Tag des Vollmonds - Eileen Stortz - E-Book

Tag des Vollmonds E-Book

Eileen Stortz

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Beschreibung

»Obwohl Weiß beginnt, muss Schwarz nicht unterliegen.« Die letzten Sandkörner rieseln durchs Stundenglas; die Dunkelteufel kommen Raay Jeevans Quelle immer näher. Taiowa und Niranjana müssen all ihre Macht mobilisieren, um sich der Fürstenfamilie entgegenzustellen. Doch die Kraft des Wächters schwindet, und der prophezeite Untergang droht, sich zu erfüllen. Vielleicht wäre es gut: Drei Welten in Asche – drei Welten in Frieden. Aber was, wenn der Neubeginn schlimmer ist als jedes Ende? »Komplexer Storyaufbau, vielschichtige Charaktere und ein einmaliges Worldbuilding – dieses Buch ist eine Klasse für sich.« – Buchblogger @reziprov über den ersten Band

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Veröffentlichungsjahr: 2025

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Impressum
Leseempfehlung
Contentwarnung
Prolog
Kapitel 1: Heimatstrümmer
Auszug aus den Friedenschroniken:
Kapitel 2: Engelsblut
Kapitel 3: Dämmerung
Kapitel 4: Abschied
Kapitel 5: Zahltag
Kapitel 6: Uchao
Kapitel 7: Der Vater zweier Kinder …
Kapitel 8: Zweifel
Kapitel 9: Morgenrot
Kapitel 10: Tag des Vollmonds
Kapitel 11: Die Nacht bricht an
Metalog
Kapitel 1: Des Königs Rückkehr
Auszug aus den Friedenschroniken: Das verlorene Kapitel
Kapitel 2: Mundilfari und sein Vermächtnis
Kapitel 3: Verwundet
Kapitel 4: Der mittlere Thron
Kapitel 5: Das untote Lamm
Kapitel 6: Gewissensfrage
Kapitel 7: Ein Sumpf und sieben Siegel
Kapitel 8: Safina
Kapitel 9: Der Ursprung aus dem Ende
Kapitel 10: Loyalität
Kapitel 11: Der erste Reiter
Auszug aus den Urchroniken:
Kapitel 12: Karma
Kapitel 13: Das Monster im Spiegel
Auszug aus den Urchroniken:
Kapitel 14: Weltenwissen
Kapitel 15: Machtspiel
Kapitel 16: Asmodai
Kapitel 17: Die Schwärze zwischen den Sternen
Kapitel 18: Seelensuche
Epilog
Glossar
Danksagung
Über die Autorin

Tag des Vollmonds

Band 2 der Seelenmachtsaga

Eileen Stortz

Impressum

Copyright © 2024 Eileen Stortz

Erschienen im To|Be|Read-Schreibkollektiv

Coverdesign: Jaqueline Kropmanns

Lektorat: Lauren Hegemann

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Eileen Stortz, c/o WirFinden.Es, Naß und Hellie GbR, Kirchgasse 19, 65817 Eppstein

E-Mail: [email protected]

Website: www.moonriverdreams.de

ISBN Taschenbuch: 9783757900465

Für Nicolas & Patrick, weil ihr immer ihr seid.

Leseempfehlung

ab 16 Jahren

Dies ist der zweite Band einer Trilogie. Du solltest zuvor »Zeit des Zwielichts« gelesen haben.

Contentwarnung

(kann Spoiler enthalten)

Im Buch werden unter anderem folgende Themen behandelt: Kindesmisshandlung, explizite physische und psychische Gewalt, Achluophobie, Verstümmelung, Misshandlung von Tieren, Blut, Tod, Trauer, Verlust, versuchte Vergewaltigung, (versuchter) Suizid, Konsum von Alkohol und Alkoholabhängigkeit (am Rande), Schwangerschaft, Krebserkrankung

Bitte sei vorsichtig, wenn du dich mit diesen Themen unwohl fühlst!

Teil 1

Engelsblut

Prolog

Es ist unerträglich. Als kratzten Wölfe an den Wänden meines Verstands. Sie schlagen ihre Fänge in mein Seelenkonstrukt, dröseln Schicksalsschnüre auf und zerbeißen Lebensfäden.

Wie lange ich noch durchhalten werde? Ich rechne nicht mehr in Jahrzehnten, nicht einmal in Jahren. Es war immer eine Frage der Zeit. Und doch kann ich mich nicht geschlagen geben, wenn es auch nur um einen Monat hinausgezögert werden kann, einen Tag oder eine Sekunde.

Ist es mein Gewissen? Besitze ich noch eins? Ich glaube, es ist der Stolz, der sich um meine Stirn schlingt wie ein Dornenkranz.

Kapitel 1: Heimatstrümmer

Niranjana stand im Schatten neben dem Fenster ihres Schlafgemachs im Himmlischen Königspalast und starrte in den Sonnenstrahl, der durch die weiße Gardine ins Zimmer fiel. Darin tanzten Staubkörner wie im Scheinwerferlicht durch die Luft, wirbelten durcheinander, als wäre Chaos ihre Bestimmung. Ganz langsam streckte Niranjana eine Hand nach ihnen aus, tauchte sie hinein und wartete.

Das Tageslicht tastete nach ihr. Glut auf ihrer Haut. Warm, heiß, schmerzhaft, wenn sie die Seelenmacht nicht nutzte. Aber sie durfte sich keine Schwäche leisten. Ganz besonders nicht jetzt. Mit einem Ruck zog sie ihren Arm zurück in den Schatten und konzentrierte sich wieder auf die Worte, die ihr Mondwächter in ihre Gedanken gewoben hatte.

Und er war nicht am Ende: Herrin, da ist noch etwas. Eldurs Stimme in ihrem Kopf war beinahe entschuldigend. Das Blut in ihrem Herzen gefror zu Eis.

Was konnte da noch sein? Abgesehen vom Tode unzähliger guter Krieger, neun Chanpahra und viel zu vieler Dorfbewohner war auch ein Großteil der Gebäude im Kampf gegen die Armee der Dunkelfürsten zerstört worden. Welche Hiobsbotschaft würde er noch überbringen?

Einer der Askari wurde getötet.

Niranjana stockte der Atem.

Bijan.

Langsam ließ sie Luft entweichen. Wenn er tot war, musste sein Anteil der Macht zurück zur Quelle gelangt sein. Vater – Sie schüttelte den Kopf, wie um ihre Gedanken einzurenken. Der Tod seines Kriegers hatte Taiowa sicherlich hart getroffen … Und wie würde Ruan reagieren? Sein Freund war in einer Schlacht gefallen, die er nicht gekämpft hatte. Weil er sich entschieden hatte, sie zu begleiten.

Danke, Eldur. Wir werden bald aufbrechen und die Armee der Königin mitbringen.

Eldurs Freude schwebte federleicht durch ihren Geist und brachte das Eis in ihrem Herzen zum Tauen. Ich freue mich darauf, Euch wiederzusehen.

Niranjana erhob sich aus dem Sessel, strich ihr Kleid glatt und atmete tief durch, ehe sie den Flur entlang zu Ruans Zimmer hinüber ging.

Er nahm die Nachricht schweigend entgegen, aber seine Miene sprach Bände. Tränen sammelten sich in seinen Augen. Er raufte sich das lange Haar, dass es sich in alle Richtungen reckte. Seine Unterlippe zitterte. Niranjana zog ihn in eine Umarmung; er erwiderte sie so fest, dass sie schmerzte.

Nach Minuten, die sich wie wenige Sekunden anfühlten, lösten sie sich voneinander.

Er nahm einen bebenden Atemzug. »Brechen wir gleich auf.«

»Das sollten wir.« Niranjana klopfte auf die Tasche, die über ihrer Schulter baumelte. »Lenias Truppe sammeln wir am Nebelfänger ein.«

Ruan stutzte. »Du willst sie gleich mitnehmen? Wir haben keine Ahnung, wann wir sie brauchen. Wenn die Fürsten Moonriver noch einmal angreifen, nützen sie uns gar nichts.« Unmut färbte seinen Ton und verzog sein Gesicht.

Wird er sich selbst verzeihen, dass er nicht dort war? Ich mir nicht. Niranjana widerstand dem Drang, ihn erneut in den Arm zu nehmen. Wie er vor ihr stand mit den Locken, die sich über seinen Ohren kräuselten, und den breiten Schultern, die nach vorn sanken wie mit Blei beladen, wirkte er wieder wie das Kind, an das sie sich nur schwach erinnerte.

»Jede Stunde, die wir jetzt gutmachen, wird uns später nicht fehlen. Und ich kann sie schließlich nicht einfach am Brunnen postieren.« Niranjana schnaubte. Was Vater da zu sagen hätte. »Wie weit meine Vision in der Zukunft liegt, weiß ich nicht. Wie sie die Quelle finden werden, ebenso wenig. Aber ich rechne nicht mit Jahren, nicht einmal mit Monaten.« Damit wandte sie sich zur Tür und ließ Ruan allein, um seine Sachen zusammenzupacken.

»Meine Soldaten sind bereits auf dem Weg nach unten. Es passen leider keine tausend Engel gleichzeitig in unseren Aufzug.« Die Himmelsherrscherin begrüßte sie mit schiefem Lächeln. Sie trug ein silbernes Kleid, das im Tageslicht glitzerte, und weiße, ellenlange Handschuhe.

»Ich weiß nicht, wie ich Euch für diese großzügige Unterstützung danken kann –«

Lenia machte eine Bewegung, als wollte sie ihr hochgestecktes Goldhaar zurückwerfen. »Wir wissen, was auf dem Spiel steht, also lassen wir die Formalitäten außen vor. Nun habt ihr zahlenmäßig eine Übermacht auf eurer Seite. Ich kann euch also nur das Beste wünschen und beten, dass es ausreicht.«

Niranjana nickte. »Ob Ihr es glaubt, oder nicht: Beten werde ich auch.«

Reihen um Reihen Soldaten marschierten an ihnen vorbei und verschwanden grüppchenweise im Berg. Der Widerschein der goldenen Rüstungen blendete; beim Anblick der Waffen überlief es Niranjana kalt. In einem ihrer Bibliothekschätze war sie diesen Modellen schon begegnet: Engelslaser, Sternsplitterpistolen, Himmelsgoldpfeile und -klingen. Komplexe Kunst, spezialisiert für einen einzigen Zweck: das Töten von Teufeln.

Wir kämpfen gegen Teufel, ermahnte sie sich, als sie und Ruan zuletzt in den Bergfahrstuhl stiegen. Diese Waffen sind grausam – doch hocheffektiv.

Wie abgesprochen, peilten sie den Narak Bil an, den Mondvulkan, wie Niranjana ihn lieber nannte. Dort war die Umgebung weitflächig und eignete sich zum Aufschlagen eines Armeelagers. Die Engel konnten auf ihren Einsatz warten, ohne die Hölle betreten zu müssen, und wären trotzdem nah genug am Portal, um seine Magie zu nutzen.

Ich kann sie nicht am Brunnen postieren, aber dafür sorgen, dass sie ihn schnell erreichen. Niranjana biss sich auf die Unterlippe. Allein die Vorstellung, jemanden dorthin zu führen, schmeckte bitter wie Verrat.

Sie raffte ihr Kleid, um nicht an einer Wurzel hängen zu bleiben. Den Ahornbäumen, die den Nebelfänger säumten, hatte sich ein Wald voller Zedern und dichtem Bodenkraut angeschlossen. Nur wenige Meter neben ihnen gluckerte ein Bachlauf über scharfe Felsen, und durch eine Lücke im Dickicht war die Kulisse schneebedeckter Berge auszumachen.

Weil der oberste himmlische Heeresleiter General Lester Fortman und seine Truppen nicht mit der Umgebung des Mondvulkans vertraut waren, standen ihnen nach dem Abstieg durch den Nebelfänger noch einige Stunden Marschzeit bevor.

Vom eisblauen Himmel erreichte sie das Kreischen eines Adlers. Hatte Niranjana die Truppe unterbewusst bereits auf den richtigen Kontinent gelotst? Sie hatte sich nur auf ihr Ziel konzentriert, nicht so sehr auf den Ort, den sie durchqueren würden, um dorthin zu gelangen … Zwischen wirren Haarsträhnen spähte sie zu dem Armeeführer hinüber, der neben ihr und Ruan durch das Unterholz stampfte.

General Fortman hatte ein wettergegerbtes, faltiges Gesicht. Die Augen unter den buschigen Brauen waren schmal und seine Lippen wurden von einem gewaltigen Schnauzer verdeckt, der seinem Antlitz einen allzeit mürrischen Ausdruck verlieh. Er hatte sich zeitlebens mit dem Bekriegen der teuflischen Rasse beschäftigt und war nur deshalb sofort zum Aufbruch bereit gewesen, weil sie gegen das finsterste Dorf der Unterwelt ziehen würden.

Paranoia hatte Niranjana dazu angestiftet, ein wenig in seinen Gedanken zu forschen. Hier brauchte sie nicht einzugreifen. Fortman war Lenia treu ergeben und entschlossen, im Auftrag seiner Königin zu handeln.

Auch Ryan und Jane begleiteten sie wie versprochen. Zwar war Ryans Miene unter den Narben grimmig wie eh und je, doch die zielstrebigen Schritte verrieten seine Ernsthaftigkeit. Er hatte Zoé noch nicht aufgegeben …

Am Abend endlich brach die Waldgrenze auf und spuckte sie in eine Steppe, deren karge Vegetation sich in Wellen vor ihnen erstreckte. Gegenüber drohte das Gebirge der sinkenden Herbstsonne; trotz der späten Jahreszeit schnürte Niranjana ihren Umhang locker und fröstelte nicht. Die Kapuze spannte sie dennoch über ihren Kopf, um das Licht auszusperren. Auch mit der Macht und unter den Schatten der Bäume, der ihren Marsch fast dauerhaft begleitet hatte, laugte der Tag sie zunehmend aus.

Eintausend Stiefelpaare krachten über Stock und Stein und scheuchten so manches Getier auf. Dort sprang ein kleiner Wolf mit goldenem Fell über die Felsen davon; aus einer Hecke entfloh ein Schwarm Drosseln und verschwand zeternd im Zederngehölz. Am Himmel kreiste noch immer der Adler, die riesigen Schwingen wie Scherenschnitte im Abendlicht.

Jetzt hatte Niranjana keine Zweifel mehr: Sie befanden sich auf dem Kontinent ihrer Kindheit, doch weit nördlich von Mundilfaris Palast. Dass mich meine Gedanken derart im Griff haben … Sie schüttelte den Kopf und presste die Lippen aufeinander.

Ruan stupste sie in die Seite und hob eine Braue. Die meiste Zeit über hatte sie ihm seinem Schweigen überlassen. Erschöpfung rahmte seine Augen, und die Kiefer zeichnete ein harter Zug. »Alles in Ordnung?«

Sie lupfte ihre Kopfbedeckung und neigte sich zu ihm, damit niemand sonst sie hörte. »Wir sind ihr schon jetzt näher gekommen als geplant.«

Sein Blick wanderte über die Kulisse, und er nickte. »Ich dachte, das wäre deine Absicht gewesen. Es spielt aber keine Rolle, solange niemand davon weiß.«

Hinter ihnen mähten Himmelsgoldstiefel die Flora nieder, und Niranjana zuckte die Achseln.

»Spürst du es? Die Nähe?« Ruan beobachtete sie von der Seite.

Sie ist wach. Sie ist immer wach in letzter Zeit. »Ich …« Sie schluckte trocken. »Es ist nicht schlimmer als im Himmel. Oder in Moonriver davor. Ich habe das Gefühl, sie liegt auf der Lauer, verstehst du?« Die letzten Worte zischte sie zwischen zusammengebissenen Zähnen hindurch. Noch eine andere Frage schwang darin mit.

Ruan wiegte den Kopf hin und her. Lauer Wind zupfte an seinem Haar, und das Abendrot schärfte seine Züge. »Ich spüre sie nie so deutlich. Wir alle nicht. Dafür ist der Anteil wohl zu gering. Sie ist … abgekapselt. Nur ganz selten kitzelt sie mein Bewusstsein.« Er fröstelte, obwohl das Klima weiterhin angenehm war. »Dann werde ich nervös und aktiviere jede Lektion, die Taiowa uns lehrte, um sie in ihre Schranken zu weisen.«

Ich hoffe nur, diese Lektionen werden ausreichen, wenn wir irgendwann dort sind. Niranjana seufzte. Nach den Tagen in der Goldenen Stadt tat die frische Luft gut, doch sie sehnte sich nach den Düften ihrer Heimat. »Wir sind gleich da.«

Aus dem Landschaftsteppich stach ihr Ziel hervor wie ein riesiger Flicken. Von ihrer niederen Position aus konnte man beinahe jede Abgrenzung erkennen, die sich über die Hänge vor ihnen zog. Weißer Sand und schwarze Steine. In der Mitte der Krater, unnatürlich einsam, so fern von der Bergkette dahinter.

Je näher sie dem Portal kamen, umso höher schlug Niranjanas Herz. Endlich zu Hause. Aber was würde sie erwarten? Tote, Trümmer, Trauer und Misstrauen – sie konnte nur hoffen, dass ihre Vorstellungen schlimmer waren als die Realität.

Ryan marschierte schweigend hinter Fortman her. Er heftete den Blick fest auf den Narak Bil und dessen zerklüftete Spitze.

Niranjana hatte es aufgegeben, ihn davor zu warnen, dass Zoé Simons, wie er sie kannte, nicht mehr existierte. Vielleicht werden sie tatsächlich etwas ausrichten. Die richtigen Worte können Kriege beenden.

Janes Wangen waren rot, ihr blondes Haar klebte ihr im Nacken, während sie der Steigung folgte, ohne ihre Geschwindigkeit zu drosseln.

Niranjana seufzte. Ich würde es euch wünschen. Uns allen.

Lester Fortman betrachtete den Vulkan, als würde er jeden Moment ausbrechen. Dies musste das erste Mal sein, dass er einem Höllenportal gegenüberstand – und er war mit den Teufeln im Bunde. Niranjana schenkte ihm ein mitfühlendes Lächeln, das Fortman voll und ganz übersah. Er räusperte sich und begann, Befehle an seine Truppe zu erteilen.

»Bleibt mit den Zelten möglichst nah am Berg. Wir verlassen die Brücke nur, um uns um Verpflegung zu kümmern und niemals allein.« Seine Loyalität war bewundernswert; hoffentlich teilten seine Soldaten sie.

»Wollen wir?«, fragte Ruan an Ryan und Jane gewandt und wies mit dem Kinn den Berg hinauf.

»Das wird ein Spaß.« Ryan streckte die Hände aus und tastete den Fels nach brauchbaren Kletterbuchten ab.

»Nehmen wir nicht die Leiter?« Niranjana grinste. Auf der anderen Seite waren metallene Sprossen zwischen die Steine gehauen, als wüchsen sie dort. Sie klemmte den Saum ihres Kleides in die Riemen ihrer Stiefel und erklomm den Mondvulkan.

Oben lugte sie über den Rand in die Tiefe und schwindelte. Der Boden lag hunderte Meter unter ihnen und verschwamm in Staub und Portalmagie. Eine Leiter aus Mondstrahlen führte durch das Chandra Netra hinab. Einst hatte Niranjana das Licht geflochten und mithilfe von Runen in Starre gebannt; jetzt glitt das Konstrukt lautlos aus dem Stein hervor, der es tarnte, und sie stiegen nacheinander hinunter.

Unten angekommen war nichts mehr übrig vom Abendlicht. Stattdessen leuchtete der Mond auf sie nieder, denn in der Unterwelt war es einige Stunden später als am Ort ihres Aufbruchs.

Jane wandte sich zur Rückwand der Höhle und blinzelte. »Hat Zoé hier das Buch gefunden?« Ihr Blick haftete an den Umschlägen im großen Regal, und ihre Finger zuckten, als wollte sie sie am liebsten berühren.

»Ich weiß nicht, wie sie an die Friedenschroniken gelangt ist, und kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass sie ungesehen hier hereingekommen ist. Aber eigentlich sollten sie sich in diesem Regal befinden, ja.« Niranjana seufzte. Ryans Brauen wanderten fast bis an seinen Haaransatz hinauf.

Die vier traten aus der Chandra Kshidra, wo Nija und Ajay Wache standen. Bei ihrer Erscheinung senkten sie die Köpfe. Niranjana wollte sie begrüßen, doch die Worte vergingen ihr. Im Höllenfeuerrauch hinter dem leeren Dorfplatz ragten Häusertrümmer auf. Splitternde Balken bohrten sich in ihr Herz.

So viel Zerstörung. Solch rohe Gewalt hatte Steine und Dächer auseinandergerissen, Grundfesten erschüttert und Leben unter ihnen begraben. Hinter Schindeln und Lehmbrocken verdunkelte ein Umriss die Kulisse, massig und borstig, vier Beine, die sich über die Ruinen wölbten, als wollten sie diese umarmen.

Niranjana schauderte. Es würde zu einem Wettlauf gegen die Zeit werden, den toten Chakaar zu zerlegen, bevor seine Verwesung eintrat.

Da schlüpfte Eldur aus einer Gasse, und ihr Herzschlag setzte aus. Er rannte ihr entgegen; die Freude in seinen Zügen überstrahlte das Chaos um ihn herum. »Herrin!«

Ein heiseres Lachen kullerte ihr aus der Kehle, und sie schloss ihn in die Arme. Er schmiegte seine Wange an ihre Schulter und hielt sie für einen Moment fest. »Ich bin so froh, dass dir nichts passiert ist, mein Lieber«, flüsterte sie mit erstickter Stimme. Obwohl sie keine ausgesprochenen Worte mehr brauchte, um sich mit ihm zu verständigen, gab es manches, das unbedingt ihre Lippen verlassen musste.

Eldur löste sich von ihr, einen Hauch von Rosa auf den Wangen. »Ryan, Jane.« Er nickte den beiden zu.

»Die Kriegerteufel sind noch nicht vollzählig abgereist. Sie haben außerhalb ein großes Lazarettzelt errichtet, um Ura zu unterstützen, und einige helfen uns beim Wiederaufbau der Gebäude.« Sein Arm flatterte in die Richtung, aus der er gekommen war.

»Die Toten sind teilweise schon in der Gruft beigesetzt. Die feindlichen Soldaten lagern wir in einer der Ruinen, falls eine Übergabe organisiert werden soll. Alle übrigen befinden sich im leeren Stallflügel neben den Adlern.« Er wandte sich an Ruan. »Dort ist auch Bijan aufgebahrt, wenn du ihn sehen möchtest. Taiowa und die anderen sind bei ihm.«

Ruan schluckte. »Danke, Eldur. Ich … entschuldigt mich …« Er warf Niranjana einen kurzen Blick zu und machte sich auf den Weg.

Niranjana wäre ihm gern gefolgt und schämte sich dafür. Flucht war keine Lösung. Ihre Lider senkten sich zu Boden, um die Mienen ihrer drei Wächter zu meiden. Ihr habt etwas erfahren, während ich fort war, und ihr habt ein Recht darauf, zu wissen, ob dies wahr ist. Sie sandte diese Worte an all ihre Chanpahra, wohlwissend, dass jene Frage jeden von ihnen umtrieb, auch wenn keiner gewagt hatte, sie zu stellen. Ihre gesammelte Aufmerksamkeit zupfte an ihren Nervenbahnen und kribbelte unter ihrer Haut.

Zu der Zeit, da ich die ersten Chanpahra ernannte und ihnen den Segen des Mondes spendete, tat ich dies nur für einen Zweck: Ich brauchte Wächter, die mir halfen, Raay Jeevan zu beschützen. Die Quelle der Macht und ihre Träger. Unter anderen mich selbst.

Keiner ihrer Krieger antwortete mit Worten, aber sie reagierten. Ihre Emotionen strömten unaufhaltsam durch Niranjanas Geist. Schrecken, Überraschung, Gewissheit, Unsicherheit … Und, wie sie es erwartet hatte: Wut. Sie flutete ihr nicht aus allen Richtungen entgegen. Es war mehr wie ein Knistern im Hintergrund, dessen Funken nach ihren Nervenbahnen haschten und sie mit Strom durchstießen.

Sie machte dennoch weiter. Ihre einzige Aussicht auf Absolution war die Wahrheit. Die Jahre schritten fort. Raay Jeevan war in immer größerer Gefahr. Die Geheimhaltung wurde unerlässlich und ich … ich hörte damit auf, neue Rekruten einzuweihen. Ihre Worte stolperten über die Schwelle, ehe sie zu Ende gedacht waren.

Zornfunken füllten sie mit Angstfrost und zerrissen ihre Beherrschung.

Nicht aus mangelndem Vertrauen heraus, sondern einzig und allein, um das Wissen im kleinsten Kreis zu halten und meine Krieger vor den neiderfüllten Suchenden zu bewahren. Bitte versteht!Ich hoffe, Ihr könnt mir vergeben, was ich Euch verschwiegen habe. Bitte vertraut darauf, dass ich stets nur das Beste im Sinn hatte. Ich hatte viele bedeutende Entscheidungen zu treffen und habe dabei nicht immer den richtigen Weg gewählt.

Schweigen. Wo war der Nachhall, das Urteil? Die Erlösung?

Etwas berührte leicht ihre Hand, und sie blinzelte.

Zu Eldur, Nija und Ajay hatten sich weitere Chanpahra gesellt. Nicht alle trugen sie ihre silbernen Rüstungen. Einige humpelten oder hatten einen Arm in der Schlinge, verfärbte, geschwollene Gesichter oder Bandagen und Pflaster über Schnitten auf der Haut. Sie alle sahen sie an. Und in manchen Mienen – in vielen – war kein Zorn zu finden.

Wir sind Eure Diener, ganz gleich, welche Wahrheiten Ihr uns verschwiegen habt, oder noch verschweigt. Wir haben uns Euch angeschlossen, weil wir spüren, wie rein Eure Seele ist, weil wir sehen, wie ernsthaft Eure Bemühungen sind, das Richtige zu tun. Die Sätze aus Ajays Verstand wickelten sich warm um ihr Herz.

Keiner von uns erwartet, dass Ihr immerzu perfekt seid. Keiner von uns erwartet, dass Ihr niemals Fehler begeht. Wir haben Euch unser Leben verschrieben und dieser Bund ist unlösbar. Wir unterstützen Eure guten Taten und helfen Euch, mit all unserer Kraft, Eure Fehler zu beheben, doch niemals werden wir Euch geringschätzen oder unsere Loyalität aufgeben.

Ajay neigte den Kopf und die anderen Chanpahra folgten seinem Beispiel. Ihre Augen malten schillernden Mondlichtschimmer auf den roten Höllengrund.

In Niranjanas Brust löste sich etwas, Tränen liefen stetig über ihr Gesicht. Jener Rückhalt strömte aus so vielen Seelen auf sie ein. Auch aus Eldurs, aus Nijas, aus Manjus … Nicht jeder verurteilte sie. Die Zweifelnden könnten vergeben. Und vielleicht würden irgendwann auch die Funken verglühen.

Sie musste Geduld haben. Eine schwere Tugend, selbst für eine Unsterbliche. Vielleicht war ihre endlose Zeit diesmal die Lösung.

Der Stallabschnitt, den sie zur Totenhalle umfunktioniert hatten, warf seine düstere Atmosphäre schon beim Eintreten über Niranjanas Seele. Die Zwischengatter, die sonst Boxen abtrennten, waren abgebaut und zur Seite getragen worden, der staubige Boden dürftig freigekehrt, um den Bahren mit den Gefallenen darauf ein wenig Würde zu verschaffen. Die verstorbenen Dorfbewohner waren bereits in Chandra Daiyas Gruft abseits der Felder beigesetzt worden, aber Kriegerteufel und Mondwächter warteten hier auf ihre letzte Reise.

Niranjana schritt an den Reihen der Toten entlang. Jedes ihrer Gesichter nährte die Flamme der Schuld in ihrer Brust. Sie waren hier, um meine Heimat zu verteidigen. Ich nicht.

Die neun Chanpahra würden noch in dieser Nacht eine Mondfeuerbestattung erhalten, die ihrer Seelen würdig war. General Rakesh würde seine Gefallenen zurück nach Sainik Shastra transportieren, sobald er die Wagen dafür zur Verfügung hatte. Und dann war da noch Bijan. Der Askari ruhte auf der letzten Bahre, halb verdeckt von einem weißen Leichentuch und umringt von seiner Familie.

Taiowa bemerkte ihr Kommen als Erster und eilte ihr sofort entgegen. Seine Lider waren geschwollen, die blonden Haare an den Spitzen verfilzt. Seine Haltung war die eines eingefallenen Kartenhauses, dessen Einzelteile einander nur noch an wenigen Kanten hielten.

»Jana!« Er fiel ihr um den Hals.

Niranjana atmete seinen vertrauten Geruch ein und strich ihm dankbar über den Rücken. »Du siehst blass aus. Wie geht es dir?«

»Ich hatte einen kleinen … Disput mit Raay Jeevan. Ist schon okay, es ist überstanden.« Die Worte kamen zu rasch heraus, um überzeugend zu sein. An der harten Linie seiner Kiefer erkannte Niranjana jedoch, dass sie lieber nicht nachfragen sollte. »Allerdings haben deshalb einige Dorfbewohner und eine Offizierin der Kriegerteufel mitbekommen, dass ich ein Träger bin. Sie haben sich dazu noch nicht geäußert, aber ich weiß nicht, was das für dich bedeutet, Schwesterherz.« Er zog die Brauen entschuldigend zusammen.

Sie seufzte schwer. »Ich bin nur froh, dass du wohlauf bist. Mit allem anderen werden wir schon fertig. Das mit Bijan tut mir leid.«

Taiowa schluckte und straffte die Schultern. »Wir müssen uns überlegen, wie wir ihn bestatten wollen. Wir können die anderen Askari und vor allem seine Frau Jua nicht davon ausschließen, aber ihn zurück nach Angavu zu bringen, wird ewig dauern.« Beim Anblick seiner Gefolgschaft runzelte er die Stirn.

Aliou fing seinen Blick auf und kam zu ihnen herüber. »Hallo, Niranjana. Ich hörte, du warst am Ende doch erfolgreich?«, fragte er mit belegter Stimme.

»Eintausend himmlische Soldaten warten am Fuße des Vulkans auf weitere Anweisungen.«

Aliou nickte nur, die Miene zu müde für Anerkennung.

»Ryan und Jane sind ebenfalls mitgekommen. Ich habe sie vorerst im Haupthaus einquartiert. Was Bijan angeht, so könnt ihr euch an Ura wenden. Wenn sie seinen Körper einbalsamiert, wird er über längere Zeit standhalten, und ihr könnt ihn eine weitere Strecke transportieren.«

»Das … ist eine gute Idee.« Taiowa holte tief Luft. »Ich habe schon darüber nachgedacht, ihn nach Uchao zu bringen.« Er starrte durch sie hindurch. Natürlich, seine Heimat vermisste er sehr.

»Wir müssen die Hölle womöglich ohnehin bald verlassen. Ich hatte eine unschöne Vision –« Niranjana holte Luft, um ihnen zu schildern, wie Dunkelteufel und Höllenwesen sich an der Quelle versammelten.

Da betraten General Rakesh und Offizierin Aleika den Stall. Niranjana nickte ihnen zu. Sie ruckten steif mit den Köpfen.

»Wir müssen uns mit Euch unterhalten.« Die Stimme des Kriegerteufel-Generals klang gepresst. Seine Miene war ungewohnt streng. Das konnte nur eines bedeuten.

»In Ordnung. Aber das machen wir lieber an einem anderen Ort.« Niranjana deutete zu den Bahren hinüber.

»Ich komme mit«, erbot sich Taiowa sofort, und auch Aliou war drauf und dran, sie zu begleiten, aber Niranjana schüttelte entschieden den Kopf.

»Solange es um die Angelegenheiten der Hölle und die Vertrauensbasis unserer Dörfer geht, werde ich das allein regeln. Falls es zu größeren Diskussionen kommt, könnt ihr euch anschließen. Kümmert euch jetzt lieber um Bijan.«

Niranjana hatte nie Probleme mit dem General und den Offizieren von Sainik Shastra gehabt. Ihre Dörfer hatten sich stets unterstützt und Konflikte oder geringfügige Meinungsverschiedenheiten auf friedliche Weise regeln können.

Als sie sich nun mit den beiden Heeresleitern im Konferenzraum des Haupthauses zusammensetzte, machten ihr deren angespannte Gesichter klar, dass diese Eintracht möglicherweise die längste Zeit hinter sich hatte.

»Kommen wir gleich zur Sache.« Rakeshs Finger trommelten auf die Steintafel. »Von den Anschuldigungen der Dunkelteufel haben wir erst mitbekommen, als die Schlacht schon vorüber war. Wir hätten sie wirklich gern als Unsinn abgetan, doch nachdem Aleika und auch ich selbst Zeugen von Taiowas Macht wurden, können wir uns die ›Im-Zweifel-für-den-Angeklagten-Nummer‹ sparen. Ihr beide seid Träger von Raay Jeevan. Und offenbar trifft das auch auf die Askari zu?« In seiner Stimme schwang eine Frage mit, doch erwartete er sicherlich keine Antwort.

Niranjanas Eingeweide verknoteten sich wie ihre Finger auf dem Tisch. »Ihr habt recht. Es gibt keinen Grund, die Wahrheit weiterhin zu verschweigen.« Sie widerstand dem Drang, das Gesicht in den Händen zu vergraben. Stattdessen drückte sie den Rücken durch und fühlte sich hölzern wie die Balken an den Wänden.

»Ich kann mir nur schlecht vorstellen, was diese Enthüllung in Euch ausgelöst haben muss. Alles, was ich zu meiner Verteidigung zu sagen habe, ist, dass meine Freundschaft zu Eurem Dorf und all meine Absichten gegenüber seinen Bewohnern stets von guter Natur waren. Mein Handeln ist nicht aus Egoismus oder Habgier geboren, sondern folgt dem Streben, möglichst viele vor der Gefahr zu schützen, die dieses Wissen beinhaltet.«

Aleika schnaubte, und Rakesh verschränkte die Arme vor seinem Brustpanzer aus Akshay.

»Mit einer solchen Ausflucht haben wir gerechnet. Es gibt durchaus Dinge, die man nicht mit jedem teilen sollte. Gerade wir können dieses Motiv natürlich nachvollziehen, aber die Auswirkungen, die Eure Geheimhaltung hatte und möglicherweise noch nach sich ziehen wird, machen deutlich, dass man hin und wieder etwas Vertrauen gegenüber seinen Verbündeten zeigen muss«, knurrte der General, und sein Schnauzer erzitterte.

»Dachtet Ihr, wir wären das verdammte Dunkle Königreich? Wir würden Euer Geheimnis preisgeben und Euch jagen, um es Euch zu nehmen?« Aleika schüttelte den Kopf, dass ihr der graue Pferdeschwanz um die Ohren flog. »Ich weiß, dass Ihr Euch gern so nennt – oder von anderen nennen lasst – aber Ihr seid nicht die Herrin der Unterwelt. Ihr steht nicht über uns in diesem Bündnis und habt nicht zu entscheiden, welche Informationen, die uns alle betreffen, doch nur von einer Seite gekannt werden dürfen.«

Die Flammen der Fackeln an den Wänden schärften ihre hageren Züge. »Ihr habt unser Vertrauen missbraucht und unsere Freundschaft ausgenutzt. Unsere Armee anzufordern, um Euer Dorf zu retten, ohne uns einzuweihen? So behandelt man seine Freunde nicht. Auch wir haben hier viele Verluste erlitten.« In Aleikas schmalen, blauen Augen sammelten sich Tränen. Wohl eher aus Wut, denn vor Schmerz.

»Dem habe ich nichts hinzuzufügen. Wir haben kein Interesse an der verderbten Macht. Und wir haben kein Interesse mehr daran, Euch in Eurem Krieg zu unterstützen. Wir kämpfen nicht gegen Euch; vor allem nicht gegen die Krieger Eures Dorfes, die Ihr ebenso getäuscht habt. Aber auch nicht mit Euch.«

Damit erhob sich der General von der Bank und marschierte zur Tür, dicht gefolgt von seiner Offizierin.

Niranjana sprang auf. »Das kann ich Euch kaum zum Vorwurf machen. Bedenkt bei Eurer neuen Politik nur bitte das Wohl von Chandra Daiyas Bürgern. Ohne Eure Waffen und Rüstungen sind sie auf keinen weiteren Kampf vorbereitet.« Und ohne eure Truppen, auf deren Zahl ich mich immer verließ. »Ich möchte Euch außerdem im Namen des ganzen Dorfes dafür danken, was Ihr für uns in Kampf und medizinischer Versorgung geleistet habt. Ich hoffe sehr, dass sich die Wogen wieder glätten.«

»Dankt uns nicht. Das haben wir nicht für Euch getan«, fauchte Aleika und schob sich an Rakesh vorbei durch die Tür.

»Ich hoffe, dass Ihr den Sturm, den Ihr verursacht habt, wieder in den Griff bekommt. Andernfalls werden wir alle darunter leiden. Und je größer das Leid, umso weniger vergisst man den Schuldigen.« General Rakesh nickte ihr zu, doch nach dieser Drohung erschien ihr seine Geste wie blanker Hohn.

Ja, sie war schuld daran, wenn die Dunkelteufel weitere Angriffe durchzogen oder wenn am Ende etwas viel Schlimmeres geschah. Und nach Rakeshs Worten wusste sie, dass ihr diese Schuld schnell zum Henkersbeil werden konnte und ihre eigene Heimat zum jüngsten Gericht.

Misstrauen und Furcht gruben sich unter ihre Haut, als sie durch die Straßen des Dorfes ging. Die Dorfbewohner wussten Bescheid, und auch wenn die wenigsten es offen zeigten, konnten sie ihren Argwohn nicht verbergen.

Was hast du erwartet? Sie sind nicht deine Wächter. Sie kennen dich kaum. Natürlich fürchten sie das Unbekannte. Doch nach allem, was sie für Moonriver getan hatte, saß der Stachel der Ablehnung tief.

Umso mehr freute sie sich über jedes Lächeln, über jedes Nicken und freundliche Wort, das ihr trotz allem zuteilwurde. Nicht alle fürchteten sie. Nicht jeder hier fühlte sich betrogen. Und vielleicht würden auch die anderen vergessen – oder verzeihen. Wenn sie die Bedrohung ein für alle Mal eliminiert hatte. Die Ketten um Niranjanas Brust lockerten sich ein wenig, und sie holte tief Luft. Es wurde Zeit, ihre Wächter zu verabschieden.

Sie kniete vor jedem ihrer Körper nieder, spürte ihren Seelen nach, der Lücke, die sie hinterließen. Ihre Namen streiften federleicht durch ihren Geist. Die Trauer der anderen Mondwächter verwob sich mit ihrer; ihr Rückhalt gab ihr Kraft.

Nacheinander trugen Chanpahra und Askari die Gefallenen in die Chandra Kshidra. Wie bei dem Ritus der Ernennung bildeten drei der Mondwächter ein Dreieck um das Chandra Netra. Der Himmel über ihnen war bewölkt.

Niranjana hob die Hände und atmete tief durch. Ihre ureigene Nachtmagie war vertrauter als Raay Jeevan, natürlicher. Sie musste ihr nicht ihren Willen aufzwingen, sie nur aktivieren. Silberne Mondlichtfäden bohrten sich durch das Dickicht der Wolken und ließen sie in ebenmäßigem Rund auseinanderstieben.

Ravins Totenbahre schwebte geisterhaft in der Mitte unter dem Mondauge. Kalter Glanz legte sich über seine dunkle Haut und das schwarze Haar. Niranjana senkte ihre Hand auf die Stirn ihres Wächters hinab. Er trug seine Rüstung, frisch gesäubert und repariert, sein Schwert lag in seinen Händen, die Lider waren geschlossen und das Gesicht friedlich und still.

Sterne, in all eurem Licht, segnet diese Seele, die euch treu diente, auf dass euer Strahlen ihr helfe, loszulassen.

Mond, in all deiner Weisheit, segne diese Seele, die dir treu diente, auf dass dein Schein sie durchdringe und ihr den rechten Weg auf die andere Seite weise.

Dunkelheit, in all deinen Schatten, segne diese Seele, die dir treu diente, auf dass deine Finsternis ihr Frieden schenke.

Es ist vollbracht, deine Pflicht erfüllt. Kehre nun heim, Ravin, und sieh nicht zurück.

Sie nickte Eldur zu, und er trat vor. Eine kleine Flamme züngelte zwischen seinen Fingern empor, als er seine Hand auf Ravins Brust senkte. Das Silber der Rüstung erglühte weiß, das Feuer schmolz sich seinen Weg durch Metall, Haut und Knochen. Es erreichte Ravins Herz und flammte auf. Silbrig tanzendes Mondlichtfeuer.

Niranjanas Augen brannten ebenso, als sich die Glut des ganzen Körpers bemächtigte. Sauber. Endgültig. Beinahe beneidenswert.

Das Mondlicht durchwirkte den Rauch, der durch das Chandra Netra in die Nacht hinaus entfleuchte, nahm die ihm gesegnete Seele an und ihr Leuchten in sein eigenes auf. In einem letzten Aufflackern verschlangen die Flammen Ravins Leib, dann versiegte das Feuer. Es hatte seine Aufgabe erfüllt und nichts mehr, an dem es sich nähren könnte. Die Liege war leer, der Krieger fort. Nur in der schwarzen Nachtluft tanzte der Nachhall seiner Seele leicht und hell gen Himmel.

Auszug aus den Friedenschroniken:

Propheten

Die Gabe des Sehens ist sowohl bei Engeln als auch bei Teufeln verbreitet und korreliert dabei nicht mit der Menge an Magie, die dem Träger innewohnt. Es ist zumeist eine konfuse Energie, die zu ungebetenen Einblicken aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft führen kann. Manchmal im Schlaf, doch nicht selten im Wachsein.

Einige werden nur einmal in ihrem gesamten Leben von einer Vision behelligt, andere können kaum die Augen schließen, ohne zu sehen. Genauso zufällig erscheint die Bedeutsamkeit der Bilder und Sequenzen, die sich dem Begabten eröffnen.

Kontrolle kann über verschiedene Magiezweige errungen werden. Ganz gleich ob Lichtmagie, Todesteufeltelepathie, Dunkelkraft, Zauberfunken, oder gar Raay Jeevan – wenn die Macht des Sehenden ausreicht, kann er seine Visionen bis zu einem gewissen Grad steuern. Den wenigsten gelingt das jedoch ohne Medium.

Dafür wird schon seit Anbeginn der Prophetenkunde Wahrheitsglas verwendet, das nur in den Trümmern der versunkenen Stadt Atlantis gefunden werden kann. So erzählen es zumindest die Legenden. Aus dem Material werden gern Kugeln gefertigt, aber es entfaltet seine Wirkung genauso gut in jedweder anderen Form.

Mit seiner Hilfe kann die eigene Seher-Energie kanalisiert werden, sodass man den Zeitpunkt einer Vision selbst wählen kann. Statt davon eingenommen zu werden oder sogar das Bewusstsein zu verlieren, beobachtet man die Sequenz von außen. Um genau zu steuern, was man sieht, benötigt man meist stärkere Magie.

Ein Beispiel hierfür ist das Darubin. Der Würfel ist in seiner Funktion einzigartig. Er enthält einen Stein, in dem ein winziger Fetzen der Seelenmacht gebannt wurde. Dieser ermöglicht einem sehenden Träger von Raay Jeevan, sich bewusst durch das Weltgeschehen zu navigieren.

Außerdem kann ein anderer Vorteil der Seelenmacht genutzt werden: die Gedankenübertragung. Selbst über große Entfernung ist es möglich, in den Kopf anderer hineinzublicken. Zudem kann Raay Jeevan beide Seiten verknüpfen und auch den Sehenden für die andere Seite sichtbar und hörbar machen.

Allerdings kennt seine Magie Grenzen: Das Energiefeld starker Sehender oder ihrer Medien kann von ihm meistens nicht durchdrungen werden.

Im Dunklen Königreich gibt es einen See, dessen Wasser eine ähnliche Magie innewohnt wie die des Wahrheitsglases. Angeblich ist seine Wirkung stärker. Sie ermöglicht sogar Nichtbegabten, auf seiner Oberfläche Bilder zu sehen oder in sie einzutauchen. Das jedoch wirkt sich auf die Höhe des Wahrheitsgehaltes aus, wodurch auch Lügen, Fantasien und Träume den Verstand der Suchenden infiltrieren.

Kapitel 2: Engelsblut

Als die schiefernen Grenzen zu Saanvla Raajya nach langen Nächten in der Ferne auftauchten, begann das Drücken in Zaphiras Magen. Und je näher sie dem Königreich kamen, umso präsenter wurde es. Sie hatte versagt – in jeder Hinsicht. Die Verhandlungen waren im Ansatz fehlgeschlagen, ihren einzigen Gefangenen hatten sie verloren, ohne ihm etwas entlocken zu können, und letztendlich hatte ihre Truppenstärke nur noch für einen glorreichen Rückzug hinhalten können.

Der Verband scheuerte über die Wunde in ihrer Seite, und die Brandflecken, die Eldurs Pfeile auf ihren Armen hinterlassen hatten, stachen bei jeder Bewegung.

Das hast du verdient, krakeelte ihr Gewissen. Aber seit ihrem Gespräch mit Taiowa war sie sich dessen nicht mehr sicher. Sie krampfte die Finger um die Zügel ihrer Mähre und streifte den Kohra Kesh mit einem wachsamen Blick. Der Nebel zwischen den Bergspitzen schien hunderte Augen zu verbergen.

Ich habe ihr verdammtes Dorf gerettet!

Nachdem du die Monster schicktest, es zu zerstören.

Taiowa ist ein arrogantes Arschloch!

Aber vielleicht hat er recht mit dem, was er sagt.

Die Wachen vor dem Tunnel verneigten sich zu ihrer Begrüßung, und Schwärze hieß sie willkommen, als hätten sie sich nichts zuschulden kommen lassen. Zaphira rutschte auf dem Sattel hin und her. Ganz unabhängig von allem anderen, konnte sie es kaum erwarten, ihren Hintern endlich davon zu trennen.

Innerhalb der Mauern umringten sie all jene, die voller Sorge auf ihre Rückkehr gewartet hatten. Die schwarze Luft war erfüllt von Schreien und Schluchzern. Leid und Wehklagen, Erleichterung und Dankbarkeit. Bei ihrem überstürzten Aufbruch war es ihnen kaum möglich gewesen, die Gefallenen mitzubringen. Nur wenige Leichen waren hastig auf die Wagen gezerrt worden.

Silia löste sich aus der Menge und fiel ihren Töchtern um den Hals. Immerhin sind sie heil zurück. Wenn das auch nicht mein Verdienst ist.

Kies knirschte unter Larimars wachsenden Pfoten, die Dunkelheit sickerte unter Zaphiras Haut wie Heilsalbe. Trotzdem klebte ihr die Zunge am Gaumen. Dort abseits der Menge, in einer Schneise aus geduckten Dorfbewohnern, stand das Fürstenpaar steif und regungslos wie Wachsfiguren.

Kurz traf Zaphira Obsidians Blick. Er zog eine Grimasse, die durch sein Veilchen und die Schwellung am Kinn etwas schief wurde, und zuckte die Achseln. Sie nickte ruckartig. Also los.

Merelan schloss sie in die Arme. Knapp, aber dennoch so fest, dass Zaphiras Pfeilwunde protestierte. Jade bedachte sie mit einer Miene, die im Vergleich zu der einer Schwarzen Witwe möglicherweise als mütterlich durchgehen würde. In frostiges Schweigen gehüllt machten sie sich auf den Weg in den Königspalast.

»Ich denke kaum, dass ein Kommentar unserer Seite nötig ist«, brach Jade schließlich die Wortstille, nachdem sie unter lautem Widerhallen ihrer Schritte durch die Gänge marschiert waren und sich schließlich im Konferenzzimmer eingefunden hatten.

Das Scharren der Stühle schabte unangenehm durch Zaphiras Verstand. Sie musste sich dazu zwingen, in die Gesichter der Fürsten zu sehen, statt an ihnen vorbei gegen die schiefernen Ornamente auf der Wand zu starren.

»Mutter –«

»Spare es dir, Sohn. Wenn man nicht alles selbst macht, wird man enttäuscht. Ein winziges Dorf überfallen … mit einer Horde von Dunkelwesen und einer mehr als qualifizierten Armee. Narrensicher, sollte man meinen.« Ihre langen Fingernägel trommelten auf den Tisch.

»Es waren die Truppen aus Sainik Shastra, die uns letztendlich in die Knie gezwungen haben. Bis dahin hatten wir alles unter Kontrolle.« Ians Stimme klang verletzt. In seinen bleichen, angespannten Zügen konnte Zaphira lesen, wie sehr ihm die Enttäuschung ihrer Eltern zu schaffen machte.

»Hättet ihr nicht so viel Zeit mit einer Belagerung verschwendet, nachdem ohnehin klar war, dass die Hauptakteurin nicht anwesend ist, wäre Moonriver längst zerstört.«

»Woher weißt du das eigentlich so genau?«, fauchte Zaphira. Es war nicht auszuhalten, wie Obsidian sich unter dem Unmut der Fürstin wand, verzweifelt nach einer Erklärung suchend, die ihm ihre Gunst zurücksichern würde.

Jades eisblaue Augen durchbohrten jetzt sie. Sollten sie eben. »Ich habe meine Quellen, aus denen auch hervorgeht, dass unsere treuen Chakaar das Dorf schon lange zermalmt gehabt hätten. Wenn nicht plötzlich etwas für ihren Rückzug gesorgt hätte.« Sie zog eine ihrer zu schmalen Linien gezupften Brauen nach oben.

Zaphiras Wangen glühten. Dieser Informant konnte was erleben, wenn sie hier raus waren.

Obsidian runzelte die Stirn. Hatte er davon wirklich nichts mitbekommen? Sein Kopf flog in rascher Folge zwischen Jade und ihr hin und her, als spielten sie eine äußerst anregende Partie Tischtennis.

»Ja, Mutter, du brauchst nicht so tun, als wüsstest du nicht, wer dahintersteckt. Ich habe die Monster aus Chandra Daiya abziehen lassen. Es war Wahnsinn – all die unschuldigen Leben. Du warst nicht dort, aber wärest du es gewesen, hätte es dich ohnehin nicht geschert.« Zaphiras Blut kochte. Doch sie konnte sehen, dass sie zu weit gegangen war.

Jade schwieg ausnahmsweise, die zuvor geröteten Wangen wieder wachsweiß, die Kiefer hart.

Dafür erhob Merelan das Wort: »Wie kannst du deiner Mutter solche Grausamkeit vorwerfen? Das ist keine Art, sich seiner Familie gegenüber zu verhalten.«

Familie? Zaphira biss die Zähne zusammen, dass sie knirschten.

»Wir beide wünschen uns nur das Beste für dieses Königreich und für euch. Wir wollen euch glänzen sehen. Dafür müssen hin und wieder andere fallen. So ist der Lauf des Lebens, und wenn du nicht bereit bist, diesen anzuerkennen, bist du wohl mehr noch ein Kind als wir angenommen hatten. Dann solltest du nicht auf dem Schlachtfeld stehen und noch weniger wichtige Entscheidungen treffen. Offenbar ist fürstliches Blut allein kein Garant für Führungskraft.« Merelan entließ ein langes Seufzen. »Wenn du unsere Wege nicht akzeptieren und deine kindische Naivität nicht aufgeben kannst, bist du in diesem Raum fehl am Platz.«

Zaphira verzog die Lippen zu gehässigem Lächeln. Sie spürte selbst, dass es nur eine verzerrte Maske war. Betont langsam schob sie ihren Stuhl zurück, wurde sich erst jetzt der Finsternis gewahr, die der Zorn aus ihren Poren trieb.

»Zaph …«, murmelte Obsidian.

Sie schüttelte den Kopf. »Du hast ihn gehört, Ian. Mach ihn stolz mit deinem fürstlichen Blut ohne Spuren von Naivität. Und euch beiden wünsche ich alle Führungskraft, die ihr aufbringen könnt, diesen Krieg ohne eure Tochter zu gewinnen. Sicher könnt ihr mich und meine kindische Kraft ohnehin nicht brauchen.«

Damit rauschte sie aus dem Zimmer. Als sie die Tür aufstieß, prallte die gegen Widerstand. Ein dumpfer Laut, unterdrücktes Stöhnen.

»Sapher?!« Das durfte nicht wahr sein. Die schleimige Made von einem Feigling lag in gekrümmter Haltung vor ihr auf dem Boden und hielt sich den Bauch, in den offensichtlich ein Türknauf gestoßen worden war. »Hast du etwa gelauscht?« Der Zorn brach aus ihr hervor wie Lava aus einem Vulkan.

»N…nein. Ich wollte nur –«

Aber Zaphira hatte den wimmernden Wurm bereits am Kragen gepackt und auf die Füße gezogen. »Lüg. Mich. Nicht. An.« Es hätte sie nicht gewundert, wenn sich ihre Augen mit Schwärze gefüllt hätten. Dass ausgerechnet dieser nutzlose Wicht mitbekommen haben sollte, wie ihre Eltern sie demütigten und als unzurechnungsfähig hinstellten, konnte sich ja wohl nur um einen schlechten Scherz handeln.

Vom Lärm an der Tür angelockt, kam jetzt auch der Rest der fürstlichen Familie auf den Gang herausgetröpfelt.

»Das ist also dein Informant, Mutter?« Das letzte Wort hüllte sie in besonders kalten Klang. Jade setzte zu sprechen an, doch Zaphira ließ sie nicht. »Habt ihr vergessen, dass er ein Ultimatum gestellt bekam? Wenn er seinen Auftrag nicht erfüllt – und davon kann keine Rede sein – ist er derjenige, der stirbt. Inkonsequenz ist keine Eigenschaft, die das Volk bei seinen Fürsten gern sieht, oder doch?«

Eldur fangen und die Askari töten. Die Wunden auf Zaphiras Armen lachten sie aus. Erfolg sieht anders aus, Sapher.

Jade räusperte sich umständlich und fummelte an ihrem roten Gürtel herum. »Das war in der Tat der Deal. Aber Sapher hat sich als sehr kooperativ erwiesen und trotz seiner Gefangenschaft, der Gegenseite nichts verraten.«

Zaphira ballte die Finger um den Griff ihres Dolches. Eine Sekunde zuvor war er noch nicht da gewesen. Sie zuckte die Achseln und zückte die Klinge. »Natürlich war er kooperativ, weil er ein widerlicher, schleimiger Feigling ist.« Mit jedem Wort schüttelte sie Saphers zitternden Körper und stieß ihn anschließend gegen die Wand. Er lehnte mit aufgerissenen Augen dagegen.

»Leg das Messer weg«, sagte Merelan scharf.

»Nein.«

Obsidian schob sich an ihm vorbei. »Zaph hat recht. Ich habe ihm dieses Ultimatum unter Anwesenheit mehrerer Zeugen gestellt. Wie sieht es aus, wenn ich meine Drohung jetzt nicht wahrmache?«

Diabolisches Funkeln erhellte Jades Augen. »Das bringt mich auf eine Idee …«

»Moralisch gesehen ist das eine ganz schöne Schandtat«, bemerkte Zaphira, doch ihr Zorn war verraucht. Sie stand mit Obsidian auf der Empore im Thronsaal, blickte auf finstere Leere zwischen schwarzen Säulen und wartete.

»Ich dachte, du hasst ihn? Und es löst tatsächlich einige unserer Probleme …« Er zuckte die Schultern.

Zaphira nickte. »Ich sagte ja nicht, dass ich nicht dabei wäre.«

Obsidian verzog beeindruckt das Gesicht. »Ich hätte nicht gedacht, dass doch so viel Jade in dir steckt.« Er grinste und fing sich einen Stoß in die Seite ein.

»Sag das nicht«, knurrte sie.

»Okay. Schon gut« Er hob die Hände.

»Es geht los.«

Die ersten Dorfbewohner betraten den Raum. Hauptsächlich Soldaten, aber auch Mitglieder der höheren Familienclans, die das Geschehen in Windeseile im ganzen Königreich verkündet haben würden. Sie schwemmten über die rote Teppichspur und darüber hinaus, bis fast die gesamte vordere Hälfte des Thronsaales ausgefüllt war. Vier- vielleicht fünfhundert Teufel, die das Volk des Königreichs in dieser Angelegenheit repräsentieren sollten.

Endlich stiegen Merelan und Jade auf die Empore herauf. In ihrer Mitte ging Sapher, steif wie ein Brett, stumm wie ein Fisch; hatte er gefesselt und geknebelt auch kaum eine andere Wahl. Ein vertrauter Anblick und doch nicht weniger befriedigend.

»Dunkles Königreich. Soldaten, die ihr heldenhaft für uns gekämpft habt, Freunde, denen es euch nie an Treue und Stärke fehlte, und Gefallene, die ihr eure Leben für das Wohle unserer Heimat gegeben habt.« Jades Stimme flutete die Halle. Sie hatte die Hände erhoben, um auch gestisch jeden einzelnen Zuhörer zu erreichen.

»Wir haben eine schreckliche Niederlage erlitten. Viele Verluste in unseren Reihen, die hätten vermieden werden können. Wir sind erfüllt von Zorn und Trauer, denn ein weiteres Mal hat die verruchte Verräterin den Sieg davongetragen.«

Rufe der Empörung ertönten aus den Zuschauerreihen, brandeten gegen Wände und Säulen. Ganz vorn stand Lyria in ihrer Rüstung, das rote Band am Oberarm, und blickte fragend zu Zaphira auf.

Gleich wirst du es erleben.

»Ihr wisst, dass unser Sieg nicht zu verhindern gewesen war. Wir entsandten nur die Besten – und die haben ihr Bestes gegeben. Doch leider wurde unsere Stärke auf einem von Maulwürfen untergrabenen Hügel errichtet. Ein Maulwurf war es, um genau zu sein.« Merelan stieß Sapher an den Rand der Empore.

Flüche und Verwünschungen flogen ihm um die Ohren wie faules Gemüse Theaterschauspielern nach unbefriedigender Darbietung. Einige der Anwesenden schüttelten ihre Fäuste oder fuhren sich mit wutzitternden Fingern über die Kehlen.

Zaphiras Haut prickelte, und ihr Herz schlug schneller. Der Hass galt nicht ihr. Sollte er aber … Ich habe die Chakaar zum Abzug gezwungen und unseren Sieg vereitelt. Sie nahm einen bebenden Atemzug, verdrängte die Furcht – und funkelte den Verurteilten an als seien Jades Anschuldigungen wahr.

Sapher stand da wie versteinert. Selbst ohne Knebel hätte er kein Wort herausgebracht. Seine Pupillen waren apathisch auf die tobende Masse gerichtet, als blickte er auf seinen eigenen Untergang.

Da liegt er nicht ganz falsch. Zaphiras Finger krümmten sich.

»Zunächst dachten wir, es läge nur an seiner Unfähigkeit, dass er unserem Königreich schadete, indem er Niranjanas Spion entkommen ließ. Wir gewährten ihm die Chance, seinen Fehler wiedergutzumachen und uns einen ihrer Krieger zu bringen. Wir hätten die Feindin direkt in unsere Mauern locken können, doch natürlich ist Sapher auch daran gescheitert.« Jade senkte die Hände und schüttelte mit einem Seufzer den Kopf. Vielleicht ein wenig zu theatralisch. Die Menge hing an ihren Lippen.

»Was er sich dann leistete, ist von größerer Tragweite als jeder Fehler, den er davor beging: Um sein Leben zu retten, verschwor er sich mit der Gegenseite. Er berichtete ihnen von unserem Plan – der einzige Grund, warum Niranjana überhaupt die Hilfe der Kriegerteufel anforderte. Und zu allem Überfluss –« Jade wandte sich mit leidendem Gesicht Zaphira zu.

Oskarreif. Rasch bemühte sie sich, ebenso bedrückt dreinzusehen.

»… verriet er mein eigen Fleisch und Blut. Das Blut der Fürsten. Luzifers Blut! Nur dank seiner Informationen konnten die Mondwächter Zaphira in die Enge treiben und sie dazu zwingen, die Chakaar gehen zu lassen. Nur dank Saphers feigem Herzen konnte uns diese Niederlage überhaupt widerfahren. Ich frage nun euch, meine Freunde, meine Vertrauten und Mitleidenden: Was, gedenkt ihr, können wir tun, um diesen Verräter zu bestrafen?«

Zaphira hatte die Reaktion, die nun folgte, erwartet. Dennoch war es verblüffend, wie wenig nötig war, eine so große Menge von Teufeln zu manipulieren. Eine Prise Wahrheit vermengt mit einer Überdosis Lüge und gekränktem Stolz und der Cocktail war komplett. All das Leid, das den Soldaten und Angehörigen der Gefallenen zuteilgeworden war, richtete sich mit Freuden gegen den idealen Sündenbock. Wer brauchte Logik, wer stellte Fragen, wenn doch jeder der Anwesenden nur nach einem Schuldigen für seine Misere suchte? Und Sapher war wirklich die perfekte Partie: unter den Soldaten unbeliebt, keine Familie im Königreich und vermutlich keinen einzigen Freund in der gesamten Hölle.

Zaphira suchte nach Mitleid in ihrem Innern, musterte den statuenstarren Krieger.

Seine Pupillen waren schwarze Löcher, die die Beschimpfungen und Drohungen der Menge absorbierten. Wenn er gekonnt hätte, wäre er sicher auf der Stelle freiwillig tot umgefallen, doch das war ihm nicht vergönnt.

Sie sollte aufhören, nach Mitgefühl zu suchen. Es würde sie ohnehin nur behindern. Jade hatte sich für das Finale eine kleine Extranummer gewünscht, und um den Familiensegen wieder geradezurücken, hatte Zaphira zugestimmt. Und das ist der einzige Grund.

»Ja, meine Lieben, ich stimme euch zu: Er verdient den Tod«, verkündete Jade laut.

Die Zwischenrufe der Zuschauer verstummten, im Raum machte sich Schweigen breit. Es hing erwartungsvoll zwischen den Säulen, knisterte vor Ungeduld.

Zaphira spähte zu Lyria hinunter. Sie wirkte nicht erschrocken … Aber sie hatte die Augen zusammengekniffen und die Lippen aufeinandergepresst. Zaphiras Kopf ruckte zu ihrem Bruder herum, der nach vorn trat. In ihrem Magen machte sich ein kalter Klumpen bemerkbar. Schuld? Nicht jetzt!

»Ich habe dein Ultimatum gestellt, ich werde deine Bestrafung ausführen«, sagte Ian zu Sapher. Allerdings so laut, dass auch das am weitesten entfernte Publikum ihn hören musste. Der Verurteilte stierte mit kalkweißem Gesicht durch ihn hindurch. »Gemeinsam mit meiner Schwester, die du willentlich in Gefahr brachtest.«

Wie von Jade angeordnet stellten sie sich rechts und links von Sapher auf. Für diesen Anlass unterließen sie es, sich an den Händen zu fassen, sahen sich nur fest in die Augen. Zaphira holte tief Luft. Er ist nicht unschuldig. Er ist nicht unschuldig.

In den dunklen Hallen, erfüllt von Macht und Wut, grenzte es an ein Kinderspiel, die Finsternis auflodern zu lassen wie eine hungrige Flamme. Sie waberte zwischen ihnen hoch und kroch auf Sapher zu. Langsam, nicht, weil sie die Zeit bräuchte, sondern weil sie jede Sekunde genoss wie ein tatsächlich lebendes Wesen, bäumte sie sich auf, drängte an dem Knebel vorbei und in seinen Mund.

Zaphira schauderte. Die Dunkelheit war ein Teil von ihr. Schnitt sich an Zähnen, die sie passierte, schlitterte über die Zunge, die sich aufbäumen wollte, erstickte den Protest. Im Rachen entfaltete sie sich, löste sich wie ein verspannter Muskel, brachte nicht Gelenke zum Knacken, sondern Knorpelspangen.

Sapher wollte husten. Heraus kam nur panisches Würgen. Sein Gesicht verfärbte sich.

Die Finsternis nahm ihn ein, als wäre er ihr Zuhause. Zaphira fühlte, wie sie sich von hinten gegen die Augäpfel lehnte. Sie waren so weich. Vorn traten sie aus; ein Gefäß nach dem anderen zersprang unter dem Druck, bis Rot alle Kontraste verschlang und für ihn die ganze Welt.

Übelkeit flammte in Zaphiras Magengrube auf; Kraft zog durch ihren Körper. Das war falsch. Es war gut. Es war abstoßend. Ihre Natur, ein Verbrechen, ein Privileg, eine Entscheidung.

Sapher machte ein schauderhaftes Geräusch, irgendwo zwischen Krächzen und Röcheln.

Er lebt noch. Er spürt es. Sie kroch durch seine Nebenhöhlen, knipste dünne Knochen durch. Gleichzeitig tastete sie nach seinen Rippen. Von innen. Ein Teil von ihr wollte sich übergeben; ein anderer wollte mehr davon.

Sie sah auf. Obsidians Augen funkelten schwarz. Saphers Wangen leuchteten rot. Seine Zunge war eine Wulst zwischen blauen Lippen. Zaphiras Herz schlug höher, Adrenalin sang in ihren Adern. Das Johlen der Menge rauschte in ihren Ohren. Saphers Rüstung klirrte auf den Boden. Und Zaphira lächelte.

Zaphira hockte auf dem Klauenfußbett und kraulte Larimar die Ohren. Der Panther hatte es sich neben ihr gemütlich gemacht und den schweren Kopf auf ihrem Schoß platziert. Sein Schnurren rollte warm über den Stoff ihrer Leggins, ein Soundtrack zu ihren Gedanken.

Eine Hexe mit schwarzem Herz. Weshalb trafen Eldurs Worte sie so? Nein, sie war nicht wie ihre Mutter. Sie stellte ihren Ruhm nicht über das Wohl Unschuldiger. Sie würde nie dieselben Entscheidungen treffen, wie die Fürstin es ohne Skrupel tat. Diese Hinrichtung war etwas anderes gewesen.

Larimars linkes Ohr zuckte, als Zaphira es mit dem Finger umfuhr.

Sapher hätte ohnehin die Exekution gedroht. Ein ausgesprochenes Ultimatum durfte man nicht zurücknehmen. Und nachdem er dumm genug gewesen war, ins Königreich zurückzukehren, statt sich irgendwo zu verkriechen, hatte er es eben nicht anders verdient.

Der Panther seufzte lautstark. Zaphira betrachtete die bebenden Schnurrhaare.

Saphers Andenken zu beschmutzen und Lügen über ihn zu verbreiten, war natürlich falsch. Trotzdem besser, als Zaphiras Zögern öffentlich zu machen oder die Niederlage als Schwäche Saanvla Raajyas hinzustellen. Einen Einbruch der Moral ihrer Truppen konnten sich die Fürsten ebenso wenig leisten wie einen Aufstand des Volkes.

Zaphira nickte vor sich hin. Es brachte ohnehin nichts, sich im Nachhinein ein schlechtes Gewissen zu machen. Sapher war tot, da hatte er es besser als diejenigen, die den Krieg weiterführen durften. Und wäre er nicht so ein Feigling gewesen, hätte Eldur ihn schon vor Wochen mit einem seiner unfehlbaren Pfeile niedergestreckt.

Ein Klopfen an der Tür riss Zaphiras Kopf herum. Sie begegnete ihrem Blick in dem Spiegel über der Kommode; riesige Augen, dunkle Schatten, wirres Haar. Sie seufzte. »Herein?«

Es war Lyria. »Hi, Zaph.« Wie meist trug sie einen blonden Pferdeschwanz und ihre schwarze Rüstung mit dem roten Band am Oberarm, das sie als Saan auswies. Außerdem denselben Ausdruck, mit dem sie die Hinrichtung verfolgt hatte.

Ob sie es im See gesehen hatte? Zaphira biss sich auf die Innenseite ihrer Wangen. Was denkt sie von mir? Was weiß sie über mich?

»Wir brauchen nicht darüber reden. Ich verstehe, warum es so am besten war. Ich war nur überrascht von deiner Beteiligung, das ist alles.«

Zaphira hob eine Braue, nickte langsam. »Warum bist du dann hier?«

Jetzt funkelten Lyrias Augen – grau, grün, violett? Schwer zu sagen. Sie schloss die Tür hinter sich und kam auf sie zu. »Ich habe da vielleicht etwas, das unsere Niederlage doch noch in einen Sieg verwandeln könnte. Bevor ich es deinen Eltern zeige, wollte ich erst sichergehen, dass ich richtigliege.«

Zaphira sprang so plötzlich auf, dass sie Larimar mitriss. Die Raubkatze rollte auf den Teppich, fuhr auf die Füße, schüttelte den Kopf, reckte die Nase in die Höhe und stolzierte von dannen. Schwer seufzend, als hätte man ihr Unaussprechliches angetan, ließ sie sich in der anderen Zimmerhälfte zu Boden fallen.

»Was meinst du?«

Lyria öffnete die Tasche und zog ihre Ausrüstung hervor. Die flache Schale und eine Phiole mit Wasser.

Zaphiras Kopfhaut kribbelte. »Was hast du gesehen?« Sie hüpfte von einem Bein aufs andere, während Lyria sich auf die Fliesen hockte und ihre kleine Kristallkugel vorbereitete.

»Noch nichts, aber ich habe eine Idee.« Sie holte einen weiteren Gegenstand aus ihrer Tasche. Zwischen den geschwollenen und dunkel verfärbten Fingern ihrer Rechten klemmte ein Stofffetzen. Ursprünglich eines der schwarzen Leinenhemden, die manche Soldaten unter ihren Rüstungen trugen. Das zumindest ließ die Beschaffenheit vermuten, aber er war braunverklebt mit altem Blut.

»Ähm …«

»Ich habe Felica gefragt, wie ich die Bilder, die ich auf der Oberfläche sehe, besser kontrollieren kann und ob es einen Weg gibt, ganz bestimmte Orte zu finden.« Lyria legte den Kopf schief.

Zaphira sträubten sich die Nackenhaare. »Du meinst …?«

Lyria zuckte die Achseln. »Warum nicht? Felica sagte, sie habe öfter personenbezogen gesucht. Wenn man beispielsweise das Haar von jemandem ins Wasser gibt, ist es eher dazu gewogen, etwas über diese Person preiszugeben.«

»Aber Raay Jeevan hat keine Haare.« Geistreich, Zaphira. Sehr.

»Ihr Wächter schon.« Lyrias Wangen glühten, ihre Augen waren ungewohnt hell.

Zaphiras Magen schlingerte. »Mundilfari ist Taiowas Vater! Wenn man Taiowas Haare – oder Blut hätte …« Sie gestikulierte wild zu dem Stofffetzen in Lyrias Hand. »Aber wann hattest du Gelegenheit, an sein Blut zu kommen? Du warst draußen mit den Askari beschäftigt.«

»Das ist auch nicht Taiowas Blut, sondern das von einem seiner Krieger. Deshalb weiß ich nicht, ob es funktioniert. Aber es besteht immerhin das Gerücht – und ich würde mindestens ein Auge darauf verwetten, dass es wahr ist – das besagt, die Askari verfügten ebenfalls über Raay Jeevan. Die Macht steckt natürlich nicht in diesem bisschen trockenen Blut, aber sie hat es berührt. Und damit besteht zumindest die Möglichkeit, dass sich ihr Ursprung darüber aufspüren lässt.«

»Du bist genial«, hauchte Zaphira.

»Wart’s ab.« Lyria grinste.

»Dann los.«

Sanft senkte Lyria das Leinenstück auf die sich kräuselnde Wasseroberfläche und drückte es vorsichtig hinein. Braunrote Schwaden lösten sich von dem Fetzen und waberten diffus durch das dunkle Wasser. Dann nahm sie den Stoff wieder heraus und starrte mit zusammengekniffenen Augen in die Schale.

Was zum Engel sieht sie? Zaphira brauchte jeden Muskel, sich davon abzuhalten, die Schüssel an sich zu reißen. In dem Wasser, das Lyria so aufmerksam betrachtete, konnte sie nichts erkennen.

»Hast du einen Stift?«, fragte Lyria plötzlich.

Zaphira schoss in die Höhe.

Unter dem schläfrigen Blinzeln ihrer Katze stürmte sie zum Nachtkästchen, wühlte darin herum und förderte ein kleines Notizbuch mitsamt Bleistift zu Nachte, das sie von oben mitgebracht hatte. Beinahe hätte sie die Wasserschale umgestoßen, als sie knapp daneben über den Schiefer schlitterte.

Lyria nahm die Utensilien entgegen und zeichnete. Ihre verletzte Hand hielt sie dabei etwas steif, aber nach und nach wuchs ein Bild auf dem Papier.

»Das habe ich schon beim letzten Mal gesehen, als ich nach Niranjana suchte. Es taucht immer wieder auf.« Ihre Augen glänzten beinahe fiebrig. Sobald sie fertig war, lehnte sie sich zurück.

Die Luft in Zaphiras Lungen verklumpte. Sie kannte dieses Bild. Sie kannte diesen Ort. Sie war dort gewesen. Konnte das sein? Hitze schmolz auf ihrem Scheitel und jagte ihr Schweißtropfen in den Nacken. Die Zunge klebte ihr am Gaumen. Wüstenstaubtrocken.

Mit zitterndem Finger deutete sie auf Lyrias Zeichnung, folgte der Linie des Bergkammes, tippte auf die Türme eines quadratischen Palasts. »Diesen Ort habe ich schon mal gesehen«, presste sie hervor. »Ich habe davon geträumt … es ist schon eine Weile her, aber … Das ist es, und in der Mitte ist ein –« Ihre Stimme versagte.

Lyria beendete ihren Satz mit einem einzigen dahingehauchten Wort: »… Brunnen.«

Sie jagten durch die Korridore und stolperten geradewegs in den Salon, in dem Zaphira vor gewähnten Ewigkeiten von ihrer wahren Herkunft erfahren hatte. Jade saß in ein Buch vertieft in einem der Sessel. Merelan hatte am Schreibtisch in der Mitte des Raumes Platz genommen. Beide rissen die Köpfe hoch, als Zaphira und Lyria halb im Türrahmen stehen blieben.

»Verzeiht unser unangekündigtes Eindringen«, keuchte die Saan.

»Wir haben großartige Neuigkeiten!« Zaphira presste sich die Hände in die rechte Seite. Die Wunde unter dem Pflaster brannte. Sie lebte. Während das Kind, das den Pfeil auf sie abgefeuert hatte, krampfend und spuckend verendet war. Dieses Wissen könnte uns zur Quelle führen. Es könnte die Fürsten zur Quelle führen. Ebenjene Teufel, die es für vertretbar gehalten hatten, ein gesamtes Dorf für die Fehler einer einzigen Person niederzumetzeln.

Merelan und Jade tauschten einen Blick, der nicht gerade von Spannung zeugte. Zaphiras Arme fielen herab, ihre Begeisterung schmeckte plötzlich nach Asche. Wir sollten es ihnen nicht sagen.

Das müssen wir! Alles andere wäre Verrat. An ihnen, an meinem Ziel. An Zyan.

»Dann erzählt es schon.« Jade schlug ihr Buch so resolut zu, dass ein Luftstoß zwischen den Deckeln erwachte und ihr das Haar über die Schultern wehte.

Zaphiras Mund klappte auf und wieder zu. Lyria räusperte sich. Ich könnte sie aufhalten. Eine Lüge erzählen und mich mit ihr besprechen.

»Wir haben eine Vermutung, wo sich die Quelle befindet.« Die Soldatin blinzelte zu ihr herüber.

Zu spät. Zaphira presste die Lippen aufeinander. Ihre Eltern starrten sie aus großen Augen an.

»Ist das euer Ernst?« Langsam erhob sich Jade von ihrem Sessel und schlich mit marmorweißen Wangen auf sie zu. Lyria stierte auf ihre Stiefelspitzen.

»Ja. Sie hatte eine Idee, und das Wasser hat ihr einen Ort gezeigt. Denselben, der sich mir auch schon in einem Traum offenbart hat. Wir müssen nur herausfinden, ob er tatsächlich existiert.« Zaphiras Stimme klang hohl; ihre Erregung hatte sich in einen kalten Klumpen verwandelt, der ihr schwer im Magen lag.

»Wir sind uns natürlich nicht sicher«, fügte Lyria rasch hinzu.

Aber Jade hatte ihre Krallen bereits in dem Strohhalm versenkt, den sie ihr hingehalten hatten. »Wie sieht es dort aus? Wir werden ihn finden!« Ihr zierlicher Körper vibrierte förmlich, als sie an eines der hohen Bücherregale herantrat.

»In welcher Welt befindet er sich?« Merelan war ebenfalls aufgestanden und gesellte sich zu ihr.

»In der Mittleren«, nuschelte Lyria. »Da bin ich mir sicher.«

Der Fürst griff zu einem dicken Bildband, an den Jade nicht herankam.

Zaphira tapste zu ihm und lugte über seine Schulter. Herzrasen. Schweißfinger. Schamheiße Wangen. »Such nach Wüsten«, riet sie ihm, und er nickte. Nach einem kurzen Blick ins Glossar schlug Merelan das Werk im hinteren Drittel auf. Seite für Seite glitt an ihnen vorüber.

Und da war es. Die Dünen, die Berge, der mahnende Finger. Nur der Palast fehlte, vielleicht durch Magie verborgen oder noch nicht erbaut, aber die Kulisse war eindeutig. Zaphira entfleuchte ein Quieken, und Jade riss ihrem Mann das Buch aus den Händen.

»Das ist es, nicht wahr? Du hast den Ort erkannt.«

Zaphira nickte. In ihrem Innern erhob sich ein Wirbelsturm. »Wir wissen, wo sie ist. Wir kennen den Weg zur Quelle.«

Kapitel 3: Dämmerung