Nach Gefühl – Ein Radsportleben - Tom Dumoulin - E-Book

Nach Gefühl – Ein Radsportleben E-Book

Tom Dumoulin

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Beschreibung

Ein Rad-Star auf der Suche nach der menschlichen Seite des Profi-Pelotons Der Niederländer Tom Dumoulin gilt als einer der besten Radsportler seiner Generation. In seiner Karriere gewann er zwei olympische Medaillen, zwei Weltmeistertitel und mehrere Etappen bei allen drei großen Landesrundfahrten, aber sein größter Erfolg wird immer der Sieg in der Gesamtwertung des Giro d'Italia 2017 sein. Ein Jahr nachdem er seine Karriere im Alter von 31 Jahren beendet hat, reist Tom Dumoulin mit dem Schriftsteller und Journalisten Nando Boers quer durch Europa an die Orte, die in seiner Laufbahn als Radprofi eine entscheidende Rolle spielten: nach Bergen in Norwegen, nach Andorra-Arcalís, nach Monza, Oropa, Bormio und zum Stilfser Joch in Italien. Gemeinsam wollen sie auf dieser Reise Antworten auf die Frage finden, was ihm der Sport in all den Jahren eigentlich bedeutet hat. Dabei werden nicht nur Erinnerungen an seine größten Erfolge und Siege lebendig, sondern er wird auch mit Schauplätzen schwerer Niederlagen und Stürze konfrontiert. »Nach Gefühl – Ein Radsportleben« ist der Bericht dieser läuternden Reise: Ein offenherziges Selbstporträt eines Ausnahmesportlers mit Herz und Charisma, Ecken und Kanten im Rückblick auf seine Karriere und zugleich eine unverdrossene Liebeserklärung an den Profiradsport. • Einer der populärsten Radsportler seiner Generation: Über viele Jahre war Tom Dumoulin das Gesicht und Aushängeschild des niederländischen Radsports. • Ein Karriererückblick von beeindruckender Offenheit – originell und temporeich erzählt. • Wie eine Erfolgslaufbahn in den höchsten Sphären des Sports zum Drahtseilakt wird, bei dem hinter jeder Kurve und jedem Triumph auch Ängste, Unsicherheiten und Verzweiflung lauern. • Und warum der Radsport – trotz allem – der schönste Sport der Welt bleibt.

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Seitenzahl: 336

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Tom Dumoulin & Nando Boers

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Tom Dumoulin & Nando Boers

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Ein Radsportleben

Aus dem Niederländischen von Olaf Bentkämper

Die Originalausgabe dieses Buches erschien unter dem Titel

»Op gevoel. Een wielerleven« bei Thomas Rap, Amsterdam.

Diese deutschsprachige Lizenzausgabe erscheint auf Vermittlung von Maarten Boers Literary Agency.

© 2024 Tom Dumoulin und Nando Boers

Tom Dumoulin & Nando Boers:

Nach Gefühl – Ein Radsportleben

Aus dem Niederländischen von Olaf Bentkämper

deutschsprachige Ausgabe: Covadonga Verlag, 2025

Covadonga Verlag, Inh. Rainer Sprehe, Spindelstr. 58, D-33604 Bielefeld, [email protected]

ISBN (Print): 978-3-95726-098-7

ISBN (E-Book): 978-3-95726-099-4

Coverfoto Tom Dumoulin und Porträtfoto Nando Boers: © Keke Keukelaar

Druck und Bindung: Westermann Druck Zwickau GmbH – 1. Auflage, 2025

Alle Rechte vorbehalten. Wiedergabe, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Verlags.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

Covadonga ist der Verlag für Radsportliteratur.

Besuchen Sie uns im Internet: www.covadonga.de

Inhalt

Vorwort

TEIL I

1 Jüngelchen

2 Antrieb

3 Lektionen

4 Die erste Tour

5 Die andere Seite

6 Vuelta

TEIL II

1 Konfrontation

2 Das erste Mal in Rosa

3 Arcalίs

4 Nur über meine Leiche

TEIL III

1 Oropa

2 Autonom

3 Luka

4 Holland in Not

5 Hochstapler

6 Das Zeitfahren

TEIL IV

1 Der Beste

2 Regenbogen

3 Verloren

4 Die Enttäuschung

5 Das Knie

6 Der Wechsel

7 Die letzte Tour

TEIL V

1 Scheuklappen

2 Befreiung

Karriere-Highlights von Tom Dumoulin

Vorwort

»Mir war einen Moment schwindlig«, sagte Tom. Er hatte sich aus der kleinen Fahrergruppe zurückfallen lassen und hielt sich auf meiner Seite des Wagens mit einer Hand an der Tür fest. Neben mir, am Steuer des Teamautos, auf dessen Dach sich die Ersatzräder befanden, saß sein Trainer. Er hatte das Fenster heruntergelassen.

Wir fuhren an diesem Januartag durch das hügelige Hinterland von Alicante an der spanischen Mittelmeerküste. Es war das große gemeinsame Trainingslager von Jumbo-Visma zum Auftakt der Saison 2020, und Tom war der prominenteste Neuzugang der Mannschaft. Er hatte in den vergangenen Jahren dreimal bei einer Grand Tour auf dem Podium gestanden und 2017 den bis dahin größten Erfolg seiner Karriere gefeiert: den Sieg beim Giro d’Italia. Einige Monate zuvor, im August 2019, war sein Wechsel von Sunweb zu Jumbo-Visma unter Dach und Fach gebracht worden, und schon nach dem ersten Trainingslager im Dezember waren die Coachs und Trainer seines neuen Teams zu der Überzeugung gelangt, dass Tom das Zeug hatte, in der anstehenden Saison die Tour de France zu gewinnen. So gut waren die Testwerte im Training, die er damals in Girona, ein paar hundert Kilometer nördlich von Alicante, an dem betreffenden Tag erzielt hatte.

»Ich werde es eine Weile beobachten«, sagte Tom nun zu Mathieu Heijboer.

»Kannst du denn klar sehen?«, entgegnete Heijboer, der seit ein paar Monaten sein Trainer war und außerdem als Head of Performance bei dem niederländischen WorldTour-Rennstall fungierte.

»Ja, kein Problem.«

»Wenn du unsicher bist, steigst du ab, okay?«

»Ja, klar.«

Tom ließ die Tür los und setzte seinen Kollegen nach, die sich gerade anschickten, einen kurzen Anstieg in Angriff zu nehmen. Als wir einige Minuten später durch ein totenstilles Dorf kamen, sahen wir, dass Tom erneut aus der Gruppe zurückgefallen war. Kurz hinter dem Dorf hielten wir an einer Kreuzung an. Außer uns war niemand zu sehen. Es roch nach Kaminfeuer.

»Mir war gerade etwas schummrig im Kopf.« Er war abgestiegen und stützte sich auf sein Rad. »Hat plötzlich so Wapp-Wapp gemacht. Und meine Atemfrequenz schoss in die Höhe. Ich habe auch keinen Pulsmesser um. Hat nicht funktioniert.«

»Darauf brauchst du auch nicht zu schauen, Junge. Willst du hinten einsteigen?«

»Nein, nein, geht schon wieder.«

»Willst du dich eine Weile ans Auto hängen?«

»Nein, ich fahre normal weiter.«

Tom stieg vorsichtig wieder auf sein Rad und setzte seine Fahrt fort. Seine Teamkollegen waren längst außer Sicht. »Ich wollte ihm in die Augen sehen«, sagte sein Trainer hinter dem Steuer, als wir wieder zurück auf der Straße waren. Im Zweifel hätte Mathieu Heijboer selbst die Entscheidung getroffen und Tom hinten einsteigen lassen. In mein Notizbuch schrieb ich: Der Champion fährt jetzt allein vor uns her – mit all den Gedanken im Kopf.

Ein Stück weiter schlossen wir wieder zu Tom auf. Er blickte in den Wagen. Mathieu ließ wieder das Fenster herunter. »Besser?«

»Ja, ein bisschen, keine Sorge. Alles gut. Die Atmung ist jetzt besser unter Kontrolle.«

Mathieu ging leicht vom Gas, und Tom setzte sich von uns ab. Auf der Abfahrt stach Tom scharf in die Kurven hinein. »Was für ein fantastischer Athlet«, sagte sein Trainer, ohne mich anzusehen. Nach kurzem Schweigen fügte er hinzu: »Von irgendwoher kommt es natürlich, dieses Gefühl. Das kommt nicht aus heiterem Himmel.«

Das schummrige Gefühl in Toms Kopf entpuppte sich als ein Vorbote. Ein paar Tage nach meiner Abreise aus Spanien brach Tom das Trainingslager ab, verließ die Mannschaft und flog zurück nach Hause. Schon damals ging es ihm nicht gut. Der Junge aus Maastricht, der im Mai 2017, am Vorabend seines größten Erfolges, via Twitter persönliche Nachrichten von Lance Armstrong und Alberto Contador erhalten hatte, die ihn ermutigten und ihm Tipps für das entscheidende Zeitfahren nach Mailand gaben, dieser Junge wusste nicht mehr ein noch aus.

Ich habe Tom während der drei Jahre, in denen ich für Der Plan, mein Buch über das Radsportteam Jumbo-Visma, recherchiert habe, genau verfolgt. Es waren genau die letzten drei Saisons seiner Karriere. Wir haben in diesen Jahren oft miteinander gesprochen. Der Wechsel von Sunweb zu Jumbo-Visma hätte ein Wendepunkt werden können. Es hatte für beide Seiten der Anfang von etwas sein sollen: Tom sollte bei Jumbo-Visma in die absolute Weltspitze zurückkehren, und der Rennstall würde mit Tom endlich sein ganz großes Ziel erreichen, den Sieg bei der Tour de France.

Ich wusste viel über Tom, aber, wie sich ein paar Jahre später herausstellen sollte, längst nicht alles. Ich wusste nicht, dass Tom von Beginn seiner Karriere an immer das Gefühl gehabt hatte, nur »zu Gast« in der Radsportwelt zu sein. Ich ahnte nicht, dass er ein Fahrer war, der – so gut er auch sein mochte und so zielstrebig und konzentriert er auch auftrat – stets unsicher war, wie er sich in dieser Welt, in die er da reingerutscht war, verhalten sollte.

Mehr als zwei Jahre nach der Schwindelattacke in Alicante teilte er mir im Vertrauen mit, dass er beschlossen hatte, zum Ende der Saison 2022 mit dem Radsport aufzuhören. Auf dem Rückweg von Italien, nachdem er bei seinem geliebten Giro vorzeitig ausgestiegen war, bat er mich, es einstweilen für mich zu behalten. Die offizielle, öffentliche Bekanntgabe seiner Entscheidung würde später erfolgen.

Er war 31 Jahre alt – und des Radsportlebens überdrüssig.

TEIL I

1 Jüngelchen

Tom kommt mit dem Leihscooter zu unserer Verabredung. Er hat das Teil am Amsterdamer Hauptbahnhof aufgetrieben, wo er mit dem Zug aus Maastricht angekommen war. Wir treffen uns auf derselben Caféterrasse, wo wir ein paar Monate vorher über seine Zeit als Radprofi gesprochen hatten. Damals hatten sich anschließend sämtliche Scooter in der Gegend gegen ihn verschworen. Keines der Dinger hatte sich freischalten geschweige denn starten lassen, sodass ihm nichts anderes übriggeblieben war, als den Weg vom Café zum Verlag, wo wir den Vertrag für dieses Buch unterzeichnen wollten, im Laufschritt zurückzulegen.

Ich war an jenem Nachmittag mit meinem Stadtrad unterwegs, das entsetzlich quietschte, und musste ordentlich strampeln, um mit Tom Schritt zu halten. Er lief im Slalom über Geh- und Radwege und sorgte für ziemliches Aufsehen unter den Menschenmassen auf der Kinkerstraat. Aber das war Tom egal. »Ich mag das einfach!«, rief er, als er in Richtung Museumsplein trabte. Jetzt sitzen wir uns wieder an der gleichen Stelle gegenüber, an einem Holztisch auf der Terrasse, die an die Gracht grenzt. Ein Stück die Straße hinunter liegt die Wohnung, die Tom vergangenen Winter gekauft hat. Der Sommer, den wir gemeinsam auf der Straße verbracht haben, neigt sich dem Ende entgegen.

Tom reist hin und wieder von Maastricht her, um das Flair der niederländischen Hauptstadt zu genießen. Aus Maastricht wegzuziehen, kommt für ihn aber nicht in Frage. Dort, in der Provinz Limburg, kam er an einem Sonntag, dem 11. November 1990, als ältester Sohn von Erna Burg und John Dumoulin zur Welt. Die Abstecher nach Amsterdam fühlen sich eher wie ein Urlaub an. Eine seiner beiden Schwestern wohnt ebenfalls dort. Als er sich vor kurzem mit ihr und seiner anderen Schwester – die beiden heißen Nina und Simone, offenbar nicht in Anlehnung an die berühmte Sängerin (»Meine Eltern waren da immer etwas vage. Sie meinten nur, es seien einfach zwei schöne Namen.«) – in einer Mischung aus Bistro, Weinbar und Restaurant traf, erzählten sie ihm, wie sehr sie sich freuten. »Nach all der Zeit, in der ich über 150 Tage im Jahr im Ausland unterwegs war und Rennen auf der ganzen Welt bestritt, hatten sie das Gefühl, endlich ihren Bruder zurückzuhaben.« In gewisser Weise liegt es auf der Hand, dass er jetzt so fröhlich und gelöst wirkt. Damit seine Schwestern ihren Bruder zurückbekommen konnten, musste er es schaffen, Abstand vom Radsport zu finden, und die dafür notwendige Ruhe fand er erst, als er seine Karriere an den Nagel gehängt hatte. Ohne Fahrrad konnte er versuchen, wieder zu sich selbst zu finden. Und wie es aussieht, scheint ihm das auch ganz gut zu gelingen.

Sein Lächeln ist heute besonders breit. Er will später noch ein paar Runden durch den Vondelpark laufen, denn bald steht ein Halbmarathon an, an dem er teilnehmen möchte. Es ist nicht so, dass er Sport gänzlich abgeschworen hätte. Sein Rucksack mit den Laufsachen steht neben ihm auf dem Boden. Das Logo seines letzten Arbeitgebers ist darauf noch zu erkennen. Sein letztes internationales Rennen im Baskenland liegt etwas mehr als ein Jahr zurück.

»Vermisst du das Radfahren?«

»Im Moment noch nicht.«

Da ist wieder dieses Grinsen. Dieses neue Leben gefällt ihm, auch wenn es ihm noch etwas seltsam vorkommt. Er hat das Abenteuer, als das er seine Radsportkarriere bezeichnet, durchaus genossen, aber in den zurückliegenden Jahren hatte sich das Leben für die auserlesene Gruppe von Profis, die zur absoluten Weltspitze zählen – zu der auch er selbst mehrere Jahre lang gehörte –, rasant in eine Richtung entwickelt, die ihm nicht behagte. Der Radsport war in seinen Augen zu einem Sport für Mönche geworden: nur etwas für die wenigen Athleten, die in Abgeschiedenheit existieren können, die akribisch detaillierte Trainingsprogramme abarbeiten können, die sich permanent in Verzicht üben, sich höchstens zweimal im Jahr etwas gönnen (eine Pizza! ein Glas Wein!), täglich von Trainern und Coachs überwacht werden, ständig darauf achten, ihre Mahlzeiten auf das Gramm genau abzuwiegen, um bloß nicht irgendwann selbst zu viel auf die Waage zu bringen. »Der Radsport, wie er heute ist, passt nicht mehr zu dem, was ich bin, und er passt nicht mehr zu dem, was ich sein will.«

Ich frage, ob ihm inzwischen klarer geworden ist, wer er sein will. Er nickt. Er sei jetzt jemand, der sich nicht nur für sich selbst, sondern auch für andere interessiere. »Früher habe ich mich nur dafür interessiert, wie ich ein besserer Radfahrer werden kann. Jetzt möchte ich herausfinden, welche Art Leben ich führen will. Wie möchte ich anderen gegenüber sein?«

Wir geben unsere Bestellungen auf. Zwei Hähnchen-Sandwichs und zwei Kaffee. Nachdem das erledigt und die Kellnerin an einen anderen Tisch gegangen ist, seufzt Tom erleichtert. »Weißt du, ich habe einfach wieder Energie. Während wir hier sitzen, merke ich, dass es mir echt gut geht. Ich mache mir keinen Kopf, es gibt kein Training morgen, ich muss kein beschissenes Training vom Vortag verdauen. Ich bin frisch und fit. Ich bin hier. Ich genieße das tolle Wetter und wie schön es ist, hier am Wasser zu sitzen und zu Mittag zu essen.«

»Du bist also einfach glücklicher als zu der Zeit, als du Rad gefahren bist?«

»Ja«, sagt er entschieden hinter seiner Sonnenbrille. »Das war natürlich alles schon eine außergewöhnliche Erfahrung. Der Radsport hat mich widerstandsfähiger gemacht. Aber keine Frage: Ich fühle mich jetzt freier. In den letzten Jahren hatte ich nicht nur die Kontrolle über meine Karriere, sondern auch über mein Leben verloren. Und das lag daran, dass diese Karriere einen so großen Teil von mir ausmachte. Ich hatte meine Autonomie völlig verloren. Und jetzt habe ich sie wieder zurück. Ich kann wieder meine eigenen Entscheidungen treffen.«

Ein paar Wochen zuvor saßen wir mit seinen Eltern an einem Tisch in der Küche seines Elternhauses, etwas außerhalb des Zentrums von Maastricht. Wir tranken Kaffee, aßen Kirschkuchen und blätterten in einem Stapel Aktenordner. Seine Mutter hatte Toms Karriere von seinen ersten Rennen an dokumentiert, mit selbst beschrifteten Fotos, kleinen Berichten und Schnipseln aus der Clubzeitung der »Bergklimmers«, seines ersten Vereins. Es war 13 Monate her, dass er sein letztes Rennen als Profi bestritten hatte.

Seine Eltern hatten im Wohnzimmer durchsichtige Kunststoffboxen mit Trikots, Mützen und Bidons gestapelt. Tom hatte keine rechte Lust, alles zu öffnen und durchzusehen. Als seine Mutter ein altes Interview auf den Tisch legte und ihm zuschob, meinte sie, wie erstaunlich sie es fand, was er darin alles erzählte. »Meine Tage als Freibeuter sind vorbei«, stand über dem Artikel.

Tom nahm den Zeitungsausschnitt gar nicht erst in die Hand, er wollte seine Worte von damals nicht noch einmal lesen. Als ob er ihnen misstraute. Er meinte zu seiner Mutter, dass es genau dasselbe sei wie neulich mit dem Video, das ein Radhersteller gemacht hatte, mit dem er einen Botschafter-Vertrag abgeschlossen hatte. Auch dieses Promo-Video, mit alten Aufnahmen des jungen Tom beim Amstel Gold Race, hatte er sich erst ansehen wollen, nachdem er viele positive Reaktionen darauf bekommen hatte. »Vorher habe ich mich nicht getraut, mir das anzugucken. Und selbst jetzt habe ich es noch nicht zu Ende gesehen. Ich möchte mal wissen, wie es euch damit ginge, wenn ein solcher Film über euch gemacht würde. Ihr habt ja leicht reden, ihr habt keine Ahnung, wie das ist.«

Seine Mutter hat alle Interviews aufbewahrt, das ganze Material, damit er es sich eines Tages noch einmal ansehen kann. »Dafür bin ich auch echt dankbar«, versicherte Tom ihr, »aber das alles schaue ich mir irgendwann vielleicht in 20 Jahren oder so mal an.«

Seine Mutter erinnerte sich, wie eines Tages, am Morgen des Amstel Gold Race, das alljährlich rund um Maastricht ausgetragen wird, auf der Wiese praktisch direkt gegenüber von ihrem Haus, wo Tom oft mit seinen Freunden spielte, die Helikopter landeten. Eigentlich war es ein militärischer Übungsplatz, Teil der Kaserne, die auf der anderen Straßenseite lag. Mit ihren damals noch dürren Körpern schlängelten sich die Jungs immer zwischen den Gitterstäben des Zauns hindurch und spielten, wenn der Rasen frisch gemäht war, auf der leeren Wiese Fußball.

An jenem Morgen im April hoben die Hubschrauber unter gehörigem Lärm von dem Areal ab. An Bord waren die Kamerateams, die den größten niederländischen Radsportklassiker für das Fernsehen verfolgten und den Zuschauern am Nachmittag dann Luftbilder der Fahrer lieferten, wie sie sich ihren Weg durch die limburgische Landschaft bahnten, um als Erste die Ziellinie auf dem Kanaaldijk zu erreichen, direkt am Ufer der Maas, unweit der Straße, in der die Familie Dumoulin wohnte.

Am einzigen niederländischen Radsport-Sonntag von internationaler Bedeutung herrschte rund um das Haus der Dumoulins immer reges Treiben. Zeitungsartikel hatten die Familie darauf aufmerksam gemacht, dass das Peloton wieder im Anmarsch war und am Sonntag auf dem Marktplatz von Maastricht starten würde. »Mama und Papa haben mir dann erzählt, dass morgen der Tag des Rennens wäre.«

Auf seinem Handy hat er ein Video davon. Tom an der Strecke des Amstel Gold Race, als kleines Kind, in den späten 1990er Jahren. Er weiß noch ungefähr die Stelle, wo er stand und zusah. »Weißt du, wo der Sint Pietersberg liegt? Nun, am Fuße des Hügels gibt es eine Kreuzung mit fünf Abzweigungen. Bei der großen Villa von André Rieu kamen die Fahrer damals rauf und nahmen dann den Zonnebergweg, so eine schmale, kleine Miststraße. Von dort kommt man den Sint Pietersberg runtergedonnert, und wenn man an der Fünfer-Kreuzung geradeaus fährt, landet man direkt in unserer Straße. Und hier, siehst du? Das bin ich, in der roten Jacke. Und das da, das ist meine Schwester Nina.«

Er nennt es einen magischen Moment: Die Fahrer, da kommen sie! Angekündigt von einer Horde von Polizeimotorrädern, Rennleitern und Fotografen, dem Schrapp-Schrapp-Schrapp der Hubschrauber, die über der Spitzengruppe schweben, und natürlich dem Hupen der Autos mit den Sponsoren und Offiziellen. Er hatte das Gefühl, Teil eines größeren Ganzen zu sein. »Ich hatte keine Ahnung von Radsport, aber, wow, wie schnell diese Jungs waren. Sie rauschten nur so an uns vorbei.«

Am nächsten Tag in der Schule war wieder alles wie immer, die Aufregung war verflogen. Die Übertragung von Lüttich– Bastogne–Lüttich, das in der darauffolgenden Woche stattfand, hat er nicht gesehen. Aber trotzdem: Irgendwie war an einem dieser Amstel-Gold-Race-Sonntage dieser Samen eingepflanzt worden, glaubt er. Ein Samen, der sagte: Das ist cool, das könnte eines Tages was für mich sein. Einer dieser Helden zu werden, dem Zigtausende andere vom Straßenrand aus zuschauen wollen.

Bei unserem ersten Treffen zu Beginn des Sommers, als sich sämtliche Leihscooter in Amsterdam gegen ihn verschworen hatten, nahm ich mir vor, mit Tom einfach ganz am Anfang anzufangen: Wie war er als Kind? Ich fragte nach Dingen, die für das Verständnis seiner Existenz als Radrennfahrer wichtig sein könnten.

Er nickte verständnisvoll. Er würde gerne über den Radsport reden, hatte aber keine Lust, seine Kindheit großartig zu analysieren. Bitte kein Geschwafel. Er war nur ein kleiner Junge mit einer besonderen Marotte: Er rannte einfach am liebsten überall hin. Er hatte immer eine Menge überschüssige Energie gehabt. Seine Mutter konnte sich nicht erinnern, dass er jemals einfach nur normal gegangen sei. Selbst wenn er nur zu seinen Freunden wollte, die schräg gegenüber wohnten, rannte er. Und auch auf dem Rad, auf dem Weg zur Schule, fuhr er stets so schnell, wie er konnte. »Bis zum Umfallen. Ich neige zum Schlendrian, bin manchmal chaotisch. Ich kam meistens zu spät nach Hause, also musste ich mich beeilen. Außerdem bin ich ungeduldig. Ich mag es, wenn ich etwas gut kann. In der Corona-Zeit zum Beispiel habe ich mir ein Klavier gekauft, weil ich schon immer gerne Musik machen wollte. Also sagte ich mir: Okay, das nehme ich mir jetzt für diese Zeit vor. Und obwohl ich wusste, dass es Jahre dauert, bis man ein bisschen Klavier spielen kann, dachte ich, dass es bei mir vielleicht schneller ginge. Ich habe angefangen zu üben, aber nach zwei, drei Mal hatte ich das Gefühl, keine Fortschritte zu machen. ›Frére Jacques‹ konnte ich immer noch nicht flüssig spielen. Ich erledigte mechanisch meine Übungen, aber mit Musikmachen hatte das nichts zu tun. Ich verlor bald das Interesse und rührte das Ding nie wieder an.«

Als Junge probierte er es zunächst mit Fußball, aber er fühlte sich nie wirklich wohl in diesem Vereinsumfeld, wo Platzhirschgehabe und eine große Klappe dem sozialen Status dienlich waren. »Als ich dann noch in die Höhe schoss und groß und schlaksig wurde – und damit ungeschickt am Ball –, sah ich mich nach was anderem um.« Er hatte nicht nur lange Beine, sondern war auch ein Leichtgewicht: eine ideale Kombination für den Laufsport. Also trat er einem Leichtathletikverein bei. Aber nur Laufen kam in seinem Alter nicht in Frage, und Disziplinen wie Kugelstoßen und Weitsprung lagen ihm überhaupt nicht und machten ihm keinen Spaß. Seine große Stärke, merkte er bald, war seine Kondition. »Ich liebe es nach wie vor, an meine Grenzen zu gehen. Ich glaube, ich halte immer noch den Rekord im Pendellauf am Bonnefanten College. Wenn ich mich richtig erinnere, bekam man eine Eins, wenn man es bis Stufe elf schaffte. Ich schaffte es bis Stufe 17,5. Ich weiß noch, dass ich dachte: Warum zum Teufel bin ich darin so gut? Inzwischen weiß ich es. Solche Dinge geben mir einfach ein gutes Gefühl.«

Die Dumoulins waren keine typische Radsportfamilie, wie man sie in Limburg häufig antrifft. Sein Vater, Leiter des IVF-Labors am Akademischen Krankenhaus in Maastricht, sah sich ab und zu Radrennen im Fernsehen an, und im Sommer lief, wie in vielen Wohnzimmern, tagsüber die Übertragung der Tour de France, aber das war’s auch schon. »Meine Mutter interessierte sich nicht für Radsport. Sie nörgelte an meinem Vater herum: ›Was findest du bloß an diesem Lance Armstrong? Das macht doch keinen Spaß, oder? Der gewinnt doch eh immer.‹ Mein Vater wehrte sich dann: ›Aber schau doch mal, wie er vom Krebs zurückgekommen ist‹, rief er. ›Welche Willensstärke man dafür haben muss.‹ Meine Eltern wussten damals nichts über Doping.«

Tom war etwa 14 Jahre alt, als seine Mutter Kontakt zu einem Radsportverein in der Nähe aufnahm. Er wünschte sich eine Sportart, die man das ganze Jahr über ausüben konnte, und Radfahren war ihr allemal lieber als Eishockey. Also rief sie beim TWC Maaslandster und auch beim WCL Bergklimmers an, einem Verein aus Limburg, wo ihr ein sehr netter Mann vorschlug, ihr Sohn solle doch einfach mal vorbeischauen und es ausprobieren. Sogar ein Leihfahrrad bot er ihr an, davon hätten sie beim Club noch einige da.

»Harry Riem war ein sehr freundlicher, warmherziger und sanfter Mann. Er kümmerte sich rührend um die radelnde Jugend. Harry war ein reiner Ehrenamtler. Er brauchte keine Gegenleistung. Er war einfach ein wirklich netter Mann. Er war sehr wichtig für mich. Er hat meine Liebe zum Radsport geweckt. Als ich zu den Junioren kam, begann ich, Fortschritte zu machen. Ich konnte Rennen zu Ende fahren und auch ein bisschen vorne mitmischen, aber ich war noch nicht gut genug, um zu gewinnen. Aber Harry sah Potenzial in mir und legte Ende 2008 ein gutes Wort bei einem Limburger Auswahlteam, PPL Belisol, für mich ein. Die hatten noch nie von mir gehört, aber Harry sagte: ›Nehmt den Tom auch, versucht es einfach.‹«

Harry Riem war aufgefallen, dass der groß gewachsene, schlaksige Bursche gut bergauf fahren und sich recht schnell von intensiven Belastungen erholen konnte. Seine Mutter erinnert sich an den letzten Wettkampf, bei dem Harry ihren Sohn fahren sah, ein Rennen rund um Lüttich. Tom war an jedem Anstieg als Erster oben, fiel aber auf jeder Abfahrt ans Ende des Feldes zurück. »Das lag daran, dass ich keine Ahnung hatte, wie man sich im Feld bewegt. Ich bin deswegen immer als Letzter in den Anstieg gegangen, war oben dann Erster und wurde anschließend wieder von allen anderen überholt. Ich habe mich im Rennen nicht besonders geschickt angestellt, aber weil es letztlich vor allem darauf ankommt, habe ich keine nennenswerten Ergebnisse eingefahren.«

Bei PPL Belisol hatte man glücklicherweise auf Harry Riem gehört. Vor der Saison 2009 wurde Tom in die Regionalauswahl aufgenommen. Zwei Monate nachdem er diese Nachricht erhalten hatte, starb Harry an einem Herzinfarkt. »Ich denke immer noch sehr oft an ihn. Es hat mir immer sehr leid getan, dass er meine Profikarriere nicht miterleben konnte, denn ich glaube, er wäre stolz auf die Arbeit gewesen, die er in mich gesteckt hat. Und er hat dafür nie eine Gegenleistung erwartet. Ich habe Harry unheimlich viel zu verdanken. Er war erst 45, als er starb.«

Sein erstes richtiges Rennrad kaufte sich Tom zum Teil von dem Geld, das er mit Zeitungaustragen verdiente. Die andere Hälfte steuerten seine Eltern bei. Es war ein Modell der Marke Trek. »Lance Armstrong fuhr auch so eins, also dachte ich: Das muss ein gutes Rad sein. Ich meine, es wäre sogar in den Farben von US Postal lackiert gewesen: rot, silber und blau. Es hatte einen Alurahmen und eine Carbongabel. Das fand ich damals sehr cool.«

Er begann im zweiten U17-Jahr mit dem Radsport und selbst anderthalbstündige Trainingseinheiten kamen ihm anfangs ziemlich lang vor. Wenn er in jenem ersten Winter zu den Ausfahrten der Bergklimmers eintraf, trug er kaum mehr als eine kurze Radhose, ein Trikot und allenfalls Arm- und Beinlinge. Er hatte weder Überschuhe noch eine Mütze, keine Handschuhe und keine Regenjacke. »›So kannst du nicht mit, Tom‹, sagte Harry zu mir. ›Das geht nicht.‹ Also hat er mir schnell noch eine Zeitung unters Trikot gestopft. Er merkte sofort, dass die Familie Dumoulin keinen Plan von Radsport hatte und er dem neuen Jungen ein bisschen Nachhilfe geben musste.«

Obwohl sie von allen herzlich aufgenommen wurden und man sich rührend um sie kümmerte, fremdelten die Dumoulins etwas mit der Limburger Radsportszene. Richtig zugehörig fühlten sie sich nie. Wenn Tom trainieren musste, ging sein Vater häufig nur am Rande der Strecke spazieren. »Wir haben den Radsport als etwas völlig Fremdartiges erlebt«, sagt Tom. »Das waren wirklich sehr nette Leute, und ich kam gut mit ihnen aus, aber ich fühlte mich immer noch, als wäre ich zu Gast in einer Welt, die nicht die meine war.«

In diesen ersten Wintern leitete der ehemalige Profi Ad Wijnands das abendliche Vereinstraining. Oder sie trafen sich auf dem Campingplatz De Bosrand in Sint Geertruid und drehten eine Runde mit dem Mountainbike. »Dort kamen alle zusammen. Schüler- und Jugendfahrer, Junioren, erfahrene Amateure. Dann baute Ad irgendwo draußen auf dem Parkplatz mit Pylonen einen kleinen Parcours auf und brachte uns bei, wie man richtig lenkt und Kurven fährt.«

Das abendliche Vereinstraining im Winter fand in der Lagerhalle einer Möbelfirma auf der Rolle statt. Am Samstagvormittag ging es dann raus auf die Straße, ehe im Anschluss alle gemeinsam Makkaroni mit Ketchup aßen. »Auf der Rolle hatte ich bald den Dreh raus. Wir waren dort mit zwanzig Jungs zugange, jeder auf seiner Rolle, und es war irre laut. Ad stellte sich mit einer Stoppuhr zwischen uns und rief: ›Und jetzt sprinten!‹ Auf so einer freien Rolle kann man nicht besonders viel Power aufs Pedal bringen, aber man lernt, auf seine Trittfrequenz zu achten. In dem Alter ist das viel wichtiger, als auf Kraft zu trainieren.«

Nach dem Tod von Harry Riem kümmerte sich die Familie Harings um die ahnungslosen Dumoulins. »In diesen Familien – es gab noch viele andere – wurde die Liebe zum Radsport von Generation zu Generation weitergegeben. Der Vater fuhr, der Sohn fuhr, der Opa war Rennen gefahren. Nach jedem kleinen Rennen unterhielt sich die ganze Familie noch lange darüber, wie es gelaufen war. Bei uns nicht, wir haben uns nach jedem Wettkampf gleich wieder anderen Dingen zugewandt.« Tom trainierte oft mit Sandro, dem Sohn der Familie Harings. Manchmal viermal pro Woche auf der Straße, um stärker zu werden und sich die technischen Fertigkeiten anzueignen. »Ich war echt ein komischer Vogel. Ich wusste nicht mal, wie man richtig im Windschatten fuhr.«

Die ersten kleinen Rennen, an denen er teilnahm, waren daher ziemlich aufregend. Besonders beängstigend war für ihn, dicht am Hinterrad des Vordermanns zu fahren. »Anfangs ließ ich eine Lücke von einem Meter«, lacht er, »aber je länger ich dabei war, desto näher traute ich mich heran. Ich habe dann schnell gelernt, dass man natürlich auch nicht direkt am Hinterrad fahren sollte, denn wenn die anderen vor einem bremsen, kracht man in sie hinein. Wusste ich vorher nicht. Und obwohl ich im ersten Jahr nicht viele Rennen zu Ende gefahren bin, hat es mir unheimlich viel Spaß gemacht, ich konnte körperlich gerade so mithalten und habe alles an Wissen und Fertigkeiten aufgesaugt wie ein Schwamm. In der Nacht vor einem Rennen war ich immer total nervös. Ich habe schlecht geschlafen, weil ich mich im Radsport beweisen wollte. Erst gegen Ende meiner Karriere habe ich irgendwann angefangen, besser zu schlafen, aber da waren meine Leistungen auch nicht mehr so gut, und wenn ich jetzt daran zurückdenke, wird mir klar, dass ich diesen Stress wohl auch gebraucht habe«, sagt er und muss lächeln.

Noch ganz genau erinnert er sich an das erste Rennen nach jenem Winter, im Frühjahr 2008, auf dem Flugplatz von Beek. »Auf einem dieser Gewerbegelände, die es dort gab. Ich war so nervös! Ich hatte kaum geschlafen, morgens war es kalt und dunkel, und ich war furchtbar aufgeregt. Das hatte auch etwas von Versagensangst. Denn natürlich wusste ich nach vielleicht fünf Monaten Training, dass ich mit den Jungs, die schon seit Jahren dabei waren, nicht würde mithalten können, aber ich hielt das alles für so wichtig, dass ich mir trotzdem Druck machte, weil ich gut abschneiden wollte. Und es gelang mir auch, dieses erste Saisonrennen gut zu Ende zu fahren.«

Bei seinen ersten kleinen Rennen in Belgien scheiterte er oft an ganz elementaren Dingen. Zum Beispiel ging er häufig leer aus, wenn vom Straßenrand aus Trinkflaschen gereicht wurden. Weil er sich nicht getraut hatte, Harry oder die anderen Jungs zu fragen, wie das funktionierte, versuchte er es auf gut Glück. Oft schlug er den Helfern die Flasche einfach aus der Hand. »Irgendwann meinte ich: ›Mama, wir müssen das üben.‹« Und so begaben sie sich eines Nachmittags vor die Tür, Tom fuhr die Straße rauf und runter, während seine Mutter ihm eine Trinkflasche hinhielt. Nach jedem erfolgreichen Versuch erhöhte er das Tempo. Sein Vater wunderte sich noch Jahre später darüber, dass niemand es für nötig gehalten hatte, es dem Neuankömmling zu erklären. Er kam zu dem Schluss, dass solche Kniffe den Kindern in den Radsportfamilien quasi in die Wiege gelegt wurden, sie lernten von klein auf, wie man es macht. »Kein Wunder, dass sie Frischlingen im Verein nichts davon beibringen.«

Als ich sagte, dass ich es durchaus verwunderlich fände, entgegnete Tom, dass man sich unter so einem Verein nicht zu viel vorstellen sollte. »Das war alles nicht großartig organisiert. Solche Sachen lassen sich einfach nicht vermeiden, wenn man erst in meinem Alter dazustößt. Da liegt es auf der Hand, dass man bestimmte Dinge einfach nicht weiß und selbst herausfinden muss. Ich hatte echt keine Ahnung von Radsport. Woher sollte ich wissen, wie man einen Schlauch wechselt? Wie man das Hinterrad einbaut, so mit Kette und Schaltwerk? Davon verstand ich nichts. Da war niemand, der es mir erklärt hätte. Renntaktik? Ich wusste nicht mal, was das war. Ich verstand nichts von dieser Welt. Ich war damals ein schlaksiger Junge, der nicht besonders schnell Rad fahren konnte. Ich kam mir wie ein kleines Jüngelchen vor, das von Tuten und Blasen keine Ahnung hat. Aber ich wusste auch: Ich muss da durch, denn ich will mich hier verbessern und durchsetzen. Das war ein starker Antrieb.«

Im Sommer flog er mit seiner Familie für drei Wochen nach Indonesien. Familie Harings konnte es nicht fassen. Wie konnte er das tun? Mitten in der Saison? Wo sollte das hinführen? Tom dachte noch: Was ist schon dabei? Aber dann geriet er doch ein bisschen ins Grübeln, denn er meinte es durchaus ernst mit dem Radsport. Als er entschied, trotzdem in den Urlaub zu fahren, schüttelten die Harings den Kopf und waren richtiggehend sauer.

Seine Eltern dachten nur: Leute, was redet ihr denn da? Tom fährt gerne Rad, wen kümmert es schon, wenn er mal nicht ins Ziel kommt? Der Junge fährt doch nur zum Spaß. »Und wir sind auch immer gern mit zu den Rennen gegangen, weil es uns Freude bereitet hat«, erzählte seine Mutter. »Auch meine eigene Mutter ist manchmal mitgekommen. Einfach aus Geselligkeit, aber sonst? Wir haben uns Fritten geholt und sind danach wieder nach Hause gefahren. Aber in den anderen Autos wurde auf dem Rückweg nur über das Rennen gesprochen.«

»Das Tolle war«, lacht Tom, »das gleich das wichtigste Rennen der Saison anstand, als ich aus Indonesien zurückkam: Remouchamps–Ferrières–Remouchamps. Nach der Hälfte der Strecke durch die Ardennen war ich in der Spitzengruppe. Wir wurden zwar irgendwann eingeholt und ich fiel zurück, aber ich war an dem Tag ziemlich gut gefahren. Nach dem Rennen waren die Harings richtig sauer auf mich. Sie warfen mir vor, in Indonesien heimlich auf dem Rad gesessen und trainiert zu haben. Ich musste mich für etwas rechtfertigen, was einfach nicht stimmte. Ich saß echt mit offenem Mund da. Was hatte ich falsch gemacht? Aber sie fühlten sich von mir hintergangen, ja, geradezu verarscht.«

Auf Bali war er zweimal ins Fitnessstudio gegangen, in Jakarta hatte er einmal 20 Minuten auf dem Heimtrainer gesessen (»Was für ein Unsinn«, hatte seine Mutter noch gedacht) und einmal hatte er sich ein altes, klappriges Mountainbike geliehen und war auf einer ruhigen Landstraße auf und ab geradelt. »Ich hatte also nicht viel trainieren können, was mir ein wenig von meinem Druck nahm. Ich wollte bei den Rennen nach dem Urlaub mein Bestes geben, aber wenn nicht viel dabei herumkam, wäre das ja nur verständlich, denn ich hatte ein paar Wochen kaum trainiert. Später bin ich bei großen Rennen oft mit der Devise an den Start gegangen: Okay, Tom, du kannst jetzt sowieso nichts mehr ändern, gib einfach dein Bestes und schau mal, was dabei rauskommt. Irgendwie war das auch eine Weise, mir den Spaß am Radsport zu erhalten. Sieben Jahren später bin ich mit genau dieser Einstellung den Giro 2017 angegangen. Ich habe mir damals gesagt: Das ist das erste Mal, dass du wirklich auf die Gesamtwertung fährst, aber wenn du am Ende nur Achter wirst, ist das ein guter erster Schritt für deine weitere Entwicklung als Klassementfahrer.«

Als auch das zweite Stück Kirschkuchen aufgegessen war, erinnerte sich seine Mutter an die Zeit, als die Familie in den Urlaub nach Frankreich fuhr und der damals 16-jährige Tom sein Rennrad mitgenommen hatte. »Du wolltest unbedingt diesen einen Berg hoch. War das mit Papa?«

»Nein, ich hatte selbst eine Runde ausgetüftelt, ich weiß nicht mehr genau, aber ich glaube, wir waren in Embrun und in der Nähe ist der Col d’Izoard. Ich wollte wissen, wie es ist, in den Alpen zu fahren. Ich wollte einen dieser großen Alpenpässe bezwingen.«

»Ja, aber du wolltest allein den Berg hoch. Das kam gar nicht in Frage. Ich bin hinter dir im Auto gefahren, wie ein Besenwagen. Und ich weiß noch, dass ich dachte: Mein Gott, Tom, was machst du bloß? Irgendwann bin ich neben dir gefahren und habe gefragt, ob du nicht einsteigen willst.«

»Ich hatte eine Runde von 60 oder 80 Kilometern geplant, ich weiß es nicht mehr genau, aber ich dachte natürlich: Wird schon schiefgehen. Andererseits war ich noch nie länger als zwei Stunden gefahren, und wenn man für so einen Anstieg dann anderthalb Stunden braucht … Ich weiß auch, dass es für dich ebenfalls ziemlich aufregend war, Mama. Ich glaube, ich bin dann oben auf der Passhöhe ins Auto gestiegen.«

»Weil ich die Abfahrt so beängstigend fand.«

»Das habe ich natürlich gespürt, als ich hochgefahren bin. Ein Tipp für junge Radsportler: Nehmt nie eure Mutter mit, wenn ihr Rad fahrt, haha. Sie macht sich nämlich Sorgen und fragt fünfmal, ob ihr nicht ins Auto steigen wollt, damit ihr zusammen hochfahren könnt. Ich weiß noch, wie ich sagte: ›Mama! Ruhe jetzt, ich fahr weiter!‹ Aber am Gipfel bin ich eingestiegen, weil ich vor der Abfahrt ehrlich gesagt selbst großen Respekt hatte. Ich hatte das noch nie gemacht, und es gibt dort am Straßenrand ziemlich steile Abgründe, nicht wahr?«

»Bei uns lief zwar immer auch die Tour im Fernsehen, das alles war mir nicht ganz unbekannt, aber an diesem Tag habe ich etwas anderes gesehen: deine intrinsische Motivation. Das hat mir gefallen. Dass du einen kleinen Wettkampf mit dir selbst ausgefochten hast.«

»Ja, aber warum musste es ausgerechnet Radsport sein?«, warf sein Vater ein. »So ein harter, gefährlicher Sport. Wir haben da aber keine große Sache draus gemacht. Als die beiden wieder zurück waren, saßen wir zehn Minuten später vor dem Zelt und spielten eine Partie Risiko.«

»Für mich ist der Izoard immer etwas Besonderes geblieben. Er war mein erster richtiger Berg. Es war immer etwas Besonderes, wenn wir ihn bei der Tour de France hochgefahren sind. Als er für mich das erste Mal bei der Tour auf dem Programm stand, hatte ich vorne im Feld eigentlich nichts zu suchen, aber da es der Izoard war, ging ich trotzdem in der ersten Gruppe über die Passhöhe. Das war ›mein‹ Anstieg.«

Nachdem wir uns von seinen Eltern verabschiedet hatten und uns zu Fuß auf den Weg zurück ins Zentrum von Maastricht machten, kamen wir an der verlassenen Wiese vorbei, auf dem am Sonntag des Amstel Gold Race die Hubschrauber gelandet waren. Er sah sich den Zaun an und suchte nach den beiden Stäben, die damals ein bisschen auseinanderstanden, sodass die Jungs hindurchschlüpfen konnten, aber anscheinend war er inzwischen repariert worden. Tom deutete auf das Gebäude in der Ferne, das früher als Kaserne für Armeeeinheiten aus dem Ausland diente. »Siehst du die Schnellstraße? Die ist ziemlich stark befahren. Darunter ist eine Unterführung und durch die kamen die Soldaten, ohne dass wir sie kommen sahen. Wir haben uns jedes Mal zu Tode erschrocken, wenn plötzlich einer von denen in voller Montur vor uns auftauchte und uns anbellte, schleunigst zu verschwinden. Danach dauerte es immer ein paar Tage, bis wir uns wieder trauten, dort Fußball zu spielen. Schau mal, da vorne, da habe ich mit meiner Mutter trainiert.« Ich sah auf das Straßenschild: Wijngaardstraat. »Ich kam von da oben, fuhr den kleinen Abhang runter und machte richtig Tempo, und unten stand meine Mutter und hielt die Trinkflasche in die Luft.«

2 Antrieb

Als er in sein zweites U23-Jahr ging, war er immer noch grün hinter den Ohren, aber er konnte nun immer öfter mit den stärkeren Fahrern mithalten, die ein paar Jahre älter waren, jungen Männern, die alles daransetzten zu gewinnen. Er fühlte sich unwohl, weil er mit ihnen, die zum Teil schon über dreißig waren, wenig gemeinsam hatte. »Ich mochte den Sport, aber auf persönlicher Ebene fühlte ich mich dort noch nicht zu Hause, und ich tat mich schwer mit den Sitten und Gepflogenheiten im Peloton.«

Gleichzeitig war es eine besondere Welt, die ihn anzog. In sportlicher Hinsicht fühlte er sich keineswegs fehl am Platz. »Aber es ging echt zur Sache dort, und dieser unbedingte Wille zu gewinnen, hat mir manchmal ein bisschen Angst gemacht. Es war eine harte kleine Welt, in der sich die Jungs gegenseitig nicht schonten, sich beschimpften und in der manche, wie ich glaube, auch zu verbotenen Substanzen griffen. Auf der anderen Seite genoss ich das taktische Spiel und dachte: Ja, leckt mich doch, nicht mit mir, ich lasse mich hier nicht unterbuttern. Ich habe mir immer diesen Drang bewahrt, Leistung zu zeigen und mein Talent zu zeigen, dieser Antrieb war immer stärker als die Abneigung gegen diese Typen. Das eine hat das andere überwogen. Gleichzeitig – und ich muss zugeben, dass ich mich schwertue, dir das zu erzählen, weil ich keine große Sache daraus machen will – habe ich mich manchmal gefragt, warum ich unbedingt im Radsport bleiben und darin erfolgreich sein wollte. Im Grunde genommen hat es damit zu tun, dass ich gesehen werden wollte. In der Schule, auf dem Gymnasium, war ich sehr gut, aber irgendwann wollte ich, dass die Leute sehen, dass auch ich mich anstrengen und mein Bestes geben musste, damit mir die Dinge gelingen. Als es mir gegen Ende meiner Karriere, in meiner Zeit bei Jumbo-Visma, schlecht ging, habe ich mit einer Psychologin darüber gesprochen. Die Leute, auch Menschen, die mir nahestehen, wie meine Familie und enge Freunde, hatten immer den Eindruck, dass mir alles leichtfiel, und infolgedessen bekam ich weniger Aufmerksamkeit. Alle dachten: Er macht das schon. Aber es ist mir überhaupt nicht leichtgefallen. Auch ich musste mein Bestes geben, aber das sah für andere vielleicht nicht so aus. Deshalb bekam ich auch nie zu hören: ›Mensch, Tom, das hast du gut gemacht.‹ Wenn ich mit einer Zwei nach Hause kam, hat das kaum jemanden interessiert. Wenn meine Schwester mit einer Drei nach Hause kam, wurde sofort die Fahne gehisst. Ich fühlte mich weder verstanden noch gesehen. Also fing ich an, mich nach etwas Schwierigem umzusehen, das mir diese Aufmerksamkeit verschaffen könnte. Ich wollte mich beweisen. Ich wollte gesehen werden. Man sieht das häufig, dass Menschen, denen alles leichtfällt und die kaum Rückschläge erleben, sich schwierige Herausforderungen suchen, um zu zeigen, dass auch sie Rückschläge überwinden können. In meinem Fall hieß das, mich in einer Welt zu behaupten, die nicht die meine war. Der Radsport war in dieser Hinsicht genau das Richtige für mich.«