Nachwendezeit - Ursula Reinhold - E-Book

Nachwendezeit E-Book

Ursula Reinhold

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Beschreibung

Die Frage, wohin Deutschland geht, bildet den Anstoß für die Rückschau auf vergangene Jahrzehnte der Zeitgeschichte seit 1990, die Ursula Reinhold hier vornimmt. Diese Sicht ist durch tiefe Beunruhigung über die gegenwärtigen Verhältnisse veranlasst und geprägt. Während sie ihren sommerlichen Lebensort im Brandenburgischen genießt, erreichen sie die Nachrichten über aktuelle politische Ereignisse der jüngsten Zeit, die dokumentierend die Rückschau auf Jahrzehnte eines langen Lebens begleiten. Das Erinnern berührt einen weiten historischen Rahmen: Da gibt es die familiären Prägungen und die persönlichen Eindrücke aus Kriegs- u. Nachkriegsjahren, aus dem Erleben in Berlin vor und nach der Grenzschließung, vom Ende der DDR, der Wende und der deutschen Einheit. Im Zentrum steht jedoch ein Erfahrungsbericht über die Nachwendezeit, der sich vor allem auf die 90er Jahre konzentriert. Eine reflektierte Sicht auf diese Erfahrungen vergegenwärtigt die zeitgeschichtlichen Konstellationen, die für die heutige Situation bestimmend wurden. Zu ihnen setzt sich die Autorin kritisch in Beziehung und bezieht sich dabei auch auf veröffentlichte Meinungen. Insgesamt ist ein heterogener Text entstanden, der aus erzählenden, berichtenden, reflektierenden u. publizistischen Elementen besteht.

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Seitenzahl: 368

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Ursula Reinhold

Nachwendezeit

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Saisonbeginn

Anfänge

Neues Zeitalter?

April 2024

Maitage in Pätz

Wohin geht Deutschland?

Herkommen und Prägungen

Wendemonate

Aktuelle Nachrichten

Pätz-Siedler

Die Mauer fällt

Nachwendezeit beginnt

Wiedersehen mit Doris

Rückkehr ins Institut

Das letzte Institutsjahr

Erfahrungen im vereinigten Deutschland

12.5.2024; Gegenwärtiges Geschehen

Institutsende und Weiterarbeit 1992

Ostseeurlaub 92

„Unsere Kinder“

Neue Eindrücke

Das Ehepaar Wellershoff

Konferenz-Thema: Erster Deutscher Schriftstellerkongress 1947

Summe der 90er Jahre

Meine Mutter ein Pflegefall

Baupläne in Pätz

Städtische Impressionen

Deutschland ein Einwanderungsland

Rechts im Vormarsch

AfD-Wahlprogramm 2025

Was alles links sein soll

Ist die Linke tot?

Berliner Straßenkämpfe

Bundesrepublikanische Jubiläen

Friedensgebot

Weitere kriegerische Umtriebe

Pätzer Sommertage mit Abendnachrichten

Sommerregen

Marschbefehle

Festakte, Festspiele, Kriegsspiele, Kriegsakte

Stadtfahrten

August-Nachrichten des Jahres 2024

Israel – Gaza – Libanon

Sommer vorbei

Frieden schaffen

Novembertage

Der 9. November und die deutsche Freiheit

35 Jahre Mauerfall

Aktuelles: 13./14.11. 2024

Wohin Deutschland geht

2025: Weiter wie im alten Jahr

Impressum neobooks

Saisonbeginn

©HeRaS Verlag, Rainer Schulz, Berlin 2024

www.herasverlag.de

Layout Buchdeckel Rainer Schulz

In diesem Jahr beginne ich etwas später im Mai die Pätzer Saison im südlichen Berliner Umland. Wenn die Tage länger werden und die Sonne höher steht, verlasse ich gern meine Stadtwohnung, um die Frühjahrs- und Sommermonate im Holzhäuschen auf dem Grundstück zu verbringen, das in der brandenburgischen Wald- und Heidelandschaft liegt. Ich hatte es von meinen Eltern geerbt und im letzten Jahr an meine Tochter überschreiben lassen. Zwar graut mir in jedem Jahr ein bisschen mehr vor dem Hin und Her, das ich mir damit zumute, denn inzwischen bin ich hochbetagt und in diesem Jahr erstmalig ohne eigenes Auto und damit nun ganz und gar auf Bus und S-Bahn angewiesen, wenn ich mich nicht völlig abhängig von meinen Kindern machen will. Zuweilen frage ich mich, wie lange das noch so gehen wird, auch die Gartenarbeit, die dann auf der Tagesordnung steht, wird mir von Jahr zu Jahr beschwerlicher. Aber wenn ich draußen bin, mich eingerichtet und meinen Tagesrhythmus gefunden habe, geht es mir besser als in der Stadt. Auch ans Bücken, Tragen, Harken gewöhne ich mich nach und nach wieder, sähe, pflanze, gieße und freue mich, wenn es dann wächst. Hier erlebe ich die Natur ganz unmittelbar: die länger werdenden Tage, wechselnde Wetter, Tiere und Pflanzenwelt, denen ich im Garten, im Wald, auf Feldern und in der Heide begegne. Sobald es die Temperaturen erlauben, nehme ich mein tägliches Bad im See, anfangs nur mit wenigen Schwimmstößen, erst wenn es wärmer wird, schwimme ich weit hinaus auf den Pätzer See.

Selbstverständlich nehme ich alles mit, was mich auch in meiner Wohnung beschäftigt. Meine Bücher, meine Notizen zu alltäglichen Nachrichten, meinen Laptop mit Aufzeichnungen. Denn der Zeitgeschichte entrinne ich auch hier draußen nicht, sie bewegt mich seit frühestem Jugendalter und wird mich wahrscheinlich bis zum Ende meiner Tage bewegen, auch heimsuchen. Ja, die Politik, sie bleibt unser aller Schicksal, um meinen Vater zu zitieren, denn wenn sie so weitergeht, geht es nicht gut aus mit uns … Da nützen uns kein Wegschauen, keine Verdrossenheit auch kein Rückzug. So sind die Gedanken und Missempfindungen, die mir die alltäglichen Nachrichten über kriegerische Ereignisse bringen. Weit weg von uns sterben Menschen, verlieren ihre Behausungen, hungern, vegetieren, sie sind ebenso meine Begleiter wie die Verhältnisse im Lande, in dem es an allen Ecken kriselt und knirscht. Es sind die Zustände unseres Landes, in dem es nicht allen, aber doch noch vielen, auch mir, recht gut geht, was aber absehbar bei einer Politik der Konfrontationen, der Hochrüstung, der wirtschaftlichen und ökologischen Krisen nicht so bleiben wird.

Seit einiger Zeit hatte ich begonnen täglich etwas über aktuelle Vorgänge zu notieren und mir gleichzeitig meine Lebensumstände und Erfahrungen der Nachwendezeit zu vergegenwärtigen, zu denen auch das zeitpolitische Umfeld der vergangenen Jahre gehört, deren Ergebnissen wir heute begegnen und die uns die Frage stellen, was morgen sein wird. Wohin gehen wir?

Anfänge

Ungefähr ein Jahr nach Kriegsbeginn in der Ukraine hatte ich mit diesem Eintrag von Generalmajor Kurczyk, Kommandeur des Zentrums Innere Führung der Bundeswehr, angefangen, mir Aufzeichnungen über tägliche Nachrichten zu machen. Er erklärt die Bereitschaft zum Krieg und sagt: „Es geht nicht darum, welche Waffen wir haben, es geht darum, ob wir Menschen haben, die bereit sind für Deutschland in den Krieg zu ziehen, die bereit sind, für ihre Überzeugung, für unsere Werteordnung bis ans Ende der Welt zu ziehen.“ (nd Der Tag v. 11. April 2023) Bestürzende Aussichten finde ich!

Heute vor einem Jahr begann Russland mit seinem militärischen Überfall auf die Ukraine. Ich hatte nicht für möglich gehalten, dass Putin diesen Krieg beginnt. Ich war fassungslos, weil Krieg für mich immer das Schlimmste ist und ich von allen Russen, die ich jemals in meinem Leben kennengelernt habe, immer nur hörte, dass sie den Frieden lieben und niemals Kriege wollten. Auch Jewtuschenkos Zeilen haften mir unauslöschlich im Gedächtnis: „Denkst du denn die Russen wollen Krieg“?

Krieg ist das Schlimmste, was passieren konnte, das sitzt tief in meinem Bewusstsein, solange meine Erinnerung zurückreicht. Und es lag außerhalb meines Vorstellungsvermögens, dass der russische Präsident sich dazu entschließt, in die Ukraine einzumarschieren. Sicherlich, zuvor hatte Putin schon in Tschetschenien und Georgien kriegerisch interveniert, aber der Prozess des Auseinanderbrechens des riesigen Sowjetreiches in unabhängige Staaten schien mir zu diesem Zeitpunkt beendet zu sein. Angesichts der bestehenden Herausforderungen und der westlichen Einmischungen war zu befürchten gewesen, dass dieser Prozess noch viel zerstörerischer hätte ablaufen können. Denn bekanntermaßen ist es so: Wenn große Reiche auseinanderfallen werden stets erhebliche destruktive Kräfte freigesetzt. Aber offensichtlich liegt die Ukraine dem Zentrum Russlands näher, die wirtschaftlichen und kulturellen Verflechtungen sind intensiver. Vor allem boten die dortigen Verhältnisse mit ihrer inneren politischen Zerrissenheit keine Gewähr für einvernehmliche Beziehungen zu Russland.

Bereits seit 2014 gab es die separatistischen Bestrebungen in den östlichen Regionen um Luhansk und Donezk, die als Reaktion auf Sprachenstreit und andere innere Widersprüche zu werten waren. Aber die Garantiemächte für die ausgehandelten Abmachungen zur Beilegung der kriegerischen Auseinandersetzungen sahen zu, wie die Sache eskalierte. Zu dieser Zeit wuchsen zwar meine Befürchtungen, aber dass Putin den Befehl zum militärischen Einmarsch geben würde, hätte ich nicht gedacht.

Zunächst ging ich von der Annahme aus, dass dem als „militärische Sonderaktion“ firmierten Unternehmen eine Fehleinschätzung der inneren Lage der Ukraine und der Haltung seiner Bewohner zugrunde liegen würden, ich hoffte auf einlenkende Maßnahmen. Offensichtlich ist er nicht von den besten Ratgebern umgeben, dachte ich mir. Wenig nur hörte man von Verhandlungen beider Seiten, vom einlenkenden Angebot des ukrainischen Präsidenten, der Ukraine einen neutralen Status zu verleihen. Dann kam die Nachricht über die Gespräche des britischen Premiers Boris Johnson mit dem ukrainischen Präsidenten Selenskyj. Er sicherte der Ukraine bei Gegenwehr jeden Beistand der westlichen Seite zu.

Nach nunmehr zwei Jahren Frontgeschehen und Bombenkrieg auf ukrainische Städte und Infrastruktur ist deutlich, dass Putin die imperiale Macht zurückgewinnen will, die dem Reich seit den 90er Jahren gegenüber dem Westen verloren gegangen ist. Ja, die kriegerischen Aktionen in Tschetschenien, in Abchasien und in der östlichen Ukraine waren Vorboten einer solchen Absicht. Deutlich ist aber auch geworden, dass der Krieg nicht im Interesse Russlands liegen kann, denn die Frontstellung der Menschen in den Nachbarstaaten ist gegen Russland einmütiger als sie es jemals zuvor war. Nach einem Jahr ist die militärische Grenzlinie zwischen Russland und der NATO noch weiter nach Norden vorgerückt, denn nicht nur die baltischen Länder Litauen, Estland, Lettland, sondern auch Schweden und Finnland sind inzwischen Mitglieder des Militärbündnisses geworden.

Neues Zeitalter?

Es jährte sich bereits auch der Tag, den der deutsche Kanzler Scholz zum Beginn eines neuen Zeitalters erklärte. Seit langem schon durch Krisen und Kriege alarmiert, hielt ich es für übertrieben, mit jedem neuen Krieg den Beginn eines neuen Zeitalters einzuläuten. Denn vom Himmel fiel dieser Krieg nicht, er hat eine lange Vorgeschichte, die ich aufmerksam und mit zunehmender Sorge verfolgt hatte. Dabei bestaunte ich oft die Langmut dieses russischen Mannes, der auf immer neue Weise den Gedanken an ein europäisches Sicherheitssystem unter Einschluss Russlands Geltung zu verschaffen suchte. Ich denke an die Zwei-plus-Vier-Verhandlungen 1989/90, in denen es um die Bedingungen für die Einheit Deutschlands ging. Anfangs hatte Außenminister Genscher dem amerikanischen Präsidenten vorgeschlagen, gegebenenfalls die Bundesrepublik aus der NATO zu entlassen, um die Zustimmung der sowjetischen Seite zur deutschen Vereinigung zu bekommen. US-Präsident Bush wies diesen Vorschlag zurück und verwies auf finanzielle Angebote, um die Zustimmung der Gegenseite zu erreichen. Dollars flossen, um die sowjetische Seite dazu zu bewegen, ihre aus alliierter Zeit resultierenden Rechte in Deutschland aufzugeben. Ganz und gar einseitig blieb diese Bereitschaft, wie die zukünftige Entwicklung zeigen sollte.

In den Präambelformeln des „Zwei-plus-Vier-Vertrages“ werden die grundlegenden Voraussetzungen betont, um ein friedliches Zusammenleben auf dem Kontinent zu gewährleisten. Denn es heißt hier für alle Beteiligten: „In dem Bewusstsein, dass ihre Völker seit 1945 miteinander in Frieden leben“, bekunden sie ihre Entschlossenheit, „die Sicherheitsinteressen eines jeden zu berücksichtigen“. „Eingedenk der Prinzipien, der in Helsinki unterzeichneten Schlussakte der Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa“ wird die Bereitschaft bekräftigt, die Sicherheit „zu stärken, insbesondere zu wirksamen Maßnahmen der Rüstungskontrolle, Abrüstung und Vertrauensbildung beizutragen“ und „die Schaffung institutioneller Vorkehrungen im Rahmen der Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa positiv in Betracht zu ziehen“. Aber nichts davon geschah.

Zum Zeitpunkt als dieser Vertrag abgeschlossen wurde, hatte der Auflösungsprozess der Sowjetunion bereits mit den Unabhängigkeitserklärungen der baltischen Länder begonnen, er beschleunigte sich mit dem Augustputsch 1991, nach dem im Dezember 1991 in einer Vereinbarung der Präsidenten Russlands, der Ukraine und Belarus festgeschrieben wurde, dass „die UdSSR als völkerrechtliches Subjekt ihre Existenz beendet habe“. Zugleich wurde der Vertrag von 1922 zur Schaffung der UdSSR außer Kraft gesetzt und die Gemeinschaft unabhängiger Staaten begründet. Ein Beschluss, der am 21. Dezember desselben Jahres in Alma Ata von den inzwischen unabhängigen Nachfolgestaaten bestätigt worden war.

Im Zusammenhang mit diesem Zerfallsprozess wurde die russische Föderation auf die Grenzen zurückgeworfen, die der deutsche Generalstab nach dem Ersten Weltkrieg in Brest-Litowsk Lenin diktiert hatte. Es verlor somit im europäischen Teil seines Landes ein Drittel seiner Bevölkerung sowie Industrieeinrichtungen und Verkehrsverbindungen. Die Sowjetunion hatte unter größten Verlusten im von Deutschland begonnenen Zweiten Weltkrieg das Hitlerreich niedergekämpft und konnte mit der Roten Armee in Stalingrad die Wende des Krieges herbeiführen. Sie trug die Hauptlast des alliierten Sieges als im Mai 1945 in Berlin die deutsche Wehrmacht kapitulierte.

Der Festakt, mit dem die Rote Armee im August 1994 in Berlin verabschiedet wurde, glich einer Farce. Der betrunkene Jelzin dirigierte einen Chor, der in deutscher Sprache ein für diesen Zweck geschaffenes Lied sang, in dem es hieß, „Deutschland wir reichen dir die Hand, wir kehren zurück ins Vaterland“. (S. Scholl-Latour: Russland im Zangengriff, 2006, S. 22). 500.000 Mann wurden zurückgeführt. Ich bekam bei einer Bahnfahrt nach Leipzig in Wittenberg einen Eindruck davon, was diese Rückführung für die betroffenen Soldaten bedeutete. Den Staat für dessen Armee sie standen, gab es nicht mehr. Seine früheren Funktionäre waren dabei, möglichst viel von den produktiven Reichtümern des Landes an sich zu bringen. Die Soldaten gingen ins Ungewisse, ins soziale Elend, das war dem Verladen von Personen und Gütern in Züge anzusehen, denen man auf der Bahnstrecke um Wittenberg herum begegnete. So sahen sie sich am Ende des Kalten Krieges in der Rolle des Verlierers, obwohl sie einst Sieger waren, hatten sie nun den Frieden verloren. Mündlich gab es die feierliche Zusicherung, dass die NATO nach Osten hin nicht erweitert werden sollte. Aber es dauerte kein Jahrzehnt, bis dieses Versprechen gebrochen und ein Land nach dem anderen, das ehemals im sowjetischen Einflussbereich gelegen hatte, Kandidat bzw. Mitglied der NATO geworden war.

Eine Zeitlang gab es noch die Versicherung, es würden keine Atomwaffen auf den Territorien der Neumitglieder stationiert, eine Zusicherung, die durch heutige Reden und Begehrlichkeiten längst ins Wanken geraten ist. Nach dem Kollaps des östlichen Systems und dem Auseinanderfallen der Sowjetunion suchte dieses Russland erst seit Putins Präsidentschaft wieder nach eigenen Wegen. Denn sein Vorgänger Jelzin hatte als Konkursverwalter lediglich dafür gesorgt, dass das Volkseigentum verscherbelt und Bedingungen geschaffen wurden, die dem Westen die Möglichkeit boten, uneingeschränkt in das große Reich hineinzuregieren. Putin stellte eine gewisse Ordnung wieder her, sorgte dafür, dass sich die soziale Situation vieler Menschen verbesserte, suchte nach eigenen Wegen und erwartete Formen kollektiver Sicherheit für Europa. Es ist nicht schwer zu begreifen, dass er den Zerfall der UdSSR als geopolitische und nationale Katastrophe ansieht und nun versucht, dem jetzigen Russland als imperiale Macht eine eigenständige Identität zu vermitteln. Dafür greift er seit geraumer Zeit auf autoritäre russländische Traditionen zurück. Patriotismus und Bindung an die russisch-orthodoxe Kirche werden gefördert, dazu werden Geschichtsbilder verbreitet, die an militärisch-ruhmreiche Ereignisse der Vergangenheit anknüpfen.

Es wurde ziemlich bald klar, dass es ein europäisches Sicherheitssystem unter Einschluss Russlands nicht geben werde. Zwar ging zunächst die Rüstung für einige Jahre zurück, es schien so, als ob das relative Gleichgewicht der Systeme, das in den 80er Jahren in wirksamen Abkommen über Abrüstung seinen Niederschlag gefunden hatte, trotz des Zusammenbruchs des östlichen Systems erhalten bleiben würde. Zunächst gab es ab 1994 zwischen den westlichen NATO-Staaten und Russland eine sogenannte „Partnerschaft für den Frieden“, aus der 1997 in Paris die NATO-Russland-Grundakte hervorging und unterzeichnet wurde. Diese NATO-Russland-Grundakte hatte noch ein gemeinsames Sicherheitsinteresse deklariert, das sich allerdings nicht einstellte. Denn die für beide Seiten vertrauensbildenden Maßnahmen im Rahmen eines europäischen Sicherheitssystems kamen nicht zustande, wie auch geplante Abrüstungsmaßnahmen ohne konkrete Festlegungen blieben. So war bereits 1998 die Friedensdividende aufgebraucht, die Rüstungsausgaben stiegen schon wieder. Wie musste sich für Russland diese Situation darstellen? Wie konnte die sukzessive Ausdehnung der NATO anders zu bewerten sein, als gegen die russische Interessensphäre gerichtet? Wie anders sollte der Beitritt Ungarns, Polens und Tschechiens aufzufassen sein, der sich bereits 1999, fünf Jahre nach dem Abzug der sowjetischen alliierten Truppen aus dem vereinigten Deutschland vollzog? 2004 folgten dann mit Rumänien, der Slowakei, Slowenien, Bulgarien, Estland, Lettland, Litauen weitere sieben Länder und weiter ging es 2009 mit Albanien, Kroatien, 2017 mit Montenegro, 2020 mit Nordmazedonien. Gab es irgendeinen Gedanken daran, wie diese Ausdehnung des Militärbündnisses von russischer Seite aus anders zu bewerten sei als eine gesuchte Konfrontation, als Ignoranz gegenüber den russischen Sicherheitsinteressen? Schritt für Schritt weitete sich so das westliche Militärbündnis in Richtung Osten aus, vom hohen Norden bis ans Schwarze Meer stehen NATO-Truppenverbände an der russischen Grenze. Jahr für Jahr folgen dort seither Manöver. Eine Zeitlang protestierte der brandenburgische SPD-Ministerpräsident Woidke noch gegen die jährlich stattfindenden Truppentransporte über die brandenburgischen Chausseen, ich kann mich erinnern, wie er seinem Missbehagen Luft machte. Aber nun scheint er sich gewöhnt zu haben, denn es gibt keinerlei Missfallensäußerung mehr von seiner Seite.

Der Journalist Peter Scholl-Latour gibt in seinem Buch „Russland im Zangengriff“(2006) einen Abriss dieses Geschehens, er beschreibt das russische Imperium im Spannungsverhältnis zwischen dem Ausdehnungsbestreben der Nato im Westen, dem prosperierenden China im fernen Osten und den islamistischen Bestrebungen in den asiatischen Republiken des Südens. Wie in allen seinen Betrachtungen sind seine Ausführungen zu Russland durch verständnisvolle Objektivität gekennzeichnet. Dabei beschäftigen ihn die geopolitischen Herausforderungen ebenso wie die inneren Probleme des riesigen Landes, über die er beobachtend berichtet und deren geschichtlichen Kontext er reflektiert. Seine Darstellungen sind gegen westliche Arroganz und Großmachtstreben gerichtet und kritisieren den von Amerika gesteuerten „Drang nach Osten“, dem sich die atlantische Allianz anschließt. Dabei richtete sich früh schon das westliche Interesse auch auf die Ukraine, wie er darlegt. Die USA strebte „schon bei der Orangenen Revolte des Jahres 2004 mit Hilfe subversiver und obskurer Finanzmächte eine Ausweitung der amerikanischen Militärpräsenz in der Ukraine, in Weißrussland, in Georgien, ja sogar im zentralasiatischen Kirgistan an.“ (Scholl-Latour: Der Fluch der Bösen Tat. Das Scheitern des Westens im Orient. 2015). Der Autor verstarb 2014, er hat den Einmarsch Russlands in die Ukraine nicht mehr erlebt. Aber er hat diesen Krieg kommen sehen. Vor krisenhafter Eskalation westlicher Geopolitik warnend, betitelt er einen Beitrag, den er kurz vor seinem Tod geschrieben hat und der prophetisch „Sarajevo im Donbass“ heißt. Auch hier fragt er nach der Rechtfertigung für das Einfluss nehmende politische Tun des Westens und kritisiert das Verhalten der europäischen Verbündeten, die dem amerikanischen Großmachtstreben untertänigst und kritiklos folgen. Er verweist auf verhängnisvolle Entwicklungen in Europa, wie auch im arabischen Raum infolge dieser Einmischungen.

Bekannt wurde auch, dass die USA bereits seit 2017 Panzerabwehrraketen u.a. Kriegsmaterial an die Ukraine lieferten, während sie Einfluss auf deren innere Verhältnisse nahmen. 2018 kündigte Trump den letzten Atomwaffensperrvertrag auf, der seit den 80er Jahren bestanden hatte, dessen Kündigung dann auch Putin folgte. Die NATO ließ 2021 das bis dahin größte Manöver stattfinden, woraufhin die russische Seite mit gleichrangigen Manövern reagierte. Seitdem dreht sich die Spirale angekündigter Gewalt und weiterer Aufrüstung ungehemmt weiter.

Als die USA 2001 infolge des Anschlags auf das New Yorker Trade Center einen „Krieg gegen den Terror“ proklamierten und dazu den NATO-Bündnisfall nach Artikel 5 ausriefen, dem zufolge 70 Staaten ihre Bereitschaft erklärten, am Kampf gegen die Taliban teilzunehmen, beantragte auch Putin für Russland die Mitgliedschaft in der NATO. Als die USA 2003 zusammen mit einer „Koalition der Willigen“ den Irak-Krieg beginnt, ändert sich offensichtlich für Russland die Situation. Aus den Beratungen des NATO-Russland-Rats zieht sich das Land nun zurück. 2007 rechnet Putin auf der Münchener Sicherheitskonferenz eindringlich mit den kriegerischen Aktivitäten der USA ab und greift seinerseits in die georgischen Verhältnisse ein, um einer weiteren Ausdehnung der westlichen Interessensphäre entgegenzuwirken.

April 2024

Der Krieg in der Ukraine geht nun bereits ins dritte Jahr. Die NATO-Staaten, allen voran die USA und Deutschland, liefern der ukrainischen Seite Rüstungsgüter und Waffen aller Couleur. Für meinen kriegsrechtlichen Laienverstand ist sie längst Kriegspartei im Geschehen; wird sie den Bündnisfall ausrufen, frage ich mich. Auf jeden Fall tut die deutsche Regierung nichts, was in irgendeiner Weise deeskalierend wirken könnte. Denn mehr Waffen bringen keinen Frieden, sie verlängern auf jeden Fall das Kriegsgeschehen und tragen das Potential zerstörerischer Ausdehnung.

Wahnsinn in Großserie. Wolfgang Hübner über die galoppierende Militarisierung. Wir haben in den letzten beiden Jahren gelernt: „Was heute noch wahnsinnig klingt, wird morgen ernsthaft erwogen und übermorgen ausgeführt. Am Geld soll es nicht scheitern. Die deutschen Militärausgaben haben sich seit 2015 fast verdoppelt, wobei das Bundeswehr-Sondervermögen nicht eingerechnet ist.“ (nd v. 17./18.2.2024)

Mehr als zwei Jahre lang nun schon bringen uns die Medien die Bilder des Kriegsgeschehens ins Haus, Millionen ukrainischer Kriegsflüchtlinge leben unter uns. Russland hat die europäische Sicherheitsarchitektur zerstört, der Aggressor Russland muss vernichtet werden, sagt die deutsche Außenministerin und andere deutsche Politiker, Deutschland muss im Rahmen der NATO alles tun, um den Ukrainern zum Sieg zu verhelfen. So tönt es, seitdem das von Scholz ausgerufene neue Zeitalter angelaufen ist und nicht nur die deutsche Politik bestimmt, die so tut, als wäre dieser Krieg ein singuläres Ereignis in der Welt von heute. Das ist leider nicht so, denn bestürzend waren für mich schon 1999 der deutsche NATO-Kriegseinsatz im zerfallenden Jugoslawien und die Bombardierung serbischer Städte, die Teilnahme am 20-jährigen Kriegseinsatz in Afghanistan gegen die Taliban, der 2021 planlos und überstürzt abgebrochen wurde und das Land im Elend zurückließ. Auch das militärische Engagement der USA im Irak im Jahr 2003, in Libyen und im Bürgerkrieg in Syrien und in anderen Länder des arabischen und afrikanischen Raums haben uns längst damit konfrontiert, dass die Vorstellung, nach dem Zusammenbruch des RGW-Systems würde eine Friedenszeit anbrechen, illusionär war und ist. Unterschiedlich strukturierte Staaten imperialen Charakters sind dabei, geopolitisch und ökonomisch Einflusssphären gegeneinander durchzusetzen, in denen es ihnen um eigene Interessen, um Einfluss, Absatzmärkte, Rohstoffquellen u.a. geht, während uns die westliche Politik etwas von wertegeleiteter Außenpolitik erzählt. Nun gut, die anderen Blöcke verfolgen ihre Interessen und haben eigene Erzählungen.

Geschichte wiederholt sich nicht, heißt es, aber vieles erinnert an die Situation vor dem Ersten Weltkrieg, als Deutschland sich bei der Aufteilung der Welt zwischen den Kolonialmächten auf den außereuropäischen Kontinenten als zu kurz gekommen ansah.

Maßgebliche Politiker der Bundesrepublik stellen heute das Friedensgebot, das als ein Vermächtnis zweier verlorener Weltkriege galt, als überholt dar. Es wird davon gesprochen, dass Deutschland mehr Verantwortung übernehmen solle, ich habe noch niemals davon gehört, dass diese Verantwortung sich auf die Herstellung einer Friedensordnung richten sollte. Dagegen höre ich von der Teilnahme an weltweiten Manövern, an immer mehr Produktion und Verbreitung von zerstörerischen Waffen und ihren Einsatz in Kriegen.

Nun geht der russische Krieg um die Ukraine ins dritte Jahr, wir erlebten, wie sich der öffentliche Diskurs rasant in Richtung einer Legitimierung von Waffenlieferungen in Kriegsgebiete und für eine deutsche Beteiligung an internationalen Konflikten gewandelt hat, wie immer schwerere Waffen geliefert werden, so dass die NATO Kriegspartei zu werden droht. Es heißt, man werde alles tun, um der Ukraine zum Sieg zu verhelfen. Das 100 Milliarden Sondervermögen für die Bundeswehr wurde ohne nennenswerten Widerstand im Parlament durchgewunken und schon sind wieder neue Mittel für Waffen im Gespräch.

In den vergangenen zwei Jahren erlebten wir eine galoppierende Militarisierung, immer höhere Rüstungsausgaben, laufend werden neue stärkere Waffen entwickelt und entsprechende Fabriken gebaut, um sie herzustellen. Wir haben gelernt, was heute noch wahnsinnig klingt, wird morgen schon erwogen und übermorgen ausgeführt. Das Kanzlerwort von der Zeitenwende ist zum Propagandabegriff für eine verhängnisvolle Politik geworden. Eskalation ist vorprogrammiert, selbst einige Militärs warnen inzwischen vor der Spirale der Gewalt.

Maitage in Pätz

In diesem Jahr habe ich es unterlassen den 8. Mai zu begehen, bin schon einige Tage zuvor nach Pätz gefahren. Unterwegs erst fiel mir ein, dass ich den Besuch am sowjetischen Ehrenmal in der Puschkinallee ausfallen lasse. Die Treptower VVN-Gruppe (Vereinigung der Verfolgten des Nazi-Regimes) wird sich sicherlich wieder an der Mutter-Heimat-Statue unter der russischen Birke treffen, nehme ich an, aber es werden wahrscheinlich noch weniger mir bekannte Menschen dort sein als im vorigen Jahr. Die Mehrzahl der vielen Trauernden, die die Anlage besuchen, sind Russen und Menschen, die aus den Völkerschaften der früheren Sowjetunion stammen. Sie wollen ihrer Angehörigen gedenken, bringen Blumen mit, aber sie dürfen keine Fahnen mitbringen. Es werden aggressive Szenen zwischen den russischen und ukrainischen Besuchern befürchtet, die vermieden werden sollen. Die polizeiliche Überwachung am Eingang des Ehrenmals achtet streng darauf, dass Fahnen draußen bleiben. Im Vorjahr 2023, als ich noch dabei war, wurde dem VVN vom Bezirksamt nicht gestattet, bei der Gedenkfeier für die Opfer der Befreiung die Fahnen der alliierten Siegermächte des Zweiten Weltkrieges zu zeigen. Das Verbot wurde damit begründet, dass Vertreter der Ukraine die sowjetischen Hoheitszeichen nicht wünschten und nur die Fahne der Ukraine zulassen werden, nicht die des russischen Reiches. Die Treptower Antifaschisten ließen sich von dem Bestreben leiten, des 8. Mai als Tag der Befreiung vom Faschismus zu gedenken und hatten im vergangenen Jahr gehofft, die Fahnen der vier Alliierten zeigen zu dürfen, um dieses Anliegen zu versinnbildlichen. Aber es gab und gibt nun wieder das allgemeine Fahnenverbot. Mit dem Vermächtnis dieses Tages bin ich aufgewachsen und hatte immer das Bedürfnis, der Menschen zu gedenken, die hier beim Endkampf, ihr Leben geben mussten. Daraus rührte für mich die Verpflichtung, dafür zu sorgen, dass sich derlei nicht wiederholen darf. Ja, das sind pathetische Worte, zu denen ich sonst nicht neige.

Der Bundespräsident Richard von Weizsäcker hatte im Jahr 1985 auch für die Bundesrepublik, gewissermaßen regierungsamtlich, festgestellt, dass die Niederlage Deutschlands als Befreiung zu begreifen sei, als Befreiung von Faschismus und Krieg. Bei dieser Erkenntnis handelt es sich leider um eine Proklamation, die dem Individualbewusstsein vieler Deutscher, zumal Westdeutscher bis heute fremd sein dürfte. Nun bin ich in diesem Jahr nicht mehr dabei und erlebe hier draußen, dass in den öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten dieser Tag keinerlei Erwähnung findet. Es geht nur noch um den russischen Aggressor in der Ukraine.

Ob wir hier draußen eine Zuflucht hätten, bei zukünftigem Kriegsgeschehen, das beschäftigt mich manchmal. Denn es haftet fest in meiner Erinnerung, wie meine Mutter mit mir, ihrer Schwester und deren beiden Kindern, Klaus und Karin, im letzten Kriegswinter aus Berlin vor den ständigen Fliegeralarmen, nach hier in die kleine Hütte geflüchtet waren, die mein Vater kurz zuvor aus roten Hohlsteinen gebaut hatte. Der Wohnraum umfasste höchstens 15 m² und in meiner Erinnerung gab es hier vor allem Betten. Aber es muss auch einen Tisch mit Stühlen gegeben haben, an dem wir saßen und aßen. Und es gab einen Kochherd und einen kleinen eisernen Ofen mit einem langen Rohr, das durch den halben Raum hindurch zum Schornstein hinausführte. Wir suchten täglich Zweige und Kienäpfel im Walde und dann wurde der Ofen glühend rot und es war sehr warm, aber er kühlte auch sehr schnell wieder ab, wenn das Feuer erloschen war. Am Morgen war manchmal das Wasser im Eimer gefroren, das wir der mit dickem Stoff eingepackten Schwengelpumpe entringen mussten, die auch einfror. Das Geheul der Alarmsirenen gab es auch hier, aber die Flugzeuge flogen hoch am Himmel über aus hinweg und luden ihre Bomben in entfernten Gegenden ab. An den Abenden standen wir manchmal im Garten, schauten in den Himmel auf die Flugzeuggeschwader und die Frauen verständigten sich darüber, wo sie wohl hinfliegen und wo vielleicht die Treffer landen werden. Manchmal war dabei vom nahegelegenen Wildau die Rede, dem Schwermaschinenbau. Wie lange wir hier blieben, weiß ich nicht mehr, aber es können nur wenige Wochen gewesen sein, denn das Ende des Krieges erlebten wir in Berlin. Der Grund für den schnellen Aufbruch aus unserem Quartier war, dass eines Nachts einige Menschen plötzlich in unserer Tür standen, die sie aufgebrochen hatten und nun Einlass wollten. Sie suchten eine Unterkunft, kamen aus den unübersehbar langen Menschentrecks, die seit Tagen über die Chaussee zogen. Dort waren sie mit Fuhrwerken, Pferden, mit Leiterwagen und zu Fuß unterwegs und flüchteten vor der vorrückenden Front im Osten, zogen in Richtung Westen und hofften so, dem Krieg entkommen zu können. „Wo wollen die denn alle hin,“ fragte meine Mutter, hob die Arme und sagte dann einen Satz, den ich von meinem Vater schon öfter gehört hatte: „Kommt doch alles sowieso überall hin!“ Worte meines Vaters, die mir unverlierbar im Gedächtnis geblieben sind. Der nächtliche Vorfall jagte unseren Müttern einen solchen Schreck in die Glieder, dass sie mit uns Kindern wieder ins städtische Elend gingen. So habe ich das eigentliche Kriegsende in Baumschulenweg erlebt, im Splittergraben unserer Laubenkolonie, wo wir wohnten.

Damit hatten wir eigentlich Glück, denn in den letzten Kriegstagen wütete rundum Pätz noch einmal der Krieg. Ganz in der Nähe fand in den Tagen vom 25.- 28. April 1945 in Halbe die sogenannte Kesselschlacht statt. Die rote Armee hatte den militärischen Ring um Berlin schon fast geschlossen. Noch kampffähige Reste der 9. Wehrmachtarmee, zu denen u.a. SS-Panzer-Abteilungen gehörten, waren im Raum zwischen Halbe und Märkisch-Buchholz eingeschlossen und brachen unter General Busse, der zuvor ein Kapitulationsangebot abgelehnt hatte, nach Norden aus dem Kessel aus. Das führte zu verlustreichen Kämpfen, die auf beiden Seiten für tausende Menschen den Tod brachten. Die Spuren dieser Kämpfe waren noch in den Nachkriegsjahren in den umliegenden Wäldern von Pätz zu finden. Wenn wir Kinder durch den Wald stromerten, stießen wir auf ausgeschachtete Gräben, auf aufgeworfene Erdwälle, auf denen Stahlhelme lagen. Wir brachten Kochgeschirre, Bestecke mit kyrillischen Initialen und alles Mögliche sonst mit nach Hause. Erst allmählich verschwanden die Hinterlassenschaften des Krieges, die toten Wehrmachtssoldaten kamen auf den Friedhof in Halbe und die sowjetischen Soldaten wurden in den umliegenden Dörfern begraben, die Gedenkorte sind heute fast zerfallen.

Natürlich wäre ein erneuter Rückzug hierher völlig abwegig. Abgesehen davon, dass man sich einschlägige Ereignisse nicht herbeiwünschen möchte. Aber mitunter beschäftigt mich derlei und da stelle ich fest, dass ich für solche Verhältnisse nicht eingerichtet bin. Einen Brunnen im Garten haben wir noch immer, aber ansonsten ist alles auf Strom umgestellt, ja wir leben auch hier mit Komfort. Die Energie fürs Kochen und Heizen, sie würde zuerst ausfallen. Auch die Petroleumleuchte, die noch eine Zeitlang im Schuppen lagerte, gibt es nicht mehr.

Abwegig solche Gedanken, aber das Erinnern hat seine eigene Logik. Es kommt wie es will oder man ruft es herbei. Aber ich denke, dass ein erneutes kriegerisches Geschehen gänzlich anders sein wird als das Erlebte. Das Vernichtungspotential, das den Himmel bevölkert ist ungleich vielfältiger geworden. Ich liege schon mit Schrecken unter meinem Dach, wenn ich im Sommer zu früher Stunde die beklemmenden Geräusche von Ballonfliegern höre, die sich über meiner Wohnstatt durch die Lüfte bewegen.

Die Maitage sind schon fast vorüber, wie üblich war der Frühlingsmonat zu trocken, was den frühen Blühern aber offensichtlich nichts ausmacht, denn wir hatten viel Regen im Februar und März. Die Sonne trieb die Baumblüte hervor und voran, über und über prangten die alten Apfelbäume in rosa und weißer Blüte. Aber dann kamen frostige Nächte und die Blütenpracht hing braun an den Zweigen. Nur in geschützten Ecken blieb einiges erhalten. Die Apfelernte wird in diesem Jahr sicherlich recht mäßig ausfallen, nicht nur in meinem Garten. Auch die Walnussbäume haben unter dem Frost gelitten, er vernichtete die frisch getriebenen Blätter, die nun welk und braun an den Zweigen hängen und dann trocken von den Bäumen fallen werden.

In den Maitagen des Jahres 2024 habe ich mich nun wieder in meinem Pätzer Domizil eingerichtet, fahre einmal in der Woche zum Dammweg, um meine Orchideen zu versorgen, nach Post zu schauen. Mit der Gartenarbeit hatte ich schon begonnen, nachdem der April recht warm war und dann ganz plötzlich der Nachtfrost kam. Nun ist zu sehen, dass die Apfelbaumblüte gelitten hat. Auch hatte ich mich erkältet bei diesem Witterungswechsel und bin nun erst jetzt, im Mai, so weit, den jährlichen Wechsel ins Sommerhäuschen riskieren zu können. Auf die Stromheizung werde ich dennoch nicht ganz verzichten können, wenn ich hier übernachte, denn warm möchte es sein, damit ich mich wohlfühle. Aber man spürt schon in allem den Frühling, ich höre die Vögel vielstimmig zwitschern, rieche das frisch gewachsene Gras, sehe die Blumen. Ja, es blüht im Garten so manches. Die Frühblüher, die Hyazinthen, Osterglocken und Narzissen sind längst vorbei, die habe ich verpasst. Aber jetzt gibt es auf dem Rasen gelbe Butterblumen, weiße Gänseblümchen blühen und der wilde Thymian sorgt für einen blauen Teppich auf dem Grün. Auf Beeten leuchten vielfarbige Primeln, Maiglöckchen nehmen sich mit jedem Jahr mehr Platz im Garten, öffnen ihre kleinen Glöckchen und auch die Gartenkornblumen entfalten ihre Blüten. Die Akeleien haben sich in diesem Jahr besonders zahlreich vermehrt, sie sind hochgewachsen und recken ihre Zweige mit rosa, lila und weißen Blütenständen weit in den Raum. Die Fingerhüte beginnen, noch zögerlich, ihre Blüten zu entfalten.

In den Morgenstunden sitze ich am Laptop und notiere: Krieg und Krisen all überall sind es, die mich veranlassen, zurückzuschauen auf die mehr als dreißig Jahre, die seit der Umbruchszeit am Beginn der 90er Jahre hinter uns liegen und ich erinnere mich daran, dass für mein Empfinden damals ein neues Zeitalter begann. Aber ich will mich darauf nicht festlegen, denn schon Altmeister Goethe hat in „Maximen und Reflexionen“ konstatiert, dass es innerhalb einer laufenden Entwicklung keinen Standpunkt geben kann, um eine Epoche zu überschauen. Zeitepochen zu bestimmen, bleibt das Geschäft der Historiker. Und so gelten auch die Wendeereignisse dem einen als „friedliche Revolution“, den anderen als „Konterrevolution“, die einen alternativen Gesellschaftsentwurf beendete. Nicht wenige Menschen hofften und Ideologen sahen mit dem Zusammenbruch des sowjetischen Machtbereichs und dem Sieg des kapitalistischen Westens eine Epoche des Friedens herannahen und verkündeten gar, dass die Geschichte an ihr glückliches Ende gekommen sei. Der Dichter B.K. Tragelehn scheint mir den realen Sachverhalten durchaus näher, wenn er die Ereignisse, die zur deutschen Einheit führten als „Niederschlagung einer Revolte durch eine benachbarte Ordnungsmacht“ beschreibt. Eine solche Kennzeichnung der Vorgänge verbleibt ganz und gar im Pragmatischen, sieht davon ab, dass mit dem Zusammenbruch des östlichen Systems auch Bezugspunkte für Vorstellungen verschwanden, die an einem, gegenüber dem Kapitalismus, alternativen Gesellschaftsmodell interessiert waren. Entschiedene Kritiker des realen Sozialismus hatten dem östlichen System diesen alternativen Charakter schon länger abgesprochen, da ihnen die Verbriefung der bürgerlichen Rechte fehlte. Untergegangen ist dieses System aber doch wohl vor allem an seiner ökonomischen Ineffizienz und Starre, wenn man vom Zwang zum Rüstungswettlauf absehen will, der ihm durch die Systemkonfrontation aufgezwungen wurde. Aber mir geht es hier jetzt um gesellschaftliche Verhältnisse, beispielsweise um die Beziehung von sozialer und individueller Freiheit, um Komponenten, die beide unabdingbar dazu gehören müssten, um die Frage nach dem Charakter der revolutionären Vorgänge zu erörtern, deren Zeitzeugen wir waren und sind. Weiterführende geschichtsphilosophische Überlegungen dazu habe ich bei Reinhard Rürup gefunden, dessen historische Darstellungen über die Novemberrevolution von 1918/19 und die Weimarer Republik unter dem Titel zu „Revolution und Demokratiegründung“ von Peter Brandt im Wallstein-Verlag (2020) neu herausgegeben wurden. Bei diesen SPD- nahen Historikern finde ich Positionen, die den Traditionen sozialdemokratischen Geschichtsdenkens entsprechen, die schon im Prager Exil erarbeitet worden sind, als es darum ging, die Rolle der eigenen Partei in der Weimarer Republik kritisch zu beleuchten, da sie Hitlers Machtergreifung nicht hatte verhindern können. Das sind Überlegungen, die ein Politikverständnis ermöglichten, das auch in den 70/80er Jahren dazu beigetragen hatte, ein koexistentielles Verhältnis der verschiedenen Systeme zu entwickeln. In einem Beitrag über „Die Revolution von 1918/19 in der deutschen Geschichte“ beschäftigt sich Rürup mit dem unvollendeten Charakter der November-Revolution, den er in einen ursächlichen Zusammenhang zum Jahr 1933 stellt, dem Jahr der faschistischen Machtergreifung. Er analysiert kritisch die politische Haltung der SPD-Führung in der Revolution von 1918/19 und stellt fest, dass deren Politik maßgeblich dazu beigetragen hat, dass die reaktionären Herrschaftsverhältnisse in der Reichswehr, in der Struktur, der aus dem Kaiserreich stammenden Verwaltung und im ökonomischen Bereich unangetastet geblieben sind. Damit stand der demokratische Charakter der Weimarer Republik von Beginn an auf höchst unsicheren Füßen, weil es ihr an gesellschaftlicher Verankerung in wichtigen Bereichen fehlte. Anhand eines kritischen Vergleichs der Historiographie in beiden deutschen Staaten verweist er auf den Zuwachs an geschichtlicher Erkenntnis zu diesem Thema. Zugleich stellt er aufschlussreiche Bezüge zu den Ereignissen von 1989/90 her, dabei scheint ihm einiges an den Geschehnissen in der ersten Phase mit den historischen Vorgängen vergleichbar gewesen zu sein. Dem ist durchaus zuzustimmen, wenn er ausführt: „Das bestehende Herrschafts- und Gesellschaftssystem [in der DDR] schien bis unmittelbar vor seinem Ende stabil und nicht ernsthaft gefährdet. Die Mobilisierung der Systemgegner, der Unzufriedenen und Protestierenden erfolgte öffentlich, auf Straßen und Plätzen, auf Demonstrationen. Es gab keine Planung und Organisation, aber es gab eine Massenstimmung und eine politische Situation, aus der heraus sich eine ebenso unvorhergesehene wie unwiderstehliche Dynamik entwickelte. Unwiderstehlich war sie allerdings nur, weil das herrschende System nicht kämpfte, die durchaus vorhandenen militärischen Machtmittel nicht oder nicht konsequent einsetzte. Der Massenbewegung korrespondierte eine zunehmende Paralysierung der Funktionsträger des alten Systems, die nicht zuletzt durch die Beobachtung der internationalen Entwicklung ausgelöst wurde. Die Forderungen zielten zunächst nicht auf einen Umsturz, sondern auf Veränderung des vorgegebenen Rahmens. Erst aus der Reformunfähigkeit des alten Systems und erst der überraschende Zusammenbruch der alten Gewalten führte eine Situation des revolutionären Neuanfangs herbei.“ (S. 108) Hier enden die Parallelen zu 1918 konstatiert der Verfasser und vermeidet es, die gesellschaftliche Qualität der weiteren Entwicklung, die zum Anschluss an die Bundesrepublik führte, zu kennzeichnen. Warum, frage ich mich. Hätte ihn die Logik eigener Gedankenfügung, die er im Kontext des Bezugs zwischen 1918/1933 gezogen hat, zu einem kalamitären Ergebnis führen müssen?

Wenn man sich die Ereignisse der Wendezeit zwischen dem 40. Jahrestag der DDR am 7. Oktober 1989 und dem 3. Oktober 1990, dem Vereinigungsdatum, vergegenwärtigt, muss man von einem historischen Galopp sprechen, dem eine Sturzgeburt folgte. Das lag sicherlich daran, dass die bürgerrechtliche Protestbewegung, die sich für Meinungs- und Bewegungsfreiheit einsetzte und sich gegen Willkür und Bevormundung durch die Parteibürokratie wehrte, keine grundlegenden Vorstellungen für den gesellschaftlichen Rahmen weiterer Entwicklung vorweisen konnte. Da auch keinerlei Reformvorstellungen der bisher regierenden Kräfte vorlagen, geschah es sehr schnell, dass die Losung „Wir sind das Volk“ in den Ruf „Wir sind ein Volk“ umschlug. So erfolgte der Anschluss an die Bundesrepublik.

Der Einigungsvertrag proklamierte die Übernahmebedingungen für diesen Anschluss. Das bedeutete zugleich, dass den Menschen im Osten eine liberale Demokratie auf der Grundlage privatkapitalistischer Verhältnisse übergestülpt wurde. Es war damals außerhalb meines Vorstellungsvermögens, dass alles, was die gesellschaftlichen Verhältnisse der DDR ausgemacht hatte, in kürzester Zeit verschwinden würde: volkseigene Betriebe, einschließlich ihrer sozialen und kulturellen Einrichtungen, Genossenschaften im Handel, in der Landwirtschaft und im Gewerbe, das einheitliche 10-klassige Schulsystem, vorschulische Kindergärten, die garantierten Arbeitsrechte und der weitgehende Kündigungsschutz, die Ambulatorien, die Aufkaufstellen für Sekundärrohstoffe etc. Überkommene Besitzrechte wurden wieder hergestellt, der Satz „Rückgabe vor Entschädigung“ stellte alte Eigentumsrechte wieder her, indem er die inzwischen historisch gewachsenen Verhältnisse aufhob. Auch die politischen Konditionen der DDR-Verfassung, die auf Frieden und Völkerverständigung orientiert waren und sich proklamatorisch antifaschistisch verstanden, wurden ersatzlos gestrichen, das Staatswesen in Gänze für illegitim erklärt. Der damalige Innenminister Schäuble fasste es, an die DDR-Bürger gewandt, so zusammen: „Hier findet nicht die Vereinigung zweier gleicher Staaten statt. Vom Grundgesetz und der Bundesrepublik 40 Jahre lang ausgeschlossen; jetzt habt ihr Anspruch auf Teilhabe.“

Rürup schließt an seinen historischen Vergleich wohlüberlegte Gedanken zur Offenheit geschichtlicher Prozesse an, warnt vor deterministischen Denkmodellen, die auf fixe Gesetzmäßigkeiten bauen. Insofern war der Zusammenbruch des sich als real-sozialistisch verstehenden Systems in vielerlei Hinsicht ein weltanschauliches Lehrstück, das ich mir nicht hätte vorstellen können. Inzwischen resümiere ich diese Erfahrung so, dass es sich als nützlich erweisen kann, wenn einem eine Welt bzw. Weltsicht zusammenbricht. Denn infolge von geschichtlichen Brüchen werden auch weltanschauliche Gedankengebäude fragwürdig. Heute blicke ich mit Erstaunen auf meinen geschichtlichen Optimismus, den ich meiner DDR-Sozialisation verdanke. Krieg und Nachkriegszeit waren vorüber, es ging aufwärts. Als sich im Jahr 1960 viele koloniale Staaten für unabhängig erklärten und die UNO das „Jahr der Afrikanischen Unabhängigkeit“ verkündete, erschien mir das als der Beginn einer neuen Zeit, die Frieden und Unabhängigkeit sowie Freiheit vom Elend für alle Völker bringen würde. Zwar ließen die grausigen Realitäten dieses Befreiungs- und Unabhängigkeitskampfes, wie sie sich beispielsweise am Schicksal des einst belgischen Kongo entwickelten, erkennen, dass es ein langer Weg bis zu wirklicher Unabhängigkeit sein würde. Das waren geschichtliche Vorgänge, an denen Verhältnisse erkennbar sind, die bis heute nichts von ihrer Dringlichkeit eingebüßt haben. Denn die Völkerwanderungen nach Europa und in unser Land, die wir heute erleben, geben uns zu verstehen, dass die Geschichte keinen leeren Tisch macht. Auf ihm liegt nun die Rechnung für die mehrhundertjährige Entwicklung des europäischen und außereuropäischen kapitalistischen Industriezeitalters, das den Menschen in anderen Regionen der Welt die Lebensmöglichkeiten geraubt hat und noch immer raubt.

Heute frage ich mich, was helfen kann, den geschichtlichen Optimismus, den ich meiner Sozialisierung verdanke, nicht in totales Miseredenken umkippen zu lassen, um nicht die Zuversicht zu verlieren und sich ohnmächtig der vollkommenen Katastrophenstimmung zu ergeben. Mitunter liegt bei mir die Versuchung nahe, mich aufs fortgeschrittene Alter zurückzuziehen und darin einzurichten. Aber ich habe Kinder und Enkel, fühle mich aufgefordert dazu beizutragen, dass auch ihnen Zukunft bleibt. „Letzte Generationen“ darf es nicht geben!

Wenn ich auf die beinahe 35 Jahre nach dem Zusammenbruch der DDR und ihren Anschluss an die Bundesrepublik schaue, registrierte ich zunächst hierzulande einen proklamierten Zuwachs an rechtsstaatlichen, menschen- und bürgerrechtlichen Verhältnissen, während bei sozialen Rechten lediglich freie Zugänglichkeit verbürgt ist. So heißt es im Artikel 12: „Alle Deutschen haben das Recht Beruf, Arbeitsplatz und Ausbildungsstätte frei zu wählen“. Eine Formulierung, die an Brechts sarkastische Aussage erinnert, dass es dem reichen wie dem armen Mann gestattet sei, unter Brückenbögen zu schlafen.

Auch mehr Konsum und Bewegungsfreiheit kann man haben, insofern die Mittel dafür vorhanden sind, aber auch sozialstaatlicher Grundbedarf ist garantiert. Dennoch gibt es viel Armut, auch hierzulande. Es gibt keine Zensur, Presse- und Gedankenfreiheit ist grundgesetzlich garantiert, das ist festzuhalten, wenn nicht die massenhafte Verdummung wäre, die auch von der Einseitigkeit des staatstragenden Mainstreams in den öffentlich-rechtlichen Medien ausgeht und die die öffentliche Meinung zu bestimmen sucht. Allerdings sind durch das Internet eine Vielzahl von sozialen Medien entstanden, in denen ein unübersehbarer Kosmos an Meinungen zu finden ist, über den ich keinen Überblick habe. Wie es mit der tatsächlichen Realisierung der verbürgten Rechte beschaffen ist, steht auf einem anderen Blatt. Das Wesen der liberalen Demokratie besteht darin, dass wir alle vier Jahre mit unserer Wählerstimme eine Partei wählen können, durch das Ergebnis der Wahl konstituieren sich Bundestag und die Regierung. Die verschiedenen Regierungskoalitionen bestimmen den haushalterischen Rahmen, legen im Koalitionsvertrag die politischen und gesellschaftlichen Ziele fest und nehmen bzw. haben nur bedingt Einfluss auf die ökonomischen, ökologischen, sozialen und allgemeinen gesellschaftlichen und kulturellen Krisen, die die entwickelte moderne Gesellschaft ausmachen. Wie sich die Verhältnisse zwischen den Staaten und Blöcken in Europa und in anderen Regionen der Welt gestalten, darauf kann ihr politisches Handeln Einfluss nehmen. Allerdings bleibt er begrenzt, weil das eigentliche Sagen über das, was ökonomisch geschieht von den Interessen der Mächtigen in Wirtschaft und Finanzen ausgeht, deren Profitstreben diktiert Geschehen und Geschäfte. Und nun steht allem voran die Rüstung; sie und Kriegsbeteiligungen bieten keine Gewähr für ein Morgen.

So wie sich durch Erfahrung Weltbild- und Geschichtsdenken verändern, wandelt sich auch das individuelle Zeitempfinden mit dem Lebensalter. Die Einheit erlebte ich mit Anfang 50, inzwischen gelte ich als hochbetagt. Schaue ich zurück auf die Wendezeit, staune ich, wie jung ich damals doch war, ohne es so zu erleben. Keine Aufbruchs-, sondern Endzeitstimmung, Angst vor dem sozialen Absturz hatte ich und spürte heftiges Unbehagen über die kommende Ungewissheit. Erst langsam fasste ich Zutrauen zu den grundlegenden Veränderungen, die mein Dasein nun bestimmen würden. Mehr als 20 Jahre lang bekomme ich nun schon verlässlich eine ausreichende Rente, kann meine Miete und die Dinge, die ich zum Leben brauche, bezahlen, kann meine Tochter unterstützen, die keine Invalidenrente bekommt, obwohl sie seit ihrer Krebserkrankung vor zehn Jahren, arbeitsunfähig ist. Schlecht beraten hatte sie als selbständige Physiotherapeutin eine Zeitlang nicht in die allgemeine Rentenkasse eingezahlt. Eine private Versicherung, die sie abgeschlossen hatte, zahlte ihr nur fünf Jahre lang 8oo Euro. Nun lebt sie mit einem Minigehalt für Bürodienste einer mehr als dürftigen Altersrente entgegen. Aber sie sind zu zweit und nach einer mehrjährigen Periode der Verschuldung verdient ihr Lebenspartner nun ausreichend für den Lebensunterhalt.

Mehr als drei Jahrzehnte sind inzwischen vergangen, eine alte Frau schaut mich aus dem Spiegel an, manchmal erscheint sie mir ganz fremd, was ist noch zu erwarten? Da ich allein lebe, habe ich viel Zeit zum Zurückschauen auf vergangene Lebensjahre, gehe gemachte Erfahrungen durch und suche nach den unabdingbaren Fixpunkten, die das Leben ausmachten. Wie sehen sie aus?