Vielleicht morgen - Guillaume Musso - E-Book

Vielleicht morgen E-Book

Guillaume Musso

0,0
8,99 €

oder
-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.
Mehr erfahren.
Beschreibung

Seine Philosophielesungen sind stets überfüllt, als Harvard-Professor hat er es geschafft – eigentlich müsste Matthew Shapiro glücklich sein. Er ist es aber nicht. Jedenfalls nicht mehr, seit der Tod seiner Frau ihn und ihren gemeinsame Tochter einsam zurückließ. Auch die junge Sommelière Emma Lovenstein hat sich mit ihrer Anstellung im Sterne-Restaurant »Imperator« beruflich ihren Traum erfüllt. Doch der Erfolg konnte sie nicht vor der tiefen Krise bewahren, die die Trennung von ihrem Liebhaber François in ihr auslöste. Zu tief sitzt der Schmerz über seine Entscheidung, nach Jahren des Hinhaltens doch bei seiner Frau und den Kindern zu bleiben. Seitdem ist das Lächeln aus Emmas Leben verschwunden. Bis zu dem Tag, als Matthew auf einem Flohmarkt etwas kauft, das ihr Leben für immer verändern wird: Einen gebrauchten Laptop mit der Signatur »Emma L.« …

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Mehr über unsere Autoren und Bücher:

www.piper.de

Übersetzung aus dem Französischen von Eliane Hagedorn und Bettina Runge, Kollektiv Druck-Reif

ISBN 978-3-492-96817-1

Dezember 2016

© XO Éditions 2014

Deutschsprachige Ausgabe:

© Pendo Verlag in der Piper Verlag GmbH, München/Berlin 2014

Covergestaltung: ZERO Werbeagentur, München

Covermotiv: Verwendung mehrerer Fotos von Plainpicture und Arcangel Images

Datenkonvertierung: Kösel Media GmbH, Krugzell

Sämtliche Inhalte dieses E-Books sind urheberrechtlich geschützt. Der Käufer erwirbt lediglich eine Lizenz für den persönlichen Gebrauch auf eigenen Endgeräten. Urheberrechtsverstöße schaden den Autoren und ihren Werken. Die Weiterverbreitung, Vervielfältigung oder öffentliche Wiedergabe ist ausdrücklich untersagt und kann zivil- und/oder strafrechtliche Folgen haben.

Liebe muss kriechen, wo sie nicht gehen kann.

William Shakespeare, Zwei Herren aus Verona

Erster Teil

Zufallsbegegnung

Erster Tag

Kapitel 1

Von Phantomen umgeben

Man ist nicht die Person, die man im Spiegel sieht, sondern die, die im Blick des anderen erstrahlt.

Tarun J. Tejpal

Universität Harvard

Cambridge

19. Dezember 2011

Der Hörsaal war überfüllt, doch es herrschte Ruhe. Die Zeiger des Bronze-Zifferblatts der alten Wanduhr zeigten auf 14:55. Die von Matthew Shapiro gehaltene Philosophie-Vorlesung neigte sich dem Ende zu.

Erika Stewart, zweiundzwanzig Jahre alt, saß in der ersten Reihe und fixierte ihren Professor. Seit einer Stunde versuchte sie erfolglos, seine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, hing geradezu an seinen Lippen und nickte bei jedem Satz. Trotz der Gleichgültigkeit, auf die ihre Bemühungen stießen, übte der Professor eine täglich größer werdende Faszination auf sie aus.

Seine jugendlichen Züge, sein kurzes Haar und sein Dreitagebart verliehen ihm einen beträchtlichen Charme, der unter den Studentinnen für Aufruhr sorgte. Mit seiner verwaschenen Jeans, seinen abgenutzten Lederstiefeln und seinem Rollkragenpullover ähnelte Matthew eher einem Doktoranden als seinen, zumeist streng und nüchtern wirkenden, Kollegen. Mehr noch als sein markantes Gesicht betörte jedoch seine Redegewandtheit.

Matthew Shapiro war einer der beliebtesten Professoren auf dem Campus. Seit fünf Jahren lehrte er in Cambridge, und seine Vorlesungen begeisterten die Neulinge. So hatte Mundpropaganda dafür gesorgt, dass sich in diesem Quartal über achthundert Studenten für seine Kurse eingeschrieben hatten. Seine Vorlesung fand derzeit im größten Hörsaal von Sever Hall statt.

LEER IST DIE REDE JENES PHILOSOPHEN, DURCH DIE KEIN EINZIGES LEIDEN EINES MENSCHEN GEHEILT WIRD.

Auf diesem Satz von Epikur, der aus einer Auswahl von Schriften mit dem Titel Von der Überwindung der Angst stammte und den er an die Tafel geschrieben hatte, basierte Matthews Lehre.

Seine Philosophie-Vorlesungen sollten verständlich sein und nicht überfrachtet von abstrusen Fachbegriffen. Seine Überlegungen und Schlussfolgerungen waren immer realitätsbezogen. Shapiro ging bei seinen Ausführungen stets vom Alltag der Studenten aus, von konkreten Problemen, mit denen sie konfrontiert waren: Der Angst, in einer Prüfung zu versagen, dem Bruch einer Liebesbeziehung, der Tyrannei der Blicke anderer, dem Sinn des Studiums ... Auf dieser Grundlage zitierte der Professor Plato, Seneca, Nietzsche oder Schopenhauer. Dank seiner lebhaften Darstellung schienen diese eminenten Persönlichkeiten eine Zeit lang die Lehrbücher zu verlassen, um vertraute und verständliche Freunde zu werden, die nützliche und tröstliche Ratschläge zu erteilen vermochten.

Mit Intelligenz und Humor verstand es Matthew, auch Populärkultur in seine Vorlesungen zu integrieren. Filme, Songs, Comics: Über alles konnte man philosophieren. Sogar Fernsehserien fanden ihren Platz in seinem Unterricht. Dr. House wurde als Beispiel für experimentelles Argumentieren herangezogen, die Schiffbrüchigen aus Lost boten Gelegenheit, Überlegungen zum Gesellschaftsvertrag anzustellen, während die machohaften Werbeleute aus Mad Men dazu dienten, die Entwicklung der Beziehungen zwischen Mann und Frau zu studieren.

Obwohl diese pragmatische Philosophie dazu beigetragen hatte, ihn auf dem Campus zu einem »Star« zu machen, hatte sie auch viel Neid und Verärgerung unter seinen Kollegen hervorgerufen, die Matthews Vorlesungen für oberflächlich hielten. Zum Glück hatten die guten Ergebnisse von seinen Studenten bei Prüfungen und in Auswahlverfahren bisher zu seinen Gunsten gesprochen.

Eine Gruppe von Studenten hatte seine Vorlesungen sogar gefilmt und auf YouTube online gestellt. Diese Initiative hatte die Neugier eines Journalisten vom Boston Globe geweckt, dessen Artikel auch von der New York Times übernommen wurde. Danach hatte man Shapiro aufgefordert, eine Art »Antibuch« der Philosophie zu schreiben. Obgleich sich der Titel gut verkaufte, war dem jungen Professor die beginnende Popularität nicht zu Kopf gestiegen, er war weiterhin für seine Studenten da und sorgte sich um ihren Erfolg. Die schöne Geschichte hatte jedoch eine tragische Wendung genommen. Im letzten Winter hatte Matthew Shapiro seine Frau bei einem Autounfall verloren. Ein plötzlicher, unerwarteter Tod, der ihn hilflos zurückgelassen hatte. Er hielt weiter seine Vorlesungen, aber der faszinierende und begeisterte Lehrer hatte den Enthusiasmus verloren, der ihn zuvor ausgezeichnet hatte.

Erika kniff die Augen zusammen, um ihren Professor genauer zu mustern. Seit dem Drama war in Matthew etwas zerbrochen. Seine Züge waren härter geworden, sein Blick hatte das Feuer verloren; Trauer und Kummer verliehen ihm jedoch eine düstere und melancholische Ausstrahlung, die ihn für die junge Frau noch unwiderstehlicher machte.

Die Studentin senkte den Blick und ließ sich von der sonoren Stimme tragen, die den Hörsaal erfüllte. Eine Stimme, die etwas von ihrem Charisma verloren hatte, aber immer noch angenehm war. Sonnenstrahlen fielen durchs Fenster, heizten den großen Raum auf und blendeten die Studenten in den mittleren Reihen. Erika fühlte sich wohl, umfangen von diesem beruhigenden Tonfall. Doch dieser wunderbare Augenblick hielt nicht an. Sie zuckte zusammen, als die Glocke das Ende der Vorlesung ankündigte. Ohne Eile packte sie ihre Sachen ein und wartete, bis der Hörsaal sich geleert hatte, um sich Shapiro schüchtern zu nähern.

»Was tun Sie denn hier, Erika?«, fragte Matthew erstaunt, als er sie bemerkte. »Sie haben diesen Schein doch bereits letztes Jahr gemacht. Sie müssen die Vorlesung nicht mehr belegen.«

»Ich bin wegen des Satzes von Helen Rowland hier, den Sie so oft zitieren.«

Matthew runzelte verständnislos die Stirn.

»Die Dummheiten, die ein Mensch in seinem Leben am meisten bereut, sind jene, die er nicht begangen hat, als er die Möglichkeit dazu hatte.«

Dann nahm sie allen Mut zusammen und erklärte: »Um in diesem Sinne nichts bereuen zu müssen, möchte ich eine Dummheit begehen. Also, ich habe nächsten Samstag Geburtstag und würde gerne ... ich würde Sie gerne zum Essen einladen.«

Matthew sah sie überrascht an und versuchte sofort, seine Studentin zur Vernunft zu bringen:

»Erika, Sie sind doch eine intelligente junge Frau. Also wissen Sie sehr wohl, dass es tausend Gründe gibt, warum ich Ihre Einladung ablehnen werde.«

»Aber Sie hätten Lust dazu, nicht wahr?«

»Lassen wir das, bitte«, unterbrach er sie.

Erika spürte, wie ihr die Schamesröte ins Gesicht stieg. Sie stammelte noch einige Worte der Entschuldigung, bevor sie den Hörsaal verließ.

Matthew zog seufzend seinen Mantel an, band sich seinen Schal um und ging hinaus auf den Campus.

Mit seinen ausgedehnten Rasenflächen, den imposanten braunen Backsteingebäuden und den lateinischen Sinnsprüchen auf den Giebeln strahlte Harvard den Stil und die Zeitlosigkeit eines britischen College aus.

Sobald Matthew draußen war, drehte er sich eine Zigarette, zündete sie an und verließ dann rasch die Sever Hall. Die Ledertasche umgehängt, überquerte er den Yard, den großen, von Rasen bedeckten Innenhof, der von einem Gewirr an Wegen durchzogen war, die über mehrere Kilometer weit zu den Vorlesungssälen, Bibliotheken und Unterkünften führten.

Der Park lag in einem schönen herbstlichen Licht. Die Temperaturen waren für die Jahreszeit ausgesprochen mild, und der Sonnenschein schenkte den Bewohnern Neuenglands einen angenehmen, späten Altweibersommer.

»Mister Shapiro! Achtung!«

Matthew drehte den Kopf in Richtung der Stimme. Ein American Football sauste auf ihn zu. Er konnte ihn gerade noch auffangen und spielte ihn sofort zurück zum Quarterback, von dem er gekommen war.

Die Studenten besetzten, ihre geöffneten Laptops auf den Knien, alle Bänke im Hof. Auf dem Rasen ertönte immer wieder Gelächter, und es waren hitzige Debatten im Gang. Hier vermischten sich die Nationalitäten harmonischer als andernorts, und die kulturelle Vielfalt wurde als Bereicherung empfunden. Bordeauxrot und Grau, die Kultfarben der berühmten Universität, wurden voller Stolz auf Blousons, Sweatshirts und Sporttaschen zur Schau gestellt: In Harvard ließ das Zugehörigkeitsgefühl zu einer Gemeinschaft alle Unterschiede verblassen.

Matthew zog an seiner Zigarette, während er an der monumentalen Massachusetts Hall, im georgianischen Stil erbaut, vorbeiging, in der sich sowohl die Büroräume der Direktion als auch die Unterkünfte der Studenten des ersten Studienjahrs befanden. Oben auf den Stufen stand Miss Moore, die Assistentin des Rektors, die ihm einen wütenden Blick zuwarf, gefolgt von einer Abmahnung (»Mister Shapiro, wie oft habe ich Ihnen schon gesagt, dass es verboten ist, auf dem Campusgelände zu rauchen ...«) und einer wortreichen Moralpredigt über die schädlichen Wirkungen des Tabaks.

Mit starrem Blick und undurchdringlicher Miene ignorierte Matthew sie ganz einfach. Einen kurzen Moment war er versucht, ihr zu antworten, dass sterben zu müssen nun wirklich seine geringste Sorge sei, aber er besann sich eines Besseren und verließ das Universitätsgelände durch das riesige Tor, das auf den Harvard Square führte.

Der Square, auf dem es zuging wie in einem Bienenstock, war ein großer Platz, gesäumt von Geschäften, Buchhandlungen, kleinen Restaurants und Terrassencafés, in denen Studenten und Professoren die Welt neu erfanden oder ihre Vorlesungen weiterführten. Matthew suchte in seiner Tasche und zog sein U-Bahn-Ticket heraus. Er hatte soeben den Fußgängerüberweg zur Station der Red Line betreten, die in einer knappen Viertelstunde das Zentrum von Boston erreichte, als ein alter, blubbernder Chevrolet Camaro an der Ecke Massachusetts Avenue und Peabody Street auftauchte. Der junge Professor zuckte zusammen und wich zurück, um nicht von dem knallroten Coupé angefahren zu werden, das mit quietschenden Reifen vor ihm anhielt.

Das Fenster an der Fahrerseite wurde geöffnet, und zum Vorschein kam die rote Haarpracht von April Ferguson, die seit dem Tod seiner Frau mit in seinem Haus wohnte.

»Hallo, schöner Mann, soll ich dich mitnehmen?«

Das Dröhnen des V8-Motors fiel in dieser Ökoenklave aus dem Rahmen, wo man ganz auf das Fahrrad und Hybridfahrzeuge eingeschworen war.

»Ich nehme lieber die öffentlichen Verkehrsmittel«, lehnte Matthew ab. »Bei dir hat man das Gefühl, in einem Fahrsimulator zu sitzen!«

»Na komm schon, sei kein Angsthase. Ich fahre sehr gut, und das weißt du genau!«

»Vergiss es. Meine Tochter hat bereits ihre Mutter verloren. Ich möchte es ihr ersparen, mit viereinhalb Jahren Vollwaise zu werden.«

»Schon gut! Nun übertreib mal nicht! Komm, Hasenfuß, beeil dich! Ich halte den ganzen Verkehr auf!«

Von dem Hupen gedrängt, ergab sich Matthew seufzend in sein Schicksal und stieg in den Chevrolet.

Kaum hatte er den Sicherheitsgurt angelegt, als der Camaro, unter Missachtung sämtlicher Verkehrsregeln, auch schon eine gefährliche Kehrtwende machte, um gen Norden zu brausen.

»Boston liegt aber in der anderen Richtung!«, protestierte Matthew und klammerte sich am Haltegriff fest.

»Ich mache nur einen kleinen Umweg über Belmont. Gerade mal zehn Minuten. Und keine Sorge wegen Emily. Ich habe ihren Babysitter gebeten, eine Stunde länger zu bleiben.«

»Ohne mit mir darüber zu sprechen? Also ehrlich, ich ...«

Die junge Frau drückte das Gaspedal durch und beschleunigte so plötzlich, dass es Matthew die Sprache verschlug. Nachdem sie einen Lastwagen überholt hatte, wandte sie sich ihm zu und reichte ihm eine große Mappe.

»Stell dir vor, ich habe vielleicht einen Kunden für den Farbholzschnitt von Utamaro«, sagte April.

April Ferguson leitete eine Galerie im South End, die auf erotische Kunst spezialisiert war. Sie hatte ein echtes Talent, unbekannte Künstler aufzuspüren und deren Arbeiten zu verkaufen, wobei sie hübsche Gewinne einstrich.

Matthew öffnete den Verschluss der Mappe und schlug die Seidenhülle zurück, die einen japanischen Farbholzschnitt schützte. Es war eine Shunga, ein erotischer Holzschnitt, aus dem späten achtzehnten Jahrhundert, auf der eine Kurtisane mit einem Kunden zu sehen war, die sich einem ebenso sinnlichen wie akrobatischen Liebesakt hingaben. Die Unverblümtheit der Szene wurde durch die anmutige Linienführung und den Motivreichtum der Kleidung gemildert. Das Gesicht der Geisha war von faszinierender Feinheit und Eleganz. Kein Wunder, dass solche Werke später sowohl Klimt als auch Picasso beeinflusst hatten.

»Bist du sicher, dass du dich davon trennen willst?«

»Ich habe ein Angebot bekommen, das man einfach nicht ablehnen kann«, antwortete April und imitierte dabei Marlon Brandos Stimme aus dem Film Der Pate.

»Von wem?«

»Von einem bedeutenden asiatischen Sammler, der zu Besuch bei seiner Tochter in Boston weilt. Er ist offenbar zum Kauf bereit, bleibt aber nur einen Tag in der Stadt. Eine solche Gelegenheit wird sich so bald nicht wieder bieten ...«

Der Chevrolet hatte das Universitätsviertel verlassen. Sie fuhren nun einige Kilometer auf einer Schnellstraße am Fresh Pond – dem größten See von Cambridge – entlang, bevor sie Belmont erreichten, eine kleine Stadt westlich von Boston. April gab eine Adresse in ihr Navi ein und ließ sich zu einem schicken Wohnviertel leiten, in dem eine von Bäumen umgebene Schule direkt neben einem Park und mehreren Sportplätzen stand. Sie sahen sogar einen Eisverkäufer, der direkt aus den 1950er-Jahren zu stammen schien. Obgleich es ausdrücklich verboten war, überholte der Camaro einen Schulbus und parkte in einer ruhigen, von Villen gesäumten Allee.

»Kommst du mit?«, fragte April und griff nach der Kunstmappe.

Matthew schüttelte den Kopf.

»Ich warte lieber im Auto.«

»Ich beeile mich, so gut es geht«, versprach sie, blickte in den Rückspiegel und zupfte sich eine gelockte Haarsträhne à la Veronica Lake über das rechte Auge.

Dann nahm sie einen Lippenstift aus ihrer Tasche und zog sich rasch die Lippen nach, bevor sie ihr Outfit als Femme fatale perfektionierte, indem sie in einen hautengen roten Lederblouson schlüpfte.

»Übertreibst du nicht ein bisschen?«, fragte Matthew ein wenig provozierend.

»Ich bin nicht schlecht, ich bin nur so gezeichnet«, erwiderte sie kokettierend im Tonfall von Jessica Rabbit.

Schließlich öffnete sie die Wagentür und schwang ihre endlos langen Beine, die in Leggings steckten, aus dem Wagen.

Matthew blickte ihr nach und sah sie an der Haustür der größten Villa in der Straße klingeln. Auf der Skala der Sinnlichkeit war April nicht weit von der höchsten Stufe entfernt – perfekte Maße, Wespentaille, Traumbusen –, aber diese Inkarnation männlicher Phantasien liebte ausschließlich Frauen und tat ihre Homosexualität auch offen kund.

Das war übrigens einer der Gründe, warum Matthew sie als Mitbewohnerin akzeptiert hatte, wusste er doch, dass es zwischen ihnen nie die geringste Zweideutigkeit geben würde. Zudem war April witzig, intelligent und schlagfertig. Sicher, sie hatte einen problematischen Charakter, ihre Ausdrucksweise war blumig, und sie war zu homerischen Wutausbrüchen fähig, aber sie verstand es wie sonst niemand, seine Tochter wieder zum Lachen zu bringen, und das war für Matthew unbezahlbar.

Er warf einen Blick auf die andere Straßenseite. Eine Mutter und ihre beiden kleinen Kinder dekorierten den Garten. Ihm wurde klar, dass in knapp einer Woche Weihnachten war, und diese Feststellung versetzte ihn in einen Zustand des Kummers und der Panik. Er sah mit Entsetzen den ersten Jahrestag von Kates Tod auf sich zukommen ... diesen verhängnisvollen 24. Dezember 2010, der sein Leben mit Trauer und Schwermut erfüllt hatte.

In den ersten drei Monaten nach dem Unfall hatte der Schmerz ihm keine Atempause gelassen und jede Sekunde vergiftet – eine offene Wunde, der Biss eines Vampirs, der jegliches Leben aus ihm gesaugt hatte. Um diesem Martyrium ein Ende zu bereiten, war er mehrfach versucht gewesen, zu einer radikalen Lösung zu greifen: aus dem Fenster zu springen, sich aufzuhängen, einen Medikamentencocktail zu trinken, sich eine Kugel in den Kopf zu jagen ... Aber jedes Mal hatte ihn der Gedanke an den Kummer, den er Emily damit zufügen würde, zurückgehalten. Er hatte einfach nicht das Recht, seiner Tochter den Vater zu rauben und ihr Leben zu zerstören.

Die Auflehnung der ersten Wochen war einer langen Phase der Trauer gewichen. Das Leben war erstarrt in Überdruss, eingefroren in einer anhaltenden Verzweiflung. Matthew befand sich nicht mehr im Kriegszustand, er war einfach am Boden zerstört, von der Trauer erdrückt, dem Leben gegenüber verschlossen. Der Verlust war und blieb inakzeptabel. Es gab keine Zukunft mehr.

Auf Aprils Rat hin hatte er sich jedoch überwunden und bei einer Selbsthilfegruppe angemeldet. Er hatte an einer Sitzung teilgenommen und versucht, seinen Schmerz in Worte zu fassen, ihn mit anderen zu teilen, war dann aber nie wieder hingegangen. Um falschem Mitgefühl, abgedroschenen Phrasen oder dümmlichen Lebensweisheiten zu entgehen, hatte er sich isoliert, sich monatelang willenlos treiben lassen und war ohne jeden Plan wie ein Gespenst durch sein Leben geirrt.

Seit einigen Wochen jedoch kam es ihm so vor, als würde der Schmerz langsam nachlassen, auch wenn er nicht hätte sagen können, dass er sich wieder »lebendig« fühlte. Das Aufwachen war und blieb schwierig, aber sobald er in Harvard eintraf, konzentrierte er sich, hielt seine Vorlesungen und nahm mit seinen Kollegen an den Konferenzen teil, wenn auch mit weniger Elan als früher.

Es war nicht so, dass er schon wieder auf die Beine gekommen wäre, vielmehr akzeptierte er nach und nach seinen Zustand und half sich selbst mit bestimmten Leitsätzen aus seinem Lehrstoff. Zwischen dem stoischen Fatalismus und der buddhistischen Wandelbarkeit nahm er das Leben nun als das an, was es war: Etwas äußerst Prekäres und Labiles, ein Prozess in ständiger Entwicklung. Nichts war unveränderlich, schon gar nicht das Glück. Es war zerbrechlich wie Glas und durfte nicht als gesichert betrachtet werden, da es doch nur einen Augenblick dauern konnte.

Durch Kleinigkeiten gewann er wieder Freude am Leben: einen Spaziergang in der Sonne mit Emily, ein Football-Match mit seinen Studenten, einen besonders gelungenen Scherz von April. Tröstliche Anzeichen, die ihm behilflich waren, die Trauer auf Distanz zu halten und einen Damm zu errichten, hinter dem er seinen Kummer verbergen konnte.

Doch diese Erholung stand auf tönernen Füßen. Der Schmerz lag auf der Lauer, jederzeit bereit, Matthew zu überwältigen. Eine Kleinigkeit genügte, um sich zu entfesseln und grausame Erinnerungen in Matthew zu wecken: Eine Frau, der er zufällig auf der Straße begegnete und die Kates Parfum oder den gleichen Regenmantel trug; ein Lied, das er im Radio hörte und das ihn an glückliche Zeiten erinnerte; ein Foto, das er in einem Buch fand ...

Die letzten Tage waren beschwerlich gewesen, hatten einen Rückfall angekündigt. Der nahende Todestag von Kate, die Dekorationen und der Trubel bei den Vorbereitungen für Weihnachten und Silvester, all das erinnerte ihn an seine Frau.

Seit einer Woche schreckte er jede Nacht mit heftigem Herzklopfen aus dem Schlaf hoch, war in Schweiß gebadet und wurde immer wieder von derselben Erinnerung heimgesucht: den albtraumhaften Bildern von den letzten Lebensmomenten seiner Frau. Matthew war bereits vor Ort, als Kate ins Krankenhaus eingeliefert wurde, wo ihre Kollegen – sie war Ärztin – sie nicht hatten retten können. Er hatte zugesehen, wie ihm der Tod brutal die Frau entriss, die er liebte. Ihnen waren nur fünf Jahre des perfekten Glücks beschieden gewesen. Fünf Jahre innigsten Einvernehmens, kaum die Zeit, den Weg für eine Geschichte zu bereiten, die sie nicht leben durften. Eine Begegnung, wie man sie nur ein Mal im Leben hat, das glaubte er, sicher zu wissen. Und dieser Gedanke war ihm unerträglich.

Matthew bemerkte, dass er dabei war, den Ehering zu drehen, den er noch immer am Ringfinger trug. Er hatte zu schwitzen begonnen, und sein Herz klopfte heftig. Er ließ das Fenster des Camaro herunter, suchte in seiner Jeanstasche nach seinem angstlösenden Medikament und schob eine der Tabletten unter seine Zunge. Diese Pillen verschafften ihm einen künstlichen Trost, der seiner Unruhe innerhalb von Minuten ein Ende bereitete. Er schloss die Augen, massierte sich die Schläfen und atmete tief durch. Um sich gänzlich zu beruhigen, musste er rauchen. Er stieg aus, verriegelte die Tür und entfernte sich einige Schritte auf dem Bürgersteig, bevor er sich eine Zigarette anzündete und einen tiefen Zug nahm.

Sein Herzschlag normalisierte sich, und er fühlte sich sofort besser. Mit geschlossenen Augen, das Gesicht der herbstlichen Brise zugewandt, genoss er die Zigarette. Das Sonnenlicht fiel zwischen den Zweigen hindurch. Die Luft war fast schon verdächtig mild. Einige Augenblicke verharrte er reglos, bevor er die Augen wieder öffnete. Am Ende der Straße vor einer der Villen hatte sich eine Menschenansammlung gebildet. Neugierig näherte er sich dem charakteristischen neuenglischen, mit Holz verkleideten Haus. Auf dem Rasen davor wurde eine Art Trödelmarkt abgehalten – typisch für dieses Land, wo die Menschen mindestens fünfzehn Mal im Leben umzogen.

Matthew mischte sich unter die zahlreichen Neugierigen, die auf über hundert Quadratmetern in den angebotenen Sachen stöberten. Den Verkauf leitete ein Mann seines Alters mit Glatze und kleiner eckiger Brille, verdrießlichem Gesichtsausdruck und unstetem Blick. Er war von Kopf bis Fuß schwarz gekleidet und hatte die nüchterne Strenge eines Quäkers. Neben ihm nagte ein Shar-Pei an einem Hundeknochen aus Latex.

Jetzt nach Schulschluss und bei dem milden Wetter hatten sich viele Menschen eingefunden, die nach Schnäppchen Ausschau hielten. Die Stände quollen über von bunt zusammengewürfelten Gegenständen: Holzruder, Baseballschläger und -handschuhe, eine Golftasche, eine alte Gibson-Gitarre. An einen Zaun gelehnt standen ein BMX-Rad, das unvermeidliche Weihnachtsgeschenk der frühen 1980er-Jahre, ein Stück weiter Inlineskates und ein Skateboard. Einige Minuten lang spazierte Matthew zwischen den Ständen umher, wobei er Spielsachen entdeckte, die ihn an seine eigene Kindheit erinnerten: ein Jo-Jo aus hellem Holz, ein Zauberwürfel, Spiele wie Memory, Mastermind, Frisbee, E. T., der Außerirdische, als Riesen-Plüschtier, eine Figur aus Der Krieg der Sterne ... Die Preise waren niedrig; der Verkäufer wollte offensichtlich möglichst schnell möglichst viel loswerden.

Matthew war drauf und dran, das Gelände des Flohmarkts zu verlassen, als er einen Computer entdeckte. Es war ein Laptop, ein MacBook Pro mit Fünfzehn-Zoll-Bildschirm. Nicht das neueste Modell, aber eines aus der letzten oder vorletzten Serie. Matthew ging zu dem Gerät und prüfte es von allen Seiten. Das Aluminiumgehäuse war durch einen Vinylaufkleber außen auf dem Deckel personalisiert. Der Sticker zeigte eine Figur à la Tim Burton: Eine stilisierte Eva, sehr sexy, die zwischen ihren Händen das Apfel-Logo der bekannten Computerfirma zu halten schien. Unterhalb der Illustration war die Signatur »Emma L.« zu lesen, ohne dass man wirklich wusste, ob es sich um die Künstlerin handelte, die diese Figur gezeichnet hatte, oder um die frühere Eigentümerin des Laptops.

Warum nicht?, dachte er, während er das Etikett betrachtete. Sein altes Powerbook hatte Ende des Sommers den Geist aufgegeben. Zwar hatte er einen PC zu Hause, aber er benötigte wieder einen Laptop. Seit drei Monaten verschob er diese Ausgabe ständig auf später.

Das Gerät wurde für vierhundert Dollar angeboten. Ein Betrag, der ihm angemessen erschien. Das traf sich gut, denn er schwamm derzeit nicht gerade im Geld. Sein Professorengehalt in Harvard war zwar nicht schlecht, aber nach Kates Tod hatte er um jeden Preis ihr gemeinsames Haus in Beacon Hill halten wollen, obwohl er dafür eigentlich nicht mehr die nötigen Mittel besaß. Also hatte er sich entschlossen, eine Mieterin ins Haus zu nehmen, doch auch mit dem, was April ihm zahlte, verschlangen die Raten drei Viertel seines Einkommens und ließen ihm wenig Spielraum. Er hatte sogar sein Motorrad verkaufen müssen, ein Liebhaberstück, eine Triumph von 1957, die sein ganzer Stolz gewesen war.

Er ging zu dem Verkäufer und deutete auf den Mac.

»Der Computer funktioniert doch, oder?«

»Nein, der ist nur Deko ... natürlich funktioniert er, sonst würde ich ihn nicht zu diesem Preis anbieten! Es ist der ehemalige Laptop meiner Schwester, ich habe die Festplatte selbst formatiert und das Betriebssystem neu installiert. Der ist wie neu.«

»Einverstanden, ich nehme ihn«, erklärte Matthew nach kurzem Zögern.

Er kramte in seinem Geldbeutel. Er hatte nur dreihundertzehn Dollar dabei. Verlegen versuchte er zu handeln, aber der Mann lehnte sehr entschlossen ab. Verärgert zuckte Matthew die Schultern. Er wollte gerade gehen, als er Aprils fröhliche Stimme hinter sich hörte.

»Lass mich ihn dir schenken!«, sagte sie und bedeutete dem Verkäufer, zu warten.

»Das kommt gar nicht infrage!«

»Zur Feier des Verkaufs meines japanischen Farbholzschnitts!«

»Hast du den erhofften Preis dafür bekommen?«

»Ja, aber nicht ohne Mühe. Der Typ dachte, für diesen Preis hätte er zusätzlich noch Anrecht auf einige Kamasutra-Übungen!«

»Das ganze Unglück der Menschen rührt allein daher, dass sie nicht ruhig in einem Zimmer zu bleiben vermögen.«

»Woody Allen?«

»Nein, Blaise Pascal.«

Der Verkäufer reichte ihm den Laptop, den er in den Originalkarton gepackt hatte. Matthew dankte ihm mit einem Kopfnicken, während April bezahlte. Dann beeilten sie sich, wieder zum Auto zu kommen.

Matthew bestand darauf, zu fahren. Als sie Boston erreichten, konnte er, während sie im Stau standen, noch nicht ahnen, dass der Kauf, den er soeben getätigt hatte, sein Leben für immer verändern würde.

Kapitel 2

Miss Lovenstein

Ich werde nie von Hunden gebissen, nur von Menschen.

Marilyn Monroe

Bar des Restaurants Imperator

Rockefeller Center, New York

18:45 Uhr

Die Bar des Restaurants Imperator oben im Rockefeller Center beherrschte die Stadt und bot einen Panoramablick über Manhattan. Ihre Einrichtung war das Ergebnis einer geschickten Mischung aus Tradition und neuem Design. Bei der Renovierung des Lokals hatte man darauf geachtet, die Holzvertäfelungen, Art-déco-Tische und Lederclubsessel beizubehalten. Dieses Interieur verlieh dem Ort die behagliche Atmosphäre eines alten englischen Clubs, verbunden mit modernen Elementen wie etwa der langen, gut beleuchteten Theke aus Mattglas, die quer durch den Raum verlief.

Die zierliche Gestalt schlängelte sich leichtfüßig zwischen den Tischen hindurch, servierte Weine, lud zur Verkostung ein und erklärte mit pädagogischem Talent Herkunft und Geschichte der verschiedenen edlen Tropfen. Die junge Sommelière Emma Lovenstein verstand es trefflich, andere mit ihrer Begeisterung anzustecken. Ihre graziösen Handbewegungen, die Präzision ihrer Gesten, ihr offenes Lächeln – alles an ihrer äußeren Erscheinung spiegelte ihre Leidenschaft und den Wunsch wider, diese mit anderen zu teilen.

Eine Gruppe von Kellnern brachte das vorletzte Gericht.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!