Nacht des Neumonds - Eileen Stortz - E-Book

Nacht des Neumonds E-Book

Eileen Stortz

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Beschreibung

Das epische Finale der Seelenmachtsaga! »Du bist die Ordnung? Dann bin ich das Chaos. Du bist der Tod, doch ich werde töten. Wie viele Seelen braucht es, deine Wahrheit zu sprengen?« Nur wenige Siegel trennen die Gefallenen von ihrer Vollkommenheit und die Welten von der Apokalypse. Verstreut über Himmel und Hölle kämpfen Zaphira, Eldur, Taiowa und Niranjana ihre eigenen Schlachten – innere wie äußere. Zu einer Erkenntnis kommen sie dabei alle: Ohne Erzengel wäre das Leben so viel einfacher. Die Mächtigen schieben ihre Figuren übers Brett, aber haben sie wirklich die Kontrolle oder sind die Würfel längst gefallen? »Ein gelungener Page Turner mit epischen Szenen, unerwarteten Wendungen und ganz viel Gefühl.« – Autorin Jace Moran über den zweiten Band

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Veröffentlichungsjahr: 2025

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Impressum
Leseempfehlung
Contentwarnung
Prolog
Kapitel 1: Die Geburt des Drachen
Auszug aus den Urchroniken:
Kapitel 2: Ikzhikal
Kapitel 3: Die Waage …
Kapitel 4: Todesengel
Kapitel 5: Der Hirsch und die Schlange
Kapitel 6: Märtyrer
Kapitel 7: Tote Liebe
Kapitel 8: Vogelperspektive
Kapitel 9: Verglüht
Kapitel 10: Verbrüderung
Kapitel 11: Sonnengott in Nöten
Kapitel 12: Wenn Wunden heilen
Kapitel 13: Erloschen
Metalog
Kapitel 1: Die Insel der gefallenen Sterne
Kapitel 2: Wermut
Kapitel 3: Die Hoffnung der Todgeweihten
Kapitel 4: In den Wassern der Sonne
Kapitel 5: Lunara
Kapitel 6: Schicksal
Kapitel 7: Tageslicht
Kapitel 8: Alles
Kapitel 9: … der Menschlichkeit
Kapitel 10: Phönix
Kapitel 11: Nacht des Neumonds
Kapitel 12: Die Frau und der Drache
Kapitel 13: Das siebente Siegel
Kapitel 14: Apokalypse
Kapitel 15: Morgenstern
Epilog
Glossar
Danksagung
Über die Autorin
Du hast noch nicht genug aus diesem Universum?

Nacht des Neumonds

Band 3 der Seelenmachtsaga

Eileen Stortz

Impressum

Copyright © 2024 Eileen Stortz

Erschienen im To|Be|Read-Schreibkollektiv

Coverdesign: Jaqueline Kropmanns

Lektorat: Lauren Hegemann

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung

Eileen Stortz, c/o WirFinden.Es, Naß und Hellie GbR, Kirchgasse 19, 65817 Eppstein

E-Mail: [email protected]

Website: www.moonriverdreams.de

ISBN Taschenbuch: 9783759241498

Für mich, weil ich nicht aufgegeben habe.

Leseempfehlung

Ab 16 Jahren

Dies ist der dritte Band einer Trilogie. Du solltest zuvor »Zeit des Zwielichts« und »Tag des Vollmonds« gelesen haben.

Contentwarnung

(kann Spoiler enthalten)

Im Buch werden unter anderem folgende Themen behandelt: explizite physische und psychische Gewalt, Achluophobie, Verstümmelung, Misshandlung von Tieren, Zerstörung der Umwelt, Blut, Tod, Trauer, Verlust, Krieg, Weltschmerz, Selbstmordgedanken, Suizid, Verherrlichung des Todes, Schwangerschaft, Geburt, übergriffiges Verhalten ggü. Einer Schwangeren, Krebserkrankung, explizite sexuelle Handlungen

Bitte sei vorsichtig, wenn du dich mit diesen Themen unwohl fühlst!

Teil 1

Märtyrer

Prolog

[1] Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde; [2] die Erde aber war wüst und wirr, Finsternis lag über der Urflut und Gottes Geist schwebte über dem Wasser. [3] Gott sprach: Es werde Licht. Und es wurde Licht. [4] Gott sah, dass das Licht gut war. Gott schied das Licht von der Finsternis [5] Und Gott nannte das Licht Tag und die Finsternis nannte er Nacht. Es wurde Abend und es wurde Morgen: erster Tag. (Gen 1, 1-5)

***

Jedes Wort für bare Münze zu nehmen, kann ebenso gefährlich sein wie das Überinterpretieren. Am Ende kann ein Satz bloß ein Satz sein oder aber eine Allegorie für den Untergang der Welten.

Wo verlasse ich mich auf die Stimmen anderer? Wo auf den eigenen Verstand? Erfahrung, Glaube und vermeintliches Wissen bilden das Fundament meines Handelns.

Hat Gott die Welt in sieben Tagen geschaffen? Nicht, wenn ein Tag in dieser Rechnung bloß über vierundzwanzig Stunden verfügt.

Hat überhaupt jemand – eine Entität, ein Bewusstsein – diese Erde erst entstehen lassen? Etwas steht dahinter. Und es ist auf gewisse Weise tröstend, dem einen Namen zu geben, eine Form, eine Grenze. Willkür verängstigt; ein Plan schenkt Mut.

Alles, was ich mit Sicherheit weiß, ist, dass dieser Planet ein Wunder ist. Brutale Schönheit, filigrane Gewalt, ausgeklügelte Details, die ein Fehltritt bloß auszulöschen vermag.

Man könnte sagen, die einzige Konstante ist die Bewegung, der ewige Kreislauf, denn Stillstand ist das Ende. Man könnte sagen, auch Krieg ist Bewegung, auch Zerstörung gehört dazu. Und vielleicht ist es so.

Aber wenn es so weitergeht wie bisher, bewegen wir uns unaufhaltsam auf das Ende zu. Ich bin nicht bereit für das Ende.

Du etwa? Tut es dir nicht weh, die Welt sterben zu sehen?

Mir ist der Schmerz unerträglich und deshalb kämpfe ich nicht mehr. Ich bewahre.

Kapitel 1: Die Geburt des Drachen

[5] Und als es das dritte Siegel öffnete, hörte ich das dritte lebendige Wesen sagen: Komm und sieh! Und ich sah, und siehe, ein schwarzes Pferd, und der darauf saß, hatte eine Waage in seiner Hand. (Offb 6,5)

***

Im Traum ritt Gabriel auf schwarzen Schatten durch tiefblaue Nacht. Immer, wenn er nach unten blickte, verdichteten sich die Wolken. Trotzdem versuchte er, sie zu vertreiben, sie zu durchdringen, um endlich Land zu sehen. Nichts mehr wünschte er sich, als zu landen. Bloße Füße auf der Erde, Wind im langen Haar. Doch die Landung war ihm ebenso wenig vergönnt wie das Erwachen.

Als er den Blick hob, umgab ihn die Finsternis vollständig. Angst kroch ihm in die Glieder und spannte jeden Muskel an. Schweiß benetzte die nachtumwehte Stirn. Das Herz schlug kraftvoll. Wehmütig spürte er dem Pulsen nach. Hals. Ohren. Unter dem Druck der Panik rauschte das Blut durch seine Bahnen. So lebendig!

Flüchtige Freuden. Beinahe hätten Tränen auf seine Wangen gefunden. Doch bevor er sich an dieser Menschlichkeit hätte erfreuen können, versiegte das Weinen, versiegten das Schlagen und das Rauschen und die Angst um sein Leben.

Licht stach wie eine Klinge durch die Finsternis, drängte sie fort und sich in Gabriels Brust. Er ließ es geschehen. Eine einzelne Träne hatte sich im Wimpernkranz versteckt. Sie fiel auf sein unteres Augenlid wie eine Provokation. Aufreizend langsam rann sie ihm über die Haut.

Die Vollständigkeit wurde Herr über ihn, trübte Klarheit in seinen Verstand. Und Gabriel war zurück; kein Nur mehr, sondern das Ganze. Wie es musste, wie geplant und nicht anders, als er es wollte.

***

Ein Tropfen Blut fiel auf das dritte Siegel und färbte es rot. Das Wachs blühte auf, Licht entströmte den Seiten. Zaphira sah weg – vom Buch und vom Teufel, der es hielt. Sie presste das Handgelenk gegen ihre Jacke und stürmte von der Empore des Thronsaals. Asmodais melodisches Lachen folgte ihr zwischen den Säulen hindurch.

Vielleicht hätte sie darauf warten sollen, dass Luzifer ihre Wunde verschloss; jetzt lief ihr das Blut aus dem Ärmel. Eigentlich kann er mir gleich einen Reißverschluss verpassen.

Sie stampfte durch das Schlossportal nach draußen und bog rechts ab. Larimar folgte ihr in die Gänge der Zwinger, ohne sich um die Geräusche aus den Käfigen zu kümmern.

»Es tut mir leid, was er dir angetan hat, Zaphira. Es tut mir leid, dass ich es zugelassen habe. Ich ahnte, er würde es versuchen, doch dachte, ich hätte ihm ausreichend klargemacht, welche Konsequenzen das hätte. Ich hätte es besser wissen müssen. Es tut mir leid.« Das hatte Luzifer ihr gesagt, nachdem er Asmodai zusammengeschlagen und aus dem Fenster geworfen hatte. Natürlich hatte er ihn nicht getötet. Er war sein Bruder. Und unsterblich. Aber dass er weiterhin auf dem Thron neben dem König sitzen durfte? Nach allem, was er ihr hatte antun wollen?

Konsequenzen, pah. Zaphira überlief ein kalter Schauer. »Es kotzt mich einfach an, dass ich nichts dagegen tun kann, verstehst du?« Ihre Stimme schlug gegen Gitterstäbe und Schiefermauern und prallte zu ihr zurück. Larimar schnurrte.

»Ich bin ihnen ausgeliefert. Allen dreien. Und nur weil Luzifer momentan anscheinend seine Medikamente nimmt, darf ich ihm nicht vertrauen. Eine kleine Meinungsverschiedenheit und er wird mich genauso herumschubsen wie seine Geschwister. Und doch … ich fürchte ihn nicht, Larimar. Er ist der Mächtigste von ihnen und die beiden anderen machen mir eine Himmelsangst, aber er? Warum schaffe ich es nicht, ihn klar zu sehen?«

Der Panther erwiderte ihren Blick mit durchdringend blauen Augen.

»Aber du spürst es doch auch«, fauchte sie der heuchlerischen Katze zu. Larimar maunzte, und aus dem Zwinger zu ihrer Linken antwortete ein Grollen. »Ja, du hast recht. Es ist trotzdem mein Problem. Entschuldige.«

Als sie bei der Makoda angelangten, war die in hellem Aufruhr. Sie drehte sich um die eigene Achse; die Ketten, mit denen sie an die Wand gefesselt war, klirrten über den Boden und schrappten über die bronzefarbenen Schuppen. Mit jeder Bewegung verhedderte sie sich weiter darin. Sie sah zu ihnen auf und stieß eine Mischung aus Fauchen und Brummeln aus. Die Flügelstümpfe auf ihrem Rücken bebten.

»Hey, Süße. Alles in Ordnung?« Mit einer knappen Geste sandte Zaphira Larimar aus der Sichtweite des Drachen. »Ist es so weit?« In der Bibliothek ihrer Eltern hatte sie tatsächlich ein vergriffenes Handbuch über die Aufzucht verschiedener Höllenwesen gefunden. Aus dem Kapitel über Leviathans Zauberdrachen hatte sie gelernt, dass Makodaweibchen nur einmal in ihrem langen Leben ein Ei legen konnten. »Kein Wunder, dass du so nervös bist.«

Die Drachendame tapste vor dem Ei auf und ab, das noch immer in der hintersten Ecke auf kahlem Stein ruhte. Die Farbe der Schale passte sich an ihre Umgebung an und war deshalb nicht leicht zu erkennen. Normalerweise vergruben Makoda ihr Ei im Höllenstaub, oder versenkten es in seichten Lavaströmen, um es vor Feinden zu verstecken.

»Dein Baby kommt bald, habe ich recht?« Die Makoda schnupperte an ihren Händen und schnaubte, wandte sich ab, wieder hin und wiederholte das Prozedere. »Vor mir musst du dich nicht fürchten.« Gerade beruhigte sich der Atem des Drachen, da ging ein Ruck durch das Ei.

Mama-Makoda schreckte auf, stieß es mit der Nase an und zuckte zurück, als hätte sie Angst davor, es zu verletzen. Mehrmals schlug das Eisen dabei gefährlich nahe dem Ei auf den Boden.

»Ich kann dir helfen.« Die Wärme in Zaphiras Brust dehnte sich bis zu ihren Fingerspitzen. Zarte Dunkelranken wuchsen daraus hervor. Sie ringelten sich auf die Echse zu und um sie herum. »Ganz ruhig.«

Die Makoda starrte sie an, die violetten Augen loderten wie Zauberfeuer.

»Gleich bist du frei.« Zaphira zwängte die Finsternis in den Eisenring, der um das Bein des Drachen lag. Sie ballte die Hände zu Fäusten – und die Fessel sprang auf. Es schepperte, und die Makoda fuhr herum. Dabei offenbarte sie eine fleischige Einschnürung. Der Ring war viel zu eng gewesen! Dieses verfluchte Monster.

Zaphira atmete tief durch; ihr Zorn sollte das Tier nicht verunsichern. Zwingermeister Nicus ist tot.

Mama-Makoda schlich sich an ihr Ei heran, das inzwischen wild hin und her kullerte. Ein haarfeines Netz aus Rissen wuchs über die Oberfläche und immer, wenn es wieder gegen die Wand prallte, kamen neue Kerben hinzu.

Gleich. In Zaphiras Magen flatterten lauter kleine Drachenflügel. Endlich sprang die Schale entzwei. Ein Etwas von der Größe einer Hauskatze klatschte auf den Boden. Seine bronzefarbenen Schuppen waren dotterverschmiert, und sofort machte sich Mama-Makoda mit ihrer fleischigen Zunge darüber her.

Zaphiras Augen brannten auf einmal. »Du darfst nicht in dieser Finsternis aufwachsen, Baby.« Leviathan selbst hatte ihr erklärt, dass diese Drachen ihr volles Potential erst im Schein des Höllenfeuers entfachen konnten. Sie musste sie befreien. Und wenn jemand auch nur versucht, dir deine Flügel zu stehlen, häute ich dieses Biest bei lebendigem Leib!

Das Kleine fiel beinahe um, so energisch putze es seine Mutter. Es nieste einen Schwall Dotterreste aus und wankte auf allen vieren durch die Zelle. Mama-Makoda brummelte und stapfte hintendrein.

»Gewöhnt euch aneinander und passt gut auf euch auf. Ich komme wieder.« Es war gar nicht so leicht, sich vom Anblick der beiden abzuwenden. Aber Zaphira schaffte es und machte sich, gefolgt von Larimar, auf den Weg zurück zum Schloss.

»Zaph!«

Sie fuhr zusammen. Lyria. Sie trug ihre schwarze Rüstung und das blonde Haar wie meistens zum Pferdeschwanz gebündelt. Larimar schnupperte an ihren Händen und schnurrte leise.

»Na endlich. Gar nicht so leicht, an dich ranzukommen«, murmelte die Soldatin. »Hast du wenigstens vor, an den Festlichkeiten teilzunehmen, wenn du schon der Vorbereitung fernbleibst?«

»Was soll das denn heißen? Du kannst mich doch jederzeit besuchen kommen.« Zaphira stutzte. »Und welche Festlichkeiten?« Tatsächlich wuselten ganz schön viele Teufel zwischen den Gebäuden umher. Bauten sie Stände in den Gassen auf? Sah fast so aus …

Lyria schnaubte. »Lebst du unter dem See? Die Dunkelstunde findet wie jedes Jahr zu Ehren seiner Majestät statt – und dieses Jahr haben wir sogar eine Majestät, also wird das Spektakel besonders bunt. Nicht, dass das den König groß schert. Aber hast du nicht mitbekommen, dass Luzifer die Wachen beordert hat, ihm jeden Eindringling persönlich vorzuführen?«

Wirklich? Zaphira zuckte die Achseln. »Na und? Dann will er eben wissen, wer sein Schloss betritt. Was ist dabei?« Sie wandte sich ab. Wegen dieses Festes sollte sie Ian fragen. Nach Feiern war ihr nicht zumute, vielleicht konnte sie sich drücken.

Lyria stellte sich ihr in den Weg. Anklagende Augen. Zaphira kniff ihre zusammen. »Ich bin loyale Saan des Königreiches und deiner Familie. Ich habe es nicht nötig, mich zu rechtfertigen, wenn ich dich besuchen möchte.«

»Du hast mich höchstpersönlich abgeführt, als ich hier ankam.«

»Du weißt, dass das etwas vollkommen anderes war, Zaphira! Bitte sag mir, dass du nicht blind vor ihm kuschst. Er kontrolliert all unsere Bewegungen. Das ganze Dorf ist in ständiger Angst, etwas Falsches zu sagen; außer natürlich seine Anhänger … Die sind außer sich vor Bewunderung und beugen sich die ganze Nacht über die Bibel.« Lyria sprach immer schneller, und Zaphira konnte nur den Kopf schütteln. Seit wann war ihre Freundin so unvernünftig?

»Vielleicht sollten sie das. Schließlich hat ihr König es ihnen aufgetragen. Wir befinden uns in heiklen Zeiten. Du solltest dich nicht so anstellen. Wenn du nichts zu verbergen hast, wird Luzifer dich nicht davon abhalten, mich so oft zu besuchen, wie du willst.«

Ein Schatten kroch über Lyrias Züge. Trauer? Enttäuschung? »Hörst du dich eigentlich reden? Du stehst schon völlig unter seinem Bann. Noch vor einer Woche haben wir gemeinsam mit angesehen, wie er Schmiedin Xenna dazu zwang, ihren Freund zu erdrosseln!«

Zaphira sah ihr Spiegelbild in Lyrias aufgerissenen Augen. Scham brannte auf ihren Wangen und in ihrer Brust. Damit hat Luzifer seiner Beliebtheit keinen Gefallen getan. Wie sollte sie ihrer Freundin klarmachen, dass sein Handeln einen Sinn verfolgt hatte? »Du weißt doch noch, wie Ian und ich Sapher hinrichten mussten, weil –«

»O nein!« Lyria hob einen zitternden Zeigefinger. Hysterisches Lachen blähte ihre Nüstern, und sie schleuderte den Pferdeschwanz von einer Schulter auf die andere. »Damit wirst du sein Verhalten nicht schönreden! Dir ist wirklich nicht klar, was er ist, oder? Wie er dich manipuliert?« Sie schluckte Luft, hustete, ließ den Kopf hängen.

»Du kannst das nicht verstehen, weil du ihn nicht kennst, und ich kann es dir nicht erklären. Ich weiß, dass die Sache nicht so einfach ist. Nicht schwarz und weiß …« Vielleicht wäre es eine gute Idee, Lyria und auch die anderen in den Palast zu bestellen. Sie würde anders über ihn sprechen, wenn sie ihn besser kennen würden. Würden sie? Hast du dich nicht gerade noch über seine Loyalität gegenüber seinem Bruder aufgeregt?

Das ist nicht dasselbe. Er ist … mehr als nur eine Persönlichkeit und alle muss man unterschiedlich bewerten. Er hat dich vor Asmodai gerettet.

Sind das meine Gedanken. Oder seine? Nur mit Mühe gelang es ihr, ein Schnauben zu unterdrücken und Lyrias Worte zu hören: »Kein Schwarz und Weiß?« Sie gestikulierte die Schiefermauern des Palastes hinauf. »›Obwohl Schwarz beginnt, muss Weiß nicht unterliegen.‹ Du warst dabei, oder?« Sie stemmte die Hände in die Hüften.

Zaphira schob das Kinn vor. Sie würde sich nicht von Lyria verunsichern lassen, bis sie nicht Klarheit über ihre eigenen Gefühle hatte. Irgendwelche Sprüche lösten nicht plötzlich alle Facetten der Wahrheit auf. Das müsste sie eigentlich am besten verstehen.

»Und du kamst nicht einmal auf die Idee, nach uns zu sehen?«

Nun sah Zaphira doch zu Boden. »Daran … habe ich tatsächlich nicht gedacht. Es tut mir wahnsinnig leid … Es war nur … Es ist so viel zu tun. Ich bin das Lamm, weißt du, und wir müssen all diese Siegel brechen, damit Luzifer seine Macht wieder vollständig entfalten kann. Und dann sind da Leviathan und Asmodai, die mich ständig auf Trab halten …« Sie hob die Brauen und wollte schon dem Drang in ihrer Brust nachgeben, Lyria alles haarklein zu erzählen, aber ein Blick in ihre Augen belehrte sie eines Besseren. Beinahe wäre sie zurückgeschreckt vor der offenkundigen Enttäuschung darin.

»Also ist es wahr«, presste Lyria zwischen den Lippen hervor. »Felica hat es öfter angedeutet, aber ich habe ihre Vorahnungen stets im Keim erstickt. Ich habe an dich geglaubt.«

Mit der alten Schamanin hatte sie also Vermutungen über sie angestellt? Zaphira wurde wieder heiß. Diesmal übertraf Wut die Scham »Du bist ganz schön unfair, weißt du das? Du kennst ihn nicht. Du weißt überhaupt nicht, worum es ihm geht. Du verurteilst ihn – und mich – ohne das ganze Bild zu kennen. Anfangs war ich auch skeptisch und hatte Zweifel. Aber er war schließlich fremd hier. Dass du jedoch an mir zweifelst … Nachdem wir Seite an Seite in zwei Schlachten gekämpft haben, vertraust du mir nicht?« Tränen brannten in ihren Augenwinkeln, doch sie hielt sie eisern fest.

»Im Moment bist du mir genauso fremd wie er.« Lyria schüttelte den Kopf und trat ihr endlich aus dem Weg. Für einen kurzen Augenblick wollte Zaphira nicht, dass sie das tat, wollte, dass sie stehen blieb, genau dort, zwischen ihr und ihrem Ziel. Aber dieser Gedanke war nostalgischer Unsinn. Sie hatte sich in Lyria geirrt. Krampfhaft schluckte sie die Galle hinunter, die die Enttäuschung ihre Kehle hinaufgetrieben hatte, und führte ihren Weg fort, ohne sich umzusehen.

***

Luzifer strich an der Fensterreihe entlang. Dort, wo er Asmodai am vergangenen Tag über den Sims gestoßen hatte, klebten noch Spuren seines Blutes. Unwirsch schnippte er sie fort. Zaphira war wütend auf ihn und aus irgendeinem Grund, verstand er sogar, weshalb. Sie sollte dankbar sein, dass er sie gerettet hatte. Er sollte sich nicht weiter um ihre Emotionen scheren. Aber es kümmerte ihn.

Früher hätte Zorn all sein Grübeln in heißen Rauch aufgelöst, doch heute blieb ihm dieser Ausweg nicht mehr. Er hatte sein Pulver verschossen, obwohl er nicht einmal geahnt hatte, dass noch etwas davon in ihm zurückgeblieben war. Hatte Mikael es damals vergessen? Oder war der Zorn in seinem Herzen tatsächlich neu gekeimt? Er war ausgebrochen, ohne dass er es hätte verhindern können. Wegen Asmodai? Oder ihretwegen?

Luzifer fuhr sich mit der Hand an die Stirn, die sich auf einmal anfühlte, als pochte jemand dagegen. War es möglich, dass diese Dunkelteufelin eine Emotion in ihm weckte, die er längst geopfert hatte?

Die Tür ging auf, und er konnte sich gerade so davon abhalten, sie zu rügen, weil sie nicht angeklopft hatte. Das ist ihr Zimmer.

Ihre blauen Augen weiteten sich bei seinem Anblick. Tränen, Verwirrung, Wut. Manchmal waren Materie und Geist kaum zu unterscheiden. Was willst du hier? Sie sprach es nicht aus, sah ihn nur an. Der Panther drängelte sich maunzend an ihr vorbei und kam mit donnernden Pranken auf Luzifer zugestürmt wie ein Welpe. »Du bist wütend.« Er kraulte die schnurrende Raubkatze zwischen den Ohren.

»Die Nacht war nicht … meine beste.« Sie schloss hinter sich die Tür.

Er würde nicht weiter in dem Drama wühlen, das sich mit ihrer Soldatenfreundin ereignet hatte. Das war ihre Sache. »Du wusstest, dass Asmodai uns trotz allem erhalten bleiben würde.« Natürlich wusste sie das. Sie war nur das Lamm; er ein gefallener Erzengel und Luzifers Bruder. Warum dann dieser Stich in seiner Brust, wenn er ihre Enttäuschung spürte?

Sie ging langsam in die Mitte ihres Zimmers. »Ich weiß. Es ist in Ordnung.«

Ist es nicht. Kam dieser Satz von ihr, oder hatte er ihn selbst gedacht? Er verengte die Augen. »Ist es nicht«, sprach er ihn aus. Er schmeckte nach Wahrheit. »Was Asmodai dir antat – und noch mit dir vorhatte – ist unverzeihlich.« Er lehnte sich mit dem Rücken an den Fenstersims; der Drachenschwanz ringelte sich gegen die Scheibe.

»Und doch hast du ihm bereits verziehen.« Diese Vertrautheit, mit der sie mit ihm redete. Kein Pluralis Majestatis, keine Scheu oder Angst. Nur die Enttäuschung einer Frau, die mehr erwartet hatte.

»Die Beziehungen zwischen uns Erzengeln sind sehr speziell. Die Ewigkeit kann nicht mit der Lebensspanne Eurereins verglichen werden. Es gibt Dinge, die ich meinen Geschwistern nie vergeben werde, und doch kann ich sie dafür nicht hassen.« Warum war es so wichtig, dass sie ihn verstand? Sie würde sich nicht gegen ihn und seine Pläne stellen. Er könnte sie nun in Frieden lassen und sie rufen, sobald er sie benötigte. Aber er würde erst gehen, wenn ihre Wut auf ihn verraucht war.

»Du hasst Mikael, oder nicht? Und die anderen, die die Siegel schlossen.«

Luzifer schüttelte den Kopf. »Ich hasse sie nicht.«

»Wozu dann all das? Deine Rache, der Krieg?« Zaphira schnaubte und Luzifer konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. »Ich brauche zurück, was sie mir genommen haben. Alles, weißt du nicht mehr? Und ich möchte sie bestrafen. Sie haben es verdient.«

Zaphira nickte langsam und in Luzifers Brust öffnete sich ein Riegel, von dem er nicht gewusst hatte, dass er vorgeschoben gewesen war. Sie war nicht mehr wütend, zumindest nicht auf ihn. Trotzdem bedrückte sie etwas. Sie ging im Zimmer auf und ab, wie er es getan hatte, bevor sie eingetroffen war. »Ich habe gehört, er würde so etwas nicht tun«, sagte sie sehr leise.

Luzifer richtete sich auf. Sie sollte sich nicht schämen. »Normalerweise hat Asmodai es nicht nötig, sich jemandem aufzuzwingen.«

»Und doch hätte er es getan, wenn du nicht …« Sie schauderte und schüttelte den Kopf, während sie ziellos weiterlief.

»Er kennt kein Nein. Deshalb wollte er deines nicht akzeptieren. Wie hast du es geschafft, seiner Macht zu widerstehen, Zaphira?« Er legte den Kopf schräg, ließ sie nicht aus den Augen.

Sie blieb stehen und starrte ihn an. »Er hat die Gestalt meines toten Geliebten angenommen! Wie hätte ich mit ihm schlafen können?«

»Du warst versucht.«

»Für eine Millisekunde vielleicht. Er ist ein verdammter Erzengel und hat meine Gefühle meisterlich manipuliert.«

»Zyan ist tot. Du wirst ihn niemals spüren. Es wäre nicht verwerflich gewesen, die Chance zu ergreifen.«

Nun war ihr Zorn wieder da. Anders als zuvor. Lebendiger. In zu Schlitzen verengten Augen flackerte blaues Feuer. »Ich will keine Illusion, Luzifer. Ich will alles! Nicht nur einen verzerrten Traum, der die Wahrheit allein durch seine Existenz beleidigt. Er hätte mir niemals geben können, was ich will.« Sie ballte die Hände zu Fäusten; ihre Stimme zitterte. Larimar löste sich von Luzifers Seite und strich zu ihr hinüber.

»In dieser Hinsicht bist du ungewöhnlich, Zaphira. Nicht viele ziehen die kalte Wahrheit der wärmenden Lüge vor. Kein Wunder, dass Asmodais Ansätze zum Scheitern verurteilt waren.«

Zaphira senkte die Lider.

»Dein Wille hat sich also nicht verändert. Zyan?« Er räusperte sich, um das Kratzen aus seinem Hals zu vertreiben. Was geschah nur mit ihm? Als er es wagte, sie wieder anzusehen, beherrschte Ratlosigkeit ihre Züge.

»Alles … Du sagtest … wir wollten alles und … Ich weiß gar nicht, was das bedeutet. Zyan ist tot. Du hast selbst gesagt, du kannst ihn nicht zurückholen?« Ihr Ausdruck schnitt ihm in die Brust. Was sollte dieses emotionale Hin und Her? Normalerweise war er es, der die Stimmung vorgab.

Er schüttelte den Kopf. »Nein.« Er straffte die Schultern; seine Stimme klang nur ein wenig heiser. »Doch das bedeutet nicht, dass dir alles verwehrt bleibt. Du kannst es noch immer haben. Denn wie alles andere, sind auch Träume wandelbar. Das Alles von damals muss nicht dasselbe sein wie heute.«

Sie lachte auf. »Mein Alles war immer nur er.«

Was tat er hier überhaupt? Er war der König der Unterwelt und hatte dringliche Angelegenheiten zu erledigen. Dieses Gespräch war … unnötig? Verwirrend? Verletzend? Auf jeden Fall machte es ihm keinen Spaß mehr. »Dann habe ich dir womöglich zu viel versprochen.« Mit zwei Fingern fuhr er sich über das rechte Horn. Es war ein wenig schärfer gebogen als das linke.

Sie legte den Kopf schief und betrachtete ihn. »Vielleicht solltest du dann nicht so große Versprechungen machen.« Sie zuckte mit den Schultern. »Wozu auch alles? Wonach wirst du streben, wenn du es hast?«

Er stutzte. »Nach mehr natürlich.« Ganz langsam trat er auf sie zu, bis sich seine Augen in ihren spiegelten. Rot verschlang Blau. »Für uns Träumer gibt es immer ein Mehr.« Er lauschte dem wilden Klang ihres Herzens, beugte sich zu ihr hinab, hielt kurz vor ihren Lippen inne.

Ihr Atem schlug ihm hart entgegen. Ihre Wärme prickelte auf seiner Haut.

»Sehnst du dich nicht nach mehr?«, hauchte er gegen ihren Mund. Eine Millisekunde verharrte er so, nur eine Haaresbreite von ihr entfernt. Ihr Puls tobte. Er zwinkerte, richtete sich auf und schob sich an ihr vorbei und zur Tür hinaus.

Auszug aus den Urchroniken:

Feiertage der Unterwelt (Saanvla Raajya)

Saanvla Raajya ist bekannt für seine strenge Religiosität und hat im Zuge dessen eigene, satanistische Traditionen etabliert, denen sich auch manch anderes Dunkelteufeldorf anschließt.

Dazu gehört die Dunkelstunde. Sie fällt auf die längste Nacht des Jahres und steht historisch für den Zeitpunkt, an dem der Erzengel Samael aus dem Himmel verbannt und endgültig zum Lichtbringer Luzifer wurde. Obwohl laut Legenden mehrere Dekaden zwischen seinem Fall und der Entstehung der Unterwelt lagen, feiert das Königreich im Zuge dessen die Geburt ihres Imperiums. In den anschließenden Wochen – den Rauhnächten – wird gejagt, Nahrung gehortet und es werden Opfer an Satans Diener gebracht.

Im Frühjahr folgt das Blutfest, an dem in altertümlicheren Zeiten sieben Jungfrauen an Satan geopfert wurden. Eine für jede Todsünde. Manch einer verstand dies als Ablass, eben jene Sünden ausleben zu dürfen; strengere Gläubige sahen darin eine nachträgliche Begleichung ihrer Untaten.

Das Morgensternfest beschreibt eher ein Turnier denn eine Feier. Dem längsten Tag des Jahres soll mit der Beschwörung der Dunkelheit Widerstand geleistet werden. Dafür versammeln sich die Teilnehmer auf den Kampfflächen und messen sich in der Ausübung ihrer Magie. Früher war üblich, dafür in die Mittlere Welt zu reisen, um durch das Risiko eines Sonnentodes den Anspruch zu erhöhen.

An Samhain oder Satansnacht finden sich die älteren Teufel zum gemeinsamen Blutweintrunk ein, bei dem auf Luzifers Ehren angestoßen wird. Die Kinder bemalen ihre Gesichter mit Parmeshblut und fordern einander heraus, vor den Höhlen der Chakaar zu tanzen.

Kapitel 2: Ikzhikal

»Wir sollten den Anker auswerfen.« Taiowa starrte auf die Insel, das Kinn zwischen den Fingern, als wäre sie ihm gerade eben zum ersten Mal aufgefallen. Dabei hielten sie seit gut einer Woche auf Eden zu.

Die Insel lockte mit einer weiten Bucht, in die Safina langsam einfuhr. Kies kratzte unter dem Bug, und Aliou zog den Kopf zwischen die Schultern. »Deine scharfe Beobachtungsgabe in Ehren, aber ich vermute fast, das hätten wir schon einige Meter früher tun sollen, nicht?«

»Verdammt. Warum lässt denn niemand den Anker runter? Ihr müsst nur diese Kurbel betätigen …« Oh. Da lag das Problem. »Das Ding sollte eigentlich nicht auf dem Schiff liegen.« Er stieß den Anker mit dem Fuß an, doch der rührte sich auf den Bohlen nicht um einen Millimeter. Inzwischen waren sie der Insel so nah, dass sich die Zweige der Bäume, die sich rechts und links der Bucht von ihren Hügeln bis in den Himmel reckten, wie ein Willkommensspalier über ihre Karavelle wölbten. Fast als wollten sie die Besatzung überprüfen, bevor sie ihr gestatten würden, an Land zu gehen.

»Hodari!« Safina quälte sich ätzend und stöhnend über den Kiesstrand, und Taiowa brauchte nicht auf Uriels Weltenwissen zurückzugreifen, um sich einzugestehen, dass das nicht gesund war. Hodari war nicht nur der größte Askari, sondern vor allem der stärkste. Sein bloßer Oberkörper war zweimal so breit wie Taiowas und seine Arme standen den Baumstämmen am Ufer in nichts nach. Als wöge das Teil nicht mehr als eine der Gazellen, die er früher von der Jagd nach Uchao geschleppt hatte, wuchtete er den Anker hoch und schleuderte ihn über die Reling.

Duma und Aliou waren schon dabei, die Kette abzulassen, und Taiowa atmete auf. Knapp vor der Küste kam ihr Schiffchen zum Halten.

»Das wird sicher lustig, wenn wir aufbrechen wollen.« Kiah hob die Augenbrauen, nachdem sie einen Blick über die Reling riskiert hatte. »Wir stecken ordentlich drin im Paradies.«

»Kein Problem.« Hodari grinste. »Diese Nussschale zieh ich noch vor dem Frühstück auf die offene See hinaus.«

Kiah lachte und gab dem Riesen einen Klaps auf den Ellenbogen – der höchste Punkt, den sie von ihm erreichen konnte, ohne sich auf Zehenspitzen zu stellen. »Da haben wir ja nochmal Glück gehabt.«

»Lasst uns mal abwarten, ob wir überhaupt wieder gehen.« Tijani schob sich am Rest der Crew vorbei, die sich an der Reling versammelt hatte. Mit dem Gehstock pochte er bei jedem Schritt auf die Planken. »Vielleicht werden wir von dem Erzengel, der uns hier erwartet, auch kurzerhand erdolcht.«

»Ich glaube doch kaum, dass Erzengel Leute erdolchen, wo sie doch über so viel wirkungsvollere Methoden verfügen …« Kiah und Hodari glucksten vor sich hin. Tijani schüttelte nur den Kopf, wobei sich sein grauer Bart in der Tunika verfing und in seltsamen Winkeln abstand.

»Niemand wird hier erdolcht. Wir finden den Erzengel, beten, dass es sich dabei um Raphael handelt, und schicken ihn auf schnellstem Wege nach Hause.« Auf Gannets Rede folgte betretenes Schweigen.

Vor zwei Tagen hatte Uriel sie über das Darubin kontaktiert und ihnen von Mojos Zustand berichtet. »Raphael könnte seine einzige Hoffnung sein; wenn es überhaupt noch eine gibt.« Dass die Leukämie dem jungen Askari wieder gefährlich werden würde, war ein Schock für sie alle. Raay Jeevan hatte sie in Sicherheit gewiegt; jetzt holte sie die Vergangenheit ein. Aber wenn Raphael sich tatsächlich so gut aufs Heilen verstand, wie Uriel sagte … Die Hoffnung stirbt zuletzt.

»Du hast recht. Und das wird uns auch gelingen.« Adiams Hand fand den Weg auf die Schulter seiner Tochter, die sogleich Haltung annahm. Sie wandte sich an Taiowa: »Gehen wir?«

»Gehen wir.« Er nickte und warf einen letzten Blick auf das leere Achterdeck. Wie lange würden sie durch das Paradies wandeln und was würden sie finden? Wen? Vermutlich fand wer auch immer ohnehin sie zuerst.

An der Strickleiter kletterten sie nacheinander die Reling hinunter und sprangen ins tailletiefe Wasser. Kiah reichte es bis zum Hals. Planschend und fluchend kämpfte sie sich zu Hodari hinüber und zog sich auf seine Schultern.

Jala erreichte das Ufer als Erste. Das weiße Leinenhemd, das sie unter dem ledernen Brustpanzer trug, war wasserdurchweicht und ließ nicht viel Spielraum, was ihre geschmeidige Figur anging. An den ellenlangen Beinen rann das Meerwasser hinab. Ihr Haar umwehte das ebenholzfarbene Gesicht wie der Schleier einer Witwe. Vielleicht war es Gewohnheit, die Taiowas Blick über ihren Körper führte; schließlich hatte es eine Zeit gegeben, in der sie beide mehr gewesen waren als verbündete Krieger oder gute Freunde.

Sie sah ihn an, als er sich nach ihr aus dem Wasser kämpfte. Einst hatten ihn diese Bernsteinaugen vor die Frage gestellt, ob er endlich begriffen hatte, was Liebe war.

Da stampfte Aliou vorüber und streifte ihn dabei am Arm. Sein Herz stolperte über diese Berührung, alle Härchen richteten sich auf. Es wäre Taiowa nie in den Sinn gekommen, dass er sich eines Tages in einen Mann verlieben würde. Zuvor hatte er sich immer nur von Frauen angezogen gefühlt.

»Und jetzt?«, plärrte jemand. Er riss den Blick von Jala los und räusperte sich. »Gut, Tijani. Dann walte deines Amtes und führe uns zu unserem neuen Freund.«

Der Nabii betrachtete den Kompass. Über seiner Hakennase stießen die Brauen gegeneinander. »Das wird nicht so einfach«, brummte er. »Der dreht sich ganz schön schnell.«

Kiah lugte über Tijanis Arm und verzog das Gesicht. »Bedeutet das, er ist überall hier? Hat er keinen Körper, so wie Uriel angedeutet hat?«

»Das wäre möglich. Oder wir sind ihm einfach schon zu nah. Auf Angavu hat sich der Kompass meist ähnlich verhalten.« Nyota band ihr orangefarbenes Kopftuch neu. »Auf jeden Fall sind wir auf dem richtigen Weg. Lasst uns erstmal einen Eindruck von der Insel bekommen. Gibt es auf der Karte einen Anhaltspunkt?«

Tijanis Züge entspannten sich. Er steckte den Kompass in seine Tasche und entrollte stattdessen das Pergament. »Wenn ich raten müsste, wo sich in diesem Gefilde ein Erzengel aufhält, würde ich mich auf Ikzhikal festlegen.« Er klopfte mit dem Zeigefinger auf einen Punkt auf der Karte.

»Ickziwas?« Aliou runzelte die Stirn.

Tijani seufzte sein enttäuschtes Lehrerseufzen, doch natürlich brannte er darauf, sie alle zu erleuchten. »Ikzhikal – der der Vergangenheit Form verleiht. Wieder ein henochischer Name. Es ist der einzige Ort unserer Welten, durch den eine Verbindung zum Überall besteht. In seiner Ursprünglichkeit liegt Wahrheit. Dort entspringen alle Namen, die den Dingen anfänglich gegeben wurden, und dort wird gewährleistet, dass jene Namen geltend bleiben. Wenn wir irgendetwas über diese Welt erfahren wollen, dann ist Ikzhikal der einzige Ort, der auf unsere Fragen ehrliche Antworten bereithält.«

Darauf wusste niemand etwas zu entgegnen, also schlugen sie sich ins Gestrüpp.

»Es wäre wirklich schön, wenn Ikithal uns auch gleich die Wahrheit darüber sagen könnte, wo er sich befindet«, brummelte Aliou nach einer halben Stunde Marschzeit, die sich dank der hartnäckigen Urwaldpflanzen deutlich länger anfühlte.

»Wir wissen ja, wo er ist. Es wird nur noch ein wenig dauern, die Mitte der Insel zu erreichen. Wie du vielleicht bemerkt hast, hat sich unser lieber Erzengel noch nicht die Mühe gemacht, hier einen Fußweg zu befestigen.« Nyota gab Aliou einen Klaps auf den Hinterkopf. »Ein bisschen mehr gute Laune, wenn ich bitten darf. Immerhin sind wir im Paradies.«

Aliou schnaubte. »Für Affen vielleicht. Oder Vögel. Oder diese riesigen Kakerlaken, die uns so unheimlich anstarren …« Eden war in der Tat ein reich bevölkertes Stückchen Land. Nicht nur von Pflanzen, die sich von denen der Mittleren Welt auf eigentümliche Weisen unterschieden, sondern auch einem ganzen Haufen verschiedenstem Getier.

»Keine der Kakerlaken sieht dich an, Aliou. Die haben nur Augen für mich.« Taiowa grinste und wich der Liane aus, mit der sein Freund auf seinen Kopf gezielt hatte.

»Zumindest verhungern werden wir hier nicht.« Jala strich über ihren Jagdbogen aus Mahagoni, den sie immer bei sich trug.

»Meinst du nicht, dass diese Tiere vielleicht unter besonderem Schutz stehen?« Adiam lugte bei jedem Schritt zwischen den Wimpern hindurch nach oben, als fürchtete er, etwas könnte sich auf sie fallen lassen.

»Keine Angst, Baba. Sollte es hier giftige Spinnen geben – wovon ich überzeugt bin – töte ich sie für dich.« Gannet kicherte über die Miene ihres Vaters.

»Vogelspinnen schmecken gut gebraten.« Kiah hakte sich bei Adiam unter, der ein tiefes Seufzen ausstieß.

»Vorerst würde ich dazu raten, nur unsere eigene Verpflegung anzurühren.« Tijani rümpfte die Nase. Er trug die Karte in der einen Hand, stützte sich mit der anderen auf seinen Stab und ließ sich von Hodari den Weg ebnen.

»Gute Idee«, grummelte Duma. »Dann essen wir all unser Proviant auf, kehren zum Schiff zurück und finden die restlichen Kisten leer vor, weil irgendwelche von diesen sonderbaren Viechern Lust auf ein wenig Abwechslung im Speiseplan hatten. Ich denke, wir sollten uns hier mit Lebensmitteln eindecken.«

»Aber keine Äpfel.« Aliou rempelte Duma mit der Schulter an und brachte ihn zum Grinsen. »Klar, Eva. Das brauchst du mir nicht sagen.«

Taiowa folgte seinem Tross schweigend. Sie machten keinen Hehl aus ihrer Anwesenheit. Nicht, dass sie sich vor einem Erzengel verbergen könnten, doch wie sie einer Elefantenherde gleich durch diese fremde Welt stampften … Nach ihrer Zeit auf Angavu waren die Askari nicht mehr gewohnt, auf andere Rücksicht zu nehmen. Sie alle waren eingenommen von der Atmosphäre des paradiesischen Gartens, aber spürten sie auch das Knistern, das die vom Wasser schwere Luft erfüllte und Taiowas Nackenhaare aufrichtete?

Hodari zwängte sich mit besonders anmaßender Grobheit zwischen zwei schlanken Baumriesen hindurch, sodass die Stämme unter seinem Gewicht ächzten.

»Lasst das«, zischte Taiowa wie eine der Schlangen, die ihren Marsch aus den Ästen mit lauernden Blicken verfolgten. »Verhaltet euch mal nicht wie eine Herde Elefanten in Idirs Wohnzimmer. Wir sind hier Gäste und stehen unter strenger Beobachtung.« Wie um seine Worte zu bestätigen, wurde die Spannung in der Luft noch intensiver.

»Du hast recht.« Jala kniff die Lider zusammen.

»Es ist wie eine unsichtbare, omnipräsente Macht. Ob das der Erzengel ist?«, flüsterte Duma mit rauer Stimme und sah sich geduckt nach allen Seiten um.

»Die ganze Zeit schon versuche ich euch klarzumachen, von welcher Bedeutung dieser Ort ist, und kaum macht der Jungspund den Mund auf, seht ihr es plötzlich auch. Das ist wieder einmal typisch.« Würdevoll überwand der Nabii einen Busch. Seine Robe verfing sich in den kanarienfarbenen Stacheln der Pflanze und statt seinem Zug nachzugeben, schien die Hecke sich nur tiefer in die Erde zu graben, und rührte ihre zuvor biegsamen Zweige in keiner Weise mehr. Unter undeutlichem Gefluche über Jungspunde und ihre Respektlosigkeit und weitere Begriffe, von denen sich Taiowa nicht angesprochen fühlte, ließ der Nabii zu, dass Nyota sein Gewand aus dem Griff der Pflanze befreite.

Da gellte Alious Schrei durch den Wald. Taiowas Herz fuhr ihm in die Hose. Er langte schon nach dem Schwertgriff, der über seine Schulter ragte, bereit, sich mit jeder Tarantel zu messen, die es wagte, seinen Gefährten zu stechen. Er stockte, runzelte die Stirn – und brach in Lachen aus. Der Angreifer war nicht größer als seine Hand und hing zappelnd und fauchend in Alious Locken und vor seinem Gesicht. Damit konnte der nichts sehen und führte sich auf wie eine Ballerina mit Bienenstich.

Duma schließlich erbarmte sich und befreite Aliou von seinem grimmigen Gegner. Aliou rieb sich die angekratzte Wange und starrte mit offenem Mund auf das Geschöpf, das Duma in seinen Armen hin und her wiegte. Gelbe Augen funkelten zurück. Das Katzenjunge mit den großen, weißen Pfoten und dem feuerroten Fell trug auf dem Rücken die Flügel eines Raubvogels.

Taiowa krümmte sich noch immer, hickste.

»Danke auch, Liebster.« Aliou schnaubte. »Schön, dass ich dich zum Lachen bringen konnte.«

Taiowa prustete. »Nicht wahr? Aliou im Auge des Tigers. Von Angesicht zu Angesicht der grässlichen Bestie gegenüber. Auf welche Waffe fällt seine Wahl? Er wählt den Stepptanz, meine Damen und Herren, und besiegt das Biest mit vortrefflicher Beinarbeit und der wedelnden Anmut einer Windmühle.«

Alious Mundwinkel zuckten. »Du Mistkerl!« Er gluckste und zog Taiowa auf die immer noch weichen Beine.

»Schuldig im Sinne der Anklage. Aber schau doch mal, wie niedlich dein kleiner Tanzpartner ist.« Verzückt streckte Taiowa die Hand nach dem Geschöpf aus, das sich in Dumas Armen rekelte, ohne einen Fluchtversuch zu unternehmen. Er stupste sein Näschen an und es nieste auf so entzückende Weise, dass ein mehrstimmiges »Oohh« durch die Reisegruppe wogte. »Ich nehme zehn von denen«, rief Gannet, und Kiah seufzte. »Eine Armee. Herrin, schicke mir eine Armee davon!«

»Hört ihr das?« Knacken im Geäst. Sie drehten sich von einer Seite zur anderen. Es kommt von überall. Das Dickicht abseits ihres Trampelpfades raschelte und rührte sich.

»Kiah, das war dumm«, knurrte Tijani und hob seinen Stock. Augenpaare glommen zwischen den Blättern. Viele davon. Scheinwerfer statt Glühlämpchen. Dies waren keine tapsigen Babykatzen, sondern Raubtiere in der Größe von Löwen. Taiowa entgleiste das Grinsen.

»Taiowa im Auge des Tigers. Von Angesicht zu Angesicht der grässlichen Bestie gegenüber …«, rezitierte Aliou flüsternd. Taiowa packte ihn beim Oberarm und zerrte ihn hinter sich. »Klappe jetzt. Oder ich opfere dich als Ablenkung. Schließlich hast du ihr Baby entführt.«

»Wir sollten es ihnen zurückgeben.« Aliou pflückte das rote Plüschtier aus Dumas Armen und trug es aus dem Haufen, den die Askari gebildet hatten. Dabei hielt er es weit von sich, als wäre es giftig.

»Nicht so nah.« Taiowas Hände zuckten. Das kann sich doch keiner ansehen! Er schnappte nach Luft. Direkt vor Aliou schob sich ein Gesicht aus dem Dickicht: silbergrau, gelbe Augen, Zähne, die die Magensäure in Taiowas Kehle trieben. Verdammt. Unter dem ledernen Panzer, den er für ihre Expedition angelegt hatte, sammelte sich Schweiß.

Das Junge maunzte und wand sich in Alious Griff. Die Katze fauchte.

»Gib es ihr«, wisperte Tijani. Aliou setzte es langsam am Boden ab und schlich mit gesenktem Blick rückwärts.

Der Winzling schnupperte noch einmal in seine Richtung und marschierte schließlich auf die Graue zu. Einen Moment lang war es Taiowa, als starrte ihm die Katze direkt in die Augen. Dann beugte sie sich zu ihrem Jungen hinab, packte es unsanft im Genick und mit einem Aufheulen, das Taiowa einen Schauer über den Rücken schickte, durchbrach das Rudel das Dickicht und warf sich in den azurblauen Himmel.

Gerade noch hatten sie sich durch schwüle Luft und tiefhängende Zweige gekämpft, da öffnete sich das Dickicht so abrupt, als hätte jemand den Wald vor ihnen einfach von der Karte radiert. Die weite, von sonderbar blaugrünem Gras überzogene Lichtung war in Sonnenschein getaucht. Taufrischer Wind wehte ihnen entgegen. Mit der Linken noch an einen schlanken Baumstamm gelehnt, blieb Taiowa stehen und atmete tief durch.

»Sind wir endlich da?« Aliou polterte an ihm vorbei aus dem Gestrüpp. »Wow. Schön hier. Genau der richtige Ort für ein Picknick. Dahinten sind sogar Sitzsteine.« Schon wollte er losziehen, da rief Tijani: »Stopp! Das ist Ikzhikal.«

»Oh.« Aliou legte den Kopf schief.

»Ein Steinkreis?« Auch Ebony entstieg dem Wald und rümpfte die Nase. »Ich hatte etwas Spektakuläreres erwartet, wie … eine finstere Grotte, oder vielleicht einen Vulkan?«

»Es sind nicht mal große Steine«, brummte Jasiri und er hatte recht. Die Felsen waren zwar in einem perfekten Kreis angeordnet, reichten Taiowa jedoch sicher nicht bis über die Hüften.

Tijani verstaute die Karte in seiner Ledertasche, bohrte den Stock in die feuchte Erde und wartete darauf, dass auch alle anderen auf die Lichtung heraustraten.

»Das beklemmende Gefühl von vorhin … Ich habe den Eindruck, es ist hier schwächer.« Jala legte den Kopf in den Nacken und sah in den Himmel hinauf.

Taiowa warf einen Blick über die Schulter zurück. Tatsächlich kribbelte die Energie hier draußen nicht mehr so deutlich wie zuvor, doch fort war sie nicht; es schien ihm eher, als lauerte sie in sicherem Abstand.

»Wie funktioniert die Magie dieses Ortes?« Duma wandte sich an den Nabii, der sich mit geschürzten Lippen auf seinen Stock lehnte. Dabei näherte er sich langsam der Mitte der kreisrunden Lichtung und streckte schließlich einen Arm nach den Steinen aus.

»Nicht anfassen!« Behände schoss Tijani vor und klopfte mit seinem Stab auf Dumas Hand. »Es sieht nicht nach viel aus, aber dieser Ort ist einer der mächtigsten in allen drei Welten. Mit Sicherheit der mächtigste in dieser.«

Jasiri stapfte hinzu und brummte: »Wie soll er uns irgendeine Wahrheit mitteilen? Können diese Steine sprechen?«

Tijani brummelte Unverständliches in seinen silbergrauen Bart; es war Nyota, die antwortete: »Ich glaube, wir sind noch gar nicht wirklich da.« Mit langen Schritten umrundete sie den Kreis, der zu gleichmäßig war, um natürlichen Ursprungs zu sein. Sie waren hellgrau, völlig glatt und wirkten in der Tat mehr wie Sitzhocker oder erschreckend schnöde Gartendeko denn wie einer der mächtigsten Orte der Welten.

»Auf der Karte sind wir genau richtig. Wenn du Zweifel hast, sieh selbst nach.« Tijani öffnete unter viel Getöse die Schnallen seiner Tasche, aber Nyota schüttelte den Kopf. »Nein, wir sind hier richtig, aber wir sind nicht im Ikzhikal. Ich habe davon gelesen und er sieht ganz anders aus. Ich glaube, wir müssen hinein.«

»In den Steinkreis?« Taiowa schlich von der anderen Seite auf das Konstrukt zu, das Duma und Aliou bereits umrundet hatten. Nyota zuckte die Achseln.

»Kann ja nicht schaden, es auszuprobieren.« Kiah wollte losmarschieren, Nyota hielt sie am Arm zurück. »Wenn wir alle gleichzeitig drin sein wollen, müssen wir gleichzeitig hineingehen.«

Zu Tijanis Argwohn und Alious Freude begrenzten exakt dreizehn Steine das Rund. »Sag ich doch. Wie gemacht für unser Picknick.« Taiowas Gefährte grinste, schlenderte zu ihm herüber und packte in bei der Hand. »Komm schon. Dann gehen wir eben alle gleichzeitig rein.«

Taiowa zögerte. »Mir ist nicht wohl dabei. Was, wenn wir alle ausgeknockt werden, oder sowas? Sollte nicht jemand hierbleiben und Wache halten?«

»Seit wann bist du der Vernünftige unter uns?« Tijani bedachte ihn mit dem Ausdruck eines Heilers, dessen todgeweihter Patient gerade aufgestanden war und kerngesund das Weite suchte.

»Du spürst es noch immer, nicht wahr?« Jala starrte in die dicht an dicht stehenden Baumreihen, zwischen denen viel zu viele Geheimnisse Platz hatten.

»Wenn wir tatsächlich unter der Beobachtung eines Erzengels stehen, hätte er uns längst ausschalten können. Er hält uns nicht hiervon ab. Vielleicht sollten wir einen Versuch wagen.« Aliou verstärkte sanft den Druck um Taiowas Finger und lächelte zu ihm auf.

»Gut. Gehen wir.« Taiowa holte Luft, nickte und sie alle gruppierten sich rund um den Steinkreis.

»Nehmt euch ein Beispiel an den Jungs und fasst euch an den Händen«, ordnete Nyota mit Blick auf Taiowas und Alious verflochtene Finger an. Du tust ihr weh. Aber er konnte es nicht ändern.

»Das hat einen drolligen Beigeschmack.« Gannet stand zwischen Kiah und ihrem Vater und schaute in die Runde. Als würden sie gleich anfangen, Ringel-Reihen zu tanzen.

»Bereit?«, fragte Nyota. Allgemeines Nicken. »Gut. Eins. Zwei. Drei.« Gleichzeitig machten sie alle einen großen Schritt nach vorn und für einen Moment geschah nichts weiter als das. Dreizehn bewaffnete, bestens trainierte Kriegerinnen und Krieger in ledernen Rüstungen mit feierlichen Mienen standen auf einer blaugrünen Wiese in einem Steinkreis herum und hielten sich an den Händen.

Dann ging die Welt unter. Taiowa fiel ins Nichts, der Magen sank ihm bis in die Kniekehlen, seine Lungen vergaßen ihren Job. Verständnislos starrte er über den Rand der Steine; die befanden sich jetzt auf Augenhöhe. Die Lichtung verschwand, alles andere ebenso.

Eine warme Hand in seiner. Er atmete. Das ist gut. Weiter? Nichts weiter. Da war einfach nichts sonst. Kein Untergrund, auf dem er lag, kein Schmerz eines Aufpralls, kein Geruch in der Luft, kein Windhauch und kein Geräusch. Bin ich kaputt? Oder ist hier wirklich … gar nichts?

Auf der Seite, auf der keine Hand mehr seine hielt, stieß jemand ihm gegen den Arm. Bitte lass es Ujini sein. Auf der anderen zuckten Alious Finger in seinen. Es mussten Alious sein, denn er hatte rechts von ihm gestanden und alles andere wäre … gar nicht gut.

Taiowa wollte sich räuspern. Nichts. Was ist passiert?, wollte er fragen; kein Laut kam ihm über die Lippen. Er riss die Augen auf und fuhr so heftig zusammen, dass er die Hand zerquetschte, von der er hoffte, es wäre Alious.

Die Schwärze zwischen den Sternen. So umfassend jetzt, so nah und allgegenwärtig, dass Taiowa nicht einfach den Blick senken konnte, um sich ihr zu entziehen. Sie waren mitten darin, umgeben von der Leere des Universums und dem weit entfernten Glimmen fremder Galaxien. Es gab kein Entkommen und keine andere Realität, denn jede Richtung, in die er sah, bot denselben grauenhaften Anblick und weder zum Weitergehen, noch zur Umkehr gab es einen Weg. Seine Bronchien verengten sich, dass ihm der Atem durch die Kehle pfiff, und sein Herz pumpte dermaßen, als presste es jemand mit der Faust zusammen.

Die Hand in seiner Rechten war verschwunden. Aliou?! Taiowa riss den Kopf herum und starrte auf die Beine seines Vertrauten. Er war aufgestanden und sah auf ihn herunter, öffnete den Mund, aber auch er brachte keinen Laut zustande. Resolut griff er nach Taiowas Armen und zog ihn hoch.

Taiowa schwindelte. Unter seinen Füßen war nichts als unendliche Leere und selbst, wenn er die Augen schloss, konnte er keinen Untergrund spüren, keinen Halt. Sein Magen rotierte. Er atmete schneller. Die Schwärze zerrte an seiner Beherrschung, seiner Bestimmung, seinem Sinn auf dieser Welt.

Eine Berührung auf seiner schweißnassen Wange. Er blinzelte, fand Aliou und klammerte sich an seinen Arm. Nichts war fort. Nicht die Beherrschung, nicht die Bestimmung, nicht der Sinn auf dieser Welt. Er musste sich nur beruhigen.

Aliou nickte in die andere Richtung und Taiowa riskierte einen Blick. Da standen sie alle im Kreis um eine leere Mitte und ihre Augen funkelten wie Sterne im endlosen Schwarz. Nyota zuckte die Achseln, unfähig zu sprechen, wie jeder von ihnen.

Dann war ihre Mitte auf einmal nicht mehr leer. Verwittert und moosüberwachsen, als stünde er schon immer hier und stammte doch von einem anderen Ort, an dem es Pflanzen gab und nicht nur Leere, erhob sich vor ihnen ein steinerner Springbrunnen. Dem Sockel schloss sich ein rundes Auffangbecken an, aus dem eine gewundene Säule ragte. Sie war wie aus Steinfasern geflochten, ein verknöchertes Gewächs, ein Gebilde aus Leben, das in Starre verfallen war. Sein Wasser spiegelte die Schwärze der Leere und das Glimmen der fremden Galaxien, weshalb es wirkte, als enthalte es alles. Es sprudelte und spritzte und murmelte wie Gedankengesang.

Ich kann es … hören?

Was soll das?

Wo sind wir?

Ikzhikal. Nyota hatte recht.

Taiowa stand stramm wie ein Zinnsoldat und starrte von einem Gesicht ins andere. Seid das … ihr? Kann ich eure Gedanken hören? Hallo?

Beeindruckend.

Ich höre dich. Aliou stupste ihn in die Seite. Auf seinen Wangen tanzte der Widerschein des Wassers, das vielleicht nicht nur im Sternenlicht glühte, sondern aus sich heraus.

Können wir wieder gehen?

Zur Hölle mit der Wahrheit, ich glaub, mich laust der Affe. Hodari kratzte seinen Skalp.

Kiah stierte zu ihm auf, als wäre er das achte Weltwunder. Warum kann ich dich hören?

Wer spricht da?

Verschwindet aus meinem Hirn!

Verstehst du mich?

Leute, ich glaube, wir unterhalten uns durch den Klang des Wassers!

Verrückt. Dann muss ich aber aufpassen, was ich denke.

Wer sagt hier was? Ihr klingt alle gleich.

Was sollen wir tun? Taiowa schüttelte den Kopf und blinzelte und schüttelte ihn wieder, aber alles blieb, wie es war.

Odin hat ein Auge geopfert, um Weisheit zu erlangen.

Verarsch mich nicht. Ich opfere gar nichts.

Ich sag’s ja bloß.

Eine Niere würde ich bieten.

Wir sind nicht mehr unsterblich. Organspenden wollen wohl überlegt sein.

GENUG. Zwölf Augenpaare richteten sich auf den Nabii. Nicht einmal am beeindruckendsten Ort des Universums, könnt ihr für zwei Sekunden ernst bleiben. Hört endlich auf, das Wasser zu missbrauchen! Es will uns etwas sagen.

Wie sollen wir aufhören, zu denken?

Konzentriert euch einfach auf unsere Frage. Alle auf einmal.

Wie war die doch gleich?

Erzengel. Wir suchen einen verfl… einen Erzengel.

Gut. Okay. Kein Grund, ausfallend zu werden, sonst fallen wir am Ende tatsächlich da runter.

Erzengel.

Wo ist er? Taiowa fixierte den Wasserspeier.

Wo ist Raphael?

Wer verbirgt sich auf dieser Insel?

Welcher Erzengel versteckt sich vor uns?

Welcher von ihnen ist uns am nächsten?

Im sternfunkelnden Wasser tauchte etwas an die Oberfläche.

Es ist aus Holz.

Sieht aus wie ein abgetrennter Kopf.

Urgs.

Mit jedem neuerlichen Auf- und Abwippen der Wellen offenbarte sich ihnen das Etwas im Brunnen ein wenig mehr.

Es ist ein Kopf.

Aus Holz.

Taiowas Puls raste. Sieht aus, als könnte er unserer Safina passen.

Wie sollte der Kopf unserer Galionsfigur an diesen Ort gelangen?

Du glaubst doch nicht, er ist wirklich hier.

Quälend langsam drehte sich das bemalte Holz auf dem Wasser, das vor ihren Gedanken übersprudelte, und endlich tauchte das schwarze Haar ab und ein Gesicht auf. Taiowas Lungen entwich aller Atem.

Nein.

Was …?

Das ist unmöglich.

Sagt mir bitte, dass ich mir das einbilde.

Was hat das zu bedeuten, Nabii? Wieder sahen sie alle zu ihm. Seine Falten waren blass geworden. Ohne den Stab, den er auf der Lichtung zurückgelassen hatte, stand er krumm wie ein knorriger Baum im Wind. Die Wahrheit.

Welche Wahrheit?

Die einzige. Die unbestreitbare.

Aber … Ayanna?

Kapitel 3: Die Waage …

Ihr Mund reißt auf und offenbart eine Reihe spitzer Zähne. Sieh an. Ein bekanntes Gesicht hätte ich hier nicht erwartet.

Hallo, Schwester. Ich blinzle durch schwarze Strähnen hindurch. Sie sind wie ein Vorhang, obwohl Verstecken zwecklos ist. Endet es hier? Hinter den Toren des Dorfes, das ich ins Herz geschlossen habe, als wäre es Heimat?

Leviathan schlägt mit den Schwingen und weht mir damit das Haar aus der Stirn. Ich habe dich vermisst. Du warst nicht im Brunnen.

Nein. Meine Muskeln zittern, aber ich hebe nicht das Kinn.

Zu menschlich dafür? Oder hieltest du dich einfach für was Besseres?

Ein Zucken im Augenwinkel: Eldur. Meine Gedanken entscheiden über sein Leben. Kein falsches Wort. Meine Seele ist nicht mehr vollständig frei. Ein Teil von mir ist in diesem Körper eingeschlossen und hätte niemals extrahiert werden können.

Wer hätte gedacht, dass sich dein edles Opfer einmal so auszahlen würde.

Ich betrachte es nicht als Opfer.

Ich vergaß. Du liebst die Machtlosigkeit, wie du die Menschen liebst. Es ist ein Kunststück, wie unbewegt Leviathans Miene bleibt. Sie genießt es viel zu sehr.

Ich nehme an, meine menschlichen Tage sind gezählt. Warum soll ich nicht selbst das Messer führen? Zu meiner Kehle wandert es ohnehin.

Dein Siegel ist bald an der Reihe. Oh … Moment … Sie wissen es nicht? Du hast es ihnen nicht erzählt? Bei allem, was vor sich geht? Tote schwarze Augen. Wo ist das Mitgefühl? Wo ist Ariel?

Ich schlucke trocken. Ich wusste nicht, wie.

Leviathan schließt die Krallen fester um den Dreizack. Du wirst alles verlieren, was dir wichtig ist. Deine Menschlichkeit und ihre Freunde.

Es ist unerträglich, so stehen zu bleiben. Unerträglich, welche Macht sie hat. Ich beiße die Zähne aufeinander. Du wirst es ihnen sagen?

Leviathans Mundwinkel zucken. O nein. Diese Bürde möchte ich dir nicht nehmen. Du wirst es selbst tun. Sobald das Siegel bricht, bleibt dir keine andere Wahl.

Wie rücksichtsvoll.

Nicht wahr? Möchtest du nun knien? Oder muss ich meine Macht demonstrieren und deine offenbaren? Geifer tropft ihr von den Zähnen.

Keine Sorge. Diese Bürde musst du nicht tragen, Schwesterherz. Und ich beuge das Knie.

***

»Nicht mehr, Eldur. Ich heiße Gabriel.« Der Mann mit Ayannas Haut, Ayannas Haar und Ayannas Augen schlug mit Schwingen, die ganz und gar nicht Ayannas waren. Er sprach mit einer Stimme, die nicht ihr gehörte, und doch ließen sich seine Worte nicht auslöschen.

Das passiert nicht wirklich. Das ist nicht wahr. Eldur schwankte auf der Stelle. Seine Knie drohten jeden Augenblick nachzugeben. Mamma, Pabbi, Mamma. Er blinzelte. Niranjana. Moonriver. Ayanna.

Tandri flammte auf seiner Schulter, brannte lichterloh, fraß Angst und Schmerz und Einsamkeit, doch er kam nicht hinterher. Niemals würde er all das verbrennen können, das Eldurs Seele in Stücke schnitt. Sie hat mich betrogen. Er schüttelte den Kopf. Das passiert nicht wirklich.

Die Dörfler hatten sich in Statuen verwandelt. Sie alle starrten hoch zu dem Erzengel, der in Rauch und Flammenschein über Moonriver stand wie ein Mahnmal. Niemand rührte sich und niemand sagte einen Ton. Niemand weckt mich. Wieso weckt mich niemand auf?

Pastellene Regenbögen verwirbelten Qualmfahnen, und der Mann namens Gabriel schwebte zu Boden. »Fürchtet mich nicht. Ich bin nicht euer Feind.«

Furcht nährte sich von Hoffnung, davon, dass es etwas gab, das man verlieren konnte. Alles ist verloren. Nicht nur Tandri verglühte seinen Schmerz; die Wut half ihm dabei, denn Feuerwesen fraßen nur Schwächen. Er hatte sich so lange zusammengerissen, hatte geschuftet, gehofft und ermutigt. Er hatte nie aufgegeben, jede Option abgewogen, geopfert, geopfert, geopfert. Und sie war die ganze Zeit ein Erzengel gewesen?

Gabriel schlich auf ihn zu, als hätte er Angst vor ihm. »Eldur.« Diese Stimme hatte wirklich nichts von ihrem Klang. »Es tut mir leid.«

Eldur spannte die Lippen zu einem schmerzlich breiten Lächeln, seine Augen brannten, als bräche die alte Glut durch das Mondlichtsilber. »Was tut dir leid?« Er schürte die Wut, kontrollierte das Feuer.

»Ich habe dich angelogen. Dich und alle anderen in meinem menschlichen Leben. Ich habe euch die Wahrheit meines Kerns verschwiegen und gehofft, er würde nie zutage treten.« War das Bedauern in ihren Augen? Schuldbewusstsein?

»Ach das. Du bist ein Erzengel. Was soll’s. Niemand ist perfekt.« Er hielt das Lächeln auf seinen Lippen, die Gelenke versteiften sich. Er war eine Puppe aus Holz und in seiner Brust leckten Flammen.

»Ich kann deine Gedanken sehen, Eldur. Und ich spüre, was du fühlst.«

»Dann weißt du ja, dass diese Gefühle besser bleiben, wo sie sind.« Er hob das Kinn. Das Glimmen seiner Augen warf silberne Sprenkel auf Gabriels Haut.

»Du kannst sie dort nicht ewig festhalten. Sie zerstören dich.«

»Traurig, oder? Vielleicht suchst du dir lieber einen neuen Sterblichen zum Spielen?« Stöhnen rings um ihn herum. Sie sind also doch nicht zu Stein erstarrt. Hände umfassten seine Arme.Drake und Ramona hatten seine Seite nicht verlassen. Trotzdem trat er vor.

»Ich hatte nicht geglaubt, dass es einen von eurer Sippe gibt, den ich noch mehr hassen könnte als Leviathan.« Er fauchte wie sein Feuerwesen. »Du hast uns alle nur benutzt für dein perverses Spielchen. Wolltest ein wenig Mensch sein, ja? Uns für deine Familienfehde aufwiegeln und zusehen, wie wir alle draufgehen? Oder wolltest du nur deinen Bruder damit beeindrucken, dass dir ein ganzes Dorf aus der verlogenen Hand frisst?«

»Eldur. Genug!« Aber weder Nija, noch Ura oder irgendein anderer würde ihn aufhalten. Seine Haut fing Feuer. Ramona schrie auf und ließ ihn los. Drake nicht.

Eldur entriss sich seinem Griff. Er holte aus. Die lodernde Faust krachte in Gabriels Gesicht. Nicht deins! Sie ist nicht deins! Du bist nicht sie!

Der Erzengel taumelte und stürzte rücklings zu Boden. Er rührte keinen Finger.

»Ich hielt dich für meine Freundin!«

Gabriels Nase knirschte unter seinem nächsten Hieb.

»Ich habe deinem Urteil mehr vertraut als meinem eigenen!« Er schlug sich die Knöchel an Gabriels Wangenknochen auf, aber die Wut brannte stärker als jeder Schmerz. »Du bist ein verfickter Erzengel, der all unsere Probleme hätte lösen können, aber stattdessen hast du getan, als wärst du einer von uns? Hat es Spaß gemacht, menschlich zu sein? Unsere Probleme hautnah mitzuerleben?« Speichel troff ihm aufs Kinn. Oder waren es Tränen? Der Geruch von brennendem Fleisch stach ihm in die Nase; Feuer fraß sich in Gabriels Haut.

Der Erzengel wehrte sich noch immer nicht und keiner der Außenstehenden griff ein. Vielleicht fühlten sie denselben Zorn; vielleicht sahen sie, dass ihm keine Wahl blieb.

Gabriel sagte kein Wort. Er rechtfertigte sich nicht, gab keinen Laut von sich. Eldurs Fäuste prasselten wie ein Steinhagel auf ihn nieder, bis das Blut von beiden spritzte, bis Eldurs Tränen auf seine Wunden fielen und Hilflosigkeit den Zorn auslöschte. Denn Tandri konnte nicht all seinen Kummer verzehren. Der Schock hielt die Gefühle nicht ewig auf Abstand.

Ayanna ist tot. Sie hat nie gelebt. Die Kraft schwand aus seinen Muskeln und seine Seele wurde schwer. Eldur weinte. Er senkte die blutigen Fäuste auf Gabriels Brust und schluchzte, krümmte sich, würgte, als könnte er sich so das Herz aus dem Körper pressen und dem Engel vor die Füße spucken.

Ganz langsam hob Gabriel die Hand und berührte ihn an der Stirn. In Eldurs Leere blieb nur ein Wort zurück: »Warum?« Dann wurde alles schwarz.

Eldur schlug die Augen auf und sah geradewegs in Ayannas besorgtes Gesicht. Es war nur ein Traum. Er blinzelte. Es ist nicht real. Er richtete sich auf. Ayanna ist hier. Schwingen sprossen ihr aus dem schmalen Rücken und schimmerten im Licht der Feuerstelle wie ein Regenbogen.

Er rappelte sich hoch, sprang auf, aber die Beine versagten ihm den Dienst. Gabriel fing ihn auf – und ließ ihn schlagartig wieder los, als er seiner Miene begegnete. Sie hatten ihn nicht mit dem Verräter allein gelassen. In der Tür zu Eldurs Kammer im ersten Stock des Haupthauses drängten sich Nija, Drake, Ramona und Ura.

»Du solltest dich umsichtig bewegen. Ich habe dir ein wenig Ruhe verschafft, aber meine Berührung hat ähnliche Nebenwirkungen wie ein Schlafmittel. Also versuche bitte, dich ein wenig zu beruhigen.« Gabriel sprach leise. War das Reue in seinem Ton?

Verdammter Mondsegen. Der Kummer stand seiner ehemaligen Freundin deutlich ins Gesicht geschrieben.»Kannst du bitte … nicht mehr aussehen wie sie?«

»Natürlich.« Tiefe Stimme. Eldur linste zu ihm auf. Orangene Augen. All die Schläge und Verbrennungen, die er ihm beigebracht hatte, waren spurlos verschwunden.

»Daher also die Spontanheilung, nachdem die Macht dich verlassen hatte«, murmelte Ura, und Gabriel nickte ihr zu.

»Aber … wie konntest du Raay Jeevan in dir tragen, wenn du selbst einer von ihnen bist?«, fragte Nija. Eldur entging nicht, dass die Chanpahra auf eine respektvollere Anrede verzichtete und die Augen zu Schlitzen verengt hatte. Auch wenn Ayanna in Wirklichkeit ein Erzengel war, kaufte sie das nicht von ihren Verfehlungen frei. Gerade dann nicht.

»Ich werde euch alles erklären. Vielleicht sollten wir dafür in einen Raum gehen, in dem ein bisschen mehr Platz ist?« Ob diese Schüchternheit nur gespielt war? Was denn sonst? Eldur schnaubte. Er hat jahrzehntelang eine Rolle gespielt.

»Gehen wir in den Konferenzraum.« Nija hielt ihnen die Tür auf. Als Eldur sie passierte, berührte sie ihn sanft am Arm. »Geht es dir besser? Wenn du mehr Zeit brauchst, verschieben wir das.«

Er schüttelte den Kopf. »Was ich brauche, tut nichts zur Sache. Wir brauchen Antworten. Und zwar schon gestern.« Sie schlug ihm auf die Schulter und lächelte dünn. Er atmete auf. Auch ohne Ayanna bin ich nicht allein.

Diesmal servierte niemand Tee in dampfenden Bechern, die den Raum mit würzigem Duft füllten. Während sich Gabriel auf die Bank sinken ließ, die Schwingen dabei angelegt, nahm Eldur demonstrativ am anderen Ende der Tafel Platz. Nija setzte sich neben ihn und Drake direkt gegenüber.

»Gut. Du hast das Wort, schätze ich.« Ramona wandte sich Gabriel zu. Er ruckte mit dem Kopf und schluckte, dass sein Adamsapfel hüpfte.