Nachricht von dir - Guillaume Musso - E-Book
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Beschreibung

New York, John-F.-Kennedy-Flughafen. Ein Mann und eine Frau prallen im Schnellrestaurant aufeinander – und fluchen. Ein Sandwich fällt zu Boden, ein Glas Cola wird verschüttet, beide kehren sich den Rücken, um sich nie wiederzusehen. Doch zuhause angekommen – er in San Francisco, sie in Paris – , stellen sie fest, dass sie ihre Handys vertauscht haben. Handys, in denen intimste Informationen gespeichert sind. Sie beginnen, das Telefon des anderen zu durchstöbern, und was sie dort entdecken, erscheint ihnen wie ein Wink des Schicksals: Denn ihre Leben sind bereits seit langer Zeit miteinander verknüpft – durch ein Geheimnis aus der Vergangenheit, das sie nun einzuholen droht. Es beginnt eine atemlose Jagd, bei der die beiden alles riskieren, an ihre Grenzen gehen und das Unmögliche möglich machen.

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Aus dem Französischen von Eliane Hagedorn und Bettina Runge, Kollektiv Druck-reif

Vollständige E-Book-Ausgabe der im Piper Verlag erschienenen Buchausgabe

1. Auflage 2012

ISBN 978-3-492-95540-9

© XO Éditions, Paris 2011 Die Originalausgabe erschien 2011 unter dem Titel »L’Appel de l’ange« bei XO Éditions, Paris. Deutschsprachige Ausgabe: © Pendo Verlag in der Piper Verlag GmbH, München 2012 Published by arrangement with Other Press, LLC Umschlaggestaltung: Zero Werbeagentur, München Umschlagabbildungen: FinePic®, Trevillion, Getty Images Datenkonvertierung: CPI books GmbH, Leck

Prolog

The shore is safer, but I love to buffet the sea.

Das Ufer ist sicherer, aber ich liebe den Kampf mit den Wellen.

Emily Dickinson,The Pagan Sphinx

Ein Handy?

Anfangs sahen Sie nicht die Notwendigkeit, aber weil Sie nicht altmodisch erscheinen wollten, entschlossen Sie sich dann doch für ein einfaches Modell mit einem minimalen Grundtarif. In der ersten Zeit überraschten Sie sich manchmal selbst dabei, wie Sie – vielleicht etwas zu laut – in einem Restaurant, im Zug oder auf der Terrasse eines Cafés telefonierten. Eigentlich ganz praktisch und auch beruhigend, ständig mit der Familie und Freunden kommunizieren zu können.

Wie alle anderen haben Sie gelernt, auf der winzigen Tastatur SMS zu schreiben, und sich daran gewöhnt, sie ständig zu verschicken. Wie alle anderen haben Sie den guten alten Terminkalender durch die elektronische Version ersetzt. Mit Fleiß und Geduld haben Sie die Telefonnummern Ihrer Freunde und Verwandten übertragen. Die Nummer des Liebhabers und der verflossenen Geliebten sowie die Geheimzahl der Kreditkarte, die Sie manchmal vergessen, haben Sie in einer verschlüsselten Datei vermerkt.

Obwohl die Qualität miserabel war, benutzten Sie das Handy, um Fotos zu schießen. Nett, immer ein lustiges Bild zur Hand zu haben, das man dann den Kollegen zeigen kann.

Das machten schließlich alle so. Die Verwendung des Geräts entsprach dem Trend der Zeit: Die Grenzen zwischen privatem, beruflichem und gesellschaftlichem Leben verschwammen. Und vor allem wurden die alltäglichen Dinge dringlicher und mussten flexibler gehandhabt werden, was ein stetiges Jonglieren mit Terminen erforderte.

Unlängst haben Sie das alte Handy gegen einen neues, viel perfekteres ausgetauscht: Ein wahres Wunder der Technik, mit dem man E-Mails abrufen und verschicken, im Internet surfen und auf das man Hunderte von kleinen Anwendungen, sogenannte Apps, herunterladen kann.

Und seither sind Sie quasi süchtig. Als hätte man Ihnen ein Implantat eingepflanzt, eine Art Erweiterung Ihrer selbst, die Sie stets begleitet – bis hin ins Bad und auf die Toilette. Wo auch immer Sie sich gerade befinden, es vergeht selten eine halbe Stunde, ohne dass Sie einen Blick auf das Display werfen, um sich davon zu überzeugen, dass es keine entgangenen Anrufe, keine SMS von Freunden oder dem Liebhaber gibt. Zeigt der Account nichts Neues an, sehen Sie sofort nach, ob keine Mail im Posteingang vorliegt.

Wie in der Kindheit das Plüschtier so gibt Ihnen heute das Handy Sicherheit. Das Display hat eine beruhigende und zugleich hypnotisierende Wirkung. In jeder Lebenslage verleiht es Ihnen Haltung und erleichtert den spontanen Kontakt, der alle Möglichkeiten offenlässt …

Doch eines Abends kommen Sie nach Hause, wühlen in Ihren Taschen und stellen fest, dass Ihr Handy verschwunden ist. Verloren? Gestohlen? Nein, unmöglich. Sie stellen noch einmal alles auf den Kopf – erfolglos – und versuchen sich einzureden, dass Sie es im Büro vergessen haben, aber … Nein, Sie erinnern sich genau, dass Sie es benutzt haben, als Sie im Aufzug nach unten gefahren sind. Dann also zweifellos in der Metro oder im Bus.

Mist!

Zunächst sind Sie wütend wegen des Verlustes an sich, dann beglückwünschen Sie sich dazu, eine Diebstahl-Verlust-Schaden-Versicherung abgeschlossen zu haben. Und zugleich zählen Sie Ihre Treuepunkte, die Ihnen die Möglichkeit geben, sich schon morgen ein neues Hightech-Spielzeug zu besorgen – diesmal mit Touchscreen.

Und doch sind Sie um drei Uhr morgens noch immer nicht eingeschlafen.

Sie stehen leise auf, um den Mann an Ihrer Seite nicht zu wecken.

In der Küche holen Sie die alte Schachtel Zigaretten vom Schrank, die Sie dort verstecken, für den Fall, dass es Ihnen einmal wirklich schlecht geht. Sie rauchen eine und trinken – wenn schon, denn schon – ein Glas Wodka dazu.

Scheiße …

Sie sitzen zusammengesunken auf einem Stuhl und frieren, denn wegen des Rauchs mussten Sie das Fenster öffnen.

Sie gehen im Geist durch, was Ihr Smartphone so alles enthält: ein paar Videos, etwa fünfzig Fotos, den Browserverlauf, Ihre Adresse (inklusive Zugangscode zum Haus), die Adresse Ihrer Eltern, einige Nummern von Leuten, die eigentlich nicht gespeichert sein dürften, Nachrichten, die die Vermutung nahelegen könnten, dass …

Jetzt werd nicht hysterisch …

Sie nehmen einen tiefen Zug an der Zigarette und einen Schluck Wodka.

Auf den ersten Blick scheint nichts wirklich Kompromittierendes gespeichert zu sein, doch Sie wissen, dass der Schein oft trügt.

Schon bereuen Sie, bestimmte Fotos, E-Mails und Nachrichten gespeichert zu haben. Die Vergangenheit, die Familie, Geld und auch Sex … Würde Ihnen jemand schaden und den Inhalt genau unter die Lupe nehmen wollen, könnte er Ihr Leben zerstören. Sie bereuen so manches, aber das hilft jetzt auch nichts mehr.

Sie frösteln und erheben sich, um das Fenster zu schließen. Die Stirn an die Scheibe gedrückt, betrachten Sie die wenigen Lichter, die noch in der Nacht leuchten, und sagen sich, dass am anderen Ende der Stadt vielleicht ein Mann interessiert auf den Bildschirm Ihres Smartphones starrt und es dann genussvoll durchforstet, um die dunklen Zonen Ihres Privatlebens und Ihre dirty little secrets zu erkunden.

Erster Teil

Katz und Maus

Kapitel 1

Der Austausch

Es gibt Menschen, deren Bestimmung es ist, einander zu begegnen. Wo sie auch sind. Wohin sie auch gehen. Eines Tages treffen sie sich.

Claudie Gallay,Seule Venise

New York

Flughafen JFK

Eine Woche vor Weihnachten

SIE

»Und dann?«

»Dann hat Raphael mir einen Diamantring von Tiffany geschenkt und mich gefragt, ob ich seine Frau werden will.«

Das Smartphone ans Ohr gepresst, lief Madeline vor der großen Fensterfront, die auf die Startbahn hinausging, auf und ab. Fünftausend Kilometer entfernt saß ihre beste Freundin in ihrer kleinen Wohnung im nördlichen Teil Londons und lauschte gespannt der detaillierten Schilderung ihres romantischen Ausflugs nach Big Apple.

»Da hat er ja wirklich alle Register gezogen«, stellte Juliane fest. »Wochenende in Manhattan, Zimmer im Waldorf Astoria, Kutschfahrt, altmodischer Heiratsantrag …«

»Ja«, meinte Madeline, »alles perfekt, wie im Film.«

»Vielleicht etwas zu perfekt, oder?«, stichelte Juliane.

»Kannst du mir erklären, wie es ›zu perfekt‹ sein kann, Miss Neunmalklug?«

Leicht irritiert versuchte Juliane, sich herauszureden.

»Ich meine nur, es hat vielleicht an Überraschungen gefehlt. New York, Tiffany, Spaziergang im Schnee und Eisbahn im Central Park … das ist etwas banal oder klischeehaft!«

Verschmitzt ging Madeline zum Gegenangriff über.

»Wenn ich mich recht entsinne, hat Wayne dir nach einem Saufabend im Pub einen Heiratsantrag gemacht. Er war voll wie eine Strandhaubitze und ist direkt, nachdem er um deine Hand angehalten hatte, auf die Toilette gerannt, um sich zu übergeben, oder nicht?«

»Okay, eins zu null für dich.« Juliane kapitulierte.

Madeline lächelte und näherte sich dem Eincheckbereich, um Raphael in der dichten Menge der Reisenden zu suchen. Zu Beginn der Weihnachtsferien drängten sich Tausende am Flughafen, wo es zuging wie in einem Bienenstock. Einige Leute wollten ihre Familie besuchen, andere strebten paradiesischen Zielen am anderen Ende der Welt zu, weit entfernt vom grauen New Yorker Alltag.

»Ach, übrigens«, fuhr Juliane fort, »du hast mir nicht gesagt, was deine Antwort war.«

»Soll das ein Witz sein? Ich habe natürlich Ja gesagt!«

»Hast du ihn nicht ein wenig hingehalten?«

»Hingehalten? Jul, ich bin fast vierunddreißig! Glaubst du nicht, dass ich lange genug gewartet habe? Ich liebe Raphael, ich bin seit zwei Jahren mit ihm zusammen, und wir wünschen uns ein Kind. In ein paar Wochen ziehen wir in das Haus, das wir gemeinsam ausgesucht haben. Juliane, zum ersten Mal in meinem Leben fühle ich mich beschützt und glücklich.«

»Das sagst du jetzt, weil er neben dir steht, oder?«

»Nein«, rief Madeline lachend, »er gibt gerade unser Gepäck auf. Und ich sage das, weil ich es so empfinde.«

Sie blieb an einem Zeitungskiosk stehen. Wenn man alle Schlagzeilen der verschiedenen Blätter zusammennahm, entstand das Bild einer abdriftenden Welt, die ihre Zukunft schwer belastet hatte: Wirtschaftskrise, Arbeitslosigkeit, politische Skandale, gesellschaftliche Entrüstung, ökologische Katastrophen …

»Hast du keine Angst, dass dein Leben mit Raphael zu vorhersehbar ist?«, gab Juliane zu bedenken.

»Das ist nichts Schlimmes«, entgegnete Madeline. »Ich brauche jemanden, der solide, zuverlässig und treu ist. Alles um uns herum ist unsicher, prekär und verändert sich ständig. So etwas will ich in meiner Beziehung nicht haben. Ich will sicher sein, dass ich, wenn ich abends nach Hause komme, Ruhe und Frieden habe. Verstehst du das?«

»Hmm …«, machte Juliane skeptisch.

»Da gibt es kein ›Hmm‹, Jul. Du kannst also schon mal anfangen, dich nach einem Brautjungfernkleid umzusehen.«

»Hmm …«, antwortete die junge Engländerin erneut, aber diesmal eher, um ihre Rührung zu verbergen.

Madeline sah auf ihre Uhr.

»Gut, wir müssen aufhören, mein Flugzeug geht um halb sechs, und ich warte noch immer auf … meinen Mann!«

»Deinen zukünftigen Mann«, korrigierte Juliane lachend. »Wann stattest du mir einen kleinen Besuch in London ab? Und warum eigentlich nicht dieses Wochenende?«

»Das würde ich gern, ist aber leider nicht möglich. Wir landen früh in Roissy, und ich habe dann gerade noch Zeit, zu Hause zu duschen, bevor ich mein Geschäft aufmache.«

»Du arbeitest nur noch.«

»Ich bin Floristin, Jul! Die Zeit vor Weihnachten ist sehr lukrativ.«

»Versuch wenigstens, während des Flugs zu schlafen.«

»Mache ich! Ich ruf dich morgen wieder an«, versprach Madeline, ehe sie das Gespräch beendete.

ER

»Bedräng mich nicht, Francesca. Kommt nicht infrage, dass wir uns treffen!«

»Aber ich bin nur zwanzig Meter von dir entfernt. Ich stehe hier unten an der Rolltreppe …«

Das Handy ans Ohr gepresst, trat Jonathan mit gerunzelter Stirn an das Geländer oberhalb der Rolltreppe. Unten telefonierte eine junge dunkelhaarige Frau, die einer Madonna glich. An der Hand hielt sie ein Kind, das in einen zu großen Parka gehüllt war. Sie hatte langes Haar, war in Hüftjeans und eine taillierte Daunenjacke gekleidet und trug eine große Markensonnenbrille mit breitem Gestell, die wie eine Maske einen Teil ihres Gesichts verdeckte.

Jonathan winkte seinem Sohn zu, der den Gruß schüchtern erwiderte.

»Schick mir Charly rauf und verschwinde«, befahl er aufgebracht.

Jedes Mal, wenn er seine Exfrau sah, überkam ihn dumpfer Zorn, vermischt mit Schmerz. Ein übermächtiges Gefühl, das er nicht unter Kontrolle hatte und das ihn aggressiv und zugleich deprimiert machte.

»Du kannst mich nicht immer so behandeln«, protestierte sie mit einem leichten italienischen Akzent.

»Wage es ja nicht, mir irgendwelche Lektionen zu erteilen«, tobte er los. »Du hast eine Entscheidung getroffen, und nun musst du auch die Konsequenzen tragen. Du hast unsere Familie verraten, Francesca! Du hast uns verraten, Charly und mich.«

»Lass Charly aus dem Spiel!«

»Obwohl er der Hauptbetroffene ist? Wegen deiner Eskapaden sieht er seinen Vater nur noch wenige Wochen im Jahr!«

»Es tut mir le…«

»Und das Flugzeug!«, fiel er ihr ins Wort. »Muss ich dich daran erinnern, dass Charly Angst hat, allein zu fliegen, und ich in allen Schulferien quer durchs Land reise, um ihn abzuholen?«

»Was mit uns passiert ist … ist das Leben, Jonathan. Wir sind erwachsene Menschen, und es gibt nicht auf der einen Seite den Guten und auf der anderen die Böse.«

»Das war aber nicht die Auffassung des Richters, oder hast du das bereits vergessen?«, bemerkte er mit plötzlichem Überdruss.

Nachdenklich blickte Jonathan zur Startbahn. Es war erst halb fünf Uhr, und doch würde es bald dunkel werden. Auf der erleuchteten Piste wartete eine eindrucksvolle Reihe von großen Maschinen auf den Abflug nach Barcelona, Hongkong, Sidney, Paris …

»Gut, das reicht. Die Schule fängt am dritten Januar wieder an. Ich bringe Charly am Vorabend zurück.«

»In Ordnung«, stimmte Francesca zu. »Noch eine letzte Sache. Ich habe ihm ein Handy gekauft, ich möchte ihn immer erreichen können.«

»Soll das ein Witz sein? Kommt überhaupt nicht infrage! Mit sieben Jahren hat man kein Handy!«

»Darüber ließe sich diskutieren«, entgegnete sie.

»Wenn sich darüber diskutieren ließe, hättest du diese Entscheidung nicht allein treffen dürfen. Wir können später vielleicht darüber reden, aber jetzt packst du dein Spielzeug wieder ein und schickst Charly zu mir!«

»Na gut«, gab sie nach.

Jonathan beugte sich über das Geländer und beobachtete mit zusammengekniffenen Augen, wie Charly Francesca einen kleinen bunten Apparat reichte. Dann umarmte der Junge seine Mutter und trat mit unsicherem Schritt auf die Rolltreppe.

Jonathan drängte einige Reisende zur Seite, um seinen Sohn in Empfang zu nehmen.

»Hallo, Papa.«

»Hallo, mein Junge«, rief er und schloss ihn in die Arme.

BEIDE

Madelines Finger glitten blitzschnell über die Tastatur. Mit dem Smartphone in der Hand lief sie an den Schaufenstern des Duty-free-Shops vorbei und schrieb sozusagen blind eine Antwort-SMS an Raphael. Ihr Zukünftiger hatte das Gepäck aufgegeben und wartete jetzt vor der Sicherheitsschleuse. In ihrer Nachricht schlug Madeline ihm vor, sie in der Cafeteria zu treffen.

»Papa, ich habe ein bisschen Hunger, kann ich bitte ein Panino haben?«, fragte Charly wohlerzogen.

Die Hand auf die Schulter seines Sohnes gelegt, steuerte Jonathan durch das Labyrinth aus Glas und Stahl, das zu den Abfluggates führte. Er hasste Flughäfen, vor allem um diese Jahreszeit, denn Weihnachten und Airports erinnerten ihn an die düsteren Umstände, unter denen er zwei Jahre zuvor von der Untreue seiner Frau erfahren hatte. Doch die Freude, Charly wiederzuhaben, war so groß, dass er ihn hochhob.

»Ein Panino für den jungen Mann!«, rief er schwungvoll und wandte sich in Richtung Restaurant.

Heaven’s Door, die größte Cafeteria des Terminals, war rund um ein Atrium angeordnet, in dessen Mitte auf verschiedenen Theken kulinarische Köstlichkeiten angeboten wurden.

»Einen Schokoladenfondant oder eine Pizza?«, fragte sich Madeline, während sie am Buffet entlangschlenderte. Natürlich wäre es sinnvoller, Obst zu nehmen, aber sie hatte einen Bärenhunger. Sie legte ein Stück Schokoladenkuchen auf ihren Teller, legte es allerdings sofort wieder zurück, als ihr eine innere Stimme zuflüsterte, wie viele Kalorien eine solche Versuchung hatte. Etwas missmutig nahm sie einen Apfel aus dem Korb, bestellte einen Tee mit Zitrone und ging zur Kasse, um zu bezahlen.

Ein Ciabatta mit Pesto, getrockneten Tomaten, Parmaschinken und Mozzarella: Angesichts des italienischen Sandwichs lief Charly das Wasser im Mund zusammen. Von klein auf hatte er seinen Vater in die Küchen der Restaurants begleitet, was sein Gefühl für gutes Essen und seine Neugier auf alle neuen Geschmacksrichtungen entwickelt hatte.

»Aber pass auf, dass du dein Tablett gerade hältst, okay?«, sagte Jonathan, nachdem er bezahlt hatte.

Der Junge nickte und balancierte sein Panino und die Wasserflasche auf dem Tablett.

Das ovale Restaurant mit Blick auf die Start- und Landebahnen war voll besetzt.

»Wohin setzen wir uns, Papa?«, fragte Charly etwas verloren in der Menschenmenge.

Nervös sah sich Jonathan um. Ganz offensichtlich gab es wesentlich mehr Gäste als freie Plätze. Doch plötzlich, wie durch ein Wunder, wurde ein Tisch an der Fensterfront frei.

»Kurs nach Osten, Matrose!«, rief er und zwinkerte seinem Sohn zu.

Als er eiligen Schrittes die angegebene Richtung einschlug, klingelte plötzlich sein Handy. Jonathan zögerte, den Anruf anzunehmen. Doch schließlich versuchte er, obwohl er keine Hand frei hatte – in der einen hielt er das Tablett, mit der anderen zog er Charlys Rollkoffer –, den Apparat aus seiner Jackentasche zu fischen.

Meine Güte, ist das ein Gedränge! Madeline stöhnte, als sie die vielen Reisenden in der Cafeteria sah. Sie hatte gehofft, sich vor dem Abflug ausruhen zu können, doch nun fand sie nicht einmal einen Stuhl.

Autsch! Ein junges Mädchen hatte ihr auf den Fuß getreten, ohne sich zu entschuldigen.

Kleines Miststück! Sie bedachte die Jugendliche mit einem strengen Blick, den diese mit einem Stinkefinger quittierte.

Madeline hatte keine Zeit, weiter auf die Frechheit einzugehen, denn sie hatte entdeckt, dass an der Fensterfront gerade ein Tisch frei wurde. Um sich die Gelegenheit nicht entgehen zu lassen, beschleunigte sie den Schritt. Doch plötzlich vibrierte das Handy in ihrer Tasche.

Ausgerechnet jetzt!

Zunächst wollte sie nicht antworten, besann sich dann aber anders: Vermutlich war das Raphael, der sie suchte. Unsicher hielt sie das Tablett in einer Hand – Meine Güte, ist die Teekanne schwer! – und suchte mit der anderen in ihrer Handtasche nach dem Apparat, der unter einem großen Schlüsselbund, ihrem Terminkalender und einem Buch vergraben war. Gerade wollte sie das Handy ans Ohr führen und das Gespräch annehmen, als …

Madeline und Jonathan stießen mit voller Wucht zusammen. Teekanne, Apfel, Wasserflasche, Sandwich und Weinglas landeten auf dem Boden.

Charly war derart überrascht, dass auch er sein Tablett fallen ließ und zu weinen begann.

Was für eine dumme Kuh! Jonathan fluchte innerlich und rappelte sich auf.

»Können Sie nicht aufpassen?«, schimpfte er.

Was für ein Trottel!, dachte Madeline verärgert.

»Ach, ist das etwa meine Schuld? Jetzt verdrehen Sie bloß nicht die Tatsachen«, konterte sie, bevor sie ihre Tasche, ihr Handy und ihre Schlüssel einsammelte.

Jonathan beugte sich zu seinem Sohn, um ihn zu beruhigen, und hob dann das in Plastik verpackte Sandwich, die Wasserflasche und sein Handy auf.

»Ich habe den Tisch zuerst gesehen«, empörte er sich. »Wir haben fast schon gesessen, als Sie plötzlich wie ein Wirbelsturm herangetobt sind, ohne auch nur …«

»Das soll wohl ein Witz sein. Ich habe ihn lange vor Ihnen gesehen!«

Ihr Zorn ließ den bislang kaum zu bemerkenden, englischen Akzent hervortreten.

»Wie dem auch sei, Sie sind allein, und ich bin mit einem Kind unterwegs.«

»Na, das ist ja ein schöner Vorwand! Ich wüsste nicht, warum ein Kind Ihnen das Recht geben sollte, mich anzurempeln und meine Bluse zu versauen«, schimpfte sie, als sie den Weinfleck auf ihrem Ärmel entdeckte.

Fassungslos schüttelte Jonathan den Kopf und verdrehte die Augen. Doch als er protestieren wollte, kam ihm Madeline zuvor, die gerade Raphael entdeckt hatte.

»Außerdem bin ich nicht allein!«

Jonathan zuckte mit den Schultern und nahm Charly bei der Hand.

»Komm, wir gehen woandershin. Die ist wirklich zu blöd …«, sagte er und verließ das Restaurant.

Der Flug Delta 4565 nach San Francisco ging um siebzehn Uhr in New York ab. Vor Freude, seinen Sohn bei sich zu haben, wurde Jonathan die Zeit nicht lang. Seit der Trennung seiner Eltern litt Charly unter panischer Flugangst. Es war ihm unmöglich, allein eine Maschine zu besteigen oder unterwegs zu schlafen. Also verbrachten sie die siebenstündige Reise damit, sich Geschichten zu erzählen, zum x-ten Mal auf dem Tablet-PCSusi und Strolch anzusehen und dabei kleine Töpfchen Häagen-Daz-Eiscreme zu löffeln. Solcher Luxus war normalerweise der Businessclass vorbehalten, doch die verständnisvolle Stewardess hatte Charlys flehendem Blick und dem ungeschickten Charme seines Vaters nicht widerstehen können und gerne eine Ausnahme gemacht.

Der Flug Air France 29 verließ um 17:30 Uhr den Flughafen JFK. In der komfortablen Businessclass – Raphael hatte wirklich an alles gedacht – schaltete Madeline ihren Fotoapparat ein und sah sich die Aufnahmen von ihrem Trip nach New York an. Eng aneinandergeschmiegt durchlebten die beiden Verliebten genussvoll noch einmal die schönsten Momente einer Zeit, die einen Vorgeschmack auf ihre Hochzeitsreise bot. Dann schlief Raphael ein, während sich Madeleine begeistert zum x-ten Mal die alte Lubitsch-Komödie Rendezvous nach Ladenschluss ansah, die als Video on demand angeboten wurde.

Dank der Zeitverschiebung war es nicht einmal einundzwanzig Uhr, als Jonathans Maschine in San Francisco landete.

Von seiner Angst befreit, schlief Charly beim Aussteigen auf dem Arm seines Vaters ein.

In der Ankunftshalle hielt Jonathan nach seinem Freund Marcus Ausschau, mit dem er eine kleine französische Brasserie im Herzen von North Beach führte und der ihn eigentlich abholen sollte. Er reckte sich auf die Zehenspitzen, um über die Menge hinwegzusehen.

»Hätte mich auch gewundert, wenn der pünktlich wäre«, knurrte er.

Schließlich konsultierte er sein Smartphone, um zu sehen, ob Marcus eine SMS geschickt hatte. Sobald der Flugmodus wieder deaktiviert war, erschien auf dem Bildschirm ein langer Text:

Willkommen in Paris, meine Liebe! Ich hoffe, Du hast Dich während des Flugs ausruhen können, und Raphael hat nicht zu sehr geschnarcht. Entschuldige wegen vorhin, ich freue mich wirklich, dass Du heiratest und den Mann gefunden hast, der Dich glücklich machen kann. Ich verspreche Dir, meiner Rolle als Brautjungfer mit Ernst und Anstand gerecht zu werden!

Deine Freundin fürs Leben, Juliane.

Was soll denn der Quatsch?, dachte er und las die Textnachricht noch einmal. Ein schlechter Witz von Marcus? Das war sein erster Gedanke, doch bei genauerer Inspektion des Handys stellte er fest, dass es nicht das Seine war: Modell und Farbe waren zwar gleich, aber es war nicht seins! Ein schneller Blick auf die E-Mail-Funktion offenbarte ihm die Identität der Besitzerin: eine gewisse Madeline Greene, die in Paris lebte.

Verdammt!Das ist das Telefon der blöden Kuh vom Airport JFK!

Madeline sah auf ihre Uhr und unterdrückte ein Gähnen. Der Flug hatte nur gut sieben Stunden gedauert, aber durch die Zeitverschiebung war die Maschine am Samstagmorgen um halb sieben in Roissy gelandet. Wie in New York herrschte auch hier trotz der frühen Stunde bereits reges Treiben.

»Bist du sicher, dass du heute arbeiten willst?«, fragte Raphael vor dem Gepäckband.

»Natürlich, Darling«, antwortete sie und schaltete ihr Smartphone ein, um ihre E-Mails abzurufen. »Ich bin sicher, dass schon mehrere Aufträge auf mich warten.«

Zunächst hörte sie die Mailbox ab, auf dem eine schleppende, schläfrige Stimme, die ihr total unbekannt war, eine Nachricht hinterlassen hatte:

»Hallo Jon’, ich bin’s, Marcus. Ähm … Ich habe ein kleines Problem mit dem R4: Er verliert Öl und … na, ich erkläre es dir dann. Also, damit wollte ich nur sagen, dass ich vielleicht etwas zu spät komme, Tschuldigung …«

Was ist denn das für ein Spinner?, fragte sie sich und löschte die Nachricht. Ob sich da jemand verwählt hat? Hmm …

Zweifelnd untersuchte sie das Smartphone genauer: Modell und Farbe waren zwar gleich, aber es war nicht ihres!

»Verdammt!«, sagte sie laut. »Das ist das Handy von diesem Verrückten am Flughafen!«

Kapitel 2

Separate Lives

Es ist furchtbar, allein zu sein, wenn man zu zweit war.

Paul Morand,L’Homme pressé

Jonathan schickte die erste SMS…

Ich habe Ihr Telefon, haben Sie meines? Jonathan Lempereur.

…auf die Madeline sofort antwortete:

Ja, wo sind Sie? Madeline Greene.

In San Francisco. Und Sie?

In Paris. Was machen wir?

Na, es wird doch wohl auch in Frankreich eine Post geben? Ich schicke Ihnen Ihres gleich morgen mit FEDEX zu.

Zu freundlich! Ich tue sobald wie möglich dasselbe. Wie lautet Ihre Adresse?

Restaurant French Touch, 1606 Stockton Street, San Francisco, CA.

Hier meine: Le Jardin Extraordinaire, 3 bis Rue Delambre 75014 Paris.

Sie sind also Blumenhändlerin? Wenn ja, erhalten Sie jetzt eine dringende Bestellung: Oleg Mordhorov: 200 rote Rosen sollen für die Schauspielerin, die sich im dritten Akt auszieht, ins Théâtre du Châtelet geliefert werden. Unter uns gesagt, ich bezweifele, dass es sich um seine Frau handelt…

Mit welchem Recht hören Sie meine Mailbox ab?

Um Ihnen einen Gefallen zu tun, Sie dummes Ding!

Wie ich sehe, sind Sie am Telefon ebenso ungehobelt wie in natura! Sie haben also ein Restaurant, Jonathan?

Ja.

In diesem Fall ist in Ihrer Kneipe ein Tisch mehr reserviert: Für zwei Personen morgen Abend auf den Namen Mr und Mrs Strzechowski oder so ähnlich – der Empfang war miserabel.

Danke. Gute Nacht.

In Paris ist es 7 Uhr morgens…

Jonathan schüttelte verärgert den Kopf und schob das Handy in die Innentasche seiner Jacke. Diese Frau ging ihm auf die Nerven.

San Francisco

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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