Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
In Erinnerungen und Betrachtungen schlägt die Literaturkritikerin Ursula Reinhold ein Kapitel deutsch-deutscher Literaturbeziehungen auf. Sie führen in vergangene Zeiten bis 1970 zurück, lassen den damaligen Zeitgeist in Ost wie in West lebendig werden. In Gesprächen mit Hans Magnus Enzensberger, Peter Schütt, Martin Walser, Uwe Timm, Dieter Wellershoff und in Lektüreeindrücken spiegelt sich widerspruchsvolles historisches Zeitverständnis ebenso wie die Wandlungen der Sichten und Ansichten. In selbstkritischer Rückschau sucht die Autorin nach den gedanklichen Markierungen eigener literaturkritischer Bemühungen.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 443
Veröffentlichungsjahr: 2014
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Ursula Reinhold
"Erlesene" Zeitgenossenschaft
Begegnungen mit Autoren und Büchern
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Selbstbegegnung im www
Eine Literaturgeschichte und ihre Autoren
Redakteurin bei den „Weimarer Beiträgen“
ZIL - Jahre
Seitenblicke auf Kollegen
Lebendige Zeitgenossenschaft
Hans Magnus Enzensberger. Eine aufregende Begegnung.
Rückblicke
Annäherung 1980
Erneute Annäherung
Peter Schütt
Begegnung einer DDR-Bürgerin mit einem Revolutionär
Von Basbeck am Moor über Moskau nach Mekka
Münchener Begegnungen
Begegnung mit Uwe Timm
„Erzählen und kein Ende“
Eigensinn und Ästhetik
Autobiografische Erfahrung und geschichtliche Authentizität
Ferne Welten
Schelmenroman als Gesellschaftssatire: „Kopfjäger. Bericht aus dem Inneren des Landes“ (1991)
Wiederbegegnung
„Berlin“ in Uwe Timms Romanen
Begegnung mit Martin Walser
Deutschland-Gespräch
Deutschland im literarischen Horizont Martin Walsers
Beobachtungen an neueren Walser Romanen
Berufe in Walser Romanen
Liebe und Ehe in Walsers neueren Romanen
Literatur und Öffentlichkeit
Ein springender Brunnen
Schriftsteller und Schreiben im erzählerischen Horizont
„Die Verteidigung der Kindheit“
Begegnung mit Dieter Wellershoff und seinem Werk
Existenzielle und geschichtliche Grunderfahrung
Literaturverständnis
Figurenkonstellationen, Erzählformen und Aufbauweisen in Romanen
Literarische Verhaltensphänomenologie: Der Einzelne in Freiheit verloren. Sozio-Psychogramme von Opfern und Tätern
Gewöhnliche Katastrophen
Erzählte Erinnerung
Impressum neobooks
Vielfältig können Motive für einen Rückblick sein. Im vorliegenden Fall ist es das Bedürfnis, sich die Kontexte zu vergegenwärtigen, in denen ich in der DDR arbeitete und dachte. Dabei geht es vorzüglich darum, mir die Motive und Intentionen der eigenen Arbeit bewusst zu machen, Selbstvergewisserung, wenn man so will. Im Erinnerungsbuch „Schwindende Gewissheiten“ schildere ich individuelles Werden, wie es sich unter den Bedingungen der DDR zutrug. Es werden die Faktoren familiärer, sozialer und geistiger Eindrücke dokumentiert, die das persönlich-mentale Befinden bestimmen und im Laufe der Zeit, bis zum Ende der DDR verändert haben. Ein Bericht, der nicht nur mit der eigenen Situation zu tun hatte. Dabei blieb meine Arbeit als Literaturwissenschaftlerin weitgehend ausgeklammert, für meine Erfahrungen auf diesem Felde fehlte mir ein Ausdruck. Aber seither habe ich immer nach Wegen gesucht, um auf sie zurückzukommen. Denn meine „Gegenstände“, zeitgenössische Autoren und ihre Bücher, begleiteten mich auch weiterhin, ihnen wollte und konnte ich nicht entkommen.
Es geht hier nicht um ein Resümee meiner wissenschaftlichen und publizistischen Arbeiten, sondern um die Anstöße zum Nachdenken, die mir Begegnungen mit Menschen und ihren Büchern gaben. Ihnen möchte ich hier nachgehen. Dabei handelt es sich um eine subjektive, vielleicht zufällige Auswahl, die ich gar nicht erst versuchen werde zu begründen. Mein Verhältnis zu den ausgewählten Beispielen war Wandlungen unterworfen, wie sich auch die Gegenstände der Betrachtung nicht gleich geblieben sind. Aus Ignoranz wurde Verstehen, Annäherung, die kritische Distanz nicht ausschließt; insgesamt geht es um einen Lernprozess, der sicherlich nicht vor neuen Irrtümern bewahrt.
Einen äußeren Anlass, um mit der Rückschau auf Publiziertes zu beginnen, bildete die Selbstbegegnung im www. Seit einigen Jahren gehöre auch ich zur weltweiten Kommunikationsgemeinde, die sich im Internet begegnet. Irgendwann suchte ich nach dem eigenen Namen bei Google, komisch, es fiel mir erst nach Monaten meiner neuen Errungenschaft ein, dass das möglich war. Und tatsächlich, Veröffentlichungen von mir sind angezeigt, von denen ich annahm, dass sie längst der Vergessenheit anheimgefallen sind. Es wäre mir, offen gestanden, sogar lieber gewesen, nicht mehr mit ihnen konfrontiert zu werden. Aber Antiquariate arbeiten eben zuverlässig, und wer sich in die Öffentlichkeit wagt, geht so schnell nicht verloren. Das festzustellen, löste bei mir ziemlich peinliche Gefühle aus. Denn auf solche Selbstbegegnung war ich in keiner Weise vorbereitet. „Antihumanismus in der westdeutschen Literatur“ (1971) lautete der Titel der Veröffentlichung, die aus der überarbeiteten Fassung meiner Dissertation hervorgegangen war, die ich am Institut für Gesellschaftswissenschaften verteidigt hatte. In dem bei Dietz erschienenen Band wurde der Versuch gewagt, aktuelle literarische Vorgänge in der Bundesrepublik seit Mitte der sechziger Jahre darzustellen, Strömungen auszumachen und zu charakterisieren. Seit Langem ist mir bewusst, dass dieser Überblick in Inhalt und Methode recht dilettantisch ausgefallen ist. Noch heute wundere ich mich darüber, dass der Dietz Verlag das gedruckt hat. Sie spiegelt den damaligen Stand meines Wissens, und der war eben nicht sehr entwickelt. Es fehlte mir an literaturgeschichtlichem und literaturtheoretischem Wissen, ich war unsicher und suchte nach Anhaltspunkten für die selbst gestellte Aufgabe, Tendenzen aktueller westdeutscher Literaturentwicklung zu analysieren und überschaubar darzustellen. Da griff ich zu gängigen Stichworten, Kategorien wie Humanismus und Menschenbild, Realismus und Dekadenz, die in der marxistischen Ästhetik eine Tradition hatten, ich kannte Georg Lukács´ Arbeiten und griff zu dem damals gerade veröffentlichten Buch von Hans Koch „Marxismus und Ästhetik“, in dem es aktuellere Ableitungen gab. In meinem optimistisch-schematischen Weltbild standen Antihumanismus und Dekadenz für den niedergehenden Kapitalismus, während Humanismus und Realismus auf der Seite der fortschreitenden Menschheitsentwicklung zu finden waren, von der wir in der DDR ein Teil zu sein glaubten. Ich versuchte, mit diesen Kategorien zu hantieren, sie auf die gegenwärtige Entwicklung der Literatur anzuwenden. Im Ergebnis meiner Bemühungen konstatierte ich eine antihumanistische, eine humanistische und eine antiimperialistische Strömung in der derzeitigen westdeutschen Literatur. Literarische Wertungsarten fielen bei diesem starren Schema unter den Tisch.
Und da finde ich nun unter meinem Namen den Hinweis auf einen Artikel von Volker Hage, den “Die Zeit“ am 16. März 1973 gedruckt hatte und der sich wohl auch noch in meinen Unterlagen finden wird. Aber ich hatte ihn vollkommen vergessen, und da begegnet er mir nun erneut. „Ist Wellershoff antihumanistisch?“, steht klein über der in größeren Lettern gedruckten Überschrift und die lautet: „Angeblich zum Nutzen der Herrschenden“. Es handelte sich um eine Rezension zu meinem oben genannten Erstling mit dem ominösen „Antihumanismus“ in der Überschrift. Nun erinnere ich mich auch wieder an die erste Lektüre dieser Rezension, die man mir zugeschickt hatte. Es war ein tiefer Schreck, als ich mich mit meinen höchst provisorischen Untergliederungen und Bestimmungen so ernst genommen sah, und meine Darlegungen hier nun sogar als offizielle Parteilinie ausgegeben fand. Und dabei war es doch so, dass ich die Parteilinie in Sachen Literatur und Kultur weder genau kannte, noch sie verstehen konnte. Ich wollte daran glauben, dass es sie gab, und ihr auch eine höhere Weisheit zugrunde lag. Aber zugleich fühlte ich mich immer auch ganz hilflos, außerstande, die neuesten Verlautbarungen zu begreifen; sie zu begründen oder gar zu vertreten, das lag außerhalb meiner Möglichkeiten. Und nun fand ich meine höchst unzulänglichen Bemühungen so gewichtig genommen. Das erschreckte mich gehörig. Ich war weit davon entfernt, Wellershoff oder andere Schriftsteller als Antihumanisten anzusehen. Klassifikationen, hatte man mir gesagt, trügen objektiven Charakter, und so schwebte mir damals vor, dass sich antihumanistische Wirkungen unabhängig vom Willen des Autors einstellen können, eben wenn die Sicht auf den Menschen und die Gesellschaft nicht auch mögliche Veränderungen ins Blickfeld rückt. Glücklicherweise bemerkte ich bald, nicht zuletzt durch die Beobachtung der rasant ablaufenden gesellschaftlichen Veränderungen in den späten Sechzigerjahren, wie wenig der Umgang mit kategorialen Bestimmungen aktuellen politischen wie literarischen Prozessen gerecht wird. Schnell verabschiedete ich mich von solchen Kategorien, griff Kriterien auf, die im Entwicklungsprozess selbst entstanden oder dort wieder in Gebrauch genommen worden waren und begann mit differenzierterem Verständnis zu arbeiten. Immerhin war ich lernfähig genug, um zu sehen, dass sich der Literaturprozess anders entwickelte, als meine vorgegebenen Begrifflichkeiten glauben machen wollten. Bei Brecht las ich, wie er solche Verfahren glossierte. Er machte sich über eine Wissenschaft lustig, die zu dem Ergebnis kommt, dass diese Tauben falsch fliegen. Kategoriales Denken wurde mir zunehmend suspekt, ich begriff, wie verfehlt meine Herangehensweise war und suchte nach Gesichtspunkten, von denen die Akteure der Entwicklung sich selbst leiten ließen, um der komplexen und sich ständig verändernden Wirklichkeit auf die Spur zu kommen. Meine Sicht aufs Reale wurde differenzierter und konkreter, immerhin war ich neugierig und offen genug, um den ideologischen Prämissen und Schemata nicht sklavisch zu folgen. Langsam, Schritt für Schritt begann ich ihnen zu entgehen. Das Ergebnis meines Umdenkens schlägt sich in publizierten Einzelbeiträgen und in der Buchveröffentlichung „Literatur und Klassenkampf“ (1976) nieder. Hier finden sich nun wiederum neue Einseitigkeiten. Es ist der schon im Titel vollzogene Kurzschluss zwischen Literatur und Politik, der sich allerdings aus der oberflächlich betrachteten Szenerie der bundesrepublikanischen Verhältnisse ableitete, in der sich eine ganz unmittelbare Beziehung zwischen den beiden Sphären entwickelt hatte. Natürlich war es so, dass es literarische Erscheinungen gab, die davon gar nicht, wenig oder nur mittelbar betroffen waren, und sie blieben dann auch weitgehend außerhalb meines Blickfeldes. Solche Kurzschlüsse waren dem literarischen Prozess ihrerseits unangemessen und verkürzten die Sicht auf die vielfältigen Wirkungsmöglichkeiten, die der Literatur innewohnen können. Es ist sicherlich so, dass auch in folgenden Arbeiten etwas von diesen Kurzschlüssen erhalten geblieben ist, langsam erst revidierte ich sie Schritt für Schritt und ersetzte sie durch konkretere Umgangsweisen mit Literatur. Zwar habe ich mit kritischen und wissenschaftlichen Arbeiten zu einzelnen Werken und Autoren auch publizistischen Zuspruch gefunden, auch das kann man im www finden, aber darum geht es hier nicht.
Groß war auch mein Entsetzen angesichts der digitalen Begegnung mit Manfred Jäger. Der Publizist hat u. a. für die Beilage der Zeitschrift „Das Parlament“ einen Beitrag über DDR-Literaturwissenschaft geschrieben. Anhand eines Zitats aus einer meiner Publikationen finde ich mich dort als Beleg für eine SED-offizielle Sicht auf die westdeutsche Literatur wieder. Das Zitat stammt aus dem Jahr 1970, es ist aus seinem Zusammenhang gerissen und läuft mir nun vierzig Jahre später als offizielle Parteilinie hinterher. Dabei hatte ich mit der doch immer meine Schwierigkeiten, verstand sie meist nicht. Aber ihren sozialistischen Zielen fand ich mich schon verbunden, will jetzt nicht so tun, als wäre das anders gewesen. Ja, wer war oder hat damals eigentlich die Linie bestimmt? Vielleicht war ich es doch, wer weiß das!
Jedenfalls graust mir bei dem Gedanken, dass Dinge, einmal in die Welt gesetzt, ihr Eigenleben führen und mit dem Urheber nur noch wenig zu tun haben.
Aber andererseits finde ich es auch ganz und gar in der Ordnung, dass nun die Kritik, die ich an anderen geübt habe, zu mir zurückkehrt.
Ja, damals glaubte ich mich vor den Autoren, denen ich meine Aufmerksamkeit angedeihen ließ, durch eine Mauer geschützt. Ein Zeitalter wären wir ihnen voraus, hatte man mir gesagt, und ich war stolz darauf, in einer so zukunftsbewussten neuen Gesellschaft zu leben. Die würden auch schon noch begreifen, wohin die Reise der Geschichte ginge, dachte ich mir und war befriedigt bei solchem Gedanken.
Mit solchen Selbstbegegnungen begann die Idee zu dieser Rückschau zu reifen.
Einen wichtigen Erkenntnisschritt in Bezug auf die Komplexität und die Geschichte des literarischen Prozesses seit dem 2. Weltkrieg brachte mir die Teilnahme an der Erarbeitung des Bandes, der sich mit der Geschichte der BRD-Literatur befasste. Er galt als Band 12 der „Geschichte der Deutschen Literatur“ und erschien im Jahr 1983 im Verlag Volk und Wissen. Bei seinem Erscheinen lag eine ziemlich lange Entstehungszeit hinter den Autoren und den Verlagsverantwortlichen. Zu diesem Zeitpunkt waren bereits die zehn Bände des Großprojekts zur „Geschichte der Deutschen Literatur von ihren Anfängen bis zur Gegenwart“ veröffentlicht, die parallel zu einer allgemeinen Darstellung der „Geschichte des deutschen Volkes“ geplant worden waren. Die Konzeption für die Erarbeitung einer deutschen Literaturgeschichte durch DDR-Wissenschaftler ging bis in die sechziger Jahre zurück. 1964 veröffentlichte die Redaktion der „Weimarer Beiträge“ eine „Skizze zur Geschichte der deutschen Nationalliteratur“, in der eine Arbeitsgruppe erste konzeptionelle Überlegungen für eine Gesamtdarstellung vorstellte. Fragen nach der Herausbildung von Realismus und Humanismus, nach dem Charakter von Menschenbildern konstituierten auch hier die theoretischen Grundlinien für den literaturgeschichtlichen Überblick. In dieser Skizze ging man davon aus, dass auch die Phase der jüngsten deutschen Literaturentwicklung als ein einheitlicher Komplex zu behandeln sein würde. Für die Darstellung der Literaturentwicklung seit dem 2. Weltkrieg, wurde ein Band veranschlagt, der die in der DDR entstandene Literatur zusammen mit der humanistischen westdeutschen Literatur umfassen sollte. Diese Sicht entsprach der in den Fünfzigerjahren konzipierten nationalen Politik der DDR-Führung, die auf eine Einheit Deutschlands hinarbeitete. Inzwischen war allerdings eine politische Situation entstanden, in der sich deutlich abzeichnete, dass die Entwicklung in beiden Teilen Deutschlands sich immer stärker voneinander entfernte. Die Integration in zwei verschiedene Blocksysteme und nicht zuletzt die entschiedene Grenzziehung im August 1961 hatten Aussichten auf Annäherung und Vereinigung in weite Ferne gerückt. Den Parteiideologen in der DDR gelang es erst nach und nach, neue politisch konzeptionelle Begründungen und Perspektiventwürfe zu finden. Man begann den Begriff der Nation, auf den Kleinstaat DDR zu beziehen, der Terminus sozialistische Nation kam in Umlauf. Sie sollte als Keimzelle eines sozialistischen Gesamtdeutschlands gelten, deren Realisierung erst für eine ferne Zukunft anvisiert war. Das Konzept der nationalen Einheit wurde fürs erste begraben, man rechnete für lange Zeit mit der Realität zweier deutscher Staaten. Zwischen Abgrenzung und der Wahrnehmung besonderer Verantwortung bewegten sich in den folgenden Jahren die politischen und ideologischen Prämissen der DDR gegenüber dem anderen Deutschland.
In diesem Kontext veränderten sich auch die Voraussetzungen für die Erarbeitung einer Literaturgeschichte, besonders für den neuesten Zeitabschnitt. Die Literaturwissenschaftler und Historiker in der DDR waren es gewohnt, sich auf politische Kursänderungen einzulassen und deren Zäsurierungen und Fragestellungen auch im Hinblick auf die Literaturentwicklung zu prüfen. Man rückte nun von der Vorstellung ab, dass die Literatur des jüngsten Zeitabschnittes als ein zusammengehörender Prozess dargestellt werden müsste, und konzipierte eine geschichtliche Darstellung in zwei getrennten Verläufen. Sowohl die Literaturentwicklung in der DDR als auch die der Bundesrepublik sollte nun einen eigenständigen Band bekommen, Band 11 war der Literatur der DDR gewidmet, während sich Band 12 mit der Literatur der Bundesrepublik befasste. Der BRD-Band wurde auch als Sonderausgabe innerhalb der Literaturgeschichte ausgestattet. Naturgemäß veränderte diese Trennung auch die innere Konzeption und die Anlage der Bände. Vor allem die Darstellung der DDR-Literatur bekam eine völlig neue Ausrichtung, sie stand jetzt unter der Prämisse der Herausbildung einer sozialistischen Nationalliteratur. Diese Sicht bildete sich im Zusammenhang mit entsprechenden Bemühungen von Ideologen und Philosophen, die die DDR auf dem Wege zu einer sozialistischen Nation sehen wollten, als Keimzelle einer sozialistischen Gesamtnation, selbstverständlich. In welche Schwierigkeiten und Kalamitäten ein solches Konzept die Literaturhistoriker brachte, die es mit einem höchst widersprüchlichen Literaturprozess zu tun hatten, ist dem 1976 erschienenen Band 11 abzulesen. Der Redaktionsschluss ist mit Oktober 1974 angegeben, aber die Entstehungszeit des Textkorpus dürfte mindestens bis ins Jahr 1968 zurückreichen.
In diesem Zeitraum wurde auch der Band 12 neu konzipiert, die westdeutsche Literatur erschien innerhalb des Gesamtkonzepts nun gewissermaßen als Nebenarm der deutschen Nationalliteraturgeschichte.
Meiner Erinnerung nach bin ich 1977/78 zur Mitarbeitergruppe für Band 12 gestoßen. Zu diesem Zeitpunkt existierten bereits Ausarbeitungen zu Autoren und ihren Büchern aus den Fünfzigerjahren, über Heinrich Böll, Paul Schallück, Hans Werner Richter u. a. lagen Textpassagen vor. Sie wurden mir übergeben, und es war von da an abgemacht, dass ich über die Epik der Sechziger- und Siebzigerjahre zu handeln hatte, später kam dann noch die Darstellung der Dramatik dieses Zeitraumes hinzu. Genauere Absprachen und Festlegungen zwischen dem Leiter unseres Kollektivs, Hans Joachim Bernhard (Rostock), und den Mitarbeitern, Eva-Maria Müller (Rostock), Klaus Pezold, Klaus Schumann (Leipzig), ergaben sich schnell, es entwickelte sich insgesamt eine gedeihliche Arbeitsatmosphäre. Obwohl ich erst später zu der Autorengruppe gestoßen war, hatten wir schnell eine produktive und kameradschaftliche Zusammenarbeit. Das blieb auch so, nachdem Lutz Volke hinzukam, der die Kapitel über die Geschichte des Hörspiels schrieb. Ich denke nicht ungern an diese Zeit.
Im einzelnen möchte ich den Diskussionsprozess um Konzeption und Anlage des Bandes nicht rekonstruieren. Dazu wären aufwendige Recherchen nötig, für die mir entsprechende Unterlagen gar nicht mehr zur Verfügung stehen und die mir hier auch überflüssig erscheinen. Für meine Entwicklung war diese Zusammenarbeit sehr wichtig, weil ich durch sie konkretere Vorstellungen über die Historizität und Komplexität von Literaturentwicklungen bekam. Heute weiß ich, dass man Literaturgeschichten auf sehr unterschiedliche Art schreiben kann und dass jede Anlage und Methode ihre Vor- und Nachteile in sich trägt. Unserem Unternehmen damals, die Literatur der Bundesrepublik gesondert darzustellen, war unter der Herausgeberschaft von Dieter Lattmann 1973 in der BRD ein erster Versuch vorangegangen, wesentliche Entwicklungszüge der westdeutschen Literaturentwicklung zu beschreiben. Hier war sicherlich weniger als von uns an einer gemeinsamen Konzeption gearbeitet worden; in jeweils abgeschlossenen Kapiteln stellte Dieter Lattmann einleitend Stationen einer literarischen Republik vor, Heinrich Vormweg Entwicklungstendenzen in der Prosa, Karl Krolow schrieb über Lyriker und Hellmuth Karasek über die Tendenzen in der Dramatik. So wie diese Veröffentlichung stellt sich auch unser Band mit allen zeitbedingten und unserer begrenzten Einsicht geschuldeten Problemen dar. Literaturgeschichtsschreibung so nahe an der Gegenwart bleibt ein kühnes Unterfangen mit vielen Risiken, sich zu blamieren, denn man hat es mit einem unabgeschlossenen, nach vorn offenen Prozess zu tun. Für ihn Festlegungen und einsehbare Gliederungskriterien zu finden bleibt ein Wagnis. Weiterführend an unserem Band erscheint mir noch aus dem Rückblick die Tatsache, dass wir dem Verhältnis von Literatur und Gesellschaft in vielen Aspekten nachgegangen, ihm in der Darstellung erheblichen Raum gegeben und mit einem sehr weiten Literaturbegriff gearbeitet haben. Die gesellschaftlichen und sozialen Rahmenbedingungen des Literaturprozesses, seine verlegerischen Voraussetzungen und die Stellung der Autoren in der Öffentlichkeit einzubeziehen, wurde ein Verfahren, dem später erschienene Darstellungen in vielem folgten. Unser Literaturbegriff schloss nicht nur die traditionellen Gattungen ein, sondern auch die literarische und politische Publizistik der Autoren. Darüber hinaus behandelten wir triviale Massenliteratur, stellten ihre sich verändernden Grundzüge dar, wie sie sich von Beginn an für den westdeutschen Literaturbetrieb herausgebildet hatten. Auch bezogen wir Kinder- und Jugendliteratur sowie die für die Literaturentwicklung in der Bundesrepublik so wesentliche Geschichte des Hörspiels in die Darstellung ein. Problematisch erscheint mir im Rückblick die strikte Anlehnung des zeitlichen Gliederungsschemas an das der allgemeinen Geschichtsschreibung. Bei größerer Übersicht hätten sich gewiss stärker innerliterarische Gliederungskriterien für die Darstellung finden lassen. Auch die Fixierung der Gliederung auf die Entwicklungen der Gattungen, Epik, Lyrik, Dramatik wäre wahrscheinlich stärker zu durchbrechen gewesen, um dem lebendigen Literaturprozess näher zu kommen. Mitunter wäre es auch besser gewesen, mehr oder anderen Autoren Einzeldarstellungen zu widmen, um dafür andere in Übersichtskapiteln unterzubringen. Die Gewichtung erscheint aus späterer Sicht manchmal unzutreffend und wenig einsehbar. Aber das sind Fragen, für deren Lösung die jeweils konkreten Kontexte ausschlaggebend und die im Nachhinein schwerlich gerecht zu beurteilen sind. Einen gewissen Inhaltismus bescheinigte uns, beim Erscheinen des Bandes, Walter Jens in einer Fernsehkritik, in der er dem Band insgesamt manches Verdienst zusprach.
Für meinen Anteil an den Problemen dieses Bandes veranschlage ich im Rückblick mehrere Defizite. Weil die Voraussetzungen, mit denen wir Geschichtsschreiber zu Werke gingen, sehr unterschiedlich waren, will ich mich vor Verallgemeinerungen in jedem Fall hüten. Für mich kann ich sagen, dass ich noch immer mit einem verengten, zu stark politisierten Literaturbegriff arbeitete, der dem Zeitkontext der sechziger Jahre entnommen war, mit dem ich mich zu beschäftigen und mit dem ich auch meinen Einstieg ins literarische Fach begonnen hatte. Darüber will ich mich an dieser Stelle nicht weiter verbreiten, weil Belege dafür sich auch in den hier geschilderten Begegnungen finden.
Ein anderer Sachverhalt macht mir mehr zu schaffen, bereitet mir aus heutiger Sicht einige Pein. Dabei weiß ich nicht, wie meine Kollegen im Einzelnen damit umgegangen sind und heute damit umgehen. Es handelt sich dabei um das „Problem der Unpersonen“, wie ich es nennen möchte. Auf diese Erscheinung trafen wir in der DDR häufig. In Geschichtsdarstellungen, vor allem auch im Rahmen der Geschichte der kommunistischen Bewegung und in ähnlichen Zusammenhängen stieß man allenthalben darauf. Das erste Mal begegnete ich diesem Tabu in meiner Tätigkeit als Bibliografin, bei der Mitarbeit an einer großräumig angelegten „Bibliografie zur Geschichte der Kommunistischen und Arbeiterparteien“, die an der Bibliothek des Instituts für Gesellschaftswissenschaften unter der Regie ihres Leiters erarbeitet wurde. Nachdem der 1. Band der Bibliografie im Manuskriptdruck vorlag, wurde die Arbeit plötzlich gestoppt, der Leiter Eberhard Kabus zur Verantwortung gezogen. Der Grund: Es hätten sich Parteifeinde in das Gedruckte eingeschlichen, so hieß es. Wir hatten, unserem bibliografischen Gewissen entsprechend, Artikel und Aufsätze von Personen in das Verzeichnis aufgenommen, die schon nicht mehr zur Partei gehörten, ausgeschlossen worden waren oder längst im Westen lebten und nun als Renegaten oder Verräter galten. Unpersonen waren sie nun geworden, durften nicht mehr genannt werden. Unser Chef bekam dafür ein Parteiverfahren, wurde als Leiter der Bibliothek und des Vorhabens abgelöst. Zuvor waren wir monatelang damit beschäftigt, die Stellen zu schwärzen, auf denen die Namen dieser Unpersonen verzeichnet waren. Erst versuchten wir, die unerwünschten Eintragungen zu überkleben, aber die Namen waren gegen das Licht noch immer zu lesen, nur das Schwärzen brachte den gewünschten Effekt, wie sich zeigte. Noch heute sehe ich uns mit den Bücherstapeln vor den Tischen des Lesesaals in der Taubenstraße stehen, um die Maßgaben von höheren Orts ins Werk zu setzen. Ein solches Erlebnis hinterließ einen tiefen Eindruck. So etwas wollte ich natürlich nicht noch einmal erleben und hielt mich daher, so gut ich es verstand, an das Tabu. Bei der Darstellung der westdeutschen Literatur handelte es sich zumeist um Personen, die die DDR aus politischen Gründen verlassen und sich in der Folgezeit als ihre Kritiker einen Namen gemacht hatten. Manfred Bieler, Horst Bienek, Walter Kempowski, Wolfgang Zwerenz gehörten z. B. dazu. Wir hatten natürlich nicht die Absicht, sie völlig zu übergehen, sie zum Verschwinden zu bringen. Nein, wir wollten schon so weitgehend wie möglich unserer Chronistenpflicht nachkommen. Aber wie damit umgehen? Nicht nur bei mir bestand Unsicherheit darüber, wie mit diesen Autoren zu verfahren sei. Welcher Platz sollte ihnen eingeräumt werden? Unsicherheit und die Furcht, etwas falsch zu machen, führten dazu, dass solchen Schriftstellern mit ihrem Werk kein angemessener Raum gegeben wurde. Das geschah eher unbewusst, denn an eine ausdrückliche Verständigung über solche Fragen kann ich mich nicht erinnern. Dieses Vorgehen wird mir im Rückblick bewusster, als ich es damals erlebt habe. Offensichtlich folgte ich darin der seit Langem geübten Praxis in der Geschichte der kommunistischen Bewegung, in der es von Unpersonen nur so wimmelte. Erst später bemerkte ich, welcher unbewusste Mechanismus da in mir wirkte. Peinlich, peinlich ist mir das heute, ich muss es offen sagen. Walter Kempowski hat mit seiner Kritik an dieser Praxis, die auch seinen Namen betraf, vollkommen recht. Er hat sie in seinem Rostocker Tagebuch von 1990 mit Namen und Adresse öffentlich gemacht. Es stimmt, dass sein Werk in dieser Literaturgeschichte keine angemessene Würdigung findet und dass es unentschuldbar ist.
Zuvor, in der Zeit von 1970-1973 arbeitete ich als Redakteurin bei der Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Kulturtheorie, wie die „Weimarer Beiträge“ im Untertitel damals hießen. In den ersten Monaten meiner Tätigkeit dort promovierte ich zu dem schon genannten Thema am Institut für Gesellschaftswissenschaften beim ZK der SED, Lehrstuhl Literatur und Kunst. Vorangegangen waren eine Ausbildung an der Fachschule für Bibliothekare, eine mehrjährige Berufsausübung, ein verkürztes Germanistikstudium in einer Kombination von Gasthörerschaft und einjähriger Immatrikulation an der Humboldt-Universität, ein Diplom im Fach Germanistik.
Obwohl die Redakteurstätigkeit nur eine kurze Lebenszeit ausmachte, brachte sie mir wichtige neue Erfahrungen. Als verantwortliche Redakteurin für Literaturgeschichte hatte ich die Möglichkeit, meine literaturgeschichtlichen Kenntnisse zu erweitern. Aber vor allem gab sie mir Gelegenheit, Schriftstellern leibhaftig zu begegnen, von denen mir bisher allenfalls die Namen oder einige ihrer Bücher bekannt waren. In dieser Zeit begann ich, mich als Literaturkritikerin zu versuchen, schrieb Beiträge in der kurz zuvor etablierten Reihe über Gegenwartsautoren. So begegnete ich manchem westdeutschen Schriftsteller. Die auffällige konzeptionelle Veränderung, die sich in „Literatur und Klassenkampf“ (1976) gegenüber der Anlage von „Antihumanismus in der westdeutschen Literatur“ (1972) zeigte, hing nicht zuletzt mit solchen Begegnungen zusammen. Das Zusammentreffen mit schreibenden Zeitgenossen von drüben und das lebendige Gespräch mit ihnen, hinterließ neue Eindrücke, löste abstrakt Begriffliches auf, das sich im Denken festgesetzt hatte. In den drei Jahren, in denen ich dort tätig war, gab es Treffen mit Schriftstellern, die ich für die Autorenreihe interviewt habe und über die ich auch noch Artikel schrieb, nachdem ich nicht mehr Redakteurin war. Diese Begegnungen mit Menschen und ihren Werken empfand ich als sehr bereichernd. Sie hinterließen mir unverlierbare Eindrücke. Es ist eine lange Liste von Namen, in der Reihenfolge ihrer Nennung, versuche ich die Chronologie zu wahren. Gespräche, die später gedruckt wurden, habe ich mit Hans Magnus Enzensberger, Peter Schütt, Rolf Hochhuth, Franz Xaver Kroetz, Günter Herburger, Uwe Timm, Klaus Konjetzky, Gerd Fuchs, Martin Walser, Günter Wallraff, Dieter Süverkrüp geführt. Darüber hinaus gab es damals und später Begegnungen und Gespräche mit Schriftstellern, aus denen mir ebenfalls nachhaltige Eindrücke geblieben sind. Dazu zählen Gespräche mit Heinar Kipphardt, Roman Ritter, Erasmus Schöfer, Ulla Hahn, Dieter Wellershoff, die ich zu ganz verschiedenen Zeiten traf. Auch Gespräche mit Oskar Neumann und Friedrich Hitzer als Herausgeber und Macher der Münchener Zeitschrift „Kürbiskern“ vermittelten mir ungewohnte Blickpunkte auf den anderen deutschen Staat, auf die Protagonisten der linken Szene in München und anderswo.
Alfred Andersch wäre ich damals auch gern begegnet, aber es sollte sich nicht mehr ergeben. Sein Werk interessierte mich seit Jahren, auch seine Biografie, die Umstände seines Weges als Autor nach dem Krieg und die Gruppe 47, deren Gründung auch mit seinem Namen verbunden ist. Nachdem ich 1973 zum Zentralinstitut für Literaturgeschichte an der Akademie der Wissenschaften der DDR (kurz: ZIL) überwechseln konnte, dort zunächst in einer Forschungsgruppe über den Vormärz arbeitete, einer dann neu gegründeten Gruppe DDR-Literatur zugeteilt wurde, begann ich mich intensiv mit der literarischen Situation in der Zeit nach dem 2. Weltkrieg zu beschäftigen. Recherchen zu den Verlagslizenzen, die von den vier Alliierten in den Zonen nach unterschiedlichen Gesichtspunkten vergeben wurden, über das literarische Leben, wie es sich daraus zu entwickeln begann, fand ich spannend. Das Interesse an dieser Zeit entwickelte sich aus dem Bewusstsein, dass die gegenwärtige Situation, wie sie geworden war, mit den zwei deutschen Staaten nur von diesen Voraussetzungen her begriffen werden konnte. Denn das war die unmittelbare Vorgeschichte der Gegenwart. Dabei wurde mir klar, dass ich eine sinnvolle Forschungsarbeit über die Nachkriegszeit nur als wechselseitig aufeinander bezogenen Vorgang in Ost und West behandeln konnte. Hierzu wurde ich auch durch meinen familiären und persönlichen Hintergrund inspiriert, denn ich hatte die Teilung Berlins unmittelbar erlebt. Bestärkt wurde ich darin durch Bücher, die ich von meinem Vater übernahm, der nach 1945 eifriger Leser der „Weltbühne“ war und auch Hefte der von Alfred Kantorowics´ herausgegebenen Zeitschrift „Ost und West“ besaß. In seinem Bücherschrank gab es Romane, die kurz nach dem Krieg erschienen und später für lange Zeit in der DDR nicht mehr greifbar waren. Dazu gehörten z. B. Theodor Plieviers „Stalingrad“, auch Heinz Reins „Finale Berlin“ war darunter, und ich fand großformatige Exemplare von RoRoRo im Zeitungsformat, darunter einen Titel von Ignazio Silone, einem Autor, der in späteren DDR-Zeiten als Renegat galt. Damals regte mich von wissenschaftlichen Arbeiten besonders Christian Volker Wedekings Untersuchung „Der Nullpunkt. Über die Konstituierung der deutschen Nachkriegsliteratur 1945-1948 in den amerikanischen Kriegsgefangenenlagern“ an. 1971 erschienen, gab mir das Buch bis dahin nicht bekannte Einblicke in die Vorgeschichte der westdeutschen Literaturentwicklung. Was mich an dieser Darstellung vor allem beschäftigte, waren die Auskünfte darüber, wie sich die späteren Gründer der Gruppe 47 bereits im amerikanischen Gefangenenlager zusammengefunden hatten. Im Falle von Alfred Andersch, Hans Werner Richter und Walter Kolbenhoff handelte es sich um Männer, die vor 1933 zur kommunistischen Bewegung gehört hatten. Solche Gegebenheiten machten mir bewusst, wie verschieden die Wege von Antifaschisten waren, in welchem Maße viele von ihnen durch die Machtergreifung der Faschisten in die Isolation geraten und auf andere Wege gekommen waren als die Schriftsteller, die nach dem Ende des Krieges aus dem Exil in die sowjetische Besatzungszone zurückgekommen waren. Zu meiner großen Überraschung gehörte zur Vorgeschichte der Gruppe 47, zum Kreis derer, die bereits in Fort Devens an einer Zeitung für deutsche Kriegsgefangene mitgearbeitet hatten, aus der später „Der Ruf“ hervorging, auch der DDR-Autor Ernst Rudolf Greulich. Da er aus der amerikanischen Kriegsgefangenschaft in den Osten zurückgekehrt war, blieb seine Rolle unbeachtet, weil es mit der weiteren Geschichte, die sich mit dem Münchener „Ruf“ fortsetzte und zur Gründung der Gruppe 47 führte, keine Berührungen mehr gab. Im Gefangenenlager war er seinem Jugendfreund aus der weltlichen Schule in Berlin-Adlershof wiederbegegnet, der nun allerdings nicht mehr Walter Hoffmann hieß. Das war der Name, unter dem der Freund früher seine Erzählungen in der „Roten Fahne“ veröffentlicht hatte. Im dänischen Exil nahm er den Namen Kolbenhoff an und wurde unter diesem Namen nach dem Krieg als Romanautor bekannt. Auch als Mitbegründer der Gruppe 47 sollte er in die Literaturgeschichte eingehen. Walter Kolbenhoff war 1933 ins Ausland geflüchtet und wegen seiner Kontakte zu Wilhelm Reich 1934 im dänischen Exil aus der KPD ausgeschlossen worden. Er trat mit der Absicht in die Wehrmacht ein, dort antifaschistisch zu arbeiten, und kam nach Einsätzen in Jugoslawien und Italien in amerikanische Gefangenschaft. Im Kriegsgefangenenlager war er als Dolmetscher tätig und hier begegneten sich die Jugendfreunde wieder. Alfred Andersch war es in Italien gelungen zu desertieren und auch Hans Werner Richter wurde dort von den Amerikanern gefangen genommen, während Ernst Rudolf Greulich als politischer Häftling dem Strafbataillon 999 zugeteilt war. Beim Fronteinsatz in Nordafrika gelang ihm der Weg in die Gefangenschaft. Dieser Erfahrungshintergrund von Menschen, die sich in der Weimarer Republik von ihren politischen Überzeugungen und Haltungen nahe waren und später unterschiedliche Wege einschlugen, interessierte mich sehr. Was hieß schon Verrat, wenn die Geschichte doch die Menschen trennte?, fragte ich mich. Die Forschungen zur Nachkriegsgeschichte banden längere Zeit mein Interesse und meine Kräfte, und es ergaben sich daraus mehrere Arbeitsfelder. Die Beschäftigung mit der Biografie von Alfred Andersch regte mich dazu an, eine Gesamtdarstellung des Autors zu versuchen, als Ergebnis entstand die Monografie „Alfred Andersch. Politisches Engagement und literarische Wirksamkeit“. Weiterhin ergab sich aus diesen Untersuchungen eine Reihe von Porträts über Verleger (Rowohlts RoRoRo und, Suhrkamps „Beiträge zur Humanität“) und über ihre literarischen Nachkriegsprogramme. Auch Porträts über Schriftsteller entstanden, die wie Elisabeth Langgässer, Horst Lange, August Scholtis, Wolfgang Koeppen u. a. in Deutschland in der inneren Emigration gelebt hatten und für die Nachkriegsliteratur kürzere oder längere Zeit eine Rolle spielten. Die Ergebnisse dieser Untersuchungen sind z. T. erst 1995 in „Unterm Notdach“, einem Band über die Berliner Nachkriegsliteratur veröffentlicht worden, der unter der Regie von Ursula Heukenkamp erarbeitet wurde. In den Achtzigerjahren war aus dieser Arbeit der Plan erwachsen, das Protokoll des ersten deutschen Schriftstellerkongresses aus dem Jahre 1947 zu veröffentlichen.
Aber zunächst noch einmal zurück zu meinen Studien über Alfred Andersch. Von seinen Werken war in der DDR nur wenig gedruckt. Da er als Renegat der kommunistischen Partei angesehen wurde, tat man sich lange Zeit schwer mit der Herausgabe seiner Bücher. Erst 1973 brachte der Aufbau-Verlag eine erste Auswahl von Erzählungen mit dem Titel „Alte Peripherie“ heraus. 1976 erschien der damals neu entstandene Roman „Winterspelt“, während alle früheren Romane bis zum Jahr 1990 ungedruckt blieben. Als sie dann im letzten Jahr der DDR erschienen sind, gingen sie ganz und gar unter. Aber eine Auswahl von Reisebildern „Aus einem römischen Winter“ (1979) und einen Band mit Gedichten, „Empört Euch, der Himmel ist blau“ (1980) brachte der Aufbau-Verlag heraus, während er 1981 die Erzählung „Der Vater eines Mörders“ schon aus dem Nachlass drucken musste. Alfred Andersch war am 21. Februar 1980 verstorben. Sein früher Tod, er war erst 66 Jahre alt, forcierte mein Interesse, und leider begann ich erst dann zielgerichtet über den Weg des Autors und über sein Werk zu arbeiten. Zuvor hatte mich der Roman „Winterspelt“ zu einer euphorischen Besprechung angeregt. Mich faszinierte die erzählerische Eigenart und intensive Form der Nachfrage, mit der Andersch an das Sujet des Krieges ging, und wie er das vergangene Geschehen an die Gegenwart heranrückte. Er entwickelt hier eine Erzählform, die ein gedankliches Modell mitliefert, mit dem der historische Vollzug der tatsächlichen Geschichte die Frage nach ihren anderen Möglichkeiten, ihrem alternativen Verlauf entstehen ließ. Er arbeitet gegen eine Vorstellung von geschichtlichem Determinismus, weist auf die Geschichte als Ergebnis menschlichen Handelns und deutet so auf ihre Offenheit für Möglichkeiten, die ihrem Verlauf eine andere Richtung geben können. Ein wunderbar poetisches Kammerspiel um eine nicht stattgefundene Aktion, die, hätte es sie gegeben, den Krieg schneller hätte beenden können.
Meine Recherchen zu Alfred Andersch führten mich ins Literaturarchiv nach Marbach. 1982 bekam ich die Erlaubnis an seinem Nachlass zu arbeiten. Es waren erst grob geordnete Materialien, die in Kisten untergebracht waren. Aber ich konnte die Vorarbeiten zu „Winterspelt“ einsehen, konnte so genaueres über die Entstehungsgeschichte des Romans erfahren. Außerdem bekam ich das nicht völlig fertiggestellte Manuskript zu dem Hörspiel über die Flucht von Hans Beimler in die Hände, das davon zeugte, in wie starkem Maße Andersch sich am Ende seines Lebens mit den frühen Jugenderfahrungen beschäftigt hatte. Vor allem aber brachte mir der Aufenthalt dort auch eine Erfahrung mit mir selbst, die mir bestätigte, was ich schon ahnte. Zu den mutigsten Menschen gehöre ich nicht. Ich wusste und stieß bei meiner Suche auf die Tatsache, dass Alfred Andersch ein Verehrer und Leser von Ernst Jünger war. Nun entdeckte ich, dass es einen über Jahrzehnte währenden Briefwechsel mit dem Älteren gab. Natürlich wollte ich nun gerne die Jünger-Briefe sehen, die sich im Nachlass fanden. Ich hätte dazu die Genehmigung Jüngers einholen müssen. Man sagte mir, dass das keine Probleme mache, man könne mir den Kontakt vermitteln, da Kirchberg nicht weit entfernt sei und die Frau des Dichters als langjährige Mitarbeiterin des Archivs die Sache vermitteln würde. Ich war elektrisiert von der Möglichkeit, verbrachte eine schlechte Nacht wegen meiner Unfähigkeit, mich zu entscheiden, weil ich an die Folgen dachte. Was würde kommen, wenn ich zurückkehrte. Denn in der DDR galt Ernst Jünger als eine Unperson, als Militarist, dem man auch als Literat keine Reverenzen erweisen wollte. Ich unterließ es, mich um eine Genehmigung zu bemühen, und hatte lange das Gefühl von Versäumtem in mir. Nach der Wende habe ich den Briefwechsel eingesehen, um festzustellen, dass er eigentlich wenig substanziell war, vor allem aus freundlichen Grüßen und Gratulationen zu neuen Büchern besteht. Nur zu „Kirschen der Freiheit“ hatte sich Jünger ausführlicher geäußert, er sah hier Entsprechungen zum eigenen Positionswechsel, der sich nach dem Krieg vollzogen und sich auch in seinem Buch „Der Waldgang“ (1951) niedergeschlagen hat. Mich interessierte das nun nicht mehr. Viel neugieriger war ich darauf, was zwischen Andersch und Jean Amery brieflich ausgetauscht worden war. Der Freitod von Jean Amery lag erst kurze Zeit zurück.
Meine Arbeit über Andersch hat mich nach der Vereinigung in Kontakt zu der 1994 gegründeten Alfred Andersch-Gesellschaft gebracht, der allerdings keine lange Lebensdauer beschieden war. Aber immerhin gab es einige Zusammenkünfte, und es gab die Möglichkeit, mit Kollegen in Kontakt zu kommen, von denen ich bisher nur Publikationen kannte.
Mein spezielles Interesse an dem Autor war auch durch die Eigentümlichkeit bestimmt, mit der sich Leben und Werk im Schreiben von Andersch berühren. Vom frühen Bericht „Die Kirschen der Freiheit“ bis ins Spätwerk bleibt für sein Schreiben die existenzielle Grunderfahrung wesentlich, mit der er als junger Mann die faschistische Machtergreifung und ihre Stabilisierung erlebt hat. Als Sekretär des Kommunistischen Jugendverbandes von Südbayern verbringt man ihn für Monate ins Konzentrationslager Dachau. Angst und Wut, Isolation und Rückzug auf sich selbst, auf die Kunst und das eigene Überleben bestimmten seinen Weg in den folgenden Jahren. Die Anpassung ging so weit, dass er zeitweilig sogar einen deutschen Sieg für möglich hielt. Erst mit der mutigen Entscheidung zur Desertion von der Wehrmacht im Sommer 1944 wächst ihm die Selbstachtung zu, späterhin davon zu erzählen, denn Passivität, Anpassung und Fluchtbewegungen nach innen sind verbreitete Haltungen, über die er nun kritisch reflektierend erzählen kann. Der authentische Kern seiner Prosa ist es, der mich bewegt und natürlich die wachsende erzählerische Souveränität, die er sich über die Jahre erwarb. Darüber hinaus interessierte mich Andersch auch als Akteur des literarischen Lebens in Westdeutschland, das er als Studioleiter im Rundfunk bei der Entwicklung von Hörspielen und als Herausgeber der Zeitschrift „Texte und Zeichen“ in den Vierziger- und Fünfzigerjahren maßgeblich mitgeprägt hat.
Die Arbeitsjahre am ZIL brachten mir über die speziellen Arbeitsvorhaben hinaus Zuwachs an historischen und theoretischen Erkenntnissen. Dazu trug ein intensives Arbeits- und Diskussionsklima bei. Vor allem auch die theoretischen Arbeiten zu Problemen der Literaturrezeption, die im Theoriebereich des ZIL erarbeitet wurden, Diskussionen über Literatur im Exil, auch die Diskussionen zur Konzeptionsbildung für das „Lexikon Sozialistischer Literatur“ trugen dazu bei, mein Literaturverständnis zu entwickeln.
Die Absicht, das Protokoll des 1. Deutschen Schriftstellerkongresses zur Veröffentlichung zu bringen, entwickelte sich im Zusammenhang mit den erwähnten Arbeitsfeldern zur Nachkriegsentwicklung. Der im Oktober 1947 veranstaltete mehrtägige Kongress in Berlin blieb die einzige gesamtdeutsche Zusammenkunft von Schriftstellern aus den vier Besatzungszonen in der Nachkriegsgeschichte. Der Kongress fand in der Viersektorenstadt unter schwierigen materiellen Verhältnissen statt und vereinigte Autoren nicht nur aus Ost und West, sondern auch Schriftsteller unterschiedlicher weltanschaulicher Überzeugungen und politischer Haltungen. Autoren, die im Widerstand gestanden oder die Hitlerzeit in der Emigration überlebt hatten, manchmal aus ihr noch nicht wieder zurückgekehrt waren. Sie trafen auf solche, die die Zeit in Deutschland zurückgezogen überstanden oder mit mehr oder weniger Kompromissen erlebt hatten. Das Treffen war ein wichtiges, viel beachtetes Ereignis. Dennoch unterblieb die vollständige Veröffentlichung der Reden, Diskussionsbeiträge und Dokumente der Veranstaltung. Der beginnende Kalte Krieg, der schon während der Versammlung zu spüren war, brachte es mit sich, dass das stenografische Protokoll ungedruckt im Archiv des Schriftstellerverbandes in der Berliner Friedrichstraße liegenblieb. Es hatte Versuche gegeben das zu ändern, die allerdings ohne Erfolg geblieben waren. Sigrid Bock hatte sich um das Protokoll bemüht und einen Artikel über den Kongress geschrieben, auch betreute sie in den Siebzigerjahren eine Dissertation, die sich mit dem Kongress beschäftigte. Woran die Pläne zur Veröffentlichung des Protokolls gescheitert sind, war nicht so genau herauszufinden, niemand wusste mir die Gründe genau zu nennen. Daher versuchte ich nun, Einblick in die stenografische Mitschrift zu bekommen. Das war nicht so schwierig, wie ich es erwartet hatte. Zu meiner Überraschung bekam ich den Stapel Papier ausgehändigt und konnte mich darin vertiefen, lediglich verpflichtete man mich im Sekretariat des Schriftstellerverbandes zur Verschwiegenheit im Umgang mit dem Material. Das Manuskript war in keinem guten Zustand, dass graue Papier war bereits brüchig, es gab unlesbare Stellen. Dazu kamen Auslassungen, die wohl darauf zurückzuführen waren, dass die Stenografen dem Tempo des Wortwechsels mitunter nicht folgen konnten, auch Abbrüche gab es. Aber dennoch, das, was ich las, erregte mein höchstes Interesse. Ich fand, dass es veröffentlicht werden musste. Denn war es nicht allein schon bewundernswert, dass Menschen in einer so schwierigen, von Ruinen, Hunger und Not bestimmten Zeit den Gedanken fassten, ein Treffen von Schriftstellern zu organisieren, um sich zu verständigen, wie mit Geschriebenem zur Überwindung der geistigen Hinterlassenschaften des Faschismus beizutragen wäre. Dabei gingen gemäß unterschiedlicher Haltungen und Erfahrungen auch die Vorstellungen darüber weit auseinander. Aber hier ist nicht der Platz, erneut über den Kongress zu handeln. Denn der Band mit dem Protokoll und den vom Kongress verabschiedeten Dokumenten liegt seit 1997 gedruckt vor, der Aufbau-Verlag veröffentlichte das Material nach einem halben Jahrhundert, das seit dem Ereignis vergangen war. Jeder Interessierte kann sich in das Gesprochene vertiefen, die Bilder anschauen, die uns überliefert sind.
Doch auf die Editionsgeschichte möchte ich kurz zurückkommen und auf einige für mich wichtige Erfahrungen eingehen. Erinnerungen, die sicherlich nicht für das gesamte Herausgeberkollektiv stehen, zu dem noch Dieter Schlenstedt und Horst Tanneberger gehörten. Die Gruppe hatte sich in dieser Zusammensetzung erst im Laufe der Arbeit in der zweiten Hälfte der Achtzigerjahre zusammengefunden, als sich die Pläne für eine Edition zu konkretisieren begannen. Horst Tanneberger ist die Vervollständigung der Protokollabschrift auf der Grundlage der Tonbandmitschnitte zu danken, die im Archiv des Rundfunks zu finden waren. Redaktionelle Mitarbeit leisteten auch Hannelore Adolph und Elisabeth Lemke (†).
Das genaue Datum des Tages im Jahr 1985 erinnere ich nicht, an dem wir, Dieter Schlenstedt und ich, einen Termin beim stellvertretenden Minister für Kultur der DDR, dem Verantwortlichen für Druckgenehmigungen, Klaus Höpcke, wahrnahmen. Er war bereits brieflich von dem Plan, das Protokoll herauszugeben unterrichtet worden, und hatte uns wissen lassen, dass er der Sache insgesamt nicht negativ gegenüberstehe. Aber er bat uns darum, ihm eine Konzeption vorzulegen, aus der die Probleme ersichtlich würden, die der Publikation bisher im Wege gestanden hatten. Wie wir mit diesen Fragen umgehen wollten, wie man sie durch Anmerkungen und Kommentare neutralisieren, für das politische und literarische Verständnis, das in der DDR herrschte, publikabel machen könnte, wollte er von uns wissen. Wir überlegten und entwickelten den Plan, die Seiten so einzurichten, dass in einer Spalte der fortlaufende Text der Reden und Diskussionsbeiträge gedruckt werden sollte. Daneben wollten wir einen fortlaufenden Kommentar setzen, der auf politische Großereignisse eingehen, erklärende und polemische Kommentare enthalten sollte. Wir hofften auf diese Weise, die Spuren, die die beginnende politische Konfrontation in den Reden hinterlassen hatte, parteilich zu kommentieren, wie wir gegenüber Höpcke verlauten ließen. Wir waren uns klar darüber geworden, dass das besonders schwierig gegenüber den Stellungnahmen der sowjetischen Schriftsteller sein würde. Die Entgegnungen, mit denen Katajew und Gorbatow auf die Attacke von Melvin Lasky, der die mangelnde Rede- und Pressefreiheit in der Sowjetunion zum Thema gemacht hatte, reagierten, waren so unsachlich, lügnerisch und unzutreffend, dass wir ganz und gar ratlos waren, weil uns dazu nichts einfiel. Peinlich eben. Auch die kritischen Hinweise auf Verhaftungen von Studenten an der Berliner Universität, die damals die Öffentlichkeit erregten und sie sogleich auch spalteten, waren ein Punkt, bei dem wir nicht wussten, wie wir uns zu ihm stellen sollten. Die Arbeit dauerte lange, die Rekonstruktion der Vorgeschichte des Kongresses, die Komplettierung der Teilnehmerliste, die Befragungen der noch lebenden Zeitzeugen, die Erarbeitung einer Übersicht über die damals nur gekürzt veröffentlichten Beiträge des Kongresses, sowie die Recherchen zur Nachgeschichte, die Suche nach Spuren, die er in Memoiren und anderen Zeugnissen hinterlassen hatte, erforderten eine intensive Recherche in Archiven und Bibliotheken. Das war unser Glück, denn so wurde die von uns geplante parteiliche Kommentierung hinfällig, wortwörtlich von der Zeit hinweggefegt. Erstaunlich finde ich es im Rückblick, wie lange wir brauchten, bis wir die Idee der durchgehenden Kommentierung aufgaben und uns auf die Sachanmerkungen beschränkten, die für das Verständnis des Ereignisses unerlässlich waren. Es brauchte eine Weile, um aus der Erkenntnis der historischen Vorgänge des Kalten Krieges die notwendigen Konsequenzen versachlichender Darstellung zu ziehen, um nicht erneut in die Muster der Konfrontation zurückzufallen.
Während unserer Arbeit jährte sich das Ereignis schon zum 40. Mal und aus diesem Anlass organisierte die Sektion Literatur der Akademie der Künste der DDR im Herbst 1987 eine Veranstaltung, die noch lebende Zeitzeugen und Interessierte zusammenführte, während Beiträge einiger Teilnehmer verlesen wurden. Damit wuchs das öffentliche Interesse an der Sache, mich erreichte die Anfrage eines Westberliner Kollegen, der das Material einsehen wollte. Natürlich gab ich ihm die Gelegenheit, was ihn überraschte, denn es gab die verbreitete Vorstellung, dass es sich bei dem Protokoll um ein Geheimdokument handelte. Im Sommer 1989 vermittelte ich auch Ruth Rehmann die Einsichtnahme in das inzwischen wieder im Archiv des Schriftstellerverbandes liegende Urmanuskript. Sie schrieb darüber ihren schönen Roman „Unterwegs in fremden Träumen“, in dem sie das Lesen der Reden, die Erinnerungen an eigenes Erleben in der Nachkriegszeit und die Wendeereignisse des Jahres 1989/90 erzählerisch in Beziehung setzt.
Außerordentlich hartnäckig erscheinen mir lieb gewordene Illusionen. Solchen Eindruck gewinne ich aus der Lektüre vieler Darstellungen, denen ich in den Jahren seit 1990 begegnet bin, und in denen Intellektuelle, honorige Leute, Kulturschaffende, Historiker, Literaturwissenschaftler, manchmal Kollegen von mir, durchblicken lassen, wie sie auf die Politik und die Politiker der DDR Einfluss nahmen oder nehmen wollten und wie sie von denen daran gehindert und zurückgewiesen wurden. Die Nachzeichnung solch vergeblicher Bemühungen und unfruchtbarer Kämpfe ist sicherlich notwendig und nützlich. Dabei ist es interessant, aus welcher unterschiedlichen Perspektive die eigene Rolle wahrgenommen wird. Die Selbsttäuschung geht so weit, dass der Eindruck erweckt wird, die Rolle von Intellektuellen und die eigene dabei könne mit Objektivität dargestellt werden. Sicherlich ein verständlicher Wunsch, gegen den die Tatsache spricht, dass es bisher niemandem gelungen ist, die eigene Rolle angemessen zu durchschauen. Es würde mir genügen, die eigenen Intentionen im Gang des Ganzen dargestellt zu finden und dabei auf die Bereitschaft zu stoßen, eigenen Illusionen und Irrtümern nachzugehen. Bei keinem der mir zugänglichen Bilanzen stieß ich auf eine gründliche Auseinandersetzung mit dem eigenen Selbst-, Politik- bzw. Wissenschaftsverständnis, von dem man sich leiten ließ, während man sich als Mitgestalter der DDR-Gesellschaft sah. Auch unterbleibt meist ein kritisches Bilanzieren des Parteiverständnisses, dem man sich lebenslang verpflichtet fühlte.
Parteibindung marxistischer Intellektueller hatte natürlich ihre berechtigten historischen Anlässe und Gründe, resultierte aus den sozialen und antifaschistischen Kämpfen der ersten Hälfte des 20. Jahrhundert, die die kommunistische Bewegung maßgeblich mittrug. Welche Hypotheken dabei mit dem Stalinismus verbunden waren, ist inzwischen ausführlich nachgearbeitet. Die DDR kam aus diesem Schatten niemals wirklich heraus. Dennoch eröffnete sie mit ihrer Gründung den aus dem Exil zurückkehrenden Intellektuellen, Künstlern und Schriftstellern wie Hanns Eisler, Paul Dessau, Bertolt Brecht, Johannes R. Becher, Erich Weinert, Friedrich Wolf, Anna Seghers, Arnold Zweig, Erich Arendt, Stefan Hermlin, Kuba, Jeanne und Kurt Stern, Stefan Heym u.v.a. ein Feld künstlerischer, literarischer und politischer Wirkungsmöglichkeiten. Schon am Schicksal von Ernst Bloch, Hans Mayer und auf andere Weise auch von Stefan Heym in der DDR, taten sich die Grenzen kritischer Mitsprache auf, die sich bei jüngeren Autoren wie Günter Kunert, Rainer und Sarah Kirsch, Erich Loest, Manfred Bieler zeigten, später dann auch an Restriktionen gegen Christa Wolf, Franz Fühmann, Volker Braun und im letzten Jahrzehnt schließlich daran, dass eine Vielzahl talentierter Autoren in den Westen ging, wie Klaus Schlesinger, Jurek Becker, Klaus Poche u.v.a.. Sie sahen keine Möglichkeit zu produktiver Beziehung mehr, waren der Einschränkungen, Ausschlüsse und anderweitiger Behinderungen überdrüssig.
Das spannungsreich dialektische Verhältnis von Literatur und Politik, wie es sich für die DDR darstellt, scheint mir noch immer ein Desiderat, die Analyse der differenzierten konkreten Erfahrungen steht noch aus; die nach 1990 üblich gewordene Unterscheidung von Dissident und Staatsschriftsteller erweist sich als grobe Simplifikation. Bei ihnen, wie den Intellektuellen in der DDR überhaupt, gab es sehr verschiedene Vorstellungen von Politik, wie sich auch ihr literarisches Selbstverständnis und ihre Ansichten über Eigenart und Wirkung von Literatur in der Gesellschaft unterschieden.
Von meinen früheren Zusammenkünften mit Schriftstellern waren nicht alle nachdrücklich genug, um bis in die Gegenwart mein Interesse wachzuhalten. Aber, obwohl manche Begegnung einmalig blieb, wirkte dennoch das durch sie geweckte Interesse in meiner Lektüre fort. Mit der Erinnerung an solche unterschiedlich nachwirkenden Begegnungen, die hier beschrieben sind, wird in jedem Fall Zeitgenossenschaft aufgerufen. Aus unterschiedlichen Blickpunkten wahrgenommen, spiegelt sich in Gesprächen mit westdeutschen Autoren ein Stück deutsch-deutscher Beziehung und ihrer Geschichte.
Dabei wird sichtbar, was nicht nur für schreibende Zeitgenossen zutrifft und von Adelbert von Chamisso in die Worte gefasst wurde: „Jeder Dichter betrachtet die Welt aus dem Hals der Flasche, in die er eingeschlossen ist.“ Eine Feststellung, die über Dichter hinaus auch für andere Menschen Geltung beanspruchen kann.
Zeitgenossenschaft stellt sich als eine disparate Angelegenheit dar. Die Rückschau auf sie fördert Ungereimtes, Überraschendes zutage, wenn sich ein Schreiber im Gewirr des Zeitgeistes entdeckt. Solcherlei wird beim Lesen hier begegnen. Geduld ist nötig, um die Fäden zu entwirren. Erinnert wird an Begegnungen mit Büchern und ihren Urhebern in einer Art, die anzeigt, wie sie durch den Zeitgeist bestimmt war und ihn ihrerseits mitbildete. Es spiegelt sich so jüngst vergangene Geschichte, denn die, die sich erinnert, lebte in der DDR, dem untergegangenen Staat und die Schriftsteller, über die sie hier berichtet, denen sie begegnete, deren Bücher sie las und über die sie schrieb, lebten im Westen. Seit zwanzig Jahren nun leben wir in einem Staat.
