Schwindende Gewissheiten - Ursula Reinhold - E-Book

Schwindende Gewissheiten E-Book

Ursula Reinhold

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Beschreibung

Mit großer Erwartung beginnt Gisela Selber ihr berufliches Leben. Unendliche Bereitschaft für das Glück und der Glaube an die Verheißungen einer neuen Gesellschaft bestimmen ihr Lebensgefühl als Ostberlinerin. Als Kind kleiner Leute nimmt sie die Möglichkeiten wahr, die der neue Staat ihr eröffnet. Voller Neugierde, aber auch voller Unsicherheiten sucht sie ihren Weg. Schrittweise zerfallen für Gisela die Gewissheiten, erlebt sie die Auflösung eines scheinbar so fest gefügten Weltbildes. Die Desillusionierung bewahrt sie nicht davor, den Zusammenbruch der DDR auch als persönliche Katastrophe zu erleben. Nur langsam findet sie in die Gegebenheiten der veränderten Verhältnisse. Der autobiografische Roman ist angeregt von dieser Erschütterung.

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Seitenzahl: 740

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Ursula Reinhold

Schwindende Gewissheiten

Eine Ostberliner Geschichte

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Einübung in ungewohnte Lebenslagen

I. UNGEHEURE ERWARTUNG

Etwas fängt an

Ihr Lesesaal

Lipsi tanzen

Gajaneh

Auf den Frühling folgt der Herbst

Aufbruch

Neues Beginnen

Niederkommen

Weitere Aussichten

Von Reiseplänen und Reisen

Eine folgenreiche Begegnung

Endlich beginnen

Gasthörerin

Eine hoffnungsvolle Kandidatin

Wieder Mutterfreuden

Sehnsüchte

Genossin Studentin

Familienurlaub

Ein Zwischenfall

Wie gewohnt

Eine Anschaffung

Zusammensein

Der Brief

Wohin denn ich

II. DER TOD DES VATERS

Ein Spätsommertag

Wieder Montag

Morgendlicher Anruf

Krankenhausbesuch

GO-Versammlung

Abschiede

III. SCHWINDENDE GEWISSHEITEN

Tage, Jahre

Republikgeburtstag

Eingabe

Vertrauenssache

Wartezeit

Septemberreise

Tagesordnungen

Saunagang

Polenreise 1980

Überraschende Begegnung

Sohnes-Leben

Unter Mitarbeiterinnen

Vorahnungen

Genosse Minister

Auf dem roten Teppich

IV. LEBENSWENDE

Strandtage im August

Herbstzeit

Familienweihnacht

Märztage

Wiedersehen mit Doris

Wiepersdorf im November

Das letzte Jahr

Deutsche Begegnungen

Auf dem Arbeitsamt

Impressum

Einübung in ungewohnte Lebenslagen

Eigentlich liebte sie diese Hochsommertage im Juli, besonders morgens war es angenehm kühl auf dem Balkon, vor dem hohe, dichtbelaubte Linden-bäume standen. Sie sorgten dafür, dass das vordere Zimmer eine erträgliche Temperatur behielt. Sie besah sich ihre Geranien und Malven, goss sie hingebungsvoll, noch vor dem Frühstück. Sie würde ihr tägliches Schreibpensum heute erst am Nachmittag erledigen und jetzt, solange es noch kühl war, ihren Spaziergang machen. Spaziergänge an der Spree als alltäglicher Rahmen für ein Leben, das eigentlich schon hinter ihr lag. Erinnerung, Arbeit des Lebens, die sie jetzt leisten musste.

Natürlich musste sie nicht, aber sie konnte, weil sie unendlich Zeit hatte, eine wirklich neue Situation für sie. Zeit, immer knapp bemessen in ihrem Leben, wo war sie geblieben, die vergangene und die heutige, die schon vergangen war, wenn sie nach ihr fragte. Festhalten wollte sie die flüchtigen Stunden und Tage, bevor alles zerrann. Ja, sie wollte, sie musste!

Es gefiel ihr, wenn sie solchen Drang in sich spürte. Dieses Empfinden verlieh ihr noch immer das Gefühl eines Gewichts, das sie brauchte, um Leben erträglich zu machen für sich.

Von der Vielfunktionalität ihres weiblichen Daseins war nichts als der Status der Rentnerin geblieben. BfA-Ost gesichert, mit auskömmlichen Beträgen, bei nicht sehr entwickelten Bedürfnissen freilich. DDR-Bürgerin einst. Ihren Staat, die DDR, gab es seit zehn Jahren nicht mehr, aber sie gab es noch.

Ehefrau war sie einst, lange her, Geliebte, Genossin der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, 25 Jahre lang, auch vergangen, Wissenschaftlerin, Trägerin von Preisen und Auszeichnungen. Sollte sie vielleicht lieber für sich behalten, heute. Mutter zweier Kinder, einst mit erheblichen Erziehungsproblemen. Inzwischen erwachsen, Sohn und Tochter brauchen die Mutter nicht mehr. Man freut sich, wenn man sich sieht. Großmutter von vier Enkeln, immerhin, aber ziemlich verstreut die Nachkommenschaft, keine ordentlich, bürgerliche Familie. Nicht alternativ, sondern nur verunglückt, alles. So wie das Jahrhundert, das zu Ende geht. Das schrie nach Bilanzen, allerorten und nun verfiel auch sie auf die Idee, ihr Leben zu resümieren. Natürlich hielt sie es für nicht bedeutsam. Aber irgendwie doch, als studiertes Arbeiterkind des verflossenen, damals so genannten Arbeiter- und Bauernstaates. Vollkommen ohne Tradition, historisch gesehen, eine wirkliche Eintagsfliege. Auch wenn sie sich ihren Nachwuchs anschaute. Denen erscheint sie als Fossil aus vergangener Zeit. Vielleicht hatten sie recht, sie wollte es herausfinden. Um ihretwillen. Ehe sie erstickt an ihren asthmatischen Beschwerden, an ihrer Luftnot. Beschäftigung mit sich selbst, eine gewiss beschränkte Tätigkeit. Aber was blieb ihr noch? Ehrenämter für das neue Deutschland, von denen der Bundespräsident sprach? Aber wer wollte eine solche stalinistische Altlast?

Klüger werden durch Erinnern? Erinnerung war doch so beliebig, eine launige Dame nur. Mal ließ sie dieses, mal anderes durchblicken, bot sich feil für beruhigende Sichten, gab Erklärungen, wo und wie immer es Bedarf danach gab. Rechtfertigungen für dies und das, was immer sie brauchte.

Aber sie wollte keine Rechtfertigungen, keine Alibis, sie wollte die Wahrheit.

Sie schaut jetzt überrascht auf diesen letzten Halbsatz und erschrickt. Schon wieder diese Vermessenheit. „Wahrheit“? Sie konnte es nicht lassen. Sie begann bei ihrem unmaßgeblichen kleinen Ich und schon war sie bei der Menschheit.

Die Maße ihres Ichs sind schnell vermessen. Sie lebt heute wieder dort, wo sie ihr Leben begonnen hat und wo sie es aller Voraussicht nach beenden wird. Im Berliner Südosten, zwischen Baumschulenweg, Treptow und Neukölln. Eine mufflige, unzeitgemäße Mobilitätsverweigerin.

Leben an der Grenze, die die Berliner Landschaft bestimmt hat. Die Eltern kamen aus Neukölln, wie viele der Laubenpieper, die sich auf dem ausgedehnten Pachtland am Kanal nach und nach ihre notdürftige Unterkunft geschaffen hatten. Dort verlief dann die Grenze, erst nur durch Holztafeln markiert, auf denen schwarz auf weißem Grund in verschiedenen Sprachen zu lesen stand: „Sie betreten den amerikanischen Sektor von Berlin.“ Das Schild stand kurz hinter der schmalen Holzbrücke, die den Teltower Zweigkanal überquerte und die an Stelle der im April 1945 gesprengten Betonbrücke hinüber führte. Als Kind wunderte sie sich immer, dass dieser Satz im Deutschen nur eine Zeile ausmachte, während er in französischer, russischer und englischer Sprache den Raum von zwei Zeilen brauchte. Sie vermutete deshalb, dass die Wörter in fremder Sprache anderes bedeuteten. Aber der Vater bestritt das. Die Grenze hinderte sie nicht, auch die Ortschaften des väterlichen Lebens in Neukölln zu besuchen.

Der Großvater wohnte dort und schenkte ihr die erste Bluse ihres Lebens. Er bekam seine Rente in Westgeld für jahrzehntelange Arbeit in der Neuköllner Gasanstalt. Dafür durfte er nicht mehr auf sein Grundstück nach Klosterfelde, was er weinerlich bedauerte. Mit den Eltern war sie manchmal ins Stadtbad in die Ganghofer Straße gegangen, aber nach dem Krieg nur noch selten. Früher, hörte sie erzählen, war der Vater Stammgast dort, auch im Fichtesportverein nebenan. Bei ihr hatten diese Neuköllner Ortschaften nur flüchtige Eindrücke hinterlassen, mehr Erzähltes, als Gesehenes. Wer interessiert sich schon in der Jugend für die väterliche Lebenslandschaft? Sie kannte die Neuköllner Ortschaften aus der Nachkriegszeit, da zog sie vor allem das bunte Treiben auf der Karl-Marx-Straße mit ihren Buden und Ständen an, mit den gefüllten Schaufenstern, in denen Waren lagen, die sie ihren kindlichen Lebtag hindurch nicht gesehen hatte.

Jetzt, in ihr Alter hinein, rücken diese Ortschaften wieder ganz nahe. Sie nimmt sie in Augenschein, sucht nach Vertrautem im Fremdgewordenen. In zehn Minuten Radfahrt ist sie am Neuköllner Nachweis, wie der Vater den viergeschossigen rostroten Klinkerbau an der Sonnenallee nannte, in dem er einen Großteil seiner Jugend verbracht haben wollte. Nicht, dass sie das bezweifeln will, aber es verblüfft sie doch im Nachhinein, wenn sie an seine Er-zählungen denkt. Von fünf Jahren Arbeitslosigkeit musste er ab 1931 zwei-mal die Woche hier erscheinen. In dieser Zeit wurde das Gebäude fertig, um das Arbeitslosenheer der späten Weimarer Republik ordentlich verwalten zu können. Der Vater brauchte seinen Stempel, um die 14 RM Unterstützung zu bekommen. Davon musste die dreiköpfige Familie leben. Aber er schien nicht ungern dort gewesen zu sein. Er traf Freunde, Leidensgenossen, Fichtesportler, und man diskutierte, hielt große und kleine Palaver. Auf den Gängen war das verboten, aber draußen standen die Diskussionsgruppen zusammen. „Alle in Erwartung der Weltrevolution“, wie die Mutter sarkastisch die väterlichen Erzählungen kommentierte. „Doch die kam nicht, dafür kam Hitler“, pflichtete er ihr bei.

Immer, wenn Gisela an dem viergeschossigen Bau vorbeifährt, denkt sie an den Vater, auch an den Namen „Brüning-Palast“, an diesen Notverordnungskanzler, dem der Bau zu danken war. Sie weiß nicht, ob dieser Name heute noch geläufig ist. In ihrer kindlichen Erinnerung überragt das Gebäude alle anderen Bauten dort rund um die Sonnenallee. Heute verschwindet es fast, die entstandenen Hochhäuser, Wohnsilos aus den siebziger Jahren, die sie schon über die Mauer hinweg vom Bahnhof Plänterwald aus hatte sehen können, und ein erst jüngst errichtetes Hotel überragen längst den denkwürdigen Bau. Sie bedauert, dass sie den Brüning-Palast nicht von innen kennt. Obwohl sie sicherlich nichts versäumt dabei, was sollte ein Gebäude, in dem die Neuköllner Arbeitslosen verwaltet werden, schon Denkwürdiges enthalten. Sie musste für ihren Arbeitslosenstempel nach Adlershof fahren. Als Arbeitslose Ost hatte sie dort ihrer Meldepflicht nachzukommen. Der Vater würde staunen, wie jetzt alles so modern gehandhabt wurde. Nur noch vierteljährliche Meldepflicht. Für Vorrentner wie sie, die dem Arbeitsmarkt nicht mehr zur Verfügung stehen wollten, so umschrieb man die ihr auferlegte Nötigung, entfiel auch das, und Geld, kam verlässlich aufs Konto. Sie schaute mit innerer Befriedigung auf die im Kontoauszug angegebene Summe. Nur einmal kroch in ihr die Ahnung hoch, dass es vielleicht nicht immer so weitergehen musste mit den Zahlungen. Als man das Geld nicht mehr vierzehntägig überwies, sondern erst am Monatsende, für den schon gelebten Monat, stieg ihr die Angst in den Hals, würgte kurz. Nun war sie Rentnerin geworden, brauchte nicht zu fürchten, ausgesteuert zu werden. Sie wusste nicht einmal, ob das heute auch noch so hieß. Aber der Vater hatte jedenfalls irgendwann diesen Status. Während dieser Zeit verdiente die Mutter aushilfsweise durch Arbeit in der Batteriefabrik Sachs in Schöneweide. Erstaunt wäre der Vater, fassungslos, dass vieles wiederzukehren schien. Geschichte wiederholt sich nicht, war einer seiner unverrückbaren Leitsätze, den auch sie übernommen hatte. Aber er war gut heraus, er musste es nicht mehr erleben, dass es anders war.

Nur sie musste noch, wollte auch wohl, war noch neugierig. Sie hatte noch immer Hoffnungen, freilich wusste sie nicht zu sagen worauf. Und was viel-leicht noch kam? Immer noch oder wieder lebt sie im Grenzland, in ihrer Wohnung am Plänterwald, die zu den ersten Plattenbauten vom Typ Q 3 A gehört, die der Arbeiter- und Bauernstaat gebaut hat. Erstbezogen wurde die von den Eltern zum 10. Jahrestag der jungen Republik. Damals verließen sie die Laube, bezogen die erste Wohnung ihres seit Jahrzehnten gemeinsamen Lebens. Und sie ist in das bescheidene Quartier zurückgekehrt, auch, weil die Mutter sie brauchte in ihrer Hinfälligkeit. Es war eine naheliegende Möglichkeit, nachdem der Grünauer Hauswirt Eigenbedarf für ihre komfortable Dreizimmerwohnung angemeldet hatte. An dieser Behausung hing sie sehr. Sie schien ihr der Beweis ihres sozialen Aufstiegs in der DDR. Der nun längst hinter ihr liegt. Jetzt lebt sie wieder dort, wo sie herkommt. In bescheidenen Verhältnissen. So kam sie dem Gang der Dinge entgegen, begriff sofort, dass sie ihren Abstieg planmäßig organisieren musste, um nicht ins Stolpern zu geraten. Das entsprach der herkömmlichen Ordnung, die nach der Wende nun vorerst endgültig wieder hergestellt ist. Ordnungen erheben immer diesen Anspruch. Sie kannte es auch von der vorletzten, nun vorerst endgültig verschwundenen sozialistischen Ordnung der Verhältnisse.

Wenn sie zehn Minuten den Dammweg entlang fährt, zu den väterlichen Ortschaften Richtung Süden, kommt sie über die Grenze, die am Heidekamp-graben entlang führte, zwischen zwei verschiedenen Arealen von Kleingartenanlagen mit gleichen Namenstypen. „Drosselgarten“, „Vogelsang“ und „Kuckucksheim“, signalisieren vergleichbare Glückserwartungen, Wohlbehagen im beschaulichen Winkel, diesseits und jenseits der zwischenzeitlich scharf bewachten Grenze. Die Gartenkolonien mit ihren Lauben und Bepflanzungen bilden an dieser Stelle das Verbindungsstück zwischen den Berliner Stadtbezirken Treptow und Neukölln, die, je weiter man in ihren Kern vordringt, ihren unterschiedlichen Charakter offenbaren. Jedenfalls für Gisela, die Spazierfahrerin, die die Grenze noch in sich trägt, wenn sie den mit Goldrute und Brennnessel bewachsenen Streifen quert, ein Grün, das notdürftig den Müll bedeckt, der hier abgelegt wurde. Sie fährt durchs Planetenviertel, das sich südlich und nördlich der Sonnenallee erstreckt. Hier tragen alle Straßen Sternbildnamen. Dabei fällt ihr auf, dass es auch in ihrer Nähe eine Orionstraße gibt. Aber diese Namengebung hatte mit der nahegelegenen Sternwarte zu tun. Sie denkt nicht, dass die östlichen Stadtväter in den Sechzigerjahren, als diese Straßen benannt wurden, eine Verbindung zum Neuköllner Planetenviertel schaffen wollten. Das Planetenviertel kennt sie aus ihrer Kindheit, gegenüber der Jupiterstraße, wo es jetzt einen Aldi-Markt gibt, war sie manchmal ins Kino gegangen. Das hieß auch Orion. Für 25 Pfennige, West, versteht sich, die sie nicht immer hatte. Aber man nahm auch ihr Geld, wenn sie 1:4 zahlte, ließ man sie hinein. Allerdings ging sie nur selten in diese Klitsche, wie der Vater das Kino nannte. Die Wildwestfilme dort waren ihr zu albern. Sie stellte höhere Ansprüche, ging schließlich auf die Oberschule, suchte anderes.

Fährt sie heute in diese Richtung, trifft sie Leute, an die damals nicht zu denken war. Mit ihrem nicht sehr ausgeprägten Unterscheidungsvermögen hält sie die Leute für Türken, Südosteuropäer jedenfalls, Flüchtlinge aus den Kriegsgebieten des einstigen Jugoslawien vielleicht. Die bewohnen jetzt die Häuser im Planetenviertel, die aus dem Wohnungsbauprogramm der Weimarer Zeit und der ersten Jahre von Hitlers Macht stammen. Mit kleinen Zimmern und großen Küchen waren sie vor allem für kinderreiche Familien vor-gesehen. Kanonenfutter für den künftigen Krieg wuchs in diesen Sozialwohnungen heran. Heute hat man den dreigeschossigen Häusern noch eine Etage aufgesetzt. Die Fassaden verraten, dass sie vor nicht allzu langer Zeit renoviert wurden, es gibt erst wenige Graffitis an Wänden und Türen. Die Häuser und Wohnanlagen mit ihren hohen runden Durchgängen zu begrünten Höfen und Gartenanlagen, ähneln den Bauten jenseits der Grenze in ihrem Stadtbezirk. Nur die Belegung ist eine andere. Ost-Rentner überwiegend hier, nicht-deutsche Familienverbände dort. Gisela würde gern sehen, wie sie wohnen dort. Sie beobachtet Familien, die in den kleinen Vorgärten auf Decken zusammensitzen, vor den Hauseingängen ihre Teppiche reinigen. Deren Leben spielt sich anders als auf der anderen Seite ab. Sommers in den von Büschen und Bäumen begrünten Höfen. Menschengruppen sitzen zusammen, die Kinder auf dem Spielplatz daneben. Außerhalb der Familien gesellen sich die Männer, rauchend, laut palavernd, die Frauen mit Kopftüchern und knöchellangen Kleidern, strickend, miteinander redend. Gisela wüsste gern, worüber sie sprechen. Nein, sie hat keine Ahnung, welches Leben sich jetzt hier abspielt. Nur in den Reihenhäusern mit den kleinen Gärten hinter dem Haus in der Widder- oder Steinbockstraße, da ahnt sie, wie es zugeht. Dort in einem der genossenschaftseigenen Häuser wohnt auch ihr Cousin, ein wohlbestallter Senatsbeamter mit Frau und zwei erwachsenen Töchtern. Deren Ansprüche überforderten bisweilen den gewiss nicht armen Mann. Die Wohnsiedlung der Genossenschaft „Ideal“ war nach den wohnungsbaulichen Reformvorstellungen seit Beginn der 1920er Jahre gebaut worden. Sie verdankte ihre Realisierung einem rührigen sozialdemokratischen Bürgermeister in Neukölln. Heute hat der Senat die Wohnungen an die Mieter verkauft. Natürlich nur an die, die solche mehrgeschossige Reihenhaushälfte bezahlen können.

Vollkommen fremd sind ihr dagegen die Wohnsilos, die während der Grenz-zeit gebaut wurden. Die lernt sie erst jetzt kennen. In ihrer Kindheit gab es, sowohl im Gebiet zwischen Sonnenallee und Neuköllnischer Allee, als auch in dem zwischen Sonnenallee und Kiefholzstraße, ausgedehnte Laubenareale. Über die Neuköllnische Allee hat ihr Schulweg geführt, bei dem sie zweimal über die Grenze musste. Einmal, wenn sie über die Brücke im Verlaufe der Britzer Allee ging. Das zweite Mal, wenn sie nach einem weiten Weg über die Neuköllnische Allee, den Schwarzen Weg entlang über die Sonnenallee, den Heidekampgraben erreicht hatte. Dort betrat sie dann wieder den sowjetischen Sektor, in dem ihre Schule stand. In der Kiefholzstraße, wo sie heute noch steht, weithin sichtbar.

Den Schwarzen Weg gibt es heute überhaupt nicht mehr. Sie könnte, auf der Sonnenallee stehend, nicht einmal mehr die Stelle angeben, wo der einst verlief. Zwischen Jupiterstraße und Grenze setzte man in den Sechzigerjahren einem ausgedehnten Häuserkomplex, der ihren Schulweg verschwinden ließ. Auf der anderen Seite der Grenze baute die DDR Wohnhäuser nach dem damaligen Standard. Später geborene, die die Häuser bewohnten, mögen die Sonnenallee immer nur als dieses kurze Ende bis zur Grenze gekannt haben. Ihre Sonnenallee ging immer bis zum Hermannplatz. Denn oft genug war sie mit der Straßenbahnlinie 95 bis nach Neukölln oder Tempelhof gefahren. Später freilich war die Fahrt zwischen der Haltestelle Schwarze Weg und Baumschulenstraße unterbrochen, man musste aus der 95 West aussteigen und an der Ecke Baumschulenstraße in die 95 Ost einsteigen, die dann bis zum Krankenhaus Köpenick fuhr. Erst konnte man noch den gleichen Fahrschein benutzen. Das änderte sich bald, man brauchte Westgeld und so wurden ihre Straßenbahnfahrten nach Neukölln hinein immer weniger.

Später, nach dem Mauerbau, war sie nur noch selten hier vorbeigekommen. Flüchtig nur schaute sie dann aus dem Busfenster auf das Ende ihrer Welt. Längst hatte sie sich angewöhnt, den Schlagbaum und die Sichtblenden über der Baumschulenbrücke als politische Unabdingbarkeiten hinzunehmen. Sie wollte die Szenerie gar nicht so genau sehen, war froh, wenn sie schnell vorbeifuhr. Die Situation war ihr das Ergebnis einer politischen Entwicklung, die sie nicht beeinflussen konnte, nur akzeptieren. Dabei fühlte sie sich auf der Seite derer, die diese Spaltung nicht gewollt hatten.

Sie trägt diese Trennung als Phantomschmerz immer noch in sich. Sie begegnet ihr auf Schritt und Tritt in ihrem vertraut, fremden Gelände. So, wenn sie die Wohnsiedlungen durchstreift, denen die Laubenareale ihrer Kindheit weichen mussten.

Der Häuserkomplex auf der Neuköllner Seite galt bei seinem Bau als Nonplusultra moderner Architektur. Nicht ganz zu Unrecht, wie sie sich bei ihren Radfahrten durchs bebaute Gelände überzeugen kann. Ein Operettenviertel, denkt sie, wenn sie von der Neuköllnischen Allee kommend, die nach Opern-, Lied- und Operettensängern benannten Straßen durchfährt. Heinrich Schlusnus, Leo Slezak, Fritzi Massary, Joseph Schmidt, Michael Bohnen haben hier ihre Straßen. Sie sind nun jetzt alle Trabanten der Sonne, die der breiten Allee ihren Namen gibt und die sich darüber nur wundern kann.

Das Viertel mit ihrem alten Diamant-Damenrad vermessend, sieht sie das Bemühen der Planer, durch Gesamtgliederung der Anlage, durch Fassaden-gestaltung und unterschiedliche Höhe die übliche Monotonie zu vermeiden, einen bewohnbaren Raum zu schaffen. Ob das wirklich gelungen ist, wagt sie zu bezweifeln. Ihr als Kleingärtnerkind fehlt natürlich der Maßstab, moderne Architektur zu beurteilen. Ihr Urteil zählt nicht, wenn sie zugibt, dass es für ihr Wohlgefühl hier zu viel Beton gibt. Dabei gibt es Grün: Bepflanzungen zwischen den Häusern, Kletterpflanzen an den Fassaden, transportables Grün in Kübeln, Hochbeete. Der dominierende Eindruck der Betonstadt entsteht durch eine zusammenhängende Ebene, die für Autos da ist. Sie sind mit Zubringerstraßen zur Sonnenallee verbunden, die nahe den Häusern zu über-dachten Autostellplätzen führen. Die Straßenzüge haben in Abständen Über-gänge, die die eine Seite der Häuserfront mit der anderen verbinden. Sicherlich wollten die Planer, dass die Leute gefahrlos die Straße überqueren können. Aber sie sieht dort oben niemanden. Bäume stehen mit den Wurzeln im kleinen Erdgeviert inmitten von Beton. Ihre Stämme dürfen nicht dicker werden, sonst müssten sie die Mauern sprengen, die sie umgeben. Die Kronen können sie erst auf den hoch gelegenen Übergängen ins Licht recken, alles andere bleibt im Dunkel. Auch hoch über der Sonnenallee führt ein Übergang von der einen Seite der breiten Straße zur anderen. Er ist zugebaut, besitzt Fenster. Die Autos und Busse fahren durch diese Straßenüberbrückung. Als sie das erste Mal nach der Grenzöffnung mit dem Bus darauf losfuhr, zog sie unwillkürlich den Kopf ein.

Sie war nicht überrascht, als sie in der Berliner Abendschau erfuhr, dass diese Wohnsiedlung als Notstandsgebiet gilt. Viele Wohnungen stehen leer, auch war längst der erste Glanz von den Fassaden.

Sie vermisst den weiten Blick über die Gärten, den sie auf ihrem Schulweg hier hatte. Dort, wo die Sonnenallee vom Schwarzen Weg gekreuzt wurde, gab es damals einen aus Brettern gezimmerten Laden, der ein Kioskfenster zur Straßenseite hin offenhielt. Dort hingen bunte Zeitungen, Kaugummis und Bonbons gab es dort. Manchmal konnte sie sich einen Schokoladenriegel kaufen. Die zehn Pfennige (West) hatte sie, wer weiß woher, bekommen.

Aber die Sonnenallee war jetzt wirklich eine andere geworden, Betonallee fand Gisela passender. Nur am Heidekampgraben entlang, der die Grenze bildete und die beiden Wohnareale Ost und West voneinander trennt, hat sich auf der westlichen Seite am trüben Wasser des schmalen Grabens ein Streifen breiten Buschwerks erhalten, das den Spazierweg wie eine Kuppel überwölbt. Auf der östlichen Seite gibt es die übliche Busch- und Goldrutenvegetation, die den ehemaligen Mauerstreifen inzwischen begrünt hat. Dahinter beginnen die DDR-Plattenbauten in ihrer schlichten Monotonie. Die Blöcke stehen so zueinander, dass sie offene und geschlossene Quadrate bilden. Sie stehen großzügig im Gelände, lassen viel Raum für Grün, die herangewachsenen Bäume und Sträucher geben ihnen menschliche Maße. Sie sind jetzt, nachdem sie, großzügig durch Senatsfördermittel unterstützt, saniert und modernisiert sind, kein schlechtes Quartier. Aber natürlich nur für solche Modernitätsverweigerer wie diese Spaziergängerin hier. Die das westliche Wohnareal nicht nur der Straßennamen wegen operettenhaft findet.

Dagegen hatte man die schnurgeraden Straßen auf der gegenüberliegenden Seite der Neuköllnischen Allee zum Teltower Stichkanal hin, wo sie ihren Schulweg heimwärts fortsetzen musste, nach Wissenschaftlern und Industriellen benannt. Das Laubenareal auf dieser Seite war hier Industrie- und Gewerbeansiedlungen gewichen. Bosch hat hier seine Straße, Haber, auch Alfred Nobel, der den Sprengstoff entwickelt hat, mit dem man ihre Brücke am Ende des Krieges in die Luft sprengte. Sie saßen auf der gegenüberliegenden Seite des Kanals wie in einer Falle. Alle Brücken waren kaputt.

Sie sitzt in ihrer Q3A-Wohnung, sortiert die Erinnerungen an die Brücken ihrer Kindheit. Aber eigentlich will sie den Zumutungen nachfragen, zu denen sie sich bereitgefunden hat in ihrem Staat, der DDR. Dem Zusammenhang nachgehen, der zwischen beidem besteht, oder gibt es ihn nicht?

Und wieder gibt es neue Zumutungen, die sie erträgt, fraglos.

Längst schon hat sich herausgestellt, dass die DDR Bevölkerung nicht nur aus Tätern und Opfern bestand. Auch sie ist weder noch, jedenfalls scheint es ihr so. Um als Täter in Frage zu kommen, war ihre Reichweite wohl zu gering. Sie hatte meistens mit den Kindern zu tun, wenn es um Wesentliches ging in ihrem Land. Da sie auf Harmonie aus war, unterließ sie Widerspruch. Als Opfer kommt sie deshalb auch nicht in Frage. Sie will jetzt keine nachgetragene Dissidenz liefern, auch bloße Mitläuferschaft wollte sie für sich nicht veranschlagen. Sie kennt solche Mitläufer zur Genüge, die jetzt angeben, sich nur aus Angst oder Anpassungszwang ins Unrechtsregime geschickt zu haben. Manche hatten die Faust des Widerstands in der Tasche geballt. Prominente Leute unter ihnen heute, einige hat sie sogar in ihrer unmittelbaren Umgebung erlebt. Natürlich blieb deren Opposition damals verborgen. Aber auch zu diesen Leuten will sie sich nicht gesellen. Sie kann schwer ausmachen, wozu und wohin sie gehört und wem sie sich zugesellen möchte. Mitläuferin nicht, eher Mitmacherin mit beschränkter Befugnis. Sie besaß durchaus eine Vorstellung von Verantwortung mit der sie in ihrem Staatswesen gelebt hat. Sie will die jetzt nicht auf die Führung abwälzen. Gisela wollte und wusste, was sie dachte und tat. Großenteils jedenfalls. Spät erst nahm sie an sich selbst die Beschwichtigungen wahr, mit denen sie sich erträglich gemacht hatte, was sie eigentlich nicht hätte ertragen wollen. Der Sozialismus, eine durch die Praxis für lange Zeit diskreditierte Idee. Daran hatte sie ihren Anteil. Dabei standen nun all die Widersprüche wieder dringend im Raum, um derentwillen nicht nur der Vater auf die Idee einer anderen Gesellschaft verfallen war.

Die Gegend zwischen Teltower Stichkanal und Spree, zwischen Plänterwald und Späthsfelde war nicht die einzige Ortschaft ihres Lebens. Ihre Werktage hat sie im Zentrum Berlins verbracht. Adressen in bester Lage, wie es heute heißt, zwischen Gendarmenmarkt, Hausvogteiplatz, Jägerstraße, Tauben-straße und der Staatsbibliothek Unter den Linden. Hier, wo heute wieder Bankhäuser, Galerien, Akademien ihr Domizil haben, ging sie ein und aus. Jetzt hat sie dort nichts mehr zu suchen. Das verbucht sie unter die Wechsel-fälle des Lebens, von denen sie sich damals freilich nichts hatte träumen las-sen.

I. UNGEHEURE ERWARTUNG

Etwas fängt an

Sie wusste nicht, worauf sie sich einließ, als sie am zweiten Tag des Jahres 1959 den Weg zu ihrer ersten Arbeitsstelle suchte. Gisela Anders war zwanzig Jahre alt und voller Neugierde, während sie sich noch bei Dunkelheit auf den Weg machte, um pünktlich die Bibliothek zu erreichen, in der sie fortan arbeiten sollte. Eine ganze Stunde war sie unterwegs, da sie gegen sieben Uhr dreißig am Bahnhof Friedrichstraße die S-Bahn in Richtung Falkensee verließ. Der Zug war von Baumschulenweg an voll besetzt und wurde auch mit ihrem Ausstieg nicht leerer. Als sie die Friedrichstraße in Richtung Lindenallee ging, atmete sie tief, weil ihr im Abteil die Luft so knapp geworden war, unter den vielen Menschen. Es war kalt und feucht an diesem Januarmorgen, sie überquerte rasch die Linden und lief schnellen Schrittes die Charlottenstraße entlang, bis zur Taubenstraße. Sie war das erste Mal hier in dieser Gegend. Bisher war sie nur bis zur Staatsbibliothek gekommen, in der ihre Fachschule untergebracht war. Die Gegend rund um die Universität kannte sie, die hatte sie mit ihren Mitschülerinnen mittags umrundet. Nach Feierabend zog es die in Richtung Bahnhof Zoo, Gisela war nur selten dabei. Die Taubenstraße hatte sie sich auf dem Stadtplan suchen müssen. Herr Kobus, der Leiter der Bibliothek, hatte ihr den Ort ihres zukünftigen Wirkens beschrieben. Er liege zwischen Hausvogteiplatz und Gendarmenmarkt. Den überquerte sie jetzt, sah die Ruinen des Schauspielhauses, des Französischen und des Deutschen Domes. Die zerstörten Gebäude waren befestigt, der Platz aufgeräumt, er hinterließ keinen besonderen Eindruck bei ihr. Trümmer gab es in Berlin an vielen Ecken, wenn sie nicht inzwischen freien Flächen gewichen waren. Sie brauchte die zehn Jahre, die sie dort arbeiten sollte, um diesen Platz sehen zu lernen. An diesem Morgen hatte sie jedenfalls keinen Blick dafür. Sie schaute auf die Zählung, fand die Nummer 19/23, die man ihr genannt hatte. Das war nicht schwer, weil es das einzige Haus an der Tauben-, Ecke Markgrafenstraße war. Sie blickte auf das Schild, das auf dunklem Marmorgrund die goldene Aufschrift trug „Institut für Gesellschaftswissenschaften beim Zentralkomitee der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands“. Sie ahnte nicht, dass das zu diesem Zeitpunkt schon eine wichtige Adresse war, aber der Parteiname, bei deren Zentralkomitee ihre zukünftige Arbeitsstelle liegen sollte, war ihr nicht unvertraut. Ihr Vater war Mitglied dieser Partei und alles, was von ihm kam, hielt sie für einsehbar und richtig. Das Abzeichen mit den verschlungenen Händen hatte sie auch bei Herrn Kobus gesehen, wenn er zweimal die Woche zum Unterricht in ihre Fachschule kam. Das hatte ihr Zutrauen eingeflößt. Als er sie fragte, ob sie in der Bibliothek, die er leitete, arbeiten wollte, sagte sie zu. Auch Irene, die mit ihr die gleiche S-Bahn fuhr, stellte er diese Frage. Sie beide waren froh über die Aussicht, bei ihm zu arbeiten. Es hatte nichts mit seiner Person zu tun, sie waren lediglich erleichtert, dem Dienst in der Staatsbibliothek zu entgehen. Diese Einrichtung erschien ihnen als verstaubtes Museum. Das Zutrauen in das Abzeichen, das Herr Kobus trug, war bei Irene allerdings geringer als bei Gisela. Auch deren Vater trug es, aber das war für sie nun gerade der Grund, auf Abstand zu drängen. Sie brachte es nicht direkt zum Ausdruck. Aber Gisela spürte, dass der Freund, mit dem Irene an den Wochenenden paddelte, etwas gegen das Abzeichen hatte. Immerhin konnte es sein, dass der gegen das Abzeichen war, weil der Vater von Irene gegen ihn als Schwiegersohn war. Es kann aber auch umgekehrt gewesen sein. Irene ließ sich darüber nicht aus. Gisela erlebte nur deren Unmut, wenn sie die Gefährtin danach fragte.

Beide hatten sich für diesen ersten Tag vor dem Gebäude verabredet, weil Irene nicht genau wusste, von woher sie diesen Morgen kommen würde. Sie stand schon vor dem Eingang, wartete auf Gisela, die voll hoher, beklommener Erwartung war. Irene sah aus wie gewohnt, blass, schmal mit einem kleinen Lächeln um den Mund und neu aufgedrehten Stocklocken, wie am Wochenbeginn immer. Gisela trug ihre blonden Haare kurz geschnitten, ihre Gesichtshaut war rosig überzogen. Das verdankte sie der Kälte und der Aufregung, die ihren ganzen Körper in Spannung hielt.

Nach einem kurzen Gruß drückte eine von ihnen den Klingelknopf neben der Tür. Kurz darauf summte es und die Tür ließ sich öffnen. Beide betraten einen größeren Raum, an deren rechter Seite eine hölzerne Theke aufgebaut war. Dahinter standen mehrere uniformierte Männer. Einer von ihnen sagte: „Wo wollt ihr denn hin?“ Sie nannten Herrn Kobus´ Namen. „Zum Genossen Kobus also“, sagte einer der Uniformierten und schaute auf eine Namensliste. Er schüttelte den Kopf und griff zum Telefonhörer. Offensichtlich sprach er mit ihrem zukünftigen Chef, den er streng an ein Versäumnis zu gemahnen schien. Nach einigen Minuten kam Herr Kobus durch die Tür, die vom Vorraum ins Innere des Gebäudes führte. Er streckte den Mädchen die Hände hin, so, dass jede eine nehmen konnte. Nach einem kurzen Wortwechsel mit den Wachleuten konnte er sie mitnehmen. Dazu wurden ihre Personalien notiert, jede bekam einen Passierschein. Über Treppen, durch Korridore und an Zimmern vorbei, erreichte die kleine Gruppe das Reich der Kaderabteilung. Hier wurden sie einer älteren Frau vorgestellt, von der es hieß, dass sie die Kaderleiterin sei, Genossin Geffke. Sie erklärte ihnen den Arbeitsraum, in dem sie saß, als das Herz des ganzen Gebäudes. Gisela erschien das übertrieben, aber mit Irene sprach sie nicht darüber, weil sie deren Bereitschaft zur Skepsis kannte. Sie wollte sich an das halten, was ihr half, sich hier einzuleben. Die Kaderleiterin gab ihnen große Fragebögen, die sie ausfüllen und wieder mitbringen sollten. Dann fragte sie noch, ob die Mädchen der Partei angehörten, die in diesem Haus hier wohnt. Als die die Köpfe schüttelten, meinte sie lächelnd, mehr zu Herrn Kobus hin: „Was nicht ist, kann ja noch werden!”

Der ging mit ihnen in die im ersten Stock gelegenen Bibliotheksräume. Dort erklärte er, was in den einzelnen Räumen bibliothekstechnisch zu passieren hatte. Dann ließ er sie kurz in zwei hintereinander liegende Räume blicken, an deren Tür „Sperrbibliothek” geschrieben stand. Besondere Öffnungszeiten standen darunter, die von denen der übrigen Bibliothek abwichen. Daneben gab es noch einen Lesesaal für Nachschlagewerke und einen Zeitschriftenlesesaal. Die Einrichtung erschien den beiden Mädchen überschaubarer als die Staatsbibliothek, die Aussicht hier zu arbeiten gefiel ihnen, da auch die Kolleginnen, denen sie vorgestellt wurden, freundlich waren. Das vorgerückte Alter überwog, zwei Frauen schienen etwas jünger. Gisela und Irene verständigten sich darüber, dass sie hier die Küken sein würden. Auch das fanden sie nicht schlecht.

Herr Kobus hatte zwei Stellen frei, im Lesesaal und im Katalog. Er schlug vor, dass beide Mädchen ein Los ziehen und den Zufall entscheiden lassen sollten, wo er sie hinstelle. Gisela fand, dass sie das große Los gezogen hatte, weil sie die Stelle im Lesesaal bekam. Hier hatte sie mit Büchern und nicht nur mit Karteikarten und vor allem mit Publikum zu tun. Irene meinte, bevor sie ihren Platz im Katalograum bezog, sie hätte es geahnt, sie sei immer der Pechvogel, auch zu Hause. Glück hatte Gisela auch mit dem Examenszeugnis, das man ihr kurz vor Weihnachten übergab und auf dem sie insgesamt „gut” beurteilt wurde. Sie selbst beurteilte sich in ehrlichen Augenblicken durchaus schlechter. Einige der Fächer, die sie erlernen musste, Bibliotheksverwaltung und Titelaufnahme gehörten dazu, fand sie unerträglich langweilig. Sie stellte die Arbeit für sie ein, als sie mitbekam, dass sie mit ihren eigentlichen Leseinteressen, die sie in diese Ausbildung gebracht hatten, kaum zu tun hatten.

Glück gehabt!, war die Grundstimmung, mit der sie am Abend des ersten Arbeitstages vom S-Bahnhof Baumschulenweg in Richtung Laubenkolonie trabte, wo sie mit den Eltern wohnte. Der Lesesaal, in dem sie arbeiten sollte, gefiel ihr ausnehmend gut. Der Raum war ungefähr 12 Meter lang, sechs Meter breit. Er ließ mit drei großen Fenstern die Sicht auf den Gendarmenmarkt zu. Die Fenster lagen unmittelbar gegenüber der Ruine des Deutschen Doms, auf der mehrere halbhohe Birken gewachsen waren. Vor dem Gebäude stand eine eiserne Rotunde, solche, die sie von der Mutter als Pissoir bezeichnet wusste. Eine solche Einrichtung hatte in einer französischen Filmkomödie zu mannigfachen Verwicklungen geführt, weil Anstoß an den Männerbeinen genommen wurde, die bis zur Hälfte am unteren Rand der eisernen Wand zu sehen waren. Schräg gegenüber lag das Schauspielhaus, eine befestigte Rui-ne, und von der Stirnseite des langen Saales ging noch ein Fenster mit Blick auf das Gebäude der Akademie der Wissenschaften.

Sie erzählte den Eltern von den vielen Büchern, die ungeordnet lagen. Sie sollten in Sachgruppen unterteilt werden, für die Regale bereitstanden. „Na, da wirst du ja endlich Ordnung lernen”, meinte die Mutter und lachte. Gisela wehrte solche Bemerkungen ab, fand sie unpassend. Die Frau hat keine Ahnung, dachte sie und auch die Ermahnung des Vaters, sie solle aufpassen, wenn die älteren Kollegen ihr sagten, wo es lang geht, fand sie überflüssig. Er gab ihr auf solche Weise zu verstehen, dass er sie erst am Beginn ihres Lernens sah. Gisela gab ihm in ihrem Innern recht, widersprach den Eltern aber aus Prinzip. Sie trumpfte mit der Mitteilung auf, dass die meisten Kolleginnen dort keine Ausbildung hätten. „Aber dafür haben sie Erfahrung und du fängst erst an”, hielt ihr der Vater entgegen. Den Eltern gegenüber war Gisela keck und munter, manchmal etwas vorwitzig, wenig gottesfürchtig, wie die Mutter lächelnd feststellte. Sie machten sich keine Vorstellung, wie schüchtern die Tochter unter Fremden war. Unaufgefordert sprach sie dort kaum ein Wort. Wenn man sie ansprach, röteten sich ihre Wangen. Das vergrößerte ihre Verwirrung, die sich nur langsam legte. Erst wenn sie sich zugehörig fühlte, verlor sich langsam die Beklommenheit. Sie selbst litt unter dieser Zurückhaltung. In den zwei Jahren Bibliothekarsausbildung war es ihr nicht gelungen, sich unter den Fachschülerinnen selbstverständlich zu bewegen. Sie und Irene absolvierten in der Staatsbibliothek ihre Praktika, während die anderen in der Berliner Stadtbibliothek und in der Landesbibliothek Potsdam arbeiteten und Gelegenheit hatten sich kennenzulernen. Gisela kam ihren Mitschülerinnen nicht nahe, sie empfand es als hochnäsig, wie die sich als Potsdamerinnen mit Tradition gegenüber den hergelaufenen Berlinern absetzten. Sie waren Kinder von Ärzten, Pfarrern und Apothekern, von denen der eine in der dritten Generation eine berühmte Apotheke führte. Die Bibliothekarsausbildung betrachteten die meisten als kurze Zwischenstation, weil sie zum Hochschulstudium nicht zugelassen worden waren. Einige von ihnen verschwanden noch während, andere kurz nach dem Ende der Ausbildung, sie gingen in den Westen.

Gisela gehörte zu den wenigen, die in dieser Klasse in der FDJ waren. Aber auch sie hätte es am liebsten verschwiegen, als Frau Schmidt, die Schulleiterin sich danach erkundigte. Erst als bei Irene der Finger hochging und bei noch zwei anderen, hob auch sie zögernd den Arm. Sie fühlte sich, als ob sie gezeichnet wäre. Von den selbstbewussten Potsdamerinnen gab es so manche Anspielung auf die Berliner, die nicht wüssten, wer sie sind. Auch mit Irene stellte sich nicht die richtige Vertrautheit ein. Die entließ stoßweise und leise die Mitteilung, dass auch sie das nicht mehr lange mitmachen würde, FDJ und so. Nur noch so lange, bis die Ausbildung zu Ende und sie frei sei von ihrem Vater. Gisela unterließ jedes weitere Gespräch, weil sie sich hier nicht verstanden fühlte. Wie hätte sie erklären können, dass es bei ihr gerade umgekehrt war. Nicht, dass sie ihrem Vater zuliebe im Jugendverband war. Der überließ solche Dinge ihrer eigenen Entscheidung. Jedenfalls erschien es ihr so, wenn er sagte, sie solle selbst überlegen, wohin und wozu sie gehören wolle. Natürlich ließ er sie auch wissen, wo er sie gern sähe. Sie wusste, was er von ihr erwartete. Dennoch war sie nicht darauf aus, sich ihm gegenüber unbedingt wohl zu verhalten, seinen Beifall auf diese billige Weise einzuheimsen. Sie hatte durchaus ihren eigenen dicken Schädel, wie die Mutter meinte, wenn sie sich mit kindlichem Trotz gegen die Eltern durchzusetzen suchte. Sie widersprach dem Vater, wo sie konnte. Aber mit der Freien Deutschen Jugend war es so, dass sie spürte, das lag ihm am Herzen. Es hatte mit dem zu tun, was sie an ihm bewunderte, seinen Mut, seine Unerschrockenheit und seine Unbestechlichkeit, wenn es um Überzeugungen ging, seine Zivilcourage, den eigenen Standpunkt zu vertreten. Denn es war unpopulär, was er seinen Vereinskollegen sagte, kurz nach dem Krieg, wenn er sie daran erinnerte, dass sie noch vor Kurzem den Arm zum Hitlergruß nicht hoch genug bekommen hatten. „Russenknecht” hatte ihm ein Sozialdemokrat entgegengehalten, als er für die SED warb. Auch gegenüber dem Westberliner Teil der Familie stritt der Vater gegen die schnelle Vergesslichkeit der Menschen. Er hatte meistens gegen alle recht. So erschien es der Tochter jedenfalls, weil die anderen auf seine Fragen keine Antwort hatten und ihm in vielem beistimmten. Die Eindrücke aus solchen Familienszenen trug sie unverlierbar in sich: ihr Vater mit gestikulierenden Händen, die blauen Augen sprühten Funken in solchen Augenblicken. „Reg dich doch nur nicht so auf”, beschwichtigte die Mutter.

Zur Zeit ihres ersten Arbeitsganges war er ruhiger geworden, denn er war fast sechzig. Die Westberliner attackierte er nicht mehr so vehement, sondern schimpfte jetzt mehr auf die Leute, die im Betrieb etwas zu sagen hatten und von allem viel zu wenig verstünden. „Sie denken nur an den eigenen Vorteil”, beschloss er solche Betrachtungen. Hier schloss er alle ein. Den neuen Parteisekretär, der nur noch reden wolle und nicht arbeiten. Auch die Arbeiter, die seinen Betrieb, der medizinisch-technische Geräte herstellte, verließen, um hinter dem Teltow-Kanal, in Britz für einen Unternehmer zu arbeiten, bei dem sie sich ausbeuten ließen. Auch sie denken nur an den eigenen Vorteil. In seinem Betrieb war er verantwortlich gemacht worden, technisch begründete Arbeitsnormen zu entwickeln. Er stand mit der Stoppuhr hinter der Werkbank, nahm die Zeiten, die die Arbeiter für die einzelnen Handgriffe brauchten. Es ist nicht angenehm, aber notwendig, ließ er die Mutter wissen. Manche Kollegen wollten ihn für dumm verkaufen, das vertrage er schlecht. Die meisten Arbeiter akzeptierten eine leistungsgerechte Entlohnung. Aber die sehen auch, dass es oben nicht stimmt. „Warum denn nur wir?”, wiederholt er deren Fragen und fasst seine Bedenken in den Satz: „Ja, der Fisch stinkt immer zuerst am Kopf.“

Ihr Lesesaal

Der Eindruck, dass sie mit ihrem Arbeitsplatz das große Los gezogen hatte, erhielt sich eine ganze Weile. Allerdings verging bald das Überraschende, das in einem Gewinn liegt, den der Zufall uns zuspielt. Neuordnen sollte sie den Buchbestand und ergänzen durch Bücher, die aus dem Magazin geholt wer-den sollten. Sie fragte sich nicht, wie viel Zeit eine solche Arbeit erfordern würde, sondern nahm alles in Augenschein und begann. Das war am zweiten Tag. Bevor sie gegen Mittag im blauen Kittel mit dem Abstauben der Regale anfing, musste sie mit Irene noch einmal zur Kaderleitung. Dort bekamen beide einen landesüblichen Laufzettel, mit dem sie sich in der Buchhaltung, beim FDGB, bei der FDJ und bei der Betriebsschwester zu melden hatten. Beide gaben ihre ausgefüllten Fragebögen zurück und bekamen ein Formular, das zu unterschreiben war. Darin verpflichteten sie sich durch Unterschrift, dass sie fortan die Berliner Westsektoren nicht mehr betreten würden. Sie unterschrieben damit gleichzeitig, sich für den Frieden einzusetzen und jeden Anschlag auf ihn vereiteln zu helfen. Nach kurzem Zögern, setzten beide ihren Namenszug unter das Schriftstück. Gisela mit dem Gedanken, dass es ganz unmöglich sei, solche Versicherung einzuhalten. Sie dachte an ihre Tanten und Cousins in Neukölln und Kreuzberg, an ihren Großvater, mit dem sie vor jedem Geburtstags- und Weihnachtsfest in der Hermannstraße einkaufte. Sie hing nicht übermäßig an ihm, denn er war ein stiller in sich gekehrter Mann, zu dem man nicht leicht Zugang fand. Aber sie schätzte diese Einkaufsgänge, die er mit ihr unternahm, seitdem er bei der Tante, einer Schwester ihres Vaters wohnte. Die hatte ihn offensichtlich dazu ermuntert. Es war erst seit Kurzem, dass er ihr so auf diese Weise half, Wünsche zu erfüllen. Irene machte ihren verkniffenen Mund, als beide das Zimmer verließen und die Treppe hinuntergingen. „Das hab ich erwartet“, sagte sie böse, und Gisela wunderte sich, wie sie das hatte wissen können. Aber sie fragte nicht nach, schloss aus der verärgerten Reaktion der anderen, dass die das offensichtlich ernster nahm, als sie selbst.

Gisela hatte sich seit ihrer Kindheit daran gewöhnt, bestimmte Verbote zu übertreten und damit keine schlechten Erfahrungen gemacht. Manchmal, wenn es unangenehm für sie ausgegangen war, akzeptierte sie das als die Grenze, die sie nicht mehr zu übertreten versuchte. Da es meist gut ausgegangen war, verschafften ihr ihre Übertretungen ein leises Triumphgefühl, gaben ihr eine innere Freiheit, Lebenszuversicht. Als sie am Abend dieses Tages zusammen mit Irene und deren Freund Achim in Richtung Friedrichstraße ging, kam das Gespräch sofort auf dieses Thema. Gisela verriet nicht, wie sie mit der Sache umgehen wollte. Sie zuckte nur die Achseln und schwieg, als Irene und Achim ihren Ärger über die Zumutung herausließen. „Kannste mal sehen, wat die für Angst hab´n“, meinte Achim, nachdem seine Freundin die Worte der Kaderfrau berichtet hatte. „Es ist nicht zuletzt auch zu eurem eigenen Schutz“, hatte die, an beide Mädchen gewandt, verlauten lassen. Eine Bemerkung, die auch Giselas Erstaunen auslöste. Sie erschien ihr übertrieben. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass sich außer ihren Eltern, jemand für sie interessierte.

Als sie zu Hause die Sache mit den Eltern besprach, machten die nicht viel Worte. Der Vater zuckte in der gewohnten Weise die Achseln und sagte: „Du musst wissen, was du tust”, nachdem sie triumphierend verkündet hatte, dass sie sich derlei nicht verbieten lassen würde. Die Mutter sagte mit leiser Stimme: „Gib nicht so an“. Und dann, nach eine kurzen Pause, ganz sachlich: „Du musst aufpassen“.

In den nächsten Monaten ging Gisela mehrmals in die verbotene Richtung. Obwohl sie sich einredete, alles sei wie immer, bemerkte sie eine Veränderung. Allenfalls ging es noch, wenn sie in der Nähe ihrer Laubenkolonie auf der Holzbrücke den Kanal überquerte, um zur Brusendorfer Straße in Neukölln zu radeln, wo der Großvater wohnte. Für weitere Strecken stieg sie in die Straßenbahnlinie 95, die in der Sonnenallee schon seit mehreren Jahren unterbrochen war. Man stieg aus der Bahn, die aus Köpenick kam, aus, lief einige hundert Meter zu Fuß über die damals noch unsichtbare Grenze, um in die Westbahn nach Tempelhof wieder einzusteigen. Sie musste, wenn sie am Schwarzen Weg zustieg, damit rechnen, dass in der Bahn Bekannte saßen. Die Leute aus ihrer Wohngegend hatte sie nicht zu fürchten, wenn sie davon absah, dass die sie mit einem leisen Triumphgefühl in der Stimme fragten, „Na, fährst wohl och in den Westen?” Sie bemerkte bald, dass dieser Tonfall nicht ihr galt, sondern dem Vater. Das berührte sie unangenehm, aber sie ertrug es, nickte nur mit dem Kopf. Komplizierter war es mit der S-Bahn von Baumschulenweg über Köllnische Heide nach Neukölln zu fahren. Auf dem Bahnsteig traf man so manchen. An einem Sonntagmorgen war es Anni, eine ältere Kollegin aus der Bibliothek, die sie gesehen haben konnte, wie sie ins Abteil des Zuges nach Westkreuz gestiegen war. Erschrecken fuhr ihr in die Glieder, sie konnte den ganzen Tag an nichts anderes denken. Die Frau musste sie gesehen haben! Obwohl sie so tat, als wäre es nicht so. Oder war es vorstellbar, dass sie Gisela wirklich nicht gesehen haben sollte? Und was bedeutete es, dass sie so tat, als wäre es so? Würde etwas nachkommen, ganz unerwartet? Sie bemerkte, sie hatte sich überschätzt mit ihrer großspurigen Ankündigung.

Ihr Inneres war auf eine Weise alarmiert, wie sie es bisher nicht gekannt hatte. Sie war in dieser Stadt aufgewachsen. Seit sie denken konnte, gab es diese Sektorenschilder. Auf ihrem Schulweg musste sie vom sowjetischen Sektor in den amerikanischen und dann wieder in den sowjetischen Sektor. Sie hatte auf diesem langen Weg, mehrmals die Erneuerung der Schilder erlebt. Einmal hatte einer der Männer sie gemalt. Das Bild bewahrte sie lange Zeit auf, sie fand ihr Gesicht darauf schöner als im Spiegel. Sie kannte Verkaufsbuden, Schuhgeschäfte und Kinos in Neukölln und Kreuzberg, wo ihre Cousins wohnten. Zuhause fühlte sie sich allerdings dort nicht, dazu war ihr alles doch irgendwie fremd, zu grell. Als Zehnjährige hatte sie zusammen mit ihrer Freundin Doris am Hermannplatz Dillbündel verkauft. Zehn Pfennig pro Päckchen für das selbst geerntete Kraut. Das war kurz nach der Einführung des neuen Geldes, für das es so viele Dinge gab, die Gisela ganz unbekannt waren. Das durfte der Vater damals nicht wissen, aber die Mutter tolerierte den kleinen Handel. Gisela bemerkte schnell, dass das Geld, das sie zusammenbrachte, nicht weit reichte. Auf jeden Fall nicht für das, was sie sich wünschte. Denn jeder erfüllte Wunsch gebar sofort neue. Sie entdeckte damals diese überaus begehrliche Seite an sich, die schwer zufriedenzustellen war. Diese Erfahrung bewahrte sie davor, das wenige Geld, das sie in den kommenden Jahren hatte, dorthin zu tragen und im Verhältnis 1:4 oder 1:5 in Chiffontücher oder Süßwaren anzulegen. Natürlich gab es dabei Ausnahmen. Manchmal ging sie ins Kino. Für „Die Saat der Gewalt“ und „Endstation Sehnsucht“ bot sie einiges auf, sie fand, es lohnte. Sie war hingerissen und aufgewühlt. Vor den Eltern sprach sie darüber nicht, sie fürchtete, nicht verstanden zu werden. Für den Vater wurden dort vor allem Schiebergeschäfte getätigt, bei denen sich die einen um Ehre und Gut brachten, während sich andere eine goldene Nase verdienten. Solche Reden trugen dazu bei, dass sie mit gespaltenen Gefühlen die Straßen entlang lief und froh war, wenn sie sich wieder in heimatlichen Gefilden befand.

Als Sechzehnjährige hatte sie ein Erlebnis, das ihr für einige Zeit das ganze Westberlin verleidete. Pfingsten 1954 traf sich in den Tiergartenfestsälen die SS-Bärendivision. Nicht nur der Vater, auch die Westberliner Verwandten empörten sich. Man sprach von einer Provokation. Der lange Fritz, FDJ-Sekretär an Giselas Schule, hielt eine flammende Rede, in der er sie alle dazu aufforderte, den Nazi-Spuk auseinanderzutreiben.

”Wir werden verhindern, dass die dort zusammenkommen”, kündigte Gisela großspurig der Mutter an, die den Kopf schüttelte, weil sie das für einen Missbrauch von Kindern hielt. Gisela fühlte sich erwachsen, wollte dabei sein. Immerhin hatte sie die Reaktion der Mutter etwas ernüchtert, die ihr riet, sich unbedingt zurückzuhalten bei allem.

Es gab einen für Gisela unerwartet großen Menschenauflauf dort, und es gab Mannschaftswagen mit Polizisten und Wasserwerfern. Sie wurden eingesetzt, nachdem die Versammelten den Lautsprecheraufforderungen, sich zu zerstreuen, nicht nachkamen. Im Gedächtnis blieb ihr vor allem der Polizist, der ihr mit einem erhobenen Knüppel in einen Park hinterherlief und über den Rücken schlug. Panische Angst schlug in ihr hoch, sie rannte wie um ihr Leben, konnte sich lange nicht beruhigen und begriff, dass sie Heldenhaftes von sich lieber nicht mehr verlangen wollte. Sie würde zukünftig solche Gelegenheiten meiden, fürchtete, in ihnen zu versagen. Erst langsam verlor sie die Angst, auch vor den grünen Polizisten, die sich um unauffällige Käufer nicht weiter kümmerten.

Nun begann es wieder unbehaglich zu werden. Die Grenze, die sie bisher ziemlich gedankenlos überquerte, bekam eine neue Bedeutung. Sie trug sie jetzt gewissermaßen in sich, wenn sie mit den Augen suchte, ob Bekannte zu sehen waren. Als sie am Montag nach ihrer Fahrt mit dem Westring der S-Bahn in ihre Bibliothek kam, war ihr unbehaglich zumute. Ein Gefühl zwischen Spannung und Angst schnürte die Luft ab und sie brauchte den ganzen Tag, um es loszuwerden. Sie bemerkte, dass sie sich überschätzt hatte mit ihrer Ankündigung, das abverlangte Gebot zu ignorieren. Bisher hatte sie direkte Verbote kaum kennengelernt. Die Eltern ließen zwar erkennen, was sie von ihr erwarteten, überließen ihr im Einzelnen aber die Entscheidung. Kleine Übertretungen blieben nicht unbemerkt, aber waren doch so, dass die Folgen zu tragen waren. Hier stand das erste Mal mehr auf dem Spiel. Es war ernst, das spürte sie. Sie würde gehorchen müssen, das Verbot achten, wenn es nur dies eine Mal noch durchgehen würde. Gegen Mittag, als sie aus der Kantine hochkam, ging Anni hinter ihr in den Lesesaal und sagte beiläufig, am Ende einer kurzen Unterhaltung: „Pass auf, Gisela, überlege, was du willst,“ Und nach einer kleinen Pause, „Ich möchte, dass du hier weiterhin arbeitest!” Sie schaute dabei mit ihren braunen Augen auf das Mädchen, das sich an die der Mutter erinnert fühlte. Sie war der Frau dankbar. Es würde nichts nachfolgen, zuckte es ihr durch den Kopf. Es war gut gegangen, aber sie würde sich entscheiden müssen. Die kurze Erleichterung würde nicht vorhalten. Sie verschob das Nachdenken darüber auf Morgen.

Zu ihrem eigenen Erstaunen arbeitete sie mit wahrem Feuereifer, nachdem Herr Kobus ihr die Sachgruppen des Lesesaals erklärt hatte. Sie mussten den vier Abteilungen entsprechen, die es in dem auf Marmor bezeichneten Institut gab. Die Abteilungen hießen Lehrstühle und jeder von ihnen sollte ein Regal mit Büchern bekommen. Einige Regale standen schon, aber sie waren nur lückenhaft mit Büchern gefüllt. Herr Kobus erklärte ihr, dass sie den drei Bestandteilen des Marxismus-Leninismus entsprachen und erinnerte an das, was er im Unterricht der Fachschule dazu gesagt hatte. Sie erinnerte sich an seine Ausführungen, denen sie eher gleichgültig zugehört hatte. Aber sie wusste immerhin, dass es Philosophie, Ökonomie und die Historie sein sollten, die hier vertreten waren. Außerdem gebe es noch einen Lehrstuhl für Literatur und Kunst, die eigentlich nicht zum Marxismus gehörten, wie Herr Kobus sie wissen ließ, aber doch auch noch dazukämen. Auch verwies er auf die lange Stirnseite hinter ihrem Platz im Lesesaal, an der Lexika, Wörterbücher und Bibliographien standen. Auch sie müssten neu geordnet werden. Dann zeigte er auf die Katalogkästen. „Muss alles neu geordnet werden, ist alles höchst fragmentarisch“, meinte er ermunternd und verließ den Lesesaal.

Gisela war erleichtert, seinen Erklärungen zu entgehen, waren sie doch bei-nahe in Prüfungen ausgeartet. Die Informationen, die er ihr hinterlassen hatte, lagen so ungeordnet wie die Bücher. Sie würde sich langsam einen Überblick verschaffen, irgendwo beginnen. Fand sie einen Anfang, würde sich der Faden schon erkennen lassen, der alles zusammenhielt. Sie würde hier zunächst vor allem Titelaufnahmen machen müssen und dabei das brauchen, was man ihr in der Fachschule beigebracht hatte. Ihr Bemühen hatte sich da-rauf zu richten, auf einer Karteikarte alle notwendigen Angaben zu verzeichnen, mit deren Hilfe man ein Buch wiederfinden konnte. Jeder Punkt und je-de Klammer hatten dabei ihre Bedeutung, was ihr ziemlich übertrieben er-schienen war. Jetzt sah sie, es war notwendig, um sich in der Masse von Buchtiteln nicht hoffnungslos zu verlieren.

Während der Zeit des Praktikums in der Staatsbibliothek war es ihr nicht gelungen, Karteikarten zur Zufriedenheit der älteren Bibliothekarinnen aus-zufüllen. Die steile Normschrift von Ackerknecht fiel ihrer Hand schwer, Punkt und Komma, eckige oder runde Klammern standen an falscher Stelle. Auch mit dem Alphabet haperte es bei ihr, wenn sie die Karteikarten an ihren richtigen Ort stellen sollte. Weglaufen hätte sie mögen, als sie mitbekam, dass der Beruf, in den sie wegen ihres Bücherhungers geraten war, gar nichts mit Lesen zu tun hatte. Bücher ordnen, katalogisieren, eintragen, austragen; oh, es könnten auch Brote sein. Und solche Tätigkeit sollte ein Beruf fürs Leben werden!

Lange Zeit war sie ohne feste Vorstellungen über das, was sie werden wollte. Ihr Interesse war ganz unspezifisch auf das Leben gerichtet. Neugierig war sie, ohne zu wissen, worauf. Die Antwort hoffte sie in Büchern zu finden, die sie massenhaft verschlang.

Hier, in ihrer Arbeitsstelle hatte sie es glücklicherweise mit wirklichen Büchern zu tun. Anders als in der Staatsbibliothek, da lagerten die Bücher in fernen Magazinen, in die Bibliothekare gar nicht vordrangen. Magaziner, auf die ihre Berufskolleginnen geringschätzig herabblickten, zogen die Bücher aus den Regalen, wenn sie von Lesern verlangt wurden. Ihre Bücher hier mussten katalogisiert werden, die konnte sie anfassen, aufschlagen, lesen. Auch stand sie nicht ständig unter Aufsicht. Herr Kobus kam und fragte, womit sie beginnen wolle und wie sie den weiteren Fortgang der Arbeit geplant habe. Er gab ihr diesen und jenen Hinweis, vermied es, ihr auf die Finger zu schauen. Ein Vierteljahr veranschlagte er für die dringendsten Arbeiten, dann müsse der Leseraum benutzbar sein. Über diese genaue Festlegung war sie erschrocken, sie hatte keine Vorstellung von der Zeitdauer der Arbeit. Würde sie das schaffen, ertragen, eine so lange Zeit immer mit der gleichen Sache beschäftigt zu sein? Bis Ostern, ein unermesslich langer Zeitraum schien ihr das, hatte das Jahr doch eben erst begonnen. Sie hatte noch nicht erlebt, wie sich die Zeit in Abschnitte gliedert, die mit den Jahren immer schneller vergehen sollten. Noch hatte sie das Zeitgefühl der Jugend, alle Zeit lag vor ihr. Ein Schuljahr dehnte sich unermesslich lang, während die Ferien schnell vergingen, das immerhin hatte sie schon erlebt.

Mit seiner Bemerkung gab ihr Herr Kobus ein neues Zeitgefühl. Plötzlich strebte jetzt alles nach Ostern hin. Sie begann, die Tage und Wochen zu kalkulieren, Arbeitsschritte mit ihnen in Zusammenhang zu bringen. Herr Ko-bus kam auf seine Worte nicht wieder zurück. Sein Erscheinen in ihrem Lesesaal unterlag einem Rhythmus, der mit ihrer Arbeit nichts zu tun hatte. Täglich kam er um 12.30 Uhr, gleich nach der Mittagspause. Bis dahin hatte sie ihn nur am Morgen um dreiviertel acht, im Flur vor seinem Zimmer gesehen, wo er kurz guten Morgen! sagte. Wenn sie sich verspätete, Minuten nach Arbeitsbeginn den Flur entlang hastete, deutete er auf seine Taschenuhr, die er in der Hand hielt und sagte streng: „Pünktlich sein!“ Er hob die Augenbrauen, verzog den Mund zu einem angedeuteten Lächeln, nur seine hellen Augen blieben ernst. Das fand sie übertrieben, begriff aber, als sie eines Morgens zwanzig Minuten zu spät gekommen war, dass ihr das nicht mehr passieren durfte. Sie hatte die S-Bahn versäumt und lief mit schnellen Schritten an Herrn Kobus´ Tür vorbei. Sie saß schon hinter ihrem Schreibtisch, als der den Kopf zur Tür hineinsteckte. Heute bekam sie eine längere Lektion über die Einhaltung der Arbeitszeit, er lobte Irene, die immer zeitig da war, Gisela hätte vor Peinlichkeit im Boden versinken mögen. Als er nach der Mittagspause im Lesesaal erschien, kam er auf die Sache nicht mehr zurück, sondern erkundigte sich nach dem Fortgang der Arbeit. Er ging an den Regalen entlang, sah sich an, welche Bücher sie ausgewählt hatte, wie sie geordnet waren, kam schließlich an Giselas Schreibtisch. Auch hier schaute er auf die Bücherberge, die vor ihr lagen, fragte nach Dingen, die er sehen konnte, lobte, wenn er in den Katalogkarten blätterte, äußerte sich befriedigt über den Fortgang der Dinge. Bücher lagen zur Seite, bei denen sie ihn fragen wollte, wohin sie gehörten. Sie sammelte solche Fragen, weil sie unsicher war, aber auch, weil sie spürte, dass er Anlässe suchte, ihr etwas zu erklären. Das kannte sie schon von ihrem Vater, den es offensichtlich befriedigte, wenn sie sich gelehrig zeigte. Das war auch hier so. Sie hörte stehend zu, sah zu ihm auf. Er war nicht viel größer als das Mädchen, deshalb spürte sie, wenn er sich in Eifer redete, seinen feuchten Atem auf ihrem Gesicht. Die Schritte, die sie rückwärts ging, folgte er ihr nach. Lieber noch saß sie, dann sprach er über sie hinweg, sie blickte nach unten, übersah so den weißen Schaum, der sich in seinen Mundwinkeln bildete. Es ekelte sie. Er wirkte angespannt, wenn er sprach, zuckte mit Armen und Schultern, manchmal ging das auf sein Gesicht über. Es passierte, dass er beim Sprechen anstieß oder unerwartet in Heiterkeit ausbrach. Das verwirrte sie immer, weil es so unerwartet kam. Er kicherte und feixte, um ebenso plötzlich abzubrechen. Insgesamt fand sie ihn nicht unfreundlich, sah ihn bemüht, es ihr gegenüber auch zu sein. Das rührte sie ein wenig, hinderte aber eine gelöste Atmosphäre im Umgang mit dem Chef. Bei den wöchentlichen Arbeitsbesprechungen erlebte sie, dass er auch den anderen gegenüber befangen war, obwohl sich hier alle mit vertrautem Du anredeten. Die Mädchen wurden bald in dieses brüderliche Du eingeschlossen, nachdem man sie eine Zeitlang Fräulein genannt hatte. Gisela fiel der Gebrauch dieser Anrede den Älteren gegenüber schwer. Auch als man sie mit dem Vornamen ansprach, blieb sie beim Sie oder vermied jede direkte Anrede.

Manchmal brachte Herr Kobus zu seinen Kontrollgängen Frau Pietsch mit, eine Mittdreißigerin, die ihn vertrat und in der Sperrbibliothek ihren Platz hatte. Eher klein und rund, war sie mit hohen Absätzen bemüht, würdevoll zu erscheinen. Sie lief sehr schlecht in ihren Schuhen, beugte sich nach vorn, um das Gleichgewicht zu halten und drückte dabei den Steiß heraus, was ihren Gang entenhaft machte. Frau Pietsch sprach Gisela nur selten direkt an, unterhielt sich mit dem Chef, wenn sie ihren Rundgang machten. Stand sie Gisela gegenüber, irrten ihre Augen nach kurzer Zeit ab und ihr Blick verlor sich irgendwo. Das junge Mädchen empfand deutlich, dass die andere mit Wichtigerem befasst war, als sie und ihre Arbeit es hier waren. Diesen Ein-druck vermittelte sie auch in Besprechungen, in denen sie über die Belange ihres gesperrten Bestandes sprach. Der bestand aus Zeitungen, Zeitschriften und wenigen Büchern, alles hoch giftig, ideologisch gesehen, wie sie betonte. Sie verteidigte die besonderen Öffnungszeiten ihres Leseraums, meinte, die Genossen Aspiranten - so wurden die Leser hier genannt - könnten zu den angegebenen Zeiten kommen. Sie verteidigte sie gegen die Pläne von Herrn Kobus, der die Sperrbibliothek in den Spätdienst einbeziehen wollte. Aber die Genossin Pietsch war nicht bereit, dem Spätdienst ihr Reich anzuvertrauen. „Die politische Verantwortung trage ich“, sagte sie heftig gestikulierend, mit hochrotem Gesicht. Sie könne nicht fortwährend bis zwanzig Uhr arbeiten, meinte sie abrupt, eine Bemerkung, die Herr Kobus nicht verstand. Zwischen den Frauen wirkte er hilflos, hatte Mühe, sich Gehör zu verschaffen. Die anderen verstanden, was Helga mit ihrer Bemerkung gemeint hatte. Anni Metz riss ihre großen braunen Augen auf und fragte, ob Helga befürchte, dass die Westzeitungen ihr, der Anni, schaden könnten. Auch Edith Gütze, eine grauhaarige Frau mit verschiedenfarbigen Augen empörte sich laut und sagte an Helga gewandt: „Wofür hältst du mich, ich bin länger in der Partei als du!“ Die lenkte jetzt ein, wollte die Sache ohne die Parteilosen hier geklärt wissen, womit sie Irene und Gisela und zwei weitere Kollegen meinte. Die anderen stimmten ihr zu, aber es ging zwischen den Frauen trotzdem noch eine Weile hin und her und Gisela spürte, dass es zwischen ihnen etwas feindselig Trennendes gab.

Sie zog Irene auf dem Nachhauseweg in ein Gespräch über diese Beobachtung. Die winkte ab, es interessiere sie nicht, meinte sie abrupt, sie bliebe hier ohnehin nicht lange. Ihr Freund habe jetzt von Sekura zu Siemens rüber gewechselt. Es würde nicht lange geheim bleiben, vermutete Irene. Gisela begriff, dass die andere ihre eigene Welt hatte, die ihr ganzes Interesse band. Gern hätte sie ihr von Anni Metz erzählt, dass die 18 Jahre lang bei dem Dichter Gerhart Hauptmann Sekretärin gewesen war. Bis zu dessen Tod . Es imponierte Gisela ungemein, sie wollte wissen, wie so ein Leben verlief. „Kein Privatleben, aber interessant“, sagte Anni nur knapp, fragte nach dem Buch, das Gisela mit nach Hause nahm. „Oskar Wilde liest du“, sagte sie gedehnt. Seitdem sprachen sie öfter über Bücher. Anni kam in den Nachmittagsstunden in den Lesesaal, wenn Herr Kobus nicht zu erwarten war. Sie plauderte mit Gisela, fragte nach den Eltern, erzählte von ihrem Mann, der bei dem Dichter in den letzten Jahren Masseur gewesen war. Er sei Kommunist, durch ihn habe sie begonnen, sich mit politischen Fragen zu beschäftigen. Politik war ihr im jährlichen Rhythmus zwischen Agnetendorf, italienischer Riviera und Hiddensee kaum begegnet. Aber dafür glanzvolles Theater in Berlin, Dresden und Mailand. Große Gäste, die das Haus empfing. Thomas Mann las. Dann Begegnungen mit einem jüdischen Emigranten in der Schweiz, der dem Dichter heftige Vorwürfe machte wegen seines Bleibens in Deutschland. „Er verstand nicht mehr, was vor sich ging“, fasste Anni solche Erzählungen zusammen. Dann der Krieg und das Erlebnis, wie Dresden in Schutt und Asche sank. Die so geliebte Stadt.

Obwohl sie eigentlich für die fast blinde Gattin Hauptmanns als Reisebegleiterin engagiert worden war, wurde sie die immer verfügbare Privatsekretärin bei ihm. Sie musste auch nachts da sein, wenn er diktieren wollte. Sie ertrug seinen Jähzorn. Sie schilderte immer neue Episoden aus dieser Zeit. Erst nach dem Tode Hauptmanns habe sie begonnen, ein eigenes Leben zu führen. Dem Dichter Johannes R. Becher und Oberst Tulpanow verdanke sie, dass sie eine Arbeitsstelle im Archiv der „Täglichen Rundschau“ bekam, einer Zeitung, die Gisela auch von zu Hause kannte. „Für mich begann wirklich ein neues Leben“, meinte Anni, und Gisela hörte ihr gern zu, fragte und wollte alles immer noch genauer wissen. Sie mochte Frau Metz, Anni nannte sie sie nur bei sich.