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André Königfischer wechselt Land und Identität, um mit nun wieder weißer Weste in einer »besseren Gesellschaft« ein neues Leben zu beginnen und findet Arbeit in der Spielwarenfabrik Katharinenthals, einer Stadt an der Grenze zu seiner alten Heimat. Beargwöhnt und umworben, lernt er Stadt und Leute kennen und lebt sich trotz diverser Widrigkeiten ein, in einem Umfeld, in dem sich schon bald auch für ihn unübersehbar die Anzeichen zunehmenden Verfalls und eines nahenden Umbruchs häufen.
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Seitenzahl: 74
Veröffentlichungsjahr: 2014
Darius Amberger
NACHTIGALL AUS HALBEN TÖNEN
Miniaturroman
Engelsdorfer Verlag
Bibliografische Information durch die
Deutsche Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet überhttp://dnb.dnb.de abrufbar.
Copyright (2014) Engelsdorfer Verlag Leipzig Alle Rechte bei Darius Amberger
Umschlagabbildung: 361° No. 2 von Liilá Choi (Relief-Bild)
Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)
www.engelsdorfer-verlag.de
Cover
Titel
Impressum
Kapitel 0
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
»Hier oben ist der Punkt«, Maiwald – so der Name, unter dem ihn sein Gast kannte – deutete auf die eigene Stirn, »an dem sich alle Wege kreuzen, wobei der Kopf mitunter voller Grillen ist. Gleichwohl hat jeder rechte Schritt eine ganz bestimmte Richtung und wo die Sonne aufgeht, kann sie schwerlich untergehen.«
Mit der eigenen Wortwahl offenbar im Reinen, griff er nach zwei Karten – vor ihm lagen die Reste eines Decks – und lehnte sich zurück. »Sie werden sich wohlfühlen in unserem Land, sofern Sie dies auch wollen, und die Zeit wird Ihnen auf der Zunge zergehen. Sie werden Teilhaber einer besseren Gesellschaft, selbst wenn der Kopf noch kaum über die Schwelle reicht. Sie werden die Fenster am hiesigen Himmel sehen und vielleicht da und dort einen Querulanten. Sie aber – so viel setzen wir voraus – werden auf dem Teppich bleiben, solange das Ding fliegt, denn von hier bis gestern ist es nur ein halber Schritt. Was man nicht sagt, fällt einem nicht auf die Füße, denken Sie nicht auch? Nein, nein, antworten Sie jetzt nicht, sonst stürzt hier alles ein.« Letzteres ergänzte er mit gesenkter Stimme, während er das Bauwerk auf seinem Schreibtisch um die beiden Karten erweiterte.
»Wenn es fertig ist, wird es wie eine Baustelle ausschauen. Perfektion im Rohzustand, wie unser ewig junges Land. Was wir besitzen, ist Potential. Was wollen wir mehr? Wir sind zufrieden mit dem, was wir nicht haben, denn Kümmernisse machen das Leben erträglich. Lieber ein paar zu viel als zu wenig davon. Dass andere die Taschen voller Klunker haben, bringt sie gewöhnlich nicht weiter.« Er nahm erneut zwei Karten. »Einen Medailleur aus Übersee hatte es einst zu uns verschlagen. Nach einer Woche meinte er, es wär' nicht auszuhalten, doch schon einen Monat später wollte er nicht mehr weg. Seither gilt er als Spezialist für große Köpfe, Klassikerköpfe, die bekanntlich nach dem Tod noch wachsen. Auch sie allesamt nicht ohne Rätsel, und wer sie voll und ganz versteht, der hat sie nie gelesen, ihre Schriften, welche uns als Schuhwerk dienen. Sie haben richtig gehört. Ein höchst robustes Schuhwerk. Ein rechter Satz aus solchem Erbe, vermag so manche Tür zu öffnen.
Der Band im Schmuckschuber ist für Sie, als Wegweiser unterm Arm sozusagen, wenn es so bequemer ist. Daneben die neuen Papiere. André Königfischer, wie gewünscht. Ihre Weste ist nun wieder weiß. Im Kuvert finden Sie auch eine Nummer, unter der wir zu erreichen sind und die Sie bitte memorieren. Papier muss nicht alles wissen. Und falls Sie jemand wiedererkennt – da dürfen Sie nicht zögern.«
Der Abschied war freundlich und beim Verlassen des Raumes blickte der Gast zum Tisch zurück. Das Kartenhaus stand noch.
Als Joseph noch Bendel-Sepp hieß und Zündhölzer schnitzte, fühlte er sich wie das Opfer einer Geschichte, die bald jemand schreiben würde. Doch die Zeit verging und nichts geschah, worauf er nach Fürsprache eines Freundes in die Redaktion der Betriebszeitung wechselte und fortan statt Bendel-Sepp nur noch Joseph genannt werden wollte. Allein dieser Name sei groß genug, der andere nun merklich zu knapp.
Dank zeitgemäßer Kopfhaltung erwies sich Joseph seiner neuen Profession als durchaus gewachsen, auch beschrieb er die Dinge selten, wie sie waren, sondern vorzugsweise so, dass ihn jeder verstand. Überhaupt blieb er weiterhin volksnah, mit geduldigen Füßen und das Hemd halbtags geöffnet, genau so wie er an einem Septembertag auf dem Bahnhofsvorplatz von Katharinenthal stand, wo er, nachdem er neben anderen Zündholzwerkern und diversen Honoratioren der Stadt der Einweihung einer Gedenktafel beigewohnt hatte, einen jungen Mann mit Koffer, Rucksack und zwei Hüten auf sich zukommen sah.
»Auf welchem Weg komme ich zur Färbergasse?«, fragte der Hüteträger nach kurzem Gruß.
»Hängt davon ab, woher Sie kommen«, erwiderte, ihn misstrauisch beäugend, anstelle des angesprochenen Josephs ein mit Orden gepanzerter Volksvertreter, wonach zwar auch Joseph noch zu einer Antwort ansetzte, der Fragende aber bereits dankte und – nach kurzem Blick auf den leeren Taxistand – in Richtung Innenstadt weiterging.
Am Ende des Platzes traf der Hüteträger auf eine Gruppe Personen, in deren Mitte ein Kreidekreis zu sehen war, worin eine Dame in einbeiniger Hose stand und die Hand nach einem Bub mit Schulranzen ausstreckte, der sich partout weigerte, in eben jenen Kreis zu treten, denn dieser, so der Bub, sei ihm etwas zu rund. Für den Neuankömmling wurde sogleich ein Zugang zum Kreis geschaffen. Die Umstehenden musterten seine Weltbürgertracht, und auch die Trägerin der einbeinigen Hose hatte sich nun ihm zugewandt: »Herzlich willkommen. Treten Sie bitte ein!«
»Zu freundlich von Ihnen«, entgegnete er, seine beiden Hüte anhebend. »Aber wie ich zur Färbergasse finde, würde ich gern wissen.«
»Sie haben sich verlaufen? Dann sind Sie hier richtig.«
»Letzteres könnte schon sein.« Erst jetzt schaute er ihr ins Gesicht und sah ein aufgemaltes Lächeln, das ein wenig verwischt war. »Je unbekannter ein Ort, desto eher fühle ich mich zu Hause.«
»Zum Glück haben wir so wenig, dass wir nicht viel haben,« erklärte darauf eine Frau aus der Runde, griff nach einem Eierkorb und ging ihres Weges.
Das verwischte Lächeln blickte ihr eine Weile nach und sagte: »Sie wohnt in der Färbergasse; wahrscheinlich brauchen Sie ihr nur zu folgen.«
Der Hinweis war nicht lange von Nutzen, verschwand doch die Frau mit Korb alsbald in einer Tür, welche sich laut Straßenschild in einer Scharfen Gasse befand und diese war in der Tat recht schmal und gekrümmt. Die Richtung sei jedoch die richtige, wurde ihm vor jener Tür versichert.
Sobald eine der grauen Häuserreihen endete, kreuzten Windböen seinen Weg, weshalb er des Öfteren nach seinen Hüten greifen musste. Er ging über einen baumlosen Platz mit überlangem Namen und einer gewichtigen Steinskulptur, neben der, wie ein voluminöser umgestülpter Mülleimer, eine Litfaßsäule stand, und erreichte ein seltsam nach Vanille riechendes Gewässer, den sogenannten Fischbach, auf dessen anderer Seite sich sein neues Zuhause befinden musste.
Einen Ortsteil mit grüner Luft hatte ihm ein Betreuer versprochen, möglicherweise wegen dem Weideland dahinter. Das Stadtviertel selbst zeigte sich im bereits gewohnten Grau. Ungeschminkt.
Die gesuchte Hausnummer prangte an einem Tor, über dem geschrieben stand: Schriftzug über dem Tore. André schaute sich um, konnte aber anderswo keine ähnlichen Späße erkennen. Als ihm die Tür in jenem Tor nach mehrmaligem Läuten geöffnet wurde, fiel sein Blick zuerst auf eine Hornbrille, denn diese war, so sein Eindruck, zu klobig für den kleinen Kopf.
»Sie sind…? Nein, sind Sie nicht. Sie sind der Herr Königfischer«, begrüßte ihn ein älterer Herr.
»Ja, korrekt. André Königfischer.« Sie gaben einander die Hand.
»Halver, wie auf dem Klingelschild, Paul Halver. Ist dies Ihr ganzes Gepäck? Brauchen Sie Hilfe?«
André lehnte dankend ab und folgte ihm zum Haus.
»Und Sie kommen wirklich von der anderen Seite?« Der Hausherr blieb kurz stehen und betrachtete ihn von den Schuhen aufwärts. »So etwas soll allerdings vorkommen. Auf dem Weg zu sich selbst plötzlich hier gelandet. Dass der Fluss am linken Ufer ein anderer als am rechten ist, werden Sie sicher schon bemerkt haben.«
»Mag sein, dass der Fluss bislang am hiesigen Ufer zu wenig und am anderen Ufer zu viel an Land gespült hat, wenn Sie das meinen.«
»Was fehlt, ist nicht überflüssig, nicht wahr? Aber nicht viel zu haben, ist auch nicht gerade unerheblich.« Paul Halver lachte, rückte seine Brille zurecht und führte André über nicht gänzlich unmusikalische Holzstufen zum oberen der beiden Stockwerke, wo hinter dem Endstück des Geländers ein Spiegel hing, so dass der Handlauf durch das Glas hindurchzugehen schien.
»Ihre Wohnung«, sagte Halver beim Öffnen der Tür. »Zum Teil möbliert. Fernsehapparat und Kühlschrank wurden gestern geliefert.«
André Königfischer ging durch Flur, Bad und Wohnzimmer. Letzteres hatte Fenster nach Süden, wenngleich das Licht nur spärlich durch die schmalen Scheiben kam. In einer Ecke stand ein Kachelofen und in der Mitte des Raumes sah er ein Tischtuch mit vier Beinen. Ein Schachtisch, stellte André zufrieden fest, bevor er einem Tropfgeräusch zur Küchenspüle folgte. »Wasserhähne müssen keinen schmelzenden Tenor haben, aber sollten sie nicht dicht halten können?«
»Tut mir leid. Wir haben es mit allem versucht, was wir finden konnten, doch schließt nun immerhin die Küchentür, so wird es nächtens kaum zu hören sein.«
