Nachtschattenspiele - Pascal Engman - E-Book

Nachtschattenspiele E-Book

Pascal Engman

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Beschreibung

Tödliche Vergangenheit, düster-brodelnde Gegenwart Stockholm, 1996: Ein Gefangenentransport wird überfallen und ein berüchtigter Neonazi befreit. Ermittler Tomas Wolf wird direkt von der Beerdigung seines älteren Bruders an den Tatort gerufen. Als er hört, wer entflohen ist, schnürt es ihm die Kehle zu. Die beiden teilen eine Geschichte, die tief in den Schatten der Vergangenheit verwurzelt ist. Journalistin Vera Berg, die in die Online-Redaktion strafversetzt wurde, wittert ihre Chance, um es zurück auf die Titelseiten zu schaffen. Als sie den Flüchtigen erschossen im Wald findet, wird klar: Hinter dieser Befreiung steckt mehr als alle ahnen – und im Dunkel der Nacht beginnt ein Spiel um Leben und Tod.  Die große Nr.1-Bestsellerserie aus Schweden: der 3. Fall für Ermittler Tomas Wolf und Journalistin Vera Berg  Entdecken Sie die gesamte Krimireihe: Band 1: Sommersonnenwende Band 2: Wintersonnenwende

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Veröffentlichungsjahr: 2026

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Nachtschattenspiele

Pascal Engman ist Schwedens aufstrebender Star der Kriminalliteratur. Er hat weltweit über 1 Million Bücher verkauft und wird in über 20 Sprachen übersetzt. David Lagercrantz bezeichnet ihn als »Meister der neuen Krimi-Generation«.

Johannes Selåker hat als Nachrichtenleiter und Chefredakteur bei den größten Boulevardzeitungen Aftonbladet und Expressen gearbeitet. Zusammen mit Pascal Engman veröffentlicht er die Krimiserie um Tomas Wolf und Vera Berg, die in Schweden wochenlang auf Platz Nr. 1 der Bestsellerliste stand.

Tödliche Vergangenheit, düster-brodelnde Gegenwart

Stockholm, 1996: Ein Gefangenentransport wird überfallen und ein berüchtigter Neonazi befreit. Ermittler Tomas Wolf wird direkt von der Beerdigung seines älteren Bruders an den Tatort gerufen. Als er hört, wer entflohen ist, schnürt es ihm die Kehle zu. Die beiden teilen eine Geschichte, die tief in den Schatten der Vergangenheit verwurzelt ist. Journalistin Vera Berg, die in die Online-Redaktion strafversetzt wurde, wittert ihre Chance, um es zurück auf die Titelseiten zu schaffen. Als sie den Flüchtigen erschossen im Wald findet, wird klar: Hinter dieser Befreiung steckt mehr als alle ahnen – und im Dunkel der Nacht beginnt ein Spiel um Leben und Tod. 

Die große Nr.1-Bestsellerserie aus Schweden: der 3. Fall für Ermittler Tomas Wolf und Journalistin Vera Berg 

Entdecken Sie die gesamte Krimireihe:Band 1: SommersonnenwendeBand 2: Wintersonnenwende

Pascal Engman und Johannes Selåker

Nachtschattenspiele

Kriminalroman

Aus dem Schwedischen von Ulla Ackermann

Ullstein

Besuchen Sie uns im Internet:www.ullstein.de

Die schwedische Originalausgabe erschien 2024 unter dem Titel Nomaden bei Bokförlaget Forum, Stockholm.www.ullstein.deDeutsche Erstausgabe© 2024 Pascal Engman & Johannes Selåker© der deutschsprachigen Ausgabe Ullstein Buchverlage GmbH, Friedrichstraße 126; 10 117 Berlin 2025Published by agreement with Salomonsson AgencyAlle Rechte vorbehalten.Wir behalten uns die Nutzung unserer Inhalte für Text und Data Mining im Sinne von § 44b UrhG ausdrücklich vor. Bei Fragen zur Produktsicherheit wenden Sie sich bitte an [email protected] powered by pepyrus ISBN: 978-3-8437-3723-4

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Inhalt

Titelei

Das Buch

Titelseite

Impressum

Prolog

TEIL

I

Freitag, 17. Mai 1996

Samstag, 18. Mai 1996

TEIL

II

Sonntag, 26. Mai 1996

Montag, 27. Mai 1996

Dienstag, 28. Mai 1996

TEIL

III

Donnerstag, 30. Mai 1996

Freitag, 31. Mai 1996

Samstag, 1. Juni 1996

TEIL

IV

Montag, 3. Juni 1996

Dienstag, 4. Juni 1996

Mittwoch, 5. Juni 1996

Donnerstag, 6. Juni 1996

Freitag, 7. Juni 1996

TEIL

V

Samstag, 8. Juni 1996

Sonntag, 9. Juni 1996

Epilog

Anhang

Nachwort und Dank der Autoren

Leseprobe: Wintersonnenwende

Social Media

Vorablesen.de

Cover

Titelseite

Inhalt

Prolog

Prolog

 

Die Straße verlief einspurig und war auf beiden Seiten von Wald umgeben. Der Tacho zeigte 90 Stundenkilometer. Die graue Asphaltzunge der Landstraße 276 lag leer und verlassen vor ihnen.

Der Häftling neben ihm auf der Rückbank war Kanake. Untersetzt, aber gut aussehend, trotz seiner eingedrückten, platten Boxernase.

Olof Possner kratzte sich an dem schwarzen Hakenkreuz auf seinem Unterarm. Seine Handschellen klirrten.

»Wie lange fahren wir noch?« Die Frage galt der JVA-Beamtin am Steuer.

»Eine Weile.« Die Antwort kam von ihrem Kollegen auf dem Beifahrersitz. Conny Eriksson war ein Sympathisant, der ihm in der JVA Norrtälje Vergünstigungen verschafft, Briefe an Freunde und Frauen rausgeschmuggelt hatte. In Österåker würde es auch Kameraden geben, die den Kampf der nationalen Bewegung gegen Rassenmischung und die jüdische Weltverschwörung unterstützten.

Seine Verlegung war kein Drama. Im Gegenteil. Nach fast sieben Jahren in Norrtälje kam ihm ein Tapetenwechsel ganz gelegen. Er wusste, sein Ruf eilte ihm voraus. In den Augen der Öffentlichkeit war er ein Mörder, in den Augen der Bewegung ein politischer Gefangener.

Conny Eriksson wandte den Kopf und blickte stirnrunzelnd in den Seitenspiegel. Der Gefangenentransporter hatte hinten keine Fenster. Olof konnte nicht erkennen, was seine Aufmerksamkeit weckte.

»Verfluchter Irrer«, murmelte Conny.

Im nächsten Moment raste ein silberfarbener Saab an ihnen vorbei.

Die Straße beschrieb eine Kurve. Olof wurde in seinem Gurt nach vorne geschleudert, als die JVA-Beamtin scharf bremste.

»What the fuck!«, keuchte der Typ neben ihm.

Der Saab war hinter der Kurve verschwunden. Ein lauter Knall ertönte, und ihr Transporter geriet ins Schlingern. Links von ihnen war ein roter Ford aufgetaucht und drängte sie von der Fahrbahn ab.

»Was geht hier vor?«, rief Conny Eriksson, als der Ford sie erneut rammte. Olof sah, dass der Fahrer maskiert war. Verzweifelt versuchte die JVA-Beamtin, den Transporter auf der Straße zu halten. Ihre Geschwindigkeit verringerte sich, der Wald zog immer langsamer vorbei, bis sie zum Stillstand kamen.

Niemand sagte etwas. Die beiden Beamten waren so schockiert, dass sie vergaßen, über Funk Hilfe anzufordern.

Die Türen des Saab gingen auf. Zwei maskierte Männer in grünen Militärjacken kamen mit erhobenen Maschinengewehren auf den Transporter zu.

»Ich denke, ihr solltet mich besser rauslassen«, sagte Olof.

Er bekam keine Antwort. In Conny Erikssons Nacken glänzten Schweißperlen. Ohne Vorwarnung feuerte einer der Männer eine Kugelsalve auf die Motorhaube des Transporters. Prasselnd bohrten sich die Projektile in die Karosserie. Die JVA-Beamten gingen auf den Vordersitzen in Deckung.

»Mach die Türen auf, das ist es nicht wert!«, schrie Eriksson. Er wartete die Antwort seiner Kollegin nicht ab.

»Nicht schießen! Wir kommen raus!«, rief er.

Die beiden Beamten öffneten ihre Türen und stiegen mit erhobenen Händen aus. Grauer Qualm quoll aus der durchlöcherten Motorhaube. Die maskierten Männer standen jetzt unmittelbar vor dem Transporter. Sie machten ein paar große Schritte und drückten Eriksson und seine Kollegin grob auf den Asphalt. Gleichzeitig näherte sich der Fahrer des roten Ford. Er öffnete die Hecktüren, packte Olof an der Schulter und zerrte ihn heraus.

Der Duft der Freiheit ist der Duft von Schießpulver, dachte er.

Stumm wies der Mann auf den silberfarbenen Saab und gab ihm einen Stoß. Olof war klar, dass er nicht sprach, damit die beiden JVA-Beamten seine Stimme nicht identifizieren konnten. Sie durften den Bullen keinen Hinweis geben, der sie bei der bald beginnenden Jagd auf die richtige Fährte führen könnte. Während er zum Saab hinüberging, überlegte er, wer von seinen Kumpels unter den Masken steckte. Aber die Frage musste warten, bis er im Auto saß, auf dem Weg in die Freiheit.

In ein paar Minuten würde es hier draußen von Bullen und Journalisten wimmeln. Die Pressefritzen würden sich in ihren Schilderungen seiner Gefährlichkeit gegenseitig überbieten, sein Gesicht würde an jedem Zeitungskiosk im Land kleben. Er blickte zum klaren blauen Himmel. Die Sonne wärmte seinen Nacken und seinen kahl rasierten Schädel.

»Ein verflucht schöner Tag für einen Ausbruch«, sagte er.

TEIL I

Freitag, 17. Mai 1996

1

Tomas Wolf starrte auf den Sarg, der in die Erde hinuntergelassen wurde. Seine Mutter hob weinend die Hand vor den Mund. Ihre bleichen Oberarme zitterten.

»Kristian, geliebter Kristian«, schluchzte sie.

Sein kleiner Bruder Peter legte einen Arm um sie. Sie vergrub ihr Gesicht an seiner Schulter. Tomas schob die Zigarette in den Mundwinkel und griff nach der kleinen Schaufel.

»Warte«, sagte Peter.

Er löste sich von seiner Mutter, trat ans Grab und nahm einen langen Dolch aus seiner Tasche. Tomas erinnerte sich an den Dolch. Kristian hatte ihn Peter zum fünfzehnten Geburtstag geschenkt. Auf dem Griff war der deutsche Reichsadler mit Hakenkreuz eingraviert. Peter murmelte etwas und ließ den Dolch ins Grab fallen. Scheppernd schlug er auf dem Sargdeckel auf. Tomas nahm etwas Erde auf die Schaufel und ließ sie ins Grab rieseln. Die Klinge des Dolchs glänzte in der Maisonne. Der Anblick erinnerte ihn daran, wie er Kristian vor zweieinhalb Jahren im Herbst 1994 in einem Waldstück in der Nähe von Hallstahammar niedergestochen und sterbend zurückgelassen hatte. Kristians Leiche war nie gefunden worden, aber Tomas war sich sicher, dass er tot war. Damit seine Mutter nicht länger in Ungewissheit leben musste, hatte er ihr geholfen, Kristian offiziell für tot erklären zu lassen.

Wortlos reichte er die Schaufel an Peter weiter.

»Ich warte an der Kirche«, sagte er.

Die Kirche von Svedvi ragte wie ein einsamer grauer Zahn in die grüne Landschaft. Ein Stück entfernt verlief die Fernverkehrsstraße 66.

Tomas schloss die Augen und hielt sein Gesicht in die Sonne. Eines Tages würde sie erlöschen, keine lebensspendende Wärme mehr liefern. Sie würde aufhören, Irrsinn, Hass und Mord gedeihen zu lassen. Finsternis würde hereinbrechen und der allumfassende Tod die Erde in Besitz nehmen.

Schritte näherten sich, er schlug die Augen wieder auf. Peter kam auf ihn zu. Der Kies knirschte unter seinen schwarzen Springerstiefeln, sein kahl rasierter Schädel glänzte.

»Hier hat unser großer Bruder eine schöne Ruhestätte. Ich hoffe, er findet Frieden.«

Tomas antwortete nicht. Er fragte sich, ob ein Mensch, der so viel Schlechtes getan hatte wie Kristian, überhaupt Frieden finden konnte. Er hoffte es. Trotz allem war Kristian die Person für ihn gewesen, die in seiner Kindheit einer Vaterfigur am nächsten gekommen war.

Peter zog eine Snus-Dose aus der Gesäßtasche, nahm einen Beutel heraus und schob ihn unter die Oberlippe.

»Der Grabstein kommt in einer Woche«, fuhr er fort und wischte sich die Finger an der Hose ab. »Ein Glück, dass Kristian ihn nicht selbst beschriftet hat. Sein Gekrakel konnte kein Mensch lesen.«

Peter grinste so breit, dass sich der Snus-Beutel wie ein Tintenfleck auf seinem Zahnfleisch abzeichnete. Wenn er lächelte, sah er aus wie Kristian, obwohl sie nur Halbbrüder waren.

Wir sind Brüder. Aber wir sind verschieden.

Das waren Kristians letzte Worte gewesen damals im Wald. Dann hatte er das Messer gezogen, das er bei sich getragen hatte, um Tomas zu töten. Dennoch war Tomas derjenige, der sich unter den Lebenden befand.

Die Familie, in der er aufgewachsen war, war dezimiert. Ein Viertel fehlte. Von drei Brüdern waren nur noch zwei übrig. Und die zwei hätten nicht unterschiedlicher sein können. Peter gehörte der nationalen Bewegung an, der Neonazi-Gruppierung, die Tomas in den Achtzigerjahren verlassen hatte, um sich bei der Polizei zu bewerben.

Ihre Mutter kam schwerfällig den Kiesweg heruntergelaufen.

»Du solltest sie öfter besuchen«, sagte Peter ernst. »Sie hat jetzt nur noch uns.«

Tomas wollte gerade antworten, da klingelte sein Handy. Er zog das Motorola StarTAC aus der Hosentasche und klappte es auf. Zingo stand auf dem grünen Display.

Lars Johansson, wie Zingo mit richtigem Namen hieß, war der Grund dafür, dass Tomas den Absprung aus der Neonaziszene geschafft hatte und Polizist geworden war. Seinen Spitznamen verdankte er einem zugedröhnten Einbrecher, den er in den Siebzigerjahren in Västerås mit einer Zingo-Flasche außer Gefecht gesetzt hatte. Heute arbeiteten sie zusammen bei der Stockholmer Mordkommission.

»Ja?«, meldete er sich.

»Wo bist du?«, fragte Zingo.

Tomas hatte sich heute extra freigenommen, um nicht von der Beerdigung erzählen zu müssen. Zingo und er standen sich nahe, aber sie sprachen selten über Dinge, die wirklich etwas bedeuteten.

»In Hallstahammar. Ich besuche meine Mutter.«

Den Hintergrundgeräuschen nach zu urteilen, saß Zingo im Auto.

»Wie nett. Dein Typ wird verlangt.«

Tomas entfernte sich ein Stück, damit Peter und seine Mutter das Gespräch nicht mithören konnten.

»Warum?«

»Dein ehemaliger Kumpel, der ehrenwerte Bürger Olof Possner, ist ausgebrochen.«

Tomas schielte zu Peter hinüber, der mit ihrer Mutter redete.

Olof Possner war Kristians bester Freund gewesen und hatte sie beide, Kristian und ihn, in die Bewegung eingeführt.

»Wie konnte er fliehen? Sitzt er nicht in der JVA Norrtälje?«

»Er sollte nach Österåker verlegt werden. Der Gefangenentransporter wurde auf der 276 von der Straße abgedrängt. Schüsse sollen auch gefallen sein.«

Tomas zeichnete mit dem Schuh einen Halbkreis in den Kies.

»Wurde jemand verletzt?«

»Nein, sie haben in die Motorhaube geschossen. Wahrscheinlich zur Abschreckung.«

»Wann war das?«

»Vor einer halben Stunde ungefähr.«

Tomas warf einen Blick auf seine Armbanduhr. Es war Viertel nach zwei.

»Ich komme.«

2

Hinter dem Fenster des altrosa Holzhauses in Mälarhöjden zeichnete sich die Silhouette einer Frau ab. Es war kurz vor drei, in ein paar Minuten entließen die Schulen ihre Schüler ins Wochenende. Vera Berg ließ ihren hellblauen Saab die letzten Meter im Leerlauf rollen und musterte die Frau.

Wusste die Frau, wer sie war?

Sie lenkte den Saab an den Bordstein und hielt an. Aus alter Gewohnheit streckte sie sich nach ihren Zigaretten in der Mittelkonsole, griff aber ins Leere. Sie hatte aufgehört.

Rikard Muryn rutschte auf dem Beifahrersitz nervös hin und her. Zwischen den Häusern schimmerte der Mälarsee.

»Fahr ein Stück zurück, damit sie dich nicht sieht«, bat er.

Vera ging darüber hinweg und schaltete den Motor aus. Ein Müllwagen fuhr an ihnen vorbei.

Die Frau hinter dem Fenster war Rikards Ex, Vera seine Neue; die Jobaffäre, die ihn seine Familie gekostet hatte.

Sie redete sich ein, keine Schuldgefühle haben zu müssen. Doch die auf der Vordertreppe liegenden Kinderfahrräder und der platte Fußball auf dem Rasen bereiteten ihr Gewissensbisse.

Sie hatte selbst einen kleinen Jungen, Sigge. Er war gerade eingeschult worden, und jedes Mal, wenn ihr wegen ihrer Beziehung mit Rikard Zweifel kamen, dachte sie an ihn. Sollte sie Rikard wieder aus Sigges Leben entfernen, wo er eben erst ein Teil davon geworden war?

»Ich möchte keinen Streit provozieren«, sagte Rikard. »So ist es am einfachsten.«

Vera deutete mit dem Kopf zum Haus.

»Dafür ist es wohl zu spät.«

Rikards Ex stand am Fenster und betrachtete sie. Sie hieß Lisa, und auf dem Papier war sie noch immer Rikards Frau, obwohl sie seit fast einem Jahr getrennt lebten. Vera, Rikard und Sigge waren in eine Wohnung in der Floragatan gezogen. Die Wohnung gehörte dem Aftonbladet und war eigentlich eine Notunterkunft für bedrohte Journalisten. Aber als leitender Redakteur konnte Rikard die Regeln nach eigenem Ermessen dehnen.

In dieser Wohnung hatte ihre Affäre auch begonnen, am selben Abend, als Rikard sie als Journalistin für das Aftonbladet angeworben hatte.

»Sie wird eine Riesenszene machen«, seufzte Rikard. »Ich hätte ein Taxi nehmen sollen.«

Er hatte Lisa eine Wohnung auf Södermalm gekauft, und sie wohnten im Wochenturnus abwechselnd mit den Kindern im Haus in Mälarhöjden. Trotzdem weigerte sie sich, die Scheidungspapiere zu unterschreiben.

»Hast du ihr gesagt, dass wir zusammen sind?«

»Der Zeitpunkt war nie günstig.«

Er seufzte wieder.

»Ich muss jetzt gehen.«

Manchmal fragte sich Vera, ob es ein Fehler gewesen war, ihrer Beziehung eine Chance zu geben.

»Aber ich habe dafür gesorgt, dass du über den Staatsbesuch berichten kannst«, fuhr Rikard fort. »Diana und Charles. Das wird eine große Story.«

Es war jedes Mal sonderbar, wenn Rikard von der Partnerrolle in die Chefrolle wechselte. Aber Vera lächelte ihn an.

»Für die Printausgabe?«, fragte sie.

Momentan arbeitete sie in der Onlineredaktion, dem Abstellgleis der Zeitung. Da war sie letztes Jahr gelandet, nachdem ihr eifersüchtiger Kollege Leif M. Ivarsson sie mit einer Intrige hinterrücks ausgebootet hatte.

»Nein, du bleibst in der Onlineredaktion«, erwiderte Rikard. »Aber nicht mehr lange.«

»Also darf ich während des Staatsbesuchs noch nicht mal vor Ort sein?«, fragte sie. »Nur brav am Computer hocken und eine Webseite aktualisieren, die sowieso kein Mensch liest?«

»Ja, ich nehme es an.«

Rikard griff nach ihrer Hand, Vera zog sie weg. Erneut tasteten ihre Finger auf der Suche nach Zigaretten über die Mittelkonsole.

»Aber dieser Schwachsinn, den Ivarsson über mich verbreitet hat, ist doch längst widerlegt«, sagte sie. »Alle wissen, dass es gelogen war. Kannst du das nicht lösen?«

»Was erwartest du von mir?«, fragte Rikard. »Wenn ich mich einmische, sieht es so aus, als würde ich dir Vorteile verschaffen, weil wir zusammen sind. Dann kannst du dir noch mehr Gehässigkeiten und Lästereien anhören.«

Vera griff nach der Tüte mit den Nikotinkaugummis und schob sich zwei Dragees in den Mund.

»Warum werde ich bestraft, und du darfst weiter auf einem leitenden Posten sitzen? Das ist doch krank.«

Der pfeffrige Geschmack der Kaugummis brannte im Rachen. Sie war als Starreporterin zum Aftonbladet gekommen, jetzt stand sie in der Hackordnung tiefer als eine unbedeutende Vertretungskraft.

»Ich weiß.« Rikard hob die Stimme. »Aber ich mache die Regeln nicht.«

Sie schwiegen eine Weile.

Die Digitaluhr im Armaturenbrett sprang auf drei Uhr. Kristian Wolfs Beerdigung müsste inzwischen vorbei sein. Vera hatte Kristians Bruder, den dreiunddreißigjährigen Polizisten Tomas Wolf, letztes Jahr verdächtigt, seinen Neonazi-Bruder getötet zu haben.

Sie war ihm an den Ort gefolgt, an dem Kristian Wolf nach Ansicht der Polizei ermordet worden war: in ein Waldstück in der Nähe von Hallstahammar, wo ein Messer mit Kristians Initialen sichergestellt worden war. Daraufhin hatte sie Tomas’ Kollegen Zingo gebeten nachzuforschen, ob Tomas tatsächlich in den Tod seines Bruders verstrickt war. Aber Kristian Wolfs Leiche war nie gefunden worden, und es hatten sich auch keine weiteren Beweise ergeben, die ihren Verdacht erhärteten.

Heute war auf dem Friedhof ein leerer Sarg bestattet worden. Vielleicht würde sie nie erfahren, was mit Kristian Wolf geschehen war. Hatte Tomas am Grab den trauernden Bruder gespielt?

Es war seltsam. Sie hatten ein gutes Einvernehmen entwickelt. Als sie bei Recherchen wiederholt in seine Mordermittlungen geschlittert war, hatte Tomas ihr zweimal das Leben gerettet. Aber das Geheimnis um das Schicksal seines Bruders stand wie eine Mauer zwischen ihnen.

»Entschuldige.« Rikard beendete die Stille. »Ich werde das in Ordnung bringen. Aber du musst mir ein wenig Zeit geben.«

Vera antwortete nicht. Von der Rückbank drang ein säuerlicher Geruch zu ihnen nach vorn. Rikard schnüffelte wie ein Hund, der eine Gefahr witterte.

»Was riecht hier so komisch?«, fragte er.

»Wahrscheinlich ist eine von Sigges Olivendosen ausgelaufen.«

»Ach, der arme Kerl.« Rikard blickte bekümmert drein.

Eine Bananenkiste voller gestohlener Konserven mit abgelaufenem Verfallsdatum war das Einzige, was Sigge von seinem verschwundenen Vater Jonny hatte. Was wahrscheinlich der Grund dafür war, warum sie sie nicht wegwerfen durfte, dachte Vera.

Jonny war Veras Ex und Präsident des Malmöer Motorradclubs Southside MC. Am Silvesterabend 1994 hatte er Sigge allein in der Wohnung zurückgelassen und war nicht zurückgekommen.

Sigges Mutter lebte nicht mehr, und soweit Vera wusste, gab es keine anderen Verwandten. Anfang Januar hatte Sigge dann aus heiterem Himmel vor Birgittas Wohnungstür gestanden, wo sie damals gewohnt hatte. Sie hatte ihn zu sich genommen, und am Ende hatte ihr das Jugendamt das offizielle Sorgerecht übertragen, obwohl sie nicht Sigges leibliche Mutter war.

»Mist«, fluchte Rikard plötzlich.

Vera wollte gerade fragen, was er meinte, als eine schrille Stimme durch das Wohnviertel hallte.

»Bringst du die Schlampe etwa mit hierher?«

Lisa war aus dem Haus gekommen, stand vor dem Saab und deutete wutentbrannt auf Vera. Ihr Blick war finster.

»Lisa«, bat Rikard. »Beruhige dich!«

Er schälte sich aus dem Anschnallgurt und öffnete die Tür.

»Sollen die Kinder nach Hause kommen und das Miststück sehen, das ihre Familie zerstört hat?«, keifte Lisa.

Rikard stieg aus dem Auto und wandte sich zu Vera um.

»Ich rufe dich an.«

Vera ließ den Motor an und fuhr los, machte einen Schlenker um Lisa herum und rollte die Anhöhe hinunter. Im Rückspiegel sah sie, wie Rikard versuchte, Lisa ins Haus zu ziehen. Sie zerrte an seiner Kleidung und zerriss dabei sein blaues Jackett.

Auf dem Hägerstensvägen merkte sie, dass Rikard seinen Schlüsselbund auf dem Beifahrersitz vergessen hatte. Irritiert runzelte sie die Stirn und legte den Schlüsselring ins Handschuhfach.

Ihr Handy klingelte. Es war Jerker Wretström, Kommissar bei der Polizei von Märsta und, seit ihren Recherchen in einem Mordfall, in dem Kristian Wolf anfangs unter Tatverdacht gestanden hatte, ihr Informant.

»Ich wollte dir nur Bescheid geben, dass ich befördert wurde«, sagte er. »Ich bin jetzt Leiter einer neuen Abteilung, die sich Rave-Kommission nennt.«

Vera lachte.

»Da sind wohl Glückwünsche angebracht?«

Wretström räusperte sich.

»Wir haben eine Razzia im Docklands geplant. Ich dachte, das wäre vielleicht was für dich?«

»Stellt ihr auch ein Planschbecken auf und spielt Fische angeln?«

Wretström geriet aus dem Konzept.

»Was?«, fragte er.

»Bei der Razzia. Im Docklands sind doch nur Kids. Ruf mich an, wenn ihr das nächste Mal einen Zugriff plant, der nicht in einen Kindergeburtstag ausartet.«

Im Autoradio erklang die Titelmelodie der Echo-Nachrichten. Eine Sondersendung. In der Nähe von Norrtälje war ein berüchtigter Neonazi-Anführer aus einem Gefangenentransporter befreit worden.

»Ich muss auflegen«, sagte sie.

Vera drehte das Radio lauter. Der Gefangenentransporter war auf der Landstraße 276 überfallen worden. Angaben zufolge waren die Täter mit Maschinengewehren bewaffnet gewesen.

War der Befreite vielleicht einer von Kristian Wolfs Freunden?

Vera beschloss, sofort in die Redaktion zu fahren. Ihre Schicht begann zwar erst um achtzehn Uhr, aber wenn es ihr gelang, zu dieser Story ein exklusives Detail zu finden, musste die Chefetage ihren Artikel in der Printausgabe veröffentlichen.

3

Die Landstraße 276 war in einem Radius von gut 300 Metern abgeriegelt. Tomas kurbelte das Seitenfenster runter, zeigte dem uniformierten Beamten vor der Absperrung seine Dienstmarke und durfte passieren. Er parkte seinen blauen Volvo 240 neben einer Handvoll Streifenwagen und stieg aus. Zingo hockte vor einer Straßenkurve und nahm eine dunkle Bremsspur auf dem Asphalt in Augenschein. Irgendwo zwitscherte unbekümmert ein Vogel.

Zingo tastete sein rotes Hawaiihemd ab und zog ein Päckchen Chesterfields aus der Brusttasche. Sein grau meliertes Haar war strähnig und reichte ihm fast bis auf die Schultern.

»Wie gut kanntest du ihn?«, fragte er und steckte sich die filterlose Zigarette an, während sie die Straße entlangliefen.

»Possner?«

»Ja.«

»Ziemlich gut«, sagte Tomas. »Kristian war sein bester Freund. Er hat erst ihn und dann mich in die Bewegung geholt. Seinetwegen ist Kristian schnell zu einem der führenden Köpfe aufgestiegen, obwohl er noch so jung war.«

Tomas erinnerte sich an das Medienspektakel während des Mordprozesses, der zu Possners Haftstrafe geführt hatte. Zusammen mit vier anderen Skinheads wurde er 1989 in Västerås angeklagt, weil sie einen eritreischen Austauschstudenten totgetreten hatten. Bei der Urteilsverkündung hatte er lachend den rechten Arm in die Höhe gerissen und Sieg Heil gerufen.

Hinter der Kurve, mitten auf der Fahrbahn, stand der dunkelblaue Gefangenentransporter. Zingo bohrte den Zeigefinger in ein Einschussloch in der Motorhaube.

»Kurz vor der Kurve hat ein silberfarbener Saab den Gefangenentransporter überholt. Danach tauchte ein roter Ford auf, hat sie gerammt, von der Fahrbahn abgedrängt und zum Anhalten gezwungen. Der Saab wartete hinter der Kurve. Zwei maskierte, mit Maschinengewehren bewaffnete Männer stiegen aus und haben geschossen, damit die Justizvollzugsbeamten die Türen öffneten. Aus dem Ford kam ein dritter Mann und brachte die Gefangenen zum Saab, der in Richtung Österåker davonraste.«

Tomas hob die Augenbrauen.

»Die Gefangenen?«

Zingo räusperte sich.

»Es waren zwei. Neben Possner war noch ein Mann namens Sean O’Connor im Transporter. Ein irischer Kleinkrimineller, ein kleiner Fisch. Ich schätze, dass wir ihn schnell wieder auflesen; versteckt in irgendeinem Maisfeld.«

Tomas’ Blick fiel auf einen groß gewachsenen Mann in blauer Uniform, der in einem der Polizeibusse am Straßenrand auf dem Vordersitz saß.

»Das ist Conny Eriksson. Einer der beiden JVA-Beamten, die Possner verlegen sollten.«

Tomas runzelte die Stirn.

»Werden diese Gefangenentransporte nicht von speziell ausgebildetem Personal begleitet?«

»Ein Pilotprojekt, das mehr als ausbaufähig ist. Du kennst das Gerücht, dass die 140 Behörden abgebaut und auf Gott weiß wie viele zusammengestrichen werden sollen.«

Tomas schüttelte den Kopf.

»Überall soll gespart werden.«

»Die Frage ist nur, wozu diese Einsparungsmaßnahmen gut sein sollen. Was will das Land davon kaufen?«, erwiderte Zingo und winkte Conny Eriksson heran, der umständlich aus dem Polizeibus kletterte und zu ihnen herüberkam.

»Sind Sie okay?« Tomas legte ihm eine Hand auf die Schulter.

Der Justizvollzugsbeamte nickte und sah sie mit seinen eng beieinandersitzenden Augen an.

»Welchen Eindruck hatten Sie von den Männern, die Possner befreit haben?«, fragte Tomas weiter.

»Sie waren gut organisiert, haben nicht gezögert. Und sie hatten Militärwaffen.«

»Woher wissen Sie das?«

»Sie haben auf uns geschossen, verflucht noch mal. Und ich habe Wehrdienst geleistet. Es ist ein Skandal, dass wir keine Schusswaffen tragen dürfen. Wie sollen wir uns verteidigen? Außerdem …«

Eriksson verstummte.

»Außerdem was?«, fragte Tomas.

Conny Eriksson blickte sich um und machte einen Schritt auf sie zu.

»Frauen bei der Polizei«, sagte er. »Erika Lyxén hat den Transporter gefahren. Wenn ihr mich fragt, gehören Frauen überhaupt nicht hinters Steuer. Vor allem nicht hinters Steuer von Gefangenentransportern. Wir transportieren gefährliche Typen. Ihr hättet hören sollen, wie sie geschrien hat, als der Ford uns abgedrängt hat. Nicht umsonst haben wir in diesem Land pro Jahr fast fünfzig Ausbrüche zu verzeichnen.«

Tomas seufzte innerlich. Er musste sich beherrschen, keine Grundsatzdiskussion vom Zaun zu brechen. Das würde zu nichts führen und ihnen auch nicht helfen, Olof Possner zu finden.

»Haben die Männer irgendwas gesagt? Zueinander oder zu den Gefangenen?«, fragte er stattdessen.

Conny Eriksson schnalzte mit der Zunge.

»Ich habe nichts gehört.«

Ein junger Polizist kam mit einem Karton im Arm auf sie zu.

»Die Personalakten und Besucherlisten von Olof Possner und Sean O’Connor aus der JVA Norrtälje«, sagte Zingo. »Hat ein bisschen gedauert, sie zu organisieren. Alles musste kopiert werden. Wahrscheinlich haben sie auch noch jedes einzelne Blatt mit Weihwasser besprengt, bevor die Akten das Büro verlassen durften.«

Er warf seine Kippe auf den Boden und ging dem Mann entgegen.

Tomas wandte sich wieder Conny Eriksson zu.

»Wo ist Ihre Kollegin?«

4

Die Nachricht von Olof Possners Flucht hatte schon die Runde gemacht, als Vera die Redaktion des Aftonbladet betrat. Die Hinweistelefone liefen heiß. Die TV-Bildschirme zeigten die Berichterstattungen von SVT und TV4. Auf den drei gigantischen sichelförmigen Balkonen oberhalb der Redaktion standen Anzeigenverkäufer und Rezeptionisten und verfolgten das Drama, das sich unter ihnen abspielte.

Ein Dutzend Journalisten bemühte sich, die Anrufflut zu bewältigen. Und bestimmt genauso viele waren draußen unterwegs auf der Jagd nach Top-News.

Vera wollte auch dabei sein.

Eine konkrete Story vor Augen haben, nicht mehr länger in diesem Blinddarm von Onlineredaktion versauern.

Eine an der Decke aufleuchtende Lampe ließ sie alle mit einem Mal innehalten.

»TT hat geflasht«, schrie Gäddan vom Boot.

Der halbmondförmige Newsdesk war das Herzstück der Redaktion. Dort saßen alle Chefs.

»Überprüft ihr die TT-Line?«, rief er.

Die Nachrichtenagentur TT schickte sogenannte Flashes, kurze Texte mit den wichtigsten Fakten, nur bei Ereignissen von höchstem Nachrichtenwert.

Vera ging zu Gäddan hinüber. Gäddan hieß eigentlich Anders Gärdén und leitete die Nachtredaktion des Aftonbladet. Seine drei obersten Hemdknöpfe waren offen, er sah aber trotzdem aus wie kurz vor dem Erstickungstod.

»Bringen wir eine Sonderbeilage über die Flucht?«, fragte sie.

»Ich weiß es noch nicht. Muryn antwortet nicht. Ich habe keine Ahnung, wie wir die Lage handhaben sollen.«

Gäddan seufzte.

»Wir haben nur Aushilfen am Start und hinken hoffnungslos hinterher.«

Vera sah sich in der Redaktion um. Die Hälfte der Gesichter kannte sie nicht. Vielleicht konnte sie das Chaos zu ihrem Vorteil nutzen.

»Ich kann helfen«, sagte sie. »Gib mir irgendeine Aufgabe.«

Sie hoffte, dass die Notlage ihn zum Einlenken bewegte. Doch ehe Gäddan antworten konnte, schrie Jan Karlsson aus der Nachrichtenredaktion: »Wir haben Bilder der Flüchtigen. Können wir die bringen?«

Gäddan winkte den jungen Volontär herüber. Ein eingebildeter Affe mit Föhnfrisur und Hosenträgern über dem Hemd. Er hielt zwei körnige Fotos hoch.

»Das Foto von Olof Possner ist ein normales Passbild. Das Bild von Sean O’Connor ist sein erkennungsdienstliches Polizeifoto. Es stammt von einer Quelle.«

Gäddan betrachtete das Bild des Kleinkriminellen, der unversehens im Mittelpunkt eines Befreiungsdramas stand. Er stand mit entblößtem Oberkörper vor einer weißen Wand; seine Brust zierte eine großflächige Tätowierung. Seine ausdruckslosen Augen strahlten nichts als Kälte aus.

»Possners Bild bringen wir, keine Frage, dieses hier …«

Er dachte einen Moment nach.

»Ja, mach es. Der Mann ist auf der Flucht. Er ist kriminell. Eine potenzielle Gefahr für die Bevölkerung. Wir können uns darauf berufen, dass die Veröffentlichung von Namen und Bild von allgemeinem Interesse ist. Bring es!«

Der Volontär stürmte zurück an seinen Platz.

»Der Junge wird eines Tages Chefredakteur«, orakelte Gäddan.

Bevor sie ihr Gespräch wieder aufnehmen konnten, rief der Bildredakteur: »Ich hab einen Hubschrauber organisiert. Sollen wir Ivarsson und Hult schicken?«

Gäddan hob bestätigend den Daumen.

»Fragt sich nur, ob der Hubschrauber mit Ivarsson an Bord überhaupt in die Luft kommt«, murmelte er. Dann zeigte er auf das Aquarium.

»Komm, wir setzen uns dort drüben hin.«

Vera folgte Gäddan in das Büro des Chefredakteurs, das nicht viel mehr als ein gläsernes Viereck war, und setzte sich an den Besprechungstisch. Der Chefredakteur weilte momentan auf einer Vorstandskonferenz und war vermutlich schon betrunken.

»Ich will, dass du diese Story machst. Ich will dich in diesem Hubschrauber haben, nicht den Intriganten Ivarsson«, sagte Gäddan. »Aber mir sind die Hände gebunden.«

Er hob die Arme.

»Ich habe die Anweisung erhalten, dass du in der Onlineredaktion bleibst, bis du einen richtig großen Scoop gelandet hast. Es darf nicht so aussehen, als ob du irgendwelche Vorteile einheimsen würdest, weil du mit Muryn in die Kiste springst. Dann haben wir sofort das Gerede von Sex als Karrierebeschleuniger am Hals.«

»Mir hat es nur Nachteile gebracht«, erwiderte Vera lakonisch.

In diesem Moment joggte Jan Karlsson auf der anderen Seite der Glasscheibe vorbei. Sie wünschte, sie wäre wie er. Könnte von vorne beginnen, einen Neuanfang machen.

»Die Sache ist die«, sagte Gäddan. »Ivarsson und unser lieber Chefredakteur haben früher zusammen für das schwedische Militärmagazin gearbeitet. Er wird erst klein beigeben, wenn ihm keine andere Wahl mehr bleibt. Servier ihm einen verfluchten Megascoop.«

Vera starrte auf die Tischplatte. Sie erwog, Rikard anzurufen und ihm zu sagen, dass er keine Eier in der Hose hatte.

»Was soll ich tun?«, fragte sie.

»Daran hat unser Großer Vorsitzender gedacht. Bei unserem Mittagsbriefing hat er mich gebeten, dir zu sagen, dass du Lotta Engberg anrufen und sie fragen sollst, was an dem Gerücht über sie und Christer Sjögren dran ist. Ob die beiden wieder zusammen sind. Alle Klatsch-und-Tratsch-Reporter sind an Possners Ausbruch dran.«

Vera funkelte Gäddan wütend an. Er war nur der Bote, trotzdem wollte sie ihm den Schädel einschlagen.

»Hast du keine richtige Story?«, fragte sie.

»Doch.« Er grinste. »Alle wissen, dass Schyman trinkt. Bring mir die Bestätigung schwarz auf weiß, und du kriegst sechs Seiten in der Printausgabe.«

Vera schüttelte den Kopf. Sie konnten nichts darüber bringen, solange die Vorsitzende der Linken, Gudrun Schyman, sich nicht dazu entschied, ihre Alkoholsucht öffentlich zu machen.

»Dann setze ich mich jetzt an meinen Platz in der Onlineredaktion.«

Sie stand auf und verließ das Büro. Auf dem Weg in den abgeschiedenen Winkel in der hintersten Ecke der offenen Bürofläche warf sie nicht einmal einen Blick in Richtung Newsdesk.

Auf ihrem Schreibtisch lag ein Zettel von ihrem Vorgesetzten Bosse Rosén, den alle nur Rose nannten.

Magenprobleme. Bin nach Hause. Schau in die Mails. Ein frischer Hinweis zu den Nigeria-Briefen. Eine neue Masche, um Internetanfängern Geld aus der Tasche zu ziehen. Rose.

Vera loggte sich in ihren Computer ein und öffnete das Mailprogramm, konnte sich aber nicht für die Story erwärmen. Kaum jemand besaß einen privaten Internetanschluss, wodurch dieser Betrug nur eine sehr begrenzte Anzahl Menschen betraf.

Und es war kein Ausbruch, die Story hatte keinen Biss.

Sie griff zum Telefonhörer und rief Jerker Wretström an, der fast sofort abnahm.

»Ich habe vorhin nicht richtig geschaltet«, sagte Vera. »Worum geht es bei dieser Razzia?«

»Sie findet im Docklands in Nacka statt. In der ehemaligen Werft. Und das ist kein kleiner, unbedeutender Rave-Club, wenn du das glaubst. Der Club ist riesig. Die Promis geben sich da die Klinke in die Hand.«

»Und die Razzia ist heute Nacht?«

»Ja. Mit dem ganzen Besteck. Wir haben Hinweise, dass da einige bekannte Pappenheimer auftauchen werden.«

Vera wurde klar, dass sie Jerkers Tipp falsch eingestuft hatte. Drogen und Promis brachten immer Auflage.

»Und ich nehme an, dass du dir deinen Tipp bezahlen lassen willst? Jedenfalls, wenn ich einen Promi vor die Linse kriege«, sagte sie.

»Nein, das hier ist pro bono. Die Rave-Kommission muss Erfolge vorweisen, sonst sind wir gleich wieder weg vom Fenster. Ein Promi in Handschellen freut unsere Chefs. Und im besten Fall schrecken wir den einen oder anderen Teenie davon ab, Ecstasy zu schlucken.«

»Okay.« Vera fuhr ihren Computer runter und griff nach ihrer Jacke. »Welche Promis kommen heute Abend?«

»Der Typ, der mit diesem schwulen Friseur und der Tussi mit den Megatitten in einer Band singt.«

»Alexander Bard von Army of Lovers?«

»Ja, kann sein, dass er so heißt. Wir sehen uns um elf.«

Vera legte auf, steckte Block und Stift ein, schlich in den Raum der Fotografen, schnappte sich eine Pocketkamera und stahl sich aus dem Hinterausgang. Bis zur Razzia heute Abend würde sie die Arbeit schwänzen.

5

Erika Lyxén war achtundzwanzig Jahre alt, blond und höchstens ein Meter sechzig groß. Ihre blauen Augen waren vom Weinen geschwollen und gerötet, und sie sah sich unentwegt um, als erwarte sie einen neuen Hinterhalt.

Tomas betrachtete den Reifenabrieb auf dem Asphalt. Er hatte vorgeschlagen, den Bremsweg des Transporters abzulaufen, von dem Punkt, wo Erika Lyxén den silberfarbenen Saab zum ersten Mal bemerkt hatte, bis zu der Stelle, wo der Gefangenentransporter zum Stehen gekommen war. Zingo saß in Tomas’ Volvo und ging Possners Akte aus der JVA Norrtälje durch.

Im Unterschied zu Conny Eriksson gab Erika Lyxén zu Protokoll, von einem der maskierten Männer angesprochen worden zu sein, nachdem er sie zu Boden gezwungen hatte.

»Und Sie sind sich ganz sicher?«

»Ja.«

Sie sprach leise. Tomas musste sich vorbeugen, um zu verstehen, was sie sagte. Ein leichter Parfümduft umgab sie.

»Warum hat Ihr Kollege das nicht mitbekommen?«

Sie räusperte sich.

»Er lag auf der anderen Seite des Transporters.«

»Welche Sprache hat der Mann gesprochen?«

Erika Lyxén sah ihn an.

»Schwedisch. Er sagte: ›liegen bleiben‹.«

Tomas blickte auf den Gefangenentransporter in der Straßenmitte.

»Wie hat sich Possner während des Transports verhalten? Wirkte er angespannt? Nervös? Hat er irgendeine Bemerkung gemacht?«

Erika Lyxén schüttelte den Kopf.

»Er hat nicht viel gesagt. Er war ruhig.«

Sie standen jetzt im Schatten. Hier war es deutlich kühler als in der Sonne. Kurz erwog Tomas, seine Jacke aus dem Volvo zu holen, aber er wollte die Befragung nicht unterbrechen.

»Ist Ihnen irgendetwas anderes aufgefallen? Wie hat Conny sich verhalten?«

Tomas bemühte sich um einen beiläufigen Ton.

»Normal. Oder was meinen Sie?«

Tomas sah sie an.

»Das, was ich gefragt habe.«

»Er war wie sonst auch. Kurz vor dem Überfall hatten wir eine kleine Meinungsverschiedenheit, aber das hatte nichts damit zu tun.«

Tomas wartete auf eine Fortsetzung, die nicht kam.

»Könnten Sie das bitte präzisieren?«

Erika Lyxén seufzte.

»Wir dürfen während der Transporte keine Musik hören. Aus Sicherheitsgründen. Aber Conny hat darauf bestanden, eine CD einzulegen, die er dabeihatte, und wurde sauer, als ich mich geweigert habe, sie anzustellen.«

Die Türen des Gefangenentransporters standen noch offen. Tomas beugte sich über den Fahrersitz und ließ den Motor an. Die Armaturenbrettanzeige leuchtete auf, und er nahm die CD aus dem CD-Player. Es war das neue Album von Ultima Thule: Karoliner. Die Hülle lag im Seitenfach der Beifahrertür. Das Cover zeigte vier Karoliner in blauen Waffenröcken und weißen Hosen; dichten, weißen Rauch. Drei der Soldaten hielten Musketen in den Händen. Der vierte, im Vordergrund, hatte sein Bajonett erhoben.

»Tomas.«

Zingo war zu ihnen herübergekommen.

»Was hast du da?«

Tomas zeigte ihm die CD-Hülle.

»Gehört Conny.«

Zingo lachte.

»Ein Justizvollzugsbeamter mit rechtsextremistischem Musikgeschmack. Ich denke, wir sollten Conny Erikssons politische Ansichten gründlich unter die Lupe nehmen.«

Tomas fiel auf, dass Zingo eine Akte in der Hand hielt.

»Hast du was gefunden?«

»Sean O’Connor war ein Eilverschub.«

»Was bedeutet das?«

»Er wurde von heute auf morgen verlegt. Bis vor ein paar Tagen war seine Führungsakte blütenweiß – dann hat er einen Mitgefangenen angegriffen. Darum sollte er nach Österåker. In Norrtälje hat er genau zwei Wünsche an die Gefängnisleitung gerichtet: Er wollte einen Boxsack in seiner Zelle, was abgelehnt wurde, und er wollte sich im Radio einen Boxkampf anhören, was gestattet wurde.«

»Weshalb sitzt er?«

»Körperverletzung. Eine Kneipenschlägerei in Gustavsberg.«

»Und wie hat sich Possner geführt?«

Zingo grinste.

»Er wird nicht gerade den Preis ›Insasse des Jahres‹ gewinnen, falls es so eine Auszeichnung gibt. Diverse Querelen mit Wärtern und Häftlingen. Er hatte oft Besuch. Und über diese Besuche wollte ich mit dir reden.«

Zingo reichte ihm ein Blatt aus der Akte, ein Formular, das die Besucher am Tag ihres Besuchstermins vorher an der Pforte ausfüllen mussten.

»Das war Possners letzter Besuch, und wie du siehst, fand er letzten Samstag statt«, sagte Zingo.

Als Tomas den Namen und die Unterschrift am Ende des Blattes las, erstarrte er.

Der Name des Besuchers lautete: Peter Wolf.

6

Vera drängte sich durch die zuckenden Leiber auf der Tanzfläche. Die Techno-Beats pulsierten durch ihren Körper. Sie sollte Jerker Wretström draußen vor dem Docklands treffen, wollte aber vor dem Zugriff der Polizei noch Bilder von der Party machen.

Psychedelische Muster bedeckten die Wände der ehemaligen Finnboda-Werft in Nacka und riefen im flackernden Stroboskoplicht unbehagliche Sinnestäuschungen hervor. Die meisten Besucher waren Jugendliche. Vera kämpfte sich zu einer ruhigeren Ecke am Rand der Tanzfläche durch. Dort standen ein paar Sofas im gleichen Muster wie die Wände. Davor tanzte ein Mann mit Glitzeraufklebern auf Oberkörper und Wangen. Seine ruckartigen Bewegungen verliehen ihm das Aussehen eines wild umherflatternden Vogels.

Als Vera sich an ihm vorbeizwängte, ging er unvermittelt in die Knie und stieß sie in den Bauch. Sie breitete die Arme aus, um nicht zu stürzen, und die an ihrer Schulter baumelnde Kamera traf den Mann mitten ins Gesicht.

»Tut mir leid!«, rief sie.

Der Mann zog sie an sich und streichelte ihren Oberarm.

»Deine Haut ist so weich«, lallte er.

Sein nackter Oberkörper war schweißnass, und er massierte ihren Arm fest im Takt der Musik. Er war offensichtlich total neben der Spur.

»Das ist ein Pullover«, sagte Vera und machte sich von ihm los. »Und der ist ziemlich kratzig.«

»Ach so«, murmelte er enttäuscht.

Mit dem Schweiß des zugedröhnten Typen an ihrem Hals stieg Vera auf den Couchtisch und machte ein paar Überblicksbilder für ihren Artikel. Die Neonfarben würden im Druck gut zur Geltung kommen.

Als sie vom Tisch heruntersprang, legte ihr jemand eine Hand auf die Schulter. Sie drehte sich um, und Jerker Wretström grinste sie an.

»Willkommen im Docklands!«, rief er.

Der frischgebackene Leiter der Rave-Kommission trug Bluejeans, einen Kapuzenpulli und darüber eine sportliche Jacke; ein erbärmlicher Versuch einer Ziviltarnung. Wäre er nackt aufgekreuzt, wäre es nicht weniger auffällig gewesen.

»Letzte Woche hat eine Tussi einem Typen da drüben einen geblasen.« Er deutete mit dem Kopf auf eines der Sofas. »Dann kam ein anderer Typ und hat sie abgelöst.«

Wretström riss die Augen auf, als hätte er sich immer noch nicht von dem Schock erholt.

»Beim nächsten Mal solltest du vielleicht fragen, ob du mitmachen darfst, anstatt die Party zu beenden?«

Jerker lachte, aber Vera sah ihm an, dass er gekränkt war.

»Wir müssen raus«, sagte er. »Gleich ist es so weit, und wir machen den Laden dicht.«

»Kann ich nicht hierbleiben? Dann kriege ich bessere Bilder.«

»Heute Abend gehen wir nicht mit Samthandschuhen vor. Ich halte das für keine gute Idee. Wenn wir den Strom abdrehen, wird es in der Halle zappenduster, und du stehst mittendrin.«

Vera war drauf und dran zu widersprechen, aber ihr war klar, dass sie mit der kleinen Kamera im Dunkeln keine guten Bilder bekommen würde.

»Okay«, willigte sie ein.

Eine Viertelstunde später stand sie mit Wretström draußen vor der Halle, als neunzig Polizisten das Docklands stürmten. Eine Vorhut in Kampfausrüstung sicherte die Rückseite, damit niemand durch den Hinterausgang entwischen konnte.

»Wenn wir die Party beendet haben, suchen wir nach Drogen«, sagte Jerker. »Wir wissen ziemlich gut Bescheid, wo die Dealer ihre Verstecke haben. Zivilbeamte haben früher am Abend Bildmaterial gesichert. Die Hobbykiffer lassen wir laufen.«

Ein uniformierter Polizist zerrte ein junges Mädchen aus der Halle, das nicht älter als siebzehn sein konnte. Vera machte ein Bild davon, wie er sie unsanft ins Gras stieß. Das hätte sie selbst sein können, in der rebellischsten Phase ihrer Pubertät.

»Mir scheint aber, dass euch diese Aktion ziemlichen Ärger einbringen könnte, falls sich einer der Dealer einen fähigen Anwalt besorgt«, erwiderte sie.

Wretström grinste.

»Ganz im Vertrauen: Die Polizei von Nacka hat die Nase voll von diesem Halligalli. Und meine Vorgesetzten scheißen auf Gerichtsurteile. Das Ziel ist, die Kids künftig von hier fernzuhalten. Wenn wir ein paar Drogenbilder in die Zeitung bringen, sind alle zufrieden.«

Eine Stunde später war die Razzia beendet und das Docklands geräumt. Etwa fünfzig Jugendliche waren noch da und protestierten gegen die Polizei. Vera machte gerade ein paar Aufnahmen von ihnen, als Wretström nach ihr rief und sie zu sich auf die Gebäuderückseite winkte.

Vor einer Mauer standen ein Dutzend Männer mit dem Gesicht zur Wand, von Polizisten bewacht.

»Das sind die Dealer«, sagte Jerker. »Vielleicht auch der eine oder andere Käufer. Wir haben ungefähr fünfzehn Verstecke gesichert. Du kriegst später unsere Bilder der beschlagnahmten Drogen.«

Veras Blick wanderte an den Rücken entlang, ohne Alexander Bard oder einen anderen VIP zu entdecken.

»Keine Promis dabei?«, fragte sie.

»Leider nein«, sagte Jerker. »Aber du darfst die ganze Bande fotografieren und bekommst sämtliche Namen.«

Das würde ein guter Artikel werden, dachte Vera. Die Männer, die euren Kindern Drogen verkaufen, perfekt im moralpanischen Schweden, und ein erster Schritt auf ihrem Weg zurück in die Printredaktion. So etwas hatte sie gebraucht. Eine Reportage, die ihr am Herzen lag. Wenn sie genauer darüber nachdachte, konnte sie sich nicht daran erinnern, worüber sie in den letzten Monaten geschrieben hatte. Alles versank in einem Nebel der Bedeutungslosigkeit. Hätte sie Sigge nicht gehabt, hätte sie längst gekündigt. Aber sie war auf das Gehalt angewiesen, und die Arbeit in der Onlineredaktion ließ ihr mehr Zeit für den Jungen.

Jerker bat einen jungen Polizeibeamten, dessen Uniformmütze durch den Tumult in der Halle schief auf dem Kopf saß, die Männer umzudrehen, damit sie Vera die Gesichter zuwandten.

Als sie ein paar Bilder geknipst hatte, brach am hinteren Ende der Reihe ein Handgemenge aus. Sie ging mit erhobener Kamera dorthin, hielt aber jäh inne. Etwas an dem Mann, der versuchte, sich loszureißen, kam ihr bekannt vor. Sein Gesicht war unter einer Kapuze verborgen, trotzdem war sie sich sicher, ihn zu kennen.

Als der Krawallmacher sich zur Seite drehte, trafen sich ihre Blicke. Der Mann stellte seine Gegenwehr abrupt ein, und der Polizist drückte ihn zu Boden.

»Rose!«, rief Vera. »Was zum Teufel?!«

Ihr Kollege war vollkommen zugedröhnt. Sein Blick flackerte umher, fand keinen Halt. Vera ging zu Wretström und deutete auf Rose.

»Du«, sagte sie. »Den habe ich hierhergeschickt. Er sollte Pillen kaufen, als Beweis für unsere Leser, wie leicht das ist. Er arbeitet bei uns.«

Wretström musterte den Journalisten, der seine besten Jahre offensichtlich hinter sich hatte, mit skeptischem Blick.

»Er scheint mir nicht ganz auf der Höhe zu sein.«

»Er ist Alkoholiker. Darum habe ich ihn ausgewählt.«

Sie war sich fast sicher, dass Wretström ihr nicht glaubte, aber sie konnte Rose nicht einfach seinem Schicksal überlassen. Er war der Einzige in der Redaktion, der ihr den Rücken stärkte.

»Wenn ihr ihn mitnehmt, kann ich in meinem Artikel nicht schreiben, wie leicht man an Drogen kommt«, fuhr sie fort. »Meine Vorgesetzten werden Sturm laufen, den Polizeipräsidenten an die Wand stellen und sagen, dass ihr den freien Journalismus sabotiert.«

»Du willst, dass ich ihn laufen lasse?«

»Ja.«

Jerker wand sich unbehaglich hin und her. Wahrscheinlich war es ihm unangenehm, sich gegen seine Kollegen zu stellen.

»Ich werde deinen Namen in meinem Artikel ganz groß rausbringen. Und wir machen ein schönes Foto von dir vor den Dealern«, sagte Vera.

»Okay«, willigte Jerker ein.

Nachdem sie das Bildmaterial von den Drogendealern gesichert und auch noch ein paar Aufnahmen von Wretström in verschiedenen toughen Posen vor dem Docklands gemacht hatte, brachte Vera Rose zu ihrem Saab.

»Diese Magenprobleme scheinen deine Beinkoordination zu beeinträchtigen«, stellte sie fest, während ihr Kollege den Kiesweg entlangstolperte.

Rose gab als Antwort bloß ein Stöhnen von sich und lehnte sich erleichtert an die Motorhaube.

»Steig ein«, sagte Vera.

Rose fiel auf den Beifahrersitz, Vera setzte sich hinters Steuer und ließ den Motor an. Im Auto war es kalt. Es war fast ein Uhr morgens. In diesem Zustand konnte sie Rose unmöglich mit in die Redaktion nehmen. Da waren heute jede Menge Kollegen mit Possners Ausbruch befasst. Und nach dem Streit mit Lisa bestand das Risiko, dass Rikard in die Floragatan gefahren war, obwohl er diese Woche bei den Kindern im Haus hätte sein sollen.

»Kennst du irgendeinen Ort, wo ich schreiben kann?«, fragte sie. »Diese Internetcafés, in die du immer gehst, haben doch auch nachts geöffnet, oder?«

Rose antwortete nicht. Vera packte seinen Arm und rüttelte ihn.

»Nexus«, presste er hervor. »In der Tjärhovsgatan.«

»Dann darfst du mir da Gesellschaft leisten.«

7

Schemenhafte Gestalten bewegten sich durch den gelben Schein der Straßenlampen. Tomas hatte das Seitenfenster des Volvo heruntergekurbelt. Aus einem geöffneten Fenster des Hochhauses drang das betrunkene Gekeife einer Frau. Irgendwo jaulte ein Hund.

Tomas dachte an seine Mutter. An seine Kindheit in Hallstahammar. An die Männer, die gekommen und gegangen waren. Die gesoffen, geschlagen, gedroht und gedemütigt hatten, bevor sie zur nächsten kaputten Familie weitergezogen waren. Seine Mutter, seine Brüder und er hatten sich bei ihrem Versuch, eine Familie zu bilden, nie mit Ruhm bekleckert, aber jetzt würden sie nie wieder komplett sein. Kristian war tot. Er war nicht mehr da. Tomas hasste ihn aus vielen Gründen, aber er war trotz allem sein großer Bruder gewesen. Als ihm letztes Jahr während einer Mordermittlung in Tschechien auf einem Acker eine Waffe an den Kopf gehalten worden war, hatte er an Kristian gedacht und sich gewünscht, er wäre da, um ihn zu beschützen.

Von nun an war es seine Aufgabe, die Trümmer ihrer Familie zusammenzuhalten. Er war der Älteste. Peter war seine Verantwortung. Er musste herausfinden, ob sein kleiner Bruder etwas mit Olof Possners Befreiung zu tun hatte. Falls ja, konnte er ihm nicht helfen. Er brauchte Gewissheit. Sie hatten in den letzten Jahren nicht viel Kontakt gehabt, aber er wusste, dass Peter immer tiefer in die rechtsextremistische Szene reingerutscht war. Wandte man sich nicht von ihr ab, blieb das nicht aus. Der Hass fraß sich immer tiefer in Peter hinein und verdrängte den guten Kern, der in ihm steckte, unter Angst und Feindseligkeit.

Tomas stieg aus und ging das kurze Stück vom Parkplatz zur Eingangstür des grauen Hochhauses. Im ersten Stock wurde das Gekeife immer lauter.

Die Tür fiel hinter ihm ins Schloss, seine Schritte hallten durch das Treppenhaus. Der Hund kläffte. Ein Mann brüllte das Tier an, die Klappe zu halten. Peters Wohnung lag im zweiten Stock. Tomas blieb vor der Tür stehen und horchte. Dann benutzte er den Ersatzschlüssel, den Peter ihm vor ein, zwei Jahren gegeben hatte, betrat leise die Wohnung und machte die Tür hinter sich zu. Im Flur war es dunkel, nur das Licht der Straßenlaternen fiel herein. Aus dem Schlafzimmer drangen gedämpfte Laute. Eine Frau stöhnte. Er hatte nicht damit gerechnet, dass Peter Besuch haben würde.

Tomas zögerte. Sollte er wieder gehen? Nein, er musste mit Peter reden. Wenn er etwas mit Possners Befreiung zu tun hatte, musste er es wissen.

»Peter!«, rief er.

Das Stöhnen verstummte.

»Wer ist da?«

Die Stimme seines Bruders klang angespannt.

»Ich bin’s. Tomas. Wir müssen reden.«

Nach einer Weile ging die Schlafzimmertür auf, und Peter erschien in grauen Boxershorts. Hinter ihm stand eine magere Frau. Sie war nur mit einem Slip bekleidet. Eine Kopfhälfte war kahl rasiert, die andere mit blondierten Haaren bedeckt, die im Dunkeln leuchteten. Sie grinste Tomas an. Die Augen der beiden glänzten von Alkohol oder anderen Substanzen. Ihre Bewegungen waren unkoordiniert und schwerfällig.

»Was willst du?«, fragte Peter. »Wir sind beschäftigt.«

Er baute sich vor Tomas auf. Die Frau ging in die Küche, nahm sich ein Bier aus dem Kühlschrank und trank direkt aus der Flasche. Im Licht der Kühlschranklampe sah Tomas die Hakenkreuz-Tätowierung auf ihrem Bauch und das Thorshammer-Tattoo zwischen ihren Brüsten. Er zog sein Portemonnaie aus der Hosentasche, nahm einen Hundert-Kronen-Schein heraus, ging zu ihr und nahm ihr die Bierflasche aus der Hand.

Sie starrte ihn herausfordernd an.

»Nimm dir ein Taxi und geh. Ich muss mit meinem Bruder reden.«

Die Frau sah zu Peter hinüber, der nickte. Sie ging zu ihm, umfasste seinen Hinterkopf, küsste ihn und verschwand im Schlafzimmer. Tomas zerrte Peter ins Wohnzimmer, drückte ihn aufs Sofa und setzte sich ihm gegenüber in einen Sessel. Die Frau kam in bordeauxfarbener Bomberjacke und stonewashed Jeans aus dem Schlafzimmer. Kommentarlos zog sie die Wohnungstür hinter sich zu. Tomas sah Peter an.

»Hast du was damit zu tun?«

»Womit?«

Tomas musterte seinen Bruder, nestelte an seiner Hemdtasche herum, zog die Zigaretten heraus und steckte sich eine an.

»Mit Possners Ausbruch.«

Peter räusperte sich.

»Wie sollte ich was damit zu tun haben? Zu dem Zeitpunkt war ich mit dir zusammen. Auf der Beerdigung unseres Bruders. Erinnerst du dich?«

Tomas nahm einen tiefen Zug von der Zigarette.

»Warum hast du Possner Samstag im Gefängnis besucht?«

Peter schüttelte den Kopf.

»Ich hab ihn nicht besucht.«

Tomas erhob sich halb, zog die Kopie des Besucherformulars aus seiner Gesäßtasche und warf sie auf den Couchtisch.

Peter griff danach.

Tomas gab sich Mühe, seine Wut zu zügeln. Vor ziemlich genau zwei Jahren, während der Hitzewelle im Sommer 1994, hatte er seinen kleinen Bruder draußen am Skinnarviksberget über den Klippenrand gehalten. Er erinnerte sich an die Panik in Peters Augen, an dessen Schreie. Aber auch an seine eigene Angst, vor der Gewalt, die in ihm steckte.

»Ich war nicht da. Ich schwör’s. Ich hab ihn nie besucht.«

Tomas beugte sich vor, musterte sein Gesicht. Peter war schon immer ein lausiger Lügner gewesen. Doch diesmal schien er die Wahrheit zu sagen.

»Wusstest du, dass er befreit werden sollte?«, fragte er.

»Nein. Aber es freut mich natürlich. Im eigenen Land einen Schwarzfuß totzutreten, ist Notwehr. Possner hat das Vaterland verteidigt. Er ist ein Patriot und …«

Tomas stand auf, und Peter verstummte augenblicklich. Er unterdrückte den Impuls, seinem Bruder in die Visage zu schlagen. Stattdessen drückte er seine Zigarette im Aschenbecher auf dem Couchtisch aus, ging ins Schlafzimmer und schaltete das Licht an. Ein Deckenventilator surrte. Die weißen Bettlaken waren fleckig und zerwühlt. Auf dem Nachttisch lagen ein paar Ausgaben von Blut & Ehre und Sturm. Tomas öffnete den Schrank und wühlte darin herum, ohne recht zu wissen, was er suchte. Dann kniete er sich auf den Boden und sah unter die Kommode. Dort lagen eine Socke und eine verstaubte Snus-Dose. Er drehte sich um und schaute unters Bett.

»Du gottverdammter Idiot«, fluchte er. Tomas streckte eine Hand aus und zog das Maschinengewehr hervor. Eine Kalaschnikow, die Seriennummer abgefeilt. Es war kein sowjetisches Modell. In Bosnien hatte er gelernt, dass sich das Herstellungsland einer Waffe an der Position der Seriennummer erkennen ließ. Dies war eine jugoslawische Zastava M70.

Sie musste aus dem Balkankrieg im ehemaligen Jugoslawien stammen. Sie sollte nicht hier sein, nicht in Peters Wohnung.

Tomas holte tief Luft, kontrollierte, dass die Waffe nicht geladen war, nahm sie mit ins Wohnzimmer und warf sie auf den Couchtisch. Peter grinste.

»Notwehr. Ich weiß, dass du keinen Finger krümmen wirst, du verfluchter Judenlakai. Aber wir Patrioten wollen unser Land verteidigen können.«

Tomas seufzte.

»Gegen was?«

»Hä?«

Sein Bruder blinzelte ihn verständnislos an.

Kleiner Peter, dachte Tomas. Als Kinder hatten Kristian und er Peter nachts abwechselnd gefüttert und ihm die Flasche gegeben, während ihre Mutter mit einem dieser Säufer um die Häuser zog – Typen, die sie schlugen, mit Zigarettenkippen verbrannten und sie vögelten, wenn sie weggetreten auf dem Sofa lag.

»Wogegen wollt ihr uns verteidigen?«

»Gegen die Muslime. Sie werden von Juden und Politikern regiert. Unsere Politiker wollen uns auslöschen, uns austauschen. Das können wir nicht zulassen.«

Eine Mischung aus Ohnmacht und Erschöpfung breitete sich in Tomas aus. Ihm fehlte die Kraft für Gegenargumente. Er konnte nicht einmal mehr wütend sein. Er wollte weg von diesem Irrsinn und dem erstickenden Hass.

»Woher hast du die Waffe?«, fragte er.

»Ist das wichtig?«

»Woher hast du sie?«

Peter hob die Arme.

»Kristian hat sie mir gegeben, bevor er starb. Er hat sie im Krieg organisiert.«

Tomas’ Kollegen würden die nationale Bewegung auf der Suche nach Possner auf den Kopf stellen. Und soweit sie wussten, war Peter Possners letzter Besucher gewesen. Er musste die Waffe mitnehmen. Ihre Mutter hatte gerade ihren ältesten Sohn verloren. Sie würde es nicht überleben, wenn ihr Jüngster ins Gefängnis käme.

Tomas griff nach der Waffe.

»Nimm sie mir nicht weg«, bettelte Peter. »Scheiße, Mann. Unser Bruder hat sie mir gegeben. Sie war ein Geschenk.«

Tomas nahm die Zastava mit in den Flur und wickelte sie in eine Jacke. Peter kam hinterher und betrachtete ihn ausdruckslos.

Tomas umarmte ihn.

Seine Stimme klang belegt und fremd, als er flüsterte:

»Verlass diese scheiß Bewegung, Bruder. Bitte. Es gibt einen anderen Weg, ein anderes Leben. Ich verspreche es dir.«

8

Vera parkte vor dem Internetcafé in der Tjärhovsgatan. Die Kneipen auf Södermalm machten gerade dicht, und die Leute zogen weiter in Clubs oder zu Late-Night-Partys. Lange Schatten tanzten über den Asphalt, als die an Freileitungen montierten Straßenleuchten im Wind schaukelten.

»Kungsängen …«, murmelte Rose auf dem Beifahrersitz. Er lachte auf, als sei der Ortsname ein Gag.

»Was wollte er da?«

»Wer?«, fragte Vera.

»Mein Dealer … er wollte dahin.«

»Okay.«

Vera hatte keine Ahnung, wie sie Rose aus dem Auto ins Internetcafé bugsieren sollte. Wenn ein Polizist sie sah, waren sie geliefert.

Sie stieg aus, ging auf die Beifahrerseite, vergewisserte sich, dass die Straße leer war, öffnete die Tür und zog Rose auf die Füße.

»Schaffst du das hier?«

»Mir ging’s nie besser.«

Sie manövrierte Rose ins Internetcafé. Ein schlaksiger Typ mit fettigem Haar hockte hinter der Kasse.

»Ich nehm die Einundzwanzig«, sagte Rose.

Der Typ nickte. Sie stolperten weiter bis zu einem Computertisch mit der genannten Nummer. Der Lulatsch kam und loggte sie ein.

»Wie funktioniert das? Bezahlt man hinterher?«, fragte Vera.

Der Typ wedelte abwehrend mit der Hand.

»Rose muss nicht zahlen. Wir sind Kumpel«, antwortete er und verkrümelte sich.

Vera betrachtete ihren zugedröhnten Kollegen amüsiert.

»Dieser Fünfzehnjährige ist dein Kumpel?«

»Wir sind beide bei Hack.se. Und er ist neunzehn, glaub ich.«

In den Medien wurde seit einiger Zeit zunehmend über Hacking und Hackerangriffe berichtet, aber Vera hatte sich nicht weiter damit befasst. Sie wusste nur, dass mehrere US-amerikanische Behörden von schwedischen Computerfreaks angegriffen worden waren und dass das FBI in der Sache ermittelte. Unter anderem war die amerikanische Notrufnummer 911 sabotiert worden.

»Du bist also ein Hacker?«, fragte sie.

Sie wusste, dass Rose ein Freak war, er hockte vierundzwanzig Stunden am Tag vorm Computer. Aber dass das FBI hinter ihm her sein sollte, konnte sie sich kaum vorstellen. Andererseits hätte sie auch nie gedacht, dass er heimlich Drogen konsumierte.

»Ich versuche, einer zu werden.«

Roses Blick war immer noch benebelt, und seine Pupillen hatten die Größe von Billardkugeln, aber er kam allmählich wieder zu sich.

»Ich schreibe einen Artikel über die Razzia, und du wirst mir dabei helfen«, sagte Vera. »Was hast du genommen?«

Sie öffnete ein Word-Dokument.

»E«, erwiderte Rose. »Ecstasy.«

»Kriegt man das im Docklands?«

»Wenn man will. Da kriegt man alles. Man muss nur wissen, wen man fragen muss. Oder eigentlich muss man es gar nicht wissen. Sie sehen einem an, was man haben will.«

»Wer verkauft die Drogen?«

Rose zögerte. Vera stieß ihn an.

»Ausländer. Heute sind es keine Schweden mehr.«

Der Beitritt Schwedens zur Europäischen Union hatte den Grenzverkehr bei der Ein- und Ausreise deutlich vereinfacht. Vielleicht wirkte sich das auch auf den Drogenmarkt aus, dachte Vera. Das könnte ein Folgeartikel werden. Der EU-Widerstand war nach wie vor groß.

»Stehen dahinter organisierte Banden, oder verkaufen die Dealer auf eigene Rechnung?«

»Banden. Die Motorradclubs sind sauer, weil keiner mehr Speed kauft. Alle wollen Ecstasy und LSD.«

In einer Ecke des Raums erklang ein dumpfer Knall. Rose fiel vor Schreck fast von seinem Stuhl.

Der Typ an der Kasse rief irgendeinem Frasse zu, er solle sich beruhigen. Vermutlich ein Teenie, der auf seine Tastatur eingedroschen hatte.

»Hast du dich eigentlich mit den Nigeria-Briefen befasst?«, fragte Rose leise.

»Warum flüsterst du?«

Rose nickte in Richtung Kasse, aber seine Bewegungen waren noch immer so unkoordiniert, dass er mit dem Kopf fast gegen den Bildschirm schlug.

»Der Typ steckt dahinter. Darum habe ich davon erfahren. Das Internetcafé ist nur eine Fassade.«

»Ich schaue sie mir ein andermal an«, versprach Vera. »Die schwedischen Gangs verkaufen also kein Ecstasy?«

»Nein, ich hab neulich mit einem Informanten geredet. Er meinte, die Motorradclubs werden zum Gegenschlag ausholen. Es wird Krieg geben.«

Vera schrieb stichpunktartig mit und verarbeitete Roses Infos anschließend zu einem Text.

In den frühen Morgenstunden wurde der Club Docklands im Stockholmer Stadtteil Nacka im Zuge einer groß angelegten Polizeirazzia geräumt.

Die Polizei warnt vor Ravepartys, bei denen ausländische Dealerbanden schwedische Jugendliche in die Drogensucht treiben.

Kriminelle Motorradclubs planen Vergeltungsschläge gegen ihre Rivalen. Ein blutiger Bandenkrieg mit tödlichem Ausgang ist zu befürchten.

Ans Ende setzte Vera ein Zitat von Jerker Wretström. Aus Versehen schrieb sie seinen Nachnamen mit V statt mit W, ließ den Fehler aber stehen. Sie wollte Jerker nicht die Publicity verschaffen, auf die er so versessen war.

Weil sie ihren Tandy-Computer nicht dabeihatte, konnte sie ihren Artikel nicht übers Telenetz in die Redaktion übermitteln.

Sie knuffte Rose, der mit geschlossenen Augen auf seinem Stuhl hockte, in die Seite.

»Glaubst du, du kommst jetzt alleine klar? Ich muss den Artikel ausdrucken und in die Redaktion bringen.«

Rose machte die Augen halb auf und fing an zu lachen.

»Du bist in einem Internetcafé. Du kannst ihn einfach mailen.«

»Kann ich von hier aus E-Mails verschicken? Muss ich nicht in der Redaktion sein, um an mein E-Mail-Postfach zu kommen?«

Rose beugte sich zur Tastatur und begann zu tippen. Es dauerte eine Weile, aber schließlich erklang ein Geräusch wie ein scharfer Luftzug.

»So, jetzt hat die Nachtredaktion den Artikel.«

»Danke.«