Nachtigall und Webervögel - Margit Boßhammer - E-Book

Nachtigall und Webervögel E-Book

Margit Boßhammer

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Beschreibung

Ella grübelt. Und Ella ist traurig. Die Tage werden kürzer und die äußere Welt stiller. Ellas innere Welt jedoch ist bereits seit vielen Wochen in diesem Zustand. Die dunklen und schwermütigen Gedanken haben den Raum in ihrer Seele erobert, eingenommen und besetzt. Dies ist die Geschichte von der vierzehnjährigen Ella auf dem Weg durch ihren inneren Irrgarten aus Depression und Trauer, Hoffnung und Schmerz, Glaube und Zweifel. Begleitet von ihrer Psychologin Frau Nikolei, ihrem neuen Freund Immanuel und der scheuen kleinen Hündin Finni lernt Ella, dass Gefühle eine Farbe haben können, dass Gott im Leid erfahrbar ist und dass neue Hoffnung manchmal auf vier Pfoten in das Leben kommt.

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Inhaltsverzeichnis

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Epilog

Prolog

Voller Liebe und Anteilnahme sieht er seine Kinder an. Er sieht ihren Kummer nicht nur, er fühlt ihn. Ihr Schmerz ist auch der seine. Bedrängnis, Trauer und Haltlosigkeit sind vor seinem allwissenden Blick nicht verborgen. Ohne Unterlass flüstert er ihnen das wunderbare und unbegreifliche Geheimnis in die Herzen, das sie nie mit dem Verstand begreifen, und dennoch in der Tiefe ihres Seins erfahren können. Zwischen den lauten Stimmen der Welt ist dieses Flüstern für die inneren Ohren hörbar. Es vermag, einem zarten goldenen Faden gleich, die Finsternis zu durchwirken. Dort, wo es Einlass findet, entflammt ein Licht. Ein Licht der Wärme und ein Licht der Hoffnung. Das Geheimnis der Liebe und der Heilung wohnt darin. Nie werden sie es gänzlich ergründen können. Und nie werden sie erfassen können, was es bedeutet, dass er all ihre Schmerzen für sie ertragen hat. Er ist bereit, die Arme weit geöffnet, seine Sehnsucht ist groß. Er sehnt sich danach, sie an sein Herz zu führen und ihre Tränen zu trocknen. Ihnen das Geheimnis des Lichts zu offenbaren.

≈ Ich lasse dich genesen und heile dich von deinen Wunden. ≈ Jeremia 30,17, Gott

Kapitel 1

Gegenwart

Ella grübelt. Und Ella ist traurig. Sie sitzt im Garten auf der Schaukel und lässt die Beine baumeln. Das Schaukelbrett ist zwar schon sehr verwittert, aber immer noch stabil. Wenn sie nicht aufpasst, zieht das aufgeraute Holz ihr Laufmaschen in die Strumpfhosen. Über ihr lässt der Ahornbaum sein buntes Kleid zu Boden fallen. Bei jedem Windstoß regnet es rote, gelbe und braune Blätter. Die Wiese ist bereits vom Laub der Bäume zugedeckt und es raschelt und knistert beim Hindurchlaufen. Ella jedoch sieht nur den grauen und wolkenverhangenen Himmel. Sie fröstelt. Hier und da schenkt der Herbst noch ein paar sonnige Tage, aber insgesamt stellt sich nach und nach die ungemütliche und dunkle Jahreszeit ein. Die Tage werden kürzer und die äußere Welt stiller. Ellas innere Welt jedoch ist bereits seit vielen Wochen in diesem Zustand. Die dunklen und schwermütigen Gedanken haben den Raum in ihrer Seele erobert, eingenommen und besetzt.

Als Ella noch jünger war, liebte sie das Schaukeln, ganz hoch, sodass ihre wilden Locken im Wind um ihren Kopf tanzten und es im Bauch kitzelte. Aber nun ist sie schon älter, immerhin schon fast vierzehn. Auf der Schaukel sitzt sie inzwischen nur noch zum Nachdenken. Sie mag den kräftigen großen Baum mit seiner vollen und mächtigen Krone, an dessen starken Ast die Schaukel befestigt ist. In die Baumkrone ist sie damals immer gerne geklettert. Von dort oben konnte sie dann nicht nur beobachten, wie Opa die Hecke schnitt oder wie Oma mit viel Hingabe ihr Gemüsebeet hegte und pflegte, sondern hatte auch stets einen guten Überblick über die Geschehnisse in der Nachbarschaft. Da sie so gut klettern konnte, war Ella bei der Apfel-und Kirschernte immer für die oberen Äste zuständig, an die Opa selbst mit seiner Leiter nicht nah genug herankam. Oma sah es nicht gern, wenn Ella sich in dem Geäst so hoch hinauswagte. Aber Opa wusste, wie geschickt und sicher seine Enkeltochter klettern konnte. Noch kein einziges Mal war sie dabei heruntergefallen.

Aber auf Bäume kletterte Ella schon lange nicht mehr. Sie ist schließlich kein Kind mehr. Ella versinkt oft sehr tief in ihren Gedanken. Manchmal denkt sie so lange und intensiv nach, bis ihr der Kopf weh tut. Wenn es besonders traurige Gedanken sind, dann schmerzt davon ihr Magen. Und wenn der Magen schmerzt, dann ist es schwer etwas zu essen. Nachts kann sie oft sehr lange nicht einschlafen. Wenn man aber immerzu traurig ist, zu wenig schläft und wenig isst, dann ist es auch schwierig, sich in der Schule zu konzentrieren. Und so führt gerade eins zum anderen und Ella hat das Gefühl, dass ihre Welt immer schwieriger und hoffnungsloser wird. Die Sonne scheint ihre Strahlkraft verloren zu haben. Die prächtigen bunten Gladiolen, die den Garten jedes Jahr im Herbst nochmal richtig schön dekorieren und die sie eigentlich so liebt, nimmt sie in diesem Oktober gar nicht wahr. Es ist, als hätte sich ein Nebel um sie herum ausgebreitet. Wie zähe Spinnweben hat diese Traurigkeit sie mehr und mehr eingesponnen. Die Zeit verliert hin und wieder völlig ihren Takt und ihre Seele an Lebendigkeit. Selbst Omas Apfelkuchen hat den süßen und zimtigen Geschmack verloren. Sie backt ihn, seit Ella denken kann, auf die gleiche Weise und ist eigentlich ihre Leibspeise. Aber sie hat einfach keinen Appetit mehr. Und die Schule… da geht sie auch nicht mehr gerne hin. Die Freude am Lernen ist mit allen anderen Freuden verschwunden. Mit ihren Mitschülern mag Ella in den Unterrichtspausen keine Zeit verbringen und sucht die Einsamkeit. Der liebe und freundliche Herr Blumberg - Ellas Klassenlehrer, den sie sehr mag und über dessen humorvolle und witzige Art sie immer hatte lachen können - vermag es nicht einmal mehr, seiner einst so fröhlichen Schülerin ein Lächeln zu entlocken.

Schon Ellas ganze Kindheit über gab es eine seh schmerzvolle Facette in ihrem Leben: Das bedrückende Verhältnis zu ihrer Mutter. Mit den Jahren schaffte Ella es jedoch, mit diesem Kummer umzugehen. Zumindest hatte sie das gedacht... Im letzten Juli, vor beinahe vier Monaten, erfuhr ihre Seele dann eine kaum zu ertragende Erschütterung, die Ella den Boden unter den Füßen wegzog. Sie verlor einen kostbaren und geliebten Menschen an ihrer Seite - ihre beste Freundin. Seither steht sie diesem Verlust hilflos und resigniert gegenüber.

„Ella, hörst du mich denn nicht?“, Omas Stimme dringt wie gedämpft an ihr Ohr und in ihre Wahrnehmung. „Ich rufe dich schon zum dritten Mal! Wo bist du denn schon wieder mit deinen Gedanken?“ Ella schaut in die Richtung, aus der Oma gerufen hat. Sie hat das Küchenfenster geöffnet und beugt sich über das Fenstersims nach draußen. Dabei drückt sie ein bisschen die Küchenkräuter platt, die im Blumenkasten vor der Fensterbank hängen. Außerdem weht Ella der Duft von frisch gebackenem Brot in die Nase. „Komm bitte rein Ella, es wird kalt! Meine Güte, du hast ja nicht mal eine Jacke an! Frierst du denn nicht?“ Ella gleitet von der Schaukel und seufzt. Ja, sie friert. Und es ist ihr egal. Frieren ist besser, als sich so leblos zu fühlen - denn das macht ihr sehr zu schaffen. Langsam folgt sie Omas Aufforderung und geht hinüber zum Haus. Ihre Füße fühlen sich so schwer an - so schwer, wie ihr Herz. Und so geht sie, umhüllt von dieser Schwermut und mit gesenktem Kopf ins Haus. Es ist Abendbrotzeit. Aber heute ist wieder so ein Tag, an dem der Magen sich wie ein Klumpen Blei anfühlt. Und sie verspürt einfach keinen Hunger.

Kapitel 2

Gegenwart

Das ist Ellas Familie: In einem kleinen Häuschen am Stadtrand wohnen Oma, Opa, Ella, ein paar Hühner und die betagte rundliche Katze Mia. Ellas Oma heißt Bruni. Sie hat ein sehr herzliches und fröhliches Gemüt. Es fällt ihr sehr leicht, für jeden, dem sie begegnet, ein liebes oder ermutigendes Wort zu finden und ihr Lachen hört man oft schon aus der Ferne. Nur Ungerechtigkeit kann sie nicht leiden. Darauf kann sie dann auch mal energisch reagieren und nimmt kein Blatt vor den Mund. Sie betreibt ein gemütliches, kleines Buch-Café. Das ist ein ganz besonderes kleines Geschäft. Oma verkauft dort nur Bücher, die ‚Ja zum Leben sagen‘, wie sie meint. „Nichts Blutrünstiges, Finsteres oder Oberflächliches kommt über meine Ladentheke!“, ist ihre Devise. Die Regale sind vollgestopft bis unter die Decke. Eine Wandfläche hat sie bewusst freigelassen, um dort noch unbekannten, aber talentierten Künstlern aus ihrem Städtchen eine kostenlose Ausstellungsfläche zur Verfügung zu stellen. Das Besondere an diesem sehr beliebten Geschäft ist, dass Oma eben nicht nur Bücher dort verkauft, sondern auch leckere Kuchen, köstliches Gebäck, Kaffee und andere Getränke. Und da sie so unglaublich gut backen kann, eine liebenswerte Frohnatur ist und die speckigen, dunkelbraunen Ledersessel so unglaublich gemütlich sind - wenn man sich hineinsetzt, kommt man beinahe nicht wieder heraus -, ist ihr Geschäft ein sehr beliebter Ort in der kleinen Stadt. Die Kunden finden es toll, bei einer Tasse Cappuccino und einem Stück Pflaumenkuchen in den Ansichtsexemplaren zu schmökern. Meistens kaufen sie sich dann nach der Probelektüre mindestens ein Buch.

Opa Jakob hingegen ist ein sehr ruhiger und achtsamer Zeitgenosse, der lieber zuhört als spricht. Und wenn er spricht, dann denkt er zuvor erst einmal gründlich nach und wählt seine Worte sehr sorgfältig aus. Auch er ist sehr liebenswürdig und gutherzig. Opa ist Ornithologe und Fotograf. Dies hat ihn zusätzlich auch zum Buchautoren werden lassen. Aber inzwischen fotografiert er nicht mehr beruflich, sondern nur noch zur eigenen Freude. Er zieht sich zunehmend vom Trubel der Stadt zurück und scheut es, unter Menschen zu sein. Stattdessen kann er viele Stunden damit verbringen, still und beinahe bewegungslos vor seinem Kamerastativ zu stehen, um einen Fischreiher zu beobachten, der ebenso reglos wie Opa in einer Baumkrone sitzt. Sein ganzer Stolz ist das brillant getroffene Bildnis eines Rotmilans im Flug, mit einer Spannweite von eineinhalb Metern. Dieses beeindruckende Foto hängt im Wohnzimmer über dem Sofa. Opa kann sich für einen imposanten Greifvogel ebenso begeistern wie für einen kunterbunten Paradiesvogel oder gar einen kleinen frechen Zaunkönig. Seiner Ella hat er von klein auf beigebracht, die hiesigen Vögel anhand ihres Gesanges zu erkennen. „Hör mal, da pfeift dir eine kleine Blaumeise ein Guten-Morgen-Ständchen“, sagt er zum Beispiel, wenn er Ella weckt und den neuen Morgen durch das geöffnete Fenster in ihr Zimmer hereinlässt. Und wenn sie bei Einbruch der Dunkelheit noch gemütlich in den Gartenstühlen sitzen und sich von den Ereignissen des Tages erzählen, hält er manchmal inne, legt lächelnd den linken Zeigefinger an seine Lippen und fragt Ella: “Hast du das Käuzchen gehört?“ Und so lernte Ella nach und nach die unterschiedlichsten Stimmen der Vogelwelt kennen. Besonders die Stimmchen der kleinen Sänger, die rund um ihr zu Hause schwirren oder in den Ästen der Bäume sitzen machen ihr und Opa große Freude. Das Trillern des Grünfinks, das zarte Zwitschern der Bachstelze, der heisere Ruf des Eichelhähers, begleitet vom rhythmischen Klopfen des Buntspechtes, ergeben ein buntes Konzert in ihrem Garten.

Wie haben nun dieses ungleiche Paar, Bruni und Jakob, zueinander gefunden? Nun, Oma machte damals gerade ihre ersten Schritte ins Berufsleben einer Buchhändlerin und war auf zahlreichen Literaturmessen unterwegs. Und ein junger, attraktiver Vogelforscher, der seinen ersten, grandiosen Bildband samt Reisebericht über seine ornithologische Expedition in Südafrika herausgebracht hatte, war ihr sofort aufgefallen. Dieses Buch erhielt eine besondere Auszeichnung und Opa sollte sein Werk auf der Messe persönlich vorstellen. Opa Jakob war zwar hervorragend, ja brillant in seinem Beruf, aber vor größeren Gruppen von Menschen zu stehen und zu ihnen zu sprechen, überhaupt in irgendeiner Weise im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu sein, das ist bis heute eine höchst unangenehme Situation und verschlägt ihm immer noch manchmal buchstäblich die Sprache. Bruni, die nachts zuvor jenes betreffende Buch in ihrem Hotelbett bei einem Glas Rotwein verschlungen hatte, sprang ihm zur Hilfe. Ihre extrovertierte und spontane Persönlichkeit ermöglichte es ihr, eine Art Interview zu improvisieren, indem sie den nervösen und höchst angespannten Jakob mit geschickten Fragen durch sein eigenes Buch lotste. Für die Zuhörer sah es aus, als sei diese Performance von Anfang an so geplant gewesen und Jakob lud Bruni nach der Veranstaltung erleichtert und dankbar zum Abendessen ein. Ein halbes Jahr später heirateten sie. Ella mag diese Geschichte sehr und hat sie sich als Kind wieder und wieder erzählen lassen.

Dann gibt es auch noch Ellas Mutter Hanna. Wer Ellas Vater ist, das weiß nicht einmal Hanna selbst, denn sie kann sich kaum mehr an die flüchtige Begegnung mit ihm erinnern, geschweige denn an seinen Namen. So richtig weiß Ella gar nicht genau, was ihre Mama macht und wo sie eigentlich wohnt, da sich das sehr oft ändert. Wenn Ella andere Leute von ihrer Mutter sprechen hört, dann fallen oft Aussagen wie: „Auf die schiefe Bahn geraten…, in die falschen Kreise abgerutscht..., wieder einen Entzug abgebrochen…“ Ihre Großeltern sprechen jedoch niemals ein geringschätziges Wort über Hanna. Stattdessen beten sie viel für ihre Tochter.

An der Wand über dem Ehebett von Oma und Opa hängt ein gerahmtes Foto von Ellas Mutter. Ella findet es sehr schön, und doch tut es gleichzeitig weh, es zu betrachten. Da ist ihre Mama nur zwei Jahre älter als sie... sechzehn, sieht bezaubernd aus und unter ihrem gepunkteten Sommerkleid wölbt sich ein Babybäuchlein, in dem die kleine Ella heranwächst. Aber irgendetwas hat Hanna dazu bewogen, ihr Kind den Großeltern zu überlassen. Hanna kommt sie zwar manchmal besuchen, aber es geschieht auch immer wieder, dass sie wochenlang nichts von sich hören lässt.

Ella, Hanna und Oma haben die gleichen lebendigen grünblauen Augen und rostrote, kaum zu bändigende Locken. In Omas Haar mogelt sich hier und da schon die ein oder andere graue Strähne. Als Ella noch sehr viel jünger war, half Oma Bruni am Morgen, Ellas Lockenpracht mit dem großen Kamm zu entwirren. Ella stand auf einem Schemel vor dem Waschbecken, putzte sich die Zähne und präsentierte dem Spiegel ihre lustigsten Zahnpasta-Schaum-Grimassen. In solchen Situationen sagte Oma oft vergnügt: „Jedes Mal, wenn du eine neue Flause im Kopf hast, kommt wieder eine neue Locke dazu! Irgendwann werden wir sie gar nicht mehr bändigen können!“ Dann schaute Ella sie verschmitzt an, zupfte an einer von Omas gelockten Strähnen und entgegnete: „Na, wenn das so ist, dann hattest Du als Kind auch viel Unfug im Kopf, Oma!“

≈ Jeder braucht einen Platz in der Welt, einen Ort, an den er gehört, und Menschen, , in deren Mitte er Geborgenheit findet. Niemand kann in den Räumen dazwischen leben. ≈ Mirjam Pressler, Nathan und seine Kinder

Kapitel 3

Gegenwart

„Ella, ich mache mir Sorgen um dich! In den letzten Monaten ist deine Fröhlichkeit völlig verloren gegangen.“ Oma Bruni streicht ihrer Enkeltochter liebevoll übers Haar, während sie ruhig weiterspricht. „Ich verstehe deinen Kummer. Gott weiß, ich verstehe ihn wirklich.“ Ella antwortet nicht, sondern schaut mit trüben Augen ins Leere. „Aber bitte, lass uns auf die Suche nach deiner Freude am Leben gehen. So geht es nicht weiter.“ „Wie denn?“, flüstert Ella und drückt ihr Gesicht in das Kopfkissen. Oma war gerade in dem Moment zum Gute-Nacht-Sagen in ihr Zimmer gekommen, als Ella wieder einmal vom Meer der Traurigkeit überflutet wurde. „Wir wissen einfach nicht mehr, wie wir dir in deinem Kummer helfen können. Dein Opa betet jeden Abend lange für dich, Ella. Dafür, dass du wieder Zuversicht und Freude an deinem Leben gewinnst. Gott hat es versprochen, Ella. Er heilt unsere gebrochenen Herzen.“ Ella seufzt, denn auf Gott ist sie nicht gut zu sprechen. Oma spürt Ellas Abwehr und lenkt ein. „Ich weiß, dass du Jesus dein Vertrauen entzogen hast“, fährt Oma fort, „aber es gibt auch Menschen, die uns in Zeiten großen Kummers zur Seite stehen und begleiten können.“ Ella ahnt, was Oma vorschlagen wird. Auch Ellas Klassenlehrer, Herr Blumberg, hatte ihr wohlwollend und unter vier Augen diesen Schritt bereits ans Herz gelegt, da auch er seine aufgeweckte und fröhliche Schülerin kaum noch wieder erkennt: Beide möchten Ella dazu ermutigen, sich Frau Nikolei anzuvertrauen.

Frau Nikolei ist Psychologin an Ellas Schule. Eine Psychologin kennt sich sehr gut damit aus, wenn Kinder große Sorgen und Ängste haben. Oder wenn sie nicht ruhig auf ihrem Stuhl sitzen bleiben können und ganz viel Quatsch machen. Manche Kinder gehen auch zu Frau Nikolei, weil sie immerzu etwas kaputt hauen müssen oder schlecht mit anderen Kindern umgehen. Oder, wenn sie im Unterricht nicht so gut mitkommen und es zu überlegen gilt, vielleicht zu einer anderen Schule zu wechseln, in der die Lehrer sich ein bisschen mehr Zeit nehmen, den Kindern den Unterrichtsstoff in Ruhe beizubringen. Andere Schüler leiden wiederum an großer Prüfungsangst und sind dann so aufgeregt, dass sie sich nicht mehr an das erinnern können, was sie gelernt haben. Und Oma sagt, dass Frau Nikolei auch hervorragend weiß, was Kindern helfen kann, wenn sie keinen Weg finden, ihre Traurigkeit zu bewältigen. Früher war Frau Nikolei eine ganz „normale“ Lehrerin. Sie hat Kunst, Religion und Deutsch unterrichtet und das Amt der Vertrauenslehrerin innegehabt. An Ellas Schule gibt es sehr viele Kinder mit sehr großen Sorgen. Frau Nikolei findet, dass es neben dem schulischen Stoff ebenso wichtig ist, dass Kinder lernen, wie sie mit ihren Nöten umgehen können. Denn davon gibt es im Leben ja immer wieder welche. So hat sie noch einmal einen neuen Beruf gelernt, um noch besser darin zu werden, den Kindern mit ihren ganz verschiedenen Bedürfnissen zu begegnen, ihnen Halt zu geben, Mut zuzusprechen und ihnen dabei zu helfen, Lösungen für ihre Probleme zu finden.

Ella ahnt, dass sie alleine keinen Weg aus dem tiefen Graben herausfindet, in dem sie festsitzt. Resigniert flüstert sie: „Na gut, ich gehe hin.“ Sie weiß zwar nicht, wie sie dadurch jemals aus ihrem Schmerz herauskommen soll, aber zu verlieren hat sie ja auch nichts. Dann dreht sie sich um, zieht ihre Knie ganz nah an ihren Körper und drückt unter der Decke ihren kleinen, geliebten Plüschhund an ihre Brust. Sie fühlt sich schon viel zu groß für das kindische Kuscheltier. Aber manchmal braucht sie es noch zum Trost.

Oma sitzt noch einen kleinen Moment an der Bettkante. Sie hat die Hände gefaltet und den Blick gesenkt. Ganz still in ihrem Herzen schickt sie ihre Bitten zum Himmel. Sie hat schon ihre Hanna verloren, an die sie einfach nicht mehr herankommt. Und sie ist so dankbar, dass Ella sich in den letzten Jahren trotz der vielen Enttäuschungen durch ihre Mutter zu einem lebensfrohen und selbstbewussten Mädchen entwickelt hat. Sie betet zu Jesus, dass Ella bald wieder fröhlich wird. Dass sie wieder kleine Höhlen mit den Fingern in den Apfelkuchen bohrt und glaubt, Oma merke es nicht, dass sie schon vorzeitig davon genascht hat. Dass sie wieder Beine baumelnd und munter erzählend auf dem Küchenschrank sitzt, wenn Oma Marmelade kocht. Dass Ella wieder Freundschaften schließt. Dass Ella wieder Ella ist. Und Oma hält sich ganz fest an einem Versprechen Gottes fest. Er heilt die gebrochenen Herzen der Menschen.

≈ Er heilt die zerbrochenen Herzens sind und verbindet ihre Wunden. ≈ Psalm 147,3

Kapitel 4

Rückblick

Um Ellas Herz ein wenig besser zu verstehen, ist ein Blick in ihre Vergangenheit unerlässlich:

In Ellas Leben gibt es eine ganz besondere Freundin: Binta. Die beiden Mädchen schließen als Grundschulkinder Freundschaft miteinander und werden von da an und für die nächsten sechs Jahre beinahe unzertrennlich sein. In der Heimat von Bintas Familie, einem afrikanischen Land südlich der Sahara, wüten die Schrecken von Krieg und Verfolgung, sodass sie fliehen mussten. Seit einiger Zeit leben sie nun in der Sicherheit des kleinen Städtchens, in dem auch Ella und ihre Großeltern zu Hause sind. Obwohl Binta Ellas Muttersprache noch sehr holprig spricht, wird sie in Ellas Klasse eingeschult und bekommt den Sitzplatz neben ihr. Aber selbst zu Anfang, als Ella und Binta es noch schwer haben, sich miteinander zu verständigen, mögen sie sich auf Anhieb sehr gerne und schließen Freundschaft. Zuneigung und Liebe bedürfen nicht immer vieler Worte – sie finden ihre eigene Sprache. Ella ist von den beiden diejenige, die viel Quatsch macht, manchmal etwas vorlaut ist und der die Lehrer in fast jeder Stunde den „leisen Fuchs“ -ein Handzeichen, dass die Kinder wieder ruhig sein sollen- zeigen müssen, weil sie Binta tuschelnd immer so Vieles zu erzählen hat. Ella ist ein quirliges, schelmisches Ideenbündel. Sie ist leicht aufbrausend und emotional. Wenn sie in der Schule von den Jungs, vor allem von dem gemeinen Sascha, wegen ihrer roten Haare oder anderer Dinge geärgert oder aufgezogen wird, dann setzt sie sich lautstark und mit geröteten Wangen zur Wehr. Und weil man sie so gut auf die Palme bringen kann, hat der gemeine Sascha auch immer wieder seine Freude daran, sie zu ärgern.

Binta liebt Ellas Frohnatur und spitzbübische Art. Sie verbringt gerne viel Zeit mit ihrer neuen Freundin. Die fremde Sprache lernt Binta in einem atemberaubenden Tempo, und es stellt sich sehr bald heraus, dass ihr an Intelligenz und Wissbegierde kaum ein anderes Kind das Wasser reichen kann. Sie ist sehr gut in der Schule, zielstrebig – aber zugleich immer darauf bedacht, Ella auf die Sprünge zu helfen, wenn die Murmel bei ihr etwas langsamer rollt. Eines Tages möchte sie eine Missionsärztin sein, das ist für sie bereits als Grundschulkind felsenfest klar. Ella hingegen möchte heute Gärtnerin, morgen Konditorin und übermorgen Zirkusdompteurin werden, die Einfälle gehen ihr da nicht so schnell aus. Bintas Wesen ist eher ruhig, zurückhaltend und ausgesprochen höflich, lieb und fürsorglich. Deswegen ist sie auch, im Gegensatz zu Ella, nie die Zielscheibe von Sticheleien anderer Kinder. Sie ist einfach zu freundlich und ihre Reaktionen sind zu langweilig, als dass es interessant sein könnte, sie zu ärgern oder zu provozieren. Sie ist sehr aufmerksam, vergisst kein Detail, wenn ihr etwas erzählt wird und nimmt Stimmungen und Gefühle anderer sehr sensibel wahr. Manchmal wirkt sie auf Ella schon fast ein bisschen erwachsen. Binta ist zwar ein Jahr älter als Ella, aber zu dem Zeitpunkt, als die beiden Freundschaft schließen, ist sie trotzdem noch ein Kind von gerade einmal acht Jahren. Wenn man jedoch wie Binta in ihrem jungen Leben bereits so viel Schreckliches ansehen und verkraften musste, dann wundert es nicht mehr, dass Binta in ihrer Persönlichkeit älter als eine Zweitklässlerin wirkt. Denn ihre Kindheit, zwischen Krieg und Verfolgung, hat sie ihre Kindlichkeit gekostet.

Bintas Familie lebt mit vier Personen in einer Zweizimmerwohnung in der Stadt. Sie und ihre kleine Schwester Elani, die erst wenige Monate alt ist, teilen sich ein Zimmer. Bintas Mama Jara und Papa Moses schlafen auf der Wohnzimmercouch. Elani ist ein goldiges und propperes Kind mit großen Mandelaugen und niedlichen Pausbäckchen. Im Gegensatz zu Binta war Elani hier im städtischen Krankenhaus zur Welt gekommen und dadurch vor den schlimmen Ängsten und Nöten in ihrer Heimat bewahrt worden. Ella ist gerne bei Binta zu Besuch, wenn es auch recht beengt ist. Im Gegensatz zu ihrer Tochter tut sich Mama Jara anfangs noch sehr schwer mit der neuen Sprache, aber sie bemüht sich sehr. In ihrem Heimatland arbeitete sie als Krankenschwester, hier jedoch wird ihr Abschluss von den Behörden nicht anerkannt. Stattdessen hat sie nun eine Stelle als Reinigungskraft in der Bettenaufbereitung des Krankenhauses.

Die Nachbarinnen in dem großen, mehrstöckigen Mietshaus unterstützen sich bei der Betreuung der jüngeren Kinder gegenseitig, sodass in der kleinen Wohnung oft ein fröhliches und lautes Kindergewusel herrscht. Zu Anfang muss Binta noch sehr oft als Dolmetscherin aushelfen, wenn sich ihre Mutter und Ella unterhalten möchten. Papa Moses arbeitet in einer Autowerkstatt und ist nur selten zu Hause, wenn Ella nach der Schule den Nachmittag bei Binta verbringt - und Ella liebt diese kleine Frauenrunde. Mama Jara kocht ganz andere Sachen als Oma Bruni. Gemüse, Wurzelknollen oder Gewürze, die Ella in ihrem Supermarkt noch nie zuvor entdeckt hat, werden zu fremdartigen, aber leckeren Gerichten verarbeitet. Manchmal benutzt sie für die Vorbereitungen einen großen, massiven Holzstampfer - zum Beispiel, um damit geröstete Erdnüsse zu Mehl klein zu stoßen. Ella schmeckt alles, was Mama Jara kocht, sehr gut und weckt in ihr die Neugier auf den fernen Ort, an dem Binta geboren wurde. Besonders gerne isst Ella frittierte Maniokwurzeln und Erdnusssoße. Sie liebt außerdem die wunderschönen, leuchtend bunten Stoffe, aus denen Mama Jara sich ihre und Bintas Sonntagsgarderobe schneidert. Wo auch immer sie die Stoffe her hat, denn in den Läden hier im Städtchen hat Ella niemals solche Schneiderware entdeckt. Eines Tages schenkt Binta ihr ein Haarband aus eben diesem Stoff und sagt strahlend: „Das hat Mama für dich genäht!“ Ella liebt dieses Geschenk. Und sie liebt auch Mama Jara. Einmal erzählt Binta, wie die Frauen in ihrer Heimat ihre Babys in einem Tuch auf dem Rücken tragen und Ella will es gleich selbst ausprobieren. Dafür muss sie sich um neunzig Grad nach vorne beugen, damit Binta ihr kleines Schwesterchen auf Ellas Rücken legen kann. Das Tuch positioniert sie dann so, dass das Babyköpfchen gestützt und der Po davon umschlossen wird. Die Beinchen schauen dann einfach links und rechts heraus. Alle vier Enden des Tuches verknotet Ella nach Bintas Anweisungen fest vor Brust und Bauch. Dann darf sie sich vorsichtig aufrichten, um zu prüfen, ob Elani auch wirklich sicher und stabil in dem Tragetuch sitzt. Mama Jara schickt die Mädchen zum Einkaufen und Ella nutzt die Gelegenheit, um auch den Nachbarn und den Besuchern der Stadtparks zu demonstrieren, wie toll dieses afrikanische “Rückentaxi” funktioniert. Leider finden einige Nachbarn keinen Gefallen daran, dass zwei sieben- und achtjährige Mädchen mit einem kleinen Kind ohne die Aufsicht eines Erwachsenen unterwegs sind und sie beschweren sich bei Bintas Mutter über deren Sorglosigkeit. Mama Jara nimmt freundlich die Kritik an und gibt den beiden Mädchen das Baby kein weiteres Mal mit. Vor ihren inneren Augen steigen die Erinnerungen auf, wie sie selbst bereits als Fünfjährige Verantwortung für zwei kleine Geschwister trug. Und in Bintas Alter kamen noch zwei weitere hinzu.

Aber von diesen Maßstäben muss sie sich verabschieden. Das Leben hier funktioniert nun einmal anders. Ella hat Mama Jara sehr gerne. Sie mag es, wie sie beim Kochen laut und fröhlich singt und dabei so wunderbar rhythmisch die Hüften schwingt. Binta kann es genauso gut. Wenn Ella es versucht, sieht es sehr ungelenk und plump aus. Trotzdem ermuntern Mama Jara und Binta sie immer sehr wohlwollend, es weiter zu versuchen. „Es geht nicht um Performance, Ella“, sagt Mama Jara mit Bintas Übersetzungshilfe. „Es geht darum, Lebensfreude auszudrücken, Ella, meine wunderbare Tochter!“

≈ Das habe ich euch gesagt, auf dass meine Freude in euch sei und eure Freude vollkommen werde. ≈ Joh. 15,11, Jesus

Kapitel 5

Gegenwart