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Das Buch "Verblassende Spuren" ist eine Annäherung an das Schicksal einer Frau, die als Arbeitsverweigerin ins Frauenkonzentrationslager Ravensbrück verschleppt wurde und dort mit gerade 25 Jahren umkommt. Wenige Hinterlassenschaften bezeugen ihr Schicksal und spät erst, 60 Jahre nach ihrem Tod, sucht die Nichte nach Spuren dieses Lebens in den papiernen Unterlagen des Naziregimes. Die Autorin fragt nach Motiven von Widersetzlichkeit und danach, ob und wie eine Gefangene unter den Bedingungen der Lagerrealität, die von Sklavenarbeit, Entbehrung und tagtäglicher Todesdrohung bestimmt war, ihre Würde bewahren konnte.
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Seitenzahl: 295
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Ursula Reinhold
Verblassende Spuren
Wiederannäherung an ein verlorenes Leben
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Vorbemerkung
Nachgelassenes
Spurensuche
Frühe Prägungen und frühes Ende
Die Arbeitsverweigerin
Frauenkonzentrationslager Ravensbrück
Über Grenzen der Annäherung
Krematorium
„Arbeit macht frei“
Erste Eindrücke
Vom Überlebenswillen
Arbeitskommando für Verfügbare
Häftlingsgesellschaft
Leben, wo gestorben wird I
Späte Botschaften
Leben, wo gestorben wird II
Industriehof: Schneiderei
Ramdohr schafft Ordnung
Bunkerhaft
Das Ende
Literaturverzeichnis
Danksagung
Impressum neobooks
Es ist uns geläufig, dass der Umgang mit dem Vergangenen immer von den Interessen des gegenwärtigen Betrachters abhängt. Um Geschichte aber nicht nur als reine Fiktion im Beliebigen sich auflösen zu lassen, stellt sich die Frage nach dem angemessenen Umgang mit ihr. Wie aber kann ein angemessener Umgang mit den Geschehnissen um die Verbrechen der Nazi-Zeit aussehen? Gegenüber den Opfern, den Toten und denen, die überlebt haben. Es setzt wohl Wissen um das Geschehene voraus, es braucht das Bestreben, die politische Macht, die wirtschaftlichen Interessen und die weltanschaulichen Prämissen zu verstehen, aus denen heraus das System der Konzentrationslager organisiert wurde. Die Interessenlage der Nutznießer und Organisatoren muss offenbar und Einsicht in die Motivlage der Täter gesucht werden, um das Funktionieren des faschistischen Systems begreifen zu können. Dass es sein Vernichtungs- und Zerstörungswerk so gründlich ausüben konnte, hatte viele Gründe. Auch den, dass es nur wenige Menschen gab, die widerstanden. Viel zahlreicher waren Menschen, die mitmachten, wegsahen oder reglos duldeten, damals wie immer.
Ein halbes Dutzend Fotos im Familienalbum, ein Brief, von ihrer Hand geschrieben; das sind die Hinterlassenschaften der Frau, die nur wenige Wochen ihren 25. Geburtstag überlebt hat. Wenn in der Familie von ihr gesprochen wurde, hieß sie Friedchen. Sie war die zwanzig Jahre jüngere Schwester meines Vaters, der noch zwei weitere Schwestern hatte, die in Abständen von je fünf Jahren nach ihm geboren wurden. Friedchen war der Nachkömmling in der Ehe meiner Großeltern, das verwöhnte Kind ihrer Mutter, der die anderen Kinder längst entwachsen waren. In Kindertagen schaute ich mir die Konterfeis der jungen Frau an, die verstreut in mehreren Alben klebten, ich fand sie schön. Putzmacherin sei sie gewesen, hörte ich sagen, alle Formen von Hüten habe sie herstellen können. Aber sie selbst trägt Hut nur auf einem der Bilder. Es ist ein wenig auffälliges Gebilde, mehr eine Kappe, dicht am Kopf sitzend. Dafür ist sie auf jeder Ablichtung mit einer anderen Frisur zu sehen. Manchmal hat sie das Haar hochgesteckt in Locken, dicht am Kopf. Zwei Porträts, aus unterschiedlichem Halbprofil aufgenommen, zeigen sie mit dieser damenhaften Frisur, wie manche Frauen sie damals trugen. Das Gesicht erscheint hierauf schmal mit geradem Nasenrücken, hell die Haare, jedenfalls sieht es auf dem schwarz-weißen Foto so aus. Es kann sein, dass sie sich die Haare hatte bleichen lassen. Auf anderen Ablichtungen ist sie der eher brünette Typ, der sie tatsächlich war, dunkles langes Haar, aus der Stirn frisiert, und mit Kämmen nach hinten gesteckt, wo es halblang in Wellen über die Schultern fällt. Dunkel auch die deutlich ausgeprägten Brauen, ein Familienerbe, das auch auf mich gekommen ist. Einem der Fotos scheint eine regelrechte Inszenierung vorausgegangen zu sein. Wer es aufgenommen hat, weiß ich nicht. Da sitzt sie mit angezogenen Knien in einer Sofaecke, einen kleinen Hund neben sich, einen Terrier. Das muss Großmutters Lumpi gewesen sein, denn von dem Hund erzählte man mir in Kindertagen. Allerdings bin ich mir unsicher darüber, ob ich ihn jemals wirklich gesehen habe. Kinderbilder und solche des heranwachsenden Mädchens gibt es nur wenige. Auf einem dieser frühen Fotos ist sie mit ihrer Mutter und der Schwester Lucie abgebildet. Das Gruppenfoto muss im Sommer aufgenommen worden sein, wahrscheinlich in Klosterfelde, wo die Eltern, einem allgemeinen Trend folgend, um 1929 ein Grundstück gekauft hatten. Lucie, die erwachsene Tochter, hat einen dunklen Badeanzug an, der zur Hälfte die Oberschenkel bedeckt. Die Mutter, vor der älteren Tochter sitzend, trägt eine ärmellose Kittelschürze. Das heranwachsende Mädchen steht splitternackt vor der Mutter, es ist schlank, mit ungelenken Gliedern, vielleicht 11 Jahre alt, ein Lebensaugenblick ist hier festgehalten, kurz bevor die Pubertät den Körper verändern wird. Das Mädchen hält sich die Hände schamhaft vor ihren unteren Leib, lacht verlegen. Man hatte ihr die Haare zu einem halblangen Bubikopf gestutzt. Noch auf der Ablichtung, die anlässlich ihrer Kommunion aufgenommen wurde, trägt sie Zöpfe, die rund um den Kopf gelegt sind. Hier präsentiert sie sich in der für solche Anlässe üblichen Aufmachung, mit Kerze, Gebetbuch, weißem Kleid und Kniestrümpfen vor Zimmerpalme stehend. Zwischen diesen beiden Aufnahmen, werden ein bis zwei Jahre gelegen haben.
Auf einem Foto steht, von meinem Vaters geschrieben, auf der Rückseite das Datum der Aufnahme: Weihnachten 1939. Es hält den Augenblick eines Familientreffens in der Neuköllner Altenbraker Straße fest. Es war das erste Jahr des Krieges! Ob über den Krieg gesprochen wurde in der Runde, oder schien er ihnen mit dem schnellen Sieg über Polen schon beendet? War ihnen bewusst, dass es erst richtig losgehen würde? Sicherlich hat mein Vater die weihnachtliche Andacht wieder mit aufstörenden Fragen beeinträchtigt, könnte ich mir vorstellen, bis die Mutter ihm Einhalt geboten hat. Aber es muss nicht so gewesen sein.
Auf dem Familienbild sitzt Friedchen mitten im Kreise aller anderen, lachend, eine junge Dame. Meine Großeltern sind zu sehen, meine Mutter mit mir als Baby auf dem Arm, mein Vater, daneben mein Bruder, alle sind um den Familientisch herum platziert. An der Wand im Hintergrund hängt ein Kruzifix. Friedchen ganz im Vordergrund der Aufnahme, sie sitzt am Beginn der Tischreihe und schaut unmittelbar in die Linse. Da ist sie zwanzig Jahre alt, rechne ich mir aus. Auch hier wirkt sie damenhaft, trägt schwarzen Tüll an den Oberarmen und über dem Brustausschnitt. Auf manchen Ablichtungen aus der Zeit ihrer jungen Damenhaftigkeit ist das Gesicht voll und rund, und sie lacht über das ganze Antlitz. Ja, sie war recht gut beieinander, sie aß gern und war ziemlich bequem, kommentierte mein Vater die Bilder seiner jüngsten Schwester.
Auf einem der Fotos, die sie als junge Frau zeigen, ist ebenfalls die Handschrift meines Vaters zu erkennen, da steht: „Meine jüngste Schwester Friedchen, umgekommen in Ravensbrück“. Das muss das letzte Foto vor ihrer Verschickung ins Lager gewesen sein, denke ich mir. Denn auf diesem Bild wirkt sie erwachsener als auf den anderen Ablichtungen. Das Haar ist von der Stirn aus hochgeschlagen, dunkel und gewellt fällt es hinter den Ohren über den Nacken bis auf die Schultern. Auch hier hat sie ein volles Gesicht, die dichten Augenbrauen sind zu hohen Bögen ausrasiert oder gezupft, eine feine Nase über etwas aufgeworfenen Lippen, ein Erbstück der Mutter, das ich auch von meinem Vater her kenne. Sie schaut sehr ernst aus diesem Bild, anders als bei den früheren Fotos, auf denen sie lachend festgehalten ist. Die Augen sind weit offen, sie sieht den Betrachter nicht direkt an, sondern richtet den Blick rechts aus dem Bild heraus. Dieser Blick verrät einen ernsten Trotz, oder bilde ich mir das nur ein, weil von solchem Trotz erzählt wurde? Auf dem Foto trägt sie einen gestreiften Pullover mit einem Schalkragen. Das muss wohl damals in Mode gewesen sein. Das Foto mag 1941 oder 1942 aufgenommen worden sein, wahrscheinlich lagen die kurze Haftzeit im Frauenhaus Moabit und das Amtsgerichtsverfahren schon hinter ihr.
Wahrscheinlich stammt die Porträtaufnahme mit der ernten Miene aus dem letzten Jahr, in dem sie noch in Freiheit war, bevor sie endgültig im Lager verschwand. So jedenfalls stelle ich es mir vor. In dieser Zeit ging der Krieg schon in sein drittes Jahr, und sie hat sicherlich die Punktkarte gebraucht, um sich ein solches modisches Kleidungsstück anschaffen zu können, wie sie es hier auf der Aufnahme trägt. Sie hielt darauf, stets mit der Mode zu gehen, und wahrscheinlich hat die Mutter ihr dafür auch noch die ihrige gegeben, denn die jüngste Tochter, meine Tante Friedchen, war das ein und alles ihrer Mutter, meiner Großmutter. Mein Vater wurde nicht müde, das bei verschiedenen Gelegenheiten zu betonen. Eine junge Frau wie meine Tante wollte natürlich gut aussehen. Ja, sie hat immer großen Wert auf ihre Kleidung und ihr Aussehen gelegt, hieß es, wenn von ihr die Rede war.
Friedchen - dass sie eigentlich Frieda hieß, habe ich erst im Laufe meiner Nachforschungen bemerkt, die ich fast 60 Jahre nach ihrem Tod begonnen habe. Leider war dann außer meinem Bruder niemand mehr da, der Näheres über sie wissen konnte und den ich hätte fragen können. Und er hat, als sieben Jahre jüngerer Neffe, nur eine ganz blasse Erinnerung an die junge Frau, unsere Tante. Er war 16 Jahre alt, als sie verschwand, und musste ein Jahr später in den Krieg. Erst 1948 kehrte er aus der Gefangenschaft zurück und wird nur ganz beiläufig zur Kenntnis genommen haben, dass sie nicht mehr lebte. Daher weiß er auch nichts von Erkundigungen der Familie damals, die ihr Schicksal betrafen. Gern wüsste ich jetzt, ob mein Vater nach dem Ende des Krieges irgendwelche Nachforschungen angestellt hat, um Genaueres über Leben und Sterben seiner jüngsten Schwester zu erfahren. Aber er hat nichts erzählt davon, und so ist anzunehmen, dass es solche Erkundigungen nicht gegeben hat. Warum sie unterlassen wurden, kann ich nur vermuten. Auf jeden Fall muss die Bildbeschriftung auf dem Porträtfoto „Meine jüngste Schwester Friedchen, umgekommen in Ravensbrück“ aus dieser Zeit stammen. Darunter standen Worte, die später wieder ausradiert wurden, aber doch deutlich erkennbar sind: „am Prügelblock“ stand noch darunter. Dunkel kann ich mich der Situation erinnern, als er diese Worte wieder ausradierte, nachdem ihn meine Mutter darauf hinwies, dass er nicht wisse, wie sie umgekommen sei. Wahrscheinlich hat er das unter dem Eindruck der damals offenbar werdenden Gräueltaten geschrieben, denen Gefangene in den Lagern ausgesetzt waren. Und sie war eines der zahllosen Opfer. Er wird ihr frühes Ende schwer haben fassen können. Vielleicht auch fühlte er sich durch ihr Schicksal herausgefordert, sich über die eigene Haltung Rechenschaft abzulegen. Denn er war entschiedener Gegner des Naziregimes und hatte dennoch bis zum Ende des Krieges in der Rüstungsindustrie gearbeitet, als Klempner im Flugzeugbau zum Funktionieren des Systems beigetragen, wenn auch mit schlechtem Gewissen und zusammengebissenen Zähnen. Ein Freund von ihm war noch im Januar 1945 hingerichtet worden, er habe sich von einem Gestapo-Spitzel zu Äußerungen im Zusammenhang mit dem misslungenen Hitlerattentat provozieren lassen, erzählte der Vater und gab zu erkennen, dass er selbst vorsichtig war, überleben wollte, Heldentum nicht seine Sache war. Er war ehrlich genug sich selbst gegenüber, um die eigene Haltung realistisch einzuschätzen. Zu mehr als ohnmächtiger Wut und folgenloser Gegnerschaft habe es nicht gereicht bei ihm, meinte er sarkastisch. In der Verweigerungshaltung der Schwester sah er möglicherweise eine Herausforderung für sich selbst, vielleicht hat er sie damals als einen widerständigen und kraftvollen Charakter gesehen oder sehen wollen. Da es zu seinem Wesen nicht recht passte, sich selbst oder anderen etwas über sich vorzumachen, kann solcher Wunsch nur kurze Zeit bestanden haben. Denn es lag ihm auch fern, sich mit fremden Federn zu schmücken. Im Übrigen scheint er sich über die Motive und Verhaltensweisen seiner kleinen Schwester ganz und gar im Unklaren gewesen zu sein. Wenn später auf sie die Rede kam, ließ er durchblicken, dass er in ihrem Falle keine Verhaltensweise für ausgeschlossen hielt. War das der Grund, dass er Nachforschungen unterließ, oder ist ihm so etwas gar nicht in den Sinn gekommen? Und die damals noch lebenden Eltern von Friedchen, haben sie etwas unternommen? Nun die Mutter war bald nach dem Ende des Krieges gestorben, 1947 schon, da war sie gerade 66 Jahre alt. Der Tod der Tochter habe ihr den Rest gegeben, meinte mein Vater, krank und unterernährt war sie ohnehin. Ja, die Urne, die hatte man den Eltern per Nachnahme zugeschickt, im Frühjahr 1945 noch, jedenfalls ist mir eine solche Zeitangabe aus den entsprechenden Erzählungen im Gedächtnis haften geblieben. 25 RM Nachnahmegebühr musste für die Asche der Tochter bezahlt werden. Auf welchem Friedhof mag sie wohl liegen?
Zu ihren Hinterlassenschaften gehört nur noch der eine Brief, den sie aus dem Konzentrationslager für Frauen, aus Ravensbrück, geschrieben hat. Mein Cousin hat ihn im Nachlass seiner Mutter gefunden, das war Lucie, die ältere Schwester unserer Tante. Auf mich ist dieses Zeugnis ganz zufällig gekommen, er erzählte mir davon. Als ich mein Interesse bekundete, war er froh, ihn nicht in den Mülleimer befördert zu haben. Er brachte ihn mir und deutete an, dass es noch einen weiteren Brief geben könne, von dem er aber nicht wisse, wo er abgeblieben sei, nachdem er den Haushalt seiner Eltern aufgelöst habe. Er versprach danach zu suchen, aber er fand ihn nicht mehr. Seit Herbst 1989 liegt dieser eine Brief bei mir, davor sah ich meinen Cousin nur ganz selten, uns trennte mehr als die Mauer, aber immerhin wohnen wir nur einen Kilometer Luftlinie voneinander entfernt, was wir beide heute gar nicht ungünstig finden.
1990 erkundigte ich mich in der Gedenkstätte Ravensbrück nach der Absenderin des Briefes. Ohne Ergebnis! Ihr Name war beim damaligen Stand der Aufarbeitung in den Annalen des Lagers nicht zu finden. Jahre später las ich in einem Interview der Gedenkstättenleiterin Sigrid Jacobeit das erste Mal vom Jugendlager Uckermark, das es unweit des Frauenkonzentrationslagers gegeben hat und in dem die Nazibehörden Mädchen unterbrachten, die als asozial oder kriminell galten. Erst zu diesem Zeitpunkt sind die noch vorhandenen räumlichen Überreste dieses Lagers und die Schicksale der jugendlichen Insassen in den Blickwinkel einer an den Hinterlassenschaften der Geschichte interessierten Öffentlichkeit getreten. Ich begann über dieses Jugendlager für Mädchen zu recherchieren, dessen Existenz mir bis dahin völlig unbekannt war, informierte mich über das System der Jugendlager insgesamt, denn ich vermutete, dass sie Insassin dieses Lagers war, bis ich begriff, dass die hohe Ziffer der Häftlingsnummer dagegen sprach und ich einer falschen Annahme folgte. Sie war ja schon 22 Jahre als, als man sie ins Lager brachte. Also wahrscheinlich kein Fall mehr für die Jugendbehörden.
Vor mir liegt ihr Brief, ein vergilbtes DIN-A-5-Blatt mit umrahmten und genormten Einteilungen. An der Kopfzeile des Schriftstücks über die ganze Seite in klein gedruckter Antiqua die Androhung: “Unübersichtliche und schlecht lesbare Briefe können nicht zensiert werden und werden vernichtet.“ Darunter in größeren Druckbuchstaben der Absender:
„Frauen- Konzentrationslager Ravensbrück Fürstenberg in Meckl.“ Es folgt ein „Auszug aus der Lagerordnung“. Dieser Schriftsatz umfasst 22 Zeilen und ist mit „Der Lagerkommandant“ unterschrieben. Er regelt den Postverkehr der Schutzhaftgefangenen, die Häufigkeit des Briefeschreibens und -empfangens, das Recht, Pakete, Geldsendungen und nationalsozialistische Zeitungen zu bekommen. Am Ende der Bestimmungen die lakonische Mitteilung: “Entlassungsgesuche aus der Schutzhaft an die Lagerleitung sind zwecklos.“
Im Einzelnen steht hier geschrieben, dass jede Schutzhaftgefangene im Monat einen Brief oder eine Karte absenden oder empfangen darf. Diese vorgedruckte Mitteilung ist im Falle des vorliegenden Briefes durchgestrichen und mit Tinte überschrieben und lautet nun, dass die Gefangene in drei Monaten nur einen Brief oder eine Karte empfangen bzw. abschicken darf. Ein Faktum, auf das zurückzukommen sein wird. Gefordert wird fernerhin, dass die Zeilen mit Tinte geschrieben sein müssen, übersichtlich und gut lesbar. Diese Forderung hatte man inzwischen wohl fallenlassen müssen, denn der Brief meiner Tante ist mit Bleistift geschrieben. Die Sütterlinschrift ist verblasst und nur noch mit Mühe zu entziffern. Auf der rechten Seite des kleinen Blattes ist die umrahmte Rubrik für den Absender platziert. Der Name der Absenderin ist hier mit Friedel Rangeus angegeben. Damit habe ich eine weitere Version ihres Vornamens. An diese Form ihres Namens werde ich mich wohl halten müssen, will ich Spuren über ihren Aufenthalt dort finden, vielleicht in Erinnerungen und Berichten von Frauen, die den Aufenthalt im Lager überlebt haben. Friedel muss vielleicht mein Stichwort sein, denn es ist nicht zu erwarten sein, dass die Frauen einander mit vollem Namen kannten. Im Lagerbetrieb waren sie ohnehin nur eine Nummer. Nur diejenigen, die ihrer Nächsten irgendwie nahekamen, werden auch die vollständigen Namen gewusst haben. Aber die Zwangsgemeinschaft des Lagers ließ solche Vertrautheit nicht leicht entstehen. Aufmerksamkeit füreinander und solidarisches Verhalten entstanden wohl vor allem zwischen Gleichgesinnten, die sich mit Namen kannten und beim Vornamen nannten. Eine solche Anrede verringerte die Distanz, war Ausdruck von Vertrautheit und Nähe. Aber ob sie zu solch einer Gruppe gehörte, ob sie selbst schwesterlicher Hilfestellung fähig war?
Unter dem Namen des Absenders findet sich auf dem Briefkopf die Rubrik für die Häftlingsnummer, meine Tante war als die Nummer 11990 registriert. Eine Zeile tiefer steht die Blockbezeichnung, sie ist hier mit dem Kürzel LK angegeben, eine ungewöhnliche Bezeichnung für die dort waltende Praxis, wie mir alle sachkundigen Forscher, die mit den Hinterlassenschaften dieses geschichtlichen Kapitels beschäftigt sind, bestätigen. Denn gewöhnlich wurden die Blöcke der Gefangenenbaracken mit laufenden arabischen Ziffern bezeichnet. Block 1-32 umfasste das Lager 1945 bei seinem Ende. Eine Zeile darunter nochmals die Angabe: Fr. Konz. Lager Ravensbrück Fürstenberg in Meckl. Der Brief ist datiert vom Juni 1944, da war sie bereits zwei Jahre im Lager.
Warum existiert nur dieser eine Brief, frage ich mich? Die Eltern werden die Briefe, die die Tochter schreiben durfte, doch gewiss aufbewahrt haben. Aber irgendwie muss die Briefschaft nach und nach abhanden gekommen sein. Vielleicht schon im Krieg, als sie wegen der Bombennächte Zuflucht in der Laube in Klosterfelde suchten, oder beim Kriegsende, das sie dort draußen erlebten, während fremde Menschen, die ohne Bleibe waren, in der leerstehenden Wohnung in Neukölln Unterkunft fanden. Sie können auch später abhanden gekommen sein, in der Mitte der 50er Jahre, als der Großvater, nunmehr seit Jahren Witwer, die Familienwohnung in der Altenbraker Straße auflöste und zur Tochter Lucie in die Wohnung zog. Vielleicht war er damals schon gar nicht mehr in der Lage, sich um die Dinge zu kümmern. Vielleicht waren Fremde beauftragt und gingen wenig sorgsam um mit den familiären Hinterlassenschaften. Und inzwischen ist längst auch die Wohnung aufgelöst, in der Lucie den Vater bis zu seinem Tode gepflegt hat. Er starb 1965, mein Vater erhielt damals keine Genehmigung, um nach Westberlin zu fahren, er konnte nicht an der Beerdigung seines Vaters in Neukölln teilnehmen, was ihn ziemlich erbitterte. Auch die goldene Uhr, die ihm sein Vater zugedacht hatte, erhielt er erst Jahre später, als er selbst bereits Rentner geworden war.
Jahrzehnte sind ins Land gegangen seitdem. Karl, mein Vater, und Lucie, die älteren Geschwister von Friedchen, leben auch schon nicht mehr. Lucie starb vor zehn Jahren und Jürgen, der Sohn, mein Cousin, der alles zu regeln hatte, beauftragte ein Entsorgungsunternehmen mit der Auflösung der elterlichen Wohnung. Er nahm nur die wenigen Dokumente an sich, die er im Schreibschrank der Mutter auf einem Stapel vorfand, in dem ungeordnet alles Mögliche übereinander lag. Er legte auch keinen besonderen Wert auf solche Hinterlassenschaften.
Magere Spuren nur, mit denen ich zurechtkommen muss. Aber vielleicht ist doch noch etwas über ihr Schicksal im Lager zu erfahren, über ihr Leben und Sterben dort, über die Gründe oder Anlässe, die zu ihrer Verschleppung führten. Hat es einen Prozess gegeben, habe ich mich lange Zeit gefragt und bin davon ausgegangen, dass es einen solchen Prozess wohl nicht gegeben haben wird, denn davon wäre in der familiären Überlieferung gewiss etwas lebendig geblieben. Irgendeine Kunde davon wäre zu mir gelangt. Davon war ich überzeugt, als ich anfing Spuren ihres kurzen Lebens zu suchen.
So machte ich mich auf den Weg, schrieb Briefe, telefonierte mit dem Archiv in der Gedenkstätte des ehemaligen Frauenkonzentrationslagers Ravensbrück, fuhr dorthin, wo an einem Gedenkbuch für alle Frauen, die im Lager waren, gearbeitet wird. Im Zusammenhang mit dieser Arbeit sind neue Archivalien erschlossen worden, man hat weitere Erinnerungsberichte von noch lebenden Zeugen des Lagers dokumentiert.
Für die Beschreibung der Spuren, die ich gefunden habe, will ich bei dem Namen bleiben, der in der Familie üblich für sie war.
Also Friedchen wurde am 18. August 1919 in Berlin geboren. Als ihr Todesdatum kommt der 15. oder 16. Oktober 1944 in Frage, gerade 25 Jahre alt war sie da. Auf der Häftlingskarte, die man für jede Frau anlegte, die ins Frauenkonzentrationslagers Ravensbrück eingeliefert wurde, und die heute im Archiv des ehemaligen Lagers aufbewahrt wird, ist der 16. Oktober 1944 als Tag ihres Abgangs verzeichnet. Abgang war die bürokratische Umschreibung eines mehr oder weniger gewaltsamen Todes, der durch unterschiedliche Formen direkter Vernichtung, durch Entbehrung, Entkräftung, Krankheit oder Seuchen herbeigeführt werden konnte. Zwischen dem eingetretenen Tod und der bürokratischen Abschreibung in der Schreibstube kann es zu einigen Tagen Differenz gekommen sein, denn es vergingen mitunter mehrere Tage, bis die Nachrichten über Abgänge ins Registraturbüro kamen und dort bearbeitet wurden. Es kann also durchaus sein, dass der wirkliche Tag ihres Ablebens schon um einiges früher gelegen hat. Auf der Sterbeurkunde, die unter der laufenden Nummer 76 am 10. Juni 1948 vom Dorfstandesamt Ravensbrück als Ersatzbeurkundung ausgestellt wurde, ist denn auch, abweichend von diesem Datum, der 15. Oktober 1944 als Todestag angegeben. Diese Urkunde wurde auf Grund eines Antrags des Vaters, Karl Rangeus, ausgestellt, und es ist anzunehmen, dass sich ein solches Schriftstück auch in den Familienunterlagen befunden hat, die allerdings nicht mehr existieren. Auch in der Berliner Einwohnermeldekartei ist ihr Todestag auf dieses Datum festgelegt, und so ist davon auszugehen, dass auch bei den Angehörigen der 15. Oktober 1944 als ihr Sterbedatum galt. Da es sich nicht mehr feststellen lässt, an welchem Tag genau sie gestorben ist, bleibt der 15. Oktober 1944 der Todestag meiner Tante.
Als sie geboren wurde, war der älteste Sohn, mein Vater, schon zwanzig Jahre alt. Die Großmutter hat darauf gedrungen, dass die jüngste Tochter katholisch getauft wurde, so wie auch das dritte Kind, die um fünf Jahre ältere Schwester Else. Solche Taufe war nicht selbstverständlich, denn die beiden älteren Kinder, mein Vater und seine um fünf Jahre jüngere Schwester Lucie, waren evangelisch getauft worden, nach der Konfession des Vaters. Meine Großeltern führten eine konfessionelle Mischehe, wie solche Verbindung heißt. Meine Großmutter war als Dienstmädchen aus dem Oberschlesischen nach Berlin gekommen, hatte hier den Großvater kennengelernt, einen Klempner, der aus der protestantischen Altmark zugezogen war und einen sicheren Arbeitsplatz bei der städtischen Gasanstalt hatte. Der Mann muss ihr damals wahrscheinlich als eine gute Partie erschienen sein. Schnell bekam sie meinen Vater und in Abständen von jeweils fünf Jahren drei Töchter. Meiner Großmutter muss bei ihrer Heirat an ihrer katholischen Konfession nicht allzu viel gelegen haben, denn sonst hätte sie es sicherlich nicht zugelassen, dass man bei der Taufe der beiden älteren Kinder der Glaubensrichtung des Vaters folgte. Die Glaubensdinge wurden ihr offensichtlich erst später wieder wichtig, so dass sie sich bei den beiden jüngsten Kindern, den Töchtern Else und Frieda auf ihren katholischen Glauben besann und eine entsprechende Taufe der beiden jüngeren Mädchen durchsetzte. Allerdings erhielt Else den katholischen Taufsegen erst, als sie schon fünf Jahre alt war, 1912 geboren, erfolgte ihre Taufe im Dezember 1917. Die Tochter Else ist auch später ihrem Glauben treu geblieben, sie ließ sich katholisch trauen, das Ereignis ist für den 28.Juni 1934 in der Kirche St. Bonifazius in Berlin-Tempelhof dokumentiert. Auch meine Tante Friedchen, der Nachkömmling, der wohl gezeugt wurde, nachdem der Vater von seinem kurzen Fronteinsatz am Endes des Krieges zurückgekehrt war, konnte zu ihrer Taufe schon auf eigenen Beinen laufen, denn sie war beinahe zwei Jahre alt. Das Ereignis ist im Taufregister der Pfarrgemeinde St. Eduard in Berlin Neukölln für den 22. Mai 1921 festgehalten, wo man das am 18. August 1919 geborene Mädchen auf den Namen Frieda Charlotte taufte.
St. Eduard habe ich nach längerer Suche unter den katholischen Kirchengemeinden im Neuköllner Rollbergviertel rund um die Altenbraker Straße, in der die Familie damals wohnte, als die Gemeinde ausfindig gemacht, in deren Büchern ihr Name steht. Auch der Tod der Großmutter im Jahr 1947 ist dort verzeichnet. Nur über das Ende von Frieda Rangeus geben die Bücher keine Auskunft. In der Bodestraße ansässig, die 1938 von den Nazis in Altenbraker Straße umbenannt wurde, gehörte die Großmutter mit ihren beiden jüngeren Töchtern zu dieser katholischen Gemeinde. Die Kirche, erst 1907 in der Kranoldstraße unweit der Hermannstraße gebaut, duckt sich im Schatten des größeren evangelischen Gotteshauses, wie es in Berlin üblich ist. Ihren Namen erhielt sie im Gedenken an Eduard Müller, einen Missionsvikar aus Schlesien, der in Berlin und Brandenburg viele katholische Gemeinden gegründet hat. Aus Schlesien kam auch die Großmutter mit ihrer katholischen Religionszugehörigkeit, und es kann durchaus sein, dass der späte Zeitpunkt der Gemeindegründung dazu beigetragen hat, dass man die zwei älteren Kinder hatte protestantisch taufen lassen.
Das Grabmal des Gründers ist auch heute noch neben der Kirche zu besichtigen, und unweit vom Gotteshaus gibt es einen Eduard-Müller-Platz.
Mein Vater erzählte, dass er, obwohl protestantisch getauft, als Heranwachsender den katholischen Jungmännerverein besuchen sollte. Aber er tat das nur unwillig, entlief der Kirche schnell, nachdem er als Achtzehnjähriger noch Soldat werden musste, gegen Ende des Weltkrieges, der später als der erste in die Geschichte einging. Aus dem Kriegseinsatz zurückgekehrt, war er dem mütterlichen Einfluss entwachsen, er schloss sich dem Arbeitersportverein Fichte an, ging dort turnen und wandern, später gehörte er zur kommunistischen Arbeiterbewegung. Die Tatsache, dass die Kirchen die Waffen gesegnet hatten für den Krieg, erzeugte in ihm ein lebenslanges Misstrauen gegen kirchliche Institutionen, religiöse Bindungen und Heilsversprechen, die aufs Jenseits gerichtet waren Er trat aus der Kirche aus und bekannte sich als Atheist.
Friedchen wird seit Ostern 1925 oder 1926 in die Volksschule gegangen sein, rechne ich mir aus, in der sie wahrscheinlich bis 1934 geblieben sein müsste. Denn den Besuch einer katholischen Schule konnte die Mutter nicht durchsetzen, das ist überliefert in der Familie. Dann wird das Mädchen die Schule verlassen haben, denn auch meinem Bruder ist nichts bekannt darüber, dass sie eine bessere Schulbildung bekam, sie ging höchstwahrscheinlich nicht länger als 8 Jahre lang zur Schule, wie ihre drei Geschwister auch, und lernte dann ihren Beruf. Die Zeit ihrer jugendlichen Sozialisation fällt demnach in die Jahre der Befestigung der nationalsozialistischen Herrschaft. Man kann wohl davon ausgehen, dass sie beim „Bund Deutscher Mädchen“ gewesen sein muss, denn es ist nicht anzunehmen, dass sie sich während ihrer Lehrzeit dort völlig ausschließen konnte. Denn schon ab 1936 gab es die Mitgliedspflicht bei der Hitlerjugend und im BDM. Ihrem Alter entsprechend, hätte sie nicht mehr zu den „Jungmädeln“, sondern bereits in den „Bund Deutscher Mädchen“ gehört, dem die 14-18jährigen eingegliedert waren. Aber in dieser Zeit waren noch Ausnahmen möglich, mancher entzog sich dieser Mitgliedschaft. Erst ab März 1939 konnte sich kaum ein junger Mensch zwischen 10 und 18 Jahren dem Zwang zur Mitgliedschaft ohne Folgen entziehen. Zu diesem Zeitpunkt war meine Tante allerdings schon älter als 18 Jahre und hätte nun dem Bund „Glaube und Schönheit“ angehören müssen, der die 17-21jährigen jungen Frauen organisierte. Aber ich nehme an, dass die Mutter versucht hat, das heranwachsende Mädchen zur Teilnahme bei der katholischen Jugend zu ermuntern, die Kirchengemeinde St. Eduard oder auch St. Clara liegen in erreichbarer Nähe, und an deren kirchlichem Leben wird sie, bis zu ihrem Erwachsenwerden, gewiss teilgenommen haben. Aber ob sich die Mutter nach der Pubertät bei der Jüngsten in dieser Hinsicht noch durchsetzen konnte, nachdem sie bei ihren anderen Kindern so wenig hatte ausrichten können, bleibt offen. Im Übrigen wird sie der Tochter bei dem, was sie tat oder unterließ, wenig haben raten können, denn die jüngste Tochter war sehr eigenwillig, ging ihre Wege, das bestätigten alle, die sie kannten. Der Vater verspürte in Hinblick auf die Erziehung seiner Kinder wenig Neigung sich durchzusetzen, er legte keinen Nachdruck auf das, was er für nötig hielt. Er war ein stiller in sich gekehrter Mann, der gewissenhaft seiner Klempnerarbeit in den Tempelhofer Gaswerken nachkam und die Entscheidungen in Sachen Familie mit den Jahren immer mehr ganz der Frau überließ. Er wollte vor allem seine Ruhe, und wenn man sie ihm ließ, schien er zufrieden. Friedchen wird weitgehend ihren eigenen Interessen gefolgt sein. Vielleicht gelang es ihr irgendwie, sich der geforderten Mitgliedschaft zu entziehen. Aber wenn sie Interesse hatte, wird sie beim BDM mitgetan haben, allerdings denke ich, dass solches Interesse höchstens ganz kurzzeitig bestanden haben kann. Es dürfte sich schon einfach deshalb in Grenzen gehalten haben, weil sie für sportliche Aktivitäten, für militärische Disziplin, für Dienste und Gruppendisziplin nur geringe Neigung verspürte. Sie war ja so verwöhnt, war später der übereinstimmende Kommentar aller Familienangehörigen, die sie kannten. Sie putzte und verkleidete sich gern, schon als Halbwüchsige. Der Beruf, den sie lernte, war ihr ganz und gar auf den Leib geschnitten. Sie interessierte sich für Mode, und die wurde zu dieser Zeit noch immer in Berlin gemacht. Zwischen 1934 und 1937, in diese Jahre müssen ihre Lehrjahre gefallen sein, begannen die Nazis allerdings schon, die Tätigkeit der jüdischen Konfektionsfirmen einzuschränken oder sie ganz zu liquidieren. Die Besitzer mussten zu Spottpreisen ihre Geschäfte und Firmen verkaufen, um die Reise ins Ausland bezahlen zu können. Ob und wie sie das wohl erlebt hat? Dass sie bei einer jüdischen Firma ihren Beruf gelernt hat, ist wenig wahrscheinlich, weil den jüdischen Firmen solches Recht schon 1934 genommen worden war. Und es bleibt im Übrigen offen, ob sie nach der Ausbildung eine Beschäftigung bekommen hat oder aber ob sie zunächst arbeitslos blieb. Ich möchte mir vorstellen, dass sie einige Jahre lang Hüte entworfen und gefertigt hat. Auch die Mutter trug gerne Hüte, Kapotthüte, wie die überlieferten Bilder verraten, ob die Tochter sie für die Mutter hergestellt hat? Auf jeden Fall hat sie ihren Beruf wahrscheinlich nicht lange ausüben können. Denn schon am 26. Juni 1935 wurde die Arbeitspflicht im Reichsarbeitsdienst für Männer und Frauen zum Gesetz erhoben. Männer und Frauen im Alter zwischen 18 und 25 Jahren konnten nunmehr für ein halbes Jahr wie Rekruten eingezogen und zu verschiedenen Arbeiten eingesetzt werden. Aber da war sie erst 16 Jahre alt und unterlag wahrscheinlich noch nicht den speziellen Bestimmungen des Deutschen Frauenarbeitsdienstes, der vorsah, dass Frauen zu Arbeiten in Hauswirtschaften eingesetzt werden konnten. Diese Frauen mussten das Emblem des Deutschen Frauenarbeitsdienstes tragen, während die Männer auf dem Arm das quadratische Emblem mit dem Spaten trugen, der von zwei Ähren flankiert war. Es kann sein, dass es sie mit ihren neunzehn Jahren traf, als diese Verordnung am 22. Juni 1938 perfektioniert wurde, um in Vorbereitung auf den Krieg die totale Verfügungsgewalt des Staates über das Arbeitskräftereservoir ausdehnen und nunmehr jeden im arbeitsfähigen Alter heranziehen zu können. Wie lange sie ihren Beruf hat ausüben können, ist mir nicht bekannt, aber ich könnte mir vorstellen, dass ihr die Mutter mit Hilfe eines Arztes Hilfestellungen gab, um der drohenden Arbeitsdienstpflicht zu entgehen. Den Bruder, meinen Vater hat sie wohl damals nicht konsultiert, vielleicht aber doch. Möglicherweise zeigte er wenig Verständnis für die verwöhnte Schwester, die sich anstrengender Arbeit entziehen wollte. Putzmacherin war sicherlich ein Beruf, unter dem er sich nicht sehr viel vorstellen konnte, Hüte mag er als weitgehend entbehrliche Kleidungsstücke empfunden haben, wie ich ihn kenne. Wahrscheinlich hat er dem Beruf seiner Schwester nicht unbedingt Hochachtung entgegengebracht.
Er selbst war nicht unzufrieden damit, dass er nach den langen Arbeitslosenjahren endlich eine feste Anstellung gefunden hatte. Ja, es steuerte alles auf einen Krieg hin, das sah er, das lag für ihn mit seiner kommunistischen Überzeugung auf der Hand. Denn er baute seit 1934 bei Gaubschat an Geländefahrzeugen und seit 1935 bei Henschel an Flugzeugen. Ja, es wird Krieg geben, sagte er, aber er verdiente gut dort und das war auch nötig nach der langen Arbeitslosenzeit, wie die Mutter betonte. Sie konnten sich Wohnzimmermöbel anschaffen damals, die Laube, in der sie seit fast zehn Jahren wohnten, wurde leidlich winterfest gemacht in dieser Zeit.
Aber die jüngste Schwester war durchaus im Blickfeld meines Vaters, wie das Familienfoto von 1939 verrät. Manchmal kam sie auch zu Besuch nach Baumschulenweg, in den kleinen Garten, wo der Bruder mit Familie eine Laube bewohnte. Friedchen habe sich über das kleine Mädchen gefreut, die Nichte, die 1938 geboren wurde und nun schon laufen konnte, erzählt mir mein Bruder, der noch eine direkte, wenn auch spärliche Erinnerung an die Tante hat. Meist war es Sommer, wenn die junge Frau den Bruder und die Schwägerin besuchte. Was sie gemacht haben bei solchen Besuchen, frage ich. „Nicht viel. Meist lag sie im Liegestuhl und sonnte sich und redete mit der Schwägerin.“ Worüber sie gesprochen haben? Er weiß es nicht, er hat nicht teilgenommen an solchen Gesprächen, er war damals ein heranwachsender Junge, den anderes interessierte und den die junge Frau auch wenig beachtet haben wird. Doch manchmal habe sie sich ihm zugewandt, ihn geneckt. Eine richtige Lachtaube sei sie gewesen.
Sie war leichtlebig, lachte und tanzte, und vielleicht sprach sie auch gern über ihre Vergnügungen. Und vielleicht hat sie Jazz und Swing gehört und sich entsprechende Schallplatten besorgt, denke ich mir, und auch solche Vorlieben waren Gründe, dass man in Lagern enden konnte, damals.
Nach allem, was sich in den Erzählungen der Familie über sie erhalten hat, war sie kein Mensch, der aus politisch bewussten Motiven heraus handelte. Aber es ist auch durchaus möglich, dass niemand so recht Bescheid über sie und ihre Motive wusste. Sie galt als verwöhnt, eigenwillig, folgte eigenen Interessen. Worin die im Einzelnen bestanden, ist wahrscheinlich nicht mehr herauszubekommen, aber vielleicht lässt sich doch einiges über die Vorgänge ermitteln, die ihrer Einlieferung ins Konzentrationslager vorausgingen. Ich mache mich auf den Weg, suche in den Archivalien, die im Berliner Landesarchiv aufbewahrt werden, auch die Akten der Berliner Gestapo-Behörden vermute ich dort und erhoffe Einsicht in Unterlagen, die mir Aufschlüsse über die Vorgänge vermitteln, die ihrer Festnahme vorausgegangen sind.
Im Landesarchiv Berlin am Eichborndamm erfahre ich, dass von den Akten der Berliner Leitstelle der Gestapo nicht mehr viel vorhanden ist. Sie sind teils durch Kriegseinwirkungen zerstört und teils durch die Gestapo selbst vernichtet worden, als die Zeit ihrer Schreckensherrschaft zu Ende ging. Lediglich Splitter sind erhalten geblieben, die mitunter als Bestandteile von Aktenvorgängen anderer Behörden zu finden wären, die beispielsweise der Justiz, dem Reichssicherheitshauptamt oder auch anderen Ministerien zuzuordnen sind. Die ersten Recherchen in den Unterlagen der Justiz, in Hinterlassenschaften der Berliner Gefängnisse, bleiben ohne Ergebnis. Auch Nachforschungen im Bundesarchiv, wo entsprechende Unterlagen in der Abteilung Reich ebenfalls nur als sogenannte Splitterakten des Gestapo-Bestandes vermutet werden können, bringen keinen Erfolg. Keine Spur von ihr in den bürokratischen Hinterlassenschaften jener Jahre.
Was ist ihrer Einlieferung vorausgegangen und wie vollzog sie sich? Ist sie bei einer Nacht- und Nebelaktion abgeholt und sofort auf einen Transport geschickt worden? Hat man sie zu Hause bei den Eltern aus der Wohnung geholt oder aus dem Betrieb, in dem sie tätig zu sein hatte? Hatte man sie zuvor zur Polizei oder Gestapo bestellt, war sie verwarnt worden? Ich fürchte, nichts mehr werde ich in Erfahrung bringen können, über die Art und Weise, wie ein Mensch plötzlich mit oder ohne Vorwarnung verschwand, ins Lager kam und nie mehr zurückkehrte. Wahrscheinlich werde ich mich mit den desperaten Überlieferungen zufrieden geben müssen, die es in der Familie gibt.
