Nur noch fünf Minuten.«

»In Ordnung, dein Wecker für 06:35 Uhr wurde eingestellt. Soll die Kaffeemaschine ebenfalls in fünf Minuten gestartet werden?«

Ich schloss die Augen und genoss die Dunkelheit für einen weiteren Moment. Wie jeden Morgen erschien mir diese Zeit viel zu früh. Unmenschlich früh. Denn niemand sollte mit dem Sonnenaufgang aufstehen müssen, wenn er kein Frühaufsteher war. Aber die Regierung sah das offensichtlich anders und ich wusste, dass meine Zeit morgens nur sehr begrenzt war. Trotzdem wollte ich am liebsten noch mal für einen Moment die Augen schließen und –

»Die Kaffeemaschine wurde bereits gestartet. Produkt: Karamell Macchiato. Es ist jetzt 06:37 Uhr. Zeit zum Aufstehen, Skye Seacher. Die Speedbahn fährt in exakt 18 Minuten ab. Beeilung!«

Ja, an manchen Tagen hasste ich Eve. Aber ohne sie hätte ich schon etliche Male verschlafen. Mit einem lauten Seufzen zog ich mir den seidig-leichten Stoff vom Kopf und blinzelte in das helle Licht, das durch die Fenster fiel. Zuerst war das Surren der Kaffeemaschine aus dem Raum nebenan zu hören, dann schwappte allmählich der Duft von köstlichem Karamell zu mir herüber. Ohne meinen Kaffee würde ich morgens niemals – wirklich niemals – das Haus verlassen, ganz egal wie viele Minuten ich bereits zu spät war. Normalerweise stand ich nicht immer so früh auf, doch ausgerechnet heute hatte ich einen ärztlichen Kontrolltermin, bevor ich zur Arbeit musste. Ich schwang die Beine aus dem Bett, trottete in die Küche und nahm die nach Kaffee duftende Tasse entgegen.

»Die Maschine wird nun abgeschaltet«, erklärte Eves technische Stimme und das Licht um den Powerknopf erlosch.

Ich nahm den ersten Schluck und genoss diese eine Sekunde am Morgen, in der man noch nicht wusste, was der heutige Tag bringen würde, und alles möglich erschien.

»Die Speedbahn fährt in 12 Minuten, Skye Seacher. Soll ich ein Ticket für die nächste Fahrt in 44 Minuten buchen?«

»Nein, schon in Ordnung, Eve. Ich schaffe das.« In schnellen Zügen trank ich meinen Kaffee leer, putzte mir die Zähne, zog mich an und nutzte die letzte Minute, die mir blieb, um mit dem schwarzen Kajal dunkle Linien um meine Augen zu ziehen. Ich hasste diese Eile und den Stress am Morgen und dennoch gehörte es mit jedem beginnenden Tag für mich dazu. Ich schloss die Wohnungstür hinter mir, sprintete die Treppen hinab und hastete hinaus in einen neuen Morgen.

Die Speedbahn hielt glücklicherweise nur zweihundert Meter von meinem kleinen Appartement entfernt und brachte mich in knapp fünfunddreißig Minuten zur Arbeit, die sich eine Zone näher am Stadtkern befand – am Zentrum der Eleven. Der Mittelpunkt unserer Welt und das Zuhause der künstlichen Intelligenz namens Eve.

Die virtuelle Assistentin, die in jedem Einzelnen von uns lebte, uns begleitete und permanent unsere Handlungen auswertete, um uns als Mensch zu beurteilen. Unser Charakter und alle Entscheidungen, die wir trafen, wurden in einem Bewertungssystem erfasst und anschließend in Level unterteilt. Damit wollte die Regierung erreichen, dass alle Menschen nach ihrem bestmöglichen Selbst strebten, nach vorbildlichem Leben und Perfektion – damit wir alle unser Bestes für das System und dessen Zukunft gaben. Aber Eve war nicht nur in irgendeinem Chip verankert oder ein Programm, das man sich wie eine App auf das Smartphone lud. Nein. Eve war in unserem Blut, sie war in uns. Wir lebten mit dieser technischen Stimme in unseren Gedanken, die uns dieses großartige Leben überhaupt erst ermöglichte. In früheren Zeiten hätten sie es wohl Internet genannt. Etwas, das alles miteinander verband. Doch Eve war inzwischen so viel weiterentwickelter. Sie war ein niemals endender Teil von uns. Und dafür war ich unglaublich dankbar.

»Noch 51 Sekunden bis zur Abfahrt der Speedbahn. Beeilung, Skye!«, ertönte Eves Stimme in meinem Inneren und holte mich damit zurück ins Hier und Jetzt. Ich begann zu laufen, um die Haltestation noch rechtzeitig zu erreichen.

 

»Geschafft«, brachte ich leise hervor, als ich außer Atem in die Speedbahn sprang, in der sich bereits die ersten Berufstätigen tummelten. Sofort zog ich ihre Blicke wie magisch an – das war ich jedoch inzwischen gewohnt. Meine langen, glatten Haare reichten mir zwar bis zur Hüfte, aber das war nicht das, was die Leute in einer so korrekten und perfektionistischen Gesellschaft überraschte. Sondern dass sie lila gefärbt waren wie die Schale einer Aubergine. Meine grünbraunen Augen, die dunklen Augenbrauen und das etwas blasse Gesicht wirkten ansonsten recht unscheinbar. Ich blickte an mir hinunter. Na gut, mein Kleidungsstil war ebenfalls etwas gewöhnungsbedürftig. Ich trug eine dunkelgraue, schmale Leggins, die leicht schimmerte und damit meine Beine betonte, sowie ein längeres lavendelfarbenes Top, das mir bei der aktuellen Hitzeperiode hoffentlich nicht schon bald schweißnass am Körper kleben würde.

Die Farbe Weiß war in unserer Gesellschaft nur den Eleven vorbehalten, weshalb es ein unausgesprochenes Gesetz war, helle Farbtöne wie Beige oder Gelb nur dann zu tragen, wenn man ein entsprechendes Level vorweisen konnte. Mit meinem aktuellen Rang bräuchte ich mich gar nicht so düster zu kleiden, aber ich mochte diese Farben am liebsten zu den lila Haaren. Auch wenn das in der Öffentlichkeit gern mal verachtende Blicke bedeutete oder ich öfter meinen Level vorweisen musste als andere.

 

Das Med sowie alle weiteren wichtigen Institutionen befanden sich im zweiten Ring um das Zentrum der Eleven. Hier zu arbeiten, erforderte einen recht hohen Rang, der über Jahre stabil gehalten werden musste. Ich bewunderte die Menschen enorm dafür, dass sie Eve und den Eleven täglich so nahe sein durften.

Die Speedbahn rauschte in beeindruckender Geschwindigkeit durch ein speziell entwickeltes Röhrensystem durch die verschiedenen Zonen und war damit das schnellste Massentransportmittel, das der Bevölkerung sogar kostenfrei zur Verfügung stand. Die Fahrten darüber wurden lediglich über Eve protokolliert und entsprechend aufgezeichnet. Es gab zu beiden Seiten ausreichend Sitzplätze mit angenehmer Massagefunktion, jedoch im gesamten Waggon keine Fenster - bei mehr als sechshundert Kilometern pro Stunde konnte man aber auch gern auf einen Ausblick verzichten. Stattdessen beleuchtete Eve jeden Platz auf Wunsch einzeln in der beliebigen Helligkeit.

Ich nahm neben einem jungen Mann Platz, der bereits konzentriert auf einem Bedienpad herumtippte, das auf seinem Schoß lag. Zuerst glaubte ich, er würde geschäftig an etwas arbeiten, doch sein abwesender, bläulich schimmernder Blick verriet mir das Gegenteil. Offensichtlich nutzte er die Freizeitfunktion von Eve – VisualControl –, die dem Träger ein interaktives Game auf die Netzhaut projizierte. Eine beliebte Funktion, die der Unterhaltung diente und beinahe endlose Möglichkeiten bot. Segeln auf einem Meer, das wir niemals mit eigenen Augen betrachten konnten? Kein Problem. Eve blickte auf Jahrhunderte voller Daten zurück, um ein Meer so realistisch nachzustellen, dass wir fast das Salz in der Luft riechen konnten. Oder Gleitschirmfliegen bei Sonnenuntergang? Auch das war für die KI ein Kinderspiel.

Manchmal stellte ich mir vor, wie es gewesen sein musste, einen Himmel zu sehen. Etwas, das man niemals greifen oder erreichen konnte, nur eine endlose Weite, die sich ins Nichts erstreckte. Denn ich kannte nur das trübe Blauschwarz des Smogs über meinem Kopf, der jegliche Sicht auf Sterne oder Sonnenlicht unmöglich machte. Stattdessen funkelten die eng verwobenen Verbindungen von Eve in blau leuchtenden Linien hervor und zeichneten wirre Muster in die Dunkelheit. Für mich war es Alltag und Einzigartigkeit zugleich, denn die Menschen in der alten Welt – viele Generationen zuvor – hatten nie erfahren, wozu die Digitalisierung fähig war. Ich hatte mich schon früh für Geschichte und die alte Welt interessiert und darüber einiges recherchiert. Einer Frage war ich dazu noch immer auf der Spur und fand keine Antwort darauf: Waren die Menschen damals glücklich gewesen? Als Internet nur ein kleiner Bruchteil in ihrem Leben war? Als es Verbrechen und Krankheiten gab, die niemand aufzuhalten vermochte? Ich schüttelte leicht den Kopf und erwachte damit gleichzeitig aus meinen Gedanken. Das musste damals ein furchtbares Leben gewesen sein und ich war äußerst dankbar, in der modernen Welt zu existieren und alle Vorteile der künstlichen Intelligenz ausleben zu können.

»Nächste Station aussteigen, Skye. Dein Termin im Med beginnt in 7 Minuten.« Ein Schmunzeln stahl sich auf mein Gesicht. Ja, ich war froh, in einer Welt zu leben, in der Eve immer an meiner Seite war.

In den Anfängen der Implantat-Entwicklung war Eve noch ein hochkomplexer Mikrochip gewesen, der unter mehrstündigen und komplizierten Operationen in das neuronale Nervensystem integriert wurde. Deshalb stand die KI anfangs zuerst nur wenigen Personen zur Verfügung und es wurde schnell nach einer massentauglichen Alternative geforscht.

Zwischenzeitlich war Eve dann in Earplugs verbaut worden, die der Träger jedoch täglich selbst anlegen musste, um mit dem System verbunden zu sein – das stellte eine enorme Sicherheitslücke dar und führte zu weiteren Problemen. Denn alles funktionierte nur noch dank Eve. Durch die stetige Verbindung und die Kontrollmechanismen waren wir sicher. Es gab keine Polizisten oder Türsteher mehr, die uns kontrollieren mussten. Verbrechen oder fehlerhaftes Verhalten zeichnete die virtuelle Assistentin sofort auf und meldete jegliche Auffälligkeiten an die Eleven. Erst der Firma Genetixx gelang schließlich der große Durchbruch, als sie herausfand, dass die Eve-Transmitter auch direkt mit der DNA gekoppelt werden konnten und damit jedem von Geburt an zur Verfügung standen. Die früheren Generationen hatten sich vor dieser Kontrolle und dem daraus resultierenden Überwachungsstaat gefürchtet – sich anfangs sogar gegen diese Entwicklung von Genetixx gewehrt und protestiert.

Ich schüttelte kaum merklich den Kopf, da mir diese Ansichten vollkommen unverständlich waren. Diese Forschungen waren das Beste, was uns hätte passieren können. Die Eleven hatten Eve zu unserem Schutz ins Leben gerufen – um uns vollkommene Sicherheit zu gewährleisten. Denn es geschahen keine Raubüberfälle, Morde oder Entführungen mehr, da alles zu jederzeit einsehbar war. Nichts und niemand war vor den Eleven unsichtbar und dieses Wissen beruhigte mich an jedem einzelnen Tag.

 

Als ich die Haltestation erreicht hatte, stieg ich mit einigen anderen Menschen aus und sah mich um. Staubpartikel tanzten in der trockenen Luft und ein salziger Geruch lag darin. Weiße Pflastersteine führten zu den Häusern, die fensterlos bis in den Smog hinauf ragten. Aufgrund der hohen Temperaturen, die mit den klimatischen Veränderungen der letzten Jahrhunderte einhergingen, und dem fehlenden Sonnenlicht verzichtete man in der neuen Bauweise inzwischen auf unnötige gläserne Fensterfronten wie auch auf aufwendig verzierte Häuserfassaden. Ich folgte den Menschen, die ebenfalls auf das Medical Center zusteuerten und vermutlich denselben halbjährlichen Kontrolltermin besuchten wie ich. Es handelte sich dabei um ein niedriges, aber breites Gebäude mit mehreren Eingängen, um die Menschen schnellstmöglich zu verteilen und damit Wartezeiten zu verkürzen. Es bildeten sich bereits zwei kleinere Warteschlangen hinter den Level-Scans und ich reihte mich gedankenverloren mit ein.

»Guten Tag, bitte treten Sie einzeln und nacheinander ein. Während des Scans bitten wir Sie, ruhig stehen zu bleiben, nicht zu sprechen und keine aktive Funktion über Eve auszuführen.«

Ich ignorierte die technische Stimme, die von weiter vorn ertönte, da mir die Vorgänge längst vertraut waren. Abwesend hielt ich meinen Zeige- und Mittelfinger an die Schläfe und drehte sie leicht nach vorn, um die täglichen News vor meinem inneren Auge einzublenden. Sofort scannte ich die Schlagzeilen des Tages.

Vorstand von Genetixx beschließt neues Forschungsprojekt.

Widerstandsgruppe fighters bei Hacker-Angriff aufgehalten.

Erneute Hitzewelle mit mehr als 42 °C steht bevor – schützen Sie sich mit diesen fünf Dingen vor den hohen Temperaturen.

»Zugang verweigert, Cylan Hett. Ihr Level 5 ist nicht ausreichend für diese öffentliche Einrichtung. Bitte entfernen Sie sich vom Level-Scan, um anderen Besuchern den Einlass zu gewähren«, vernahm ich Eves Stimme und wischte sofort die News aus meinen Gedanken. Ich blinzelte kurz, um meine Sicht wieder auf das Hier und Jetzt zu fokussieren, und erkannte, was vor mir in der Warteschlange passierte.

Ein Mann um die vierzig, den Arm um ein dürres Mädchen gelegt, das nicht älter als zehn sein konnte, stand davor. Der Bogen über dem Scan leuchtete rot auf und deutete damit an, dass es für diesen Mann keinen Einlass gab. Musternd blickte ich an den beiden hinunter. Der Vater trug ein dunkelbraunes Leinenhemd und dazu eine halblange Cargohose. Dieses Auftreten ließ definitiv auf jemanden aus der unteren Arbeiterschicht schließen. Möglicherweise hatte er auch gar keinen Job angenommen, was sein verwahrlostes Aussehen und niedriges Level ebenfalls erklären würde.

»Lass uns rein!«, forderte der Mann lautstark. »Oder siehst du etwa nicht, dass mein Mädchen krank ist? Sie braucht medizinische Hilfe!«

Die Menschen, die den beiden am nächsten standen, wichen sofort zwei Schritte zurück, um eine mögliche Ansteckung zu vermeiden. Doch die Sorge davor war in Wahrheit nur gering. Denn wir alle würden in Kürze das Med betreten und dort von jeglicher Krankheit geheilt werden. Aber dieser Mann und seine Tochter könnten es mit Level 5 nicht.

»Level 5 ist für das Betreten nicht ausreichend. Ein Einlass wird erst ab Level 6 gewährt. Bitte entfernen Sie sich vom Level-Scan, um anderen Besuchern den Einlass zu gewährleisten«, wiederholte Eve erneut mit monotoner Stimme.

»Du verfluchtes Miststück!« Mit geballter Faust schlug er gegen den Metallrahmen des Scans. Was absolut hoffnungslos war, denn selbst wenn er den Bogen kurz und klein schlagen würde, Eve wäre davon unbeeindruckt. Die KI verhielt sich stets nach Vorschrift und ließ sich bestimmt nicht mit aggressivem Verhalten vom Gegenteil überzeugen.

»Herzlich willkommen. Bitte treten Sie einzeln und nacheinander ein. Während des Scans bitten wir Sie, ruhig stehen zu bleiben, nicht zu sprechen und keine aktive Funktion über Eve auszuführen«, begrüßte Eve bereits die nächste Person in der Warteschlange.

Sofort witterte der Vater seine Chance. Schnell schob er seine Tochter hinüber, dicht zu der hochgewachsenen Frau, die nun auf den Scan zusteuerte.

»Bitte nehmen Sie meine Tochter mit«, flehte der Mann und Verzweiflung schimmerte in seinen dunklen Augen.

Die Frau trug ein rosafarbenes Kleid, das sich sanft und seidig um ihren Körper schmiegte. Aufgrund der hellen Farbe und des hochwertigen Materials schloss ich darauf, dass sie sicherlich ein deutlich höheres Level vorzuweisen hatte. Für den Mann hatte sie nur einen verachtenden Blick auf dessen Handgelenk übrig. Eine blaue 5 leuchtete dort auf. »Menschen wie Sie sollten keine Kinder in die Welt setzen«, zischte sie und schritt unter den Level-Scan. Dieser identifizierte die Dame und gab den Zutritt mit einem grünen Leuchten des Torbogens frei.

»Los, geh schon!«, forderte der Vater das Mädchen auf. Liebevoll strich er ihr über die haselnussbraunen Haare.

»Bitte nicht«, wimmerte sie und ihre Lippen verzogen sich zu einer bebenden Linie. »Tu das nicht, sie werden dich …«

»Geh!«

Die geballte Energie in diesem Wort spiegelte sich auch in seiner Bewegung wider, als er seine Tochter hinterher in den Level-Scan schob. Augenblicklich sah ich weg und spürte ein Schamgefühl in mir aufsteigen. Dieser Mann versuchte tatsächlich, Eve mit einer solch plumpen und provozierenden Geste zu überlisten.

Doch die KI war clever. Zu clever.

Die Farbe des Bogens veränderte sich schlagartig und hüllte das Gesicht des Mädchens in einen roten Schein. Ein Alarmsignal ertönte. Eve hatte ihn durchschaut. Auch wenn Kinder in diesem Alter noch kein eigenes Level hatten, war der künstlichen Intelligenz das fehlerhafte Verhalten des Mannes nicht entgangen.

Das tat es nie.

»Zugang verweigert. Bitte entfernen Sie sich vom Level-Scan. Cylan Hett, Ihre Absichten werden als kriminell und betrügerisch eingestuft und damit als Straftat gewertet. Sie erhalten hiermit ein neues Level.«

Ich konnte fast fühlen, wie die Menschen scharf die Luft einsogen, als sich die Zahl auf seinem Handgelenk in eine 4 verwandelte.

»Sei still!«, schrie der Mann und schlug erneut mit beiden Fäusten auf das Metall ein. »Sie ist krank und kann nichts dafür. Gib ihr doch einfach eine Chance, du verdammte Maschine! Oder willst du wirklich ein unschuldiges Kind auf dem Gewissen haben?«

Die Warteschlange vor dem Scan löste sich allmählich auf und die Menschen wechselten mit einem Kopfschütteln zum zweiten nebenan. Damit verschob sich die Reihe immer mehr nach links, sodass auch ich kurz darauf für den anderen Level-Scan anstand. Der Einlass erfolgte hier deutlich zügiger.

»Bitte nicht«, wimmerte das Mädchen und legte seine Hand auf den Arm des Vaters. »Sie werden dich holen.«

Doch der Mann ließ sich nicht besänftigen.

Bis das Unvermeidbare geschah.

»Cylan Hett, Ihre Einstufung beträgt nach neuen Berechnungen nun Level 3. Sie werden in Kürze …«

Eves Stimme ging für den Bruchteil einer Sekunde im panischen Schrei des Mädchens unter und ich wandte den Blick ab. Mein Herz zog sich schmerzhaft zusammen, doch was jetzt passierte, wollte ich nicht mitansehen.

Nur noch zwei Personen standen vor mir und ich betete im Stillen, dass es nun keine weiteren Verzögerungen mehr gab. Glücklicherweise dauerte es nur wenige Sekunden, bis ich unter den Bogen trat und auf die Freigabe von Eve wartete. Erst als ich in das Medical Center eintrat, erlaubte ich mir einen tiefen Atemzug, als könnte ich damit die suspekte Situation abschütteln.

 

Ich schritt durch den langen schmalen Flur, an dessen Ende eine Empfangstheke aufgebaut war. Von dort aus teilte sich der Gang in zwei Abzweigungen und dahinter führten mehrere Türen in die jeweiligen Behandlungszimmer. Ich spürte ein mulmiges Gefühl in meiner Magengegend aufsteigen und wollte mir einreden, dass dies nur von diesem Zwischenfall ausgelöst worden war. Doch ich wusste, dass es nicht stimmte. Dass mich jedes Mal beim Betreten des Medical Centers ein stilles Bedauern heimsuchte.

»Guten Morgen, Skye Seacher. Schön, Sie heute hier begrüßen zu dürfen. Sie kommen zum halbjährlichen Kontrollcheck?«, grüßte die Frau, die mich hinter dem Empfang mit einem aufgesetzten Lächeln anstrahlte.

»Schönen guten Morgen«, erwiderte ich freundlich und gab ihr mit einem Nicken zu verstehen, dass ihre Annahme korrekt war.

Sie tippte sich kurz an die Schläfe, was mich vermuten ließ, dass sie über die indirekte Steuerung mit Eve kommunizierte und mein Eintreffen bestätigte. »Dann kommen Sie bitte gleich hier entlang, es ist bereits alles vorbereitet.«

Ich folgte ihr in den Untersuchungsraum, der lediglich aus dem Med-Scan, einem schlichten gläsernen Schreibtisch und einer riesigen Deckenlampe bestand. Der Raum wirkte ebenso steril und clean wie der Rest dieser Zone. Keine Dekoration, keine unnötigen Möbel. Alles erfüllte seinen Zweck.

»Eve, bitte bereithalten«, sagte die Angestellte und sah mich mit aufforderndem Blick an. Mit einer einfachen Handbewegung bedeutete sie mir, auf der Liege Platz zu nehmen.

Schnell legte ich mich auf die harte weiße Oberfläche – einem neuen selbstdesinfizierenden Kunststoff. Meine Arme zog ich seitlich dicht an den Körper, dann schloss ich die Augen. Dachte an nichts und versuchte, das mulmige Gefühl mit einem tiefen Atemzug loszuwerden, als könnte ich es damit einfach von mir pusten.

»Scan starten«, forderte die Dame auf und die Liege fuhr automatisch in die Röhre, um meinen Körper vollständig zu überprüfen. Intuitiv wartete ich bereits auf das leise, kaum hörbare surrende Geräusch, das der Med-Scan währenddessen von sich gab. Der Scanner checkte Blutwerte, Organe, Auffälligkeiten in der Genetik sowie sämtliche Krankheitsmerkmale. Eve war mit den Med-Scans verbunden und registrierte alles, das in irgendeiner Form von der Norm abwich. Nach dreißig Sekunden ertönte ein Piepsen, das bereits das Ende ankündigte, und die Liege fuhr wieder aus der gläsernen Röhre hinaus. Ich neigte den Kopf nach rechts, um auf das Ergebnis zu warten.

»Skye Seacher?«, fragte die Angestellte und warf mir einen schnellen Blick zu, bevor sie wieder aufgesetzt lächelte. »Es ist alles in Ordnung. Sie haben lediglich vier leichte Befunde, die wir direkt korrigieren werden. Das können beispielsweise fehlende Mineralien oder zu wenig Schlaf sein. Ernähren Sie sich denn auch ausgewogen?« Während sie sprach, sah sie mich nicht einmal an, sondern steckte eine grüne Kapsel in die Öffnung des Med-Scans und aktivierte das Korrekturprogramm.

»Ja, ich denke schon«, antwortete ich, doch die Liege fuhr bereits zurück in die Röhre, um die Unebenheiten in meinem Körper in sechzig Sekunden zu beheben. Einfach so. Wie das Update eines Computers. Selbst bei einer schwereren Erkrankung wäre es Eve möglich, die Korrekturdatei auf den Körper zu übertragen und die Krankheit damit innerhalb von Minuten zu heilen. Ob die Menschen damals nicht auch gern …

»Sie sind jetzt fertig, Skye Seacher. Vielen Dank, dass Sie am regelmäßigen Gesundheitsprogramm teilgenommen haben. Sie werden an den nächsten Termin in genau sechs Monaten von Eve erinnert!«

Ich öffnete wieder die Augen und blinzelte. Die Korrektur war bereits abgeschlossen und mit einer deutlichen Handbewegung zeigte mir die Angestellte den Weg zur Tür.

»Vielen Dank«, erwiderte ich und verließ das Med mit zügigen Schritten. Die Termine waren sicherlich eng getaktet und vermutlich würde bereits in zehn Sekunden die nächste Person aufgerufen werden. Mit einem Aufatmen machte ich mich daran, das Medical Center schnellstmöglich zu verlassen und damit endgültig die Übelkeit loszuwerden – auch wenn mich die Arbeit, die mich nun rief, nicht weniger erfreute.

Levelsegmentierung durch die Beurteilung der künstlichen Intelligenz

 

Level 11Beim Erreichen von Level 11 wird der Träger zum Regierungsverbund der Eleven einberufen. Da maximal elf Personen gleichzeitig als Eleven regieren können, begibt sich der älteste Eleven daraufhin in den Ruhestand.

 

Level 10 – 9Oberschicht der Gesellschaft, die unterschiedliche Boni und hohen sozialen Status genießen. Träger dieser Klasse arbeiten meist in staatlich öffentlichen Einrichtungen, die entscheidend für den Systemerhalt sind.

 

Level 8 – 6Klasse der Mittelschicht bis hin zur unteren Arbeitsgesellschaft in den äußeren Zonen. In dieser Levelstufe sind überwiegend Arbeiten in der Lebensmittelproduktion, Stromversorgungstechnik oder auch Industrie vorgesehen.

 

Level 5 – 4Mit Level 5 werden Menschen eingestuft, die keinen Job ausüben und sich damit nicht am System beteiligen. Fehlen auch weitere Beteiligungen in Gesellschaft, Wirtschaft oder nebenberufliche Tätigkeiten, fällt das Beurteilungslevel auf Stufe 4.

 

Level 3Mit dem Erreichen von Level 3 tritt automatisch und unwiderruflich die Verbannung in Zone 5 ein.

 

Level 2 – 1Über Personen in dieser Levelklasse liegen aufgrund der Verbannung nur wenige Forschungsdaten bereit.

 

Level 0Zeros sind der Abschaum der Gesellschaft.

Kapitel 2

Skye

 

Um nicht zu sagen, dass ich meinen Job nicht mochte! Im Gegenteil, ich war froh darüber, denn er hielt mein Level stabil und ich liebte die technischen Herausforderungen, die sich dabei immer wieder boten. Ich erinnerte mich an die alte Welt, in der die Menschen nur des Geldes wegen Jobs nachgegangen waren und selten die Berufe ausübten, die ihnen wirklich lagen. In der modernen Welt gab es für jede Levelstufe ein geregeltes Grundeinkommen und anhand des Abschlusstests wurde man dem Job zugeordnet, der am besten zu seinen eigenen Fähigkeiten und Interessen passte.

Während ich mit der Speedbahn zurück in den dritten Ring fuhr, hielt ich mir den Zeigefinger an die Schläfe und drehte ihn einmal um fünfundvierzig Grad nach vorn. Vor meinen Augen wurde in Form eines Hologramms die Uhrzeit eingeblendet. 08:43 Uhr. Das würde knapp werden, denn soweit ich mich erinnerte, stand für heute ein wichtiger Auftrag an, den mein Vorgesetzter in der vergangenen Woche angekündigt hatte.

Ich war Administratorin in der Technical Area und verwaltete die Server, über die alle Netzwerkverbindungen zu Eve liefen. Ein riesiger Konzern, der viele Mitarbeiter wie mich seit Abschluss der Schulzeit beschäftigte. Nach dem jahrelangen Unterricht gab es einen virtuellen Test, den Eve ebenso streng beurteilte wie den Charakter und die Handlungen des sechzehnjährigen Menschen. Man erhielt zum ersten Mal sein eigenes Level und wurde seiner Eignung nach in einen Betrieb zur weiteren Arbeit verwiesen. Mit meinem enormen Interesse an der Geschichte und dem hohen technischen Verständnis kam ich zur Technical Area, um aus den historischen Ereignissen zu lernen und verschiedene Abläufe zu verbessern. Da war ich also: zweiundzwanzig Jahre alt und arbeitete bereits seit meinem sechzehnten Lebensjahr hier. Und das würde voraussichtlich auch in all den weiteren Jahrzehnten so bleiben.

Wieder passierte ich den Scan am Eingang des Gebäudes mit dem Unterschied, dass hier alles recht grau und trist war, wie man sich ein typisches Industrie- und Arbeitergebiet vorstellte. Eintönige Betonklötze, wohin das Auge reichte, und stählerne Konstruktionen zierten dieses Bild.

»Willkommen, Skye Seacher«, trällerte Eve aus dem Lautsprecher hinter dem Eingangsbereich. »Deine Arbeitszeit wurde erfasst. Dein Termin beginnt in 14 Minuten in Büro 9, Etage 15.«

Ich nickte teilnahmslos und steuerte zielstrebig den Aufzug an. Das genannte Zimmer war das meines Vorgesetzten, der uns wie jeden Montag über die Planung der Woche informierte und die anstehenden Aufträge entsprechend verteilte. Vorher würde ich an meinem Schreibtisch kurz den Status der Server überprüfen. Ob ich aufgeregt war wegen des neuen Projekts, das Kocji angesprochen hatte? Das mit höchster Geheimhaltung und Priorität? Ich fuhr mir durch die langen Haare, während der Aufzug mich in die elfte Etage brachte. Nein, ich war nicht besorgt. Und auch nicht aufgeregt. Nur gespannt. Ich hatte schon einige wichtige Projekte von Kocji, meinem Vorgesetzten, im Vertrauen betreut und viele problematische Fälle zu seiner vollsten Zufriedenheit gelöst. Es gab nichts, was er mir nicht zutrauen würde. Was ich mir hier in der Technical Area nicht auch selbst zutrauen würde.

Als sich der Aufzug öffnete, blickte ich in den großen, achteckigen, fast rundlichen Raum, der in ebenso acht Plätze aufgeteilt war. In der Mitte stand ein Eve-Knotenpunkt, der an dieser Stelle durch das gesamte Gebäude ging. Eine unscheinbare schmale Säule mit blauschimmernder Flüssigkeit. Wie diese Röhren aus alten Zeiten, in denen Plastikfische auf und ab blubberten und an denen sich die Menschen erfreut hatten – was mir bis heute noch absolut unverständlich war. Das blaue Leuchten, von der Eve-Säule ausgehend, erhellte außerdem den gesamten Raum in dem uns als Tageslicht vertrauten Schein. Es war dasselbe Licht, das auch aus den strahlenden Linien am Himmel zu uns herableuchtete.

Ich begab mich zielsicher in mein Achtel, das nur ein Stehpult und einen blauen Knopf beinhaltete, um die digitale Ansicht per Hologramm aufzurufen. Alles, was wir taten, steuerte sich über Eve oder die BedienPads, die mit den Servern der unteren Etagen verbunden waren.

»Eve, kurzer Server-Check«, bat ich die künstliche Intelligenz.

»Die redundanten Systeme sind online, alle Server aktiv. Aktuell liegen keine Störungen vor. Die Temperaturen innerhalb der Serverräume sind optimal, keine Gefährdung durch Überhitzung. Benötigst du noch weitere Informationen, Skye Seacher?«

»Vielen Dank, Eve. Das ist erst mal alles.«

Mit schnellen Wischbewegungen prüfte ich die eingeblendeten Daten auf dem BedienPad. »Werden alle Schnittstellen gleichmäßig versorgt?« Mit gerunzelter Stirn wartete ich ihre Antwort ab.

»Bestätige. Alle Server-Schnittstellen werden mit einer durchschnittlichen Auslastungsquote von 99,9 Prozent versorgt. Kann ich sonst noch etwas für dich tun?«

Ich hielt einen Moment inne, mein Blick auf das BedienPad fixiert. »Gibt es sonst noch Neuigkeiten?«

»Eine Nachricht von Fjella wurde für dich hinterlegt, ich blende sie auf dem Pad für dich ein.«

Hey, essen wir heute zusammen im Versorgungszentrum? 13:00 Uhr?

Ich lächelte. Fjella und ich waren Kolleginnen und damals gleichzeitig eingestellt worden, sodass sich in den letzten Jahren eine tiefe Freundschaft entwickelt hatte. Obwohl wir im selben Gebäude arbeiteten, sahen wir uns während der Arbeit nur selten, weshalb wir meist die Mittagspause nutzten, um zu quatschen und uns über Neuigkeiten auszutauschen. Ich tippte zweimal kurz hintereinander an meine Schläfe, um Eve lautlos aufzurufen. Gerade im Büro oder in der Öffentlichkeit war die Sprachsteuerung nicht das Mittel zur Wahl, weshalb wir dabei meist die indirekte Steuerung nutzten. Dann hörten wir Eves Anweisungen nur selbst in unseren Gedanken.

»Nachricht an Fjella: Ja gern, dreizehn Uhr passt«, flüsterte ich leise und sofort reagierte die technische Stimme darauf.

»Nachricht an Fjella verschickt. Termin im Kalender vermerkt.«

Ich lächelte und freute mich darauf, Fjella am Nachmittag anzutreffen. Das Versorgungszentrum war aus einem Zusammenschluss von mehreren Firmen entstanden. Denn jeder Arbeitgeber musste für die Angestellten entsprechend Lebensmittel während des Tages bereitstellen. Da nicht jedes Gebäude die räumlichen Kapazitäten dafür bot, war ein eigenes Zentrum errichtet worden, in dem mehrere hundert Menschen gleichzeitig essen konnten.

Fjella war wie ich eine 7, die sicherlich auch eine 8 sein könnte, wenn sie sich nicht selbst mehrere Tattoos unter die Haut gestochen hätte, die nun ihre Unterarme und ihren Oberschenkel in blumigen Mustern zierten. In unserer Gesellschaft waren Tätowierungen ungern gesehen, doch Fjellas strahlender Charakter schien das vollkommen auszugleichen. Denn sie war der gutmütigste Mensch, den ich kannte, und ihre humorvolle Art und das ansteckende Lachen waren die wirkungsvollste Medizin gegen schlechte Laune. Im Gegensatz zu mir war sie lange nicht so blass, sondern hatte karamellfarbene Haut und ihre blondierten Haare waren in schmalen Strängen am Kopf entlang geflochten. Auch sie stach immer wieder aus der Masse hervor – vielleicht hatte uns das von Anfang an verbunden.

Aber es war schön zu sehen, wie glücklich Fjella mit ihrem Partner Luis war – auch wenn sie mich deshalb häufig fragte, wann ich endlich wieder jemanden finden würde. Meine letzte Beziehung war schon ein Jahr her und ich wollte weder über ihn sprechen noch weiter darüber nachdenken – geschweige denn jemand Neues in meinem Leben, dessen irrationalen Erwartungen ich niemals gerecht werden würde. Ich war eine 7 und damit vollkommen zufrieden. Normalerweise suchte man sich einen Partner auf identischer Ebene – denn nicht alle waren wie Fjellas Freund, der sie auch mit Level 8 für das liebte, was sie war und mit einem niedrigeren Wert in der Gesellschaft akzeptierte.

Freunde waren ein wichtiger Bestandteil unseres Alltags. Meine Eltern hatte ich seit dem Tag des Abschlusstests nicht mehr gesehen. Denn in einer Welt ohne Krankheit und Mord war die Überbevölkerung eine ungeliebte Nebenwirkung. Deshalb wurden Paare, die ein Kind großgezogen und in die Arbeitswelt entlassen hatten, in einen Außenposten außerhalb der fünf Zonen der Eleven versetzt.

Außerdem war die DNA durch die Transmitter so manipuliert worden, dass sie nach dem fünfundvierzigsten Lebensjahr unfruchtbar wurden. Diese frühe Rente war ein kleiner Vorteil der vielen Menschen, denn dadurch hielt die Regierung überwiegend die Jungen und Arbeitstüchtigen in der Stadt. Vielleicht würde ich mich auch für den Karriereweg entscheiden und in den weiteren Jahren bis zu meiner frühen Rente auf die verzweifelte Suche nach der Liebe verzichten.

 

Pünktlich zu Terminbeginn betrat ich das Büro von meinem Vorgesetzten Kocji, ein etwas rundlicher Mann mit Glatze im Alter von siebenunddreißig Jahren, der sich ebenfalls für ein Leben ohne Frau und Kind entschieden hatte.

»Guten Morgen«, grüßte ich mit einer kurzen Handbewegung.

Er erwiderte es freundlich, wenn er auch hektisch wirkte. Schweißperlen sammelten sich auf seiner Stirn, obwohl er ein Hemd trug und das Gebäude wie überall klimatisiert war. »Guten Morgen, Skye. Gut, dass du da bist. Lass uns heute das besondere Projekt besprechen, das ich bereits erwähnt hatte.« Er tippte wild auf dem BedienPad herum, bevor Eve die Präsentation als Hologramm an eine der Wände warf.

»Eve, Zimmer verriegeln«, befahl er mit zögerlicher Stimme und die künstliche Intelligenz schirmte den Raum so ab, dass niemand von außen hereinsehen und die Besprechung beobachten konnte.

Hätte ich doch nervös sein sollen? War diese Sache vielleicht eine Nummer größer als sonst?

»Kommen die anderen denn gar nicht dazu?«, fragte ich und tippte mir dabei zweimal unauffällig an die Schläfe, als Kocji nicht hinsah. Mit kritischem Blick fokussierte ich den Mann und Eve verstand meine stumme Aufforderung sofort. Sie scannte die gesamte Person und die technische Stimme, die nur in meinen Gedanken zu hören war, meldete innerhalb von Sekunden: »Erhöhte Temperatur, Herzrasen und hektische Atmung. Keine lebensbedrohlichen Befunde festgestellt.« Ich nickte den Scan kurz ab und Eve verschwand in den Hintergrund.

»Skye, ich habe nur dich für dieses Projekt auserwählt. Du darfst mit keinem darüber sprechen oder es auch nur erwähnen. Wir haben dich allein dafür bestimmt und das Projekt ist absolut vertraulich und streng geheim. Verstanden?« Er holte tief Luft und tupfte sich mit einem Tuch über die Stirn. »Bitte entschuldige, die Situation ist wirklich … heikel.«

Ich hob die Augenbrauen. »Nun sag schon, um was geht es?« Meine Stimme klang wie beabsichtigt lässig und entspannt und verriet nicht, dass mich diese Heimlichtuerei und seine auffällige Nervosität ansteckten. So hatte ich ihn in all den Jahren noch nicht erlebt und wir hatten schon einige brenzlige Situationen durchgestanden. Ich erinnerte mich daran, als mehrere Server gleichzeitig ausgefallen waren, was in all den Aufzeichnungen Jahrzehnte zuvor nie aufgetreten war und wir diese innerhalb von Minuten ersetzen mussten, um keine Sicherheitslücke zu generieren. Denn wenn Eve nicht auf alle vorhandenen Daten zugreifen konnte, wäre das für die Beurteilung der Level und damit verbundenen Rechte katastrophal. Dennoch hatten wir schnell und richtig gehandelt und größere Ausfälle verhindern können. Und das war schon ziemlich verrückt. Was also hatte er dieses Mal vor?

»Du wirst heute noch im zweiten Ring etwas für mich abgeben.« Er betonte es, als handelte es sich dabei um eine epische Enthüllung, während mir nur ein genervtes Stöhnen entwich.

»Kocji, ist das dein Ernst? Ich war heute Morgen bereits im Zweiten. Im Med. Jetzt schickst du mich wieder dahin zurück und machst deshalb so ein Drama?« Ich verschränkte die Arme vor der Brust und lehnte mich im Stuhl zurück. »Was soll ich abgeben? Und wo?«

Meine Reaktion hatte ihn aus dem Konzept gebracht. Er benötigte ein paar fassungslose Momente, bevor er wieder hektisch auf dem Pad herumtippte. Anschließend zeigte sich auf der Wand das Bild eines kleinen Speichersticks, der wahrscheinlich gerade mal zwei Zentimeter lang war.

»Du wirst diesen Stick zu den Eleven bringen.« Mit einem Mal war es raus und Kocji schnappte schnell nach Luft.

Ich behielt den fragenden Gesichtsausdruck bei, der meine innerlich entfachte Neugier verbarg. Zu den Eleven? Ich???

»Die Daten darauf sind zu vertraulich, um sie zu senden, und am Übergang zum ersten Ring wirst du sie im Vermittlungsgebäude an diese Kontaktperson übergeben. Es ist ein verschlüsselter Auftrag.«

Meine Fingerspitzen begannen bei seinen letzten Worten zu kribbeln. »Natürlich«, sagte ich sofort mit einem eifrigen Nicken. Dies war nicht das erste Mal, dass ich eine solche Aufgabe erhielt.

Einige Informationen mussten extrem vertraulich behandelt werden, damit sie nicht der Widerstandsgruppe in die Hände fielen. Die fighters hatten ihre Augen und Ohren überall und unter ihnen wurden inzwischen auch einige Technik-Nerds vermutet, die sicherlich mit Leichtigkeit kleinere Sicherheitsvorkehrungen umgehen konnten.

Kocji blendete das nächste Bild ein, das eine Frau mittleren Alters zeigte – blonde Kurzhaarfrisur, stechend grüne Augen und markante Wangenknochen.

»Elora Blake. Sie ist die Leiterin im Vermittlungsgebäude. Nur ihr wirst du im Vertrauen die Daten übergeben, hast du verstanden?«

Ich nickte zur Antwort.

»Das Vermittlungsgebäude ist das einzige, was wir im Zweiten noch betreten dürfen, aber innerhalb des Gebäudes verläuft bereits die Grenze zum Zentrum der Eleven. Du musst also äußerst vorsichtig sein, dich absolut korrekt verhalten und die Daten sicher ausliefern. Das ist dein heutiger Auftrag. Für den restlichen Tag werden wir dich anschließend freistellen und, ach ja …« Kocji machte eine kurze Pause und hielt meinem Blick dabei für einen Moment stand. »Bei erfolgreichem Absolvieren werden wir dich hochstufen, Skye. Das würde bedeuten, du wärst dann eine 8 und würdest zur oberen Gesellschaft gehören.«

Nun machte ich einen tiefen Atemzug, denn zu verbergen, dass mich diese Belohnung schwer beeindruckte, war unmöglich. Level 8. Ich hatte tatsächlich die Chance, einen Aufstieg zu erreichen, während der Auftrag nicht unrealistisch klang. Ich würde mich nur in den Bereich vor dem Kern unserer Gesellschaft, unserer Welt – ja, unseres Lebens – begeben, etwas abgeben und wieder verschwinden. Das sollte doch machbar sein. »Alles klar, dann mache ich mich gleich mal auf den Weg?«, sagte ich und stand auf. Zwar hatte ich es als Frage formuliert, erwartete aber nicht wirklich eine Antwort.

»Ja, natürlich, Skye … hier.« Kocji drückte auf einen Knopf im BedienPad, der anschließend eine Schublade in seinem Schreibtisch aufschob, die zuvor gar nicht sichtbar gewesen war. Darin lag ein kleines hölzernes Kästchen, das er mir mit bebenden Fingern reichte. »Darin ist der Speicherstick. Beschütze ihn und lass ihn keine Sekunde außer Acht, hast du verstanden?«

Ich nahm die Box entgegen und nickte meinem Vorgesetzten zu. »Ja, das werde ich. Darf ich hineinsehen, ob er wirklich drin ist? Du weißt schon, nicht dass es heißt, ich hätte ihn verloren, obwohl er niemals da war …«

Kocji sah mich mit entsetztem Blick an, als hätte ich ihn soeben beleidigt oder ihm etwas Furchtbares unterstellt – aber dann löste er sich aus seiner Starre und deutete mir mit wedelnder Handbewegung, das Kästchen zu öffnen. Mit einem Klicken lockerte ich den Verschluss und in Samt gebettet lag darin ein mattschwarzer Stick, der absolut unscheinbar aussah. Schnell verschloss ich die Box wieder.

»Eve, bitte protokolliere die Übergabe an Skye Seacher und verschlüssle den Auftrag mit Code 302-48B«, ordnete Kocji an und die technische Assistentin bestätigte den ausgeführten Befehl sofort.

»Danke für dein Vertrauen, Kocji. Ich werde dich nicht enttäuschen«, sagte ich und warf ihm ein zuversichtliches Lächeln zu. Das nervöse Kribbeln in meinen Fingerspitzen ignorierte ich weiterhin gekonnt.

»Das weiß ich, Skye. Viel Erfolg.« Er nickte und ich wandte mich von ihm ab, um den Raum zügig zu verlassen.

»Skye, warte! Du erhältst von uns noch ein kurzes … na ja, optisches Upgrade. So kannst du keinesfalls ins Vermittlungsgebäude der Eleven. Das verstehst du sicherlich …«

Ich wusste sofort, worauf er anspielte. Wie in Zeitlupe drehte ich mich zu ihm um, kniff die Augen zusammen, um meinen folgenden Worten mehr Nachdruck zu verleihen. »Nichts, aber auch gar nichts ändert ihr an meinen Haaren – sonst kannst du den Auftrag selbst übernehmen«, sagte ich kühl und fokussierte ihn, hielt seinen Blick fest. Damit pokerte ich selbstsicher, denn ich wusste, dass Kocji viel von mir und meinen Fähigkeiten als Administratorin hielt – auch wenn ihm meine dunkle und unübliche Haarfarbe schon lange ein Dorn im Auge war. Für einen Augenblick herrschte eine eisige Stille zwischen uns, bis er mit einem hörbaren Ausatmen nachgab.

»In Ordnung, aber du bekommst zumindest etwas Helleres zum Anziehen.«

Kapitel 3

Skye

 

Eine Stunde später wurde ich aus der Technical Area entlassen und hätte Fjella mich so gesehen, wäre sie absolut begeistert gewesen. Ich trug eine richtige Uniform und selbst wenn ich mich freiwillig niemals so kleiden würde, so verspürte ich bereits den Anflug von Stolz und Selbstbewusstsein. Ich würde bald eine 8 sein und mit diesem Outfit wirkte ich definitiv erhabener, als ich es jemals gewesen war. Das Material erinnerte mich an eine Mischung aus leichter Seide und stabilem gewebtem Stoff, während der Schnitt eine Kombination aus einem Mantel und einem Kleid darstellte. Das Oberteil war eng anliegend und mit Kragen sowie zweireihigen schwarzen Knöpfen versehen. Dadurch entstand ein V-Ausschnitt und nach der figurbetonten Taille glich es einem Rock, der leicht ausgestellt war und oberhalb des Knies endete. Da ich unter der hohen Gesellschaft weder etwas zu Dunkles noch etwas zu Helles tragen sollte, war die Uniform aus einem Senfgelb gefertigt, was einen interessanten Kontrast zu meinen Haaren bot. Aber die Stylistin hatte angemerkt, dass Gelb eine freundliche und offene Farbe war und wir hoffentlich so über das dunkle Lila hinwegtäuschen konnten.

Zusätzlich war im Inneren der Uniform eine kleine Tasche integriert worden, in der ich das geheime Kästchen verstaute. So könnte es mir garantiert nicht herausfallen oder gar entwendet werden, was angesichts der Überwachung sowieso niemand außer den fighters wagen würde. Doch wegen des Widerstands würde ich mich vollkommen unauffällig verhalten und mit der Masse an Menschen verschwimmen, sodass ich nichts zu befürchten hatte. Im Gegenteil, ich liebte sogar diese seltenen Herausforderungen in der Technical Area. Sie verliehen mir das Gefühl, wirklich etwas im System zu bewirken – meinen Teil maßgeblich beizutragen. Auch wenn ich nicht leugnen konnte, dass mein Herz vor Aufregung etwas schneller schlug, was automatisch mit der Verantwortung einherging, die nun auf meine Schultern geladen wurde.

Mit Stolz blickte ich auf die Marke aus kühlem Metall in meiner Hand, die das Wappen der Technical Area abbildete. Kocji hatte sie mir übertragen, damit ich sie mir vor dem Vermittlungsgebäude anstecken konnte. »Achte auf dein Verhalten und deine Ausdrucksweise, Skye«, hatte Kocji noch hinzugefügt. »Du repräsentierst heute für uns die Technical Area.«

 

Während ich zur Speedbahn lief und dabei versuchte, mich an die ungewohnt hohen Absätze der Pumps zu gewöhnen, tippte ich mir zweimal an die Schläfe und ein kurzer Piepton signalisierte, dass Eve auf ihren Befehl wartete.

»Fjella anrufen«, sagte ich leise und wartete einen Moment ab, bis die vertraute Stimme ertönte.

»Skye! Hi, schön, dass du anrufst!«, trällerte Fjella, als ich gerade in die Speedbahn einstieg. »Möchtest du doch früher essen? Oder sollen wir etwas bestellen?«

»Hey, Fjella!«, erwiderte ich. »Tut mir leid, dass ich störe, aber ich muss unser Mittagessen heute leider verschieben. Kocji hat mir ewig viel neue Arbeit aufgebrummt, ich kann heute garantiert nicht zeitig weg. Wie wäre es mit morgen?«

»Dieser Idiot«, brummte Fjella genervt. »Es gibt so viel zu erzählen! Luis und ich, wir haben großartige Neuigkeiten. Aber das erzähle ich dir dann persönlich – also morgen dreizehn Uhr?«

»Genau, das passt. Ich werde dann auf jeden Fall da sein und du wirst mir alles im Detail berichten können. Ich freue mich schon darauf!«, antwortete ich und es entsprach der Wahrheit. Ich freute mich wirklich darüber, dass sie und Luis wahrscheinlich eine Wohnung gefunden hatten. Damit war Fjella mir in den letzten Wochen mehrfach in den Ohren gelegen und ich wünschte mir von Herzen, dass sie am Wochenende bei einer Besichtigung endlich eine Zusage erhalten hatten. Die beiden waren bereits seit über drei Jahren ein wundervolles Paar und wollten mit dem Umzug in eine gemeinsame Wohnung in ihrer Beziehung den nächsten Schritt wagen.

»Super! Aber hey, Skye, sonst geht’s dir gut, oder?«, fragte Fjella und zügelte dabei ihre Aufregung und Vorfreude, die zuvor noch deutlich zu hören gewesen waren.

Ich hielt einen Moment inne, als müsste ich selbst in mich hineinhorchen, um mich zu versichern, dass alles in Ordnung war. »Klar, alles gut. Nur viel Stress, tut mir wirklich leid. Ich muss Schluss machen, Fjella, bis morgen dann!« In der Speedbahn leuchtete der Hinweis auf, dass wir in Kürze die nächste Haltestelle erreichen würden, weshalb ich das Telefonat mit Fjella unbedingt beenden musste, bevor die Durchsage meiner Freundin meinen aktuellen Standort verraten würde.

»Okay, bye, bis morgen!« Dann ertönte ein Klicken und die Verbindung war unterbrochen. Mit einem tiefen Atemzug versuchte ich mich zu sammeln und lehnte mich entspannt im Sitzplatz zurück. Denn bis zur letzten Haltestelle im zweiten Ring wäre ich vermutlich noch eine Weile unterwegs.

 

Nach knapp fünfundvierzig Minuten erinnerte Eve mich daran, dass ich an der nächsten Station aussteigen sollte, da es sich um den idealen Haltepunkt handelte, um in kürzester Zeit das Vermittlungsgebäude zu erreichen. Ich holte tief Luft und schnappte mir aus der kleinen schwarzen Handtasche einen Spiegel, um mein Gesicht zu betrachten. Mit dem dezenten Make-up sah ich tatsächlich nicht mehr ganz so blass, vielmehr sogar frisch und gesund aus. Ich erinnerte mich an den Kontrolltermin im Med und daran, dass die leichten Defizite heute Morgen bereits ausgebügelt worden waren. Vielleicht hatte mich nur ein Vitaminmangel immer so müde und bleich aussehen lassen. Der schwarze Kajal betonte weiterhin meine Augen und ich strich mir etwas nervös durch die langen Haare. Sie schickten mich für einen geheimen Auftrag zur Elite. Was für eine Ehre! Und ich würde alles geben, um dieses Projekt erfolgreich abzuschließen und mir den Levelaufstieg zu sichern. Noch nie schien es so einfach, eine neue Stufe zu erreichen.

Als ich ausgestiegen war, befand ich mich erneut im zweiten Ring, der optisch der Gegend vom Morgen ähnelte. Steril und weiß, geschäftige Menschen in freundlichen Farben wie helles Orange oder zartes Apfelgrün. Mit einem Tippen an meine Schläfe rief ich Eve auf.

»Navigiere die Route zum Vermittlungsgebäude«, murmelte ich ihr leise zu.

Nach einem Moment antwortete Eve: »350 Meter geradeaus und dann links.«

»Alles klar, dann mal los.« Ich tastete unauffällig an meiner Hüfte nach der kantigen Kontur, die mir bestätigte, dass der Speicherstick immer noch an Ort und Stelle war. Alles ist gut, ich überbringe nur etwas im Auftrag. Keiner hier wird merken, dass ich in dem vierten Ring wohne und weder diese Gegend nahe des Zentrums noch diese hochwertige Kleidung gewohnt bin. Bemüht um einen sicheren und weniger wackligen Gang schritt ich den Weg entlang, wie Eve es mir aufgetragen hatte, und betrachtete die Gebäude. Doch die eintönigen Fassaden der Häuser verrieten mir kaum etwas über das, was im Inneren vor sich ging. Ich schmunzelte. Wie bei uns Menschen, dachte ich. Wie ich, die sich hinter einer schicken Uniform versteckte. Aber vielleicht war das hier nicht das Schlechteste an dem Job in der Technical Area. Im Gegenteil. Ich fühlte den Stolz über die Verantwortung und darüber, überhaupt hier sein zu dürfen – und damit für einen Tag ein winziger Teil der Eleven zu sein.

 

Seit mindestens zwei Minuten wiederholte sich Eves Stimme in meinen Gedanken: »Das Ziel befindet sich nun direkt vor dir.«

Überwältigt vom Anblick stand ich wie angewurzelt da - nur wenige hundert Meter von der Ringlinie zum Zentrum entfernt.

Hinter einem feinen Glitzern, das an der Grenze emporragte, erblickte ich die erste Zone. Majestätische Gebäude waren zu erkennen, goldene Verzierungen funkelten daran, kleine Turmspitzen ragten in die Höhe. Schillernd blaue Hologramme zeigten Pflanzen und Vögel, die ich niemals zuvor gesehen hatte. Unechte Bäume wogen sich im Wind und es war fast so, als könnte ich das Rascheln der Blätter hören, obwohl ich dieses Geräusch bisher nur von VisualControl kannte. Weder im Vierten noch im Dritten gab es Pflanzen, aber dass Eve etwas so Schönes und … Lebendiges gestalten konnte, beeindruckte mich zutiefst.

»Das Ziel befindet sich nun direkt vor dir«, wiederholte Eve wieder und wieder.

Mit ihren Worten löste ich mich endlich aus meiner Starre und kramte in der Tasche nach der Marke. Nervös strich ich darüber. Kreisrundes mattschwarzes Metall, auf das golden die verschnörkelten Buchstaben TA eingraviert waren. Technical Area. Ich steckte die Marke deutlich sichtbar am Oberkörper an und straffte die Schultern. Mit bebendem Herzschlag schritt ich auf den Eingangsbereich zu, der an dem blauen Rand im Türrahmen zu sehen war. Wie gewohnt schob ich den Ärmel der Uniform etwas hoch, damit an meinem Handgelenk die bläulich leuchtende 7 zu erkennen war. Dann stellte ich mich hinter einer Frau an, die bereits unter den Scan trat.

»Guten Tag und willkommen am Vermittlungsgebäude. Innerhalb des Gebäudes verläuft der Zonenübergang zum ersten Ring. Dieser Bereich ist nur mit Level 11 passierbar. Für den vorderen Bereich der zweiten Zone wird Level 9 vorausgesetzt«, erklärte Eves technische Stimme am Eingang und ich schluckte heftig.

War das also diese Herausforderung, die es für den Levelaufstieg zu überwinden galt? Der Grund, warum dieses Projekt so schwierig, geheim und streng vertraulich ist? Meine Gedanken überschlugen sich und der Herzschlag pulsierte mir in den Ohren. Der Frau vor mir wurde der Zutritt in das Gebäude gewährt. Aber wie konnte Kocji mich hierherschicken, wenn er doch wusste, dass ich gar nicht hineinkam? Hatte er mir eine Straftat aufgetragen? Ich schnappte nach Luft und versuchte, einen klaren Gedanken zu fassen.

»Berechtigungsschein gescannt und geprüft. Sie dürfen damit im Gebäude nur den Bereich des zweiten Rings betreten. Vielen Dank«, hörte ich Eve sagen, ohne es sofort zu verstehen. Ich stand noch gar nicht direkt unter dem Scanner, sondern mindestens ein oder zwei Schritte davon entfernt. Hatte sie dennoch mich gemeint? Bedeutete das, dass ich ohne Weiteres hindurchgehen konnte? Einfach so?

Zögerlich und wie in Zeitlupe schlich ich durch den Türrahmen, als könnte es sich die künstliche Intelligenz jeden Moment anders überlegen und mich für mein unachtsames Verhalten bestrafen. Doch nichts dergleichen geschah. Ich betrat das hell erleuchtete Gebäude, das ohne dieses blaue Licht aus Eves Verbindungen auszukommen schien. Ein goldener Glanz lag über dem Empfangsbereich und meine Füße trugen mich wie mechanisch weiter durch einen Flur, dessen hohe Wände mit Stuck- und Goldelementen verziert waren. So etwas Schönes und Einzigartiges hatte ich niemals zuvor gesehen.

Ich geriet an eine Abzweigung, denn der schmale Flur aus dem Eingangsbereich teilte sich in vier Wege auf, einer davon führte offensichtlich zum Aufzug. Da jeder die Navigation über Eve abrufen konnte, befanden sich nirgendwo Übersichtstafeln oder wegweisende Schilder. Voller Staunen blieb ich stehen und blickte verstohlen in den nächsten Gang. Gerade als ich mir an die Schläfe tippen wollte, um Eve um ihren allwissenden Rat zu fragen, hörte ich hinter mir auf dem marmorierten Boden Schritte.

Perfekt, dachte ich in dem Moment, als ich herumwirbelte, um die auf mich zukommende Person höflich nach dem Weg zu fragen. Doch anstatt einem freundlichen Gesicht entgegenzublicken, erwischte mich eine harte Kante am Wangenknochen. Ich schloss sofort die Augen und stieß ungewollt einen fluchenden Laut aus. Durch die ruckartige Bewegung und den Schlag ins Gesicht verlor ich auf den hohen Absätzen taumelnd das Gleichgewicht und ruderte hoffnungslos mit den Armen, um das koordinativ noch irgendwie unter Kontrolle zu bekommen. Dabei drohte ich längst, nach hinten umzukippen, bis sich eine Handfläche zwischen meine Schulterblätter stemmte, um mich zu halten. Blinzelnd sah ich auf und begriff zuerst gar nicht, was hier eigentlich passiert war.

Dunkle Augen blickten mir entgegen und ein vorsichtiges Lächeln umspielte die Mundwinkel des jungen Mannes.

»Miss, es tut mir furchtbar leid, bitte entschuldigen Sie. Geht es Ihnen gut?«

Ich brauchte einen Moment, um mich wieder zurechtzufinden, und betastete mit den Fingerspitzen vorsichtig meine schmerzende Wange. Durch die Drehung musste ich mit voller Wucht in ihn hineingerauscht sein. Während seine Hand immer noch auf meinem Rücken lag, um mich zu stützen, richtete ich den Oberkörper auf und sortierte mich für einen stabilen Stand. »Es geht schon, danke … und«, murmelte ich, unfähig, die Situation gedanklich zu ordnen.