Nacht über dem Ammersee - Inga Persson - E-Book

Nacht über dem Ammersee E-Book

Inga Persson

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Beschreibung

Rasanter Krimispaß im bayerischen Voralpenland. Am Ammersee scheint die Welt noch in Ordnung: Kommissar Lenz Meisinger und Carola Witt, die das Büro eines Bundestagsabgeordneten leitet, sind endlich ein Herz und eine Seele – meistens jedenfalls. Dann aber wird ein abgetrennter Fuß in einem Teich gefunden, und plötzlich überschlagen sich die Ereignisse in der oberbayerischen Provinz. Als auf ihren Chef geschossen wird, nimmt Carola die Sache selbst in die Hand, nicht ahnend, dass sie damit einen fatalen Fehler begeht ...

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Seitenzahl: 372

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Inga Persson hat Germanistik, Kunstgeschichte und Philosophie studiert und 1994 promoviert. Anschließend schrieb sie jahrelang im Auftrag anderer: erst für Bundestagsabgeordnete, später für ihre Agenturkunden. Heute lebt sie mit ihrem Mann und ihrem Sohn am westlichen Ammersee und betreibt dort die traditionsreiche Gastwirtschaft »Schatzbergalm«.

Dieses Buch ist ein Roman. Handlungen und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind nicht gewollt und rein zufällig.

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© 2020 Emons Verlag GmbH

Alle Rechte vorbehalten

Umschlagmotiv: mauritius images/Martin Zurek

Umschlaggestaltung: Nina Schäfer, nach einem Konzept

von Leonardo Magrelli und Nina Schäfer

Umsetzung: Tobias Doetsch

Lektorat: Susanne Bartel

eBook-Erstellung: CPI books GmbH, Leck

ISBN 978-3-96041-627-2

Oberbayern Krimi

Originalausgabe

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Mondwasser

Heut Nacht war wieder die Hölle los gewesen. Von wegen Stille. Nur komplette Idioten gingen in den Wald der Ruhe wegen. Erst vor einer halben Stunde waren Schreie durch die Nacht gehallt, Marder hatten sich quietschend und kreischend um ihr Revier gestritten. Vielleicht hatten sie auch gemeinsame Sache gemacht und ein anderes Tier massakriert. Nur um sich anschließend lautstark um die Beute zu prügeln. Wer wusste das schon so genau.

Dann wurde es wieder still. Scheinbar still. Unterhalb floss gurgelnd Wasser durch ein Wehr. Wenn sie sich nicht bewegte, nur lauschte, konnte sie es überall um sich herum wispern und knistern hören. Direkt vor ihren Gummistiefeln huschte eine Maus durch die trockenen Blätter, richtete sich kurz auf, bewegte fragend die Tasthaare in ihre Richtung, entschied, dass sie harmlos war, und verschwand raschelnd wieder im Laub. Ein Käuzchen rief ganz nah, und sie fragte sich, ob die unvorsichtige Maus wohl gleich dran glauben würde müssen. Sie hatte den Gedanken noch nicht zu Ende gedacht, als eine Armlänge von ihr entfernt drei späte Glühwürmchen ihre Lichter aufsteckten und sich einmal um sich selbst drehten, um anschließend tiefer in den Wald zu taumeln.

Sie lächelte. Herrlich. Wie sie diese Nächte genoss. Allein. Nur sie, der Wald und Tausende von Lebewesen um sie herum. Aber keine Menschen. Dafür hohe Buchen, zwischen deren schlanken Stämmen der Vollmond auf sie herableuchtete. Die schwarzen Baumsilhouetten reckten sich wie Gurtbögen einer gotischen Kathedrale in den dunkelblauen Himmel, verschlangen in luftiger Höhe ihre Kronen zu einem lichten Gewölbe, durch das einzelne Mondstrahlen gleißend auf das Wasser fielen. Obwohl weit nach Mitternacht, war es hell, jedes Detail zu erkennen. Sie sah sich um und seufzte beglückt. Manchmal geschahen sie, diese Wunder, und der Herrgott schenkte den Oberbayern eine lichtdurchflutete, warme Julinacht wie diese. Am liebsten hätte sie gejuchzt vor Freude.

Aber sie war ja nicht zum Vergnügen hier. Sondern weil heute Vollmond und sie auf der Jagd nach etwas ganz Besonderem war. Nur noch zwanzig Minuten, dann würde das Gestirn seinen Höchststand am Firmament erreicht haben. Sie dehnte sich vorsichtig, um ja kein Geräusch zu verursachen, und ließ ihren Blick über den kleinen Teich unter sich schweifen.

Schon bei Tag war der Nixenweiher ein besonderer Ort. Andere hier warfen gern mit Begriffen wie magisch, verwunschen und zauberhaft um sich. Aber das war nicht ihr Ding. Sie hielt nichts von diesem aufgeregten Esoterikgequatsche zugereister Großstädterinnen. Vollkommener Bullshit, am Nixenweiher tanzten keine Elfen, hier trat Wasser aus der Erde, so rein und klar wie sonst nirgendwo im Fünfseenland.

Dabei war die Quelle im Nixenweiher noch nicht einmal in Stein gefasst oder entsprang wie drüben die Blaue Gumpe an den Osterseen im hellen Sand. Der Weiher lag, von Buchen umgeben, in einer Senke, sein sandiger Grund war mit braunen Blättern bedeckt, jedes einzelne im Wasser messerscharf zu erkennen. Das allein war schon bemerkenswert, aber das wirklich Faszinierende war, dass der Weiher leuchtete, geradezu funkelte, von irisierendem Smaragdgrün in funkelndes Aquamarinblau changierte.

In den ersten Jahren war sie nur bei Sonnenschein hierhergekommen und hatte Stunden damit verbracht, das Wasser zu betrachten. Dabei war es ihr vollkommen egal, wieso der Weiher aus sich selbst heraus zu strahlen schien. Irgendwo hatte sie etwas über im Wasser gelöste Mineralien gelesen, aber diese Begründung war ihr viel zu profan. Sie war ganz seiner Schönheit erlegen. Bis sie eines Nachmittags die Zeit vergessen und die Nacht für sich entdeckt hatte.

Nun war der Nixenweiher schon lange kein Geheimtipp mehr. Während der Saison kamen dauernd lärmende Wanderer mit ihren unerzogenen Kindern zu dem Wäldchen oberhalb von Wengen, trampelten über den Staudamm am kleinen rosafarbenen Wasserwerk, warfen Steine in den See und durchwühlten das Ufer. Irgendwelche Trottel hatten den Weiher auch schon mal als Müllabladeplatz missbraucht. Autositze, ein Bettgestell und leere Flaschen waren im Wasser gelandet. Nach kurzer, heftiger Aufregung im Dorf hatten Mitarbeiter des Bauhofs das Gerümpel eingesammelt und fachgerecht entsorgt. Dann war wieder Ruhe eingekehrt.

Der Teich selbst schien diese Störung in stiller Demut zu ertragen, abzuwarten und, wenn sämtliche Eindringlinge von dannen gezogen waren, sanft seine Oberfläche glatt zu streichen. Spätestens bei Einbruch der Dunkelheit gehörte der kleine See nur sich selbst und den Buchen, die ihn umgaben. Und nachts den vielen Waldbewohnern – und ihr.

Noch zehn Minuten. Sie sah zum Vollmond empor, der vor knapp drei Stunden dick und gelb hinter den Anhöhen östlich über dem Ammersee aufgegangen war. Ihr kleines Ladengeschäft in der Dießener Fischerei hatte sie – wie immer während der Saison – erst um zwanzig Uhr geschlossen, war dann durch die abendliche Menschenmenge spaziert, die die kleine Marktgemeinde im Sommer überschwemmte, und hatte die laue Abendluft genossen.

Es war heiß in diesem Juli, sehr, sehr heiß. Den Geschäften im Dorf tat das tagsüber nicht gut, in den meisten herrschte Leere. Sämtliche Gäste und alle Einheimischen, die es sich leisten konnten, nahmen die Strandbäder rund um den Ammersee in Beschlag. Die üblichen Verdächtigen im Dorf beschwerten sich darüber, dass das Strandbad gesteckt voll war, aber ihr gefiel die italienische Lido-Atmosphäre: Handtuch reihte sich an Handtuch, die Leute standen stundenlang bis zur Hüfte im Wasser und ratschten miteinander, während um sie herum die Kinder planschten. Im Ort profitierte tagsüber einzig und allein die Eisdiele von den Temperaturen.

Abends jedoch, wenn die Hitze langsam abklang und es milder wurde, zog es die Urlauber ins Dorf. Dann klingelte auch bei ihr die Kasse. Erst vor drei Jahren hatte sie den Schritt gewagt, ihr Hobby zum Beruf gemacht und es nicht einen Tag bereut. Ihre selbst gemachte Kosmetik, natürlich in Bioqualität und tierversuchsfrei, ging wie verrückt. Ordentlich standen dunkelbraune Pumpflaschen und Tiegel mit Seifen, Lotionen und Cremes auf den schlichten Holzregalen in ihrem kleinen Laden. Als besonderen Service bot sie an, die einmal erworbenen Behälter wiederzubefüllen. Das sparte Verpackungsmüll und traf bei ihren Kundinnen mit ökologischer Grundhaltung voll ins Schwarze. Ihre Produkte verkauften sich alle durchweg gut, aber eines toppte die anderen in Sachen Umsatz und Beliebtheit: ihr Reinigungstonic aus reinem Mondwasser, versetzt mit beruhigenden und heilenden Kräuteressenzen.

Schon im Juni war das Tonic so gut gegangen, dass es jetzt, Anfang Juli, komplett ausverkauft war. Und sie eine lange Liste mit Vorbestellungen hatte. Da die eigentliche Hochsaison noch bevorstand, hatte sie kurzerhand ihre Mengenplanung verdoppelt.

Heute in den späten Abendstunden hatte sie eine Kleinigkeit gegessen und sodann vier anstelle der sonst üblichen zwei leeren Fünfliterkanister, die sie vor Jahren von einem Frankreichurlaub mitgebracht hatte, in die Packtaschen gesteckt. Eine hing jetzt rechts, eine links an ihrem Gepäckträger. So beladen konnte sie gerade noch mit dem Fahrrad fahren – auch, wenn die Kanister randvoll waren.

Ganz allein war sie auf Wiesenwegen von Dießen erst hinauf nach Sankt Georgen und dann durch die stillen Sträßchen von Wengen geradelt. Schnell hatte sie die freien Felder erreicht. Im Osten herrschte schon Dunkelheit, während im Westen noch die Abenddämmerung in tiefem Blau schimmerte, aber bereits die Venus erstrahlte, ihr Lieblingsstern. Erst langsam, dann schneller schob sich die dicke gelbe Scheibe des Vollmondes hinter den Hügeln von Andechs empor, stieg immer höher, wurde heller und goss kurze Zeit später silbernes Licht über das Land.

Es war eine sehr helle Nacht, die Straße auch ohne Fahrradlampe perfekt zu erkennen, und sie trat kräftig in die Pedale. Am kleinen Abzweig sprang sie vom Rad, umrundete die verrostete Schranke und schob ihren Drahtesel die letzten Meter über den Kiesweg zum Nixenweiher hinauf. Schnell lehnte sie ihr Fahrrad an einen Baum, schulterte ihr Gepäck und suchte sich ihren Weg auf die Anhöhe oberhalb des Weihers.

Natürlich hätte sie später kommen, einfach um ein Uhr in der Nacht mit dem Auto herfahren, Wasser abfüllen, Taschen mit den Kanistern schnappen und sich dann wieder auf den Heimweg machen können. Aber wozu? Was gab es Herrlicheres als eine Radlfahrt durch eine milde Sommernacht, was gab es Berückenderes als den Nixenweiher im strahlenden Licht des Julimondes? Mit all ihren Sinnen sog sie die Einzelheiten in sich auf, die glitzernden Spiegelungen des Wassers, die scherenschnittschwarzen Bäume, das Aufglimmen der Glühwürmchen über dem trockenen Laub. Sie sah auf die Uhr. Langsam wurde es Zeit.

Sie griff nach ihren Packtaschen, stand auf und ging die wenigen Schritte von der kleinen Anhöhe zum Weiher hinunter. Sie brauchte Wasser, das genau während des Höchststands des Vollmondes abgefüllt worden war. Darauf legte sie viel Wert, denn ihre Kundinnen wussten es zu schätzen und bezahlten ordentliches Geld dafür.

»Mondwasser, Mondwasser, was soll denn der Schmarrn?« Ihre Mutter war in ihrem Ladengeschäft gestanden, hatte die Flasche mit Gesichtstonic in der Hand gedreht und sie durchdringend über ihren Brillenrand hinweg gemustert. »Fünfzehn Euro? Bist du narrisch?«

Sie hatte begütigend den Arm um ihre Mutter gelegt, ihr die Flasche aus der Hand genommen und sie wieder ins Regal zurückgestellt. »Was meinst du, woher ich das hab? Von dir hab ich mir das abgeschaut. Daheim arbeitest du doch auch nach dem Mondkalender. Du schaust drauf, bevor du säst, bevor du Bäume schneidest, ja selbst, wenn du Brot backen willst, schaust du, ob der Mond günstig steht.«

Unwirsch hatte ihre Mutter sie angestarrt und dann den Kopf geschüttelt. »Das ist ganz was anderes. Das muss ich machen, weil sonst nichts wachst und das Brot nichts wird.«

Sie hatte ihrer Mutter über den Rücken gestrichen und sich ein Grinsen verkniffen. »Schau, Mama, wenn’s bei dir funktioniert, warum nicht bei mir? Was für deine Tomaten und unser Brot gut ist, kann für meine Kundinnen nicht schlecht sein. Unsere Haut ist doch auch lebendig und will wachsen dürfen.«

Ihre Mutter hatte irgendetwas Unverständliches gemurmelt und das Thema gewechselt. Sie hatte es dabei belassen. Denn im Grunde, das wusste sie, war sie auf ihrer Seite. Und die beste Lieferantin ihrer Grundstoffe. In dem riesigen Garten ihrer Mutter wuchsen Kamille, Lavendel und Calendula. Sie machte Hollerextrakte und Pfefferminzwasser für sie. Wenn sie ehrlich war, war es ihre Mutter gewesen, die sie bestärkt hatte, ihren Job in der Zahnarztpraxis, in der sie jahrein, jahraus als medizinisch-technische Assistentin geschuftet hatte, an den Nagel zu hängen, ein Gewerbe anzumelden und die Genehmigungen für ihre Kosmetikprodukte zu beantragen.

Das war jetzt drei Jahre her, und ihr ging es blendend in ihrem neuen Leben. Ihre Devise lautete: Qualität, Qualität, Qualität, und ihre Kundinnen fanden es klasse, dass sie sich für hochwertige regionale Grundprodukte ein Bein ausriss. So wie heute für echtes Vollmondwasser aus einer reinen Quelle.

Dort, wo eine der Buchen beim letzten Januarsturm in den Weiher gekippt war, watete sie jetzt einige Schritte in das schnell tiefer werdende Wasser hinein, hängte ihre beiden Packtaschen an einen Aststumpf und wartete ab, bis sich die Schwemmstoffe wieder gesenkt hatten. Dann öffnete sie eine Tasche, zog den ersten leeren Plastikkanister hervor, drehte den Verschluss ab, den sie sich hinten in ihre Hosentasche stopfte, und drückte die Öffnung unter die Oberfläche. Glucksend füllte sich das Behältnis bis an den Rand. Mit einer Hand hielt sie den Hals umfasst, mit der anderen griff sie unter den Kanister und wuchtete ihn nach oben auf den Baumstamm. Schnell drehte sie den Verschluss wieder darauf, während sie mit einer Hand schon das nächste Behältnis aus der Packtasche zog. Sie gähnte.

Das gute Geschäft ließ ihr Bankkonto anschwellen, aber es war auch sehr, sehr anstrengend. Sie kam kaum noch nach mit der Herstellung ihrer Kosmetika. Jeden Morgen stand sie dafür in dem von ihr eingerichteten kleinen Labor hinter ihrem Holzhäusel, wog die Zutaten, mischte ihre Produkte, füllte sie ab und beklebte sie mit pink-grünen Etiketten. Danach musste sie Grundstoffe, die sie nicht selbst herstellen konnte, ordern, ab Nachmittag im Laden stehen, ihre Website pflegen, E-Mails ihrer Kundinnen beantworten und, wer hätte es gedacht, ihre Buchhaltung machen. Viel zu viel für eine Vierzig-Stunden-Woche. Deshalb verbrachte sie derzeit auch ihre Sams- und Sonntage im Labor.

Sie sah auf, und der Mond schien ihr ins Gesicht. Urplötzlich überfiel sie ein Gefühl von abgrundtiefer Müdigkeit. Sie gähnte erneut. Okay, Schluss mit der Mondromantik, in sechs Stunden würde der Wecker klingeln, es wurde langsam Zeit, ins Bett zu kommen.

Sie griff den Kanister, öffnete ihn, sah zu, wie er sich mit Wasser füllte, hob ihn hoch und drehte den Verschluss darauf. Als sie sich zu ihren Packtaschen umdrehte, fing etwas Ungewohntes ihren Blick auf. Leuchtete da drüben das Wasser heller? Oder spielte das Mondlicht auf dem Weiher verrückt? Sie kniff die Augen zusammen und fixierte den hellen Punkt, knapp drei Meter von ihr im Teich entfernt. Nein, das war keine optische Täuschung. Da lag etwas Weißes im Wasser, und in Anbetracht der braunen Buchenblätter war Weiß hier definitiv fehl am Platze.

Schlagartig war sie stocksauer. Sauerei. Welcher Idiot meinte, in ihrem schönen Nixenweiher seinen Dreck entsorgen zu können? Angestrengt versuchte sie zu erkennen, was da zwischen den Blättern lag, konnte aber nur etwas Kompaktes sehen, das das Mondlicht reflektierte. Schweinebande, dreckerte!

Während sie den dritten Behälter mit Wasser füllte, sah sie sich nach einem Stock um, mit dem sie nach dem Unrat angeln könnte. Hinzugehen kam nicht in Frage, dafür waren ihre Gummistiefel nicht hoch genug, und auf nasse Füße hatte sie keine Lust. Der Ast da drüben, der aus dem Wasser emporragte, der würde passen. Schnell füllte sie auch den letzten Kanister, verschloss ihn und belud sorgfältig die zweite Packtasche. Sie griff nach dem Ast und machte noch einen Schritt auf den Fremdkörper im Weiher zu.

Was das bloß war? Vorsichtig stupste sie das weiße Ding an, das da vor ihr im hüfthohen Wasser lag. Womöglich ein Schuh? Ja, tatsächlich, nicht zu fassen, ein Sneaker. Sie meinte, das geschwungene Logo eines amerikanischen Sportartikelherstellers erkennen zu können.

Dir hilf i weiter, dachte sie, angelte mit dem einen Stockende treffsicher nach dem weißen Schnürsenkel, legte um das andere ihre zweite Hand und warf den Schuh mit Schwung aufs nahe Ufer.

Erste Sahne! Zufrieden mit sich lächelte sie in sich hinein. So etwas nannte man dann wohl einen spitzenmäßigen Abend. Sie hatte nicht nur zwanzig Liter reinstes Mondwasser abgefüllt, sondern auch noch ihren geliebten Weiher von Dreck befreit.

Beherzt griff sie erst rechts, dann links nach ihren Taschen und ging vorsichtig, Schritt für Schritt, um ja nicht auszurutschen, ans Ufer zurück. Schnaufend setzte sie ihre Last ab und richtete sich auf. Und was war jetzt mit dem Schuh?

Sollte sie ihn einfach liegen lassen? Na, das ging nicht, der nächste Depp würde ihn finden und wieder ins Wasser schmeißen. Suchend sah sie sich um. Wo war er? Ah, da drüben lag er, der Übeltäter. Hell beleuchtet vom Mondlicht im braunen Laub. Sollte sie ihn etwa mitnehmen, das nasse, dreckige, eklige Ding? Wirklich? Auf den Gepäckträger klemmen und zu Hause in die Tonne werfen? Sollte sie? Musste sie? Sie rollte mit den Augen. Mannomann, wenn sie jetzt auch noch anderer Leute Müll entsorgte, gäbe das aber mindestens die volle Punktzahl auf ihrem Karmakonto. Und das auch noch mitten in der Nacht …

Okay, genug herumgesandelt, jetzt aber mal hopp. Sie hörte, wie ihr Bett nach ihr rief, seufzte, ging drei Schritte durch das Laub, bückte sich, streckte die Hand aus, um nach dem Schuh zu greifen, hielt abrupt in der Bewegung inne, spürte, wie der Schock sie in die Höhe riss, sie sich umdrehte und bereits lief, nein, rannte, so schnell wie möglich weg, raus aus dem Wäldchen, zu ihrem Rad, weg von diesem plötzlich so entsetzlichen Ort. Vergessen waren der Mond, der Weiher und die Kanister mit Mondwasser, sie spürte die Tränen nicht, die ihr über das Gesicht liefen, hörte auch ihr eigenes Wimmern nicht, während ihr Gehirn Puzzleteil für Puzzleteil das Bild eines Schuhs zusammensetzte, aus dem weiße Knochen in die Schwärze der Nacht ragten.

Trockenes Brot

Sollte sie etwas sagen? Oder darauf hoffen, dass er es von allein merkte? Carola starrte den Brotkrümel an, der schon seit Minuten in Lenz’ rechtem Mundwinkel klebte und sich nicht vom Fleck bewegte. Nicht einfach der Schwerkraft folgte und gnädig auf den Teller vor ihm fiel. Und das, obwohl Lenz mit großem Appetit und ebensolchem Vergnügen seine Frühstückssemmel verspeiste.

Außer ihr schien keiner der Anwesenden in der großen Wohnküche des Secklerhofs den Krümel zu bemerken. Jeder war mit sich selbst beschäftigt.

Lenz, genauer gesagt Kriminalhauptkommissar Laurentius Meisinger, saß ihr auf der kurzen Seite der Eckbank gegenüber, frisch geduscht und in knallrosafarbenem Kurzarmhemd. Selbst für die modisch hohen Lenz’schen Maßstäbe war die Farbe grenzwertig. Schlicht zu viel. Carola konnte nicht anders, als kurz auf seine Brust zu starren, das schreiende Pink auf sich wirken zu lassen und flach auszuatmen. Mannomann, keinem anderen Kerl der Welt außer dem Lenz würde sie so einen Aufzug zugestehen. Und schon gar nicht an einem Montagmorgen.

Sein Bruder Tom hingegen, links von ihr auf der langen Seite der Eckbank, steckte wie immer werktags in seiner Arbeitsuniform: in einem vom vielen Waschen verblassten, ungebügelten Karohemd und, wie sie sicher wusste, obwohl sie es nicht sehen konnte, in lächerlich kurzen schwarzen Cordhosen samt groben Bergstiefeln.

Resi, Carolas Vermieterin und Mutter der beiden, war trotz der frühen Stunde bereits tadellos in ein dunkelblaues Waschdirndl gekleidet und hatte die dunkle Mähne zu einem Chignon aufgesteckt. Sie stand an der Spüle und wusch Einmachgläser mit heißem Wasser aus, während sie zwischendurch immer wieder in der Erdbeermarmelade rührte, die in dem großen Topf auf dem Herd vor sich hin blubberte.

Carola betrachtete schweigend Resis Rückansicht. Wie machte diese Frau das nur? Am Montag um sieben Uhr so auszusehen, als wäre sie gerade einem dieser bizarren Hochglanzmagazine über das glückliche Landleben entstiegen. Sie zog die Augenbrauen zusammen. Und wann um Himmels willen war Resi aufgestanden und hatte die Unmengen von Erdbeeren geputzt, die sie beide gestern bei brütender Hitze auf einer Erdbeerplantage gepflückt hatten? Und dann auch noch diese gute Laune! Gott, jetzt lief auch noch Ed Sheeran im Radio. Sie gab sich geschlagen und sah Resi dabei zu, wie sie mit rechts nicht aufhörte zu rühren, während sie mit links am Küchenradio herumfummelte, den Ton lauter stellte und hüftschwingend mitsang.

»Kling-klong.« Das Smartphone neben ihrem Frühstücksteller wackelte genauso wie Resis Po. Widerstrebend drehte Carola es um und überflog die Nachricht, die auf dem Display leuchtete: »Bau Kamin Pfarrhof stockt. Storch baut Nest. Bitte klären. JL«.

Wenigstens kam ein »Bitte« in der Nachricht ihres Chefs, des Bundestagsabgeordneten Johannes Ludwig, vor. Aber was genau wollte er von ihr? Bau? Kamin? Storch? Carola verspürte leichten Widerwillen, als sie die Nachricht ein zweites Mal las. Bauten diese Viecher ihre dämlichen Nester nicht immer irgendwo auf Dächern? Seit Jahrhunderten? Was in drei Teufels Namen gab es da zu klären? OMG. In ihrem Herzen piekste es, und sie sehnte sich nach Berlin wie schon lange nicht mehr. Manchmal hatte sie solch unglaubliches Heimweh nach Gesetzentwürfen, schriftlichen Anfragen und sogar nach dreitägigen, schrecklich langatmigen Anhörungen. Die Arbeit im Bundestag und das Leben in der Großstadt waren ihre Heimat gewesen. Auf jeden Fall besser als dieses krittelige Wahlkreiskleinklein irgendwo in Oberbayern, am Ende der Welt. Manchmal, wenn ihr Chef solche wahnwitzigen Aufgaben für sie hatte, hätte sie am liebsten alles hingeschmissen, sich umgedreht und … Sie holte Luft, öffnete ihren Mund, um loszuschimpfen, hielt inne, klappte ihn wieder zu und atmete aus. Okay, später. Später könnte sie sich auch noch aufregen. Heute hatte sie erst mal zu tun. Und zwar nix mit Störchen.

Kurz entschlossen legte sie das Telefon mit dem Display nach unten neben ihren Teller. Sie musterte Lenz über den Tisch hinweg. Der Brotkrümel war noch immer unbemerkt und ausdauernd an seinem Platz.

Lenz griff in den Brotkorb nach der nächsten Semmel. Krachend fuhr sein Messer durch die Kruste. »Mutter«, wandte er sich an Resi, während er eine Semmelhälfte mit Butter bestrich, »ich krieg schon ein bisserl was von derer Marmelad, gell? Schau, hier, hab meine Semmel grad fertig hergerichtet.« Ohne Carolas kritischen Blick zu registrieren, drehte er sich kurz zu ihr, grinste und zwinkerte ihr zu.

»Marmelad? Na, trockenes Brot, das ist grad recht für dich. Schad dir fei nix, Bua.« Resi hatte ihrem Erstgeborenen den Rücken zugewandt und rührte weiter in ihrem Topf.

»Ein wengerl? Ein ganz kleines wengerl?« Lenz klang flehentlich.

»Bua, wie lang lebst du schon da?«

Lenz zuckte mit den Schultern. »Mei, wenn du die Zeit meiner Ehe nicht mitrechnest, wohl gute dreißig Jahr. Warum?«

»Hast du in diesen mehr als drei Jahrzehnten jemals eine heiße Marmelad von mir gekriegt?« Resi hielt fragend ihren Kochlöffel in die Höhe, noch immer, ohne sich umzudrehen.

»Mei, wenns du nicht geschaut hast, schon.« Lenz hatte seinen Ellenbogen auf den Tisch gestützt und lachte den Rücken seiner Mutter an.

Endlich sah Resi über ihre rechte Schulter, allerdings in Carolas Richtung. »Caro, hast du das gehört? Spricht man so mit seiner Mutter? Hab ich bei der Erziehung meiner Söhne wirklich komplett versagt?«

Carola betrachtete Tom, der stumm zwischen Lenz und ihr auf der Eckbank saß, vollkommen vertieft in die Lektüre seiner Zeitung. Ohne zu erkennen zu geben, dass er die Anwesenden überhaupt wahrnahm, hatte er in der letzten halben Stunde zwei Haferl Kaffee getrunken und drei Wurstsemmeln verdrückt.

Sie persönlich war ja der Meinung, dass Resi die beiden am besten jeden Tag hätte verdreschen sollen. Dann wäre unter Umständen noch etwas aus ihnen geworden. Aber so? Zumindest Tom, der jüngere der beiden Meisinger-Söhne, Zimmerer von Beruf und verdammt gut aussehend, war in ihren Augen ein hoffnungsloser Fall. Man könne nicht nicht kommunizieren, hatte ein weiser Psychotherapeut einmal festgestellt. Doch Tom hockte vollkommen frei von dieser Erkenntnis einfach da und schwieg. Was, wie gesagt, vielleicht sogar eine Art von Gespräch war, dann aber eine sehr bedrückende. Tom hielt einfach die Klappe, tagein, tagaus. Carola wusste nicht, ob Resi oder Lenz jemals ein Wort mit ihm wechselten. Mit ihr tat er das jedenfalls nicht. Und alles nur, weil sie seinem Italo-Charme so gar nicht erliegen wollte? Klar, total kindisch, und eigentlich konnte sie über sein Verhalten ja auch lachen. Aber es tat dennoch weh. Mehr, als sie zugeben wollte.

Sein älterer Bruder Lenz hingegen war aus anderem Holz geschnitzt. Okay, auch auf seinem Y-Chromosom stand »Ich bin toll«. Wie bei fast allen Männern. Im Gegensatz zu seinem Bruder Tom war er kein Premium-Mitglied im Adonis-Verein, aber hatte ein Herz aus purem Gold, war liebevoll, fürsorglich und aufmerksam. Meistens. Außer, er war gerade dickschädelig, ruppig oder maulfaul. Es gab also bei beiden Meisinger-Herren noch reichlich Luft nach oben.

Aber hier, am gemeinsamen Frühstückstisch am Montagmorgen, konnte sie das natürlich nicht sagen. Also deutete sie ein Nein an und sah in Lenz’ braune Bambiaugen, während er freudestrahlend auf ein Lob aus ihrem Munde wartete. Laurentius Meisinger, meinst du allen Ernstes, du hast mich in der Tasche? Und dein dämlicher Bruder glaubt wohl immer noch, dass Machoallüren im 21. Jahrhundert wie eh und je funktionieren. Ihr beiden, ihr könnt mich mal, dachte sie, um dann gedanklich das Lenkrad rumzureißen und einen U-Turn im Gehirn zu machen.

»Wenn du mich so fragst, Resi«, säuselte sie und sah Lenz unverwandt weiter an, »ich glaube, du hättest die beiden in einen Sack stecken und draufhauen können, du hättest immer den Richtigen getroffen.«

Lenz zog grinsend die Augenbrauen in die Höhe und wies mit dem Daumen erst auf sich und dann auf seinen Bruder, während seine Lippen lautlos »Wieso?« formten.

Carola schüttelte stumm den Kopf, streckte ihre Zungenspitze in den rechten Mundwinkel und bewegte sie auf und ab. Schnell wischte sich Lenz über die Lippen und warf ihr einen stummen Kuss über den Tisch hinweg zu.

»Schau, Lenz, was ich immer sag«, ließ Resi sich vom Herd vernehmen. »Da muss zu meiner Unterstützung erst eine norddeutsche Pflanze zu uns ins Haus kommen, bevor ich euch beiden einmal Herr werde.«

Während seine Mutter sprach, rollte Tom die Zeitung zusammen, schlug damit einmal kurz auf den Tisch und schob sich polternd Richtung Carola aus der Eckbank hinaus. Schnell machte sie ihm Platz. Mit drei Schritten und einem knappen »Servus« war er aus der Küche und ließ die Tür krachend hinter sich ins Schloss fallen.

Sag ich’s doch. Carola sah zur Küchentür hinüber. Jedem Gespräch auszuweichen ist im Grunde nur ein Beweis von Schwäche. Aber im ersten Moment stehen alle anderen dumm da und schauen recht blöd.

Resi hatte nicht zu erkennen gegeben, dass sie den Abgang ihres Zweitgeborenen überhaupt zur Kenntnis genommen hatte, und rührte wieder in ihrem Topf. »Caro, sag einmal, ist nicht heut dieser Wasserschmarrn?«, fragte sie über ihre Schulter hinweg.

Was … Wasserschmarrn? Kurz rang Carola erneut um Fassung. Resi, ehrlich, wenn ich dich nicht wirklich gernhätte, dann …

»Was du Wasserschmarrn nennst, Mutter, nennt der Fachmann – und natürlich auch die Fachfrau – Geothermie«, sprang Lenz Carola zur Seite, während er ihr schon wieder zuzwinkerte.

Danke, Lenz. Carola sandte nun ihrerseits ihm einen Kuss über den Tisch hinweg. Lenz strahlte, als ob sie ihm gerade seinen größten Wunsch erfüllt hätte. Hatte sie ja womöglich auch. Wie glücklich er aussah, dachte sie. Vollkommen entspannt, trotz der menschlichen Schwächen in seiner Familie. Froh, daheim mit ihr an einem Tisch zu sitzen.

Ging es ihr auch so?, schoss es ihr durch den Kopf. War sie auch glücklich, entspannt und froh, mit ihm hier zu sein? War sie daheim?

Nun, gewiss, es gab durchaus schlimmere Orte auf dieser Welt, an denen man in eine neue Woche starten konnte, als den Secklerhof oberhalb des Ammersees, wich sie sich selbst einer Antwort aus. Resis Wohnküche war heimelig, mit dem großen groben Esstisch aus blank gescheuertem Holz, der gemütlichen Eckbank unter den Fenstern, dem riesigen Herd, an dem Resi tagein, tagaus zu stehen schien, um ihren Söhnen und seit einiger Zeit nun auch Carola mindestens zwei Mahlzeiten am Tag zu kochen.

Vor knapp drei Jahren war sie auf diesem oberbayerischen Hof gelandet, weil Resi der Meinung gewesen war, dass sie Carolas Chef, dem Bundestagsabgeordneten Johannes Ludwig, noch einen Gefallen schuldig sei. Und was zunächst nur als kurzer Arbeitsauftrag im bayerischen Wahlkreis gedacht gewesen war, war unverhofft zu ihrem Lebensmittelpunkt geworden. Sie hatte Berlin und ihrer Arbeit als Büroleiterin im Bundestag den Rücken gekehrt und die Leitung des Abgeordnetenbüros in Weilheim übernommen. Der Secklerhof war jetzt ihre Heimstatt, sie hatte das Fünfseenland und ganz besonders den Ammersee kennen- und lieben gelernt. Einige Menschen waren ihr inzwischen richtig ans Herz gewachsen, natürlich Resi, aber auch ihr Kollege Seppi aus dem Wahlkreisbüro. Und Lenz? Er hatte ganz langsam, Schritt für Schritt, ihr Herz erobert.

Nein, das zwischen ihnen war weiß Gott keine Hals-über-Kopf-Lovestory. Ganz im Gegenteil. Sie hatten sich über eine Leiche hinweg kennengelernt, und Lenz hatte nicht nur einmal mit ihr gestritten, weil sie seiner Meinung nach ihre Nase in Angelegenheiten gesteckt hatte, die sie nichts angingen. Immerhin hatte sie den Täter überführt. Na ja, eigentlich hatte eher Lenz sie vor diesem gerettet.

In dieser verrückten Zeit hatten sie sich einander angenähert, langsam, zögernd und auch über ein paar Umwege. Aber Lenz war immer zur Stelle gewesen, wenn sie ihn am dringendsten gebraucht hatte. So wie damals, bei dem schweren Gewitter.

Ein eisiger Schauer rieselte ihren Rücken hinunter. Bis heute fing ihr Puls an zu rasen, wenn sie an den schwülheißen Abend vor über einem Jahr zurückdachte, an das fröhliche Straßenfest unten in der Fischerei und an genau die Sekunde, in der sie erkannt hatte, dass sie einem Mörder gegenübersaß. Und an dessen Blick, in dem die Gewissheit lag, durchschaut worden zu sein. Niemand um sie herum hatte die Gefahr bemerkt, jeder war mit sich beschäftigt gewesen, als ein gewaltiges Gewitter über dem Ammersee niederging, es wie aus Eimern schüttete und eine dreihundert Jahre alte Kastanie nach einem Blitzeinschlag in Rauch aufging. Wenn sie ehrlich war, war es ausschließlich Lenz und seinen Fähigkeiten als Kriminalhauptkommissar zu verdanken, dass sie Tage später nur mit Kopfschmerzen im Krankenhaus aufgewacht war.

Sie lächelte. Lenz war wieder mit seiner Semmel beschäftigt. Nein, so entspannt wie er war sie nicht in seinem Geburtshaus. Und auch nicht daheim. Noch lange nicht. Wie auch? Sie fand es immer noch reichlich seltsam, mit der ausgesprochen dysfunktionalen Meisinger-Familie unter einem Dach zu wohnen und nicht mehr jede Nacht in ihrem Bett in der ehemaligen Gesindewohnung im Haus zu schlafen. Aber glücklich war sie auf jeden Fall, und sehr, sehr froh.

Ein Schweißtropfen löste sich in ihrer rechten Achselhöhle und rann an ihrem Oberkörper hinunter. Heute würde es mindestens so heiß werden wie gestern. Nach dem Aufstehen hatte sie den Mittelweg zwischen formell und sommerlich gewählt und ein hellblaues, ärmelloses Sommerkleid angezogen. Mit einem Gürtel, schicken Sandalen und einer Aktentasche über der Schulter würde ihr Outfit gerade noch als seriös durchgehen.

»Mit Wasser hast du schon recht, Resi«, beendete sie ihren Gedanken, »aber nicht mit Schmarrn. Strom kommt auch in Bayern nicht aus der Steckdose, und Geothermie ist eine Möglichkeit, die Energiewende voranzutreiben.«

»Du hörst dich schon an wie der Johannes, meine Liebe. So sehr ich deinen Chef auch schätze – mir brauchst du mit diesem Politikergeschwurbel nicht zu kommen. Ich weiß schon, was Geothermie ist, brauchst keine Angst zu haben. Aber meinst du wirklich, dass wir das hier brauchen, hier am Ammersee? Was ist denn mit der Sonne? Reicht die nicht?«

Resi drehte das Radio leiser, schaltete den Herd aus und wandte sich ihr das erste Mal an diesem Morgen ganz zu. Während sie ihre Hände mit einem blau karierten Grubentuch abtrocknete, bedachte sie Carola mit einem langen Blick.

»Ganz ehrlich, Resi? Wir müssen für alle Technologien offen sein. Hier am Ammersee machen Solaranlagen und Photovoltaik zwar Sinn, aber der Anteil dieser Energieform am Gesamtbedarf ist immer noch zu gering. Und außerdem, auch wenn du es nicht glauben wirst, scheint ab und an auch in Bayern nicht die Sonne.«

»Akut kann ich mir das zwar nicht vorstellen, aber wenn du meinst, Spatzerl«, schnaufte Lenz und fächelte sich mit einem Werbeprospekt aus der Zeitung Luft zu.

Carola schenkte ihm keine Beachtung. »Was für Möglichkeiten haben wir denn noch, Resi? Wind, okay, aber Windenergie sehe ich für diese Gegend kritisch. Es gibt hier einfach nicht so viel davon. Wind, meine ich.«

»Das ist bei dir da droben ja ganz anders, nicht wahr?«, fragte Resi.

Vor Carolas innerem Auge tauchten grüne Wiesen auf, auf denen Kühe grasten, und Felder mit Kohl. Rotkohl, Weißkohl, Grünkohl. So weit das Auge reichte. Seit etlichen Jahren drehten sich immer häufiger die Flügel der Großwindanlagen darüber. »Ja, bei mir zu Hause an der schleswig-holsteinischen Westküste stehen inzwischen viele Tausend Windmühlen. Etliche sind über zweihundertfünfzig Meter hoch.« Sie grinste. »Unter uns Pastorentöchtern – meine Dithmarscher Mitbürgerinnen und Mitbürger stellen die Anlagen nicht auf ihre Äcker, weil sie überzeugte Anhänger der Energiewende sind. Die machen das des Geldes wegen. Liegen daheim auf dem Sofa, während sich über ihnen das Windrad dreht und Kohle auf ihr Konto plätschert.« Sie dachte kurz nach. »Die Dinger stehen dicht an dicht. Ist zwar politisch nicht korrekt, wenn ich das sage, aber ich finde, meine Heimat ist komplett versaut.«

»Deine Heimat? Schleswig-Holstein? Und ich dachte, deine Heimat wäre hier.« Lenz hatte einen tieftraurigen Dackelblick aufgesetzt.

Carola sah ihn an. Ihre Heimat sollte Bayern sein? Weil der Herr Meisinger das jetzt gern so hätte? Sie rang mit sich, widerstand aber der Versuchung, betört von seinen schönen braunen Augen einzulenken. »Also, mein Kollege im Wahlkreisbüro, der Seppi, der ist der Meinung, dass mein Asylantrag an der Donau hätte abgelehnt und ich schon lang wieder über die Elbe abgeschoben werden sollen.« Sie lehnte sich zurück und sah genüsslich dabei zu, wie sowohl Resi als auch Lenz in ihren Bewegungen erstarrten und nach Luft schnappten.

Ihre Vermieterin fand als Erste die Sprache wieder. »Also, des kannst du jetzt fei nicht so sagen. Du kannst dich doch nicht mit einem Asylbewerber vergleichen!«

»Und warum nicht? Komme ich aus einer anderen Gegend? Ja. Schau ich vielleicht aus wie ihr?« Carola zeigte auf ihre blonden Haare. »Nein. Red ich wie ihr? Nein, ick snack Platt. Und glauben, was ihr glaubt, tu ich schon lange nicht.«

»Jetzt gehst du aber entschieden zu weit.« Lenz setzte sich aufrecht hin und faltete die Hände vor sich auf der Tischplatte.

Carola starrte auf den kleinen Berg aus Fingern und zwang sich, nicht zu kichern. Die beiden waren ja richtig angefressen! Mit so viel Dünnhäutigkeit hatte sie nicht gerechnet. »Meinst du? Ich spür die Unterschiede schon. Ich bin bis in meine Molekularstruktur Schleswig-Holsteinerin und norddeutsch erzogen worden, mit protestantischen Glaubensgrundsätzen.«

»Was soll das denn jetzt heißen?«, fragte Resi spitz.

Carola sah ihr in die Augen. »Damit will ich sagen, dass ich den katholischen Ablasshandel nicht kenne. Ihr geht am Sonntag in die Kirche, beichtet eure Sünden, und am Montag geht’s dann fröhlich weiter. So was gibt’s bei uns nicht.«

»Bei euch da oben sind alle ehrlich, oder was? Das glaubst du doch selbst nicht.« Lenz klang pikiert.

Carola lächelte ihn über den Tisch hinweg an. »Das hab ich nicht gesagt. Ich meinte damit die Haltung hier, die kleinen Dinge des Alltags. Mal ein Beispiel: Wenn hier jemand über einen anderen sagt: ›A Hund isser scho‹, dann weiß jeder Bescheid, was damit gemeint ist.«

»Nämlich?« Lenz spitzte indigniert die Lippen.

»Nämlich, dass derjenige gerade Recht und Gesetz über Gebühr gedehnt und sich dabei nicht erwischen hat lassen. Und dafür zollt ihr demjenigen größten Respekt. Über jemanden zu sagen ›A Hund isser scho‹, das ist gleichbedeutend mit Anerkennung. Und genau das kennen wir bei uns in Schleswig-Holstein nicht.«

»Dafür kennt ihr jetzt die Großwindanlagen umso besser, nicht wahr? Nix mehr mit Schimmelreiter und Deichgraf, oder wie?« In Resis Blick lag Neugier.

Carola zog die Augenbrauen in die Höhe. Elegant das Thema gewechselt, Resi! »Schimmelreiter? Chapeau, meine Liebe, wusste gar nicht, dass man Theodor Storm auch im tiefsten Bayern liest. Nein, der moderne Hauke Haien betankt«, sie malte Anführungszeichen in die Luft, »sein Elektroauto mit Strom aus seiner eigenen Windkraftanlage.«

»Und du meinst also, Wind ist für uns hier nix, aber Geothermie schon?« Lenz sah sie fragend an.

Carola fixierte ihn kurz. Seine Stimme hatte nicht nach Revanche geklungen, die Heimatdiskussion schien vom Tisch zu sein.

»Was weiß denn ich? Schauen wir mal, dann sehen wir schon. Im Gegensatz zur Sonne, die öfter nicht scheint, und zum Wind, der in dieser Gegend nun mal nicht bläst, ist das Wasser aus der Erde immer heiß. Und zwar vierundzwanzig Stunden am Tag, sieben Tage die Woche, zweiundfünfzig Wochen im Jahr. Das ist die gute Nachricht. Die schlechte ist, dass zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht klar ist, ob es am Ammersee überhaupt einen geeigneten Standort gibt. Die einen sagen Ja, die anderen, Überraschung, Nein. Das übliche Theater. Auf Deutsch, bisher sind wir über Vorgespräche nicht hinausgekommen.«

»Und was genau soll die Veranstaltung dann bezwecken?«, fragte Resi.

Carola zuckte mit den Schultern. »Das Ding heißt Ammersee-Geothermie-Gipfel. Klingt doller, als es ist. Wir bringen heute das erste Mal sämtliche Entscheidungsträger zusammen. Der Projektverantwortliche aus München und der finnische Investor Espoo sind mit dabei, die Bürgermeister aus den anliegenden Gemeinden, der Landrat, die Bundestagsabgeordneten und die Eigentümer der Grundstücke, auf denen vielleicht gebaut wird. Handfeste Ergebnisse sind aber nicht zu erwarten. Im Grunde ist das eine voll emotionale Kiste, deshalb sollen die sich erst mal nur beschnuppern, mehr nicht.« Sie wedelte mit den Händen durch die Luft. »Johannes macht einen auf Elder Statesman, und Seppi und ich sorgen dafür, dass alle sich wohlfühlen. Du kannst mir die Daumen drücken, dass die Herrschaften artig sind und sich gut benehmen.«

Resi runzelte die Stirn. »Ein Treffen der Grundstückseigentümer? Hier, vom See? Mit einem Investor? Aus München? Ein Extriger will hier Grund aufkaufen?«

Carola rollte innerlich mit den Augen. Da war er wieder, der Lieblingsaufreger am Ammersee. Es gab wenig, was die Einheimischen auf die Palme brachte. Es sei denn, Immobilien wechselten ihren Besitzer. »Meines Wissens hat das doch hier Tradition. Hat nicht irgendein Graf im 12. Jahrhundert Dießen an irgendwen vercheckt?«

»Verschenkt, meine Liebe, verschenkt«, gab Resi mit saurer Miene zurück.

»Ah! Verschenkt! Das ist natürlich etwas ganz anderes. Soso.« Carola wartete auf eine Reaktion.

Aber Resi schwieg.

»Anyhow. Wenn ein Investor etliche Millionen Euro in die Hand nimmt und eine Geothermieanlage baut, muss er dafür die Flächen besitzen.« Carola faltete die Hände vor sich auf dem Tisch.

Resi stemmte die Arme in die Hüften. »Und dein Chef unterstützt es also, dass unsere Heimat an einen ausländischen Investor verkauft wird?«

»Moooment.« Carola legte ihre Hände betont langsam flach vor sich hin. »Hörst du mir überhaupt zu? Ich hab doch eben gesagt, dass ich selbst ein großes Problem damit habe, dass meine Heimat, so wie ich sie in Erinnerung habe, mit gigantischen Windrädern zugebaut wurde. Um jeden Preis geht Energieerzeugung auch nicht, da bin ich vollkommen bei dir. Aber als Industrienation brauchen wir Energie, in dem Punkt sind wir uns doch hoffentlich einig. Und in Bayern könnte Geothermie eben eine Möglichkeit sein.«

Resi sah sie an und schwieg erneut.

»Nun komm schon, das ist doch jetzt nicht dein Ernst! Für dich ist es also völlig okay, wenn meine schleswig-holsteinische Heimat versaut wird, Hauptsache, bei euch daheim in Bayern bleibt ihr davon verschont?«

»Was für Land soll das denn sein?«, fragte Resi spitz, ohne auf Carolas Frage einzugehen.

Gott, manchmal nervt diese Frau wirklich … »Grünland, soviel ich weiß.«

Resi lachte auf. »Ach, Wiesen! Kein Bauland also. Das hättest auch gleich sagen können.« Sie machte eine wegwerfende Handbewegung. »Das ist ja ganz etwas anderes. Dann sehe ich bei einigen schon die Dollarzeichen in den Augen. Die Bauern hier werden dir um den Hals fallen, wenn der Quadratmeterpreis auf über zehn Euro steigt.«

Carola schob ihren Teller weg und verschränkte die Arme vor der Brust. Soso, für Frau Meisinger galt also einmal mehr das Sankt-Florians-Prinzip. »Aha, wenn jemand profitiert, dann findest du das auf einmal wieder gut, oder wie? Aber wie jede hat auch diese Medaille zwei Seiten.«

Ein feines Lächeln umspielte Lenz’ Lippen. »Ah, ich verstehe, Caro. Du meinst die Schäden, die aufgetreten sind, nicht wahr?«

Resi schaute erschrocken. »Du meine Güte, Schäden? Was für Schäden denn?«

Carola strich mit beiden Händen ein imaginäres Tischtuch vor sich glatt. »Wie gesagt, zwei Seiten. Bei so einer Sache gibt es immer Gewinner und Verlierer. Die Grundstückseigentümer, deren Grünland mit einer Änderung des Flächennutzungsplanes zu einem Sondergebiet für Geothermie werden könnte, knacken den Jackpot, aber alle anderen schauen womöglich mit dem Ofenrohr ins Gebirge. Immer wieder hat es Berichte gegeben, dass Risse an Gebäuden auftreten. Auch von Erdstößen ist die Rede. Die Immobilienpreise in der Nähe solcher Anlagen sind teilweise drastisch gesunken. Sie –«

»Um Himmels willen, das ist ja eine Katastrophe«, fiel Resi ihr ins Wort. »Stell dir nur mal vor, dein Haus ist auf einen Schlag nix mehr wert! Und das nur wegen diesem Wasserschmarrn!«

»Oh, oh«, machte Lenz. »Da wünsch ich dir viel Spaß mit den Grundstücksbesitzern. Das hört sich verdammt nach Ärger an.«

Carola sog genervt Luft durch die Nase ein. Mal wieder war es denen so was von wurscht, dass der Meeresspiegel dramatisch stieg. Hauptsache, man blieb Immobilien-Millionär. »Stimmt. Aber noch ist ja nichts entschieden. Klar ist nur, dass die geologischen Gegebenheiten hier in der Region theoretisch passen könnten. Wenn wir heute ausgelotet haben, wie die Gemeinden und die Grundbesitzer ticken, wissen wir hoffentlich schon mehr.«

»Ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung, ob ich dir dafür Glück wünschen soll, Caro.« Resi klang zweifelnd. »Ich brauch dir ja nicht zu sagen, welchen Nerv du triffst, wenn die Leut hier den Wert ihrer Immobilien in Gefahr sehen.«

Spöttisch grinsend stützte Carola ihren Kopf in beide Hände. »Gell? Ich zitiere mal einen mir näher bekannten Mitarbeiter der bayerischen Kriminalpolizei: ›Es ist schon für weniger ein Mord begangen worden.‹«

»Verschrei’s nicht, Caro.« Lenz’ Lippen lächelten, aber sein Blick war ernst.

Carola warf ihren Kopf zurück und schüttelte ihre blonden Haare. »Ach, kommt schon, Leute, wo bleibt denn heute bloß euer Humor? Das war ein Wihitz!« Sie beugte sich über den Tisch und grinste Lenz provozierend an.

Der hatte schon den Mund für eine Antwort geöffnet, als sein Telefon sich brummend über den Tisch schob. Er warf einen Blick auf das Display. »Moment, Caro, da muss ich rangehen. – Franz, wo pressiert’s?«, begrüßte er seinen Kollegen Franz Pollinger, der am anderen Ende der Leitung war.

Oh, oh, dachte jetzt Carola im Stillen, als sie Pollingers gedämpfte Stimme vernahm und zusah, wie sich Lenz’ Miene zunehmend verdüsterte.

»Wo? Am Nixenweiher? – Ja klar, das ist ja gleich ums Eck. KTU ist informiert? – Gut. Ruf auch die Hundestaffel. Für Wasser- und Flächenortung. Bin in fünf Minuten da.« Er legte auf. »Ich muss los. Wir haben eine Leich.« Er rieb sich mit beiden Händen über das Gesicht. »Wobei, das stimmt nicht. Wir haben ein Stückerl von einem Menschen, und dieses Stückerl lebt nicht mehr.« Er ignorierte den fragenden Gesichtsausdruck seiner Mutter, stand auf und drückte Carola im Vorbeigehen einen Kuss aufs Haar. »Wir zwei, wir machen heut auf d’ Nacht Brotzeit miteinander, gell? Ich brauch etwas, auf das ich mich freuen kann.«

»Servus, Lenz.« Carola hörte, wie hinter ihrem Rücken die Küchentür geöffnet wurde, und starrte den leeren Platz an, wo gerade noch Lenz gesessen hatte. Toll. Montagmorgen und Lenz hat – was? Ein Stückerl von einer Leich? Großer Gott …

Sie runzelte die Stirn. Moment, bildete sie sich das ein, oder war es plötzlich dunkler in der Küche geworden? Sie fuhr sich mit der rechten Hand über den Bauch. Und was war denn das? Wieso war ihr plötzlich flau im Magen? Angewidert schob sie ihren Teller von sich. Herrgott, auch noch ein rumpelnder Magen, das konnte sie heute wirklich nicht gebrauchen. Und überhaupt, was sollte das, ihre Verdauung war doch sonst aus Stahl. Selbst indische Rohkost zwang sie nicht in die Knie. Aber eine Todesnachricht? Sie fröstelte. Oder hatte sie sich eine Sommergrippe eingefangen? Oder Lenz beim Rausgehen vergessen, die Tür zu schließen? Sie drehte sich um, als sie im Augenwinkel etwas wahrnahm. Etwas? Eine Gänsehaut raste ihr Rückgrat empor, erreichte erst ihre Kopfhaut und breitete sich dann auf ihren Oberarmen aus. Etwas? Hatte sie etwa …? Sie wagte nicht, den Gedanken zu Ende zu denken. Abrupt stand sie auf, rief: »Servus, Resi, ich muss!«, lief mehr, als dass sie ging, zur Küche hinaus und durch die Haustür ins Freie.

Gierig streckte sie ihr Gesicht der Morgensonne entgegen, schloss die Augen und entschied sich, nicht mehr an das milchig durchscheinende Wesen zu denken, das vor ihrer Nase durch Resis Küche geschwebt war.

Bruchtal

Der Mann war Chef. Zumindest schien er sich selbst so gesehen zu haben. Stand jedenfalls in dezentem Grau auf der zerfetzten schwarzen Socke, die noch in dem Sneaker steckte.

Angeberschuh, dachte Lenz. Brutal auffällig. Die Sohle unterhalb der dicken Luftpolster war neonorange, das Logo knallschwarz gegen das schneeweiße Hightech-Material abgesetzt. Schwarzes Innenfutter und weiße Schnürsenkel verstärkten den Kontrast noch.

Mit dem Handrücken wischte er sich über die Stirn. Herrgott, war das heiß. Der Schutzanzug, in dem er steckte, machte die Sache nicht gerade besser. Lenz ging in die Knie, beugte sich etwas vor und neigte den Kopf. Aus der Socke ragten Gelenkknochen. Saubere weiße Gebeine, an einigen Stellen gelblich-schwarz verfärbt.

»Schöne Arbeit. Kein Bruch, direkt oberhalb vom Fußgelenk durchtrennt. Was meinst du?«, hörte er Franz’ Stimme neben sich.

»Kann sein. Oder auch nicht«, sagte Lenz, ohne seinen Blick von den Knochen zu wenden. »Könnte sich aber auch durch Verwesung vom Körper gelöst haben. Müssen die Rechtsmediziner klären.« Er stützte seine Hände auf den Knien ab, richtete sich auf und winkte einen Kriminaltechniker im weißen Overall zu sich, der eine Kamera in der Hand hatte.

»Mach doch bitte noch ein paar Fotos und stell die sofort in die Ermittlungsakte ein. Wann kommt die Rechtsmedizinerin? Der Fuß muss ins Labor. Wenn der Tierfraß am Fuß innerhalb des Schuhs nicht zu weit fortgeschritten ist, kann vielleicht noch etwas Gewebe für einen DNA-Abgleich sichergestellt werden.«

»Was denkst du? Unfall? Oder schließt du das aus?«